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Parasiten

von

 Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Der Planet, auf dem sie vor vier Tagen gelandet waren, schien ein einziger Albtraum zu sein. Das Klima außerhalb des Raumschiffes war unerträglich heiß, und die Luftfeuchtigkeit in den dampfenden Dschungeln war so hoch, dass sich ein Mensch ohne einen Schutzanzug mit Kühlaggregaten nicht einmal in die offene Schleuse des Raumers wagen konnte, ohne dass sein Kreislauf darunter zu leiden hatte.

 

Das Explorer-Schiff stand auf seinen Landestützen am Rande eines Felsmassivs - ein metallener Fremdkörper auf einer Welt, die zu fast 70% von Dschungeln bedeckt war.

 

ASTERION III, der 3.Planet des Asterion-Sonnensystems im Sternbild der Jagdhunde, war beileibe kein sehr menschenfreundlicher Planet. Aber er verfügte über eine erdähnliche Atmosphäre und war damit ein höchst interessantes Objekt der Raumforschung.

Das Explorerschiff MARCO POLO, eines von 200 Fernraumschiffen der irdischen Raumforschungsbehörde, war hierher geschickt worden, um den Planeten genauer zu untersuchen und die Möglichkeit seiner Kolonisierung zu beurteilen.

 

Wie die Erde Millionen Jahre zuvor war ASTERION III eine Welt, die von saurierartigen Lebewesen bewohnt wurde. Es gab eine Menge erstaunlicher Parallelen in der Entwicklung der verschiedenen Arten. Viele Saurierarten, die es einstmals auf der Erde gegeben hatte, waren hier in ähnlicher Form vorhanden. Hier gab es sogar eine Art, die den Troodon-Sauriern der Erdvergangenheit entsprach und bereits über die Intelligenz von irdischen Primaten verfügte. In einigen Jahrtausenden würde daraus eine intelligente Rasse entstehen, wenn ihnen nicht das gleiche Schicksal bevorstand wie ihren Brüder auf der Erde, welche bekannterweise ausgestorben waren.

 

Kapitän Simon, der Kommandant der MARCO POLO, nahm seinen Auftrag sehr ernst. Wenn er jedoch geahnt hätte, was ihn und seine Crew auf diesem Planeten erwartete, wäre er wohl sofort wieder gestartet, um nie wieder hierher zurückzukommen ...

 

 

Der Mann lag in der Sanitätsstation auf eine Pneumoliege, die sich seiner Körperform und seinen zum Teil ruckartigen Bewegungen elastisch anpaßte. Sein Gesicht war verquollen, mit geplatzten Adern unter der Haut und hervorquellenden Augen unter halbgeöffneten Lidern - ein Bild unsäglichen Schmerzes.

Sein Körper wand und krümmte sich und zuckte immer wieder wie unter Peitschenhieben zusammen. Der Mann hätte wie am Spieß geschrieen, wenn er es noch gekonnt hätte, aber über seine aufgeplatzten Lippen kam nur noch ein heiseres, kaum vernehmbares Krächzen, das nichts mehr mit einer menschlichen Stimme gemein hatte. Er hatte tagelang vor Schmerzen gebrüllt und gekreischt, doch jetzt waren seine Stimmbänder so stark angegriffen, dass er nicht mehr in der Lage war, noch irgendwelche Lautfolgen von sich zu geben. Normalerweise hätten die wahnsinnigen Schmerzen ihm die Besinnung rauben müssen, aber schrecklicherweise blieb er die ganze Zeit bei vollem Bewußtsein, und nicht einmal die stärksten Betäubungsmittel zeigten irgendeine Wirkung.

 

        "Es geht dem Ende zu", meinte der Bordarzt leise, der neben der Liege des Sterbenden stand, "Ich kann nichts für ihn tun. Vielleicht wäre es barmherziger gewesen, ihn sofort zu töten."

        "Verdammt," murmelte der hochgewachsene Mann hinter ihm, "Wenn wir nur wüßten, wo zum Teufel er sich auf dieser Satanswelt eine derartige Infektion eingefangen hat. Wir haben doch sämtliche festgestellten Bakterien und Viren neutralisiert. Ist er denn nicht immunisiert worden?"

