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Zeit-Plünderer

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Stille.

Nichts bewegte sich in der Prärie außer dem Jungen.

Der Himmel war völlig leer, kein Falke jagte an diesem Vormittag, und nicht einmal die Aasgeier kreisten am Firmament. Die Vögel warteten offensichtlich ab, bis Mike Dearvener seine Beute erlegt hatte.

Hitze lag wie ein schwerer Vorhang über der Prärie. Jede Bewegung schien zum Stillstand gekommen zu sein.

Mike bewegte sich ruhig und behutsam - vielleicht nicht ganz so leise und geschickt wie ein Indianer, aber immerhin noch besser als die meisten Treckleute.

Sorgfältig hielt er den langen Vorderlader seines Vater, eine Kentucky-Rifle, den Daumen am halbgespannten Hahn bereit.

Er hoffte, dass er eine kleine Antilope erlegen konnte. Noch lieber wäre ihm ein großer Wapiti-Hirsch gewesen, aber ein Kaninchen oder ein Präriehund würde ihm auch schon reichen.

Zu Mikes Rechten wand sich der Plate-River langsam nach Südosten in die Richtung, aus der die Grenzansiedler gekommen waren. Hier verlief die Treckstraße parallel zum Fluss.

Der Junge, der hügelan gegangen war, befand sich jetzt etwa hundert Meter über dem Fluss und schaute hinunter auf die saftig-grünen Ufer, wo Gras und Bäume üppig wuchsen. Dahinter begann die Prärie mit ihren Schattierungen von Braun, Braungelb und Gelb.

Mike schaute auf den Treck-Pfad, den die zahllosen Räder der vorüberrollenden Planwagen in die Erde gegraben hatten. Wäre der Junge in die Wagenspuren getreten, so wäre er bis zur Hüfte in ihnen versunken.

Plötzlich hörte Mike Geräusche, die nicht hierher gehörten. Der Junge verharrte auf der Stelle und lauschte gespannt.

Jetzt hörte er wieder etwas. Glas zerbrach, dann waren zwei menschliche Stimmen zu vernehmen. Sie erklangen hinter einem kleinen Hügel, der direkt vor ihm lag. Wer immer die Leute waren, die er da reden hörte, sie mussten sich ganz nahe an der Treckstraße befinden.

Vorsichtig spannte der Junge den Hahn der Kentucky-Rifle. Das Klicken des einrastenden Hahns schien ihm so laut wie ein Schuss über das ausgedörrte Land zu hallen.

Einige Gesteinsbrocken boten dem Jungen etwas Deckung, als er den Hügelkamm erreichte und gespannt hinunterspähte.

Weiße!

Immerhin besser als Rothäute, die bisweilen den Wagenzügen auflauerten.

Allerdings sahen die Fremden etwas merkwürdig aus. Es waren zwei, und sie durchwühlten die Haufen zurückgelassener Dinge neben dem ausgefahrenen Weg.

Zu beiden Seiten war der Treck-Pfad mit Habseligkeiten aller Art gesäumt, welche die erschöpften Männer und Frauen auf dem Weg nach Westen von ihren überladenen Wagen geworfen hatten. Die Ochsen, die Pferde, die Maultiere, die Menschen - sie alle hatten einfach nicht mehr als das Allernötigste weiterschleppen können. Alles, was nicht unbedingt zum Leben gebraucht wurde, lag nun zurückgelassen am Wegesrand.

Mike waren die weggeworfenen Geräte und Haushaltsgegenstände schon kurz nach Fort Kearney aufgefallen. Bevor die Epidemie ausgebrochen war, hatte sein Vater etwa drei Meilen lang versucht, all die weggeworfenen Dinge und ihren Wert zusammenzurechnen. Er war auf eine Summe von mehr als zwanzigtausend Dollar gekommen.

Aber nur wenige von den Siedlern, die sich auf dem Weg nach Kalifonien oder Oregon vorübergeschleppt hatten, wären auf den Gedanken gekommen, sich mit den für sie nutzlosen Dingen zu belasten.

Die kostbaren, geerbten Möbel aus Neu-England, die weggeworfenen Mehlfässer, die Säcke voll weißer Bohnen, die guten Druckerpressen, die eisernen Kamine, wie sie Benjamin Franklin erfunden hatte, alles lag nun verrottend unter der heißen Präriesonne.

 

Und nun sah Mike die beiden Fremdlinge in den wertvollen Dingen am Wegesrand herumwühlen. Da sie ihm den Rücken zugekehrt hatten, konnte er sie eine Weile unbemerkt beobachten.

