Science Fiction

Stories

zurück

 


 

 

STAR-FORCE

Science-Fiction-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Band 9

 Die Expedition

 

 

23.März 2310, Flugkontrollstation VECATOR III :

 

An der den galaktischen Randzonen zugewandten Grenze der 1000-Parsec-Zone, die das Raumgebiet der terranischen Föderation umfasste, hatten die dort positionierten Peilstationen seit zwei Tagen keine Raumflugbewegung registriert.

Abgesehen von einigen planmäßigen Passagierschiffen und Frachtern war nicht mit nennenswerten Betrieb zu rechnen, und die Wachablösung der lokalen Flugkontrollstation auf VECATOR III freute sich auf einen ruhigen Dienst.

 

Doch kurz nachdem die abgelöste Mannschaft gegangen war, flimmerte folgende Anzeige über die Monitore:

      - NICHT GEMELDETES FLUGOBJEKT -

      - ANNÄHERUNG AN DAS VECATOR-SYSTEM -

      -  KENNSIGNAL UNBEKANNT -

      - BAUWEISE UNBEKANNT -

      - GRÖSSE  ENTSPRICHT GALAXIENKLASSE -

      - ANTRIEB NICHT IDENTIFIZIERBAR -

      - GEMESSENE GESCHWINDIGKEIT:  74% LICHT ! -

 

Sämtliche automatischen und bemannten Stationen im Gebiet rund um das VECATOR-Sonnensystem wurden alarmiert. Sie alle hielten Ausschau nach einem großen Raumschiff, das wohl sehr bald in der Nähe des Systems auftauchen würde.

Noch gehörte das durchaus zur Routine, denn es war nicht ungewöhnlich, dass Frachtschiffe trotz hoher Bußgelder unangemeldet aus den äußeren Kolonien eintrafen.

Aber Schiffe dieser Größe wurden in der Regel nur von der terranischen Raumgarde oder von einigen der großen Handelskonzerne eingesetzt, und die verstießen nur selten gegen die Vorschriften. Unter diesem Gesichtspunkt erschien der Vorfall dem Wachoffizier der Kontrollstation ziemlich mysteriös.

Was den wachhabenden Offizier schließlich dazu bewog, neben den lokalen Polizeibehörden auch das Militär zu alarmieren, war die Tatsache, dass sich das riesige Schiff mit 74-prozentiger Lichtgeschwindigkeit durch den "Normalraum" bewegte und offenbar keine Interdim-Triebwerke verwendete, da es keine Anzeichen eines  Hyperraumsprunges gab. Kein von Menschen gebautes Raumschiff wäre in der Lage gewesen, im normalen Raum-Zeit-Gefüge solche Geschwindigkeiten zu erreichen, schon gar nicht ein Raumschiff dieser Größenordnung.

 

17 Stunden nach der ersten Ortung wurde das Raumschiff auf den Bildschirmen sichtbar, wobei zu erkennen war, dass es seine Geschwindigkeit zunehmend verringerte. Der Gegenschub musste unvorstellbar groß sein, um die Vorwärtsbewegung der gewaltigen Masse zum Stillstand zu bringen. Es war erstaunlich, dass das Schiff unter dem Einfluss solcher Kräfte nicht zerrissen wurde.

Es dauerte weitere 11 Stunden, bis das Raumschiff schließlich das Vecator-System erreicht hatte und nahe des äußersten der sieben Vecator-Planeten zum Stillstand gekommen war, wo es bewegungslos in der Leere des Weltraumes schwebte.

Das mächtige Raumfahrzeug war mit einer Länge von 6 Kilometern fast so groß wie ein Trägerschlachtschiff der terranischen Raumstreitkräfte. Von der Form her bestand es aus mehreren walzenartigen Zylindern unterschiedlicher Größe, die miteinander verbunden waren - auf seiner Oberfläche waren  warzenähnlichen Gebilde zu erkennen, von denen fälschlicherweise zuerst angenommen wurde, dass es sich um Waffenanlagen handelte.

Die Ortungsanlagen auf VECATOR III stellten fest, dass das Schiff in regelmäßigen Abständen Signale sendete, die jedoch nicht entschlüsselt oder interpretiert werden konnten.

Ein Kreuzer der Raumgarde näherte sich dem Fremdschiff mit feuerbereiten Waffensystemen und voll aktivierten Abwehrschirmen.

Als er nahe genug herangekommen war, zeigten die Aufnahmen seiner Außenkameras, dass das fremde Schiff schwer beschädigt war. Ein riesiges Loch war in den Bug gerissen worden, weitere kleinere Lecks klafften mittschiffs, als wäre das große Sternenschiff mit einem Asteroidenschwarm kollidiert.

Während die Computer versuchten, die fremden Funksignale zu entschlüsseln, ging der Kreuzer längsseits und funkte einige Standard-Kontaktsignale, auf die er jedoch keine erkennbare Antwort erhielt.

Stunden später war aus der Computer-Analyse lediglich ein bestimmtes Signalmuster zu erkennen, dessen Sinn aber weiterhin unklar blieb. Man beschloss deshalb, ein Enterkommando an Bord des Fremdschiffes zu schicken.

Der Kreuzer schickte ein Shuttle hinüber, das sich vor dem riesigen Leck am Bug positionierte und eine Landeeinheit von 35 Raumgardisten ausschleuste, die in das dunkle Schiffsinnere eindrangen.

Das Enterkommando stellte bald fest, dass trotz der enormen Größe des Raumschiffes nur relativ wenige Innenschotts vorhanden waren. Diese waren zudem verhältnismäßig schwach gebaut und hatten dem plötzlichen Druckabfall nicht standhalten können, der entstanden sein musste, als das Schiff leckgeschlagen worden war.

Das Hauptrumpfteil war völlig leer. Es bestand lediglich aus einem riesigen Laderaum, was darauf schließen ließ, dass es sich bei dem fremden Schiff um einen Frachter handeln musste.

 

Von einer Besatzung war zunächst keine Spur zu entdecken, bis weitere Enterkommandos an Bord kamen und damit begannen, die eigenartigen kugelförmigen Kabinen zu untersuchen, die sich in einer der äußeren Zylinderwalzen befanden, welche im Gegensatz zu den anderen Sektoren über starke Innenschotts verfügte. Das war ein schwieriges Unterfangen, da vor dem Betreten der Räume immer erst der dort herrschende hohe Innendruck verringert werden musste. Die meisten der Kabinen enthielten Behälter mit einer öligen Flüssigkeit.

