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STAR-FORCE

Science-Fiction-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 Band 3

" Sargosa II "

 

12. Februar 2115:

Alle Vorbereitungen für den Start der JANIS JOPLIN waren abgeschlossen und die letzten der dreihundert Raumpioniere (es handelte sich dabei ausschließlich um verheiratete Paare) waren vor einigen Stunden an Bord des riesigen Fernraumschiffes gegangen, das in seiner Startposition über dem Jupiter in der samtenen Schwärze des Weltraumes schwebte.

Die Augen der gesamten Menschheit hingen gebannt an den Bildschirmen der Übertragungsgeräte, um den Start des ersten interstellaren Siedlerschiffes mitzuerleben.

Um genau 12:00 Uhr Greenwich-Zeit zündeten die mächtigen Ionen-Triebwerke der JANIS JOPLIN und begannen das Raumschiff zu beschleunigen, um es auf eine Geschwindigkeit zu bringen, die den Eintritt in den interdimensionalen Raum erst ermöglichte.

Vierzehn Stunden später kreuzte die JANIS JOPLIN die Pluto-Bahn und drang in den interstellaren Raum vor. Der Interdimensional-Antrieb wurde aktiviert und erzeugte vor dem Raumschiff ein hochkonzentriertes Quanten-Feld, ein künstliches "Black Hole", durch dessen Tunneleffekt das große Schiff in den Hyperraum gezogen wurde, wo die Naturgesetze des "normalen" Raum-Zeit-Kontinuums keine Gültigkeit mehr hatten. Die Reise des ersten großen Siedlerschiffes in die Tiefen des Weltraumes hatte begonnen, eine Reise, deren Dauer die Lebenszeit von Menschen weit überschritt, so dass erst die Enkelkinder der Besatzungsmitglieder das Ziel erreichen konnten.

 

    In den folgenden zehn Jahren wurden vier weitere Generationenschiffe auf die Reise geschickt:

          - am 9. Januar 2119 startete die TINA TURNER,

          - am 23.März 2122 die JOE COCKER,

          - am 28.Juni 2123 die JIMMI HENDRIX,

          - am 16.April 2125 die RAY CHARLES.

           

    Keines dieser fünf Schiffe sollte jemals seinen Bestimmungsort erreichen.......

     

 

180 Jahre später...

5.Mai 2295 - Erdstandardzeit:

Dringende Meldung an das AMT FÜR INTERSTELLARE KOLONISIERUNG:

 

"...Bei der Kartographierung des Planeten Sargosa II haben wir das Wrack eines irdischen Raumschiffes gefunden und untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass es sich um das seit dem 12. Februar 2115 verschollene Generationenschiff JANIS JOPLIN handelt. Wir haben mit genaueren Untersuchungen begonnen, um das Schicksal der einstigen Besatzung aufzuklären. Weitere Informationen werden in Kürze folgen.

 

gez.

Commodorin Rhonda Mac Parshon, Kapitänin des Explorerschiffes JAMES COOK.

 

 

2. Juni 2295 - Erdstandardzeit:

"Wie das Amt für Interstellare Kolonisierung mitgeteilt hat, wurde auf Sargosa II eine menschliche Kolonie entdeckt, deren Angehörige von den Überlebenden des seit dem Jahre 2115 verschollenen Generationen-Raumschiffes JANIS JOPLIN abstammen. Es wird hiermit angeordnet, einen Sonderbotschafter nach Sargosa II zu entsenden. Ziel dieser Mission ist es, die Kolonie auf  Sargosa II in die Terranische Föderation aufzunehmen und die Bewohner des Planeten auf die Einrichtung eines Flottenstützpunktes der Raumgarde vorzubereiten. Die Einrichtung eines Flottenstützpunktes wird als unbedingt erforderlich erachtet, da sich das Sargosa-System im Sagittarius-Spiralarm der Galaxie befindet, in dem das Operationsgebiet der Nardim vermutet wird.

 

gez.

Betty Nelson, Außenministerin der Terranischen Föderation.

 

 

 

18. Juli 2295 - Erdstandardzeit:

Der Energieschirm der Landefähre leuchtete grell auf, als sie in die Atmosphäre von Sargosa_II eintauchte.

Der terranische Raumkreuzer SRV-19-2 vom 19.Geschwader der schnellen Raumverbände (SRV) hatte den Planeten zweimal umkreist, seine genaue Achsenneigung und Rotationsgeschwindigkeit  ausgelotet und schließlich ein Beiboot ausgeschleust, das sich jetzt anschickte, in der Nähe der größten gemessenen Bevölkerungskonzentration zu landen.

 

Igor Tupolew, seines Zeichens Sonderbotschafter der terranischen Föderation, musste unwillkürlich daran denken, dass diese mit den schiffseigenen Hirnwellen-Scannern gemessene Konzentration auch bedeuten konnte, es hier mit einer Armee zu tun zu haben, die sich versammelt hatte, um das landende Raumschiff anzugreifen.

        "Was ist das eigentlich für ein gottverlassener Planet?" fragte der Pilot der Landefähre.

        "Sargosa II gehört zu den sogenannten verlorenen Kolonien," erklärte Tupolew, "Vor zwei Monaten wurde der Planet von der JAMES COOK entdeckt und untersucht. Dabei wurde eine intelligente Spezies vorgefunden, die ganz eindeutig von Menschen abstammt."

        "Menschen?" wunderte sich der Pilot, "Wie sind die denn hierhergekommen?"

        "Man hat in Äquatornähe das Wrack eines großen Raumschiffes gefunden. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um die Überreste der JANIS JOPLIN handelt. Das war eines der fünf großen Kolonistenschiffe, die in der ersten Hälfte des 22.Jahrhunderts auf die Reise zu fernen Sonnensystemen geschickt wurden. Diese ersten Fernraumschiffe waren zwar schon mit Interdimensional-Triebwerken ausgestattet, aber damals konnte man damit im Hyperraumflug nur maximal viereinhalbfache Lichtgeschwindigkeit  erreichen. Die Reisedauer dieser ersten Fernexpeditionen überschritt natürlich bei weitem die Lebensdauer eines Menschen, und so war es vorgesehen, dass erst die während der langen Reise an Bord geborenen Enkelkinder der ursprünglichen Besatzung ihr Ziel erreichen konnten. Von diesen Generationen-Raumern wurden damals insgesamt fünf Schiffe auf die Reise geschickt, aber keines davon hat jemals sein Ziel erreicht. Bis heute wusste niemand, was aus ihnen und ihren Besatzungen geworden ist...."

