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STAR-FORCE

Science-Fiction-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Band 12

 

Der balkarische Krieg

Teil 1:

" KALAN IV "

 

Paris, 30.Oktober 2317, Bezirk Frankreich,

Büro des Präsidenten der Terranischen Föderation:

 

        "Der Bündnisvertrag zwischen der Lomoghen-Republik und dem Rodalischen Reich wurde am 15.September 2317 unterzeichnet und ist bereits ratifiziert", berichtete Außenministerin Jasmin Gazerra, "Damit bekommen die Spannungen an der balkarischen Grenze eine besondere Brisanz für uns."

        "Sie meinen damit sicher unsere Schutzverpflichtungen gegenüber dem Balkarischen Reich", meinte Joran Alba, der seit dem 1.Juli 2316 amtierende Präsident der Terranischen Föderation, "Glauben Sie denn, dass wir in diese Konflikte verwickelt werden könnten?"

        "Ich halte das für sehr wahrscheinlich", antwortete die Ministerin, "denn die Berichte des Geheimdienstes lassen nichts Gutes erwarten."

        "Können Sie mir das näher erläutern?" wandte sich der Präsident an Robert Navarro, den neuen Chef des Dezernat-GS.

Lordprotektor Navarro, seit einem Jahr der Nachfolger Jeffrey Hamblins, begann die Sachlage zu erklären:

        "Vor rund 40 Jahren erlaubten die Balkarer einigen Siedlerfamilien von den Lomoghen-Welten, sich in ihrer Grenzkolonie auf KALAN IV niederzulassen. Dieser Planet wird von sieben Monden umkreist  und befindet sich in unmittelbarer Nähe des lomoghenischen Machtbereiches. Im Gegensatz zu seinen rohstoffreichen Monden, auf denen die Balkarer große Förderanlagen betreiben, verfügt KALAN IV selbst nur über wenige Bodenschätze. Seine Landfläche wird daher hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt.

Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Siedler-Familien nach KALAN IV, bis die Lomoghen-Aussiedler etwa zwei Drittel der Landfläche besiedelten und damit die Bevölkerungsmehrheit bildeten. Die restlichen Gebiete werden von den Balkarern beansprucht, die dort mehrere große Industrieanlagen betreiben, in denen die Rohstoffe aufbereitet werden, die in den Berkwerken auf den Monden von KALAN IV gefördert werden.

Als die Lomoghen-Welten durch einen Putsch unter die Herrschaft eines totalitären Regimes gerieten, kam es zu Spannungen zwischen den Lomoghen-Aussiedlern und den balkarischen Arbeitern, die niemals beigelegt wurden und bis heute andauern. Nachdem das balkarische Reich jegliche Beziehungen zur Lomoghen-Republik abgebrochen hatte, wurde den Aussiedlern auf KALAN IV jeder Kontakt mit ihrer früheren Heimat und ihren dort lebenden Verwandten untersagt. Damit wollen die balkarischen Behörden verhindern, dass die Aussiedler für die Lomoghen-Welten spionieren können. Außerdem wurde neben dem Flottenstützpunkt auf dem 3. Mond eine zusätzliche Militärgarnison auf dem Planeten eingerichtet. Natürlich sind dadurch die Spannungen nur noch verschärft worden. Es kam in den letzten Jahren bereits mehrmals zu größeren gewalttätigen Auseinandersetzungen auf KALAN IV, die dem Regime auf den Lomoghen-Welten leicht als Vorwand für eine militärische Intervention dienen können. Schließlich versucht das Lomoghen-Regime seit Jahren, seinen Einflussbereich auf das KALAN-System auszudehnen. Das neue Bündnis mit den Rodalern macht diese Möglichkeit noch viel wahrscheinlicher, denn die Rodaler haben selbst ein großes Interesse am balkarischen Raumgebiet, da sie sich wegen des Schwarzen Lochs von Beringa-Tanis ohnehin bald nach neuen Kolonien umsehen müssen."

        "Die terranische Föderation hat sich nach dem Aldebaran-Konflikt vor 23 Jahren verpflichtet, dem Balkarischen Reich im Falle einer Bedrohung jede notwendige Unterstützung zu gewähren", ergänzte die Außenministerin die Ausführungen des Geheimdienst-Chefs, "Dieses Abkommen hat noch immer Gültigkeit; deshalb befindet sich neben unserem Botschafter auch ein Militärattache' und ein ständiger Stab von Militärberatern auf BALKARIA. Leider sind die Berichte des Militärattache's auch nicht gerade beruhigend."

        "Was sagen denn diese Berichte aus?" erkundigte sich der Präsident.

        "Beunruhigend ist vor allem die Tatsache, dass die Raumstreitkräfte des Balkarischen Reiches hoffnungslos veraltet sind und hauptsächlich von Kommandeuren aus den balkarischen Adelshäusern befehligt werden, die sich auf dem Tanzparkett besser auskennen als in der Kommandozentrale eines Kampfraumschiffes", erklärte Navarro, der diese Berichte kannte, "Gegen lomoghenische Verbände allein könnten sich die Balkarer mit etwas Glück vielleicht behaupten. Aber gegen die kampferprobte rodalische Kriegsflotte hätten sie keine Chance. Die Rodaler würden sie hohnlachend aus dem Universum blasen."

        "Wenn das Lomoghen-Regime tatsächlich mit rodalischer Unterstützung im KALAN-System interveniert, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Balkarern zu Hilfe zu kommen", schlussfolgerte der Präsident nachdenklich, "Das aber bedeutet, einen Krieg zu beginnen, der wohl kaum auf das KALAN-System begrenzt werden kann. Hat die Raumgarde schon irgendwelche Maßnahmen vorbereitet?"

        "Zur Zeit ist das Trägerschlachtschiff TANTALOS und das 14.Geschwader der SRV auf dem Weg ins BALKA-System", gab ihm Lordadmiralin Mandara Auskunft, "Dort sollen sie mit der 1.balkarischen Flotte ein gemeinsames Manöver abhalten. Eine Entsendung von Raumverbänden in das KALAN-System ist vorerst nicht vorgesehen, da wir die Lomoghener und Rodaler nicht unnötig provozieren und auf unsere Aktionen aufmerksam machen wollen. Außerdem wäre für solche Maßnahmen ein Beschluss des Senats notwendig. Wir haben allerdings schon entsprechende Vorbereitungen getroffen."

        "Haben die Balkarer denn selbst schon irgendwelche Maßnahmen ergriffen?"