Dort entdeckte man schließlich ein Wesen, das offensichtlich zur Besatzung gehörte: in der öligen Flüssigkeit schwamm ein fremdartiges Wesen, das wie eine Kreuzung zwischen einer Schlange und einem Stachelschwein wirkte. Jede der Stacheln war mit einem Netz von Fasern verbunden, die in eine Röhre führten, welche aus der Kabinenwand über dem Behälter ragte. Aber offensichtlich lebte das Wesen nicht mehr, da bereits ein Zersetzungsprozess stattfand. Bei der Durchsuchung der benachbarten Kabinen wurden noch weitere tote Wesen in verschiedenen Stadien der Auflösung gefunden.

Aber dann öffneten die Raumgardisten drei weitere Kabinen und entdeckten, dass deren Insassen unversehrt und offensichtlich noch sehr lebendig waren.

Das Auftauchen der Menschen veranlasste die Wesen zu hastigen Bewegungen in ihren Tanks, wobei sie ihre stachelartigen Extremitäten abwehrend aufrichteten.

Im selben Augenblick schienen die elektronischen Anlagen des Raumschiffes verrückt zu spielen. Gleichzeitig meldete der draußen schwebende Raumkreuzer, dass sich die fremden Signale schlagartig verändert hatten. Es sah ganz danach aus, als ob die Wesen direkt an die Kontrollsysteme des fremden Raumschiffes angeschlossen waren!

Die Wesen lebten allerdings nur noch wenige Minuten. Durch das Öffnen der Kabinen war die darin befindliche ammoniakhaltige Atmoshäre entwichen, was zum Erstickungstod der fremden Lebewesen führte, obwohl man die Kabinen so schnell wie möglich wieder geschlossen hatte.

 

Es konnte auch nach monatelangen Untersuchungen nicht eindeutig geklärt werden, um welche Art von Leben es sich handelte, denn niemand konnte genau definieren, ob es sich bei den fremden Lebewesen um pflanzliche oder tierische Organismen handelte.

 

Der größte Teil der Schiffsaggregate funktionierte in bereits bekannter Weise, aber es konnte nicht geklärt werden, wie die verhältnismäßig konventionellen Antriebssysteme, welche mit Ionenstrahltriebwerken vergleichbar waren, eine derartige Höchstgeschwindigkeit erreichen konnten.

 

Später wurden Projektionswürfel gefunden, in denen dreidimensionale Sternkarten und Navigationsdaten enthalten waren. Die Auswertung dieser Daten ergab, dass die Fremden aus dem äußersten Randbereich des galaktischen Norma-Armes gekommen waren, welcher sich auf der entgegengesetzten Seite der Galaxie befand.

 

Das Raumschiff war durch den interstellaren Raum außerhalb der Galaxie gereist - es hatte praktisch die Spiralscheibe der Milchstraße "überflogen" .....

 

 

18. Januar 2311,

Sitz der Raumforschungsbehörde (RFB):

Bern, Planet Terra, Kontinental-Distrikt Europa, Territorial-Bezirk Schweiz.

        "Alle Vorbereitungen für die geplante Fernexpedition sind jetzt abgeschlossen", sprach Vanessa Robin, die Leiterin der RFB, "Die ORB hat das Unternehmen inzwischen genehmigt, allerdings mit der Auflage, auf gar keinen Fall den Sagittarius-Arm zu durchqueren, um nicht die dort operierenden Nardim zu provozieren. Aber der größte Teil der Reise soll ohnehin durch den intergalaktischen Raum führen."

        "Das wird aber zu Problemen mit der Energie-Versorgung des Schiffes führen", meinte Theodor Bareiden vom Institut für Raumfahrt-technologie, "Im Weltraum außerhalb der Galaxie gibt es nur wenige Sterne, deren Energie angezapft werden kann."

        "Das Schiff wird die Hyperraumflugpausen so einrichten, dass es in der Nähe energiereicher Sonnen wieder in den Normalraum zurückkehrt und dort seine Reserven auffüllen kann", erklärte Vanessa Robin, "Natürlich hängen diese Flugunterbrechungen von den Raum-Zeit-Krümmungen entlang der Flugroute ab. Aber die Energiespeicher unseres neuen Explorerschiffes sind doppelt so groß wie bei anderen Schiffen seiner Klasse und werden dadurch auch um einiges weiter reichen?"

        "Welches Schiff soll denn diese Reise durchführen?" wollte Senatorin Zenjani Madai wissen.

        "Die ARISTOTELES", antwortete die RFB-Chefin, "Es ist ein Schiff der Sternenklasse mit 300-köpfiger Besatzung und modernster Ausrüstung. Es ist das größte und modernste Forschungsraumschiff der Föderation, das erst vor zwei Monaten in Dienst gestellt wurde."

 

        "Wer soll es kommandieren?" fragte Lordamiral Hawkstone, der als Oberbefehlshaber der Raumstreitkräfte ebenfalls an dieser Besprechung teilnahm.

        "Commodorin Caroline Milton", lautete die Antwort, "Sie befehligte bis vor einigen Wochen das Explorerschiff KOPERNIKUS, dessen wissenschaftliches Team das fremde Schiff untersucht hat, welches vor 6 Monaten im Vecator-System aufgetaucht ist und unseren besten Wissenschaftlern noch immer Rätsel aufgibt. Wir haben Commodorin Milton ausgewählt, weil sie bereits Erfahrung mit Erkundungsflügen im außergalaktischen Raum hat und weil sie an des Untersuchungen des Fremdschiffes maßgeblich beteiligt war. Sie war es auch, die die Projektionswürfel an Bord des Fremdschiffes gefunden und als eine Art von Sternkarten erkannt hat. Nur dadurch wissen wir überhaupt, dass das Schiff von der anderen Seite der Galaxie gekommen ist - aus dem Norma-Spiralarm. Wenn es die ganze Strecke im normalen Raum-Zeit-Gefüge zurückgelegt hat, müsste es jahrtausendelang unterweg gewesen sein, denn es verfügt über keinen Hyperraumantrieb, der ihm den interdimensionalen Raumflug ermöglicht hätte. Aber es war in der Lage, 74-prozentige Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. Wir wissen bis heute nicht, wie es das mit seinen offenbar rein konventionellen Antriebssystemen im normalen Raum-Zeit-Kontinuum schaffen konnte, ohne dabei auseinandergerissen zu werden.