 

 

 

Allgemeine Informationsdatei 1219-AP-2293-AV-4; Abteilung Astrophysik;

 

Begriff: " RAUMTUNNEL-EFFEKT "

"Der in der Astrophysik seit dem Anfang des 20.Jahrhunderts bekannte Raumtunneleffekt gestattet es Quantenteilchen, eigentlich undurchdringliche Hindernisse wie Raum und Materie fast ohne Zeitverlust zu überwinden.

Die Ursache dafür liegt in der Doppelnatur der Quanten, da sie Welle und Teilchen zugleich sind.

Gemäß den bekannten Regeln der Quantenphysik bestimmt die Größe einer gesendeten Welle die Wahrscheinlichkeit, ein Quantenteilchen an einem bestimmten Ort anzutreffen, den es unter normalen Umständen eigentlich nicht erreichen kann.

So lassen sich Quanten auch hinter einem Hindernis finden, das sie eigentlich nicht ohne größeren Zeitverlust hätten durchdringen können. Das Hindernis wird von solchen Quantenteilchen einfach "durchtunnelt", wobei es unerheblich ist, ob es sich bei dem Hindernis um Raum oder Materie handelt.

Der Physiker Erwin Schrödinger beschrieb den Tunneleffekt als erster bereits im Jahre 1926.

Seine Formeln ließen zugleich erkennen, dass sich dieser Vorgang überlichtschnell vollzieht, obwohl dies nach der von Albert Einstein im Jahre 1905 aufgestellten Relativitätstheorie nicht möglich sein konnte.

In den 60er?Jahren des 20.Jahrhunderts stießen auch andere Forscher bei der Entwicklung der Laser-Technik wieder auf dieses Phänomen.

Zunächst nahm die Fachwelt davon jedoch kaum Notiz.

Erst in den 90er-Jahren vor der 2.Jahrtausendwende versuchten mehrere Forschergruppen, die Ursache und die Wirkungsweise des Tunneleffektes zu ergründen.

Einer dieser Forscher war Günter Nimtz, ein Physikprofessor an der deutschen Universität Köln.

Professor Nimtz und sein Fachkollege Achim Enders wandelten akustische Tonfolgen in Mikrowellen um und bewiesen anhand eines komplizierten Experiments, dass es außerhalb der "normalen" Dimensionen des Raumes Überlichtgeschwindigkeit geben musste.

Bei ihren Experimenten ergaben die Messungen, dass ein ausgesandtes Wellenpaket eine Versuchsstrecke mit 4,7-facher Lichtgeschwindigkeit zurücklegte.

Auch andere Forscher entdeckten Überschreitungen von Albert Einsteins "kosmischen Tempo-Limit".

Zu ihnen zählte Raymond Chiao von der University of California in der nordamerikanischen Stadt Berkeley. Dieser untersuchte die "Tunnelzeiten" von Photonen aus dem sichtbaren Bereich des elektromagnetischen Spektrums. Durch unterschiedliche Messtechniken kam die nordamerikanische Forschergruppe allerdings auf einen Wert von "nur" 1,7-facher Lichtgeschwindigkeit.

Im Jahre 1995 begann man mit den Großversuchen an der Technischen Universität in Bern (Schweiz). Bereits die ersten Experimente bestätigten die Ergebnisse der Forschungsgruppe in Köln und erbrachten damit den wissenschaftlichen Beweis, dass es Quantenteilchen tatsächlich möglich war, den Raum zu "turchtunneln" und dabei Überlichtgeschwindigkeit zu erreichen.

Es stellte sich aber auch heraus, dass immer weniger Teilchen das Ziel erreichten, je mehr Energie zum Senden eines Teilchenfeldes aufgewendet wurde. Offenbar wurde umso mehr Energie durch den Tunnelvorgang aufgezehrt, je mehr davon eingesetzt wurde. Außerdem kam es zu erstaunlichen Phänomenen, in denen offenbar die Kausalität außer Kraft gesetzt wurde, denn es erschienen auch Quantenteilchen am Zielpunkt, die noch gar nicht gesendet worden waren.

 

Erst zum Ende des 20.Jahrhunderts wurden die Versuchs- und Messtechniken weitestgehend vereinheitlicht, bei denen schließlich sogar Werte von mehr als hundertfacher (!) Lichtgeschwindigkeit gemessen wurden.

Die dadurch entstandenen Forschungsergebnisse bewiesen, dass es so etwas wie einen interdimensionalen Raum gab (auch "Hyperraum" genannt), in dem mehrfache Überlichtgeschwindigkeit möglich war, weil hier die physikalischen Gesetze des "normalen" Raum-Zeit-Kontinuums keine Gültigkeit hatten und die Einstein'sche Relativitätstheorie hier nicht mehr in ihrer klassischen Form angewendet werden konnte.

 

Für die Raumfahrt ließ sich der Tunneleffekt jedoch erst gegen Ende des 21.Jahrhunderts nutzen, als es gelang, durch die Erzeugung von hochkonzentrierten Quantenfeldern künstliche "Schwarze Löcher" und damit sogenannte "Raumtunnel" zu bilden, durch die Raumschiffe hindurchrasen konnten, um irgendwo an einem anderen Punkt des Universums wieder herauszukommen. Erst dadurch konnten Raumfahrzeuge in die Lage versetzt werden, ungeheure Entfernungen in relativ kurzer Zeit zurückzulegen.

Durch die Entwicklung des interdimensionalen Raumfluges (auch "Hyperraumflug" genannt) begann für die Menschheit erst die wirkliche Eroberung des Weltraumes, obwohl die Hyperraumtriebwerke der 1.Entwicklungsgeneration nicht viel mehr als vierfache Lichtgeschwindigkeit ermöglichten, so dass die ersten interstellaren Weltraumreisen immer noch verhältnismäßig lange dauerten.

