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STAR-FORCE

Science-Fiction-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Band 14

 

Die Spur der Titanen

 

Man schrieb das Jahr 2325 n.Chr., sieben Jahre nach dem zweiten interstellaren Krieg der Menschheit, der in den Chroniken als "Balkarischer Krieg" bezeichnet wurde.

 

Die Folgen dieses Krieges hatten die politischen Verhältnisse im von der Menschheit besiedelten Teil der Galaxie nachhaltig verändert.

 

Nach der Vernichtung ihrer Hauptwelt war die Lomoghen-Republik zerfallen und hatte sich als eigenständiges Staatssystem aufgelöst.

Ihre Raumflotten hatten sich den Balkarern ergeben, die kurzerhand sämtliche Kriegsraumschiffe der Lomoghener beschlagnahmt und den eigenen Streitkräften hinzugefügt hatten, wodurch das Balkarische Reich zur drittstärksten Militärmacht nach der Terranischen Föderation und dem Rodalischen Reich wurde.

Niemand wunderte sich später darüber, dass das Balkarische Reich die Kolonien der zerfallenen Lomoghen-Republik einfach besetzte und in den eigenen Herrschaftsbereich eingliederte.

Da niemand daran interessiert gewesen war, den Krieg erneut aufflammen zu lassen, hatte auch niemand die Balkarer daran gehindert, ihr Imperium auf diese Weise zu vergrößern.

 

Auch die Terranische Föderation war durch die politischen Folgen des Krieges verändert worden.

Aus Protest gegen die Terroreinsätze einer geheimen terranischen Einsatztruppe, die zur Vernichtung der lomoghenischen Hauptwelt mit Milliarden von Menschen, zur Ermordung des rodalischen Imperators und zum gefährlichen Einsatz einer Nova-Bombe geführt hatten, waren vierzehn Kolonien aus der terranischen Föderation ausgetreten und hatten ihre Unabhängigkeit erklärt.

Sowohl der damalige Präsident als auch der Geheimdienstchef hatten von ihren Ämtern zurücktreten müssen und waren als mutmaßliche Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt worden, wobei ihnen allerdings keine Mitverantwortung oder Mitwisserschaft an den illegalen und völkerrechtswidrigen Terroreinsätzen nachgewiesen werden konnte. Es schien geradezu unmöglich zu sein, die Existenz einer geheimen Einsatztruppe namens "Black Star" zu beweisen.

Der damit beauftragte Untersuchungsausschuss des Föderations-Senats hatte nach zwei Jahren seine Arbeit ergebnislos beenden müssen, so dass die eigentlichen Drahtzieher der terranischen Terroreinsätze gegen die Lomoghener und Rodaler niemals ermittelt wurden.

 

Das Rodalische Reich hatte in den folgenden Jahren nach dem gewaltsamen Tod des Imperators Sorman Kadar seine Vormachtsbestrebungen weitgehend zurückgestellt, obwohl es noch immer über eine enorme militärische Stärke verfügte.

Die Gründe für diese außenpolitische Zurückhaltung lagen jedoch weniger in der Einsicht der rodalischen Machthaber, sondern vielmehr in den internen Machtkämpfen um die Nachfolge des Imperators, die mehrere Jahre andauerten.

Schließlich konnte sich ein Mann namens Roland Otagon als neuer Imperator des Rodalischen Reiches durchsetzen und seine politischen Widersacher ausschalten.

Unter seiner Führung begannen die Rodaler damit, sich nach neuen Siedlungsmöglichkeiten in den noch weitgehend unerforschten Sektoren der Galaxie umzusehen, wobei sie auch mehrere aufwendige Expeditionen in die noch nicht erschlossenen Bereiche der galaktischen Randzonen entsandten.

Offenbar waren die früheren Pläne des Rodalischen Reiches, sich bereits besiedelte Planeten gewaltsam als neue Kolonien anzueignen, aufgegeben oder zumindest eingeschränkt worden.

 

Natürlich trauten die anderen interstellaren Staaten diesem scheinbaren Frieden keinesfalls. Vor allem die Terranische Föderation legte großen Wert darauf, die rodalischen Aktivitäten im Auge zu behalten, um nicht noch einmal durch eine großangelegte Militäraktion überrascht zu werden.

Deshalb wurden regelmäßig Aufklärungsschiffe der Raumgarde auf Patrouillenflüge in die Randzonen entsandt, um die dortigen Aktivitäten der Rodaler auszukundschaften.

 

Durch einen dieser Patrouillenflüge kam es zu einer Entdeckung, die von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Menschheit sein sollte.

 

Am 8. Juli des Jahres 2325 stieß der terranische Fernaufklärer NOSTRADAMUS auf die Spuren einer Zivilisation, die offenbar von sehr menschenähnlichen Wesen hinterlassen worden waren !

 

 

        "Was hat die NOSTRADAMUS denn so Besonderes in der Randzone gefunden, dass die RFB deswegen einen solchen Aufstand macht?" fragte Jarl Saris, der derzeit amtierende Präsident der terranischen Föderation.

        "Pyramiden", lautete die äußerst knappe Antwort von Jennifer Mandara, der Oberbefehlshaberin der Raumgarde.

        "Pyramiden?" wunderte sich der Präsident, "Was soll denn das heißen?"

        "Wie Sie vermutlich wissen, beobachten wir seit einiger Zeit die Aktivitäten der Rodaler in den galaktischen Randzonen", erklärte die Lordadmiralin, "Deshalb schicken wir regelmäßig Patrouillen in das äußerste Ende des Perseus-Spiralarmes. Eines von unseren Patrouillenschiffen, der Fernaufklärer NOSTRADAMUS, hat in dieser Gegend eine G-Typ-Sonne entdeckt, die von einem Planeten der M-Klasse umkreist wird, auf dem annähernd erdähnliche Bedingungen herrschen. Das System wurde als DARIAN-System in die Sternkataloge der Raumgarde eingetragen. Auf dem erdähnlichen zweiten Planeten hat die NOSTRADAMUS mehrere pyramidenförmige Bauwerke von enormer Größe gesichtet, neben denen die ägyptischen Pyramiden geradezu winzig wirken. Natürlich wurde sofort ein Landekommando abgesetzt, das in eines dieser Bauwerke eingedrungen ist. Im Innern wurden Standbilder und Skulpturen gefunden, die ganz eindeutig menschliche Wesen und sogar raumschiffsähnliche Fluggeräte darstellen. Es könnte sich dabei um die Erbauer der Pyramiden handeln, deren Alter auf ungefähr zwölftausend Jahre geschätzt wird."

        "Bei allen Sternenteufeln!" entfuhr es Jarl Saris, "Das würde ja bedeuten, dass es schon vor zwölftausend Jahren eine raumfahrende menschliche Zivilisation gegeben hat ! Jetzt verstehe ich, warum die Leute von der RFB so aus dem Häuschen sind. Das wirft ja sämtliche Theorien der Kosmologie völlig über den Haufen!"

        "Genau deshalb will die RFB ja auch ein Explorerschiff dorthin schicken, um den Planeten genauer zu untersuchen."

        "Und was hat die Raumgarde damit zu tun?" wollte der Präsident wissen.

        "Wir sollen für die Sicherheit der Forscher sorgen", erklärte die Lordadmiralin, "denn der Planet befindet sich in einem Raumsektor, in dem zur Zeit rodalische Flottenverbände operieren. Wenn die davon Wind bekommen, werden sie uns diese sensationelle Entdeckung gewiss nicht so einfach überlassen."

        "Sie befürchten also eine erneute Konfrontation mit den Rodalern?"

        "Damit müssen wir rechnen", meinte die Oberkommandierende, "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen haben die Rodaler etwa 50 Lichtjahre  vom DARIAN-System entfernt einen Stützpunkt eingerichtet, der vermutlich als Ausgangpunkt für großangelegte Siedlungsprojekte in diesem Raumgebiet dienen soll. Einen Planeten, der  erdähnlich und damit auch  für eine Kolonisierung geeignet ist, werden sich die Rodaler mit Sicherheit nicht entgehen lassen. Die Überbleibsel einer früheren Zivilisation machen ihn natürlich besonders interessant für sie. Es ist ohnehin ein Wunder, dass sie den Planeten nicht schon vor uns entdeckt haben."

        "Deshalb hat es die RFB auch wohl so eilig", sprach der Präsident, "Die Archäologen wollen den Planeten unbedingt untersuchen, bevor die Rodaler ihn finden und besetzen. Unter diesen Umständen muss ich ihnen recht geben und Sie bitten, die RFB mit allen verfügbaren Mitteln zu unterstützen. Setzen Sie sich also umgehend mit den entsprechenden Leuten in Verbindung, um sich mit denen abzusprechen. Und ich brauche Ihnen ja wohl nicht extra zu sagen, dass alles unter größter Geheimhaltung stattfinden muss."

 

 

Commodorin Simone Schloerben, ihres Zeichens Kapitän des Forschungsraumschiffes SOKRATES, war zuerst nicht sehr davon begeistert, als sie erfuhr, dass ihr nächster Auftrag in ein Gebiet führen sollte, in dem zur Zeit rodalische Flottenverbände operierten.

