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STAR-FORCE

Science-Fiction-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Band 8

Business auf
Omikron-Alpha

 

        "Warum denn ausgerechnet ich?" fragte ich mit weinerlicher Stimme und der irrigen Hoffnung, mein Gegenüber doch noch umstimmen zu können.

        "Warum nicht?" antwortete der Mann grinsend, "Es wird allerhöchste Zeit, dass Sie allmählich wieder etwas für Ihr ohnehin viel zu hohes Gehalt tun."

Ich wagte einen halbherzigen Einspruch bezüglich meines Gehaltes, erreichte damit jedoch nur bei meinem Gegenüber ein Ansteigen seines Blutdrucks.

        "Sie fliegen nach Omikron-Alpha, ob es Ihnen passt oder nicht. Ist das klar, Dickson?"

Seine Faust krachte auf die massive Eichenplatte seines übergroßen Schreibtisches und ließ mich zusammenzucken. Ich wusste aus Erfahrung, dass mit Robert Parson nicht zu spaßen war. Schließlich war er nicht umsonst der Chef des Amtes zur Bekämpfung von Wirtschaftsverbrechen.

        "Kennen Sie Omikron-Alpha?" fragte er unvermittelt.

        "Ja - leider," antwortete ich, "Die Eingeborenen dort sind als besonders unfreundlich bekannt."

        "Das ist eine nette Untertreibung," stellte Parson fest, "Die Wesen von Omikron-Alpha sind nicht nur unfreundlich, sondern ausgesprochen feindselig. Besonders uns Terrestrier scheinen sie wenig zu mögen."

        "Ich weiß," murmelte ich und dachte mit unguten Gefühlen an meinen letzten Besuch auf diesem Planeten, der allerdings schon einige Jahre zurücklag.

        "Nein," polterte Parson, "Sie wissen gar nichts!  Die Omikroner, wie wir sie nennen, haben nämlich seit kurzer Zeit ihr Verhalten völlig verändert. Obwohl sie immer völlig anspruchslos und zurückgezogen gelebt haben, legen sie jetzt einen Konsumdrang an den Tag, der alles in den Schatten stellt. Und merkwürdigerweise wollen sie nur die Produkte der Ganymed-Sales-Company haben."

        "Vielleicht haben die eine bessere Qualität."

        "Reden Sie keinen Quatsch, Dickson! Es gibt doch schon lange keine qualitativen Unterschiede mehr zwischen den Erzeugnissen der verschiedenen Konzerne."

        "Aber woran sollte das sonst liegen?"

        "Eben das sollen Sie ja auf Omikron-Alpha herausfinden. Sie fliegen morgen früh."

Damit war unser Gespräch beendet.

 

 

Ich nutzte die Zeit, die mir noch bis zum Abflug zur Verfügung stand, indem ich mein Wissen über Omikron-Alpha etwas auffrischte. Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist besagter Planet etwa marsgroß und hat nur eine einzige Handelsniederlassung am Äquator, wo das eisige Klima noch einigermaßen auszuhalten ist. Der größte Teil dieser ungastlichen Welt ist nämlich unter einer dicken Schnee- und Eisschicht verborgen. Wirtschaftlich interessant ist Omikron-Alpha eigentlich nur deshalb, weil es dort reiche Vorkommen an Rellynn-Kristallen gibt, die ja bekanntlich als Speichereinheiten für hochwertige Positronengehirne bestens geeignet sind. Bisher hinderte die Konzerne nur eines daran, diese Kristallvorkommen rücksichtslos auszubeuten: die Bewohner des Planeten, die wir Omikroner nennen.

Die Gesetze der terranischen Föderation  schrieben nun mal vor, dass auf einer von Intelligenzen bewohnten Welt nur dann Handelsniederlassungen oder Förderanlagen  eingerichtet werden dürfen, wenn die dort ansässigen Intelligenzen auch damit einverstanden waren. Natürlich gilt das auch für die Ausbeutung von Rohstoffen.

Bisher war man nur durch einfache Tauschgeschäfte an die Kristalle gekommen, denn von Geld oder entsprechenden Zahlungsmitteln halten die Omikroner überhaupt nichts. Sie tauschen die Kristalle nur gegen Dinge, die für sie auch einen praktischen Nutzen haben. Da sie jedoch eine sehr entsagungsvolle und einfache Lebensweise hatten, gab es natürlich nicht sehr viel, was für sie tauschenswert war.