Einer der beiden war schwarzhaarig, die Haare des anderen waren hell wie getrocknetes Gras, aber sonst schinen sie einander sehr ähnlich zu sein. Ihre Kleidung bestand aus einem glänzenden, weißen Stoff, den Mike noch nie gesehen hatte. Hosen, Hemden und sogar die Stiefel der beiden schienen wie aus einem einzigen Stück zu sein.

Der Flachskopf zeigte dem anderen gerade eine dicke wollene Häkeldecke aus Neu-England, die dem kostbaren Stück glich, das Mikes Mutter im Wagen versteckt hielt, weil sie es nicht mit den anderen Sachen hatte wegwerfen wollen. Mike fragte sich, ob er die Fremden anreden sollte oder ob er besser in einer anderen Richtung weiterging.

In diesem Moment drehte sich der Dunkelhaarige um und entdeckte ihn. Er sagte etwas zu seinem Begleiter, dann starrten beide den Jungen an.

        "Hallo," meinte der Dunkle, "Wir haben gar nicht damit gerechnet, hier einer Menschenseele zu begegnen. Wie heißt du denn, mein Junge?"

Mike trat jetzt näher und nannte seinen Namen.

        "Nun, Mister Dearvener," sprach der Flachskopf, "Du kannst John zu mir sagen. Das hier ist mein Freund Charley. Darf ich fragen, was du hier draußen machst? Soviel ich weiß, ist der letzte Treck schon vor einer Woche hier durchgekommen, und der nächste Wagenzug dürfte erst in einigen Tagen kommen. Gehörst du zu keinem Treck?"

        "Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich etwas jagen solle," antwortete Mike, "Sie glaubt, dass eine kräftige Fleischbrühe Annies Schmerzen lindern könnte."

        "Wer ist denn Annie?" fragte John.

        "Meine kleine Schwester. Sie hat die Pocken und konnte die Fahrt nicht mehr aushalten, weil sie auf dem Wagen ziemlich durchgerüttelt wurde."

Charley blickte staunend von den Kisten hoch, in denen er weitergewühlt hatte.

        "Die Pocken? Aber diese Krankheit haben wir doch schon vor einem Jahrhundert ausgerottet."

        "In unserer Zeit," berichtigte ihn John.

        "Ihrer Zeit?" fragte Mike verwirrt.

        "Das ist 'ne lange Geschichte," winkte der Flachskopf ab, "Wo ist denn euer Wagen jetzt?"

        "Dort unten," gab Mike Auskunft und zeigte zum Fluss hinunter, "Etwa zwei Meilen von hier. Wir wären besser in Fort Laramie geblieben, aber damals schien Annie noch nicht so krank zu sein. Die anderen Siedler sagten, sie würden am Independence Rock auf uns warten."

        "Und deine Familie ist ganz allein hier zurückgeblieben?"

        "Ja, es ging einfach nicht anders. Wenn der Wagen sich bewegt, schreit Annie vor Schmerzen. Mein Mutter glaubte, dass ein paar Tage Ruhe ihr helfen würden."

        "Und was ist mit deinem Vater?" wollte John wissen.

        "Die Cholera hat ihn erwischt," sagte der Junge leise, "Er ist kurz vor der Überquerung des Plate River gestorben."

        "Dann bist du also mit deiner Mutter und deiner Schwester allein bis hierher gekommen?"

Mike nickte.

        "Einige der Männer vom Treck haben uns geholfen. Aber die hatten ja auch für ihre eigenen Leute zu sorgen. Und manche hatte auch selbst schon die Cholera."

        "Großer Gott," meinte Charley betroffen.

        

        "Aber zu welchem Treck gehören Sie denn?" wollte Mike unvermittelt wissen, "Oder sind Sie auch allein unterwegs?"

        "Du hast recht, wir sind allein unterwegs," antwortete Charley.

        "Aber wo ist denn dann Ihr Wagen? Oder Ihre Pferde?" fragte Mike weiter, "Ich hab' doch schon seit Tagen die Gegend hier durchstreift und Sie nie hier gesehen. Außerdem hätte ich Sie schon von weitem kommen sehen müssen."

 

Die beiden Männer schauten sich an, dann meinte John: "Verdammt, sag' es ihm einfach, dann hört er auf zu fragen."

Charley wollte protestieren, aber John winkte unwillig ab, während er sich dem Jungen wieder zuwandte.

        "Mike," begann er langsam, "Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?"

        "Natürlich, wenn es nichts Unrechtes ist."