        "Nein", sprach jetzt wieder der Geheimdienst-Chef, "denn ihre 5.Flotte ist ohnehin schon seit Jahren auf dem 3. Mond von KALAN IV stationiert. Allerdings ist diese Flotte zur Zeit nur bedingt einsatzfähig. Unseren Erkenntnissen zufolge ist mindestens ein Viertel der Schiffe derzeit nicht einsatzbereit und müsste dringend repariert werden. Sie dienen mehr oder weniger als Ersatzteillager für die noch funktionsfähigen Schiffe. Vermutlich kennen nicht nur wir, sondern auch die Geheimdienste der Lomoghener und Rodaler den desolaten Zustand der 5.Flotte, der übrigens bezeichnend für den Zustand der gesamten balkarischen Raumstreitkräfte ist."

        "Was können die Balkarer denn überhaupt aufbieten, falls es zu einer Konfrontation kommen sollte?" wollte der Präsident wissen.

        "Nach unseren Unterlagen beträgt die Sollstärke der balkarischen Streitkräfte derzeit etwa 450 Kampfschiffe", erklärte Navarro, "Es handelt sich dabei um 5 veraltete Schlachtschiffe, etwa 100 Kreuzer und Fregatten, ungefähr dreihundert Zerstörer  und ein paar Dutzend zu Hilfskreuzern umgebaute Frachter. Dazu kommen noch einige Raumjäger-Geschwader und Patrouillenboote, die in der Regel aber auf planetaren Stützpunkten untergebracht sind und nur in ihrem lokalen Raumgebiet operieren können. Die balkarischen Kampfschiffe sind in fünf Flotten aufgeteilt, die auf  Stützpunkten in den fünf von den Balkarern beherrschten Sonnensystemen stationiert sind. Um gemeinsam operieren zu können, müssten sie erst zusammengezogen werden.

Der Zustand dieser Verbände ist in der Regel katastrophal. Eine Ausnahme bildet nur die im balkarischen Zentralsystem stationierte 1.Flotte, die von den Balkarern gerne bei Flottenparaden vorgezeigt wird.  Die meisten balkarischen Schiffe aber sind technisch veraltet und zum Teil nicht mehr voll funktionsfähig. Die fünf Schlachtschiffe stammen sogar noch aus dem ersten interstellaren Krieg und müssten eigentlich längst verschrottet werden."

        "Das hört sich nicht sehr gut an", meinte der Präsident, "Gibt es Möglichkeiten, den Zustand der balkarischen Verbände zu verbessern?"

        "Wir könnten den Balkarern neuere Schiffscomputer und Bewaffnungen aus unseren Militärbeständen liefern", überlegte Jennifer Mandara, "Dazu vielleicht noch Ersatzteile, um die schlimmsten Mängel zu beheben. Ich fürchte nur, dass nicht mehr genug Zeit bleibt, um entsprechende Einbauten und Reparaturen vorzunehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass die balkarischen Schiffe in den meisten Fällen mit veralteten Systemen ausgestattet sind. Dadurch wird der Einbau neuerer Komponenten ziemlich problematisch, da sie wahrscheinlich nicht mehr kompatibel mit den alten balkarischen Anlagen sind."

        "Wir werden das trotzdem versuchen", entschied der Präsident, "Lassen Sie sich von den Balkarern die notwendigen technischen Daten übermitteln. Dann sollen unsere Flotten-Depots ihre Bestände prüfen und die Geräte heraussuchen, die man noch für die balkarischen Schiffe verwenden kann. Am besten wäre es, die Lagerbestände mit den veralteten Geräten durchzusehen, die für die Aussonderung oder Verschrottung vorgesehen sind. Alles, was davon noch brauchbar ist, muss so schnell wie möglich zu den Flottenstützpunkten der Balkarer gebracht werden, damit die ihre alten Kähne wieder flottmachen können.

Mehr werden wir vorerst nicht unternehmen, da es meiner Meinung nach für weitergehende Maßnahmen noch etwas zu früh ist."

 

 

 

Allgemeine Informationsdatei

0198-IS-2162-BR-01;

Abteilung Interstellare Staatssysteme;

Begriff: "Balkarisches Reich"

 

        ----- Mit der Auflösung der irdischen Nationalstaaten zum Ende des 21.Jahrhunderts wurden auch die bis dahin noch existierenden Monarchien abgeschafft.

Daraufhin gründeten Anhänger und Befürworter monarchistischer Staatsformen zusammen mit Angehörigen der europäischen Adelsfamilien eine Vereinigung, die als "Hüter des Königtums" bezeichnet wurde.

Das erklärte Ziel dieser Vereinigung war der Aufbau eines neuen monarchistischen Staatssystems nach dem Vorbild des englischen Königreiches, wie es in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts bestanden hatte.

 

Eines der großen Fernraumschiffe, die in der zweiten Hälfte des 22.Jahrhunderts auf der Suche nach neuen Kolonien in den interstellaren Raum aufbrachen, wurde von den "Hütern des Königtums" finanziert, ausgerüstet und natürlich mit Besatzungsmitgliedern aus den eigenen Reihen besetzt.

Der Name dieses Großraumschiffes lautete BALKARIA, womit es zum Namensgeber einer neuen Kolonie der Menschheit in der Hercules-Sternengruppe wurde.

Als diese Kolonie schließlich selbständig wurde und sich von der terranischen Föderation gelöst hatte, wurde dort der Adelsstand wieder eingeführt und die Staatsform einer Monarchie errichtet, die immer jeweils auf Lebenszeit von einem direkten Nachfahren eines der einstigen europäischen Adelsfamilien regiert wird, welche sich in der Thronfolge nach festgelegten Regeln abwechseln müssen.

Im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte besiedelten die Balkarer fünf Sonnensysteme mit lebensfreundlichen Planeten in der Hercules-Sternengruppe, die schließlich das Balkarische Reich bildeten.

Während des 1. interstellaren Krieges waren die Balkarer Verbündete der terranischen Föderation und unterstützten sie auch während des Aldebaran-Konfliktes gegen das Regime auf den Lomoghen-Welten.

Als Gegenleistung für diese Unterstützung verpflichtete sich die terranische Föderation, dem Balkarischen Reich im Falle einer Bedrohung mit allen verfügbaren Mitteln beizustehen.

Dieses Abkommen hat noch immer Gültigkeit....

 

 

 

Als Commodorin Katja Setanka nach ihrer Ankunft auf KALAN IV dem Oberbefehlshaber der 5.Flotte begegnete, wusste sie sofort, dass ihre Aufgabe als Verbindungsoffizier der terranischen Raumgarde bei der 5. balkarischen Flotte nicht leicht sein würde.

 

Admiral Enrico de Mercantes entsprach genau dem Bild eines Repräsentanten des balkarischen Adels:

Arrogant, von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt, selbstverständlich sehr kultiviert und hochgebildet, dazu absolut sicher und gewandt auf jedem gesellschaftlichen Parkett --- und natürlich völlig unfähig, eine Raumflotte zu befehligen, die vielleicht schon in wenigen Wochen die erste Verteidigungslinie in einem interstellaren Krieg sein konnte !

