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STAR-FORCE

Science-Fiction-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Band 10

Killer-Nebel

 

 

28.Januar 2312, Militärsektor der Marskolonie,

Hauptquartier der terranischen Raumgarde:

 

Lordadmiralin Jennifer Mandara (seit dem 1. Januar 2312 die neue Oberbefehlshaberin der terranischen Raumstreitkräfte) hatte eine dringende Besprechung einberufen.

 

Teilnehmer dieser geheimgehaltenen Konferenz waren:

- Lordprotektor Jeffrey Hamblin, der Chef des terranischen Geheimdienstes (Dezernat GS);

- Großadmiralin Kerstin Dybrok, die neue Kommandierende der schnellen Raumverbände (SRV);

- Großadmiral Boris Kamarow, der Chef der Raumaufklärungsverbände (RAV);

- Commodorin Caroline Milton, die Kommandantin des Forschungsraumschiffes ARISTOTELES, die ein halbes Jahr zuvor von einer Fernexpedition aus dem galaktischen Norma-Spiralarm zurückgekehrt war.

 

     "Ich habe Sie zu mir bestellt", erklärte die Lordadmiralin nach einer kurzen Begrüßung, "weil ich vor ein paar Stunden besorgniserregende Nachrichten durch den Geheimdienst erhalten habe. In diesen Nachrichten sind Hinweise enthalten, die einen Zusammenhang mit den Vorkommnissen während der Fernexpedition der ARISTOTELES im Norma-Spiralarm vermuten lassen. Deshalb habe ich auch Commodorin Milton zu dieser Besprechung eingeladen."

 

     "Und was sind das für Nachrichten?" fragte Kerstin Dybrok.

 

     "Das wird Ihnen Mister Hamblin erklären", antwortete die Oberkommandierende und forderte den Geheimdienstchef auf, mit seinen Erläuterungen zu beginnen.

 

     "Zunächst einmal möchte ich an die Vorkommnisse während der ARISTOTELES-Expedition erinnern", begann Jeffrey Hamblin, "Aus dem Bericht von Commodorin Milton ist zu entnehmen, dass ihr Schiff während des Anfluges auf den inneren Planeten des neu entdeckten Milton-Systems von einer gasförmigen Kreatur angegriffen wurde, die sich offenbar von organischer Materie ernährte. Weiter ist dem Bericht zu entnehmen, dass es noch mehr von diesen Nebelkreaturen gab, die höchstwahrscheinlich eine ganze Zivilisation ausgerottet haben. Es muss sich also um eine sehr gefährliche und äußerst aggressive Lebensform handeln. Und nun haben wir Hinweise erhalten, die vermuten lassen, dass diese Nebelwesen auch auf unserer Seite der Galaxie aufgetaucht sind."

 

     "Welche Hinweise meinen Sie denn?" fragte Boris Kamarow, "Die Raumaufklärung hat bis jetzt noch keine derartigen Wesen geortet."

 

     "Unsere Agenten in den Gebieten der Meltium-Union und der Lomooghen-Republik haben von einigen seltsamen Vorfällen erfahren, die dort vor allem die Militärs beunruhigen. Die Meltium-Direktoren vermissen seit einiger Zeit zwei große Raumfrachter und ein bewaffnetes Patrouillenschiff. Ein dritter vermisster Frachter wurde zwar gefunden, aber an Bord gab es seltsamerweise nicht die geringste Spur organischer Materie mehr zu finden.

Bei den Lomooghenern wurde zwei Wochen lang ein Passagierschiff vermisst, das sich bereits im Anflug auf seinen Zielplaneten befand, bevor jeder Kontakt mit ihm abbrach. Als das Schiff schließlich gefunden und geborgen werden konnte, gab es an Bord kein Leben mehr und - wie bei dem eben erwähnten Meltium-Frachter - es war auch keine Spur von organischer Materie mehr vorhanden.

Zudem gibt es - allerdings noch unbestätigte - Gerüchte, dass Kaperschiffe der Randwelten-Nomaden in Kämpfe mit unbekannten Angreifern verwickelt wurden. Danach soll es an Bord der Nomaden-Schiffe keine Überlebenden mehr gegeben haben."

 

     "Seit dem Beginn der interstellaren Raumfahrt sind doch immer wieder Raumschiffe verunglückt oder spurlos verschwunden," wandte Kerstin Dybrok ein, "Dieser Umstand allein ist noch kein Beweis dafür, dass die Nebelwesen aus dem Norma-Arm in unseren Teil der Galaxie gekommen sind."

 

    "Da gebe ich Ihnen durchaus recht", stimmte der Geheimdienstler zu, "Aber es wurde auch noch niemals ein verunglücktes Schiff gefunden, an dessen Bord es keine organische Materie mehr gab. Bis jetzt wissen wir nur von einer einzigen Lebensform, die einen großen Hunger auf organische Materie zu haben scheint. Commodorin Milton ist dieser Lebensform im Norma-Spiralarm begegnet. Durch ihre Berichte wissen wir, welche Bedrohung diese Wesen darstellen."

 

     "Aber wie sollen diese Kreaturen denn auf unsere Seite der Galaxie gelangt sein?" gab Boris Kamarow zu bedenken, "Immerhin ist der Norma-Spiralarm rund hunderttausend Lichtjahre weit entfernt. Dazu müssten diese Nebeldinger den interdimensionalen Raumflug beherrschen."

 

    "Wir haben während unserer Expedition ein gigantisches Wurmloch beobachtet," sprach jetzt Caroline Milton, "das schließlich den gesamten inneren Planeten des von uns entdeckten Sonnensystems verschlungen hat. Nur der Umstand, dass es sich in einem Feld extremer Zeitdehnung befand, gab uns die Möglichkeit, rechtzeitig den Gefahrenbereich zu verlassen, sonst wären auch wir verschlungen worden. Niemand kann voraussagen, wo das Wurmloch die von ihm geschluckten Objekte wieder ausgespuckt hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das vor einem Jahr im Vecator-System aufgetauchte fremde Walzenschiff so auf diese Seite der Galaxie gelangt. Dabei ist es zugleich um mehrere Jahrhunderte in seine Zukunft versetzt worden. Vielleicht sind die Nebelwesen ebenfalls durch ein Wurmloch gezogen und in unserem Teil der Galaxie wieder herausgeschleudert worden."

 

     "Aber das im Vecator-System aufgetauchte Fremdschiff wurde doch in die Zukunft geworfen", meinte Boris Kamarow, "Wenn es den Nebelwesen ebenso ergangen ist, dann können sie hier doch erst in ein paar Jahrhunderten auftauchen."