Aber wie dem auch sei --- die Aufgabe der ARISTOTELES wird es sein, den Herkunftsplaneten des fremden Raumschiffes zu finden und Kontakt mit den dortigen Intelligenzen aufzunehmen."

        "Sie sagten, dass dieses Schiff selbst mit 74%iger Lichtgeschwindigkeit Jahrtausende gebraucht hätte, um in unseren Teil der Galaxie zu gelangen", wandte Senator Ronald Berinson ein, "Glauben Sie denn, dass die Zivilisation der Fremden überhaupt noch existiert?"

        "Wir konnten auf dem fremden Schiff zwar keine Antriebssysteme finden, die auf die Fähigkeit zum interdimensionalen Raumflug schließen lassen", erklärte Vanessa Robin, "aber der noch relativ gute Materialzustand des Schiffskörpers und die Tatsache, dass es an Bord noch lebende Wesen gab, sprechen gegen eine so lange Flugdauer. Wir können daher nicht ausschließen, dass die Fremden irgendeine Möglichkeit genutzt haben, die Flugdauer erheblich zu verkürzen. Einige unserer Wissenschaftler vertreten die Theorie, dass es irgendwo auf der Reiseroute des Fremdschiffes ein natürliches Wurmloch gibt, welches die Fremden wie einen Hyperraumtunnel durchflogen haben und damit den gleichen Effekt erzielten wie unsere Schiffe mit ihren Interdim-Antrieben. Ein großes, unabhängig von den anderen Maschinen funktionierendes Aggregat auf dem Fremdschiff erzeugt eine Art rotierenden Feldschirm, der den gesamten Schiffskörper wie eine sich schnell drehende Blase umgibt und jede uns bekannte Art von Energie ableitet. Dieser Schirm hielt sogar einem direkten Beschuss mit schweren Lasergeschützen und Positronenwerfern stand. Damit ist er allen uns bekannten Abwehrsystemen weit überlegen. Es ist gut möglich, dass diese Schutzblase dazu dient, dem Schiff die Fähigkeit zu verleihen, ein Wurmloch unbeschadet zu durchfliegen. Deshalb wurde dieses Aggregat mit neuen Energieversorgungsanlagen ausgestattet und auf der ARISTOTELES installiert."

        "Soll das Schiff etwa durch ein natürlich entstandenes Wurmloch fliegen?" wollte Hawkstone wissen, "Das hat bis heute noch niemand gewagt."

        "Deshalb haben wir die ARISTOTELES ja auch mit dieser überaus effektiven Schutzvorrichtung ausgestattet", meinte die RFB-Chefin, "Natürlich muss allein die Kommandantin entscheiden, ob sie dieses Wagnis eingehen will. Schließlich hat die ARISTOTELES einen Interdim-Antrieb und ist nicht auf ein natürliches Wurmloch angewiesen,  um ihr Ziel zu erreichen."

 

 

 

Caroline Milton hatte die KOPERNIKUS fünf Jahre lang kommandiert, und es war ihr nicht leichtgefallen, das Kommando ihrem Nachfolger zu übergeben.

Sie war zuerst ziemlich erstaunt darüber gewesen, dass man ausgerechnet ihr das Kommando über die neue ARISTOTELES übertragen hatte, denn mit ihren 36 Lebensjahren gehörte sie zu den jüngeren Kapitänen der terranischen Explorerflotte. Sie verstand nicht, warum keinem der dienstälteren Kapitäne die Leitung über die erste Fernexpedition an das andere Ende der Galaxie übertragen worden war. Doch zum Glück brauchte sie sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen.

Morgen würde sie an Bord der ARISTOTELES gehen, die zur Zeit den Mond in einem stationären Orbit umkreiste.

 

Da sie in den nächsten Monaten keine Gelegenheit mehr dazu haben würde, hatte sie sich kurzerhand entschlossen, die ihr noch verbleibenden freien Stunden zu nutzen und ein paar Kilometer am Strand entlang zu laufen. Denn sie wusste nur zu gut, dass es mit Sicherheit eine ganze Weile dauern würde, bis sie ihre Lungen wieder mit der frischen Seeluft des Pazifiks füllen konnte.....

 

 

Die erste Etappe der Reise verlief völlig unproblematisch.

Die ARISTOTELES hatte direkten Kurs auf den intergalaktischen Raum genommen und einen Zielpunkt anvisiert, der sie "über" den Orion-Spiralarm bringen sollte.

 

Commodorin Milton kannte diese Strecke schon von früheren Erkundungsflügen in den leeren Raum außerhalb der Galaxie. Die Daten dieser Erkundungsflüge standen dem Schiffscomputer zur Verfügung, so dass die Berechnung der Raum-Zeit-Krümmung dieser ersten Flugetappe fast eine Routine-Aufgabe war.

Dann aber wurde es schwieriger.

 

Die Commodorin beabsichtigte, quer "über" die relativ flache Spiralscheibe der Galaxie hinwegzufliegen und den Norma-Spiralarm direkt anzusteuern. Doch die Fernmessungen zur Vorbereitung der nächsten Hyperraum-Flugetappe zeigten, dass die Raum-Zeit-Krümmungen im Umfeld der Galaxie außergewöhnlich stark waren und zudem äußerst unregelmäßig verliefen.

Die ARISTOTELES würde also für die Reise durch die intergalaktischen Randzonen mehr Hyperraumsprünge durchführen müssen als bei einer Flugroute innerhalb der Galaxie. Ein Umstand, den niemand vorher einkalkuliert hatte.

Aber Caroline Milton gehörte nicht zu denen, die sich durch solche Schwierigkeiten aufhalten ließ. Die Reise würde zwar länger dauern als ursprünglich geplant, aber das war für sie kein Grund, das Unternehmen abzubrechen und unverrichteter Dinge heimzufliegen.

 

Nachdem die Ortungsgeräte innerhalb ihrer Reichweite keinerlei Anzeichen für ein Wurmloch feststellen konnten, gab sie den Befehl zum Start der nächsten Flugetappe durch den interdimensionalen Raum, in dem die Naturgesetze des "normalen" Raum-Zeit-Kontinuums keine Gültigkeit hatten......

 

 

 

Anhand der Kartenprojektionen, die an Bord des fremden Walzenschiffes gefunden worden waren, konnten die Navigatoren das vermutete Heimatsystem des Fremdschiffes schon nach wenigen Tagen lokalisieren.