 

Unklugerweise war dieser Admiral auch davon überzeugt, keine Hilfe von außen zu benötigen und mit seiner Flotte jedem Angreifer gewachsen zu sein.

Zudem schien er sehr daran interessiert zu sein, dass die Offiziere seines Stabes in herausgeputzten, prunkvollen Uniformen herumliefen, die sie wie Darsteller in einer Operette aussehen ließen.

Commodorin Setanka wirkte dagegen in ihrer schlichten Raumgarden-Uniform wie ein Fremdkörper.

Dem Admiral schien das nicht zu gefallen, was unschwer an seinem missbilligenden Blick zu erkennen war. Was ihn aber wohl hauptsächlich störte, war der Umstand, dass er sie in seinem Stab dulden musste, ohne ihr etwas befehlen zu können.

 

        "Sie sind also meine Verbindung zu unseren terranischen Hilfskräften, Commodorin", sprach er nach den üblichen Begrüßungsfloskeln, "Eigentlich hatte ich einen Offizier höheren Ranges hier erwartet, aber der Thronrat von Balkaria und Ihr eigenes Oberkommando scheinen Ihrem Auftrag wohl keine allzu große Bedeutung beizumessen. Natürlich bin auch ich der Ansicht, dass Ihre Anwesenheit auf KALAN IV eigentlich überflüssig ist. Aber ich habe nun einmal die Anweisung erhalten, Sie über alle strategischen und taktischen Vorgänge zu informieren. Selbstverständlich ist es Ihnen gestattet, an unseren Stabsbesprechungen teilzunehmen, was ich persönlich nicht als unbedingt erforderlich erachte. Ich bestehe allerdings darauf, dass Sie sich dabei auf die Rolle eines Beobachters beschränken und sich nicht in unsere militärischen Entscheidungen einmischen.

Sie können übrigens Ihrem Oberkommando meinen persönlichen Dank für die Lieferung von Schiffsausrüstungen übermitteln. Ich werde meine technischen Offiziere prüfen lassen, inwieweit wir diese Geräte nutzbringend verwenden können."

 

Katja Setanka bemühte sich angestrengt, einen möglichst nichtssagenden Gesichtsausdruck beizubehalten, um ein spöttisches Grinsen zu unterdrücken. Schließlich wusste sie genau, wie dringend die Schiffe der 5.Flotte die gelieferte Ausrüstung benötigten.

Aber sie wusste auch, dass ein Mann wie Admiral de Mercantes dies weder einsehen noch zugeben würde.

Commodorin Setanka machte sich auf schwierige Zeiten gefasst.....

 

 

Das CARON-System war so ziemlich der letzte Ort, an dem sich ein Lebewesen gerne aufgehalten hätte. Seine rote Sonne stand kurz vor dem Verlöschen und warf nur noch ein schwaches Licht auf den sie umkreisenden Planeten, der im Grunde genommen nicht viel mehr als ein toter, von Kratern übersähter Felsklumpen ohne Atmosphäre war. Die Oberfläche des Planeten bestand größtenteils aus Eis und Felsgestein. Und doch war diese Welt, so tot und lebensfeindlich sie auch sein mochte, der zur Zeit wichtigste Stützpunkt des gesamten rodalischen Reiches.

Das CARON-System war in wenigen Jahren unter allergrößter Geheimhaltung in eine gigantische Produktionsstätte für Kriegsschiffe verwandelt worden. Das System war so unbedeutend und so weit abgelegen von den Schiffsrouten und Kolonien, dass kaum jemand vorzeitig auf die intensiven Aufrüstungsbemühungen der Rodaler aufmerksam werden konnte.

Rund zweitausend Kampfschiffe unterschiedlicher Größe wurden hier neu gebaut, umgerüstet oder vollständig erneuert. Kleine, kräftige Raumschlepper zogen die Außenhüllen der zukünftigen Kampfschiffe an Ketten von mehr als hundert Kilometern Länge hinter sich her. Sie wurden im Weltraum zusammengebaut, während sie auf der Oberfläche des zweiten Planeten einsatzfähig hergestellt wurden. Dort waren neben einer riesigen Start- und Landefläche Dutzende von großen Fabrikhallen unter gewaltigen aufblasbaren Sauerstoffkuppeln errichtet worden, deren Beleuchtungsanlagen den Nachthimmel gespenstisch erhellten. Die Rodaler hatten jeden einigermaßen einsetzbaren Arbeiter eingezogen und nach CARON I gebracht. Auch die halbintelligenten Cromins waren zu Tausenden als Hilfskräfte für die weniger qualifizierten Arbeiten hergeschafft worden. Viele dieser bedauernswerten schimpansenähnlichen Hominiden, die von den Rodalern wie Sklaven gehalten wurden, waren schon auf den Transporten gestorben, und es war abzusehen, dass diejenigen, die lebend auf CARON I eintrafen, dort aufgrund der mörderischen Arbeitsbedingungen und der mangelhaften Versorgung umkommen würden.

Die geringe Qualifikation der meisten ihrer Arbeitskräfte war einer der Gründe, weshalb die Rodaler sich dazu entschlossen hatten, den Großteil ihrer Rüstungsfabriken auf der Planetenoberfläche anzulegen, anstatt im Weltraum zu produzieren. Weltraumarbeit erforderte bestens ausgebildete und gut trainierte Fachkräfte, und davon gab es nicht genug. Außerdem stellten Raumfabriken enorme Investitionen mit extrem hohen Kosten dar. So wurden die Schiffsbauteile auf CARON I angefertigt, mit Raumfähren in die Umlaufbahn gebracht und erst dort von qualifizierten Fachkräften und Spezial-Robotern im Weltraum zusammengebaut.

Die Rodaler wollten mit geringem Kostenaufwand so viele Kampfschiffe wie möglich bauen. Natürlich musste die Qualität der Raumschiffe zwangsläufig darunter leiden, aber das wurde von der rodalischen Führung bewusst in Kauf genommen. Jede erdenkliche Fehlfunktion, die deshalb später an Bord der Schiffe auftreten würde, war allein das Problem der bedauernswerten zukünftigen Besatzung, egal, wie lebensbedrohlich sie auch sein mochte.

Die Kriegsmaschinerie des rodalischen Reiches lief auf vollen Touren - nahezu unbemerkt von den anderen Weltraumstaaten in seiner Nachbarschaft.

Der zweite interstellare Krieg der Menschheit stand unmittelbar bevor.....

 

 

Natürlich wusste Commodore Blaide, dass Raumschiffe nicht kriechen können, aber er hatte genau diesen Eindruck, als er sich mit seinem Schiff, dem Fernaufklärer ARANTA, an das CARON-Sonnensystem heranschlich.

Das Oberkommando der RAV hatte ihm genaueste Anweisungen für diese Mission übermittelt.