 

     "Das kann niemand mit Sicherheit sagen", widersprach ihm Commodorin Milton, "Wir wissen aus den Aufzeichnungen der Walzenschiff-Erbauer, dass ihr Heimatsystem schon etwa vierhundert Jahre zuvor von einem Wurmloch heimgesucht wurde und dass kurz darauf auch die Angriffe der Nebelwesen begannen, die zum Untergang ihrer Zivilisation geführt haben. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass mit dem Walzenschiff im Vecator-System auch einige dieser gefährlichen Nebelwesen hergekommen sind."

 

     "Aber das sind doch alles nur Spekulationen, für die es keine wirklichen Beweise gibt", winkte Großadmiral Kamarow ab, "Unsere Raumaufklärung hätte doch längst Alarm geschlagen, wenn solche Weltraumlebewesen irgendwo aufgetaucht wären. Schließlich patrouillieren unsere Fernaufklärer und Scoutschiffe auch außerhalb des Föderationsgebietes. Ihnen wäre es sicher nicht entgangen, wenn irgendwo in den Kolonien eine fremde Lebensform aufgetaucht wäre."

 

     "Unsere Sensoren konnten das Nebelwesen damals nicht orten, bevor es uns direkt angriff", gab Caroline Milton zu bedenken, "Wir konnten es nur visuell wahrnehmen. Nur deshalb konnte es uns überraschen, was uns beinahe das Leben gekostet hätte. Das Nebelwesen hat unseren konventionellen Prallfeldschirm ohne Mühe durchdrungen und das Schiff eingehüllt, bevor wir das neue Aggregat für die rotierende Energieblase aktivieren konnten, das wir von dem Walzenschiff im VECATOR-System übernommen hatten. Die besten Ortungsanlagen können diese Wesen nicht erfassen, und solange sie sich nicht in Sichtweite befinden, bleiben sie unentdeckt."

 

     "Also gibt es keinen sicheren Beweis dafür, dass diese Nebeldinger tatsächlich in unserer Nähe aufgetaucht sind", meinte Großadmiralin Dybrok, "Alles, was wir haben, sind Gerüchte und Vermutungen. Wir sollten erst einmal sicher sein, ob diese Bedrohung wirklich existiert, bevor wir Alarm schlagen."

 

     "Trotzdem müssen alle Raumpatrouillen angewiesen werden, auf jedes Phänomen zu achten, das ähnliche Eigenschaften wie die beschriebenen Nebelwesen aufweist", sprach die Oberkommandierende, "Und sie sollten auf jeden Fall darüber informiert werden, dass diese Wesen nicht mit den Ortungsgeräten erfasst werden können, sondern nur visuell zu erkennen sind."

 

     "Ich werde unsere Außenteams anweisen, nach weitere Indizien zu forschen und konkrete Beweise für die Existenz der Nebelwesen zu beschaffen", erklärte der Geheimdienstchef, "Sobald wir über neue Erkenntnisse verfügen, werde ich Sie darüber informieren."

 

 

Andrea Obanek hatte zwar schon einiges von den geheimnisvollen "Nardim" aus dem galaktischen Sagittarius-Arm gehört, aber weder sie noch jemand aus ihrer Crew hatte je eines der Dreikugel-Raumschiffe dieser Wesen zu Gesicht bekommen.

 

dass ausgerechnet jetzt ein solches Schiff direkt auf ihrem Kurs auftauchte, gefiel ihr ganz und gar nicht, denn schließlich waren die Laderäume ihres Raumers vollgestopft mit der Beute aus einem Überfall auf einen Raumfrachter der Basaren-Liga.

 

Eigentlich sollte hier ein Schiff der "Khonaza" auf sie warten, welches das Beutegut gegen entsprechende Bezahlung übernehmen sollte.

 

Aber von einem Khonaza-Schiff war auch mit der Fernortung keine Spur zu entdecken. Entweder hatte es sich verspätet oder es hatte sich wegen des Nardim-Schiffes bereits wieder aus dem Staub gemacht.

 

Andrea Obanek stieß einen wütenden Fluch aus. Sie wollte und konnte sich keine Verzögerungen leisten, denn wenn sie sich länger in diesem Raumsektor aufhielt, lief sie Gefahr, einem Patrouillenschiff der terranischen Raumgarde zu begegnen. Eine solche Begegnung konnte ziemlich unangenehm werden, denn die Kampfschiffe der Raumgarde pflegten nicht sehr zimperlich zu sein, wenn sie ein Piratenschiff der Randwelten-Nomaden vor ihre Waffensysteme bekamen.

 

Raumpiraterie war ein sehr lohnendes, aber auch sehr risikoreiches Geschäft, das Andrea Obanek seit fast zwei Jahren recht erfolgreich betrieb. Sie hatte das schnelle und gut bewaffnete Kaperschiff mit dem Namen STARBEAST von ihrem Vater geerbt, nachdem dieser von einem Konkurrenten ermordet worden war.

 

Andrea Obanek hatte den Mörder ihres Vaters nur wenige Wochen später eigenhändig ins Jenseits befördert und damit ihren Führungsanspruch als neue Kapitänin der STARBEAST bekräftigt. Danach hatte niemand mehr ihre Position angezweifelt.

 

     "Soll ich den Kurs ändern?" fragte der Pilot, "Oder sollen wir uns das Schiff aus der Nähe ansehen?"

 

     "Erst die Antriebsleistung verringern", wies sie ihn an, "Ich will mich dem Ding da vor uns so langsam wie möglich nähern. Wir müssen es zuerst gründlich scannen, damit wir nicht in eine Falle geraten."

 

     "Ich kann keine Energieleistung messen", meldete der Navigator, "Das Schiff treibt ohne Antrieb im Raum. Vielleicht hat es eine Havarie. Es gibt auch keine Wärmestrahlung ab."

 

     "Wie sieht es mit Funksignalen aus?" wollte die Kapitänin wissen.

 

     "Kein einziger Piepser", lautete die Antwort, "Aber ich weiss nicht, welche Frequenzen diese Nardim benutzen und ob wir sie überhaupt messen könnten."

 

     "Können die Scanner schon irgendwelche Bewegungen im Innern feststellen?"

 

     "Dafür sind wir noch zu weit entfernt. Unsere Kinetik-Sensoren reichen nur knapp 10 Kilometer weit. Und um die Schiffshülle zu durchdringen, müssen wir noch näher heranfliegen."