 

Es handelte sich um eine kleine gelbe Sonne des G-Typs, die von zwei Planeten im Abstand von 1,4 und 5,2 astronomischen Einheiten umkreist wurde, von denen jedoch nur der sonnennähere über eine dichtere Atmosphäre verfügte.

 

Wie es seit Beginn der interstellaren Raumfahrt üblich war, wurde ein noch nicht kartograhiertes Sonnensystem nach dem Kommandanten des ersten terranischen Raumschiffes benannt, das dieses System besuchte. Und so wurde dieses System als "Milton-System" in die Sternkarten eingetragen.

 

Der sonnennähere, etwas mehr als erdgroße Planet wurde von einem dichten Ring aus Asteroiden und Staub umkreist, dessen Gesamtvolumen fast genauso groß war wie das des Planeten, den er umgab. Wahrscheinlich handelte es sich um die Reste eines weiteren Planeten oder eines Mondes, der irgendwann mit einem anderen Himmelskörper zusammengeprallt und dabei zertrümmert worden war. Die Anziehungskraft des Planeten hatte die Trümmer danach eingefangen und festgehalten.

Als Folge davon konnte das Licht der gelben Sonne jetzt nur noch die polaren Regionen erreichen und erwärmen, so dass in den äquatorialen Zonen ein ständiges Dämmerlicht herrschte und die dortigen Temperaturen wahrscheinlich sehr weit unter dem Gefrierpunkt  lagen. Ob dort noch die an Bord des Walzenschiffes gefundenen Lebensformen existieren konnten, die sich mit Sicherheit unter weit besseren Temperaturbedingungen entwickelt hatten, schien äußerst fraglich zu sein. Aber wenn das Walzenschiff von diesem Planeten stammte, dann hatten seine Erbauer vielleicht eine Möglichkeit gefunden, mit Hilfe technischer Einrichtungen in der Kälte zu überleben.

 

Commodorin Milton sandte ein Beiboot mit einem Forschungsteam zum zweiten Planeten, um diesen untersuchen zu lassen, während die ARISTOTELES direkten Kurs auf den Asteroidenring des ersten Planeten nahm, um ihn zu durchfliegen.

 

Das Forschungsraumschiff drang vorsichtig in diesen Ring ein, passierte hier und da einen der vereinzelt dahintreibenden Asteroiden, die sehr oft die Größe eines Raumschiffes der Planetenklasse erreichten. Ihre Form war unregelmäßig und eckig, meist drehten sie sich langsam um ihre eigene Achse. Es war, als dringe man in einen Wald ein, an dessen Rand die Bäume weniger zahlreich sind als in der Mitte. Je mehr sie sich dem Zentrum des Ringes näherten, desto dichter trieben die Asteroiden beieinander und um so rundlicher wurden ihre Formen, hervorgerufen durch die sich ständig wiederholenden Kollisionen. Die größeren Brocken besaßen aufgrund ihrer Masse eine eigene Gravitation, daher bot sich den Betrachtern der skurrile Anblick von Schwärmen kleinerer Asteroiden, welche regelrecht an den größeren hingen und ihnen folgten wie Entenküken ihrer Mutter.

Immer tiefer drang das Forschungsschiff in den Asteroidenring ein, nachdem man einige kleine, gerade fußballgroße Gesteinsbrocken an Bord geholt hatte, um sie zu untersuchen und so zu ermitteln, wann der Asteroidenring entstanden war.

Behutsam suchte sich das terrestrische Raumschiff seinen Weg durch die langsam treibende Trümmermasse, die den Planeten umkreiste. Jedes Mitglied der Besatzung war auf seinem Posten, versuchte aber trotzdem, sich das einmalige Schauspiel nicht entgehen zu lassen.

 

Caroline Milton hatte die elektromagnetischen Prallfeldschirme einschalten lassen, denn mehr als einmal kollidierten kleinere Gesteinsbrocken mit der ARISTOTELES. Die Commodorin wollte auf keinen Fall riskieren, dass die Außenhülle ihres Schiffes beschädigt wurde.

Während sie den Außensichtschirm beobachtete, fiel ihr ein Objekt auf, das sich deutlich von den treibenden Gesteinsbrocken unterschied.

        "Was ist das für ein heller Flecken da vor uns?" fragte sie den 1.Offizier.

        "Ich weiß es nicht", antwortete Nuri Cezzon, "Sieht aus wie weißer Rauch. Und es verändert seine Form. Außerdem scheint es uns entgegenzukommen."

        "Es sieht nicht so aus wie ein Staubnebel", meinte die Commodorin, "Wenn es aus Staubteilchen bestände, würde es nicht so hell leuchten. Und Rauch würde sich ohne tragende Atmosphäre sofort verflüchtigen. Lassen Sie es scannen und analysieren."

        "Jetzt streckt es sich", meinte der Navigator, der das seltsame Schauspiel ebenfalls gespannt verfolgte, "Gleich wird es auf den Prallfeldschirm treffen."

 

Der Feldschirm schien den schwach leuchtenden Nebel zunächst aufzuhalten, worauf er sich vor dem Schiff auszudehnen begann. Man konnte jetzt fast hindurchsehen und die verschwommenen Umrisse der dahinter schwebenden Asteroiden erkennen.

Aber dann begann der Nebel den elektromagnetischen Prallfeldschirm des Raumschiffes langsam zu durchdringen.....

 

        "Prallfeldschirm aus! Den neuen Energieschirm hochfahren! Sofort !!!" rief die Commodorin, doch bevor ihr Befehl befolgt werden konnte, berührten die ersten Ausläufer des Nebels die Schiffshülle. Dann legte sich der geheimnisvolle Nebel dicht und fest um das ganze Schiff, so dass auf den Außensichtschirmen der schwarze Weltraum verblasste und grau wurde. Es war, als würde ein alter Ozeandampfer in eine dichte Nebelbank hineingeraten.

 

        "Verdammt!" rief der Pilot, "Wir kommen nicht mehr vorwärts! Der Nebel scheint uns aufzuhalten! Ich erhöhe die Energiezufuhr."

 

Das helle Singen der Schiffsaggregate verriet, dass der Antrieb mit größerer Kraft arbeitete, aber die Wirkung war kaum nennenswert. Das Schiff bewegte sich zwar ein wenig vorwärts, aber dann kam es nicht mehr weiter. Es steckte in dem Nebel fest wie eine Fliege in einem Stück Zuckerwatte.