Der Auftrag war eigentlich gar nicht so ungewöhnlich, denn schließlich waren Schiffe wie die ARANTA (Kometen-Klasse) eigens für Langzeit-Aufklärungsflüge entwickelt worden. Was diese Mission so besonders machte, war der Umstand, dass vorher bereits mehrere der kleineren Scoutschiffe spurlos verschwunden waren, nachdem sie in irgendeinen beliebigen Sektor des rodalischen Machtbereiches eingedrungen waren. Deshalb hatte Blaide seine Vorgehensweise sorgfältig geplant.

Er vermutete, dass die Scoutschiffe nur deshalb entdeckt worden waren, weil sie direkt aus dem Raumgebiet der Föderation gekommen waren. Also hatte Blaide einen Kurs gewählt, der die ARANTA zunächst zu einem entlegenen Sektor des rodalischen Machtbereiches brachte, der abgewandt vom Föderationsgebiet gelegen war. Von diesem zweiten Ausgangpunkt aus führte der Kurs des Fernaufklärers tiefer in den von den Rodalern kontrollierten Sternhaufen M-57 hinein. Dann wurde der Kurs der ARANTA abermals geändert und führte wieder nach außen zum Rand des Sternhaufens, mit dem unscheinbaren CARON-System als Ziel, welches die ARANTA auftragsgemäß unter die Lupe nehmen sollte.

Der Geheimdienst hatte Hinweise erhalten, dass in diesem System etwas vorging, das von großer Wichtigkeit für die Rodaler sein sollte.

Blaide war fest davon überzeugt, dass seine Ortungssysteme denen der Rodaler weit überlegen waren. Und da seine Ortungsanlagen noch kein einziges rodalisches Schiff erfasst hatten, glaubte er, dass er sich noch immer unbemerkt auf das CARON-System zubewegte.

Dann fand Commodore Blaide genau das, wonach er gesucht hatte.

Schlagartig wurden die Ortungsanlagen durch Unmengen von Messdaten überflutet, die von den Computern blitzschnell ausgewertet wurden.

Das gesamte CARON-System war eine gigantische Raumwerft rund um einen toten Planeten, auf dem sich eine gewaltige Anzahl von Produktionsanlagen befand. In diesem System hielten sich mehr Kampfraumschiffe auf, als der terranische Geheimdienst für das gesamte rodalische Imperium geschätzt hatte.

In diesen Minuten hätte Commodore Blaide sofort die Ortungsgeräte abschalten und sich schleunigst aus dem Staub machen müssen. Er hatte bereits wesentlich mehr als alle anderen Aufklärungsschiffe der Föderation in Erfahrung gebracht. Wäre er sofort geflohen, hätte die ARANTA wahrscheinlich entkommen können.

Aber Commodore Blaide glaubte noch mehr Informationen sammeln zu müssen und ließ sein Schiff stattdessen mit abgeschaltetem Antrieb weiter in das CARON-System hineintreiben.

Doch dann wurden sie entdeckt.

Als die Ortungsbildschirme aufleuchteten und alle Alarmsirenen auf einmal losheulten, hatte sich die ARANTA bereits viel zu weit vorgewagt.

Der Commodore erfasste trotz seiner Überraschung die Situation sofort: Von steuerbord näherte sich ein von zwei Zerstörern angeführter Schwarm von Abfangjägern, auf der Backbordseite aktivierten drei Kreuzer ihre Triebwerke und nahmen Kurs auf die ARANTA, von vorn kam ein großes Schlachtschiff mit mehreren Begleitfregatten direkt auf sie zu.

Die Druckstrahltriebwerke der ARANTA flammten auf, beschleunigten das Schiff und brachten es in eine extrem enge Kreisbahn, die es wieder aus dem CARON-System hinausführte.

Blaide und seiner 30-köpfigen Besatzung wurden einige Minuten der Hoffnung geschenkt, denn zunächst sah es so aus, als könne die ARANTA doch noch entkommen. Schließlich gehörten die Fernaufklärer der terranischen Raumgarde zu den schnellsten Raumschiffen im Unterlichtflugbereich.

Der Commodore hoffte, dass er noch rechtzeitig genug Geschwindigkeit erreichen konnte, um den Interdim-Antrieb aktivieren zu können und so durch den Hyperraum zu entkommen.

Aber diese Hoffnung war schnell vorüber, als ein Ortungsanalytiker mit vor Aufregung heiserer Stimme meldete, dass sich das große Schlachtschiff von seinen Begleitschiffen gelöst hatte und immer näher an die ARANTA herankam. Das ungewöhnlich schnelle  rodalische Schlachtschiff einer bislang unbekannten Baureihe mit unheimlich starken Triebwerken würde sie einholen, bevor der Interdim-Antrieb der ARANTA aktiviert werden konnte. Es gab kein Entkommen mehr.

Commodore Blaide blieb nichts anderes mehr übrig, als sich zu ergeben oder sich einem weit überlegenen Feind zum Kampf zu stellen.

Als er jedoch an die Verhörmethoden der Rodaler dachte, entschied er sich für den Kampf.

Theoretisch kann ein kleiner Spatz einen Falken besiegen --- theoretisch ....

 

Wenige Sekunden außerhalb der Gefechtsreichweite der ARANTA feuerte das rodalische Schlachtschiff seine Hauptbatterien ab.

Turmdicke Ionenstrahlen und eine dichte Salve von Positronengeschossen ließen den energetischen Schutzschirm der ARANTA hell aufglühen und instabil flackern. Dann detonierten drei nukleare Sprengköpfe direkt in der Flugbahn des terranischen Fernaufklärers, dessen Energieschirm unter der Überbelastung zusammenbrach.

Von der ARANTA blieb nur eine sich langsam ausdehnende Wolke aus rotierenden Trümmerteilen, Gasen und radioaktiver Strahlung übrig.....

 

 

Dringende Meldung der Verbindungsoffizierin der terranischen Raumgarde bei den balkarischen Streitkräften auf KALAN IV:

        "In den frühen Morgenstunden des 18. Februar 2318 proklamierten die lomoghenischen Siedler auf KALAN IV ihre Unabhängigkeit vom balkarischen Reich und verkündeten ihre Zugehörigkeit zu den Lomoghen-Welten.

Gegen meinen Rat setzte Admiral de Mercantes die planetaren Truppen in Marsch, um die Rebellion sofort niederzuschlagen. Die entsandten Bodentruppen der Balkarer gerieten jedoch in einen Hinterhalt und wurden von bestens bewaffneten und gut organisierten Milizen fast völlig aufgerieben.

Admiral de Mercantes und sein gesamter Stab mussten den Planeten fluchtartig verlassen und sich zum Flottenstützpunkt auf dem 3.Mond zurückziehen.

Bis auf die Zentralstadt Kalan-City, die von einer Brigade der balkarischen Garnison und einigen zivilen Bürgerwehren noch immer verteidigt wird, ist der Planet fast vollständig in der Hand der Siedlermilizen.