 

     "Das Schiff muss ein Leck haben", meinte der Pilot, "Es verliert seine Bordatmosphäre."

 

Auf den Außenbildschirmen konnte man jetzt sehen, wie aus dem Dreikugelschiff eine schwach leuchtende, weißliche Gaswolke ausströmte.

 

     "Wenn das die Bordatmosphäre ist", bemerkte der Pilot, "dann muss das ein ungewöhnlich dichtes Gasgemisch sein. Es müsste sich im Vakuum eigentlich sofort verflüchtigen. Aber es bleibt trotzdem zusammenhängend. Außerdem scheint es schwache Leuchtkraft zu haben, als wäre es elektrisch aufgeladen."

 

     "Wir sollten uns eine Probe von dem Zeug beschaffen", schlug der 1.Offizier vor, "Dadurch können wir herausfinden, was diese Nardim zum Atmen brauchen. Dieses Wissen ist sicher eine Menge wert."

 

     "Startet eine Robotsonde", befahl die Kapitänin, "Sie soll eine Probe von dem Zeug aufnehmen. Inzwischen werden wir uns das Schiff genauer ansehen. Vielleicht können wir es mit Magnetankern abschleppen. Ein Nardim-Schiff ist bestimmt ein paar Millionen Intercredits wert."

 

     "Wir können es aber nicht durch den Hyperraum schleppen", wandte der 1.Offizier ein, "Interdim-Felder können immer nur eine fest zusammenhängende Masse umschließen und durch einen Raumtunnel katapultieren. Die Magnetanker nutzen dabei überhaupt nichts."

 

     "Dann müssen wir es irgendwo in der Nähe verstecken, wo wir es später auseinandernehmen können", sprach Andrea Obanek, "Das bringt uns mehr ein als alle bisherigen Kaperfahrten."

 

     "Die Gaswolke treibt jetzt vom Schiff weg", meldete der Navigator, "Sie löst sich immer noch nicht auf. Ich möchte bloß wissen, was das für ein Zeug ........ Verdammt! Jetzt ändert es seine Richtung! Es beschleunigt !!!"

 

     "Was?" entfuhr es der Kapitänin, "Das gibt es doch nicht!"

 

    "Aber es ist so. Das Zeug entfernt sich von uns und wird dabei immer schneller. Das ist mit Sicherheit keine Gaswolke !"

 

Plötzlich heulten die Alarmsirenen im Schiff auf.

 

    "Ortungsalarm!" brüllte der Navigator, "Ein terranischer Kreuzer! Er nimmt Kurs auf uns!"

 

     "Sofort abdrehen!" befahl die Kapitänin, "Interdim-Antrieb hochfahren und Raumtunnel öffnen. Wir müssen weg, bevor die uns unter Beschuss nehmen."

 

Das Kaperschiff schwenkte ab, um dann mit voller Beschleunigung auf Fluchtkurs zu gehen.

 

Bevor die Waffensysteme des terranischen Patrouillenschiffes sie erfassen konnten, wurde der Interdimensional-Antrieb der STARBEAST aktiviert und öffnete vor dem Schiff einen Raumtunnel, in dem es Sekunden später verschwand.......

 

 

     "Wir haben endlich ein Raumschiff der Nardim erbeutet!" rief Großadmiralin Dybrok aufgeregt, als sie überraschend in das Büro der Oberkommandierenden hineinstürmte.

 

"Was?" fragte Jennifer Mandara verblüfft, "Wie ist Ihnen das gelungen?"

 

     "Es war ein glücklicher Zufall", erklärte die Chefin der Schnellen Raumverbände (SRV), "Ein Kreuzer des 41.Geschwaders war auf Patrouillenflug im äußeren Sektor der Scorpion-Centaurus-Gruppe und traf dort auf ein Schiff der Khonaza, das er abfangen und vernichten konnte. Als der Kreuzerkapitän den ursprünglichen Kurs des Khonaza-Schiffes weiterverfolgte, entdeckte man schließlich ein Piratenschiff der Randwelten-Nomaden, das gerade dabei war, ein offenbar havariertes und völlig manövrierunfähiges Nardim-Raumschiff zu kapern. Als unser Kreuzer auftauchte, ergriff das Piratenschiff sofort die Flucht, so dass man sich ungestört um das Nardim-Schiff kümmern konnte."

 

     "Wurde es schon geborgen?" wollte die Lordadmiralin wissen.

 

     "Noch nicht, aber es wird jetzt von einem ganzen Kreuzergeschwader bewacht", gab Kerstin Dybrok Auskunft, "Leider können unsere Interdim-Antriebe nur zusammenhängende Körper durch einen Raumtunnel schießen. Alles andere würde durch die Beschleunigungskräfte auseinandergerissen. Man kann das Nardimschiff nur durch den Hyperraum transportieren, wenn es von einem größeren Raumschiff komplett an Bord genommen wird."

 

     "Aber die Raumgarde verfügt über keine Schiffe mit derartig großer Ladekapazität. Nicht einmal unsere Trägerschlachtschiffe haben so große Laderäume."

 

     "Wir haben die ORB (Oberste Raumbehörde) verständigt", erklärte die SRV-Chefin, "Dort hat man die COLOSSUS von der Universal Trade Company gechartert. In deren Laderaum kann man sogar einen ganzen Kreuzer hineinpacken. Damit kann das Nardim-Schiff hergebracht werden, ohne dass es jahrzehntelang durch den Normalraum bis zur nächsten Basis geschleppt werden muss."

 

     "Gut", nickte die Oberkommandierende, "Dann informiere ich die RFB (Raumforschungsbehörde), damit die sich dort auf eine gründliche Untersuchung des Beuteschiffes vorbereiten können. Jetzt bekommen wir endlich die Chance, mehr über die Technologie der Nardim zu erfahren."

 

 

24.März 2312;

Mitteilung der Raumforschungsbehörde

an die Oberste Raumbehörde und das Oberkommando der Raumgarde:

 

     "Das in den Grenzsektoren der Scorpion-Centaurus-Gruppe aufgebrachte Nardim-Schiff wurde unter der Leitung des Institutes für Raumfahrttechnologie in der orbitalen Venus-Raumwerft eingehend untersucht. Teile der technischen Einrichtung des Raumschiffes wurden zwecks genauerer Analyse in die lunaren Forschungslaboratorien des Institutes für Astronautik gebracht.