Und der Umstand, deshalb mit dem Militär zusammenarbeiten zu müssen, versetzte sie auch nicht gerade in freudige Erregung.

Andererseits aber war sie sehr gespannt darauf, einen Planeten zu besuchen, auf dem es Spuren einer von menschenähnlichen Wesen entwickelten Kultur gab, die schon existiert hatte, lange bevor auf der Erde die ägyptischen Pyramiden gebaut worden waren.

Eine derartige Entdeckung war die absolute Sensation des Jahrtausends, die alle bisherigen Theorien über die Entstehung außerirdischer Lebensformen völlig über den Haufen warf. Die Kosmobiologie war bislang immer davon ausgegangen, dass die Entstehung ähnlicher Lebensformen auf verschiedenen Welten höchst unwahrscheinlich war, da schon die kleinste Differenz bei den Umweltbedingungen zwangsläufig zu ganz anderen evolutionären Prozessen führen musste, aus denen nur völlig unterschiedliche Lebensformen hervorgehen konnten. Wenn diese Annahme überhaupt noch stimmte, dann musste es irgendwo einen Planeten geben, auf dem so erdähnliche Umweltbedingungen herrschen mussten, dass die dort stattgefundene Evolution eine intelligente Lebensform hervorgebracht hatte, die dem Menschen sehr ähnlich zu sein schien.

Simone Schloerben war sehr gespannt auf das, was sie auf der bevorstehenden Reise erwarten würde.

 

19.August 2325,

militärischer Sektor der Marskolonie,

Hauptquartier der terranischen Raumgarde:

 

        "Commodorin Schloerben", sprach Lordadmiralin Mandara, "Sie wurden von der Raumforschungsbehörde beauftragt, mit der SOKRATES auf dem zweiten Planeten den DARIAN-Systems zu landen, um die dort entdeckten Bauwerke zu untersuchen. Die bereits von der NOSTRADAMUS ermittelten Daten wurden inzwischen an Ihren Schiffscomputer übermittelt und stehen Ihnen damit zur Verfügung. Die besonderen Schwierigkeiten Ihres Forschungsauftrages ergeben sich aus dem Umstand, dass das DARIAN-System in der Nähe eines Raumgebietes liegt, in dem rodalische Flottenverbände operieren. Aus diesem Grunde wurden wir von der ORB  gebeten, Ihre Expedition zu unterstützen und nötigenfalls vor einem Zugriff durch die Rodaler zu beschützen."

        "Wäre es denn nicht einfacher, die Rodaler über unsere Expedition zu informieren?" fragte die Commodorin, "Wenn sie wissen, dass es sich um eine reine Forschungsmission handelt, werden sie uns vielleicht in Ruhe arbeiten lassen."

        "Sie scheinen nicht sehr viel über die Rodaler zu wissen, Commodorin", entgegnete die Oberkommandierende, "Ihr Imperium ist eine faschistoide Diktatur, die uns äußerst feindlich gesonnen ist. Sie werden uns das DARIAN-System mit Sicherheit nicht so einfach überlassen. Also ist es besser, wenn sie überhaupt nichts davon wissen. Die SOKRATES wurde für diese Expedition ausgewählt, weil sie so konstruiert wurde, dass sie in der Lage ist, auf der Oberfläche eines Planeten zu landen anstatt im Orbit zu kreisen, wo sie leichter zu entdecken wäre. Wenn Sie auf DARIAN-2 gelandet sind, müssen Sie die SOKRATES auf jeden Fall so gut tarnen, dass man sie vom Weltraum aus nicht so schnell entdecken kann."

        "Und wie sollen wir verhindern, dass diese großen Pyramidenbauten gesehen werden?" wandte Simone Schloerben ein, "Schließlich können wir solche Monumente nicht einfach mit Büschen zudecken."

        "Darum kümmern wir uns bereits", erklärte die Lordadmiralin, "Es ist schon ein Spezialteam unterwegs, das dort eine Vorrichtung installieren soll, mit deren Hilfe die Pyramiden praktisch unsichtbar gemacht werden können. Es handelt sich um eine Batterie einfacher chemischer Raucherzeuger, die den gesamten Bereich in einen künstlichen Nebel einhüllen, wenn ein fremdes Schiff den Planeten ansteuert. Wenn Sie mit Ihrer Mannschaft dort eintreffen, werden diese Nebelwerfer einsatzbereit sein."

        "Und wann soll ich mit der SOKRATES starten?" wollte die Commodorin wissen.

        "In genau zwei Tagen", lautete die Antwort, "Das Trägerschlachtschiff MEDUSA  wird Sie begleiten und während der gesamten Mission in der Nähe bleiben. Dazu kommen noch vier Scoutschiffe von den RAV, die sich bereits in der Umgebung des DARIAN-Systemes befinden, um die Aktivitäten der Rodaler zu beobachten. Damit steht eine komplette Kampfflotte bereit, um für Ihre Sicherheit zu sorgen und zu verhindern, dass Sie mit den Rodalern Ärger bekommen. Haben Sie noch weitere Fragen?"

Simone Schloerben verneinte dies.

        "Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei dieser Mission", meinte die Oberkommandierende, "Ich persönlich bin sehr gespannt auf Ihre Ergebnisse, denn wenn es irgendwo da draußen im All menschenähnliche Intelligenzen gibt, dürfte das unsere bisherigen Evolutions-Theorien wohl sehr in Frage stellen."

 

 

22.August 2325:

        "Das Schiff ist startbereit, Commodorin", klang die Stimme des Piloten aus der Bordsprechanlage, "Besatzung und Gerät sind vollständig an Bord. Der Abflug beginnt wie vorgesehen in 30 Minuten."

Simone Schloerben bestätigte die Meldung und quälte sich ächzend aus ihrer engen Schlafkoje, in der sie versucht hatte, vor dem Start noch ein wenig Schlaf zu finden. Allerdings kam es ihr jetzt so vor, als hätte sie sich gerade erst hingelegt, ohne auch nur eine einzige Minute geschlafen zu haben.

Nach drei Monaten Erd-Urlaub würde sich sie erst wieder an die Enge ihrer Koje gewöhnen müssen, in der sie einige Exemplare aus ihrer umfangreichen Teddybärensammlung plaziert hatte, was den verfügbaren Platz natürlich noch mehr einschränkte. Aber Stoff-Teddies und Blumen waren eine Leidenschaft der Kommandantin, auf die sie auch an Bord ihres Schiffes nicht verzichten wollte.

Vermutlich war die SOKRATES das einzige Raumschiff in der gesamten terranischen Explorerflotte, das in seiner hydrophonischen Anlage auch eine kleine Blumenzucht betrieb, die den Zweck hatte, die Kommandozentrale und die Schiffskantine täglich mit frischen Blumen zu verschönern. Die dreißigköpfige Besatzung hatte sich an die Marotten ihrer Kommandantin inzwischen gewöhnt und lachte längst nicht mehr darüber, obwohl man sie hinter vorgehaltener Hand noch immer als "Blumenlady" oder auch "Teddy-Mama" titulierte.

 

Als Commodorin Schloerben in die Schiffszentrale kam, zündete Moschtar Hoyouni, 1.Offizier und Pilot der SOKRATES, gerade die Strahltriebwerke, deren Schub das Forschungsschiff aus seiner Umlaufbahn um den Jupitermond Ganymed tragen und in Richtung Pluto beschleunigen sollte.

Es dauerte etwas mehr als 17 Stunden, bis die SOKRATES die Pluto-Bahn hinter sich gelassen hatte und ihre Interdim-Triebwerke aktivieren konnte.

Die mit Unterlichtgeschwindigkeit zurückzulegenden Etappen eines Raumfluges waren immer der unangenehmste und auch zeitaufwendigste Teil einer Weltraumreise, denn Hyperraumsprünge innerhalb eines Sonnensystems waren in der gefährlichen Nähe von Planeten, Monden, Planetoiden und anderen Weltraumobjekten viel zu riskant. Zu groß war die Gefahr, während der Ein- und Austrittsphasen eines Hyperraumfluges direkt in ein solches Objekt hineinzurasen, so dass die Interdim-Triebwerke von Raumschiffen fast ausschließlich in der relativen Leere des interstellaren Raumes eingesetzt wurden.

Die restlichen Flugstrecken mussten also mit Unterlichtgeschwindigkeit im "normalen" Raumzeitgefüge zurückgelegt werden, was in der Regel den größten Teil der gesamten Flugdauer beanspruchte.

Unangenehm bei diesen Zwischenetappen waren vor allem die Belastungen durch die ungeheuren Beschleunigungskräfte, die auch mit den besten Andruckabsorbern und Antigravitationsfeldern nicht völlig abgefangen werden konnten.

Hyperraumflüge waren im Grunde genommen nichts anderes als ein "Untertunneln" der Raumzeitkrümmung mit Hilfe von künstlich erzeugten "Wurmlöchern", aber da die Raumzeitkrümmung nicht überall gleich war und sich außerdem immer wieder veränderte, mussten Reisen durch den interdimensionalen Raum immer in mehreren Etappen zurückgelegt werden.