Admiral de Mercantes hat angedroht, den Planeten zu bombardieren, wenn sich die Aufständischen nicht ergeben. Falls diese Drohung wahr gemacht wird, steht eine Intervention der lomoghenischen und rodalischen Raumstreitkräfte unmittelbar bevor, von denen bereits größere Flottenverbände in den angrenzenden Sektoren operieren.

Angesichts der angespannten Situation halte ich eine Entsendung terranischer Raumverbände in das KALAN-System für dringend erforderlich."

gez. Commodorin Katja Setanka

 

 

23.Februar 2318:

Die Verteidigungstaktik der 5.balkarischen Flotte war zwar bewährt und gut durchdacht, konnte jedoch in jedem Handbuch für Raumkriegstaktiken nachgelesen werden.

Admiral de Mercantes, der zum einen nicht die geringste Kampferfahrung hatte und zum anderen erzkonservativ war, ging natürlich genau nach dem Handbuch vor. Da er dadurch für die Angreifer leicht zu durchschauen war (schließlich kannten die Rodaler solche Handbücher ebenfalls), blieb es natürlich nicht aus, dass seine Taktik nur wenig Erfolg hatte.

Das Hauptgeschwader mit dem Schlachtschiff VICTORY, vierzig Zerstörern, fünf Fregatten und fünfzehn Kreuzern bewegte sich auf der gleichen Raumebene wie die anfliegenden rodalischen Verbände. Eine kleinere Flottille von zwanzig Zerstörern wartete "oberhalb" der Ekliptik des KALAN-Systems, bis die ersten rodalischen Schiffe in Kämpfe verwickelt wurden, um dann von "oben" mitten in die feindliche Formation einzudringen.

Kurz danach kamen mehrere Jägergeschwader von "unten" heraufgeschossen, die sich ihre Angriffsziele nach eigenem Ermessen aussuchten.

Aber wenn der Feind über eine mehrfache Übermacht verfügt, kann ihn auch die beste Taktik in einem offenen Kampf nicht aufhalten.

Außerdem lässt eine zahlenmäßig überlegene Raumflotte einen Gegner gar nicht erst an ihr Hauptkontingent herankommen.

 

Die auf den Ortungsschirmen deutlich sichtbaren Einheiten des balkarischen Hauptgeschwaders wurden von vorausgesandten rodalischen Kreuzergeschwadern mit nuklear bestückten Lenkraketen regelrecht zusammengeschossen, bevor sie selbst auch nur einen einzigen Schuss abfeuern konnten, da ihre Feuerleit- und Zielerfassungssysteme denen der Rodaler weit unterlegen waren. Die wenigen Raketen, die von den Balkarern dennoch abgefeuert werden konnten, wurden schnell von den Abwehrwaffen der Rodaler unschädlich gemacht.

 

        >>>>> Trotz der hochentwickelten Energiewaffen-Technologie des 24.Jahrhunderts wurden noch immer Torpedo- und Raketenwaffen eingesetzt. Der Nachteil von Energiewaffen lag in ihrer eingeschränkten Reichweite, denn die Wirkungsstärke von Laserstrahlen oder Energie-Geschossen nahm mit zunehmender Entfernung rapide ab, da sich ihre Energiekonzentration regelrecht aufzulösen begann. Sogar die hochenergetischen Geschosse aus Ionenkanonen verloren ihre enorme Durchschlagskraft bei Kampfentfernungen von mehr als zehn Lichtsekunden (ca. 3 Millionen km). Raketen und Raumtorpedos dagegen verfügten über enorme Reichweiten, da ihre Antriebssysteme in der Lage waren, annähernd 80-prozentige Lichtgeschwindigkeit (ca. 239.833 km/sec) zu erreichen, womit sie zwar langsamer als lichtschnelle Energiegeschosse waren, aber immer noch schneller als jedes Raumschiff, das sich im "Normalraum" bewegte. Während Laserstrahlen, Plasmageschosse, Positronen-Ladungen, und sogar Ionenstrahlen  nur bei relativ geringen Distanzen (maximal 10 Lichtsekunden) effektiv genug waren, blieben die zumeist nuklearen Sprengköpfe der Raketen und Torpedos auch bei großen Gefechtsentfernungen von vernichtender Wirksamkeit.  <<<<<

 

Die balkarische Flottille von "oben" konnte zwar in die rodalische Formation einbrechen, jedoch nur für wenige Minuten. Ihre zwanzig Zerstörer hatten kaum Zeit, sich ihre Ziele zu suchen und das Feuer zu eröffnen, bevor sie restlos vernichtet wurden.

Danach war der Weltraum rings um die rodalische Invasionsflotte voller Raumschrott, der ihre Ortungs- und Zielerfassungssysteme störte und es den jetzt von "unten" angreifenden Raumjägern ermöglichte, sich unerkannt heranzumanövrieren und das Verderben über die rodalischen Flankenschiffe zu bringen.

Dann aber schleusten die schweren Schlachtschiffe der Rodaler ihre eigenen Abfangjäger aus, die sich auf die balkarischen Angriffsjäger stürzten und diese nachhaltig dezimierten, bis der überlebende Rest die Flucht ergriff.

 

Admiral de Mercantes zog sich fluchtartig mit dem kläglichen Rest der 5.Flotte in den Orbit von KALAN IV zurück, um dort die Verteidigung zu organisieren.

 

Hinter der rodalischen Angriffsflotte tauchte jetzt eine kleinere Flotte der Lomoghener auf, bestehend aus fünf riesigen Transportschiffen, 14 schweren Kreuzern und 48 Zerstörern, die Kurs auf KALAN IV nahmen und damit begannen, den Planeten und seine sieben Monde einzukreisen.....

 

 

25.Februar 2318:

Einsatzbefehl des Oberkommandos der terranischen Raumgarde an alle in Alarmbereitschaft  stehenden Flottenverbände:

 

        "Das Raumgebiet des Balkarischen Reiches wurde von rodalischen und lomoghenischen Streitkräften angegriffen. Gemäß ihren Schutzverpflichtungen wird die terranische Föderation entsprechend darauf reagieren.

 

1.      Die Kreuzergeschwader 51 bis 80 der SRV

 nehmen unverzüglich Kurs auf das KALAN-System, um die Reste der 5.balkarischen Flotte bei der Verteidigung von KALAN IV zu unterstützen.

 

2.      Von den TRV werden sich zusätzlich auch die Schlachtschiffe ODYSSEUS, AENEAS, ACHILLES, XERXES, HANNIBAL, NARSES, HADRIAN, ALARICH, SALADIN und SPARTAKUS mit ihren Begleitgeschwadern zum KALAN-System in Marsch setzen.

 

3.      Die StRV entsenden die Trägerschlachtschiffe POSEIDON, MOLOCH, HYDRA und MEDUSA in das BALKA-System, wo sie sich mit der TANTALOS und dem 14.Kreuzergeschwader vereinen sollen.