 

Mit abschließenden Ergebnissen ist jedoch in absehbarer Zeit nicht zu rechnen, da wir es hier mit einer fremden Technologie zu tun haben, die mit der unsrigen nicht vergleichbar ist und nur in Bezug auf Funktionalität und Wirkungsweise enfernte Ähnlichkeiten mit menschlicher Technologie aufweist.

 

Es kann jedoch bereits gesagt werden, dass es sich bei dem erbeuteten Nardim-Schiff um ein Raumfahrzeug handelt, das höchstwahrscheinlich für Spionage- und Erkundungsflüge eingesetzt wurde.

 

Weiter ist es von besonderer Auffälligkeit, dass an Bord des Nardim-Schiffes nicht die geringsten Spuren organischer Materie gefunden werden konnten, obwohl sie nach Aussage von hinzugezogenen Experten für Kosmobiologie hätte vorhanden sein müssen. Letzteres lässt vermuten, dass das erbeutete Nardim-Schiff einer Katastrophe zum Opfer gefallen ist, welches die restlose Auflösung aller an Bord befindlichen organischen Materialien zur Folge hatte. Es ist als wahrscheinlich anzusehen, dass die Besatzung des Nardim-Schiffes durch diese Katastrophe umgekommen ist.

 

Ob die Vernichtung der organischen Materialien an Bord des erbeuteten Schiffes auf die Einwirkung von unbekannten Waffen zurückzuführen ist, kann weder bestätigt noch ausgeschlossen werden."

 

gez. Vanessa Robin,

Leiterin der Raumforschungsbehörde.

  

 

Andrea Obanek war vor vier Tagen mit der STARBEAST auf dem Raumflughafen von NEU-MARACAIBO gelandet und hatte seitdem versucht, ihr Beutegut zu einem guten Preis zu verkaufen.

 

Allerdings war letzteres nicht gerade einfach, denn NEU-MARACAIBO war eine Outsider-Welt in der galaktischen Randzone, auf der sich Raumpiraten, Schmuggler und Freihändler aus allen Kolonien der Menschheit trafen, um hier ihre nicht gerade legalen Geschäfte zu tätigen. Dementsprechend groß war die Konkurrenz, was sich natürlich nicht gerade günstig auf die Preise auswirkte. Erschwerend kam hinzu, dass Andrea Obaneks Beute hauptsächlich aus Bauteilen für Schiffscomputer bestand, von denen es derzeit ein Überangebot gab, da schon vor ihr zwei andere Piratenschiffe auf NEU-MARACAIBO eingetroffen waren, die ebenfalls solche Bauteile zum Verkauf angeboten hatten.

 

Die Freibeuterin hatte sofort nach ihrer Ankunft mit den örtlichen Khonaza-Zwischenhändlern Kontakt aufgenommen, musste jedoch erfahren, dass diese ihren derzeitigen Bedarf an Computer-Bauteilen bereits bei der Konkurrenz gedeckt hatten und deshalb nur viel zu niedrige Preise zahlen wollten.

 

Dann hatte sie erfahren, dass der bekannte Freihändler Taran Barkas einen Tag nach ihrer Ankunft auf NEU-MARACAIBO gelandet war. Andrea Obanek kannte den Mann von früheren Geschäften her und wusste, dass Taran Barkas in der Regel ganz annehmbare Preise zahlte.

 

Also nahm sie Kontakt mit dem Freihändler auf und vereinbarte mit ihm ein Treffen, das in der Bar des Hotels stattfinden sollte, in dem sich Taran Barkas und seine Partnerin Tascha Kaneda einquartiert hatten.

 

Im Verlauf der wenige Stunden später stattfindenden Unterredung beging die Piratin jedoch den Fehler, von ihrer Begegnung mit dem havarierten Nardim-Schiff zu erzählen, denn Andrea Obanek konnte nicht ahnen, dass Taran Barkas als Spezialagent für den terranischen Geheimdienst arbeitete.

 

Und so kam es, dass sich die Freibeuterin bereits einen Tag später als Gefangene an Bord eines schnellen Kurierschiffes befand, mit dem sie zum marsianischen Hauptquartier des Dezernat-GS gebracht wurde.....

 

 

    "Die Mitteilung der RFB hat meine Befürchtungen bestätigt", sprach Jeffrey Hamblin mit ernster Miene, "Offenbar sind auch die Nardim durch diese fremdartigen Killernebel bedroht. Der Umstand, dass an Bord des Beuteschiffes keine Spur von organischen Stoffen gefunden wurde, erhärtet meinen Verdacht. Ich rate Ihnen daher dringend, sofort die gesamte Raumgarde zu alamieren und auch die zivile Raumfahrt zu warnen. Andernfalls riskieren wir es, dass auch Schiffe der Föderation verloren gehen."

 

     "Es gibt immer noch keinen zweifelsfreien Beweis dafür, dass die Killernebel wirklich auf dieser Seite der Galaxie aufgetaucht sind", meinte Lordadmiralin Mandara, "Noch gibt es keine bestätigte Sichtung dieser Wesen. Wenn ich jetzt einen Großalarm auslöse, riskiere ich, dass es zu Panikreaktionen auf den Föderationswelten kommt. Die Folgen wären dann nicht mehr kalkulierbar."

 

     "Ich kann Ihnen den Beweis für die Existenz der Killernebel liefern", antwortete der Geheimdienstchef, "Unsere Agenten haben durch Zufall auf der Outsider-Welt NEU-MARACAIBO die Kapitänin des Piratenschiffes gefunden, das von unserem Kreuzer am Entern des havarierten Nardimschiffes gehindert wurde. Diese Piratin hat mit ihrer Crew beobachtet, wie ein gas-ähnliches Gebilde aus dem antriebslos treibenden Nardimschiff gekommen ist, das sie anfänglich für die ausströmende Bordatmoshäre des Raumschiffes gehalten haben. Aber sie haben kurz darauf beobachtet, dass es sich aus eigener Kraft im Weltraum bewegen konnte und sich schließlich mit hoher Geschwindigkeit entfernt hat. Es ist unseren Agenten gelungen, die Frau auf NEU-MARACAIBO zu entführen und herzuschaffen. Sie ist vor vier Stunden hier eingetroffen und wurde bereits verhört. Ihre Aussagen wurden aufgezeichnet und stehen Ihnen zur Verfügung. Es steht Ihnen frei, die Frau auch persönlich zu befragen."

 

     "Also gut", meinte die Lordadmiralin nach einer Minute nachdenklichen Schweigens, "Ich lasse die ORB verständigen und sämtliche Einheiten der Raumgarde alarmieren. Ob die zivile Raumfahrt und die anderen interstellaren Raumstaaten ebenfalls verständigt werden sollen, muss die oberste Administration entscheiden."

