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Transmission

von

 

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Nervös von einem Fuß auf den anderen tretend stand Henry O'Neal vor dem flackernden, fast mystisch anmutenden Desintegrationsfeld des Transmitters.

Wabernde, glühendrote und grellweiße Energieströme schossen zwischen den beiden Polen des Abstrahlfeldes hin und her. Das fremdartige Feld zeigte nur allzu deutlich, dass hier mit Energien aus anderen, höheren Dimensionen gearbeitet wurde.

 

"Mister O'Neal ! In ein paar Minuten ist das Feld stabil genug. Dann schlägt Ihre große Stunde, obwohl das Ganze wohl nicht länger als eine Mikrosekunde dauern wird."

Der Operator machte eine kleine Pause, dann sprach er leise: "Und ich hoffe, dass Sie mehr Glück haben als Ihre Vorgänger."

 

Seine Vorgänger! Was mochte aus ihnen geworden sein? Und wie würde es ihm ergehen?

O'Neal versuchte diese unerfreulichen Gedanken zu verdrängen, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen.

 

Alles hatte vor zwanzig Jahren angefangen.

Damals hatten die Kosmologen herausgefunden, dass der 11,2 Lichtjahre entfernte Fixstern TAU CETI höchstwahrscheinlich einen etwa erdgroßen Trabanten besaß, der wie die Erde seine Umlaufbahn im sogenannten "Lebensbereich" hatte und vermutlich sogar eine Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre besaß.

Von da an wurden die Forschungen über das Tau-Ceti-System bis ins Maximum intensiviert. Nach sechs Jahren war man schließlich soweit, um eine unbemannte Sonde auf den Weg nach Tau Ceti schicken zu können. Die Sonde war mit einem der neuesten Photonenstrahl-triebwerke ausgerüstet, so dass sie Tau Ceti innerhalb von 14 Jahren erreichen konnte. An Bord dieser Sonde befand sich ein Materie-Transmitter, dessen Prototyp erst ein Jahr zuvor fertiggestellt worden war.

Mit diesen Transmittern konnte jede Art von Materie über unbegrenzte Entfernungen ohne jeglichen Zeitverlust transportiert werden, wobei man jedoch immer zwei genau aufeinander abgestimmte Geräte brauchte, eines als Sender und das andere als Empfänger.

Das Sendegerät löste die Materie in seine Atome auf und strahlte diese in reiner Energieform ab. Die abgestrahlten Teilchen wiederum traten in eine übergeordnete Dimensionsebene ein, den sogenannten "Inter-dimensionalen Raum", womit sie im "normalen" Raum-Zeit-Kontinuum praktisch zu existieren aufhörten.

Erst im Empfangsgerät wurden die Atome wieder aus dem interdimensionalen Raum zurückgeholt und in ihrer ursprünglichen Struktur neu zusammengefügt.

All dies geschah ohne meßbaren Zeitverlust. Und sogar Lebewesen konnte "transmittiert" werden.

 

Die Sonde erreichte den Planeten von Tau Ceti wie vorgesehen und landete programmgemäß. Tatsächlich besaß der Planet eine für Menschen atembare Atmosphäre. Der in die Sonde eingebaute Transmitter begann zu arbeiten, und durch ihn gelangten auch die ersten genauen Daten nebst Boden- und Pflanzenproben zur Erde.

 

Ein halbes Jahr darauf schickte man den ersten Spezialisten durch den Transmitter zum Tau-Ceti-Planeten.

Doch der Mann gab nie mehr ein Lebenszeichen von sich. Obwohl die Transmitter-Verbindung einwandfrei zu funktionieren schien, blieben alle Versuche, mit dem Mann Verbindung aufzunehmen, völlig erfolglos.

Weitere vier Spezialisten, als letztes eine Frau, wurden abgestrahlt - und auch von ihnen kam keine Antwort mehr.

 

Nun, nur eine Woche nach der vierten Transmission, stand der fünfte Versuch bevor. Es sollte der letzte sein, falls er abermals fehlschlagen sollte.

 

Henry O'Neal fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut, denn auch er wußte nicht, wie es ihm ergehen würde.

Da das Transmittieren von Menschen im solaren Sonnensystem verboten war und dies auch streng überwacht wurde, konnten keine vorherigen Tests mit Menschen durchgeführt werden.

Allerdings hatte es niemals irgendwelche Störungen beim Transmittieren von Tieren oder organischen Materialien gegeben.

 

O'Neal hatte die Anweisung bekommen, sofort nach seiner Ankunft eine Nachricht zurückzusenden und beim geringsten Anzeichen von Gefahr unverzüglich zurückzukommen, aber er wußte nicht, ob er dazu noch Gelegenheit haben würde.