 

        "Alarm! Die fremde Substanz dringt in das Schiff ein! Die Außenschleuse ist undicht!"

        "Ohne Druck in der Schleusenkammer ist das Außenschott niemals hundertprozentig dicht", meinte der 1.Offizier.

        "Dann lassen Sie den Druck sofort erhöhen, bevor das Zeug im Schiff ist", befahl die Commodorin, "Notalarm auslösen. Alle Zwischendecks abdichten. Gefahrenbereich evakuieren!"

 

Da ertönten aus den Lautsprechern der Bordkommunikation plötzlich schrille Schreie der Angst, des Schmerzes und des Todes, deren Klang die Menschen in der Schiffszentrale erstarren ließen.

Dann war es schlagartig still.

 

Caroline Milton war die erste, die sich wieder gefangen hatte.

        "Verdammt!" brüllte sie in die Sprechanlage, "Was ist denn da los!"

Sekundenlang blieb es still, doch dann meldete sich einer der Matrosen mit panikerfüllter Stimme:

        "Sie sind alle tot, Commodorin! Das Zeug hat sie umgebracht, bevor sie fliehen konnten. Und jetzt frisst es sich durch die Dichtungen der Innenschotts! Wir können es nicht aufhalten!"

        "Erhöhen Sie sofort die Temperatur in allen infizierten Bereichen!" befahl die Milton, "Vielleicht kann das Zeug keine Hitze vertragen."

Einige Minuten lang kam keine Antwort, dann hörten sie den Matrosen rufen:

        "Es wirkt! Das Zeug zieht sich zurück und verlässt das Schiff!"

        "Jetzt die Außenhülle elektrisch aufheizen!" befahl die Commodorin dem 1.Offizier, der unverzüglich reagierte.

 

Es dauerte eine Weile, bis diese Maßnahme Erfolg zeigte, doch schließlich konnten sie auf den Außenschirmen beobachten, wie sich der leuchtende Nebel vom Schiff löste. Sofort ließ der 1.Offizier das Ding mit breitgefächerten Laserstrahlen beschießen, was zur Folge hatte, dass sich große Teile des Nebelgebildes einfach in Nichts auflösten und der Rest hastig die Flucht ergriff.

Minuten später war von dem leuchtenden Nebel nichts mehr zu sehen.

 

 

Von den neunzehn Frauen und Männern der Besatzung, die sich in den Bereichen aufgehalten hatten, in die das Nebelwesen eingedrungen war, konnten nur noch die Kunststoff- und Metallteile ihrer Borduniformen gefunden werden.

Die fremde Substanz hatte alles restlos absorbiert, was aus organischer Materie bestanden hatte. Sogar die Gummidichtungen der Innenschotts waren verschwunden.

Es sah ganz danach aus, als hätte sich das Nebelwesen von organischer Materie ernährt.

Der Commodorin lief es kalt über den Rücken, als sie daran denken musste, was geschehen wäre, wenn es ihnen nicht mehr gelungen wäre, den Angriff des Nebels abzuwehren. Niemand an Bord der ARISTOTELES hätte das überlebt.

 

        "Lassen Sie sofort die Dichtungen an den Schotts erneuern", wies sie den 1.Offizier an, "Außerdem sollen ein paar Leute die Umgebung des Schiffes ab sofort visuell beobachten. Unsere Scanner haben nicht auf das Nebelding reagiert, sonst hätte es uns nicht derart überraschen können."

        "Sollen wir den neuen Extraschirm aktiviert lassen?" wollte Nuri Cezzon wissen.

        "Ja, natürlich", meinte sie, "Und halten Sie auch die Laser feuerbereit. Vielleicht gibt es hier noch mehr von diesen Kreaturen, die sich zwischen den Asteroiden verstecken. Funken Sie auch das Beiboot auf dem zweiten Planeten an und warnen Sie es vor dieser Gefahr."

 

Während die Reparaturtrupps mit ihrer Arbeit begannen, setzte das Forschungsraumschiff seinen Weg durch den Asteroidenring fort und näherte sich dem Planeten......

 

 

Wie man es bereits vermutet hatte, wurden nur noch die polaren Regionen des Planeten von der gelben Sonne erwärmt, der Rest der Planetenoberfläche lag im dämmerigen Schatten des Asteroidenringes. Dort herrschte eine durchschnittliche Temperatur von minus 45 Grad Celsius, so dass sich ein Teil der ammoniakhaltigen Atmosphäre als Eis niedergeschlagen hatte. Dagegen war es an den Polen mit plus 4 Grad Celsius verhältnismäßig warm.

Commodorin Milton hatte sechs Shuttles mit Landekommandos ausschleusen lassen, welche die Oberfläche in niedriger Höhe überfliegen sollten, während die ARISTOTELES im Orbit verblieb und den Planeten mit ihren Sensoren nach Spuren technologischer Einrichtungen absuchte.

Jeweils ein Shuttle sollte über den beiden Polregionen mit Infrarot-Scannern nach Lebenszeichen suchen, die vier anderen hatten die Aufgabe, die Regionen beiderseits des Äquators in Augenschein zu nehmen.

Im Gegensatz zum Rest des Planeten waren die Polregionen von dichten Wäldern bewachsen, aus denen einige kegelförmige Berggipfel ragten. Am nördlichen Pol entdeckten die Menschen die ersten Anzeichen einer technischen Zivilisation.

Mit ihren Sensoren stellten sie fest, dass die vermeintlichen Berggipfel künstlich hergestellte Bauwerke waren. Sie bildeten außerdem die Schnittpunkte einer Art Straßennetz, welches jedoch größtenteils von dichter  Vegetation überwuchert wurde und deshalb nicht sofort zu entdecken war.

Das Shuttle überflog die seltsamen Kegel mehrere Male, konnte aber keine Energie-Emissionen oder gar Anzeichen von Leben entdecken.

Nach Rücksprache mit dem Mutterschiff landete das Shuttle schließlich in unmittelbarer Nähe eines der riesigen Kegel, dessen kreisrunde Basis einen Durchmesser von ca. einem Kilometer aufwies und dessen sichtbare Höhe ungefähr 800 Meter betrug. Die Scanner zeigten allerdings an, dass mindestens ein Drittel der gewaltigen Anlage unter der Planetenoberfläche verborgen war.