An ihren wartenten Adjudanten gewandt fuhr sie fort:

 

     "Hiermit ordne ich eine dringende Stabsbesprechung aller Führungsoffiziere an. Sorgen Sie dafür, dass auch Commodorin Milton daran teilnimmt. Als Kommandantin des einzigen Raumschiffes, das einen Killernebel-Angriff abwehren konnte, wird sie uns sicher noch wichtige Hinweise geben können. In der Zwischenzeit werde ich mir die Vernehmungsaufzeichnungen von dieser Piratin ansehen."

 

 

Dringlichkeits-Anweisung des Oberkommandos der Raumgarde

an alle Einrichtungen und Einheiten der terranischen Raumstreitkräfte:

 

"Für alle Sektoren im Raumgebiet der Terranischen Föderation wird höchste Alarmbereitschaft angeordnet.

Es besteht für alle im Raum operierenden Einheiten die Gefahr, von Weltraumkreaturen angegriffen zu werden, die von den Ortungsgeräten nicht erfasst werden können. Die fremdartigen Kreaturen bestehen aus einer unbekannten Substanz von extrem geringer Dichte und ernähren sich von organischen Stoffen jeglicher Art. Sie können nur visuell als nebelartige Gebilde mit geringer Dichte wahrgenommen werden. Daher wird angeordnet, dass jedes Schiff und jede Raumstation seine Umgebung mit den Außenkameras beobachtet, um einem Überraschungsangriff vorzubeugen. Eine Abwehr der Nebelkreaturen ist nur durch Erhitzung der Schiffshülle oder durch direkten Laserbeschuss möglich. Ob die neuen Rotationsfeldschirme einen ausreichenden Schutz bieten können, ist noch nicht bekannt. Die konventionellen Energieschirme haben sich als unwirksam erwiesen. Diese Information ist an alle zivilen Raumschiffe der Föderation weiterzugeben."
- - - - Dringlichkeits-Anweisung - Ende.

 

 

    "Kapitän van Hoyken ruft die Raumflug-Kontrolle auf MESENDA III. Hier ist das Passagier-Raumschiff MACAMBA der Antares-Reisegesellschaft, Register-Nummer AKY-81739-14218-PSS. Wir erreichen Ihre Umlaufbahn in 30 Minuten Standardzeit. Bitte senden Sie uns Ihr Leitsignal für eine freie Parkbahn in Ihrem äquatorialen Orbit."

 

Kapitän van Hoyken stieß einen lästerlichen Fluch aus, als er wieder keine Antwort bekam.

 

    "Schlafen die da unten?" schimpfte er wütend, "Warum antworten die denn nicht?"

 

    "Vielleicht ist ihre Kommunikation ausgefallen", meinte der Navigator.

 

    "Auf MESENDA III gibt es neben der Station für die planetaren Raumflugkontrolle sieben voneinander unabhängige Touristik-Centren", winkte der Kapitän ab, "Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass bei allen die Kommunikationsanlagen defekt sind."

 

    "Sollen wir Verbindung zu den Schiffen im Orbit aufnehmen?" fragte der 1.Offizier, "Ich habe vier andere Passagierschiffe in der Ortung. Vielleicht wissen die, was da unten los ist."

 

Der Kapitän nickte zustimmend, worauf der 1.Offizier die anderen Raumschiffe anfunkte.

 

Als auch von dort nach mehreren vergeblichen Versuchen keine Antwort kam, wurden die Männer in der Kommandozentrale der MACAMBA misstrauisch.

 

    "Da ist irgendetwas passiert", murmelte der Kapitän beunruhigt, "Ich glaube, wir sollten ein Shuttle starten, um nach dem Rechten zu sehen. Hier ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung."

 

    "Sollen wir vorsichtshalber die Raumgarde informieren?" erkundigte sich der 1.Offizier.

 

    "Ja, tun Sie das," antwortete van Hoyken, "Und dann machen Sie ein Shuttle startklar - aber sorgen Sie dafür, dass unsere Passagiere nichts davon merken. Ich will nicht noch mehr Probleme bekommen."

 

 

    "Irgendwie habe ich geahnt, dass so etwas passieren würde", brummte der Geheimdienstchef deprimiert, "Auf ganz MESENDA III ist keine Spur von Leben mehr zu finden. Ein ganzer Planet, der voll von vielfältigen Lebensformen war, ist in eine tote Welt verwandelt worden. Dort wird es nie wieder Leben geben. Und mit dem Planeten sind mehr als eine halbe Million Touristen und Kolonisten umgekommen - einschließlich der Raumfahrer in den Passagierschiffen, die sich zum Zeitpunkt der Katastrophe im Orbit befunden haben. Seit dem Überfall der Nardim hatten wir nicht mehr derartig viele Opfer zu beklagen."

 

    "Die einzige Möglichkeit, diese Nebelwesen aufzuspüren, liegt darin, die benachbarten Sektoren des Vecator-Systems zu untersuchen", sprach Großadmiral Kamarow, "Dort ist damals das Walzenschiff aus dem Norma-Spiralarm aufgetaucht. Wenn es stimmt, dass diese Kreaturen auf die gleiche Weise wie dieses Schiff auf unsere Seite der Galaxie gelangt sind, könnten wir dort vielleicht Hinweise auf ihren Verbleib finden."

 

    "Welche Einheiten könnten dort kurzfristig eingesetzt werden?" fragte die Oberkommandierende.

 

    "Das Trägerschlachtschiff POSEIDON befindet sich in unmittelbarer Nähe des Vecator-Systems", erklärte Großadmiral Raven, der Befehlshaber der StRV (Strategische Raumverbände), "Damit stehen uns zwanzig Zerstörer, zweihundert Raumjäger, vierzig Raumbomber, vierzig Kurzstrecken-Shuttles und ein Begleitgeschwader von zehn Fregatten für eine Suchaktion zur Verfügung."

 

    "Die RAV (Raumaufklärungsverbände) können zusätzlich einen Fernaufklärer mit Langstrecken-Raumsonden zum Vecator-System abkommandieren", meinte Kamarow, "Wenn wir uns auf die Richtung konzentrieren, aus der das Walzenschiff sich damals dem Vecator-System genähert hat, müsste das ausreichen. Außerdem können wir die Hilfe der lokalen Polizeibehörden in Anspruch nehmen, die uns sicher einige ihrer Patrouillenschiffe zur Verfügung stellen werden."