In der ersten Hälfte des 22.Jahrhunderts wurde eine Reihe von Generationen-Raumschiffen auf die Reise zu weiter entfernten Sonnensystem geschickt, bei denen bereits zu Beginn der Reise feststand, dass die ursprüngliche Besatzung das Ziel niemals erreichen konnte, sondern erst ihre Nachkommen, weil die Reisedauer die Lebenszeit von Menschen weit überschritt. Aus diesem Grunde wurden auch nur verheiratete Paare für diese Fernexpeditionen angeworben.

Die ersten fünf dieser Fernraumschiffe blieben jedoch in den Tiefen des Weltraumes verschollen.

Als gegen Ende des 22.Jahrhunderts die Hyperraum-Triebwerke (die auch als "Interdim-Antriebe" bezeichnet werden) soweit verbessert worden waren, dass Raumschiffe die gewaltigen kosmischen Entfernungen mit Hilfe eines Raum-Zeit-Tunnels praktisch fast in "Nullzeit" zurücklegen konnten, brauchten keine Generationen-Raumschiffe mehr auf die Reise geschickt zu werden, um ferne Sonnensysteme zu erreichen..."

 

 

 

 

Sargosa II war ein Planet, dessen durchschnittliche Temperatur höher als die der Erde war, aber die Planetenachse war stärker geneigt. Das bedeutete, dass die Winter kälter und die Sommer heißer als auf der Erde waren und im Herbst verheerende Stürme über die Planetenoberfläche tobten. Nur in Äquatornähe herrschten beständige Witterungsbedingungen mit konstant bleibenden Temperaturwerten, was wohl auch der Grund war, dass nur hier Siedlungen der Planetenbewohner gesichtet worden waren.

 

Am Landungsort der Raumfähre nahe dem Fundort des Schiffswracks herrschte tropische Hitze, wobei die Luftfeuchtigkeit etwas geringer als in den irdischen Tropen war.

Als Igor Tupolew das Shuttle verließ, versäumte er es nicht, einen breitkrempigen Hut aufzusetzen, um sich vor der Sonne zu schützen, obwohl er mittlerweile wusste, dass die Sargosa-Sonne keine besonders starke Ultra-Violett-Strahlung aussandte.

Seinen vier Begleitern - Offiziere des Raumkreuzers - erschien das offensichtlich als unkorrekt, wie er an ihren verkniffenen Mienen sehen konnte.

Schadenfroh musste er grinsen, als sie schon nach wenigen Minuten in ihren hellblauen, hochgeschlossenen Uniformen zu schwitzen begannen.

Knapp hundert Meter von ihrem Landeplatz entfernt lag die Stadt aus niedrigen, weißgetünchten Lehmziegelbauten, die das Ziel ihres Besuches war.

Aber dort blieb alles völlig ruhig. Nichts regte sich in den Straßen und niemand erschien, um die gelandeten Raumfahrer zu begrüßen.

Offensichtlich schienen die Bewohner von Sargosa II kein besonderes Interesse an den Besuchern von den Sternen zu haben.

Nördlich der Stadt begann flaches Savannenland, das sich bis zum Horizont erstreckte. Dort konnten sie die gigantische Silhouette eines Raumschiffswracks erkennen - die Überreste der JANIS JOPLIN. Gleich daneben war die schlanke Raketenspitze des Explorerschiffes JAMES COOK zu sehen, deren wissenschaftliche Besatzung noch immer damit beschäftigt war, das riesige Schiffswrack zu untersuchen.

Der Sonderbotschafter nahm sich vor, dem Forschungsteam später einen Besuch abzustatten, sobald er mit den Planetariern Kontakt aufgenommen hatte.

Aber letzteres schien schwieriger zu sein, als er es erwartet hatte, denn obwohl die Landung der Raumfähre kaum unbemerkt geblieben sein konnte, ließ sich immer noch kein Empfangskommitee blicken.

        "Da kommt ein Gleitschweber," sprach Oberleutnant Schröder, der in seiner Eigenschaft als 1.Offizier des Raumkreuzers mitgekommen war, während er in Richtung der nördlichen Savanne zeigte.

 

Ein paar Minuten später setzte das Schwebefahrzeug in ihrer unmittelbaren Nähe auf. Eine Frau im hellgrauen Tropenanzug mit den Emblemen der Raumforschungsbehörde stieg aus und kam direkt auf den Sonderbotschafter zu.

        "Sie müssen Igor Tupolew sein," meinte sie und streckte ihm ihre Rechte entgegen, "Ich bin Commodorin Rhonda MacParshon vom Explorerschiff JAMES COOK."

        "Bin erfreut, Sie kennenzulernen," murmelte Tupolew, während er ihre Hand schüttelte, "Können Sie mir verraten, warum sich hier niemand von den Planetariern blicken lässt?"

        "Die haben zu dieser Tageszeit ihre Siesta", erklärte sie, "Mit denen werden Sie frühesten in zwei Stunden reden können. Solange sollten Sie und Ihre Begleiter mit mir zur JAMES COOK kommen, bevor Sie hier in der Hitze zerfließen."

Ohne auf seine Zustimmung zu warten, drehte sie sich um und ging zurück zum Gleitschweber.

Tupolew und die vier Offiziere beeilten sich, ihr zu folgen, denn sie verspürten nicht die geringste Lust, noch zwei Stunden in der sengenden Hitze warten zu müssen.

Als sie mit dem Gleitschweber zum Landeplatz des Explorerschiffes unterwegs waren, startete hinter ihnen das Shuttle, um zum Raumkreuzer zurückzukehren, der den Planeten in einem stationären Orbit umkreiste...

 

 

Je näher sie dem Wrack kamen, desto gigantischer wirkte es auf sie.

Die in unmittelbarer Nähe gelandete JAMES COOK wirkte daneben fast wie ein Spielzeug.