 

4.      Von den SRV begeben sich die Kreuzergeschwader 21 bis 40 ebenfalls in das BALKA-System.

Dieses Zentralsystem wird zum Ausgangspunkt unserer Operationen im Raumgebiet des balkarischen Reiches.

 

5.      Alle anderen zur Zeit bereitstehenden Flottenverbände nehmen Kurs auf die Grenze des lomoghenischen Raumgebietes und halten sich dort für einen Direktangriff auf die Lomoghen-Welten bereit.

 

Weitere Befehle folgen in Kürze.

gez. Lordadmiralin Jennifer Mandara.

 

 

Die neuen rodalischen Minenschiffe der Tarantel-Klasse waren technische Wunderwerke, obwohl ihre relativ geringe Größe dies kaum vermuten ließ.

Diese nur zerstörergroßen Schiffe waren für einen Minenkrieg ausgeklügelster Art entworfen worden, einer Art von Kriegsführung, der die meisten Raumstrategen des 24.Jahrhunderts nur noch wenig Aufmerksamkeit widmeten. Minen wurden normalerweise in Positionskriegen eingesetzt, um bestimmte Raumsektoren zu blockieren oder um eigene Positionen wie z.B. strategisch wichtige Planeten stationär abzusichern. Gelegentlich wurden Minen auch verwendet, um feindliche Schiffsrouten unpassierbar zu machen.

Die meisten Militärs betrachteten diese Strategie schon lange für nicht mehr zeitgemäß und hoffnungslos veraltet.

Ein anderer, psychologischer Grund für das geringe Interesse an Minenschiffen war, dass ihr Einsatz wenig spektakulär war und ihren Kommandeuren kaum Anerkennung und noch weniger Ruhm einbrachte.

Eine Mine war im Grunde genommen nichts anderes als ein kleinerer Raumtorpedo mit Atomsprengkopf, der einfach untätig vor sich hin existierte, bis er von irgendeinem vorbeifliegenden Raumschiff aktiviert und in Alarmzustand versetzt wurde. Sendete das Schiff ein codiertes Signal auf einer Freund-Feind-Erkennungs-Frequenz, so blieb die Mine inaktiv und ließ das entsprechende Raumschiff unbehelligt passieren. Wenn das Raumschiff das codierte Signal jedoch nicht sendete, verhielt sich die Mine äußerst unfreundlich. Dann wurden sie und mit ihr alle anderen in der Nähe befindlichen Minen aktiviert und rasten auf das als feindlich klassifizierte Raumschiff zu, um es zu vernichten. In einem Raumsektor, in dem mehrere tausend solcher Minen lauerten, war sogar ein großes Schlachtschiff trotz seiner überaus starken Abwehrschirme  früher oder später dem Untergang geweiht.

Aber der Einsatz solcher Minen brachte auch ein großes Problem mit sich: Die Kriegsführung im Weltraum erforderte äußerste Flexibilität, da ihre Bedingungen sich rasend schnell ändern konnten. Für Raumschiffe war es trotz der Freund-Feind-Kennung sehr gefährlich, ein eigenes Minenfeld zu durchfliegen, denn auch eine passive Mine war ein schwerer Metallbrocken, mit dem man leicht kollidieren konnte, was bei hohen Geschwindigkeiten absolut tödlich war. Deshalb waren Minenfelder immer auch eine Behinderung der eigenen Schiffe, die sich bei veränderten Bedingungen verheerend auswirken konnte. Und wenn sich die Gegebenheiten eines Raumkrieges plötzlich veränderten, mussten solche Minenfelder gezwungenermaßen einfach zurückgelassen werden, denn es war sehr zeitaufwendig, ein Minenfeld wieder zu räumen oder die Minen unschädlich zu machen.

Die Minenschiffe der Tarantel-Klasse jedoch konnten Minen fast so schnell wieder deaktivieren und einsammeln, wie sie diese aussetzten, womit die rodalischen Raumstreitkräfte über einen unschätzbaren Vorteil verfügten, denn weder die terranische Raumgarde noch die Raumstreitkräfte der anderen interstellaren Staaten besaßen derartige Schiffe.

Und jetzt wurden genau solche Schiffe eingesetzt, um das gesamte KALAN-System mit tödlichen Minenfeldern zu umgeben ....

 

 

Ein Scout-Schiff der terranischen Raumgarde bestand im Grunde genommen nur aus zwei aneinandergeflanschten projektilförmigen Körpern, die zu fast drei Vierteln mit Antriebsaggregaten und elektronischen Anlagen vollgestopft waren. Dadurch bedingt blieb für die zehnköpfige Besatzung nur wenig Platz übrig, so dass sie eng zusammengepfercht wie in einer Konservenbüchse leben mussten - ähnlich wie die Besatzungen der deutschen U-Boote des 2.Weltkrieges. Als Bewaffnung verfügte es über zwei Positronen-Werfer im Bug, ein schwenkbares Lasergeschütz und vier kleine Lenkraketen mit nuklearen Sprengköpfen.

Natürlich war das keine besonders schwere Bewaffnung, aber Scout-Schiffe waren auch nicht dafür vorgesehen, sich auf irgendwelche Gefechte einzulassen, denn ihre Stärke lag in ihrer Schnelligkeit und der besten Ortungs- und Tarnungselektronik auf dem neuesten Stand der Technik. Außerdem waren diese schnellen und wendigen Weltraumspione mit Ankern und Greifarmen ausgestattet, die es ihnen sogar ermöglichte, sich an Asteroiden zu klammern, um sich so vor feindlichen Sensoren zu verbergen.

Und genau das tat die SCOUT-214 gerade, um nicht von den rodalischen und lomoghenischen Schiffen entdeckt zu werden, von denen das KALAN-System zur Zeit nur so wimmelte.

Oberleutnant Luigi Varsini und seine Crew hatten das Ende der Schlacht noch zu sehen bekommen. Es hatte sie erschüttert, wie schnell die 5. balkarische Flotte von den rodalischen Angriffsgeschwadern besiegt worden war.

Der Rest der balkarischen Flotte, ein altes Schlachtschiff, zwei Kreuzer und elf Zerstörer, hatte Positionen auf der äußersten Umlaufbahn der sieben KALAN-IV-Monde rund um den Planeten eingenommen, um diesen so zu verteidigen.

Oberleutnant Varsini fragte sich, ob der Befehlshaber der Balkarer nicht wusste, dass mit so wenigen Kampfschiffen eine derartige Verteidigungstaktik  völlig sinnlos war.

Er konnte beobachten, wie eine zweite, kleinere Flotte in das KALAN-System einflog. Diesmal handelte es sich um Schiffe der Lomoghener, die zunächst direkten Kurs auf KALAN IV nahmen, dann jedoch abbremsten und den Planeten mit seinen Monden in respektvollem Abstand zu den balkarischen Schiffen umkreisten.