 

Leutnant Buskenna, der das Landekommando anführte, war beeindruckt von der Größe dieses Bauwerks, das irgendwie den Eindruck einer Festungsanlage machte.

Verstärkt wurde dieser Eindruck durch zwei Ringe von ovalen Öffnungen im oberen Drittel des Kegels, aus denen röhrenförmige, stark verrostete Gebilde ragten, die wie die Abschussmündungen von Waffen aussahen.

Während die Außenkameras der Landefähre alles aufzeichneten, machten sich die Forscher daran, nach einem Eingang zu suchen, durch den sie in das Innere des Bauwerkes gelangen konnten.......

 

 

        "Die Shuttles über den äquatornahen Zonen haben eine große Anzahl von Städten und technischen Anlagen entdeckt." meldete der 1.Offizier, "Aber alles ist von meterhohen Eisschichten bedeckt. Es konnte nicht die geringste Spur von Leben festgestellt werden. Nicht einmal unsere empfindlichsten Tiefenscanner haben etwas Lebendiges da unten aufspüren können."

        "Und wie sieht es in den polaren Regionen aus?" fragte die Commodorin.

        "Am nördlichen Pol gibt es genau  siebzehn kegelförmige Bauwerke, die nichts anderes als große, waffenstarrende Festungsanlagen waren. Doch bis auf die größte Anlage sind diese Kegelbauten fast völlig zerfallen. Bei den anderen stehen nur noch die Außenhüllen, aber die können jederzeit einstürzen. Das Landekommando ist bereits in das größte Bauwerk eingedrungen. In Kürze werden wir darüber mehr erfahren."

        "Wie weit sind die Untersuchungen der Gesteinsproben aus dem Asteroidenring fortgeschritten?" fragte die Commodorin weiter, "Konnte deren Alter schon bestimmt werden?"

        "Ja", meinte Nuri Cezzon, "Der Ring muss vor ungefähr vierhundert Jahren entstanden sein. Vermutlich hat damit das Ende dieses Planeten begonnen. Aber wir haben etwas Seltsames festgestellt."

                "Und was ist das?"

        "Nun", erklärte der 1.Offizier, "Nachdem wir die Meldung über die Bauwerke in der  nördlichen Polregion erhielten, haben wir das dortige Gebiet natürlich sofort mit unseren Scannern überprüft. Dabei konnten wir feststellen, dass diese festungsartigen Kegelbauten ebenfalls vor etwa vierhundert Jahren oder wenigstens kurz danach gebaut worden sind. Und sind so angelegt, als ob sie ihre Bewohner vor einer Gefahr schützen sollten, die sie vor allem von oben bedroht haben muss. Ich glaube fast, dass diese Gefahr aus dem Weltraum kam."

        "Meinen Sie etwa dieses Nebelwesen, das uns im Asteroidenring angegriffen hat?"

        "Genau das meine ich", bestätigte Nuri Cezzon ihre Vermutung, "Ich befürchte fast, dass dieses Ding die einstigen Bewohner dieses Planeten trotz all ihrer Abwehrmaßnahmen völlig ausgerottet hat. Dafür spricht auch die Tatsache, dass nur in den polaren Gebieten noch eine Vegetation zu finden ist. Überall sonst scheint es überhaupt keine organische Materie mehr zu geben."

        "Aber die Vegetation an den Polen ist doch ebenfalls organisch", wandte Caroline Milton ein, "Warum wurde sie dann nicht vernichtet."

        "Diese baum-ähnlichen Pflanzen verfügen über eine kristalline Außenhaut mit hohem Salzgehalt, die vielleicht einen wirksamen Schutz gegen das Nebelwesen darstellt."

        "Dann lassen Sie sofort Proben von diesen Pflanzen an Bord bringen", ordnete die Commodorin an, "Wenn die hiesige Vegetation ein Mittel entwickelt hat, sich gegen diesen Killernebel zu schützen, dann dürfen wir das nicht außer acht lassen. Außerdem müssen wir uns auch die technischen Anlagen in den äquatornäheren Gebieten genauer ansehen. Lassen Sie eine dieser Anlagen vom Eis befreien, damit wir sie eingehend untersuchen können."

 

 

Die Räumtrupps der ARISTOTELES brauchten fast eine Woche, um ein Gebiet von etwa zwei Quadratkilometern von den meterhohen Eisschichten zu befreien, welche einen riesigen Anlagenkomplex bedeckten, den man zunächst für eine Ansammlung industrieller Fertigungseinrichtungen hielt.

Nachdem jedoch ein Teil des Areals vom Eis befreit war, konnten die Forscher es als Raumflughafen identifizieren.

Man fand mehrere Flugmaschinen von unterschiedlicher Größe und Form, deren Bauweise darauf schließen ließ, dass sie sowohl für Flugmanöver innerhalb der Atmosphäre als auch für Flüge in den Weltraum konstruiert worden waren. Eine dieser Flugmaschinen, anscheinend eine Art Raumfähre, wurde schließlich in seine Bestandteile zerlegt und an Bord der ARISTOTELES gebracht. Ebenso wurde mit einer großen Anzahl technischer Geräte und Maschinen verfahren, die noch soweit erhalten geblieben waren, dass eine genauere Untersuchung zu einem späteren Zeitpunkt möglich war.

Die meisten der aus plastikähnlichem Material bestehenden Gebäude waren unter dem Gewicht der Eismassen eingestürzt, aber es gelang den Forschern dennoch, in einige Räume vorzudringen, wo sie technische Geräte vorfanden, die mit größter Wahrscheinlichkeit zur Kontrolle und Steuerung des Flugbetriebes benutzt worden waren und irdischen Computern entsprachen.

Natürlich wurden auch diese Geräte - soweit es ihr Materialzustand überhaupt noch zuließ - demontiert und an Bord des Explorerschiffes gebracht.

Bei der Demontage stießen die Suchtrupps auf eine Art Archivraum, in dem sie Hunderte von Kristallwürfeln vorfanden, die den Projektionswürfeln glichen, die man an Bord des Walzenschiffes im Vecator-System gefunden hatte. Offenbar hatten die einstigen Planetenbewohner diese Würfel zum Speichern von Daten benutzt. Wenn es gelang, diese Daten zu entschlüsseln und auszuwerten, konnte man vielleicht herausfinden, wie es zu der Katastrophe gekommen war, die zum Untergang einer intelligenten Lebensform geführt hatte.

