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Die
Sternen-Bestie

von

 Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Er lag inmitten seiner Lieblings-Dunkelwolke auf einem selbsterzeugten Schwerkraftfeld und starrte mit seinen gelben Augen in die staubgefüllte Schwärze des Raumes hinaus.

Sein Gehirn, winzig im Vergleich zu seinem monströsen Körper und doch mit hoher Intelligenz ausgestattet, ruhte im Augenblick in jener seltsamen Form des Halbschlafes, die allen Angehörigen seiner Rasse als Regenerationsphase diente. Er nahm Informationen auf, speicherte sie, verarbeitete sie aber nicht bewusst.

Für die Auswertung war sein "Scanner-Sektor" da, der im Krisenfall einen starken Impuls in das Hauptgehirn leitete und ihn "weckte". Der Roccen konnte also ganz beruhigt schlafen...........

 

 

Ruhig schlafen konnte auch die Besatzung der NAPOLEON, einem schnellen, modernen Schlachtkreuzer des terranischen Imperiums, das zu den schweren taktischen Raumverbänden seiner kaiserlichen Majestät von Terra gehörte.

Sie hatten zwar keinen Scanner-Sektor, aber sie konnten sich auf die Kameraden der Ortungsstation und ihre Geräte zur Raumüberwachung verlassen.....

 

 

Dass der Roccen den Schlachtkreuzer früher ortete als dieser ihn, lag nicht daran, dass die semi-organischen Sensoren des Raumlebewesens sensibler gewesen wären als die hyperschnellen Ortungsstrahlen der NAPOLEON, sondern daran, dass das Raumschiff in diesem Augenblick das größere Energiepotential darstellte und überdies mit seinem Schweif aus heißem Plasma, dem Verbrennungsprodukt der mächtigen Antriebsdüsen des Kreuzers, eine unübersehbare Energiespur im All hinterließ. Die wellenförmigen Ausläufer dieser Hitzespur drangen auch an die feinen, hochsensiblen Wahrnehmungsorgane des Roccen, wurden von da aus über einen organischen Halbleiter an den Scanner-Sektor des Wesens weitergegeben, wodurch es augenblicklich "geweckt" wurde.

Dank der seiner Spezies eigenen Schnelligkeit im Auswerten von Informationen wusste das Weltraumwesen sofort, was sich da seiner geliebten Dunkelwolke näherte. Es begann zu reagieren.......

 

 

Die Besatzung der NAPOLEON, sowohl die schlafende als auch die wachende, reagierte noch nicht, weil es ja noch nichts gab, worauf sie hätte reagieren können.........

 

 

Der Roccen zog seinen "Innenmagen" so weit wie möglich zusammen, um das darin erzeugte Energiepotential so gering wie möglich zu halten. Er hatte seinen Gegner erkannt, dieser ihn aber noch nicht, was das Weltraumwesen in die bessere taktische Position brachte. Es konnte also in aller Ruhe seinen ersten Zug vorbereiten.

Der Roccen war gespannt, ob sein Gegner die Herausforderung annehmen würde.

 

Er fand einen in der Nähe schwebenden Gesteinsbrocken, einstmals wohl ein Asteroid, ein Planetentrümmerstück oder der Kern eines langsam zusammengefallenen Sterns, jedoch so schwer, dass sich die Schwerkraftlinien des Brockens in seinem Innern bereits in übergeordnete Dimensionen hineinreichten.

Ein Tentakel des Roccen griff danach, zog das Ding zu sich heran, so dass die gelben Augen es mustern konnten und es für geeignet befanden.

Mit einer spielerisch anmutenden Bewegung schleuderte das Raumwesen den Gesteinsbrocken aus der Deckung der Dunkelwolke heraus direkt auf den irdischen Raumkreuzer............

 

 

Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich das Innere des Raumschiffs in ein höllisches Durcheinander aus Licht und Lärm. Der Lärm stammte von der Alarmanlage, das Licht von der Kampfbeleuchtung, die plötzlich aufflammte und auch die entlegensten Winkel im Raumschiff erhellte.