 

        "Die Größe der JANIS JOPLIN entspricht in etwa den heutigen Schiffen der Sternenklasse", erklärte die Commodorin, "Allerdings wurde damals viel mehr Platz für Ionentriebwerke, Treibstoffbehälter Lebenserhaltungssystem und Lebensmittelvorräte benötigt, so dass ein solches Schiff nicht mehr als dreihundert Menschen an Bord nehmen konnte. Damals war man noch nicht in der Lage, die kosmische Strahlung und Stern-Emissionen als Energiequellen zu nutzen."

        "Haben Sie schon herausgefunden, warum das Schiff seinen Bestimmungsort nicht erreicht hat?" fragte Tupolew.

        "Leider noch nicht," antwortete die Frau, "Wir vermuten einen Fehler des Interdim-Antriebes, aber das ist schwer nachzuweisen, da ein großer Teil der Aggregate stark verrottet ist. Außerdem haben die Überlebenden damals wohl alles aus dem Schiff ausgebaut, was sie irgendwie noch gebrauchen konnten.  Alles sieht danach aus, als ob dieses Schiff vor über 300 Jahren  hier notgelandet ist."

        "Wie ist das möglich?" fragte Tupolew erstaunt, "Wie kann das Wrack älter sein als 180 Jahre? Das würde ja bedeuten, dass die JANIS JOPLIN hier strandete, bevor sie abgeflogen ist."

        "Wahrscheinlich gab es eine völlige Aufhebung der Kausalität," meinte die Commodorin achselzuckend, "so dass die Wirkung schon vor der Ursache eingetreten ist. Solche Effekte traten schon 1995 bei den ersten Quantenfeld-Experimenten auf. Bei den Hyperraumtriebwerken wird diese Nebenwirkung des Tunneleffekts durch Frequenz-Modifikation des gesendeten Wellenpakets unterdrückt. Es sieht ganz danach aus, als ob dieses Regulativ bei der JANIS JOPLIN versagt hat. Aber das erklärt noch nicht, warum das Schiff seinen Bestimmungsort nicht erreichte, sondern in völlig entgegengesetzter Richtung aufgetaucht ist."

 

Der Schwebegleiter landete jetzt direkt vor der JAMES COOK, deren zigarrenförmiger Raketenleib mit den vier Außentriebwerken senkrecht in den Himmel zeigte.

Neben dem Explorerschiff hatte die Besatzung einige Plastikkuppeln aufgebaut, in denen sich Labors, Ausrüstungen und Unterkünfte des Forschungsteams befanden.

Rhonda MacParshon führte den Sonderbotschafter und die vier Raumgardisten in die vorderste der Kuppelbauten, in deren Innern eine halbwegs  gemütliche Kantine eingerichtet worden war.

Sie setzten sich an einen der Tische, wobei Tupolew erfreut feststellte, dass es hier eine Klima-Anlage gab, die eine recht angenehme Temperatur erzeugte.

Ein kleiner, fahrbarer Service-Roboter brachte ein paar kühle Drinks, die sie dankbar zu sich nahmen.

 

        "Sind Sie denn ausreichend über die hiesige Bevölkerung informiert worden?" fragte die Schiffskommandantin den Sonderbotschafter.

        "Eigentlich nicht," meinte Tupolew schulterzuckend, "Ich weiß nur, dass es sich um die Nachkommen der verschollen Kolonisten handelt und dass sie seit 180 Jahren keinen Kontakt mehr mit der Erde oder den anderen Kolonien hatten. Mir blieb vor dem Abflug nicht mehr genug Zeit, genauere Informationen zu bekommen. Außerdem wollte ich mir ein eigenes Bild von den hiesigen Leuten machen."

        "Sie sollten aber trotzdem ein paar Dinge über die Planetarier wissen, bevor Sie mit ihnen in Kontakt treten", meinte die MacParshon, "Sonst fallen Sie nur unangenehm auf, was Ihre Kontaktaufnahme sicher erschweren würde. Als wir hier ankamen, hatten wir zuerst auch einige Probleme mit der Lebenweise der Planetarier."

        "Dann klären Sie mich doch bitte darüber auf," bat Tupolew die Commodorin.

        "Okay", sprach sie, um gleich darauf fortzufahren: "Wie Sie ja bereits bemerkt haben, herrschen hier ziemlich hohe Temperaturen, obwohl der Äquatorbereich noch der angenehmste Teil dieses Planeten ist. Wegen der hohen Temperaturen tragen die Leute hier nur sehr leichte oder auch überhaupt keine Kleidung. So etwas wie ein Nacktheits-Tabu gibt es hier nicht. Die Lebensweise der Planetarier ist zum Teil vergleichbar mit jener der Südsee-Insulaner auf der Erde des 19.Jahrhunderts. Aber sie verfügen offensichtlich noch immer über den größten Teil des Wissens, das ihnen ihre Großeltern hinterlassen haben. In der Stadt, vor der Sie gelandet sind, haben sie sogar eine Bibliothek, in der die Bücher und Datenträger von der JANIS JOPLIN  und auch alle später gemachten Aufzeichnungen aufbewahrt werden.

Sie sollten übrigens auch wissen, dass die damals mit der JANIS JOPLIN aufgebrochenen Kolonisten einer Bewegung angehörten, deren Mitglieder allgemein als 'Natur-Apostel' bezeichnet wurden. Ziel dieser Bewegung war es, wieder zur Lebensweise der alten Naturvölker zurückzukehren und dabei möglichst auf die Errungenschaften der Technik zu verzichten.

Wie man sehen kann, ist ihnen das auf diesem Planeten offensichtlich gelungen. Die Menschen auf Sargosa II leben völlig ohne technische Hilfsmittel. Sie verwenden möglichst nur natürliche Materialien und bauen ihre Häuser hauptsächlich aus Lehm und Stroh. Und offensichtlich geht es ihnen dabei ziemlich gut, denn wir konnten bei ihnen keinerlei Mangelerscheinungen feststellen. Auch ohne technische Hilfsmittel ist es ihnen gelungen, eine geradezu beneidenswerte Lebensqualität zu erreichen.