Ein Etappenziel der SOKRATES war das VECATOR-Sonnensystem am äußeren Rand des Orion-Spiralarmes, der zugleich auch die Grenze zwischen den Randzonen und dem terranischen Machtbereich darstellte.

Dort wollte sich die SOKRATES mit dem Trägerschlachtschiff MEDUSA treffen, das die Forscher zum DARIAN-System begleiten sollte.

 

 

Als die SOKRATES im VECATOR-System eintraf, wurde sie dort bereits von der MEDUSA und deren Begleitgeschwader erwartet.

Commodorin Simone Schloerben wusste zwar, dass die terranische Raumgarde über fünfzehn dieser Riesenschiffe verfügte, aber sie hatte noch nie einen solchen Raumgiganten zu Gesicht bekommen.

Als sie die MEDUSA auf den Außenbildschirmen sehen konnte, verschlug es ihr fast den Atem, denn der Anblick war wirklich beeindruckend.

Das keilförmige Riesenraumschiff mit den beiden seitlich angebrachten Außenhangars, die großen Flügeln ähnelten, war einfach gigantisch.

Mit einer Gesamtlänge von 8,5 Kilometern war es sogar größer als die meisten Raumstationen der Föderation. Die ersten drei dieser Riesenschiffe hatten die Raumwerften der terranischen Föderation schon während des 1.interstellaren Krieges gebaut. Zwölf weitere dieser mächtigen Kampfraumschiffe waren in den folgenden Jahrzehnten hergestellt worden und wurden zu Beginn des 24.Jahrhunderts noch einmal umgebaut und modernisiert. An Bord eines solchen Giganten befanden sich zwanzig Zerstörer, zweihundert Raumjäger, vierzig Raumbomber, vierzig Landefähren und zwei komplette Raumlande-Bataillone. Zusätzlich wurde jedes Trägerschlachtschiff von einem Geschwader aus zehn Fregatten der Planetenklasse begleitet.

 

        "Das ist ja eine ganze Flotte", staunte der 1.Offizier Moshtar Hoyouni, "Ich dachte, unsere Mission sollte möglichst unauffällig stattfinden. Wenn wir einen solchen Aufmarsch veranstalten, werden die Rodaler das mit Sicherheit bemerken, selbst wenn ihre Raumaufklärung blind und taub sein sollte."

 

Er wurde jedoch wenige Minuten später eines Besseren belehrt, als sich die MEDUSA per UKW-Funk meldete.

        "Trägerschlachtschiff MEDUSA an das Explorerschiff SOKRATES. Wir haben folgende Informationen für Sie:

Eine Gruppe von drei Zerstörern wird Ihnen in das DARIAN-System folgen, allerdings in Abständen von mehreren Stunden, um der rodalischen Raumaufklärung nicht aufzufallen.

Die MEDUSA wird das Ziel-System selbst nicht anfliegen, sondern sich in der vier Lichtstunden vom DARIAN-System entfernten Zyrchon-Dunkelwolke verborgen halten.

Alles weitere erfahren Sie von Major Brodino, der die Zerstörergruppe befehligt. Er wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen, sobald er den Zielplaneten erreicht hat. Viel Glück! --- MEDUSA --- Ende."

 

 

Nachdem die SOKRATES das DARIAN-System erreicht hatte, steuerte sie direkt den etwa marsgroßen zweiten Planeten des Systems an, der seine Sonne in einem Abstand von 1,06 AE umkreiste.

Wie es bei allen Forschungsmissionen üblich war, umrundete die SOKRATES den Planeten zunächst einmal in einer niedrigen Umlaufbahn, um als erstes dessen Oberfläche in Augenschein zu nehmen.

DARIAN-2 war zwar als erdähnlich klassifiziert worden, hatte jedoch mit der Mutterwelt der Menschheit nur sehr wenig gemeinsam.

Er besaß zwar eine für menschliche Lungen geeignete Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre, doch damit hörte die Ähnlichkeit mit der Erde auch schon auf.

Seine Oberfläche bestand fast ausschließlich aus riesigen Sandwüsten und gewaltigen Felsgebirgen, neben denen sogar das irdische Himalaya-Gebirge wie eine Ansammlung von Maulwurfshügeln gewirkt hätte. Es gab keinerlei erkennbare Vegetation und ob es unter diesen Bedingungen eine Fauna gab, schien wenig wahrscheinlich zu sein. Wasser schien es an der Oberfläche ebenfalls keines zu geben. Ob es irgendwelche Vorkommen unter der Oberfläche gab, konnte noch nicht festgestellt werden.

 

        "Dieser Planet ist ja knochentrocken", murmelte Betty Wonderan, die Kosmobiologin des Schiffes, "Ich glaube nicht, dass es hier etwas für mich zu tun gibt."

        "Du sollst ja auch nicht den Planeten, sondern die Abbilder in den Pyramiden untersuchen", bemerkte die Commodorin, "Es soll sich um die Darstellung menschenähnlicher Wesen handeln, die vermutlich auch diese Riesenpyramiden gebaut haben. Ich nehme nicht an, dass die von dieser Wüstenwelt stammen."

        "Na gut", meinte die Kosmobiologin, "aber vorher hole ich mir etwas zu trinken. Der Anblick einer solchen Trockenwelt macht furchtbar durstig."

Sprach's und verließ die Kommandozentrale, um zielstrebig die kleine Bordkantine anzusteuern.

 

In diesem Augenblick wurden die riesigen Pyramidenbauten auf den Außensichtschirmen sichtbar.

        "Allmächtiger!" entfuhr es Corinna Cocome, die als Archäologin und Spezialistin für antike Bautechnik an dieser Expedition teilnahm, "Die Dinger sind ja wirklich gigantisch."

 

Es waren drei völlig identisch wirkende Pyramidenbauten, die in asymetrischer Anordnung inmitten einer Wüstenebene standen, die von allen Seiten von Gebirgsketten eingeschlossen wurde.

Die Kantenlänge der quadratischen Grundflächen und die Höhe der Bauten betrug genau 777 Meter, was für Bauwerke dieser Art eine enorme Größe darstellte.

 

In diesem Augenblick wurde die SOKRATES per UKW-Funk gerufen:

        "Hier ist Major Brodino von den Strategischen Raumverbänden - rufe das Explorerschiff SOKRATES - bin mit drei Jagdzerstörern im Anflug auf DARIAN-2 - werde in 2 Minuten in den Orbit einschwenken - von den Vorkommandos vorbereiteter Landeplatz befindet sich 4,7 km nördlich der Pyramiden in einer Schlucht - Richtung 6398,4 Strich - Grund der Schlucht ist geeignet für gefahrlose Landung - werde mit meinen Schiffen ebenfalls dort landen - melde mich wieder - Major Brodino - Ende."

 

        "Ich muss diese nette Art der Militärs wirklich bewundern", meinte Commodorin Schloerben ironisch, "Die reden wirklich kein freundliches Wort zuviel."

        "Soll ich den angegebenen Landeplatz anfliegen?" wollte Moshtar Hoyouni wissen.

        "Ja", antwortete die Kommandantin, "Richten wir uns erstmal häuslich ein, bevor wir uns näher mit diesen Riesenpyramiden befassen."

 

 

Als Simone Schlorben den Major zum erstenmal persönlich zu Gesicht bekam, erkannte sie sofort, dass er ein sogenannter "Modifizierter" war. So wurden Menschen genannt, die durch chirurgische Eingriffe soweit verändert worden waren, dass sie zumindest zeitweilig fähig waren, auch unter lebensfeindlichen Bedingungen überleben zu können. Zu solchen Manipulationen gehörte beispielsweise das Einfügen von künstlichen Filtern in den Atemwegen oder das Ersetzen der Knochen durch Stahlplastikteile, die um ein Vielfaches belastbarer waren als ihre natürlichen Vorbilder.

Modifizierte wurden meist als Pioniere bei der Erforschung neuentdeckter Planeten eingesetzt oder machten Karriere bei den Raumstreitkräften.

Während die Besatzungen der vier Raumgardenschiffe damit begannen, die auf dem Grund der Schlucht gelandeten Raumer unter Tarnnetzen zu verbergen, war Major Brodino zu einem kurzen Besuch auf die SOKRATES gekommen, um noch einmal die gemeinsame Vorgehensweise abzusprechen.

        "...meine Schiffe werden sich um die Raumaufklärung kümmern", erklärte er, "so dass Sie sich ungestört auf Ihren Forschungsauftrag konzentrieren können. Wir halten ständig Verbindung mit den vier Scoutschiffen im rodalischen Operationsgebiet, die uns sofort informieren werden, falls sich dort etwas Ungewöhnliches ereignet.

Wenn wir Alarm auslösen, müssen Sie sofort alle Geräte ausschalten, deren Energieausstrahlung geortet werden könnte. Es darf dabei nicht die geringste Verzögerung geben, denn wir wissen, dass die Rodaler über eine hervorragende Ortungstechnik verfügen, die auch die kleinste Emission messen kann. Jedes noch so geringe Zögern beim Abschalten Ihrer Geräte kann unsere Entdeckung bedeuten.