Und das hatte sich vor einiger Zeit schlagartig geändert. Plötzlich waren die Omikroner ganz erpicht auf die Erzeugnisse der Ganymed-Sales-Company und schleppten zum Tauschen so viele Kristalle heran, wie sie tragen konnten. Irgendetwas ging da nicht mit rechten Dingen zu!

 

Das Amt zur Bekämpfung von Wirtschaftsverbrechen hatte eine neue Identität für mich geschaffen. Ich war nun George Ateman, dreiundvierzig Jahre alt und etwas übergewichtig. Von Beruf war ich freiberuflicher Korrespondent, der zur Zeit für das Magazin "Interstellar Times" arbeitete und eine Reportage über Omikron-Alpha verfassen sollte. Mein Lebenslauf war lückenlos und konnte jederzeit nachgeprüft werden. dass mich jemand erkannte, war mehr als unwahrscheinlich, denn mein Äußeres hatte sich in den letzten Jahren dank zahlreicher "kosmetischer" Operationen stark verändert.

 

Der Flug nach Omikron-Alpha war für mich nicht besonders angenehm, denn meine Behörde ist in solchen Dingen ziemlich sparsam, so dass ich in der 3.Klasse des Passagierschiffes reisen musste.....

 

 

Das Hotel, in dem ich mich einquartierte, trug den wohlklingenden Namen "Omikron-Palace", obwohl das dreistöckige Gebäude selbst bei ausschweifendster Phantasie nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Palast hatte. Es war nicht viel mehr als ein schmuckloser Betonklotz mit viel zu kleinen Fenstern.

Als ich jedoch durch das Portal getreten war, stellte ich fest, dass das Innere des Hotels einen angenehmen Kontrast zu seiner äußeren Fassade bildete.

 

"Sie wünschen, Sir?" fragte der Empfangsroboter diensteifrig.

Ich stellte meinen Koffer hin, zückte meine Identitäts-karte und hielt sie dem Roboter vor seine Kamera-Augen.

"Mein Name ist George Ateman," antwortete ich, "Hier müsste ein Zimmer für mich reserviert sein."

 

"Aber klar, alter Junge," gab der Roboter zurück.

Ich muss ihn wohl ziemlich verdattert angestarrt haben, als ich mich fragte, welcher Programmierer wohl an seinem Betriebssystem herumgefummelt hatte.

"Zimmer siebenundachtzig, Alter," schnarrte seine Blechstimme, während er mir mit einem seiner Greifarme den Code-Schlüssel reichte, "Es wartet übrigens schon jemand auf Sie, Mister."

Die Worte ließen mich unwillkürlich zusammenzucken. Wer konnte wissen, dass ich heute hier ankommen würde? Und wer hatte Interesse daran, einen Reporter sofort nach seiner Ankunft auf diesem öden Handelsstützpunkt zu sprechen? War ich jetzt schon enttarnt?

Ich beschloss, zunächst meine Rolle als George Ateman weiter zu spielen. Also begab ich mich zu meinem Zimmer, öffnete die Tür und ging hinein, um festzustellen, wer dort auf mich wartete.

Mein "Besuch" hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und begrüßte mich mit einem freundlichen "Hallo".

 

Ich setzte mich ihm gegenüber, ohne den Gruß zu erwidern, und musterte ihn eingehend, um festzustellen, ob ich ihn nicht schon von früheren Begegnungen her kannte. Es war ein unscheinbarer Mann, etwa Mitte Dreißig, untersetzt, mit einem klassischen "Dutzendgesicht" und ohne besondere Merkmale. Also ein typischer "Mister Unauffällig". Und das machte mich misstrauisch.

 

Aber als ich nach dem Laser in meinem Schulterhalfter griff, blickte ich plötzlich genau in die flimmernde Abstrahlmündung eines Impuls-Blasters und erstarrte mitten in der Bewegung. Ich legte schließlich keinen Wert darauf, mir von dem Ding den Kopf wegbrennen zu lassen.

"Wir haben Sie erwartet, Mister Ateman," meinte 'Mr.Unauffällig' grinsend, "Oder sollte ich lieber Mister Dickson sagen?"

 

Ich musste unwillkürlich an meinen Chef denken, der sich sicher sehr darüber aufregen würde, wenn er erfuhr, dass mein Auftrag, der ja schließlich Geld kostete, bereits beendet war, noch bevor er angefangen hatte.