Der Zentralcomputer des Schiffes hatte reagiert, als die Ortungsanlage ihm anzeigte, dass sich ein Objekt mit hoher Geschwindigkeit und direktem Kollisionskurs auf den Raumer zu bewegte. Und die Masse des Objektes war größer als die eines ganzen Planeten!

 

Die schlanke, blonde Gestalt von Oberleutnantin Silke Gernau stand wie ein ruhender Pol mitten in der Schiffszentrale und nahm die einlaufenden Meldungen mit ruhiger Gelassenheit entgegen.

Ihr Gehirn, das sich hinter einem schönen Antlitz verbarg, arbeitete mit der Schnelligkeit eines Elektronenrechners.

 

    "Objekt besteht aus einer Masse von 10 hoch 5 Tonnen. Überwiegend metallisch. Oberfläche ist unregelmäßig geformt."

 

    "Frage: Ist das Objekt natürlichen Ursprungs?"

 

    "Objekt natürlich, Geschwindigkeit anormal."

 

    "Kurs?"

 

    "Kurs 0,01 Grad, Geschwindigkeit C-100, Kollisionskurs im Sektor 3-Grün, Vektor 17-14-00."

 

    "Zeitpunkt der Kollision?" fragte die diensthabende Offizierin jetzt.

 

    "Eine Minute, fünfzehn Sekunden", lautete die knappe Antwort.

 

"Abschießen !"

 

Der Befehl ging sofort an den Schiffscomputer, den Feuerleitstand und die schiffsinterne Verteidigungszentrale........

 

 

Interessiert starrte der Roccen dem davonrasenden Brocken nach. Er wusste genau, dass diese Attacke nicht entscheidend sein würde, denn er hatte das Sternenfahrzeug inzwischen genauer klassifizieren können.

Es war eines der größten Raumfahrzeuge der Gas-Atmer, die er bisher gesehen hatte. Dies war kein kleines Patrouillenboot, auch kein altersschwacher Frachter, sondern eine schnelle, waffenstarrende Kampfmaschine.

Der Roccen wusste genau, welche Feuerkraft und Zerstörungsgewalt diese Metallungetüme entwickeln konnten, denn seine Rasse hatte schon des öfteren harte Auseinandersetzungen mit den Gas-Atmern in ihren Metallmaschinen gehabt.

Er spürte, wie die Erregung in ihm emporstieg - heiß - schnell - pulsierend. Es würde bestimmt ein großartiges Kampfspiel werden, denn diesmal schien er auf einen würdigen Gegner zu treffen.

Ob die Gas-Atmer sich ebenso auf diese Konfrontation freuten wie er?

Oder liebten sie keine Kampfspiele wie die Roccens?

 

Er dehnte jetzt seinen Innenmagen so weit wie möglich aus, um Energie zu erzeugen. Versteckspielen hatte jetzt ohnehin keinen Sinn mehr. Er brauchte jetzt Energie, um sich auf das Raumschiff stürzen zu können, sobald dieses seinen ersten Angriff abgewehrt hatte........

 

 

Leutnant Richard Adams reagierte als erster, indem er die elektromagnetischen Schutzschirme der NAPOLEON hochfahren ließ - eigentlich kein sonderlich wirksamer Schutz gegen einen heranrasenden Gesteinsbrocken von dieser Größe und diesem Gewicht, aber immerhin eine kleine Sicherheitsmaßnahme.

Hauptmann Charles Talbot sprang behende in den kugelförmigen Sessel, von dem aus er die Feuerleit-Einrichtungen des Raumers mit Hilfe eines Hochleistungs-Computers von Hand und über Hirnsignale steuern konnte, setzte sich den Sensorenhelm auf, mit dem er direkten Gehirnkontakt mit dem Feuerleitcomputer herstellen konnte, und konzentrierte sich auf die vor ihm stehenden Bildschirme, welche ihm die jeweils aktuellen Zielsektoren anzeigten. Dann praktizierte er das, was er als "offensive Verteidigung" zu bezeichnen pflegte.