Die Nebelwerfer setzen wir nur ein, wenn sich ein Fremdschiff dem Planeten direkt nähert und die Gefahr besteht, dass die Pyramiden gesehen werden.

Gibt es dazu Ihrerseits noch irgendwelche Fragen?"

        "Nein", antwortete die Commodorin etwas brummig, "Wir wissen sehr genau, was wir hier zu tun haben, werter Herr Major! Erledigen Sie Ihren Job - wir erledigen den unsrigen. Und ich hoffe, dass wir dabei so wenig wie möglich von Ihren Leuten gestört werden, damit unser gemeinsamer Auftrag schnellstens erledigt wird."

Der Major nickte etwas pikiert, verabschiedete sich und verließ die SOKRATES wieder, was Simone Schloerben keinesfalls bedauerte.

Sie hatte nun einmal nicht viel für das Militär übrig...

 

 

Anders als bei Ihren irdischen Gegenstücken waren die Eingänge der Pyramiden auf DARIAN-2 weder versteckt noch besonders gesichert, so dass es nicht sehr schwierig war, in das Innere der Bauten zu gelangen.

Das Forschungsteam der SOKRATES hatte sich die mittlere, genau über der Äquatorlinie stehende Pyramide ausgesucht, um dort mit der Arbeit zu beginnen.

Hinter dem fast sechs Meter hohen Eingangsportal, dessen Flügeltore relativ einfach zu öffnen waren, befand sich ein ebenso hoher und doppelt so breiter Tunnelgang, der in einem Winkel von 10 Grad anstieg und ungefähr fünfzig Meter weit ins Innere führte.

Am Ende des Ganges kamen die Forscher in eine gewaltige, kreisrunde Halle, dessen überwältigender Anblick ihnen geradezu den Atem verschlug, obwohl sie von dieser Halle bereits aus den Berichten der NOSTRADAMUS wussten.

Im selben Augenblick, in dem der erste der Forscher in die Halle trat, wurde diese aus nicht zu erkennenden Lichtquellen erhellt, so dass die Helmscheinwerfer nicht mehr gebraucht wurden.

Die gesamte Halle lag unter einer halbkugelförmigen Kuppel, auf deren Unterseite ein Sternenhimmel abgebildet war, dessen Konstellationen jedoch weitgehend unbekannt zu sein schienen.

Im Zentrum der Halle standen mehrere klobig wirkende Monolithen wie aus schwarzem Marmor, auf denen waagerechte Reihen von silbrig schimmernden Symbolen erkennbar waren, die wohl so etwas wie Inschriften darstellten.

Das Erstaunlichste aber waren drei große Statuen, die eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit mit den Standbildern griechischer Götter aufwiesen. Es war nicht zu übersehen, dass sie menschliche oder doch wenigstens sehr menschenähnliche Wesen darstellten.

Neben diesen großen Statuen waren weitere kleinere Skulpturen zu sehen, die offenbar technische Gerätschaften darstellten, von denen einige wie die Modelle von Flugmaschinen oder Raumfahrzeugen aussahen.

 

Als sich das Forscherteam den großen Standbildern nähern wollte, geschah das Unglück.

Einer Techniker stolperte über den kleinen, nur kniehohen Kamera-Roboter, der ihm in den Weg geraten war. Der Mann verlor unversehens das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.

Bedingt durch das Gewicht der Ausrüstung auf seinem Rücken konnte er sich nicht so einfach wieder erheben. Also wälzte er sich herum, kam auf die Knie und drückte seine Hände gegen den Boden, um sich hochzustemmen.

Im nächsten Augenblick schlug ein gleißend heller Blitz aus dem Kuppeldach herab, traf den Mann und verbrannte ihn im Bruchteil einer Sekunde zu Asche.

 

Die anderen waren vor Schreck wie erstarrt.

 

        "Alle sofort 'raus hier!" brüllte die Commodorin, nachdem sie sich von ihrem anfänglichen Schock erholt hatte.

Die Frauen und Männer des Teams ließen sich das  nicht zweimal sagen und hasteten zum Ausgang zurück, wo ihre Fahrzeuge warteten, mit denen sie eiligst zur SOKRATES zurückkehrten....

 

 

        "Verdammter Sternendreck!" fluchte die Commodorin, "Wie zur Hölle konnte das passieren? Im Bericht der NOSTRADAMUS steht nicht der kleinste Hinweis auf irgendwelche Abwehrsysteme in den Pyramiden! Wieso wurde deren Landekommando nicht angegriffen?"

        "Vielleicht haben wir uns irgendwie anders als die Leute von der NOSTRADAMUS verhalten", meinte Corinna Cocome'.

        "Aber nur Robert Nantez wurde beschossen", wandte Betty Wonderan ein, "Und der lag gerade am Boden, so dass er mit Sicherheit keine Bedrohung darstellte. Trotzdem wurde nur auf ihn geschossen."

        "Er lag am Boden?" fragte die Commodorin, "Könnte es etwa sein, dass er nur wegen seiner Körperhaltung getötet wurde?"

        "Vielleicht tötet das Abwehrsystem jedes Lebewesen, das sich nicht aufrecht auf zwei Beinen fortbewegt", überlegte Bettina Wonderan, "Das würde erklären, warum sonst niemand attackiert wurde."

        "Es wäre eine durchaus plausible Erklärung, wenn die Pyramidenbauer sicherstellen wollten, dass nur Wesen ihrer eigenen Art in diese Bauten eindringen können", stimmte ihr die Commodorin zu, "Aber wir müssen sichergehen, dass diese Vermutung richtig ist, sonst riskieren wir, dass noch jemand von uns getötet wird."

        "Wir sollen wir das herausfinden?" wollte Moschtar Hoyouni wissen.

        "Ich kann eine der Bio-Prothesen aus der medizinischen Abteilung in einen Roboter einsetzen", schlug die Kosmobiologin vor, "Das Gewebe der Prothese wird zwar ohne Nährflüssigkeit nicht viel länger als zwei Stunden überstehen, aber diese Zeitspanne müsste ausreichen.

Wir schicken den Roboter in die Pyramide hinein und warten ab, was dann passiert.

Das Abwehrsystem müsste den Roboter als Lebewesen klassifizieren, weil er lebendes Gewebe in sich trägt. Da sich unsere Robots auf Rädern oder Laufketten bewegen, müsste das Abwehrsystem entsprechend reagieren. Natürlich werden wir dabei einen teuren Roboter verlieren."

        "Besser eine Maschine als noch jemand von uns", meinte die Commodorin, "Wir werden es ausprobieren."

        "Soll ich Major Brodino über den Vorfall informieren?" fragte der 1.Offizier.

        "Bloß nicht!" winkte Simone Schloerben ab, "Der ist doch imstande und stürmt die Pyramiden mit einer Kampftruppe. Wer weiß, ob wir dann noch weiterarbeiten können. Wir informieren die Militärs erst, wenn wir genau wissen, was los ist. Morgen nehmen wir einen präparierten Roboter mit zu den Pyramiden und schicken ihn hinein. Danach werden wir hoffentlich klüger sein."

 

 

Der Schiffsingenieur hatte seinen ältesten Wartungsroboter widerwillig herausgerückt, damit Betty Wonderan ihn präparieren konnte.

Die Hydraulik der Maschine war zwar sehr reparaturbedürftig, aber das Fahrwerk funktionierte noch zufriedenstellend, was für den geplanten Einsatz völlig ausreichte.

 

Als die Fahrzeuge des Forschungsteams am nächsten Tag wieder vor dem Eingang der mittleren Pyramide stoppten, war die DARIAN-Sonne gerade erst über dem Horizont aufgestiegen.

 

Der kleine, einem achträdrigen Servierwagen ähnelnde Roboter wurde vor dem offenen Eingang postiert.

Nachdem sich das Forschungsteam mit den Fahrzeugen auf eine sicher scheinende Entfernung zurückgezogen hatte, aktivierte Betty Wonderan den Robot per Fernsignal und schickte ihn in das Gebäude hinein.

Die Maschine kam nicht einmal einen halben Meter weit in den Eingangstunnel hinein. Ein greller Blitz flammte auf, dann blieb von dem Roboter nur noch eine dampfende Pfütze aus geschmolzenem Metall und Kunststoff übrig.....

 

        "Bei allen Höllenhunden!" entfuhr es der Commodorin, "Dieses Abwehrsystem ist sogar nach Jahrtausenden noch verdammt wirksam. Aber jetzt wissen wir wenigstens, woran wir sind."

        "Also bloß nicht umfallen", murmelte Corinna Cocome, "sonst bekommt man gleich eine nette Einladung zum Barbequeue - als Hauptgericht!"

        "Sollen wir jetzt nochmal 'reingehen?" fragte Betty Wonderan.

        "Na - was denn sonst?" antwortete die Commodorin, "Hier draußen erfahren wir bestimmt nichts über die Erbauer. Aber passt bloß auf, dass jeder sicher auf seinen Beinen bleibt. Ihr wisst ja jetzt, was sonst passiert!"