Plötzlich spürte ich, dass jemand hinter mir war. Bevor ich jedoch reagieren konnte, traf mich ein harter Schlag im Nacken und setzte mich augenblicklich außer Gefecht....

 

 

Ich erwachte in einer spartanisch eingerichteten Zelle und wunderte mich zunächst darüber, überhaupt noch am Leben zu sein. Allerdings konnte ich auch nicht mit Gewissheit sagen, dass dieser erfreuliche Zustand noch lange anhalten würde. Es dürfte kaum jemanden überraschen, dass mich dieser Zweifel sehr anspornte, etwas zu unternehmen, um meine missliche Lage so schnell wie möglich zu verbessern.

 

Einer plötzlichen Eingebung folgend hämmerte ich wie ein Verrückter gegen die Zellentür und stieß dabei laute Schmerzensschreie aus. Irgendwie muss der Klang meiner Stimme überzeugend genug gewesen sein, denn die Tür öffnete sich und das neugierige Gesicht eines mittelgroßen Mannes starrte mich an. Meine Fingerknöchel trafen genau seinen Kehlkopf, danach sorgte ein Schlag gegen seine Schläfe dafür, dass er besinnungslos zusammenbrach.

 

Der Mann war so freundlich gewesen, mir einen Impuls-Blaster mitzubringen, den ich natürlich an mich nahm, um gegen weitere Unannehmlichkeiten gewappnet zu sein.

Außerdem hatte er eine Code-Karte dabei, mit der ich die Zelle wieder verschließen konnte, nachdem ich den Bewusstlosen  hineingezerrt und dort auf meiner Liege deponiert hatte. Vorsichtshalber legte ich noch eine Decke über ihn, damit man ihn bei einer flüchtigen Kontrolle für mich hielt, solange er nicht wieder aufgewacht war.

 

Ich befand mich im Kellersystem eines ausgedehnten Gebäude-Komplexes, das zu meiner Verwunderung völlig menschenleer zu sein schien. Nachdem ich ein paar Flure entlanggelaufen war, war ich mir sicher, dass ich mich nur in der Handelsniederlassung der Ganymed-Sales-Company befinden konnte, denn es gab hier kein anderes Gebäude von dieser Größe.

Mit Hilfe der Code-Karte konnte ich die meisten Türen öffnen und auch einen Blick dahinter werfen. Und dann kam ich in einen Raum, in dem zu meinem Glück eine Grundrisskarte des Gebäudes an einer Wand hing. Jetzt war es relativ leicht, mich zu orientieren und mich auf die Suche nach dem Hangar mit den firmeneigenen Atmosphärengleitern zu machen. Wenn es mir gelang, eines dieser Fluggeräte zu entwenden, konnte ich damit nicht nur fliehen, sondern auch zu den Dörfern der Omikroner fliegen, um dort herauszufinden, was sie so plötzlich in ihren Konsumrausch versetzt hatte.

 

Auf dem Weg zum Hangar liefen mir noch zwei Nachtwächter über den Weg, die ich aber ausschalten konnte, bevor sie andere alarmierten.

 

Dann war ich am Ziel und vor mir stand ein Atmosphärengleiter neuesten Modells. Und er war sogar unverschlossen. Es bereitete mir keine große Mühe, das Außenschott des Hangars zu öffnen, den Gleiter zu starten und dann mit Höchstgeschwindigkeit davonzurasen.

 

 

Die nächste Ansiedlung der Omikroner war etwa dreihundert Kilometer in nordöstlicher Richtung von der terrestrischen Handelsniederlassung entfernt, und so lenkte ich den Gleiter in diese Richtung.

 

Erst nachdem ich bereits fast zweihundert Kilometer Flugstrecke zurückgelegt hatte, begann ich mich darüber zu wundern, dass meine Flucht so einfach gewesen war.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen!

Es war eine Falle !

 

Und ich Trottel war wie ein Anfänger darauf hereingefallen. Man hatte mich absichtlich entkommen lassen, um mich so bequem loszuwerden. Ich war mir sicher, dass irgendwo in diesem nagelneuen Gleiter eine hübsche Bombe steckte, die irgendwo über dieser Eiswüste explodieren würde.