        "Offensichtlich gibt es hier Kleinstlebewesen, die wir nicht registriert haben, weil wir sie gar nicht mit den uns verfügbaren Mitteln erkennen können," meinte der Arzt, "Und Bartens hat jetzt Millionen solcher Mikroben in seinem Körper. Allerdings sind sie mittlerweile um einiges größer geworden."

        "Haben Sie denn schon etwas über diese verdammte Krankheit herausgefunden?" wollte der Kapitän wissen.

        "Ja," murmelte der Arzt, "Aber das wird uns wohl auch nicht mehr viel nutzen."

        "Was meinen Sie damit?" fragte der Kapitän.

        "Das werden Sie sehen, wenn Bartens tot ist," antwortete der Arzt und wandte sich wieder der Liege mit dem Sterbenden zu.

        "Können wir denn gar nichts gegen seine Schmerzen tun?"

        "Ich habe ihm bereits die stärksten Betäubungsmittel gegeben. Und die haben keinerlei Wirkung gezeigt. Diese fremden Mikroben scheinen die Wirkung der Medikamente völlig zu neutralisieren. Offensichtlich wollen sie jede Faser des Organismus so lange wie möglich funktionsfähig erhalten - bis sie gefressen werden."

        "Gefressen?" wunderte sich der Kapitän.

Doch der Arzt schien nicht gewillt zu sein, ihm jetzt darauf eine Antwort zu geben. Stattdessen blickte er gespannt auf den schweißüberströmten, nackten Leib des Todgeweihten, der sich jetzt kaum noch bewegte.

        "Da !" rief der Arzt plötzlich, "Sehen Sie die kleinen Buckel auf dem Körper?"

Der Kapitän schaute genauer hin und erschauerte.

        "Bei allen Sternenteufeln!" entfuhr es ihm, "Die werden ja immer größer !"

Die zuerst nur winzigen Beulen auf der Brust und dem Bauch des Sterbenden wurden mit unheimlicher Schnelligkeit größer, die Haut darüber spannte sich und wurde fast durchsichtig. Dann riß die Haut über den Beulen auf, die Rißwunden begannen zu bluten und zu eitern. Dann drang eine dunkelbraune, zähe Flüssigkeit hervor und lief an der Seite des Unglücklichen herab.

        "Lebt er noch ?" fragte der Kapitän entsetzt und geschüttelt von Ekel.

        "Nein," meinte der Arzt, "Zumindest atmet er nicht mehr."

Die Beulen auf dem Körper vermehrten sich, dann platzten die ersten auf. Aus den offenen Wunden krochen kleine, insektenartige Lebewesen hervor. Kleine, kugelförmige Leiber mit zwölf Spinnenbeinen und einem dreieckigen Kopf, der auf einem langen, elastischen Hals saß und mit kräftigen Beißzangen versehen war. Die Lebewesen besaßen eine Länge von etwa drei Zentimeter.

        "Großer Gott ! Das sind ja Hunderte !"

        "Sie haben ihn bei lebendigem Leibe von innen gefressen," sprach der Arzt.

Schon nach einigen Minuten sah der Körper des Toten wie ein einziger schleimig-blutiger Brocken fauligen Fleisches aus. Überall krochen die insektenartigen Parasiten aus den eiternden Wunden heraus. Ein unerträglicher Gestank begann sich auszubreiten.

 

Der Arzt wandte sich ab und ging an die Bordsprechanlage.

        "Andersen, Martens und Callahan sofort zu mir!" rief er in das Mikrophon.

Dann ging er zum Schaltpult für die medizinischen Anlagen hinüber und drückte ein paar Knöpfe. Sekunden später war die Liege mit der verunstalteten Leiche von einer luftdichten Plastikkuppel umgeben, die sich von der Decke auf die Liege herabgesenkt hatte und nun die Leiche vollständig isolierte.

Als das getan war, wandte sich der Arzt wieder an den Kapitän.