Der Dritte, der reagierte, war der sogenannte "Rudergänger" (ein ziemlich veralteter Begriff für den Steuermann eines Raumschiffes, der noch aus den Seefahrerzeiten von Alt-Erde stammte), ein bereits grauhaarig gewordener Sergeant. Er bekam weder von der diensthabenden Offizierin noch von einem der Navigatoren irgendwelche Kursanweisungen, also handelte er kurzerhand auf eigene Faust und drückte die Automatik auf "BACKBORD-TIEF".

Langsam, viel zu langsam scherte der metallische Leib des Raumschiffs aus dem Kurs, was allerdings bei einer Masse, die der einer irdischen Kleinstadt entsprach, kaum anders zu erwarten war.

 

 

Der Roccen beobachtete das Ganze mit großem Vergnügen. Seine Gegner waren Kämpfer, würdige Gegenspieler mit gutem Reaktionsvermögen und ernstzunehmenden Waffen. Er kannte die metallenen Raumfluggeräte der Gas-Atmer schon aus früheren, kleineren Scharmützeln. Und er wusste auch, dass der metallische Leib des Raumschiffs kein einzelnes Lebewesen war wie er, kein organisch-anorganisches Raumlebewesen, das in der Dunkelheit und Kälte des Weltraumes existieren konnte. Es war eine hochtechnisierte Maschine, im Innern bewohnt von vergleichsweise winzigen, rein organischen Wesen, die normalerweise auf Sauerstoffplaneten lebten - der Roccen schüttelte sich bei dem Gedanken daran - und sich dort vermehrten.

Eigentlich gehörten diese Gas-Atmer nicht in den Weltraum, wo sie nur mit Hilfe ihrer Maschinen existieren konnten. Aber sie trauten sich dennoch in das All hinaus, in SEINE Domäne, und damit wurden sie zwangsläufig zu Mitwirkenden eines Kampfspieles, wenn sie einem Roccen begegneten........

 

 

Der Kommandant, Kapitän Roger Blake, wurde jetzt endlich geweckt. Noch im langen, wallenden Nachthemd (eine Marotte von ihm, über die die ganze Besatzung insgeheim lachte) stürmte er in die Schiffszentrale, allerdings zu spät, um noch irgendetwas zu befehlen.

Unter seinen Füßen erbebten die Stahlplatten, als die Geschütze der NAPOLEON feuerten.

 

Turmdicke Laserstrahlen streckten ihre feurigen Finger nach dem heranrasenden Gesteinsbrocken aus und Transmissionsschleudern, die fürchterlichsten Waffen des terranischen Imperiums, "warfen" zwei mittelschwere Antimaterie-Bomben in den Weltraum hinaus, deren gewaltige Explosionen in der Schwärze des Alls wie grellstrahlende Blumen aufblühten. Das Ganze sah aus wie ein sehr kunstvolles, aber auch sehr teures und äußerst gefährliches Feuerwerk. Immerhin reichte es aus, um den Brocken zum größten Teil zu atomisieren und den geschmolzenen Rest, rotglühend im Molekularfeuer brennend, aus der Bahn zu werfen.

Gleichzeitig hatte die NAPOLEON ihr schwerfälliges Ausweichmanöver endlich beendet und ihren Flug gestoppt, so dass sie jetzt nahezu unbeweglich im Raum driftete, vor sich die Dunkelwolke, aus der das Geschoss gekommen war.........

 

 

Darauf hatte der Roccen nur gewartet. Jetzt griff er das Raumschiff direkt an.

Mit aberwitziger Geschwindigkeit raste er aus der Deckung der Dunkelwolke hervor und hüllte sich in einen Mantel aus selbsterzeugten Schwerkraftwellen, die er dem Raumschiff entgegensandte, um die Reaktionsfähigkeit der Besatzung zu behindern, während er sich näherte.