 

Sofort löste ich die Notlandeautomatik aus, die glücklicherweise hervorragend funktionierte. Der Gleiter schlitterte noch über das Eis, als ich schon die Luke geöffnet hatte und mit einem todesmutigen Satz hinaussprang. Sicher hätte ich mir dabei einige Knochen gebrochen, wenn ich nicht in einer Schneewehe gelandet wäre.

Ich sah, wie der Gleiter noch etwa fünfhundert Meter weiterrutschte und dann in einer weiteren Schneewehe steckenblieb.

Dann geschah eine Weile gar nichts, und ich glaubte schon, dass meine Befürchtungen unbegründet gewesen waren. Aber dann krachte es ohrenbetäubend und metallgraue Leib des Fluggerätes wurde in tausend Stücke gerissen.

Mir blieb allerdings nicht viel Zeit, mich über mein Überleben zu freuen, denn plötzlich ertönte hinter mir ein heiseres Brüllen, dass dem eines irdischen Eisbären nicht unähnlich war. Als ich mich umdrehte, blickte ich genau in die Facettenaugen eines Omikroners, der keinen sehr freundlichen Eindruck machte.......

 

 

Omikroner sind nun einmal wenig zugängliche Zeitgenossen, das ist allgemein bekannt. So brachte ich auch ein gewisses Maß an Verständnis dafür auf, dass mich der Bursche kurzerhand fesselte, mich wie ein Bündel auf seinen Schlitten lud und mich dann zu einem nahegelegenen Höhlenlager schleppte, in der sich ungefähr hundert weitere seiner Artgenossen aufhielten. Sie machten auf mich keinen sehr freundlichen Eindruck, aber ich glaube kaum, dass Lebewesen, die eine große Ähnlichkeit mit riesigen fellbewachsenen Vogelspinnen haben, überhaupt symphatisch auf einen Erdenbewohner wirken können. Doch höchstwahrscheinlich waren wir Menschen in ihren Augen auch keine Schönheiten, was ihre ausgesprochene Abneigung uns gegenüber erklären mochte.

 

Einer der Omikroner kam auf mich zu. Er war größer als die anderen und stellte wohl so etwas wie einen Häuptling dar.

"Was wolltest du in unseren Gebiet?" grollte er mich in seiner Sprache an, die ich leidlich verstehen konnte.

"Ich bin hier, um euch vor bösen Machenschaften zu warnen," antwortete ich, "Es gibt hier Terrestrier, die euch wegen eurer Kristalle betrügen."

Die erhoffte Wirkung meiner Worte blieb jedoch aus. Ganz im Gegenteil! Ein zorniges Zischen ging durch die Reihen der versammelten Geschöpfe.

"Er hat Pirrot gelästert!" rief der 'Häuptling', und die anderen brüllten zustimmend.

Mich durchzuckte es wie ein Stromschlag.

Pirrot !

Robert Pirrot war kein anderer als der hiesige Chef der Ganymed-Sales-Company! So langsam wurden die Zusammenhänge klarer.

 

"Er muss dafür büßen!" rief der 'Häuptling', "Morgen werden wir ihn zur Stunde der Offenbarung opfern!"

Die anderen gaben ihre Zustimmung lauthals kund.

 

Mir musste jetzt schnell etwas einfallen, denn sonst waren meine Tage in diesem Dasein gezählt. Der Haufen hier meinte es bestimmt verdammt ernst, denn ich hatte noch nie davon gehört, dass Omikroner so etwas wie einen makraben Humor besaßen......

 

 

Als ich am nächsten Morgen unsanft geweckt wurde, war mir klar, dass der entscheidende Zeitpunkt ziemlich nah war. Ich war neugierig auf diese "Stunde der Offenbarung".

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich heute des Rätsels Lösung erfahren würde, was das seltsame Verhalten der Omikroner betraf.

 

Man verfrachtete mich auf einen der Schlitten und zog mich einfach hinter der marschierenden Gruppe her. Mir fiel auf, dass sich nur ein kleiner Teil des Stammes auf den Weg machte, angeführt von dem 'Häuptling'. Vermutlich handelte es sich um die Ranghöchsten des Stammes.

 

Wir erreichten nach etwa zwei Stunden den Rand einer ausgedehnten Hochebene. Die Omikroner hielten an und verharrten dann in einer andächtig anmutenden Haltung, als würden sie auf etwas warten.

 

Sie brauchten allerdings nicht lange zu warten, denn plötzlich flammte am Himmel das mir wohlbekannte Firmenzeichen der Ganymed-Sales-Company auf.