Es gibt insgesamt nur fünf größere Städte, die sich alle in Äquatornähe befinden, denn nur in dieser Klimazone ist das Land fruchtbar genug, um genügend Nahrung zu liefern, und auch die Temperaturen sind nur am Äquator auf Dauer zu ertragen. Durch die stark geneigte Planetenachse ist es auf der südlichen Halbkugel zu heiß, während auf der nördlichen Halbkugel ständig Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes herrschen. Da aber auch am Äquator eine durchschnittliche Temperatur von etwa 35 Grad Celsius herrscht, mussten sich die Menschen hier diesen Bedingungen anpassen. Deshalb wird auch in den Mittagsstunden jegliche körperliche Betätigung möglichst vermieden. Das ist der Grund, warum Sie niemanden zu Gesicht bekommen haben, als Sie vor der Stadt gelandet sind. Uns ist es ähnlich ergangen, als wir zum erstenmal Kontakt aufnehmen wollten."

        "Und wie haben sich die Eingeborenen Ihnen gegenüber verhalten?" wollte Oberleutnant Schröder wissen, "Waren sie freundlich oder feindselig?"

        "Weder das eine noch das andere", antwortete sie, "Die Planetarier sind uns gegenüber ziemlich gleichgültig eingestellt und zeigten nicht einmal besondere Neugierde, als wir hier gelandet sind. Es sieht fast so aus, als hätten sie gar kein Interesse an irgendwelchen Kontakten mit uns. Ich beneide Sie nicht um Ihren Auftrag, Sonderbotschafter."

 

Als sie einige Stunden später zur Stadt zurückkehrten, war die Sargosa-Sonne um einiges tiefer gesunken und in den Straßen herrschte jetzt reges Leben.

Männer und Frauen, die nur mit leichten Tüchern bekleidet waren, eilten geschäftig hin und her. Offensichtlich war die Zeit der Mittagsruhe jetzt vorbei.

Aber um die terranischen Raumfahrer vor der Stadt kümmerte sich noch immer niemand.

Igor Tupolew entschloss sich, die Initiative zu ergreifen und schritt auf das nächstgelegene Haus zu, auf dessen Veranda ein alter Mann in einem Schaukelstuhl saß und ihm gelassen entgegenblickte.

 

        "Ich grüße Sie, Fremdling", sprach er zu Tupolews Erstaunen im reinsten Interlingua ohne jeden Akzent.

        "Ich grüße Sie ebenfalls", antwortete der Sonderbotschafter, "Ich komme aus der Heimat Ihrer Ahnen und muss unbedingt mit Ihrem Häuptling sprechen."

        "Häuptling?" fragte der Alte verwundert, "Meinen Sie vielleicht unseren Präsidenten?"

        "Genau den," nickte Tupolew, "Ich wusste nicht, welchen Titel Ihr Anführer hat."

        "Da es sich um ein demokratisch gewähltes Oberhaupt unseres Volkes handelt, nennen wir ihn so," erklärte der alte Mann, "Ist das in der Welt unserer Vorfahren jetzt nicht mehr üblich?"

        "Doch, natürlich gibt es auch bei uns noch gewählte Präsidenten", beeilte sich der Sonderbotschafter zu versichern, "Allerdings haben wir zur Zeit eine Frau als Oberhaupt, also eine Präsidentin. Sie hat mich geschickt, um mit Ihrem Präsidenten zu reden. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finden kann?"

        "Meine Tochter kann Sie zu ihm führen," meinte der Alte und rief: "Jenny! Komm' doch bitte mal nach draußen!"

Auf seinen Ruf hin erschien eine junge Frau mit langen, weizenblonden Haaren, die ihr fast bis zu den Hüften reichten. Sie war außergewöhnlich hübsch und - wohl wegen der hohen Temperaturen - nur mit einem schmalen Hüfttuch bekleidet.

        "Haben wir Besuch?" fragte sie.

        "Sie kommen von da oben," sprach der Alte und zeigte zum Himmel hinauf, "Genau wie die anderen, die im alten Wrack herumwühlen."

        "Ach so," meinte die Frau und musterte die fünf Männer eingehend, "Sie sehen unsymphatisch aus in dieser dicken Kleidung. Schämen Sie sich Ihrer Körper, dass Sie sie so verhüllen müssen?"

        "In unserer Welt ist es kälter als hier," antwortete Igor Tupolew, "und darum sind wir es nicht gewöhnt, ohne solche Kleidung herumzulaufen."

Sie schien diese Erklärung zu akzeptieren und gab ihnen mit einer kurzen Kopfbewegung zu verstehen, dass sie Ihr folgen sollten.

Die Terraner marschierten hinter ihr her.

 

Tupolew hatte mittlerweile seine Jacke ausgezogen und die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, während die Schiffsoffiziere trotz der mörderischen Hitze noch immer keine Anstalten machten, sich etwas Erleichterung zu verschaffen.

Tupolew begann sich zu fragen, für welche Sünden er wohl damit bestraft wurde, ausgerechnet mit den korrektesten Offizieren der gesamten Raumgarde nach Sargosa II gekommen zu sein.

Aber der Anblick der jungen Frau, die mit anmutigen Bewegungen vor ihm dahineilte, entschädigte ihn für dieses Missgeschick.

Während des Weges hatte der Sonderbotschafter genügend Muße, sich in die Betrachtung der schönen Frau zu vertiefen, wobei er allerdings nicht auf den unebenen Boden achtete und - sehr zum Missfallen der ihm folgenden Offiziere - einige Male ins Stolpern geriet.

 

 

Das "Staatsoberhaupt" von Sargosa II residierte in einem Lehmziegelhaus, das kaum größer als die anderen Gebäude war.

Allerdings verfügte es über eine überdachte Terasse, auf der ein langer Tisch mit einigen Dutzend Sitzgelegenheiten stand. Wahrscheinlich wurden hier die Ratsversammlungen abgehalten.

Grinsend versuchte sich Tupolew vorzustellen, wie sich die terranischen Minister hier zu ihren vielen Sitzungen trafen und auf ihren gewohnten Komfort verzichten mussten.