 

    "Dann sollten wir nicht länger warten", entschied die Lordadmiralin, "Je eher wir diesen Nebelkreaturen auf die Spur kommen, desto schneller finden wir vielleicht eine Möglichkeit, sie unschädlich zu machen."

 

 

Während die Suchflotte der terranischen Raumgarde - verstärkt durch Patrouillenboote der lokalen Raumpolizei - damit begannen, die wahrscheinliche Flugbahn des im Jahre 2311 im Vecator-System aufgetauchten Fremdschiffes zurückzuverfolgen, kam es "nur" knapp 20 Lichtjahre entfernt zu einem folgenschweren Unfall.

 

Ein alter Erzfrachter des Balkarischen Reiches musste seinen interdimensionalen Raumflug wegen eines plötzlich aufgetretenen Defektes im Hyperraumantrieb unterbrechen und "stürzte" übergangslos in das normale Raum-Zeit-Kontinuum zurück.

 

Unglücklicherweise tauchte der altersschwache Frachter direkt in der Flugbahn eines anderen Raumschiffes auf, das keine Chance mehr hatte, der drohenden Katastrophe zu entgehen.

 

Durch den unmittelbar darauffolgenden Zusammenstoß wurde dem balkarischen Frachter das gesamte Heck mit der Antriebssektion abgerissen. Das andere Raumschiff raste taumelnd weiter und explodierte nur wenige Minuten später.

 

Dem balkarischen Kapitän gelang es noch, einen Notruf auszustrahlen, bevor auch sein Schiff von mehreren schweren Detonationen in Stücke gerissen wurde.

 

Normalerweise wäre der nur mit Ultrakurzwelle gesendete Notruf ungehört in der Leere des Alls verhallt oder erst nach Jahren von irgendeiner Empfangsstation aufgefangen worden, denn dem Frachterkapitän war keine Zeit mehr geblieben, einen schnelleren Hyperraumfunkspruch abzusenden, den man schon Minuten später irgendwo empfangen hätte.

 

Doch zum Zeitpunkt des Unglücks befand sich eine unbemannte Langstrecken-Raumsonde der terranischen Raumaufklärung nur wenige Lichtminuten entfernt im direkten Anflug auf den betreffenden Sektor.

 

Die Sonde fing den Notruf auf und gab ihn programmgemäß sofort per Hyperraumfunk weiter.

 

So kam es, dass die in der Nähe des Vecator-Systems befindliche Suchflotte der Raumgarde alarmiert wurde.

 

Der Kommandant der POSEIDON entsandte eine Fregatte des Begleitgeschwaders und zwei seiner Zerstörer, die der Ursache des Notrufes auf den Grund gehen sollten........

 

 

Als die Fregatte und die beiden Zerstörer von der POSEIDON im Ursprungsgebiet des Notrufes eintrafen, wurden ihre Besatzungen Zeugen eines erbitterten Kampfes.

 

Etwa zwei astronomische Einheiten (AE) von ihnen entfernt erstreckte sich ein gewaltiges im Raum treibendes Asteroidenfeld, an dessen Randzonen Dutzende von Raumschiffen hektisch hin und her manövrierten und mit allen verfügbaren Waffen auf ganze Schwärme von Nebelkreaturen feuerten, welche immer wieder versuchten, die gegen sie kämpfenden Raumschiffe in ihre tödliche Umklammerung zu bekommen. Offensichtlich waren bereits einige Schiffe den Killernebeln bereits zum Opfer gefallen, denn sie trieben antriebs- und steuerlos durch die Leere des Alls.

 

Die Ortungssysteme der drei terranischen Schiffe gaben augenblicklich Alarm, als sie die fremden Sternenschiffe erfassten, denn die Drei-Kugel-Bauweise dieser Raumer war der terranischen Raumgarde bereits wohlbekannt.

 

Im Raumgebiet der terranischen Föderation kämpfte eine ganze Flotte der Nardim gegen die Nebelbestien !!

 

 

Admiral Richard Calderon, seines Zeichens Kommandant der POSEIDON, zögerte nicht lange, als er von der Nardimflotte im Gebiet der Föderation erfuhr.

 

Die Triebwerke des mächtigen Trägerschlachtschiffes wurden gezündet, um den Raumgiganten auf eine Geschwindigkeit zu beschleunigen, die ihm einen Übergang in den interdimensionalen Raum (Hyperraum) ermöglichte. Während der Beschleunigungsphase kehrten alle Jäger und Bomber zum Mutterschiff zurück und wurden wieder an Bord genommen, da sie über keine Interdim-Triebwerke verfügten. Die Zerstörer und Fregatten, die selbst hyperraumflugtauglich waren, folgten der POSEIDON in geringem Abstand.

 

 

Da die Distanz zum Zielort nach interstellaren Maßstäben relativ gering war und das "Untertunneln" der Raum-Zeit-Krümmung deshalb in einer einzigen Hyperraumflug-Etappe möglich war, erreichte die POSEIDON und ihre Begleitflotte den Sektor der Kampfhandlungen bereits nach 43 Minuten relativer Flugzeit.


Admiral Calderon hatte als blutjunger Kadett bereits im ersten interstellaren Krieg in der Raumgarde gedient und verfügte daher über genügend Erfahrung, um sofort zu erkennen, dass die Drei-Kugel-Schiffe der Nardim im Kampf gegen die Nebelkreaturen ziemlich schlecht aussahen.


Fast die Hälfte der Nardim-Schiffe trieb bereits antriebs- und steuerlos im All, einige davon waren durch Kollisionen mit Asteroiden schwer beschädigt oder völlig zerstört waren.


Die Taktik der Nardim bestand hauptsächlich darin, die Nebelwesen mit ihren Schwerkraftwellen-Werfern zusammenzutreiben und dann mit Salven von Energiegeschossen zu beschießen.


Da die Nebelwesen jedoch aus Substanzen von extrem geringer Materialdichte bestanden, konnten ihnen weder die Schwerkraftwellen noch die Energiegeschosse viel anhaben. Zwar wurden sie von den Schwerkraftfeldern zurückgeworfen und verloren dabei sogar fast ihre Konsistenz, trotzdem konnte ihnen dadurch kein dauerhafter Schaden zugefügt werden, da sie sich nach einem Treffer sofort neu zusammenziehen und so ihre ursprüngliche Konsistenz wiederherstellen konnten.


Auch die Energiegeschosse hatten nur geringe Wirkung, denn sie rasten nur durch die nebelartigen Kreaturen hindurch, ohne dabei viel von deren Substanz zu vernichten. Es war, als würde jemand versuchen, mit einem Maschinengewehr des 20.Jahrhunderts gegen Giftgaswolken zu kämpfen.