Bevor das Raumschiff irgendetwas gegen ihn tun konnte, war er bereits nahe genug herangekommen. Dann breitete er seine gewaltigen Hautlappen aus, die wie dunkles, geflecktes Leder aussahen, aber zäher als Kunststoff und widerstandsfähiger als der beste Stahl waren, und ließ sich einfach auf die NAPOLEON "fallen".

Die von ihm erzeugten Schwerkraftwellen ließen das Schiff erzittern. Es gab viele Verletzte, darunter auch einige ernstere Fälle, aber wie durch eine glückliche Fügung des Schicksals kam kein Besatzungsmitglied ums Leben.

Dann hüllte der gigantische, flexible Körper des Roccen den Kampfraumer wie ein Leichentuch ein.......

 

 

Die Außenkameras und Ortungsanlagen fielen schlagartig aus, so dass jede Außensicht unmöglich wurde. Nicht einmal durch die Sichtfenster war jetzt noch irgendetwas anderes als die Haut des Weltraumungeheuers zu erkennen.

Der Angriff war so schnell erfolgt, dass kein einziges Geschütz mehr hatte abgefeuert werden können.

Nur ein Enterkommando, das neben der Mannschaftsaußenschleuse A13 stand (...was die Raumsoldaten dort zu tun hatten, wusste der Teufel, aber laut Militärvorschrift hatten sie im Gefechtsfall dort zu stehen....), öffnete kurzerhand die Außenschleuse und begann durch das offene Schott auf den Roccen zu schießen. Aber mit ihren Handlasern konnten sie einem Roccen kaum mehr schaden als der Stachel einer Mücke einer Stahlwand.

Ein hinzukommender Offizier befahl sofort, das Schott wieder zu schließen, da er fürchtete, der Roccen oder zumindest Teile von ihm könnten in das Schiff eindringen. Schließlich wusste man kaum etwas über die Fähigkeiten dieser Weltraumwesen......

 

 

Der Roccen freute sich wie ein Schachspieler, der seinen Gegner mit einem genialen Zug mattgesetzt hatte.

Er war gespannt, was die Gas-Atmer jetzt gegen ihn unternehmen würden.....

 

 

In der Schiffszentrale fand eine Krisenkonferenz statt - der Kommandant hatte sie schnell einberufen. Inzwischen hatte er sein Nachthemd gegen eine Uniform eingetauscht.

    "Sie alle kennen unsere Situation", sprach er zu seinen Offizieren, die ihn im Halbkreis umstanden, "Der Roccen hat uns völlig eingehüllt und bewegungsunfähig gemacht. Noch sind wir hier drin sicher, aber in ein paar Minuten wird er damit beginnen, uns praktisch zu verdauen. Wie können wir uns aus seiner Umklammerung befreien? Soweit mir bekannt ist, ist das bislang noch keinem Raumschiff gelungen, aber diesmal ist auch zum ersten Mal ein Kampfraumer in einen - äh - Nahkampf mit einem Roccen verwickelt worden. Ein Kampfschiff dürfte weitaus mehr Möglichkeiten haben als unbewaffnete Frachtschiffe. Wie lauten also Ihre Vorschläge?"

    "Wir könnten Enterkommandos hinausschicken," schlug der Erste Navigator vor, "Schließlich haben wir dreihundert Raumgardisten und fünfhundert Besatzungsmitglieder an Bord. Damit könnten wir einige kampfstarke Gruppen zusammenstellen, die dem Roccen mit Lasergewehren zu Leibe rücken. Vielleicht können wir ihm ein Loch in die Haut brennen."

    "Mit Handwaffen können Sie die Haut eines Roccen nicht einmal anritzen," widersprach ihm Oberleutnantin Gernau, "Sie könnten ebenso versuchen, mit einem Taschenmesser ein Loch in eine Stahlwand zu schneiden."