        "Also gut," meinte John, "Charley und ich sind Reisende und kommen von sehr weit her. Aber wir sind keine gewöhnlichen Reisenden; wir kommen nicht aus dem Osten, sind nicht von England herübergekommen, haben auch nicht das Kap Horn umsegelt. Nein, Mike, wir kommen durch die Zeit - aus der Zukunft."

        "Aus der Zukunft?" Mike schüttelte völlig verwirrt den Kopf, "Das versteh' ich nicht."

        "Welches Jahr schreiben wir heute, Mike?"

        "Das Jahr des Herrn 1850."

        "Wir beide, Charley und ich, werden erst in mehr als zweihundert Jahren geboren," versuchte John zu erklären, "Wir gehören nicht in deine Zeit."

        "Das verstehe ich trotzdem nicht. Wenn Sie noch nicht geboren sind, wie können Sie dann hier sein?"

 

John wandte sich zu Charley um, der gerade ein Silberbesteck in einen Leinensack packte: "Kannst du das besser erklären?"

Der Dunkelhaarige schaute auf und meinte: "Nein, das ist gegen alle Bestimmungen. Du hast dem Jungen schon viel zuviel erzählt. Hilf mir lieber, damit wir wieder wegkommen."

John zuckte die Schultern und sprach wieder zu Mike: "Hast du schom mal etwas von den alten Römern gehört?"

        "Na klar," nickte Mike, "Mein Vater hat uns davon aus dem Geschichtsbuch vorgelesen."

        "Hast du dir auch mal überlegt, wie es wäre, wenn du in die Vergangenheit reisen und die alten Römer besuchen könntest?"

        "Ja," antwortete Mike zögerlich.

        "Nun, mein Junge, wir können das. Wir leben in deiner Zukunft, und wir können zurückkommen und dein Zeitalter besuchen. Wir können auch zu den alten Römern reisen. In unserer Zeit gibt es keine Pocken und keine Cholera mehr, denn die meisten Krankheiten wurden schon vor unserer Zeit völlig ausgerottet."

 

Mike verstand kaum etwas von dem, was John ihm erzählte, aber eines hatte er doch mitbekommen.

        "Ihr habt ein Mittel gegen die Pocken?"

        "Nein, denn wir brauchen es ja nicht mehr, weil es die Pocken bei uns nicht mehr gibt."

        "Könnten Sie denn meiner Schwester Annie helfen?"

        "Vielleicht," murmelte John, "Ich hab' ein paar Medikamente dabei. Damit könnte ich ........"

        "Bist du wahnsinnig?" fuhr Charley ihn da wütend an, "Du weißt doch genau, dass wir die Vergangenheit nicht verändern dürfen."

        "Aber es ist doch nur ein Kind," wandte John ein, "Nur ein kleines Leben, das gerettet wird."

Charley ließ mehrere Silberbecher in dem Leinensack verschwinden.

        "Darf ich dich mal daran erinnern, dass wir hier auf einem illegalen Trip sind? Wenn die 'rauskriegen, dass wir Schätze aus der Vergangenheit holen und bei uns mit Höchstgewinn verkaufen, sperren sie uns für mindestens zehn Jahre ein. Also dürfen wir keine Spuren hinterlassen, ist das klar?"

        "Mein Güte," meinte John, "Wenn wir hier einem kleinen Mädchen das Leben retten, dann wird das doch wohl kaum Einfluss auf die Geschichte haben."

Charley unterbrach ihn ärgerlich: "Das kannst du nicht wissen, Mann! Vielleicht würde gerade dieses Mädchen die Geschichte völlig verändern. Schätze zu plündern, die hier sowieso verrottet wären, das ist ziemlich harmlos und hat keine Folgen. Aber eine Einmischung in fremdes, vergangenes Leben kann alles völlig verändern."

        "Könnten wir denn hier nicht 'ne Ausnahme machen?"

        "Nein !! Auf gar keinen Fall !!"  rief Charley, " Das könnte sogar unsere eigene Existenz in Frage stellen. Die Gefahr eines Zeit-Paradoxons ist einfach zu groß. Deshalb dürfen wir dem Mädchen auf gar keinen Fall helfen !"

 

In das folgende Schweigen hinein ertönte wieder Mike's Frage: "Könnt ihr Annie helfen?"

Diesmal sah John ihm nicht in die Augen.

        "Nein, das können wir nicht. Es tut mir leid, Mike."

        "Ihr könntet es schon," rief Mike, "Aber ihr wollt es nicht. Ist es nicht so?"