Jegliche Form vom Bürokratie,  durch die man sich auf all den anderen sogenannten "zivilisierten" Welten erst hindurchkämpfen musste, um zu einer Regierungsperson zu gelangen, schien hier völlig unbekannt zu sein.

Tupolew bedauerte es bereits, dazu beitragen zu müssen, dass bald Sankt Bürokratius auf dieser Welt heimisch werden würde. Und er begann sich zu fragen, ob es richtig war, diese friedliche Welt in die terranische Föderation einzugliedern.

 

Der Präsident von Sargosa II war ein erstaunlich junger Mann, der sich als Frederic Vargon vorstellte.

 

        "Ich habe bereits mit einer offiziellen Delegation gerechnet, seitdem das erste Ihrer Raumschiffe hier gelandet ist," sprach er, "Die alte, ferne Erde hat uns also endlich gefunden, aber ich weiß nicht, ob wir uns darüber freuen sollen."

        "Warum sollten Sie es nicht?" fragte Tupolew, "Jetzt haben Sie doch endlich wieder Verbindung zur Mutterwelt der Menschheit und können bald ebenfalls über all die technischen Errungenschaften unserer Zivilisation verfügen, auf die Sie so lange verzichten mussten."

        "Wir haben diese sogenannten Errungenschaften bislang nicht vermisst," meinte Vargon, "Und ich glaube auch nicht, dass wir sie hier wirklich brauchen. Unsere Urgroßeltern haben zwar damals nach ihrer Notlandung die noch brauchbaren Geräte der JANIS JOPLIN eine Zeitlang benutzt, aber schon die nächste Generation musste lernen, hier ohne technische Hilfsmittel auszukommen. Wie Sie sicher feststellen konnten, ist uns das ganz gut gelungen. Aber wir haben auch das Wissen unserer Vorfahren niemals in Vergessenheit geraten lassen und daher wissen wir, wie schädlich die Technologie einer hochentwickelten Zivilisation für eine Gesellschaft wie die unsrige wäre. Es würde uns ergehen wie den Indianern auf der Erde, deren kulturelle Wurzeln durch die Zivilisation der europäischen Einwanderer zerstört wurden. Ich wäre ein schlechter Präsident für mein Volk, wenn ich eine solche Entwicklung gutheißen würde."

        "Ich bedaure es wirklich sehr, dass Sie eine so schlechte Meinung von uns haben," meinte Igor Tupolew, "aber ich muss Sie leider darauf hinweisen, dass dieser Planet ganz eindeutig eine Kolonie der Erde und damit von Gesetzes wegen schon ein Mitglied der Föderation ist. Und solange der Föderations-Senat Ihre Autonomie nicht bewilligt hat, wird sich daran nichts ändern."

        "Sie wollen unsere Welt also zwangsweise besetzen?" fragte Vargon mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck.

        "Natürlich wäre es uns weitaus lieber, wenn Sie mit uns kooperieren würden," antwortete Tupolew, "Aber wenn es nicht anders geht, wird der Flottenstützpunkt auch gegen Ihren Willen hier eingerichtet. Sie sollten also besser mit uns zusammenarbeiten, denn verhindern können Sie es nicht. Wenn Sie kooperieren, haben Sie immerhin die Möglichkeit, bei der Auswahl eines geeigneten Standortes mitzubestimmen. So können Sie selbst dafür sorgen, dass ein terranischer Flottenstützpunkt die Belange Ihres Volkes so wenig wie nur möglich beeinträchtigt."

        "Wir haben zwar nicht die Mittel, uns gegen dieses Eindringen in unsere Welt zur Wehr zu setzen," sprach Vargon, während er sich zornig erhob, "aber wir werden es nicht so ohne weiteres hinnehmen, dass hier eine arrogante Macht versucht, unsere Welt einfach in Besitz zu nehmen. Wir sind seit Jahrhunderten ohne die Erde ausgekommen, und wir wollen Ihren Stützpunkt hier nicht haben. Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen. Und jetzt verlassen Sie mein Haus!"

 

 

Zwei Wochen nach der ersten Unterredung mit dem Präsidenten von Sargosa II trafen zwei voll beladene Raumfrachter in Begleitung der anderen neun Kreuzer des 19.Geschwaders der schnellen Raumverbände im Sargosa-System ein.

 

Zur gleichen Zeit machte sich das Explorerschiff JAMES COOK auf den Rückweg zur Erde, um dort über die Ergebnisse der Untersuchungen Bericht zu erstatten.

 

Sonderbotschafter Tupolew hatte in der Zwischenzeit vergeblich versucht, Präsident Vargon und die Angehörigen des Städte-Rates zu einer Zusammenarbeit mit der terranischen Föderation zu überreden, aber die Sargosaner lehnten dies jedesmal rundheraus ab.

Schließlich hatte Tupolew seine Vermittlungsversuche aufgegeben und den Sargosanern mitgeteilt, dass der Stützpunkt auf der anderen Seite des Planeten eingerichtet werden würde, um so eine möglichst große Distanz zu ihren Städten einzuhalten.

 

Nachdem die Raumfrachter eingetroffen waren, wurde sofort damit begonnen, das mitgebrachte Baumaterial für den Stützpunkt mit Landungsschiffen auf die Planetenoberfläche hinunterzuschaffen.

 

Aber als die ersten Landungsschiffe in die Atmosphäre von Sargosa II eindrangen, wurde auf den im Weltraum schwebenden Raumschiffen ein starkes Hyperraum-Funksignal registriert, das von Sargosa II aus in das Zentrum des Sagittarius-Spiralarmes gesendet wurde...................

 

 

 

        "Woher zum Teufel haben die Leute da unten einen Hyperraumsender?" wollte Admiral Onandeze wissen, der das 19. Kreuzergeschwader befehligte.

Seine Frage war an Sonderbotschafter Tupolew gerichtet, der sich jetzt an Bord des Kommandoschiffes SRV-19-1 befand.

        "Ich habe nicht die leiseste Ahnung, Admiral," musste Tupolew ratlos bekennen, "Die alte JANIS JOPLIN hat über keinen solchen Sender verfügt, denn vor 180 Jahren gab es solche Geräte noch nicht."