Das Computergehirn der Raumsonde hatte keinerlei Gefahren gemeldet. Wie sollte er dann Gefahren erkennen?

 

"Das Feld ist stabil. JETZT !" kam die knappe Anweisung des Operators.

Mit mechanischen Bewegungen, fast geistesabwesend, trat er in das Abstrahlfeld des Transmitters.

Ein leichter ziehender Schmerz kündigte ihm die Entstofflichung seines Körpers an. Dann war er spurlos verschwunden.

 

Und auch von O'Neal erhielt man auf der Erde nie mehr irgendein Lebenszeichen...............

 

 

Fünfzig Jahre später:

 

Man hatte inzwischen alle Transmitter wieder abgeschafft und verschrottet, da ihre Anwendung höchst bedenkliche Störungen im Magnetfeld der stellaren Planeten hervorgerufen hatte. Zudem waren die Transmitter inzwischen überflüssig geworden, da es mittlerweile Raumschiffe gab, die in der Lage waren, durch den interdimensionalen Raum zu fliegen und so schneller als das Licht zu reisen.

Ihr Antrieb war eine Weiterentwicklung der Transmitter, mit dem Unterschied, dass sie sich selbst durch die Erzeugung von künstlichen "schwarzen Löchern" in den interdimensionalen Raum katapultieren und am vorausberechneten Zielpunkt wieder in das eigene Raum-Zeit-Kontinuum zurückkehren konnten, ohne dafür eine Empfangsstation zu benötigen. Damit waren Raumschiffe in der Lage, ungeheure Entfernungen praktisch in "Nullzeit" zurückzulegen, denn im interdimensionalen Raum hatten die Naturgesetze des "normalen" Universums keine Gültigkeit.

 

Natürlich waren die mißglückten Transmittersendungen zum Tau-Ceti-Planeten nicht vergessen worden, so dass man jetzt nachforschen wollte, was aus den verschollenen Spezialisten geworden war.

 

 

Der interdimensionale Raum brach strahlend auf.

Gleißende Blitze aus reiner Energie zuckten um den gerade entstandenen Dimensionsriß - ein künstlich erzeugtes "Schwarzes Loch", ein Durchgang zu einem unvorstellbar fremden Multiversum, in dem Zeit und Raum keine Bedeutung hatten.

Inmitten der grellen Energie-Entladungen tauchte ein metallischer Körper auf: ein Raumschiff.

 

Langsam verblaßte die grelle Strahlung, die Energieblitze ließen nach, wurden schwächer und hörten schließlich ganz auf. Das künstliche "Black Hole" löste sich auf und verschwand spurlos.

Zurück blieb nur das Raumschiff, das jetzt nahezu bewegungslos im Vakuum des Raumes schwebte.

 

Aufatmend lehnte sich Elroy Skinner in seinem Kommandostand zurück. Eine Rückkehr aus dem interdimensionalen Raum in den sogenannten "Normalraum" war immer eine erhebliche physische und psychische Belastung, die nur stabile und körperlich gut trainierte Menschen aushalten konnten.

In den Anfängen der "Raumsprünge" hatte es deshalb immer wieder katastrophale Unglücksfälle gegeben, der manches Raumschiff mitsamt Besatzung zum Opfer gefallen war.

 

Weit vor dem Raumschiff schwebte groß und majestätisch der Zielplanet: TAU CETI II.

 

"Alles in Ordnung," meldete der Erste Offizier, "Wir sind noch eine Astronomische Einheit vom Ziel entfernt. In genau einer Stunde gehen wir in einen Orbit um den Planeten. Die Meßgeräte laufen bereits. Noch ein paar Minuten, dann haben wir schon die ersten aktuellen Daten."

 

Skinner starrte wieder auf den Bildschirm. Das war sie also, jene Welt, auf der vor fünfzig Jahren die Spezialisten der Raumforschungsbehörde verschollen waren. Vielleicht würde man jetzt endlich das Rätsel um ihr sang- und klanglos Verschwinden lösen können.

 

Als das Raumschiff in den äquatorialen Orbit um den Planeten um den Planeten einschwenkte, empfingen die Meßinstrumente die charakteristischen Streustrahlungen des Materie-Transmitters. Die Maschine arbeitete also immer noch und war selbst nach so vielen Jahren noch empfangsbereit.

Nachdem sie den Standort des Transmitters genau lokalisiert hatten, landeten sie mit einem Beiboot in seiner Nähe.

Während des Landemanövers konnten sie nichts Außergewöhnliches in der näheren Umgebung wahrnehmen. Auch die Meßgeräte zeigten nichts an.