Keiner der beiden Männer gab ihm darauf eine Antwort.

 

Abrupt wandte sich der Junge um und lief davon.

Achselzuckend machten sich die beiden Männer wieder an die Arbeit......

 

 

Auf seinem Weg zurück zum Planwagen schoss Mike einen fetten Kaninchenbock. Als er den Wagen erreichte, schaute seine Mutter unter der Plane hervor und hielt einen Finger an ihre Lippen.

        "Sei leise, Mike," flüsterte sie, "Deine Schwester liegt im Sterben."

 

Sie saßen zwei Stunden lang auf dem Wagen neben Annies Liege und lauschten auf ihr angestrengtes, gequältes Atmen. Abwechselnd drückten sie dem kleinen Mädchen frische Kompressen auf die fieberglänzende Stirn.

Dann hörte ihr Atmen auf.

Die Mutter und der Junge wartete einige Minuten in der plötzlichen, schmerzhaften Stille.

Als Mike ganz sachte die Schulter seiner Mutter berührte, um sie zu trösten, schob sie die Hand weg und sagte mit tränenerstickter Stimme: "Lass mich jetzt allein, Mike."

Langsam nahm sie die schöne, feingewobene  Shetlanddecke beiseite, nahm ihre tote Tochter behutsam in die Arme und stieg vom Wagen herunter. Dann ging sie durch das Baumwollgestrüpp hinab zum Flussufer, um Annie dort zu begraben.

 

Mike saß stumm hinten im Wagen und blickte ihr nach.

Dann nahm er die Shetlanddecke und verstaute sie in einer feingeschnitzten Sandelholztruhe, dem Lieblingsstück seines Vaters. Mit der kleinen Truhe unter dem Arm verließ er den Wagen und marschierte wieder zur Treckstraße.....

 

Die beiden Männer, die behauptet hatten, aus der Zukunft zu kommen, waren jetzt eine volle Meile unterhalb der Stelle, wo Mike sie zuerst getroffen hatte.

Immer noch durchwühlten sie die Haufen zurückgelassener Güter beiderseits des ausgefahrenen Weges, als hätten sie die Absicht, sich bis nach Missouri durchzuarbeiten.

Mike schlich sich an ihnen vorbei und stellte die Truhe nahe am Weg ab. Dann versteckte er sich zwischen einigen Salbeibüschen und beobachtete die beiden Fremdlinge.

 

Die beiden begutachteten gerade eine hochbeinige Kommode aus dem 17.Jahrhundert, fuhren mit den Fingerspitzen über die glatte Politur und kontrollierten fachmännisch die Fugen.

Dann fanden sie einen Sextanten samt Zubehör aus dem 18.Jahrhundert, ein paar Schritte weiter eine Kiste mit kristallenen Kerzenhaltern und eine Stehpultgarnitur aus Baltimore.

Und schließlich stießen sie auch auf die kleine Sandelholztruhe.

 

        "Was ist das?" John beugte sich darüber, um sie in Augenschein zu nehmen.

        "Außergewöhnliche Arbeit," meinte er, "Schlechthin großartig. Muss ein Künstler gemacht haben."

Seine Finger glitten gierig über das mit Einlegearbeiten verzierte Holz und öffneten den flachen Deckel.

        "Sieh mal an," meinte Charley, "Eine echte Shetlanddecke, noch besser als die anderen, die wir schon gefunden haben."

Er blickte auf ein Metallding an seinem Handgelenk.

        "Verdammt, die Zeit ist gleich um. Setz' einen Transmitter auf die Truhe. Wir müssen zurück."

 

Mike beobachtete von seinem Versteck aus, wie Charley an seinem Gürtel hantierte, dann waren beide Männer ganz einfach weg, als ob sie nie existiert hätten.

Der Junge sah, wie sich die Gegenstände entlang der Wagenspur nacheinander verflüchtigten.

Kisten, Säcke und Taschen leuchteten auf und lösten sich dann in Luft auf. Sogar die große Kommode aus der Zeit Williams III. von England wurde unsichtbar. Und ganz zum Schluss verschwand auch die Sandelholztruhe mit der schönen handgewobenen Decke darin, die seine todkranke Schwester in den kalten Grenzlandnächten gewärmt hatte.

 

Mike stand auf und schaute auf die Treckstraße.

Die Truhe und die Decke waren fort.

In der Zukunft, wie die beiden Fremden behauptet hatten.

 

Und mit ihnen waren jetzt auch die Pocken dorthin gelangt, jene schlimme Seuche, die Annie umgebracht hatte........

 

Ende

 

 


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