 

Mir wurde klar, was hier auf Omikron-Alpha vorging.

Die Ganymed-Sales-Company beging hier nicht nur ein Wirtschaftsverbrechen, sondern sie verstieß auch in schwerwiegender Weise gegen das Gesetz zum Schutz extraterrestrischer Kulturen:

Suggestivwerbung mit Hilfe eines Projektionsfilmes!

 

Dann lief der Werbefilm ab, der an suggestiver Wirkung nicht mehr zu überbieten war. Hier wurden alle Werbetricks angewendet, die sonst verboten waren: Sekundenbruchteile dauernde Einblendungen, die auf das Unterbewusstsein einwirkten, Hypnose-Filmsequenzen und ähnliches. Selbst ein Mensch, der schon jede Art von Werbung gewohnt war, hätte sich der suggestiven Wirkung dieses Filmes nicht entziehen können.

Jetzt war mir klar, warum die Omikroner so versessen darauf waren, ihre wertvollen Kristalle gegen die Produkte der Ganymed-Sales-Company einzutauschen. Das hier war hemmungs- und gewissenlose Ausbeutung.

 

Es wurde höchste Zeit, etwas dagegen zu tun.

 

 

Zum Glück hatte ich noch immer die Ampulle, die man mir vor dem Einsatz als Backenzahn getarnt in mein Gebiss eingesetzt hatte.

In der Ampulle befand sich eine kräftige Dosis Parin-Y-435.

Vermutlich haben Sie auch schon von dieser Droge gehört, mit deren Hilfe die Körperkräfte eines Menschen für fast 24 Stunden um das Achtfache gesteigert werden können. Natürlich ist das eine äußerst gefährliche Droge, aber in gewissen Situationen ist sie sehr hilfreich. Ihre Zusammensetzung ist eines der bestgehütetsten Geheimnisse des terrestrischen Sicherheitsdienstes. Denn schon die geringste Überdosis führt sofort zum Tode.

Allerdings ist es auch nicht sehr angenehm, wenn die Wirkng dieser Droge nachlässt. Wenn man dann nicht sofort in medizinische Behandlung kommt, kann man sich auch gleich vom Leben verabschieden.

Nachdem der Werbefilm geendet hatte, dauerte es auch nicht lange, bis ein mittelgroßer Lastengleiter am Himmel auftauchte und kurz darauf in der Nähe landete. Offensichtlich brachte er die Ware, die gegen die Kristalle getauscht werden sollte. Jetzt musste ich handeln.

 

Ich zerbiss also die Ampulle in meinem Mund, wartete etwa eine Minute, bis die Wirkung einsetzte, und zerriss dann mit einem kräftigen Ruck meine Fesseln. Bevor die Omikroner überhaupt begriffen, was geschah, rannte ich bereits auf den Lastengleiter zu und setzte seine fünfköpfige Mannschaft mit einigen "leichten" Schlägen außer Gefecht.

Dann schwang ich mich in die Pilotenkanzel, startete den Lastengleiter und raste davon......

 

 

Der Rest ist schnell erzählt.

Als ich den Stützpunkt erreicht hatte, informierte ich sofort die dortigen Ordnungskräfte, die nach Rücksprache mit meiner Behörde unverzüglich in Aktion traten.

Die meisten Mitarbeiter von Robert Pirrot wurden festgenommen und arrestiert, während ich schon besinnungslos im Krankenhaus lag, um dort die Nachwirkungen der Droge zu überstehen.

 

Robert Pirrot selbst konnte jedoch seinen Häschern mit Hilfe seiner privaten Raumjacht entkommen. Er konnte auch nach jahrelanger Fahndung auf allen kolonisierten Welten nicht mehr aufgespürt werden.

 

Als ich drei Monate später wieder auf der Erde landete, gab es die Ganymed-Sales-Company nicht mehr.

Sie war kurzerhand aufgelöst und beschlagnahmt worden, nachdem man den gesamten Firmenvorstand verhaftet hatte.

 

Die Firmeneinrichtungen wurden jetzt an andere Konzerne verkauft.

Auf Omikron-Alpha wurde ein Projekt vorbereitet, das die kulturelle Schädigung der Omikroner beseitigen oder zumindest mildern sollte.

Aber das war eine Angelegenheit des Amtes für extraterrestrischen Kulturaustausch und ging mich nichts mehr an.