 

Doch bevor die Forscher abermals in das gigantische Bauwerk eindringen konnten, tönte es quäkend aus den Funkanlagen der beiden Fahrzeuge:

        "Alarm! Fremdes Schiff im System geortet! Sofort alles zurück zum Schiff!"

 

 

Als das Team wieder an Bord der SOKRATES eintraf, hatte man dort bereits alle Geräte abgeschaltet, deren Energie-Emissionen von einem Ortungsgerät erfasst werden konnten.

Sogar die vollautomatische Cocktailbar in der Schiffskantine war außer Betrieb, worüber besonders Betty Wonderan ziemlich verärgert war.

Commodorin Schloerben war sofort in die Schiffszentrale gestürmt, um zu erfahren, was vor sich ging.

        "Einer von Brodinos Zerstörern hat ein Schiff geortet, das urplötzlich mitten im DARIAN-System aufgetaucht ist", erklärte Moshtar Hoyouni, "Offenbar hat es einen Hyperraumsprung mitten in das System gemacht, was ziemlich ungewöhnlich ist. Schließlich weiß doch jeder Raumpilot, wie gefährlich das ist."

        "Was für ein Schiff ist es denn?" wollte Simone Schloerben wissen, "Sind es die Rodaler?"

        "Keine Ahnung", meinte der Pilot schulterzuckend, "Ich weiß nur, dass es ein größeres Schiff sein soll. Mehr konnte oder wollte mir dieser Brodino nicht verraten. Fragen können wir ihn momentan auch nicht, weil er seinen Funk abgeschaltet hat."

        "Und was hat Brodino jetzt vor?" fragte die Commodorin weiter, "Will er das fremde Schiff angreifen?"

Moshtar Hoyouni zuckte mit den Schultern ......

 

 

        "Achtung! Hyperraumflugfehler !" tönte die künstliche Stimme des Bordcomputers durch die Zentrale der JUANITA, einem Handelsfrachter der Basarenliga, "Unbekannte Koordinaten! Neuberechnung nicht möglich! Positionsbestimmung ist dringend erforderlich!"

        "So ein blöder Mist!" schimpfte Daniel Guadeloupe, seines Zeichens Pilot und 1.Offizier der JUANITA, "Unser Navigationssystem hat versagt. Wer weiß, wo wir hier gelandet sind."

        "Was ist denn passiert?" wollte Rosa Anatowa wissen, die Kapitänin des Handelsfrachters.

        "Die automatische Zielberechnung war fehlerhaft", erklärte der Pilot, "Wir sind nicht im KHARIM-BEY-System, sondern in einem unbekannten Raumsektor herausgekommen. Momentan kann ich auch keine bekannte Sternkonstellation auf unseren Schirmen erkennen. Ich fürchte, dass wir ziemlich weit vom Kurs abgekommen sind."

        "Kannst du unsere Position neu bestimmen?" fragte die Kapitänin.

        "Vielleicht", murmelte der Pilot, "Ich kann versuchen, die hiesigen Konstellationen mit den Sternkatalogen in der Navigationsdatenbank zu vergleichen. Wenn es mir gelingt, irgendein bekanntes Sternbild herauszufiltern, kann ich es als Bezugspunkt verwenden, sofern wir uns noch in unserer eigenen Galaxie befinden."

        "Wie lange kann das dauern?" wollte Rosa Anatowa wissen.

        "Bestimmt ein paar Stunden", erklärte der Pilot, "Schließlich ist der Bordcomputer ein altes Modell und nicht besonders schnell. Wir hätten ihn schon vor Monaten gegen ein neueres Modell austauschen sollen."

 

Als Daniel Guadeloupe gerade damit beginnen wollte, die fremden Sternbilder mit den Außenkameras zu erfassen und in die Computer-Datenbank zu übertragen, löste das Ortungssystem der JUANITA Alarm aus.

Auf der Anzeige des Kurzstreckenradars waren drei Objekte zu sehen, die sich mit hoher Geschwindigkeit direkt auf die JUANITA zu bewegten.

Rosa Anatowa schaltete die Außensichtbildschirme sofort auf maximale Vergrößerung, um die fremden Raumfahrzeuge zu identifizieren.

        "Das sind terranische Kampfschiffe !" entfuhr es der Kapitänin, "Was machen die denn hier?"

        "Verdammt!" rief der Pilot, "Die wollen uns angreifen! Ich sende das Kennsignal, bevor die uns in Stücke schießen!"

 

Nachdem dies geschehen war, konnten sie beobachten, wie die anfliegenden Kampfschiffe abdrehten und sich dann in einer langgestreckten Schleife von der Seite her näherten, um dann beizudrehen und auf Warteposition zu gehen.

Ein kurzer, wenig freundlicher Funkspruch informierte sie, dass ein Enterkommando an Bord der JUANITA kommen würde, um den Frachter zu beschlagnahmen.....

 

 

        "Das ist ein Verstoß gegen das interstellare Raumfahrtsrecht!" protestierte Kapitänin Anatowa, "Die JUANITA ist ein ziviles Frachtschiff und befindet sich nicht im Hoheitsbereich der Terranischen Föderation. Ihr Vorgehen ist somit ein Akt von Raumpiraterie."

        "Sie sind mit Ihrem Frachter in militärisches Sperrgebiet eingedrungen", erwiderte Major Brodino, der sich selbst an Bord der JUANITA begeben hatte, "Dadurch haben Sie eine geheime Operation der terranischen Raumgarde gefährdet."

        "Wir sind doch nur durch einen Computerfehler in diesen Sektor geraten", warf Daniel Guadeloupe ein, "Das können Sie uns nicht als Vergehen vorwerfen. Wir wissen ja nicht einmal, wo wir hier sind."

        "Ich weiß", meinte der Major, "Meine Leute haben Ihr Navigationssystem inzwischen überprüft und sind bereits dabei, es neu zu konfigurieren und die fehlerhaften Daten zu berichtigen. Trotzdem können wir Sie vorerst nicht fortlassen, denn niemand darf etwas von unserer Anwesenheit in diesem Raumsektor erfahren."

        "Wollen Sie damit sagen, dass wir Ihre Gefangenen sind?" fragte Daniel Guadeloupe ungläubig, "Das ist illegal!"

        "Mag sein", antwortete der Major schulterzuckend, "aber mir bleibt keine andere Wahl. Sie müssen bei uns bleiben, bis unsere Mission abgeschlossen ist."

        "Und wie stellen Sie sich das vor?" wollte die Kapitänin wissen.

        "Kann Ihr Schiff auf einem Planeten landen?" erkundigte sich der Offizier.

        "Nein", erklärte Rosa Anatowa, "Die JUANITA ist ein Raumfrachter und verfügt über keine Landeeinrichtungen. Außerdem ist sie zu groß dafür."

        "Wieviele Leute haben Sie an Bord?"

        "Unsere Besatzung besteht aus Robotern", antwortete die Kapitänin, "Mein Pilot und ich sind die einzigen Menschen auf der JUANITA."

        "Wären Ihre Energieschirme und Antriebssysteme stark genug, um eine Umlaufbahn im koronalen Bereich der hiesigen Sonne zu halten?" wollte der Offizier wissen.

        "Auf gar keinen Fall", winkte die Kapitänin ab, "Dazu ist die JUANITA schon etwas zu altersschwach. Wir würden weder der Gravitation noch der Strahlung länger als ein paar Minuten standhalten."

        "Nun gut", meinte Brodino, "dann werden ein paar meiner Leute Ihr Schiff übernehmen und Sie in die Zyrchon-Dunkelwolke bringen. Dort werden Sie von Einheiten der terranischen Raumgarde in Gewahrsam genommen, bis unsere Operation beendet ist. Danach können Sie wieder reisen, wohin Sie wollen.

 

 

        "Ihr könnt mich für verrückt halten, aber diese Zeichen sehen aus wie eine Mischung aus sumerischen Keilschriftzeichen und altägyptischen Hiroglyphen", staunte Corinna Cocome kopfschüttelnd, "Es gibt zwar Unterschiede im Detail und einige Zeichen kommen weder im sumerischen Alphabet noch bei den ägyptischen Hiroglyphen vor, aber trotzdem kommt es mir so vor, als hätten wir es mit einer abgewandelten Form von sumerischen und ägyptischen Zeichensätzen zu tun."

        "Vielleicht ist es eine Kombination", meinte Betty Wonderan, "Wir benutzen schließlich auch Buchstaben in Verbindung mit Piktogrammen. Das hier könnte doch etwas Vergleichbares sein."

        "Wie dem auch sei", sprach die Archäologin, "ich werde einfach versuchen, diese Schriften auf der Basis von sumerischen und ägyptischen Zeichensätzen zu entschlüsseln. Wenn wir viel Glück haben, kommt etwas Sinnvolles dabei heraus, auch wenn es noch so unwahrscheinlich ist."

        "Wie lange kann das dauern?" wollte die Kommandantin wissen.

        "Mindestens zwanzig Stunden - wahrscheinlich mehr", antwortete die Archäologin, "Und ich weiß nicht, ob es überhaupt funktioniert. Schließlich ist es nur eine Spekulation. Ich glaube nicht, dass es wirklich so einfach ist. Aber vielleicht haben wir ja Glück."