        "Wollen Sie etwa behaupten, dass diese Naturapostel da unten so etwas selbst gebaut haben?" fragte der Admiral ungläubig.

        "Dazu hatten sie nicht die Mittel, wenn man den Berichten von der JAMES COOK glauben kann," meinte Tupolew, "Die müssen den Sender woanders her bekommen haben."

        "Von wem denn?" gab der Admiral von sich, "Ich denke, die Leute hier hatten seit 180 Jahren keinen Kontakt mehr mit der Erde oder den anderen Kolonien. Oder gab es doch irgendwelche Verbindungen?"

        "Wenn es Kontakte gab, dann sicher nicht mit Angehörigen der menschlichen Gattung," sprach Tupolew leise und sehr nachdenklich, "Aber wir befinden uns im Sagittarius-Arm, Admiral. Und hier gibt es wahrscheinlich eine raumfahrende Macht".

        "Die Nardim?" gab Onandeze fast tonlos von sich.

Der Sonderbotschafter nickte mit ernster Miene.

        "Verdammt!" stieß der Admiral hervor, dann brüllte er in das Mikrophon der Bordsprechanlage: "Sofort ein Landekommando auf den Planeten hinunterbringen! Lassen Sie den Hyperraumsender lokalisieren und beschlagnahmen! Wenn das Gerät nicht an Bord gebracht werden kann, muss es zerstört werden!"

        "Aye, Sir," klang die Stimme des 1.Offiziers aus dem Lautsprecher, "Ich schicke sofort einen Suchtrupp hinunter."

Einige Minuten später waren zwei Landefähren unterwegs, um auf dem Planeten zu landen und dort ein Suchkommando abzusetzen.

 

Fast genau in diesem Augenblick gab der Wachkreuzer am äußersten Rande des Sargosa-Systems Ortungsalarm.

In einer Entfernung von 10 Astronomischen Einheiten (1.495.042.000 km) öffnete sich ein Hyperraumtunnel, aus dem mehrere fremde Raumschiffe herausgeschossen kamen.......

 

Es waren genau sieben Raumschiffe, welche die Form von jeweils drei aneinandergeflanschten Kugeln hatten. Eines davon hatte eine Gesamtlänge von etwa 1600 Metern, die anderen waren kleiner und besaßen eine Länge von jeweils etwa 300 Metern.

Mehrere tropfenförmige, grellstrahlende Objekte lösten sich von der Hülle des vordersten Schiffes und rasten fast lichtschnell auf den Wachkreuzer zu, der sich den fremden Schiffen am nächsten befand.

Als die leuchtenden Objekte den Raumkreuzer trafen, wurde er von einer mächtigen Explosion in Stücke gerissen.

Der Angriff war so schnell erfolgt, dass keine Zeit mehr geblieben war, die Energieschutzschirme zu aktivieren.

Wenige Minuten später verwandelte sich der Weltraum um den Planeten Sargosa II in ein Inferno....

 

 

Das terranische Kreuzergeschwader löste seine Formation auf und stob auseinander wie ein verschreckter Hühnerschwarm, um den Angreifern kein leicht zu treffendes Ziel zu bieten.

Dann sammelten sich die Schiffe wieder in der Nähe des ersten Planeten, der als glühender Steinklumpen die Sargosa-Sonne in einer Entfernung von nur 60.000 Kilometern umkreiste.

Die beiden Raumfrachtschiffe versuchten sofort auf die den Fremdschiffen abgewandte Seite von Sargosa II zu kommen, um dort die Landungsschiffe wieder an Bord zu nehmen.

 

Als Admiral Onandeze erkannte, dass die fremden Dreikugelschiffe direkten Kurs auf Sargosa II nahmen, befahl er den Gegenangriff, um den schwerfälligen Raumfrachtern genug Zeit zur Flucht zu verschaffen.

Die fremden Schiffe änderten jedoch den Kurs, als die terranischen Kreuzer in Halbkreisformation auf sie zu rasten, und stellten sich den pfeilspitzenförmigen Kampfschiffen der Föderation entgegen.

 

Turmdicke Energiestrahlen, Raketen und tropfenförmige Lichtgeschosse rasten durch die Schwärze des Weltraumes, aber die meisten der Schüsse gingen ins Leere, während die wenigen Treffer von Energieschirmen abgefangen wurden.

 

Auch mit den supermodernen Waffensystemen des 23.Jahrhunderts war es nicht gerade leicht, Objekte zu treffen, die sich mit Geschwindigkeiten von bis zu 3000 Kilometern in der Sekunde durch den freien Raum bewegten. Um Richtung, Geschwindigkeiten und den genauen Vektor der Flugbahnen von Raumschiffen ermitteln zu können, waren leistungsstarke Bordcomputer nötig, die zugleich in der Lage sein mussten, die Waffensysteme von Kampfraumschiffen zu steuern.

 

        "Transmissionsschleudern einsetzen!" befahl Admiral Onandeze, "Feuern nach eigenem Ermessen!"

 

Transmissionsschleudern waren die stärkste Waffe der terranischen Raumstreitkräfte. Sie funktionierten nach ähnlichem Prinzip wie Interdim-Antriebe und waren in der Lage, materielle Objekte in Nullzeit durch den interdimensionalen Raum an jeden beliebigen Ort zu transmittieren, also auch Sprengkörper wie nukleare Bomben.

 

Direkt in der von den Computern in Sekundenschnelle vorausberechneten Flugbahn der Dreikugel-Raumschiffe explodierten Minuten später fünf Thermonuklearbomben und ließen in der Dunkelheit des Weltalls grellstrahlende Feuerblumen von tödlicher Schönheit aufblühen.

 

Zwei der Dreikugelschiffe rasten direkt in diese vernichtenden Feuerbälle hinein. Ihre Energie-Schutzschirme glühten schlagartig auf und brachen Sekundenbruchteile später unter der Überbelastung zusammen. Danach hörten die beiden Raumschiffe auf zu existieren.

Die anderen fünf Nardim-Schiffe vollführten ein abruptes Wendemanöver, bei dem im Innern der Schiffe wohl Fliehkräfte von mörderischer Stärke auftreten mussten.