Ich muss jetzt nur noch meinen Bericht schreiben, den mein Chef mit hundertprozentiger Sicherheit bemängeln wird.

Vermutlich werde ich ihn noch dreimal neu schreiben müssen.....

 

 

 

Epilog:

 

..... Robert Pirrot, dem es gelungen war, Omikron-Alpha mit der "BLUE LADY", seiner privaten Raumjacht, kurz vor dem Eintreffen der Ordnungskräfte zu verlassen, blieb vom Pech verfolgt.

Noch bevor die Raumjacht das Omikron-System verlassen konnte, begegnete sie einem Patrouillenschiff der lokalen Justizbehörde, von dem sie aufgefordert wurde, beizudrehen und ein Inspektionsteam an Bord kommen zu lassen.

Pirrot und seine Mannschaft reagierten blitzschnell.

Alle überflüssigen Energieverbraucher wurden auf minimale Leistung gedrosselt und der Interdim-Antrieb auf volle Leistung hochgefahren.

Direkt danach raste die BLUE LADY mit Vollschub in den sich gerade öffnenden Raum-Zeit-Tunnel und verschwand im interdimensionalen Raum. Es blieb keine Zeit mehr, die Koordinaten für den Wiedereintritt in den Normalraum zu ermitteln und zu programmieren, so dass die Raumjacht praktisch einen "blinden" Hyperraumsprung durchführte.

Pirrot und seine sechsköpfige Crew hofften darauf, dass das Patrouillenschiff nicht das gleiche Wagnis eingehen würde, um sie zu verfolgen. Ihre Rechnung ging auf, denn der Kapitän des Patrouillenschiffes dachte nicht im Traum daran, sein Schiff und seine Mannschaft diesem Risiko auszusetzen und verzichtete auf eine Verfolgungsjagd.

 

 

Als die BLUE LADY wieder in das "normale" Raum-Zeit-Kontinuum zurückstürzte, befand sie sich in einem unbekannten Teil der Galaxie.

Pirrot versuchte zunächst, ihre Position festzustellen, was sich jedoch als äußerst schwierig erwies, da er weder die Richtung noch die zurückgelegte Strecke kannte.  

Also versuchte er, die Position anhand der sie umgebenden Sternkonstellationen zu bestimmen, aber die wenigen sichtbaren Sterne in diesem Teil der Galaxie machten das nicht leicht.

Pirrot peilte den hellsten sichtbaren Stern an, einen Spektral-Typ G6, hinter dem eine Reihe örtlicher Sterngruppen und Dunkelwolken auszumachen waren und ermittelte anhand dieses Fixpunktes, dass sie sich im äußersten Zipfel des Sagittarius-Spiralarmes befinden mussten.

 

Die allgemeine Erleichterung hielt jedoch nicht lange an.

 

Bei ihrer überstürzten Flucht war der Interdim-Antrieb durch das plötzliche Aufladen der Fusionskammern schwer beschädigt worden und ohne langwierige Reparaturen nicht mehr funktionsfähig. Die nächste menschliche Kolonie aber war hunderte von Lichtjahren weit entfernt und damit vorerst unerreichbar.

Da die Sauerstoff- und Nahrungsreserven nur noch für ein paar Wochen reichten, mussten sie unbedingt einen Planeten finden, der über Nahrung, Wasser und Sauerstoff  verfügte, damit sie so lange überleben konnten, bis der Antrieb wenigstens soweit repariert war, dass sie damit die nächste menschliche Kolonie erreichen konnten.

In einer Entfernung von 78,2 Lichtminuten war ein mittlerer Stern des F2-Typs auszumachen, der - wie die Fernortung anzeigte - von drei Planeten umkreist wurde, von denen der innerste die fremde Sonne in einem Abstand von 0,22 astronomischen Einheiten umkreiste.

 

An Bord der BLUE LADY konnte man nur hoffen, dass einer der Planeten halbwegs annehmbare Lebensbedingungen aufwies.

Pirrot ließ Kurs auf das unbekannte Sonnensystem nehmen, das sie 9,5 Stunden später erreichten.

Der erste, innerste Planet des Systems bestand an seiner Oberfläche nur aus einem glühenden Lava-Ozean, der kein Leben zuließ. Er hatte die Größe von Merkur und kreiste auf einer elliptischen Bahn, die dicht an der Sonne vorbeiführte.

Der zweite Planet wies eine dichte Kohlendioxyd-Atmosphäre und eine Oberflächentemperatur von über 700 Grad Celsius auf.