Dann sahen Varsini und seine Leute, wie rodalische Minenschiffe damit begannen, das gesamte KALAN-System in eine tödliche Falle zu verwandeln.

Es wurde allerhöchste Zeit, hier zu verschwinden und die terranischen Flottenverbände zu warnen, die bereits unterwegs zum KALAN-System waren.

 

Doch Oberleutnant Varsini und seine Crew hatten kein Glück. Als sich die SCOUT-214 von dem Asteroiden löste und ihre Triebwerke zündete, wurde sie sofort von der rodalischen Raumüberwachung entdeckt.

Zwei schnelle Zerstörer rasten auf sie zu und feuerten dabei über ein Dutzend Raketen mit automatischen Zielsuchsystemen ab. Das Scoutschiff konnte zwar mehr als die Hälfte der Raketen mit dem Lasergeschütz abwehren, doch dann erhielt sie mehrere Volltreffer, die den Energieschutzschirm zusammenbrechen ließen und das kleine Raumschiff atomisierten.....

 

 

        "Admiral de Mercantes, es ist völlig sinnlos, die Kolonie mit nur einer Handvoll Schiffe auf diese Weise gegen eine Übermacht zu verteidigen", versuchte Commodorin Setanka den balkarischen Befehlshaber von seiner sturen Haltung abzubringen, "Die Schiffe des lomoghenischen Verbandes haben die Positionen der Verteidigungsschiffe längst in ihren Zielerfassungs-Computern gespeichert und können sie jederzeit mit ihren Fernwaffen abschießen. Lassen Sie die Schiffe in den sonnennahen Bereich fliehen und von dort aus Störangriffe auf die lomoghenischen Transporter durchführen, damit die ihre Truppen nicht auf KALAN IV landen können. Und räumen Sie um Himmels willen den Stützpunkt auf dem 3.Mond, weil der mit Sicherheit das nächste Angriffsziel sein wird. Bringen Sie alles, was Sie dort noch an Truppen haben, hinunter nach Kalan-City, um dort die Stadt verteidigen, damit sie nicht von den Rebellenmilizen erobert wird.  Solange keine Verstärkung eintrifft, können Sie nicht mehr tun."

        "Ich werde KALAN IV nicht schutzlos einem feindlichen Raumangriff ausliefern, Commodorin", empörte sich der Admiral, "Wenn meine Schiffe ihre Positionen verlassen, kann der Feind den Planeten ungehindert beschießen. Das kann und werde ich nicht zulassen, denn so etwas wäre die Handlungsweise eines ehrlosen Feiglings!"

        "Die Lomoghener werden KALAN IV mit Sicherheit nicht beschießen lassen", hielt die Terranerin dagegen, "denn damit würden sie ihre eigenen Leute da unten gefährden. Aber auf dem 3.Mond befinden sich keine lomoghenischen Siedler und deshalb wird der Feind nicht davor zurückschrecken, dort zuzuschlagen."

        "Unsere dortigen Abwehrforts können den Stützpunkt sehr gut verteidigen. Der Feind wird dort kein leichtes Spiel haben", erwiderte Admiral de Mercantes, "Aber ich werde alle Truppen dort abziehen, die zur Verteidigung von Kalan-City eingesetzt werden können. Meine Schiffe werden jedoch weiter auf ihren Verteidigungspositionen bleiben."

        "Sie werden diese Schiffe verlieren, Admiral", sprach Katja Setanka, "Und wenn Sie hier auf der VICTORY bleiben, werden Sie das ebenfalls nicht überleben."

        "Ich werde lieber ehrenvoll im Kampf sterben als feige vor dem Feind zu fliehen", verkündete der Admiral trotzig, "Sie, Commodorin Setanka, werden mit unseren Truppen hinunter auf den Planeten gehen. Dort können Sie bei der Verteidigung von Kalan-City helfen. Hier werden Ihre Dienste nicht mehr gebraucht."

Commodorin Katja Setanka zog resignierend die Schultern hoch. Sie wusste, dass sie den Admiral nicht mehr umstimmen konnte.

Weder er noch seine Offiziere schienen zu begreifen, dass sie sich sinnlos opfern wollten.

Ihr blieb nichts anderes, als sich hinunter nach Kalan-City zu begeben. Solange wenigstens die Zentralstadt von KALAN IV noch von den Balkarern gehalten werden konnte, war die Kolonie noch nicht ganz verloren.

 

 

1. März 2318:

Als die Kampfverbände der terranischen Raumgarde in das KALAN-System eindrangen, flogen sie direkt in die Minenfallen der Rodaler hinein.

Die Katastrophe war perfekt:

        Bereits in den ersten 10 Minuten wurden 18 Zerstörer, 5 Kreuzer und 3 Fregatten vernichtet, als sie von Dutzenden mit Nuklearsprengköpfen bestückten Minentorpedos getroffen wurden, denen ihre Energieschirme nicht standhalten konnten.

Das Schlachtschiff XERXES wurde gleich zu Beginn der Schlacht so schwer beschädigt, dass es abdrehen und auf Fluchtkurs gehen musste, um der Vernichtung zu entgehen.

Als die terranischen Schiffe den Minen mit hektischen Flugmanövern auszuweichen versuchten, löste sich ihre wohldurchdachte Einsatzformation in ein wildes Chaos auf.

Die meisten Schiffe waren danach vollauf damit beschäftigt, die von allen Seiten heranschießenden Minen-Torpedos mit ihren Positronenwerfern und Lasergeschützen abzuwehren und deshalb außerstande, auf den jetzt folgenden Angriff der rodalischen Flotte angemessen zu reagieren.

 

Großadmiral Enrico Santez, der die Flotte von der Kommandozentrale der ACHILLES aus befehligte, sah die zahlreichen Symbole mit Zahlenkolonnen, die sich über das taktische Anzeige des Hauptbildschirmes bewegten und die schnell näher kommenden feindlichen Angriffsgeschwader darstellten.

Niemand hatte damit gerechnet, dass die Rodaler ganze Schwärme von Minen gegen die Terraner einsetzen würden. Santez musste in ohnmächtiger Wut mitansehen, wie sich die Formation seiner Flotte innerhalb weniger Minuten in ein heilloses Durcheinander verwandelte, in dem die terranischen Schiffe hektisch um das nackte Überleben kämpften.

 

".....Schlachtschiff NARSES - werden von schweren Kreuzern und Zerstörerflottillen angegriffen - Begleitfregatten sind abgedrängt - Schutzschirm überlastet - gehen auf Fluchtkurs...."

 

"....SRV-Geschwader 67 - zwei Kreuzer schwer beschädigt und mänövrierunfähig - vier Zerstörer  durch Minen vernichtet ...."

 

".....Schlachtschiff HADRIAN - drei Begleitfregatten verloren - schwere Minentreffer ...."