    "Sie hat recht," stimmte ihr der Kommandant zu, "Außerdem wäre es für die Enterkommandos viel zu gefährlich. Selbst wenn sie es schaffen würden, überhaupt aus dem Schiff hinauszukommen, bestünde die Gefahr, dass der Roccen uns loslässt und nochmals Schwerkraftwellen gegen uns einsetzt. Keiner von den Enterkommandos würde das überleben."

Hauptmann Talbot meldete sich jetzt zu Wort: "Wir könnten vielleicht ein oder zwei Lasergeschütze abfeuern. Dann lässt das Biest uns bestimmt wieder los."

    "Und der Energie-Rückschlag?" fragte der Erste Navigator, "Unsere eigenen Geschütze würden dabei schmelzen, wenn nicht sogar das ganze Schiff dabei explodieren würde."

    "Besteht denn keine Möglichkeit, mit dem Roccen Kontakt aufzunehmen?" fragte die Bordpsychologin Tanja Iljuschin, "Wir wissen schließlich, dass diese Wesen hochintelligent sind. Vielleicht können wir mit ihm verhandeln."

    "Es hat schon Versuche gegeben, mit Roccens Kontakt aufzunehmen," meinte der Kommandant, "Aber diese Wesen gaben ganz unmissverständlich zu verstehen, dass sie an keiner Kommunikation mit uns interessiert sind."

 

In diesem Augenblick schüttete der Roccen den Inhalt seiner Säuredrüsen über das Raumschiff, womit sich die weitere Diskussion des Vorschlages erübrigte.....

 

 

Der Roccen wurde langsam ungeduldig.

Wollten sie nichts gegen ihn unternehmen? Waren sie hilflos?

Oder hatte er mit seiner unkonventionellen Taktik überrascht und eingeschüchtert?

Außer den kleinen Wesen, die ihn durch eine Öffnung des Raumers mit viel zu schwachen Waffen attackiert hatten, hatten sie bis jetzt nichts unternommen.

War das ihre einzige Reaktion? Wie enttäuschend!

Gaben die Gas-Atmer jetzt schon auf?

Er schüttete seine Säure über das Schiff.......

 

 

    "Wir versuchen es mit den Transmissionsschleudern," entschied er Kommandant, "Wenn wir ein paar Thermobomben in die unmittelbare Nähe unseres Schiffes projizieren und explodieren lassen, wird das dem Roccen vielleicht das Licht ausblasen."

 

Mit Transmissionsschleudern konnte jedes Objekt in Nullzeit räumlich versetzt werden, indem das Objekt zuerst in seine molekularen Bestandteile aufgelöst und dann durch die fünfte Dimension, den sogenannten "interdimensionalen Raum" (auch "Hyperraum" genannt), zum Zielort "gesendet" wurde. Da der Körper des Roccen in der fünften Dimension nicht existent war, bildete er auch kein Hindernis für eine solche Transmission. Die Reichweite einer Transmissionsschleuder war nahezu unendlich, die untere Grenze lag bei einigen Zentimetern, wobei jedoch eine Mindestdistanz von einem Kilometer in der terranischen Flotte vorgeschrieben war, da zu "kurze" Transmissionen katastrophale Folgen haben konnten....

 

 

Als die Thermo-Bomben in seiner unmittelbaren Nähe explodierten, löste sich der Roccen sofort von der Schiffshülle und zog sich erschrocken zurück, denn die Hitze von Kernfusionen konnte selbst er nicht aushalten.

Eine hervorragende Aktion der Gas-Atmer! Es waren wirklich würdige Gegner!

 

 

Die NAPOLEON zündete ihre Triebwerke und beschleunigte mit Vollschub, um von den Glutbällen ihrer eigenen Thermobomben wegzukommen. Die Außenhülle des Raumschiff begann aufzuglühen, während in seinem Innern überlastete Kühlaggregate aufheulten.

Für ein paar Minuten stieg die Innentemperatur um fast zehn Grad Celsius an, dann war die NAPOLEON aus dem Gefahrenbereich heraus, vollzog ein Wendemanöver und raste dann an der Dunkelwolke vorbei in den freien Raum hinaus.......