Als die Daten des dritten, äußersten Planeten auf den Bildschirmen der Computer erschienen, machte sich freudige Erregung unter den Besatzungsmitgliedern der BLUE LADY breit.

 

Dieser Planet verfügte über erdähnliche Bedingungen und besaß eine sauerstoffreiche Atmosphäre, die für menschliche Lungen geeignet schien. Die Anziehungskraft betrug nur knapp die Hälfte der irdischen Schwerkraft, was jedoch kein wesentliches Problem darstellte. Als schließlich die genaue Analyse der planetaren Gashülle abgeschlossen war, konnte die Besatzung der Raumjacht erleichtert aufatmen: Sie würden auf dem Planeten sogar ohne lästige Filter-Masken atmen können!

 

 

Die Landschaft unter ihnen war stark zerklüftet und wies auf frühere rege Vulkanaktivitäten hin. Es gab Hunderte von kleinen, aber ziemlich tiefen Binnenmeeren. Als Landegebiet kamen Krater in Frage, von denen es auf den Landmassen genügend gab - mit Durchmessern von bis zu 150 Kilometern.

Die BLUE LADY umkreiste den Planeten dreimal in relativ niedriger Flughöhe, um festzustellen, ob es hier faunisches Leben oder vielleicht sogar eine primitive Zivilisation gab. Aber falls so etwas vorhanden war, blieb es unter der dichten Vegetation verborgen.

 

Robert Pirrot entschloss sich zur Landung in einem der kleineren Krater, dessen Boden nur von niedrigen Pflanzenarten bewachsen war, so dass der Landeplatz nicht erst mit den Bordlasern freigebrannt werden musste.

 

Nach der Landung begann die Besatzung sofort mit der Überprüfung sämtlicher Schiffssysteme, um das genaue Ausmaß der Schäden und der damit notwendigen Reparaturmaßnahmen festzustellen.

 

Während die anderen Männer den Systemcheck vorbereiteten, beschlossen Pirrot und der Pilot, sich draußen umzusehen.

 

Nach der stickigen Luft im Raumschiff tat ihnen die frische Brise gut, und sie bewegten sich mit großen Sprüngen (wegen der geringen Schwerkraft) über die niedrigen Büsche.

Der Pilot inspizierte die Außenhülle der Raumjacht, konnte aber keine sichtbaren Schäden feststellen.

 

Während er die Schiffshülle mit einem Material-Scanner zu untersuchen begann, bewegte sich Pirrot unterdessen auf einen etwa fünfhundert Meter entfernten Felsbrocken zu, der aus dem graugrünen Buschwerk emporragte.

 

Obwohl bislang noch keine Anzeichen tierischen Lebens festzustellen waren, musste Pirrot davon ausgehen, dass sich unter diesen überaus günstigen Lebensbedingungen auch eine Fauna entwickelt haben musste und empfand es als sehr beruhigend, dass er eine Waffe dabei hatte.

 

Schließlich erreichte er den Felsbrocken und begann mit dem Aufstieg. Als er oben war, konnte er nur das sonnenbeschienene Oberteil der BLUE LADY inmitten des dichten Pflanzenteppichs erkennen.

 

Doch dann änderte sich das Bild schlagartig.

 

Die graugrünen Pflanzen rings um den metallischen Leib des Schiffes begannen sich plötzlich zu bewegen und wuchsen mit rasender Schnelligkeit in die Höhe.

 

Pirrot hörte das schrille Aufheulen des Lasergeschützes und konnte noch sehen, wie sich der sonnenheiße Energiestrahl in das sich wild bewegende Pflanzenmeer hineinbrannte, doch kurz darauf war das Raumschiff völlig unter der graugrünen Pflanzenmasse verschwunden.

 

Entsetzt erkannte Robert Pirrot, dass sie in eine gigantische Falle geraten waren. Die Pflanzenwelt dieses Planeten war alles andere als harmlos.

 

Als die mörderischen Pflanzen begannen, an dem Felsbrocken emporzuwachsen, auf dem er stand, riss er seinen Handlaser aus dem Hüftholster und feuerte verzweifelt auf die graugrünen Pflanzenarme, die von allen Seiten auf ihn zu wuchsen.

 

Ein paar Minuten später war der Energie-Speicher seiner Waffe leergeschossen......

 

 

Ende des 8. Bandes

 


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