Die Nardimschiffe versuchten, ihr Feuer auf einzelne Exemplare zu konzentrieren, um so dessen Wirksamkeit zu erhöhen, hatten dabei jedoch nur mäßigen Erfolg.


Offenbar verfügten die Nardim nicht über Laserwaffen, die Weitwinkel-Strahlen abfeuern konnten, um so den Wirkungsbereich zu vergrößern und dadurch möglichst viel von der Substanz der Nebelwesen verbrennen zu können.


Einige der Nebelwesen wurden zwar durch den konzentrierten Beschuss von den Energie-Salven auseinandergerissen und lösten sich teilweise auf, doch die meisten der Kreaturen entgingen dieser Gefahr, indem sie sich einfach in das Asteroidenfeld zurückzogen, wohin ihnen die Schiffe nicht zu folgen wagten, da sie zwischen diesen kosmischen Trümmern nur sehr eingeschränkt manövrierfähig waren und die Gefahr gefährlicher Kollisionen bestand.


All dies erkannte Admiral Calderon schon nach wenigen Minuten und wusste, dass die Nardim den Kampf gegen die Nebelbestien verlieren würden. Warum die Nardim-Schiffe das Asteroidenfeld nicht mit Nuklear-Waffen bombardierten, blieb ihm allerdings ein Rätsel.


Dann traf er eine Entscheidung, welche die Geschichte der Menschheit verändern sollte.....


     "Alle Raumjäger sofort ausschleusen", befahl er, "Sie sollen ihre Bug-Laser auf Weitwinkel einstellen und den gefährdeten Nardim-Schiffen zu Hilfe kommen. Die Fregatten und Zerstörer sollen zwei Formationen im sicheren Abstand über und unter dem Asteroidenfeld bilden und die Nebelwesen von dort aus mit Weitwinkel-Laserstrahlen beschießen, sobald ich ihnen den Feuerbefehl gebe. Die POSEIDON wird hier ihre Kampfposition einnehmen. Wir werden mit unseren Transmissions-Schleudern vier Antimaterie-Bomben direkt in das Zentrum des Asteroidenfeldes projizieren und dort detonieren lassen. Die Begleitschiffe sollen dann gleichzeitig Raketen mit Nuklearsprengköpfen auf die Randsektoren abschießen. Geben Sie die entsprechenden Befehle."


     "Sollen wir Kontakt mit den Nardim aufnehmen?" wollte Oberst Tso-Nan wissen, seines Zeichens der 1.Offizier der POSEIDON.


     "Wenn Sie wissen, wie Sie sich denen verständlich machen können, versuchen Sie es", meinte der Admiral.


     "Ich werde ihnen visuelle Bilder übermitteln lassen, aus denen sie unsere Absichten erkennen können", meinte der Oberst.


     "Gute Idee", stimmte ihm der Kommandant zu, "Aber wo wollen Sie solche Bilder her nehmen?"


    "Wir haben zehntausend Besatzungsmitglieder an Bord", erklärte Tso-Nan, "Bestimmt sind auch Leute darunter, die schnell ein paar Zeichnungen machen können, die wir mit den Innenkameras aufnehmen und dann den Nardim übermitteln können."


"Einverstanden. Aber beeilen Sie sich, denn ich will vermeiden, dass die Nardim unsere Handlungen missverstehen."

 

 

Während die schnellen Raumjäger wie Schwärme wütender Hornissen aus den Startschächten der POSEIDON schossen, begannen die zehn Fregatten und zwanzig Zerstörer ihre Einsatzpositionen einzunehmen.


Dann strahlten die Funker ihre Botschaft an die Schiffe der Nardim aus, um ihnen klarzumachen, dass die terranischen Raumer nicht die Absicht hatten, sie anzugreifen.


Offenbar wurde die Botschaft verstanden, denn als sich die terranischen Raumjäger in Staffeln zu jeweils 5 Maschinen auf die Nebelwesen in der Nähe der Drei-Kugel-Raumschiffe stürzten, stellten diese ihr Feuer ein, um die terranischen Jäger nicht zu gefährden.


Die Weitwinkel-Laser der Raumjäger waren von vernichtender Wirkung, da sie innerhalb von Sekundenbruchteilen die Substanz der Nebelwesen verglühen ließen und diese regelrecht in Nichts auflösten.


Die Nebelkreaturen reagierten wie erwartet und flohen vor den terranischen Jägern in die vermeintliche Sicherheit des Asteroidenfeldes.


Nur wenige Augenblicke später explodierten die vier Antimaterie-Bomben der POSEIDON und verwandelten das Zentrum des Asteroidenfeldes in eine grellstrahlende Nova. Sekunden danach erreichten die Raketen der Fregatten und Zerstörer ihre Zielkoordinaten, wo ihre 60-Megatonnen-Nuklearsprengköpfe detonierten und das gesamte Asteroidenfeld in gewaltige Feuerwolken einhüllten. Direkt danach projizierten die Fregatten und das Trägerschlachtschiff mit ihren Transmissions-Schleudern weitere Nuklear-Sprengköpfe mitten in das Inferno hinein, um dessen Vernichtungspotential noch zu vergrößern. Auch die Nardim-Schiffe feuerten jetzt eine Energie-Salve nach der anderen in das Zielgebiet hinein. Das Asteroidenfeld verwandelte sich in eine grellstrahlende Feuerwolke, in der jetzt Temperaturen wie im Innern einer Sonne herrschten.


Als es einer Anzahl der Nebelwesen gelang, dieser Todeszone zu entkommen, wurden sie von den Schwerkraftwellen-Werfern der Nardim wieder in die strahlenden Glutwolken zurückgeschleudert.


Die wenigen Exemplare, die dennoch der Vernichtung entgehen konnten, wurden von den schnellen Raumjägern der POSEIDON erbarmungslos gejagt und mit Weitwinkel-Laserstrahlen ausgelöscht.


Etwa eine Stunde nach dem ersten Feuerschlag der terranischen Schiffe war von den Nebelkreaturen kein einziges Exemplar mehr zu entdecken, obwohl die Raumjäger der POSEIDON den gesamten Raumsektor gründlich durchsuchten.

Gemeinsam war es Nardim und Menschen gelungen, diese gefährlichen Weltraumkreaturen zu vernichten.