 

 

"Die Roccens (Einzahl: Roccen, Mehrzahl: Roccens, roccisch) sind eine intelligente Rasse von Raumwesen, d.h. sie können sich ohne Hilfsmittel im Vakuum des freien Raumes bewegen und aufhalten. Planeten besuchen sie nur äußerst selten und dann auch nur solche, die keine Atmosphäre besitzen. Sie scheinen jede Art von gasförmiger Materie zu meiden, weshalb sie wohl auch niemals in die Atmosphäre eines Planeten eindringen. Auch die im Weltraum treibenden Gaswolken werden von den Roccens gemieden. In der Regel sind Roccens in Dunkelwolken aus Staub und Gesteinssplittern anzutreffen, vorwiegend im Zentrum der Galaxie. Die physiologischen Prozesse ihres Körpers sind noch weitgehend unbekannt.

Die Untersuchung eines getöteten Roccen ergab, dass er teils aus organischer, teils aus integrierter anorganischer Materie bestand. Die anorganische Materie des untersuchten Roccen bestand teilweise aus den Wrackteilen von Raumschiffen meist unbekannter Herkunft. Bei den Roccens scheint es sich also um cybernetische Organismen zu handeln, die in der Lage sind, ihren Körper durch Fremdmaterie zu vervollständigen.

Roccens sind offensichtlich natürliche Einzelgänger, die nur selten in Gruppen auftreten. Sie sind äußerst angriffslustig; fast jede Begegnung mit einem Roccen führte bis jetzt zu einem Kampf. Kleinere Kampfschiffe und unbewaffnete Frachter des Imperiums wurden bei diesen Zusammenstößen bereits vernichtet. Durch direktes Wirkungsfeuer mit schweren Waffen können Roccens getötet werden. Eine bewährte Methode gegen den Angriff eines Roccen gibt es nicht."

(Quelle: Handbuch der Kaiserlichen Raumflotte des Terranischen Imperiums).

 

 

Der Roccen brauchte eine Weile, um sich von dem überraschenden Gegenschlag der Gas-Atmer zu erholen.

Er war sehr beeindruckt. Diese Gegner verdienten seinen Respekt!

Nun, sie hatten einen Teilerfolg erzielt, mehr nicht.

Jetzt würde er sie mit seiner ganzen Stärke entgegentreten!

Er kontrahierte seinen Körper zur größtmöglichen Dichte, stieß die unheilbar verletzten Hautstellen ab und regenerierte sie schnell.

Dann setzte er dem fliehenden Raumschiff nach.....

 

 

    "Ich glaube, der Roccen greift uns nur an, weil......"

Die Psychologin kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden, denn in diesem Moment wurde das Schiff wieder von einer Gravitationsbebenwelle erschüttert.

Alle Schwerkraftanzeigen gaben völlig irrsinnige Werte an. Alle, die nicht zufällig einen sicheren Sitz eingenommen hatten, wurden von der schlagartig erhöhten Schwerkraft zu Boden geworfen. Dann schafften die Neutralisatoren des Schiffes einen erträglichen Ausgleich.

Die NAPOLEON schlug sehr schnell und mit allen verfügbaren Waffen zurück.

Die sonnenheißen Superlaserstrahlen durchzuckten die Schwärze des Raumes. Eine der turmdicken Strahlbahnen traf den Roccen frontal.

Er zuckte wie ein von der Hornisse gestochenes Pferd zusammen und wich seitlich aus. Unerbittlich folgte ihm der Strahl mehrere Sekunden lang, dann konnte die Feuerleitelektronik den wilden Manövrierbewegungen des Roccen nicht mehr folgen und der Strahl ging fehl. Eine Transmissionsschleuder projizierte eine mittlere Wasserstoffbombe in die Nähe der Sternenbestie, deren vernichtende Explosion den Roccen zum schnellen Abdrehen zwang.