 

 

        "Was behaupten Sie da?" schnaubte Admiral Baracas aufgebracht, "Sie arbeiten für das Dezernat-GS? Halten Sie mich für völlig vertrottelt? Zuerst verschweigen Sie, dass auf Ihrem Schiff ziemlich eigentümliche Waffen transportiert werden und jetzt erzählen Sie mir diese Story. Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich Ihnen das glaube?"

        "Nehmen Sie Verbindung mit dem Dezernat-GS auf", erwiderte Rosa Anatowa kühl, "Dort wird man Ihnen das bestätigen, da Sie als Admiral der Raumgarde über die entsprechenden Sicherheitsprotokolle verfügen. Sie haben unsere Operation ebenso in Gefahr gebracht wie wir offenbar die Ihrige mit unserem Fehlsprung ins DARIAN-System. Es sollte auch in Ihrem Interesse liegen, dass wir uns gegenseitig nicht noch mehr behindern."

        "Warum haben Sie Major Brodino dann nicht sofort darüber aufgeklärt?" wollte der Admiral wissen, "Dann wäre Ihr Schiff doch erst gar nicht hierhergebracht worden!"

        "Das müssten Sie doch selbst am besten wissen, Admiral", entgegnete die Kapitänin der JUANITA ungerührt, "Ein Major der Raumgarde hat nicht die nötigen Sicherheitsberechtigungen, um über geheime Dezernat-GS-Operationen informiert zu werden. Ich war daher nicht befugt, ihn über unseren Auftrag aufzuklären. Leider musste ich deshalb die Beschlagnahme meines Schiffes in Kauf nehmen, was für die Durchführung meines Auftrages nicht gerade hilfreich ist."

        "Welchen Auftrag haben Sie denn?" wollte der Admiral wissen, "Hat es etwas mit den rodalischen Aktivitäten in diesem Raumsektor zu tun?"

        "Eine naheliegende Schlussfolgerung", meinte die Kapitänin lakonisch, "der ich nicht widersprechen will. Aber mehr kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich dazu das Einverständnis meiner Vorgesetzten habe."

        "Dann eben nicht," murmelte der Admiral etwas pikiert, während er sich erhob, "In diesem Falle werden Sie sicher auch verstehen, dass ich Sie und Ihren Piloten solange in Arrest behalte, bis ich eine Bestätigung Ihrer Angaben habe. Aber das könnte eine Weile dauern."

 

Bevor Rosa Anatowa dagegen protestieren konnte, hatte der Admiral den Verhörraum verlassen.

 

 

Jennifer Mandara ließ sich gewöhnlich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, aber jetzt war sie so wütend wie schon lange nicht mehr.

Lordprotektor Patrick Maldero schien fast hinter seinem Schreibtisch in Deckung zu gehen, als sie in sein Büro stürmte und ihn wie eine gereizte Raubkatze anfauchte:

        "Welche Spielchen treiben Sie hier eigentlich, Maldero? Wieso werde ich nicht darüber informiert, dass Ihre Leute in einem Gebiet aktiv sind, in dem zugleich eine geheime Operation der Raumgarde stattfindet? Können Sie mir das erklären?"

        "Es erschien mir sicherer, die Raumstreitkräfte nicht damit hineinzuziehen", antwortete Maldero beschwichtigend, "da unsere Aktivitäten in der Randzone aus politischen Gründen nicht bekannt werden sollten."

        "Politische Gründe?" echote die Lordadmiralin, "Rechtfertigen diese sogenannten politischen Gründe auch das Risiko, dass unsere Operationen von den Rodalern entdeckt werden und wir uns plötzlich erneut in einem Krieg befinden?"

        "In der Randzone tobt bereits ein Krieg", sprach Maldero leise, "Es ist ein versteckter Krieg,von dem kaum jemand etwas weiß, aber er ist ebenso grausam und erbarmungslos wie die schlimmsten Kriege der Menschheit."

        "Wovon sprechen Sie?" fragte die Mandara überrascht, während sie sich setzte, "Unsere Scoutschiffe in der Randzone haben nichts dergleichen gemeldet."

        "Die Scoutschiffe überwachen zwar die Aktivitäten der rodalischen Raumverbände", erklärte Maldero, "aber sie beobachten die Rodaler aus großer Distanz und können daher nicht sehen, was auf dem 4.Planeten des KHARIM-BEY-Systems vorgeht, den sich die Rodaler als neue Kolonie auserkoren haben."

        "Was geht denn dort vor?" wollte die Lordadmiralin wissen, die jetzt sehr neugierig geworden war.

        "KHARIM-BEY-4 ist bereits bewohnt", erklärte der Geheimdienst-Chef, "und seine Bewohner wehren sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen die rodalischen Invasoren."

        "Was sagen Sie da?" gab die Oberkommandierende fassungslos von sich, "Im KHARIM-BEY-System gibt es intelligente Lebewesen? Wieso halten Sie eine solche Sensation geheim?"

        "Weil die Rodaler dann sofort mit der totalen Ausrottung dieser Spezies beginnen würden, um ihre Existenz leugnen zu können", antwortete Maldero, "Bevor irgendjemand etwas unternehmen könnte, gäbe es diese Wesen nicht mehr. Außerdem glaube ich nicht, dass der Senat einer offenen Intervention zustimmen würde, denn das würde unweigerlich einen neuen Krieg mit den Rodalern zur Folge haben. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als im Geheimen zu operieren."

        "War die JUANITA deshalb in der Randzone?" fragte Jennifer Mandara, "Sollte sie Waffen für diese Wesen schmuggeln?"

        "So ist es", wurde ihre Vermutung bestätigt, "Aber durch den Hyperraumfehlsprung geriet das Schiff ins DARIAN-System und wurde dort aufgebracht. Eigentlich sollte es längst im KHARIM-BEY-System sein, um dort Terraforming-Geräte an die Rodaler zu liefern. Auf diese Weise wäre die JUANITA nahe genug an den vierten Planeten herangekommen. Aber jetzt müssen wir uns etwas einfallen lassen, um den Rodalern die Verspätung zu erklären, ohne dass sie misstrauisch werden."

        "Wozu brauchen die Rodaler Terraforming-Geräte? Ist der Planet denn nicht für Menschen bewohnbar?"

        "Offenbar sind in der Atmosphäre irgendwelche Gase, die für Menschen nicht so gut verträglich sind, denn die Rodaler haben bei einem Händler der Basaren-Liga mehrere Atmosphärenkatalysatoren bestellt. Zwei solche Anlagen sollten mit der JUNITA geliefert werden."

        "Wie wollen Sie jetzt weiter vorgehen?"

        "Da muss ich mir wohl oder übel noch etwas einfallen lassen," meinte der Lordprotektor.

        "Vergessen Sie aber nicht noch einmal, mir zu sagen, was Sie vorhaben, damit wir uns nicht wieder ins Gehege kommen. Und denken Sie daran, dass unsere Forschungsmission Vorrang hat."

 

 

        "Der Abgleich mit sumerischen Keilschriftzeichen hat tatsächlich etwas gebracht", erklärte Corinna Cocome, "Aber bei den Bildzeichen habe ich wohl falsch gelegen. Sie haben nicht das Geringste mit den altägyptischen Hiroglyphen zu tun. Vermutlich sind es Piktogramme wie wir sie auch kennen."

        "Was ist mit den Schriftzeichen?" fragte die Commodorin ungeduldig, "Haben wir jetzt eine Übersetzung?"

        "Leider nur sehr bruchstückhaft", antwortete die Archäologin mit einem bedauernden Schulterzucken, "denn es gibt da eine ganze Reihe von Zeichen, die es bei den Sumerern nicht gab. Diese Schriftzeichen sind älter und weiter entwickelt als die sumerischen. Es sieht fast danach aus, als hätten die alten Sumerer versucht, diese fremde Schrift mit ihren primitiven Mitteln nachzuahmen, was aber allem Anschein nach nicht vollständig gelungen ist. So konnte der Computer einige Begriffe oder Wortfolgen nur sehr vage oder überhaupt nicht interpretieren. Ich habe es dann noch einmal mit einem kleineren Textabschnitt versucht, der nicht so viele unbekannte Zeichen enthielt. So hatte ich wenigstens eine Grundlage, auf der ich aufbauen konnte.

        "Nun spann' uns doch nicht so auf die Folter", stöhnte Betty Wonderan entnervt, "Zeig' uns endlich, was du 'rausgefunden hast!"

        "Okay - okay", meinte die Archäologin beschwichtigend, "ich mach' ja schon. Aber beschwert euch nicht, wenn ihr mit der Übersetzung nichts anfangen könnt. Schließlich ist das nur ein Testergebnis. Schaut's euch an!"

 

Gebannt starrten alle auf den Arbeitsbildschirm der Archäologin und lasen den jetzt darauf erscheinenden Text:

 

"Ehre den Kriegern von [unbekanntes Wort], die hier starben für alle [unbekanntes Wort], die ihnen anvertraut waren.