 

 

Als die Schlacht vorbei war und keine weiteren Nebelkreaturen mehr zu entdecken waren, begannen die Nardim-Schiffe pulkweise abzudrehen, um dann zu beschleunigen und den Raumsektor zu verlassen.


Nur eines der Dreikugelschiffe blieb auf seiner Position und begann per UKW-Funk eine Botschaft an die POSEIDON zu senden. Sie wurde im allgemein üblichen Funk-Code der zivilen Handelsraumfahrt gesendet und war in Starlingua verfasst, der gemeinsamen Sprache der menschlichen Kolonien:

 

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"Die Nestmütter der Schwärme, in deren Namen uns zu sprechen erlaubt ist,

danken euch für die Hilfe im Kampf gegen die schrecklichen Waffen der alten Macht.

Um es euch zu ermöglichen, weitere noch existierende Exemplare dieser Kreaturen aufzuspüren, überlassen wir euch eines unserer Suchgeräte, deren Nachbau für euch leicht möglich ist.

Damit könnt ihr die Lebensfresser schnell finden, um auch die letzten von ihnen zu finden und auszulöschen.

Zusammen mit dem Suchgerät erhaltet ihr wichtige Informationen über die Lebensfresser, die euch nützlich sein werden.

Mehr werdet ihr nicht benötigen, da sich eure Lichtwaffen als sehr effektiv erwiesen haben.

Weitere Kontakte mit euch sind nicht erwünscht.

Versucht daher nicht, unsere Welten zu besuchen.

Wir werden euch gewaltsam daran hindern, denn unsere Aufgabe ist es,

die mit Leben erfüllten Kinder der Sterne in unserem Gebiet zu behüten

und vor Unheil zu bewahren.

Ihr seid eine Bedrohung für uns, denn ihr seid Parasiten voller Aggressivität und Gier

-- eine Bedrohung für alle anderen Existenzformen.

Eure tief in eurem Wesen verwurzelte Feindseligkeit macht auch nicht vor euresgleichen halt, denn eure Form ist zersplittert in viele untereinander verfeindete Schwärme, deren größtes Bestreben darin liegt, einander um des eigenen Vorteils willens Schaden zuzufügen.

Darum wollen wir keinen Kontakt mit euch und werden jedes Eindringen in die Gebiete unserer Schwärme mit aller Macht bekämpfen.

Eine euch verwandte Spezies hat vor langer Zeit der alten Macht gedient und den Tod über uns und viele andere Lebewesen gebracht.

Wir werden so etwas nie wieder zulassen."

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Als die Botschaft endete, schleuste das Nardimschiff eine Raumkapsel aus, die langsam auf die terranischen Schiffe zu schwebte.


Dann zündete das Dreikugelschiff seine Triebwerke, beschleunigte mit vollem Schub und entfernte sich mit zunehmender Geschwindigkeit.

 

 

     "Das Suchgerät der Nardim ist ein relativ einfacher Empfänger, mit dem man eine ganz bestimmte Strahlungssignatur aufspüren kann", erklärte Großadmiral Kamarow, "Diese Signatur wird von den Nebelwesen abgegeben und verrät dadurch deren Existenz. Die Funktion dieses Suchgerätes kann durch Modifikation von Funkgeräten schnell und einfach nachgeahmt werden. Deshalb sind bereits alle Einheiten der RAV in der Lage, eventuell noch existierende Nebelwesen aufzuspüren. Die anderen Raumverbände werden in wenigen Tagen ebenfalls entsprechend ausgestattet sein. Bisher wurden aber keine weiteren Exemplare dieser Kreaturen gefunden. Vermutlich hat die POSEIDON das Nest dieser Biester vernichtet."


    "Konnten die Informationen der Nardim schon ausgewertet werden?" wollte Lordadmiralin Mandara wissen.


    "Die Raumkapsel enthielt beschriftete Metallfolien mit unverschlüsselten Texten in Starlingua", antwortete Mira Bucennan, die neue Leiterin der RFB, "Dadurch wissen wir jetzt, dass es sich bei den Nebelwesen nicht um einzelne Lebewesen, sondern um Milliarden mikroskopisch kleiner Geschöpfe mit kristalliner Struktur handelt, die als großer Schwarm eine Art kollektive Existenz bilden. Laut den Informationen der Nardim sollen diese Geschöpfe von einer uns unbekannten Macht künstlich erzeugt und als Waffe eingesetzt worden sein. Um welche Macht es sich dabei handelt und ob diese noch existiert, ist nicht bekannt. Zudem wissen wir jetzt, dass diese Nebelwesen nicht fähig sind, aus eigener Kraft durch den Hyperraum zu fliegen. Aber sie sind in der Lage, einem Raumschiff mit Interdim-Antrieb durch dessen Raum-Zeit-Tunnel zu folgen, bevor dieser sich wieder hinter dem Schiff geschlossen hat. Nur dadurch war es ihnen möglich, große Entfernungen in kurzer Zeit zurückzulegen und in verschiedenen, weit voneinander entfernten Raumsektoren aufzutauchen."

 

    "Aus den Informationen der Nardim geht außerdem hervor, dass sich die winzigen kristallinen Geschöpfe eines Schwarms rasend schnell vermehren können und dann neue Nebelwesen bilden", ergänzte Jeffrey Hamblin, "Wir müssen also davon ausgehen, dass es noch mehr von diesen Kreaturen gibt. Aus diesem Grunde müssen auch alle zivilen Schiffe, Raumstationen, Satelliten und planetare Einrichtungen mit den Spürgeräten ausgestattet werden, damit sich eine Katastrophe wie auf MESENDA III nicht wiederholt."

 

    "Ich werde diese Empfehlung an die ORB weiterleiten," stimmte ihm Mira Bucennan zu, "Dort wird man die nötigen Schritte einleiten."

 

    "Mich beunruhigt der Hinweis auf eine sogenannte alte Macht in der Botschaft der Nardim", sprach Enrico Santez, der jetzige Chef der TRV (Taktische Raumverbände), "und dass es eine uns ähnliche Spezies gegeben haben soll, die dieser unbekannten Macht gedient hat. Das würde doch bedeuten, dass es früher einmal raumfahrende, menschenähnliche Intelligenzen in unserer Galaxie gegeben hat, die möglicherweise über eine hochentwickelte Technologie verfügt haben."

 

    "Vielleicht werden wir eines Tages auf die Spuren dieser Intelligenzen stoßen", meinte Jennifer Mandara nachdenklich, "Ich hoffe nur, dass wir dann keine unangenehme Überraschung erleben."

 

 

Ende des 10. Bandes

 

 


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