 

    "So," meinte Kapitän Blake mit bösem Lächeln, "Jetzt bekommt dieses Biest sein Fett weg. Mal sehen, was er von einer Ladung aus reinem Sauerstoff hält."

 

Sauerstoff war das Element, das die Roccens am meisten hassten.

Die Raumtorpedo-Rohre 32 und 33 wurden jetzt mit besonderen Geschossen geladen.......

 

 

Der Roccen war in seinem Element!

Jetzt wurde das Kampfspiel erst richtig interessant für ihn, denn seine Gegner waren ihm ebenbürtig und blieben ihm nichts schuldig. So machte das Spiel erst richtig Spaß!

Der Laserstrahl des Kreuzers hatte ihn zwar getroffen, aber nicht schwer genug, um ihn ernsthaft zu verletzen. Er fühlte sich jetzt nur sehr gereizt.

Vorsichtig verringerte er wieder den Abstand zu dem Raumschiff, das jetzt in einer langgestreckten Kurve vor ihm flog, und sandte erneut Schwerkraftwellen aus, um es aus dem Kurs zu bringen.

Da lösten sich zwei kleine, schimmernde Flugkörper aus der Bordwand des Raumers und nahmen direkten Kurs auf ihn.

Bevor sie ihn jedoch trafen, detonierten sie ganz in seiner Nähe und ließen eine rasch expandierende Wolke von Druckluft frei, die sich sofort im Raum verteilte.

Ein Teil der Wolke berührte den Roccen, der sich augenblicklich wie unter grausamen Schmerzen zusammenkrümmte und dann hastig die Flucht ergriff.

Die NAPOLEON verfolgte ihn nicht.

 

Geschüttelt von Ekel, Schmerz und Entsetzen kehrte der Roccen in seine Dunkelwolke zurück.

Wie unfair von ihnen!

Sie hatten ihn mit dem giftigen Un-Stoff  angegriffen!

Dabei hätten sie das doch gar nicht nötig gehabt.

Diese Gas-Atmer waren keine fairen Gegenspieler!

 

 

    "Der Roccen will eigentlich nur spielen," sprach Tanja Iljuschin wieder.

 

Kapitän Blake, der bereits vergessen hatte, was sie ein paar Minuten zuvor gesagt hatte, blickte sie völlig verständnislos an.

Geduldig wiederholte sie es noch einmal.

    "Wie bitte?" fragte der Kommandant irritiert.

    "Ich glaube, für die Roccens sind diese Angriffe nur ein Spiel," sprach sie, "denn rein von der Logik her gibt es für sie überhaupt keinen Grund, uns zu bekämpfen. Unser Lebensraum sind Sauerstoff-Planeten, die für die Roccens lebensfeindlich sind. Sie dagegen halten sich meist in Dunkelwolken und in der Nähe von weißen Riesen auf, wohin wir uns nur selten begeben. Keine Seite kann der anderen also ihren Lebensraum streitig machen."

    "Vielleicht betrachten die Roccens uns einfach nur als Störenfriede," überlegte der Kommandant, "und attackieren uns deshalb."

    "Dann würden sie uns viel härter und kompromissloser bekämpfen," widersprach die Psychologin, "Aber mir ist aufgefallen, dass der Roccen nach jeder seiner Aktionen erst auf eine Reaktion unsererseits zu warten schien, bevor er den nächsten Angriff startete. Das Ganze hatte irgendwie Ähnlichkeit mit einem Schachspiel, bei dem jeder Zug mit einem Gegenzug beantwortet werden muss. Das Dumme ist nur, dass wir die Regeln dieses Spiels nicht kennen. Vielleicht würden dann die Begegnungen mit Roccens viel harmloser verlaufen."

    "Bei allem Sinn für Humor," brummte der Kapitän, "Das geht nun doch zu weit! Ein Schlachtkreuzer seiner Kaiserlichen Majestät als Spielfigur in einem Weltraumschachspiel? Eine irre Vorstellung!"

 

 

 Ende

 

 


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