 

Auf dem zweiten Planeten des Systems hatte das dorthin entsandte Forschungsteam ein großes Bergwerk mit Wohngebäuden entdeckt, das von einer gewaltigen, durchsichtigen Kuppel überdacht war, die jedoch schwere Beschädigungen aufwies und teilweise eingestürzt war.

Hier hatte man offensichtlich Rohstoffe gefördert, die von den Bewohnern des ersten Planeten benötigt worden waren.

Aber auch diese Kolonie war völlig verlassen. Auch hier hatte es keine Überlebenden gegeben.

 

Ganz in der Nähe der Förderanlagen hatte das Forschungsteam das Wrack eines offenbar abgestürzten Raumschiffes von gewaltiger Größe gefunden, welches die gleiche Bauweise wie das im Vecator-System aufgetauchte Walzenschiff aufwies, dessen Herkunft nun eindeutig geklärt war.

 

 

In der vierten Woche gaben die Ortungsspezialisten der ARISTOTELES Alarm:

        "Achtung, die Raumortung zeigt eine Anomalie zwischen den Umlaufbahnen der beiden Planeten! Alle Anzeichen weisen auf das spontane Enstehen eines extrem großen 'Wurmloches' hin."

        "Besteht Gefahr für das Schiff?" fragte die Commodorin.

        "Bis jetzt nicht", antwortete der Ortungsoffizier schulterzuckend, "Aber wir wissen noch nicht, wie lange es existent bleibt und welche Ausdehnung es erreichen wird."

        "Hat es sich schon geöffnet?"

        "Nein. Noch ist es nur eine kreisförmige Raumverzerrung mit steigender Schwerkraftkonzentration im Zentrum. Der ganze Vorgang verläuft ungewöhnlich langsam, denn normalerweiser öffnet und schließt sich ein 'Wurmloch' innerhalb von Sekundenbruchteilen."

        "Gibt es Anzeichen einer Zeitdehnung?" fragte Caroline Milton.

        "Das kann ich noch nicht sagen", meinte der Ortungsspezialist, "Aber das wäre eine Erklärung dafür, dass alles so extrem langsam abläuft."

 

Die Commodorin wandte sich an den 1.Offizier: "Rufen Sie sofort die Außenteams zurück an Bord. Wir müssen die Umlaufbahn so schnell wie möglich verlassen, bevor wir Gefahr laufen, in den Sog des Wurmloches zu geraten. Und verständigen Sie das Team auf dem zweiten Planeten, dass es dort schnellstens verschwinden muss."

 

 

 

 Es dauerte fast 14 Stunden, bis alle Landungseinheiten mitsamt ihrer Ausrüstung wieder an Bord der ARISTOTELES waren.

Das Forschungsraumschiff verließ die Umlaufbahn und entfernte sich von dem Planeten, ohne diesmal den Asteroidenring zu durchfliegen.

Jenseits der Umlaufbahn des 2. Planeten wurde das dort bereits wartende Beiboot wieder eingeschleust.

 

Dann ging die ARISTOTELES in einem Abstand von zehn astronomischen Einheiten (1.495.042.000 km) in Warteposition, um aus relativ sicherer Entfernung das Schauspiel des sich nun immer weiter öffnenden Wurmloches zu beobachten.

Caroline Milton war klug genug gewesen, drei robotgesteuerte Beobachtungssonden in unterschiedlichen Abständen in der Nähe des 1.Planeten zurückzulassen, mit deren Hilfe sie dieses seltene kosmische Schauspiel auch aus der Nähe betrachten konnten.

 

        "Das Ding ist gewaltig", meinte der Ortungsoffizier, "Es hat bereits einen Durchmesser von 0,02 Lichtminuten (359.750,4 km). Eine solche Ausdehnung ist  bei einem Wurmloch noch nie beobachtet worden."

        "Können wir feststellen, ob es sich in einem gedehnten Zeitfeld befindet?" fragte ihn die Kommandantin.

        "Leider nicht", antwortete der Mann bedauernd, "Wir können das Ding nur visuell beobachten und seine Auswirkungen auf den umgebenden Raum messen. Aber alles, was sich innerhalb seines Bereiches abspielt, können unsere Sensoren nicht erfassen, weil keines unserer Ortungssignale zurückkommen kann. Es existiert praktisch in einem eigenen Kontinuum, in dem die Zeit völlig anders abläuft. Es ist einfach faszinierend."

        "Gleich erfasst seine Anziehungskraft den Asteroidenring", meinte der 1.Offizier, "Wenn es noch größer wird, schluckt es noch den ganzen Planeten."

 

Tatsächlich zeigten jetzt die Bildübertragungen der Robotsonden, wie sich ganze Schwärme von Asteroiden aus dem Ring lösten und mit schnell zunehmender Geschwindigkeit auf das Wurmloch zuflogen.

Doch kurz bevor sie es erreichten und hineingesaugt wurden, schienen sie schlagartig abzubremsen, um dann weitaus langsamer als zuvor in den Schlund des Wurmloches hineinzuschweben.

 

        "Jetzt können wir sicher sein, dass es sich in einem Feld extrem gedehnter Zeit befinden muss", meinte Commodorin Milton, "Sonst würden die Asteroiden jetzt viel schneller hineinfliegen."

 

        "Es scheint sich jetzt nicht mehr weiter auszudehnen", meldete der Ortungsspezialist, "Aber seine Anziehungskräfte sind unverändert hoch. Jetzt wird auch die erste von unseren Robotsonden hineingezogen. Sie sendet keine Signale mehr."

 

        "Da !" rief der 1.Offizier plötzlich, "Sehen Sie! Das Nebelwesen! Es versucht zu fliehen!"

        "Aber es ist nicht mehr allein. Da kommen noch mehr von den Biestern aus ihren Verstecken", meldete der Ortungs-Chef.

 

Angespannt beobachteten sie, wie mehrere Dutzend der Nebelwesen aus dem Asteroidenring hervorkamen und sich schnell zu entfernen begannen.

 

        "Zum Glück kommen sie nicht in unsere Richtung", murmelte Caroline Milton, "Wer weiß, ob sie uns nicht angegriffen hätten."

 

        "Sehen Sie doch!" rief der Ortungsoffizier, "Jetzt wird der ganze Planet in das Wurmloch gezogen!"