In der Schlacht von [unbekanntes Wort] siegten sie über die Heere der [unbekanntes Wort] und opferten ihr Leben für die Völker von [unbekanntes Wort].

Hier stehen ihre Grabmale, damit ihre Namen und ihre Taten auf ewig unvergessen bleiben, auch wenn die Völker von [unbekanntes Wort] lange schon vergangen sind."

 

        "Das ist alles?" gab B.Wonderan enttäuscht von sich, "Mehr konnte der Computer nicht übersetzen?"

        "Sei doch nicht so ungeduldig", erwiderte C.Cocome, "Schließlich stehe ich erst am Anfang. Wenn ich einen längeren Text genommen hätte, wäre noch gar nichts zu sehen."

        "Was ist mit diesen unbekannten Worten?" fragte die Commodorin, "Kann der Computer die einzelnen Zeichen oder die Begriffe nicht interpretieren?"

        "Die einzelnen Zeichen können größtenteils in unsere Buchstaben übersetzt werden, aber sie ergeben keine sinnvollen Worte in unserer Sprache. Vermutlich handelt es sich dabei nur um Namen oder Titel, für die der Computer natürlich keinen passenden Begriff in unserer Sprache finden kann", erklärte die Archäologin, "Beim nächsten Versuch lasse ich einfach alle unbekannten Worte als reine Buchstabenketten anzeigen. Vielleicht entdecken wir dabei sogar Ähnlichkeiten mit unseren Arten der Namensgebung."

Doch durch den Text, den sie jetzt zu sehen bekamen, wurden sie auch nicht viel schlauer:

 

"Ehre den Kriegern von [aitalan], die hier starben für alle [aitalanii], die ihnen anvertraut waren.

In der Schlacht von [kagai] siegten sie über die Heere der [koitunii] und opferten ihr Leben für die Völker von [aitalan].

Hier stehen ihre Grabmale, damit ihre Namen und ihre Taten auf ewig unvergessen bleiben, auch wenn die Völker von [aitalan] lange schon vergangen sind."

 

        "Der Begriff aitalan könnte die Bezeichnung für ein Volk sein," überlegte C.Cocome, "Dann steht aitalanii für die Angehörigen dieses Volkes. Und mit koitunii werden dann die Angehörigen eines feindlichen Volkes bezeichnet, was ich aufgrund der gleichen Wort-Endung 'ii' vermute. Der Begriff kagai ist wahrscheinlich die hiesige Ortsbezeichnung, wobei allerdings offen bleibt, ob damit dieser Planet, dieses Sonnensystem, diese galaktische Region oder vielleicht sogar die ganze Galaxie gemeint ist. Schließlich wissen wir nicht, in welchen Größenordnungen diese Wesen gedacht haben."

        "Ist das hier so etwas wie ein galaktischer Soldatenfriedhof?" fragte die Commodorin verblüfft.

        "Vermutlich ist es so", nickte die Archäologin bestätigend, "Wenn wir es schaffen, in die Kammern der untersten Stockwerkes zu kommen, finden wir dort wahrscheinlich auch die sterblichen Überreste der Fremden."

        "Bis jetzt haben wir aber noch keine Möglichkeit gefunden, da hinein zu kommen", murmelte die Commodorin, "Wenn wir versuchen, die Kammern gewaltsam zu öffnen, wird die Abwehr-Automatik das garantiert verhindern."

        "Ich werde versuchen, mehr von den Schriften zu übersetzen", sprach die Archäologin, "Vielleicht finden wir darin ja einen Hinweis, wie wir in die unteren Kammern gelangen. Es kann ja sein, dass wir nur ein Code-Wort brauchen, damit sich die Kammern für uns öffnen - so 'was wie ein galaktisches Sesam-öffne-dich."

 

 

        "Commodorin!" rief Moshtar Hoyouni, "Ich bekomme gerade eine Meldung vom Team in der Pyramide. Die unteren Kammern haben sich plötzlich geöffnet. Wir können jetzt hinein!"

        "Wie haben die das denn geschafft?" staunte die Commodorin, "Gab es einen geheimen Mechnismus oder so 'was?"

        "Keine Ahnung", antwortete der 1.Offizier, "Aber das werden sie uns sicher erklären, sobald sie wieder hier sind."

        "Darauf werd' ich nicht warten", erklärte die Commodorin, "Ich fahre sofort 'raus. Das will ich mit eigenen Augen sehen."

 

Als sie einige Zeit später in der Pyramide eintraf, kam ihr Betty Wonderan bereits entgegengestürmt und redete mit sich vor Aufregung überschlagender Stimme auf sie ein.

        "Stop - stop - stop!" rief die Schiffkommandantin abwehrend, "Rede langsamer - ich verstehe sonst überhaupt nichts! Also - was ist passiert?"

        "Es ist einfach irre", begann die Kosmobiologin, "Wir haben das Zugangsportal immer und immer wieder untersucht und nicht den kleinsten Hinweis darauf entdecken können, wie es zu öffnen ist. Und dann war es auf einmal ganz einfach."

        "Bitte !!!" stöhnte die Commodorin, "Spann mich nicht auf die Folter!"

        "Okay - okay", antwortete die Biologin, "Ich werd' mich kurz fassen. Also - einer der Techniker wollte eine Stelle an dem Verschlusssystem abtasten, aber seine Handschuhe störten ihn dabei. Deshalb hat er einen ausgezogen und den Verschluss mit der bloßen Hand berührt. Kaum hatte er das getan, wurde er von einer Nadel oder etwas ähnlichem gestochen und ist vor Schreck mit einem Satz zurückgesprungen. Sah' übrigens ziemlich komisch aus, wie der Mann so durch den Gang gehopst ist. Aber uns ist sofort das Lachen im Halse stecken geblieben, als sich das Zugangsportal nur wenige Sekunden später öffnete."

        "Aber warum ist das Portal denn nun aufgegangen?" wollte Simone Schloerben wissen.

        "Wir glauben, dass der Stich in die Hand des Technikers etwas damit zu tun hat,"

erklärte die Biologin, "Dabei wurde garantiert etwas von seinem Blut abgezapft und wahrscheinlich gen-technisch analysiert. Diese superschnelle Gen-Analyse ist offenbar zu unserem Gunsten ausgefallen. Wir scheinen mit den Fremden viel mehr gemeinsam zu haben als wir uns bisher vorstellen können."

        "Genetische Gemeinsamkeiten?" fragte die Commodorin ungläubig, "Das ist unvorstellbar - nein - völlig unmöglich!"

        "Ich halte hier gar nichts mehr für unmöglich", murmelte die Biologin, "Alles, was wir hier finden, wirft unser ganzes bisheriges Weltbild völlig über den Haufen. Ich bin gespannt auf das, was wir in den unteren Kammern noch alles finden."

 

 

19.Oktober 2325,

Paris, Distrikt Europa, Bezirk Frankreich,

Regierungssitz der Terranischen Föderation,

Büro des Präsidenten:

Anwesende Personen:

        - Präsident Jarl Saris,

        - Senatspräsidentin Elora Darnelli,

        - Außenministerin Jasmin Gazerra,

        - Lordadmiralin Jennifer Mandara,

        - Lordprotektor Patrick Maldero,

        - Sun Tse-Nang, Leiter der RFB.

 

        "Meine Damen und Herren", begann der Präsident, "Ich habe Sie auf dringende Bitte der RFB hier zusammenkommen lassen, weil die Meldungen aus dem DARIAN-System höchste Dringlichkeit zu erfordern scheinen. Aber das wird Ihnen Herr Sun Tse-Nang als Leiter der RFB genauer erklären können."

        "Lassen Sie mich zunächst die Sachlage erklären", begann Sun Tse-Nang, "Das Forschungsteam der SOKRATES ist in den Riesenpyramiden von DARIAN-2 offenbar auf Dinge gestoßen, die alles in Frage stellen, was wir über die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gattung zu wissen glaubten. Die Forscher haben dort Aufzeichnungen über die Geschichte einer raumfahrenden Zivilisation gefunden, die schon existierte, bevor auf der Erde die Menschheit entstand. Alles deutet darauf hin, dass diese sehr menschenähnlichen Wesen schon vor Jahrtausenden ein gewaltiges Sternenimperium errichteten, das einen großen Teil der Galaxie beherrschte. Es wurden sogar Sternenkataloge gefunden, aus denen zu ersehen ist, dass auch unser Sonnensystem einst zum Einflussbereich dieses gewaltigen Imperiums gehört haben muss. Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass unsere Vorfahren mehrfach Kontakt mit den Fremden gehabt haben, worauf vor allem die verblüffenden Übereinstimmungen der außerirdischen Schriftzeichen mit den Schriften der alten Sumerer hinweisen. Welcher Art diese Kontakte waren und ob sie die menschliche Entwicklung beeinflusst oder sogar erst ermöglicht haben, wissen wir noch nicht. Auf jeden Fall handelt es sich hier um die größte Entdeckung seit Beginn der Menschheitsgeschichte, die uns ein Wissen vermitteln kann, das wir sonst in tausend Jahren nicht erlangen würden. Es ist daher unumgänglich, das DARIAN-System so schnell wie möglich für die terranische Föderation in Besitz zu nehmen."