Das größte Dreikugelschiff, offenbar das Leitschiff der Nardim, sandte jetzt ein halbmondförmiges, nebelartiges Gebilde aus, das sich mit großer Geschwindigkeit auf einen der terranischen Kreuzer zu bewegte und dabei an Größe und Ausdehnung zunahm. Als das Gebilde den Kreuzer erreichte und seine Abwehrschirme durchdrang, als wären sie nicht vorhanden, brach der stählerne Leib des Kampfraumschiffes auseinander wie ein Tonkrug, der gegen eine massive Felswand geworfen wurde.

Ein in der Nähe befindlicher weiterer Kreuzer von einem Ausläufer des Gebildes nur gestreift, was aber immerhin zur Folge hatte, dass der gesamte Schiffskörper minutenlang vibrierte.

 

        "Gravitationsfelder! Sie greifen uns mit Schwerkraftwellen an! Unsere Schutzschirme sind dagegen machtlos!" meldete der Kommandant des betroffenen Schiffes, nachdem die Vibrationen wieder abgeklungen waren.

 

Das Wirkungsfeuer der Transmissionsschleudern konzentrierte sich jetzt auf das größere Dreikugelschiff, das nun von den Explosionswolken mehrerer Thermonuklearbomben regelrecht eingehüllt wurde. Eine der transmittierten Bomben rematerialisierte direkt im Inneren des mächtigen Raumschiffes, das von der Explosion auseinandergerissen wurde.

Die vier restlichen Nardim-Schiffe schwenkten daraufhin eiligst ab und gingen auf Fluchtkurs, um so Abstand von den terranischen Kreuzern zu bekommen.

 

Die beiden Frachtraumer im Orbit von Sargosa II hatten mittlerweile alle Landungsschiffe und deren Besatzungen an Bord genommen und zündeten ihre Unterlichttriebwerke, um auf Fluchtgeschwindigkeit zu gehen und das Sargosa-System zu verlassen.

Aber bevor sie genügend Geschwindigkeit erreicht hatten, um die Interdim-Antriebe aktivieren und einen Raumtunnel erzeugen zu können, näherte sich ihnen eines der Dreikugelschiffe und feuerte eine ganze Salve der tropfenförmigen Energiegeschosse auf sie ab, bevor die terranischen Kreuzer dies verhindern konnten.

 

Der Energieschirm eines der beiden Frachter brach zusammen, dann wurde das zigarrenförmige Schiff in Sekundenschnelle von mehreren Explosionen zerrissen. Das andere Frachtraumschiff hatte mehr Glück und konnte durch den Hyperraumtunnel seines Interdim-Antriebes entkommen.

 

Als sich die terranischen Kreuzer auf die restlichen Dreikugelschiffe stürzen wollten, um diese endgültig zu vernichten, öffnete sich am Rande des Sargosa-Systems erneut ein Hyperraumtunnel, aus dem ein ganzer Schwarm weiterer Dreikugel-Raumschiffe herausgeflogen kam.

 

Admiral Onandeze erkannte, dass seine Schiffe dieser Übermacht nicht gewachsen waren, und befahl den sofortigen Rückzug.

Die übriggebliebenen Kreuzer des 19.Geschwaders der schnellen Raumverbände ergriffen in größter Eile die Flucht........

 

 

 Bericht des Oberkommandos der Raumgarde

an die Regierung und den Senat der terranischen Föderation:

 

".... Am 21. August 2295 (Erdstandardzeit) fand im Sargosa-System (Randgebiet des galaktischen Sagittarius-Spiralarmes) ein schweres Raumgefecht statt, in dessen Verlauf drei Kampfraumschiffe der Nardim vernichtet werden konnten.

Auf eigener Seite fielen ein Raumfrachter und zwei Kreuzer der schnellen Raumverbände dem Angriff der Nardim-Einheiten zum Opfer.

Das 19.Kreuzergeschwader musste sich aus dem Sargosa-System zurückziehen, als weitere Kampfeinheiten der Nardim auftauchten und in das Gefecht eingriffen.

 

Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden die Nardim-Einheiten durch ein Hyperraumfunksignal herbeigerufen, das von den Menschen auf Sargosa II ins Innere des Sagittarius-Armes gesendet wurde, nachdem damit begonnen worden war, auf ihrem Planeten einen Flottenstützpunkt gegen ihren erklärten Willen einzurichten.

 

Es ist davon auszugehen, dass die Menschen auf Sargosa II bereits Kontakte mit den Nardim hatten und offenbar unter dem Schutz dieser fremden Macht stehen.

Das Vorhandensein eines Hyperraumsenders, den die Sargosaner selbst nicht hätten konstruieren können, sowie das schnelle Auftauchen der Dreikugel-Schiffe schon kurz nach dem Senden des Signals lässt kaum eine andere Schlussfolgerung zu.

 

Ob die Menschen auf Sargosa II sich freiwillig unter den Schutz der Nardim gestellt haben oder ob sie dazu gezwungen wurden, lässt sich derzeit nicht feststellen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie nicht unter Zwang gehandelt haben, da keinerlei Überwachungseinrichtungen der Nardim im Sargosa-System festgestellt werden konnten.

 

Wir sehen uns jetzt mit der Tatsache konfrontiert, dass es im Operationsgebiet der Nardim eine menschliche Kolonie gibt, die nicht nur mit den Nardim Kontakt hat, sondern auch unter deren Schutz steht.

Es ist davon auszugehen, dass die Nardim dadurch über uns Menschen besser informiert sind, als bislang angenommen wurde.

Der Verlauf der Kampfhandlungen mit den Nardim-Schiffen hat gezeigt, dass ihre Waffensysteme den unsrigen mindestens ebenbürtig sind. Über die Stärke und die Wirkungsweise ihrer Waffen wird noch ein Sonderbericht erstellt, der in Kürze übermittelt wird.

 

gez.

Lordadmiral Richard Hawkstone, Oberkommandierender der Raumgarde.

 

 

 

Ende des 3. Bandes

 

 


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