 

".....SRV-Geschwader 52 - schwere Attacken durch feindliche Raumjäger und Schlachtschiffe - drei eigene Kreuzer und neun Zerstörer verloren - Anschluss an eigene Verbände unmöglich - sind abgeschnitten und  nehmen Kurs auf KALAN IV ...."

".....SRV-Geschwader 74 - Verluste 70% - gehen auf Fluchtkurs ...."

 

".....Schlachtschiff HANNIBAL - schwere Schäden in der Kommmandozentrale - Zielerfassung ausgefallen - zwei von unseren Begleitfregatten sind vernichtet ...."

 

".....Schlachtschiff AENEAS - Treffer in der Antriebssektion - schwere Schäden - alle Begleitfregatten verloren - sind abgeschnitten - versuchen Durchbruch nach KALAN IV  ...."

 

Großadmiral Santez an alle Verbände:

        "Operation abbrechen! Sofortiger Rückzug aller Einheiten! Flankenschutz durch die noch vollständigen Kreuzergeschwader! Rückendeckung durch die Schlachtschiffe ODYSSEUS, ALARICH und ACHILLES mit ihren Begleit-Fregatten! Fluchtkurs auf Koordinate X:1236-Y:8945-Z:6669-Strich:1837! Alle abgeschnittenen Einheiten operieren nach eigenem Ermessen!"

 

Die überlebenden Schiffe der terranischen Einsatzflotte flohen mit höchster Geschwindigkeit und verließen das KALAN-System.

Innerhalb einer einzigen Stunde hatte die Raumgarde ihre schwerste Niederlage seit dem Ende des 1. interstellaren Krieges erlitten.

 

Dem beschädigten Schlachtschiff AENEAS gelang es jedoch, zusammen mit zwei Kreuzern und fünf Zerstörern des 52. SRV-Geschwaders bis nach KALAN IV durchzubrechen und zum kleinen Rest der 5.balkarischen Flotte zu stoßen, deren Schiffe noch immer stur auf ihren Positionen rund um den Planeten und seine Monde verharrten.....

 

 

Oberst Stephan Iljuschin, Kommandant des Schlachtschiffes AENEAS, an den Befehlshaber der balkarischen Streitkräfte von KALAN IV:

        "Ich werde die Raumlandekompanie der AENEAS hinunter nach Kalan-City bringen lassen, damit  sie dort die noch vorhandenen Verteidigungskräfte der Stadt verstärken. Es ist unmöglich, den Planeten und die Monde vom Weltraum aus zu verteidigen. Dazu sind unsere Kräfte nicht mehr stark genug. Ich werde mit unseren verbliebenen Schiffen einen Einsatzverband bilden und mich hinter den ersten Planeten in den sonnennahen Bereich zurückziehen. In dieser Zone kann der Feind unsere Schiffe nicht orten. Von dort aus werden wir Störangriffe auf die gegnerischen Verbände fliegen.

Ich empfehle Ihnen, sich mit Ihren restlichen Schiffen unserem Verband anzuschließen, bevor sie vernichtet werden."

 

Admiral de Mercantes an den Kommandanten der AENEAS:

        "Zwei Kreuzer und fünf von meinen Zerstörern werden sich Ihren Schiffen anschließen.

Ich gehe mit dem Schlachtschiff VICTORY und meinen restlichen sechs Zerstörern in eine möglichst niedrige Umlaufbahn um KALAN IV. Dadurch behindern wir die voraussichtlichen Landeoperationen der Lomoghener, die uns nicht mit Fernwaffen bekämpfen können, ohne dabei ihre eigenen Leute auf dem Planeten zu gefährden. Für die Verstärkung unserer Bodentruppen in Kalan-City danke ich Ihnen. Ich werde so lange wie möglich versuchen, eine Landung feindlicher Truppen auf dem Planeten zu verhindern."

 

 

Paris, 7.März 2318, Bezirk Frankreich,

Büro des Präsidenten der Terranischen Föderation

 

        "KALAN IV ist das größte Debakel, das die Raumgarde seit ihrem Bestehen erlebt hat", schimpfte Präsident Joran Alba, "Wie konnte so etwas passieren?"

        "Niemand konnte vorhersehen, dass die Rodaler Raum-Minen einsetzen würden", versuchte Großadmiral Santez zu erklären, "Diese Waffen wurden seit über fünfzig Jahren in keinem Konflikt mehr eingesetzt, weil sie eine zu große Gefahr für die eigenen Streitkräfte darstellen. Wir sind den Rodalern direkt in die Falle gelaufen."

        "Gab es keine Raumaufklärung, die Sie hätte warnen können?" fragte der Präsident, "Warum wurde kein Scout-Schiff in das KALAN-System geschickt, um die Aktivitäten der Rodaler und Lomoghener auszukundschaften?"

        "Es wurde ein Scout-Schiff zur Erkundung vorausgeschickt", antwortete Santez, "Aber es kehrte nicht zurück und hat sich auch nicht mehr gemeldet. Vermutlich wurde es entdeckt und vernichtet, bevor es uns warnen konnte."

        "Konnten denn die Balkarer Sie nicht über die Minen informieren?"

        "Die Rodaler haben alle Frequenzen mit Störsendern blockiert", sprach der glücklose Chef der TRV, "Wir konnten erst innerhalb des KALAN-Systems mit den Balkarern Kontakt aufnehmen. Aber da war es bereits zu spät. Wir mussten uns zurückziehen, bevor uns die Rodaler zu Klump schießen konnten. Allerdings ist das Schlachtschiff AENEAS mit ein paar anderen Schiffen bis nach KALAN IV durchgebrochen und konnte zu den Balkarern stoßen. Wir haben jedoch keinen Kontakt mit ihnen, da die Rodaler immer noch jeden Funk mit ihren Störsendern blockieren. Vermutlich wird Oberst Iljuschin dort jetzt nach Guerilla-Taktik operieren, um die Rodaler und Lomoghener in Atem zu halten."

        "Wann ist die Raumgarde bereit für einen neuen Vorstoß in das KALAN-System?" wandte sich der Präsident jetzt an die Oberkommandierende der Raumstreitkräfte.

        "In vier Tagen werden wir es gemeinsam mit der 1.balkarischen Flotte noch einmal versuchen", erklärte die Lordadmiralin, "Dann werden wir die Rodaler und ihre lomoghenischen Lakaien wieder aus dem KALAN-System vertreiben."

        "Können sich die Balkarer und unsere überlebenden Einheiten dort noch so lange halten?" wollte der Präsident wissen, "Schließlich sind sie bereits seit sechs Tagen völlig auf sich allein gestellt."

 

        "Das kann ich Ihnen nicht sagen", sprach Lordadmiralin Mandara leise, "Ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt noch leben."

 

 

 Ende des 1. Teils

 

Ende des 12. Bandes

 

 


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