        "Das wird aber gewaltige Probleme mit den Rodalern geben", wandte Lordadmiralin Mandara ein, "Ich glaube nicht, dass die das ohne weiteres zulassen werden."

        "Dann müssen wir irgendwie mit den Rodalern eine Einigung finden", meinte Sun Tse-Nang, "DARIAN-2  ist es wert, sogar mit dem Satan persönlich einen Handel abzuschließen."

        "Für die Rodaler gibt es keinen Grund, sich auf ein Abkommen mit uns einzulassen", wandte Präsident Saris ein, "Wenn sie erfahren, was sich auf DARIAN-2 befindet, werden sie alles tun, um diesen Fund in ihre Hände zu bekommen."

        "Also müssen wir das DARIAN-System auf jeden Fall mit unseren Raumstreitkräften absichern", meinte die Lordadmiralin missmutig, "denn etwas anderes wird die Rodaler nicht davon abhalten, DARIAN-2 zu erobern."

        "Die Rodaler dürfen auf gar keinen Fall erfahren, was wir dort gefunden haben", meinte der Geheimdienstchef, "Und darum wäre es am sichersten, das Ganze auch weiterhin geheim zu halten. Vielleicht ist es auch besser, wenn die Öffentlichkeit nichts davon erfährt."

        "Sie wollen den Menschen diese epochale Entdeckung vorenthalten?" empörte sich da die Senatspräsidentin, "Das wird der Senat auf gar keinen Fall zulassen!"

        "Vielleicht wäre es am besten, die Entdeckungen auf DARIAN-2 der gesamten Menschheit zugänglich zu machen", schlug Außenministerin Jasmin Gazerra vor, "Wenn alle interstellaren Staaten an den Forschungen beteiligt werden, können sich auch die Rodaler nicht dagegen stellen."

        "Dieser Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht", brummte die Lordadmiralin skeptisch, "Denn es besteht immerhin die Möglichkeit, dass wir auch Wissen über hochentwickelte Waffentechnologien entdecken. Allein die Vorstellung, den Rodalern solch ein Wissen zu überlassen, lässt mich schaudern."

        "Vielleicht sollten wir den Rodalern etwas anbieten", schlug der Geheimdienstchef vor, "Es gibt da etwas, woran sie sehr interessiert sein könnten."

        "Woran denken Sie dabei?" fragte die Senatspräsidentin neugierig.

        "Wie Sie alle wissen, sind die Rodaler seit einiger Zeit sehr aktiv in den Randzonen", erklärte P.Maldero, "Sie betreiben im KHARIM-BEY-System ein großangelegtes Kolonisierungsprojekt, das vor allem auf dem vierten Planeten dieses Systems stattfindet. Offensichtlich sind die Rodaler dabei, sich einen neuen Heimatplaneten zu erschließen, um so der Bedrohung durch das Schwarze Loch von BERINGA-TANIS zu entgehen."

        "Was ist denn daran so ungewöhnlich?" wollte Elora Darnelli wissen.

        "Das Dezernat 'GS' verfügt seit kurzem über Geheiminformationen, aus denen hervorgeht, dass der vierte Planet des KHARIM-BEY-Systems bereits von intelligenten Lebewesen bewohnt wird, die durch die rodalische Invasion von der totalen Ausrottung bedroht sind. Natürlich sind die Rodaler sehr daran interessiert, dass dieser Völkermord möglichst nicht bekannt wird bzw. nicht bewiesen werden kann. Wir könnten die Rodaler mit diesem Wissen konfrontieren und so vielleicht ein Abkommen erzwingen."

        "Was sagen Sie da ?!!" entfuhr es E.Darnelli, die den Geheimdienstler völlig entgeistert anstarrte, "Sie wissen, dass die Rodaler dabei sind, eine uns bislang unbekannte intelligente Lebensform auszurotten? Warum wurde der Senat nicht über diese Ungeheuerlichkeit informiert?"

        "Weil unsere Informationen bislang noch sehr unzureichend sind und nur auf Gerüchten aus Kreisen der Basaren-Liga basieren", verteidigte sich P.Maldero mit einem kurzen Seitenblick auf die Lordadmiralin, die es besser wusste. Als diese jedoch schwieg und keine Anstalten machte, ihm zu widersprechen, fuhr er fort: "Unsere Agenten sind zur Zeit noch dabei, mehr über die Vorgänge auf KHARIM-BEY-4 herauszufinden. Ich rechne in Kürze mit konkreten Ergebnissen, die ich dem Senat dann selbstverständlich übermitteln werde."

        "Aber wieso sollten sich die Rodaler erpressen lassen?" fragte der Präsident, "Sie haben sich doch noch nie darum geschert, ob wir etwas über ihre Machenschaften wussten oder nicht."

        "Wenn sie befürchten müssen, dass die Terranische Föderation intervenieren wird, um den Bewohnern von KHARIM-BEY-4 beizustehen, werden sie sicher zu einem Abkommen bereit sein", meinte der Lordprotektor.

        "Was für ein Abkommen stellen Sie sich da vor?" fragte die Senatspräsidentin misstrauisch, da sie zu ahnen schien, worauf der Geheimdienstchef hinaus wollte.

        "Wir verzichten auf eine militärische Intervention im KHARIM-BEY-System, wenn die Rodaler sich vom DARIAN-System fernhalten", erklärte Patrick Maldero mit unbewegtem Gesichtsausdruck.

        "Dieser Vorschlag ist ja ungeheuerlich!" rief die Senatspräsidentin mit vor Erregung bebender Stimme, "Wir sollen tatenlos zusehen, wie die Rodaler eine intelligente Lebensform ausrotten? Ich betrachte dieses Ansinnen als verbrecherisch!"

 

Auch die anderen in der Runde schauten den Geheimdienstler schockiert an und gaben ihm ihre Missbilligung mit deutlichen Worten zu verstehen.

        "Ich habe nicht gesagt, dass wir tatenlos zusehen sollen", verteidigte sich P.Maldero, "Ich sprach nur davon, dass wir auf militärisches Vorgehen verzichten. Schließlich gibt es noch andere Möglichkeiten, den Intelligenzen von KHARIM-BEY-4 zu helfen, was dann allerdings nur im Geheimen geschehen kann. Ein neuer interstellarer Krieg kann dagegen wohl kaum in unserem Interesse sein."

        "Sie schlagen also vor, mit den Rodalern ein Abkommen zu treffen, das ihnen das KHARIM-BEY-System und uns das DARIAN-System als jeweiliges Hoheitsgebiet zusichert", fasste Jennifer Mandara zusammen, "Gleichzeitig aber wollen Sie mit geheimdienstlichen Operationen auf KHARIM-BEY-4 intervenieren. Wenn die Rodaler das herausfinden, werden sie sich dafür garantiert im DARIAN-System revanchieren. Also müssen wir dort trotzdem starke Raumstreitkräfte stationieren, um das System abzusichern. Gleichzeitig müssen wir verhindern, dass rodalische Spione herausfinden, warum DARIAN-2 für uns so wichtig ist. Ich verstehe daher nicht, welchen Nutzen uns ein Abkommen bringen soll."

        "Wir können dadurch Zeit gewinnen und einen offenen Konflikt vermeiden", erklärte P.Maldero, "Natürlich ist mir völlig klar, dass die Rodaler sofort wissen wollen, was für uns im DARIAN-System so wichtig ist. Aber es gibt Mittel und Wege, um zu verhindern, dass sie es herausfinden. Solange die Rodaler aber nicht wissen, was im DARIAN-System vorgeht, werden sie kaum an einem offenen Konflikt interessiert sein, der ihre eigenen Pläne gefährdet."

        "Also müssen wir das DARIAN-System zur Sperrzone erklären und der Öffentlichkeit verschweigen, welche epochalen Entdeckungen dort gemacht wurden", meinte Präsident Saris, "Nur so können wir wenigsten für eine Weile verhindern, dass die Rodaler etwas davon erfahren. Zudem müssen wir den Rodalern Zugeständnisse machen, damit sie uns auf DARIAN-2 in Ruhe lassen. Und dabei nehmen wir auch noch in Kauf, dass sie wahrscheinlich auf KHARIM-BEY-4 eine intelligente Lebensform auslöschen, von der wir bislang nicht einmal etwas wussten. Ich muss gestehen, dass mir das alles nicht besonders gefällt."

Die Mienen der anderen zeigten ihm deutlich, wie wenig auch ihnen diese Lage zusagte.

Doch jeder von ihnen wusste nur zu genau, dass Politik in vielen Fällen ein sehr schmutziges Geschäft war.......

 

 

Am 21.November 2325 wurde zwischen der Terranischen Föderation und dem Rodalischen Imperium ein Vertrag geschlossen, der die gegenseitige Anerkennung des KHARIM-BEY-Systems als rodalisches Hoheitsgebiet und des DARIAN-Systems als terranisches Hoheitsgebiet beinhaltete.

Die Öffentlichkeit wurde weder über diesen Vertrag noch über die Entdeckungen auf DARIAN-2 informiert......

 

 

Ende des 14. Bandes

 

 


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