 

Mit einer Mischung aus Schrecken, Faszination und grenzenlosem Staunen beobachteten die Menschen auf der ARISTOTELES, wie der ganze Planet mitsamt seinem Asteroidenring mit unaufhaltsamer Gewalt aus seiner Umlaufbahn gezerrt wurde und dann mit geradezu quälender Gemächlichkeit auf den "blinden Fleck" im Schlund des Wurmloches zuschwebte.

 

Die beiden noch verbliebenen Robotsonden hörten kurz darauf auf zu senden, so dass die unheimlichen Vorgänge nur noch mit den Fern-Ortungsgeräten des Explorerschiffes beobachtet werden konnten.

 

Es dauerte genau neun Stunden und vierunddreißig Minuten, bis der Planet, nachdem er von den gigantischen Gravitationskräften in Stücke gerissen worden war, völlig im Schlund des Wurmloches verschwunden war.

 

Und dann war das rätselhafte kosmische Gebilde innerhalb von Sekundenbruchteilen einfach verschwunden, als hätte es niemals existiert.......

 

 

Nach über viermonatiger Abwesenheit kehrte die ARISTOTELES in das Raumgebiet der terranischen Föderation zurück und nahm Kurs auf das solare Sonnensystem, das sie am 7. Juni 2311 erreichte.

 

Nachdem das Explorerschiff in eine stationäre Umlaufbahn um den Erdmond gegangen war, wurden die in ihren Frachträumen mitgebrachten Überreste der fremden Zivilisation in die lunaren Forschungseinrichtungen der RFB gebracht, wo sich ganze Legionen neugieriger Wissenschafter in den nächsten Monaten mit ihnen beschäftigen würden.

 

Danach wurde die ARISTOTELES in eine der erdnahen Raumwerften gebracht, wo sie einer gründlichen Inspektion unterzogen werden sollte.

 

Während die Besatzung bis auf eine kleine Bereitschaftsgruppe ihren verdienten Urlaub antrat, begab sich Commodorin Caroline Milton mit ihrem Kommandostab zur Zentrale der Raumforschungsbehörde auf der Erde, um dort Bericht zu erstatten.

 

 Vorläufiger Bericht der Raumforschungbehörde

an die Oberste Raumbehörde

und die Oberste Föderations-Administration:

 

Die im galaktischen Norma-Spiralarm durchgeführte  Expedition des Explorer-Schiffes ARISTOTELES unter dem Kommando von Commodorin Caroline Milton erbrachte folgende vorläufige Ergebnisse:

 

Der Herkunftsplanet des im VECATOR-System aufgetauchten Walzenraumschiffes konnte gefunden und eindeutig identifiziert werden. Leider musste festgestellt werden, dass die dort beheimateten intelligenten Lebewesen vor ca. vierhundert Jahren völlig ausgerottet wurden.

 

Es wird vermutet, dass die Ursache dieser Katastrophe ein Angriff aggressiver Lebensformen war, die im Vakuum des Weltraumes existieren können und sich von organischer Materie ernähren.

Diese Kreaturen bestehen aus einer nebelartigen Substanz, deren physikalische Eigenschaften jedoch nicht ermittelt werden konnten.

Die ARISTOTELES wurde von einer dieser äußerst aggressiven Kreaturen angegriffen, wobei einige Besatzungsmitglieder getötet wurden. Es gelang der Crew jedoch, den Angriff rechtzeitig abzuwehren.

 

Bei der Untersuchung des Zielplaneten wurden die Überreste einer technischen Zivilisation vorgefunden, deren Entwicklungsstand der irdischen Technologie in der Mitte des 21.Jahrhunderts entsprach.

 

Die Planetarier verfügten bereits über Raumfahrzeuge mit konventionellen Antriebssystemen, mit deren Hilfe ein benachbarter Planet kolonisiert wurde. Allerdings gab es keine Hinweise darauf, dass die Planetarier den interdimensionalen Raumflug beherrschten. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass sie für ihre Raumschiffe ein Energieschutzsystem entwickelt haben, das unseren Systemen überlegen ist. Ob dieser Schutzschirm wegen der Bedrohung durch die aggressiven Nebelkreaturen entwickelt wurde, liegt zwar im Bereich des Wahrscheinlichen, kann jedoch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, da es den Planetariern nicht geholfen hat, ihren Untergang zu verhindern.

 

Eine Anzahl von noch relativ gut erhaltenen technischen Gerätschaften, darunter auch ein kleineres Raumfahrzeug konnte von der ARISTOTELES mitgebracht und den lunaren Forschungseinrichtungen der RFB übergeben werden. Zudem wurden Datenverarbeitungsgeräte und die dazugehörigen Datenträger gefunden und mitgebracht. Die Auswertung dieser Informationen wird jedoch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.

 

Während des Aufenthalts der ARISTOTELES kam es in unmittelbarer Nähe des Zielplaneten zur Bildung eines extrem großen Wurmloches.

Die ungewöhnlichen Eigenschaften dieses Phänomens lassen darauf schließen, dass es sich in einem Feld extrem hoher Zeitdehnung gebildet hat. Seine enorme Größe und die immens hohen Anziehungskräfte  führten dazu, dass der gesamte Zielplanet von dem Wurmloch verschlungen wurde.

Commodorin Milton und auch ihre Schiffsoffiziere sind der einhelligen Meinung, dass dort vor ca. vierhundert Jahren schon einmal ein solches Wurmloch innerhalb eines extremen Zeitverzerrungsfeldes entstanden ist. Es besteht der Verdacht, dass das im VECATOR-System aufgetauchte Walzenschiff vor vier Jahrhunderten von dem damaligen Wurmloch verschlungen und durch dies Zeitverzerrung in die Zukunft geschleudert wurde. Die hohe Ankunftsgeschwindigkeit von 74% Licht könnte eine unmittelbare Folge dieses Zeitsprunges gewesen sein.

 

Vermerk:

Diesem Bericht sind Kopien von den wichtigsten Aufzeichnungen der ARISTOTELES und das Dienst-Logbuch der Kommandantin beigefügt.

Weitere Ergebnisse werden in einem späteren Abschlussbericht übermittelt, sobald die mitgebrachten Datenträger und die darauf befindlichen Informationen ausgewertet werden konnten und weitere Erkenntnisse über die Technologie der Planetarier gewonnen werden konnten.

(12-34862-AZ-Expl.-3267-A)

 

 

Ende des 9. Bandes

 

 


zurück