Eingehüllt in ihre gepanzerten Schutzanzüge, schußbereite Lasergewehre in den Fäusten, näherten sie sich schließlich zu Fuß dem Transmitter, der trotz seiner irdischen Herkunft in dieser Umgebung fremdartig wirkte.

 

("Merkwürdig,") dachte Skinner, als er sah, dass in einem Umkreis von etwa dreißig Metern um den Transmitter überall verrostete Ausrüstungsgegenstände herumlagen, die sicher den Verschollenen gehört haben mußten, ("Was kann hier nur passiert sein? Ich kann keine Spuren eines Unglücks oder eines Kampfes erkennen.")

 

Plötzlich bewegte sich neben ihnen etwas in den Büschen.

Alarmiert richteten sie ihre Waffen auf die Stelle, doch dann stockte ihnen der Atem vor Verblüffung.

Aus den Büschen kroch ein etwa zwanzigjähriger Mann, der sofort davonlaufen wollte - auf allen Vieren!

Sie fingen ihn mit einem Netz ein und brachten ihn mit dem Beiboot ins Raumschiff, wo der Bordarzt sofort damit begann, den Fremden zu untersuchen, der sich wie ein gefangenes Tier benahm, wobei er den Arzt und seine Assistenten sogar zu beißen versuchte.

 

 

"Kommandant !"

Aufgeregt stürzte der Bordarzt in Skinners Kabine.

"Ich habe hier das Ergebnis der Untersuchungen! Es ist einfach unglaublich!"

"Was haben Sie denn herausgefunden?"

"Dieser Mann ist ganz eindeutig der Sohn von Henry O'Neal und Hannelore Schnittker. Das waren die beiden letzten Verschollenen. Chromosomenbild, Blutbild und der genetische Code des Mannes lassen keinen anderen Schluß zu. Ich habe zudem alles dreifach vom Bordcomputer vergleichen und überprüfen lassen, und das Ergebnis blieb immer dasselbe. Doch das allein ist nicht das Schlimmste."

"Was denn noch?"

"Der Mann besitzt keinen Funken von Intelligenz! Er scheint überhaupt kein eigenes Bewußtsein zu besitzen, nur ein Sammelsurium von Trieben und Instinkten. Ich habe seine Gehirnströme gemessen. Die sind schwächer als bei einem irdischen Kaninchen! Verglichen mit diesem Mann ist ein Schimpanse eine wahre Intelligenzbestie!"

"Was ?? Aber das ist doch ganz eindeutig ein Mensch!" rief Skinner, "Und wenn es stimmt, was Sie sagen, waren seine Eltern hochintelligente Spezialisten. Die können doch kein solches Kind gezeugt haben."

"Es ist aber so. Wir haben auch keinerlei Störungen seines Gehirns oder irgendwelche Fehlfunktionen feststellen können, was dieses Phänomen vielleicht erklären könnte."

 

 

Zwei Tage später fand ein Suchtrupp die Überreste von Henry O'Neal und Hannelore Schnittker.

Offensichtlich hatten sie sich bis zu ihrem Tode von Käfern und Pflanzen ernährt, obwohl ihnen eine komplette Überlebensausrüstung zur Verfügung gestanden hatte.

Und schließlich fand man auch die Skelette der drei anderen Verschollenen. Auch hier lag der Schluß nahe, dass sie bis zum Ende wie Tiere dahinvegetiert waren.

 

Skinner wurde bleich, als er die Berichte der Suchmannschaften vernahm.

"Was kann mit denen nur passiert sein? Das waren doch Spezialisten mit bester Überlebensausbildung und überdurchschnittlicher Intelligenz. Warum haben die denn ihre Ausrüstung nicht benutzt? Sie können doch nicht auf einmal all ihr Wissen verloren haben, das ihnen das Überleben ermöglicht hätte."

"Doch, sie haben ihr Wissen verloren," meinte der Bordarzt.

"Hat etwa dieser Transmitter etwas damit zu tun?" fragte Skinner, dem plötzlich ein schrecklicher Verdacht kam.

"Sie vermuten richtig," nickte der Bordarzt, "Die fünf Spezialisten sind körperlich völlig unversehrt hier angekommen. Aber man hat damals wohl etwas sehr Wichtiges vergessen, als diese Experimente gemacht wurden."

 

"Und was soll das gewesen sein?"

 

"Eigentlich ist es ganz logisch. Der Transmitter beförderte nur reine Materie. Deshalb ist ihr Bewußtsein, ihr Intellekt, ihre Seele - wie immer Sie es auch nennen wollen - nicht hierher transportiert worden, weil es nichts Materielles ist."

 

 

Ende

 

 


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