        "Die fremden Mikroben sind höchstwahrscheinlich mit den Troodons an Bord gekommen, die vorgestern gefangen und untersucht wurden. Keiner von uns hat körperliche Berührung mit den Sauroiden gehabt, also müssen wir davon ausgehen, dass diese Mikroben sich genauso ausbreiten wie irdische Grippe-Viren. Und deshalb bin ich sicher, dass wir alle bereits davon verseucht sind. Es gibt keine Möglichkeit, eine Infektion zu erkennen, solange die Mikroben nicht anfangen, zu wachsen. Das kann in einigen Tagen passieren oder erst in ein paar Jahren - ich weiß es nicht. In Bartens Körper wuchsen die Biester besonders schnell heran, sie bildeten zuerst Larven und  dann diese Insektoiden, die den Körper bei lebendigem Leibe von innen her auffraßen. Ich habe alle Mittel eingesetzt, um die Larven zu vernichten, aber es war vergeblich. Bis jetzt gibt es keine Möglichkeit, diese Parasiten unschädlich zu machen. Und die Ansteckungsgefahr ist ungewöhnlich hoch. Es gibt zwei weitere Krankheitsfälle hier an Bord."

        "Wer ist es?"

        "Mendric und Klyden," gab der Arzt Auskunft, "Aber sie mussten nicht so lange leiden wie Bartens. Ich habe ihnen eine tödliche Injektion verabreicht. Sie sind vor zwei Stunden gestorben. Und wir werden ihnen folgen."

        "Was reden Sie denn da?" empörte sich der Kapitän, "Das war Mord. Ich werde Sie vor Gericht bringen, Sie Wahnsinniger!"

        "Wir müssen alle sterben," sprach der Arzt ungerührt weiter, "Keiner von uns darf diesen Planeten je wieder verlassen. Andernfalls würden wir diese Seuche auf die Erde bringen. Und von dort aus würde sie sich rasend schnell auf alle Kolonien ausbreiten. Ich habe die Daten bereits in den Zentralcomputer eingegeben, damit dieser entsprechende Maßnahmen ergreifen kann. Außerdem haben die Raumgardisten Andersen, Martens und Callahan den Befehl erhalten, alle Angehörigen der Besatzung zu töten. Außer Ihnen, den drei Gardisten und mir lebt jetzt niemand mehr an Bord. Es ging schnell und schmerzlos."

 

Einige Sekunden lang war es totenstill in dem Raum, dann verfärbte sich das Gesicht des Kapitäns.

        "Ich bringe Sie um, Sie Irrer!" brüllte er, "Wie konnten Sie so etwas tun?"

        "Die Parasiten hätten uns ohnehin bei lebendigem Leibe gefressen. Wäre es Ihnen lieber gewesen, auf diese Weise zu sterben. Sie haben doch selbst gesehen, wie schlimm das bei Bartens war. Und wenn ein paar von uns es geschafft hätten, zur Erde zurückzukehren, dann hätte das den Untergang der gesamten Menschheit bedeutet. Mir blieb keine andere Wahl, Kapitän."

In diesem Augenblick traten drei Raumgardisten mit angeschlagenen Laser-Waffen in den Raum. Der Arzt gab ihnen mit der Hand ein kurzes Zeichen.

Bevor der Kapitän reagieren konnte, feuerten die Gardisten auf ihn und den Bordarzt. Im nächsten Augenblick sanken die beiden verkohlt zu Boden.

 

Die drei Gardisten sahen sich vielsagend an.

        "Jetzt müßten wir drei uns eigentlich gegenseitig erschießen," meinte Andersen grinsend, "Aber ich schätze, dass es keiner von uns damit besonders eilig hat, nicht wahr?"

Callahan lachte.

        "Der Doktor hat doch nicht ernsthaft daran geglaubt, dass wir uns hier selbst umbringen. Ich hab' jedenfalls keine Lust, auf diesem verdammten Planeten zu sterben."

        "Wir können sofort starten," sprach Martens, "In drei Monaten sind wir wieder zu Hause. Dort werden Sie sicher ein Mittel finden, die Parasiten in uns zu erledigen. Vielleicht sind wir ja auch gar nicht infiziert."

        "Okay," meinte Callahan, "Dann lasst uns hier so schnell wie möglich verschwinden."

 

In diesem Augenblick begannen im ganzen Raumschiff die Alarmsirenen zu heulen.

Die drei Männer wurden bleich vor Schrecken, als ihnen die kalte, mechanische Stimme des Schiffscomputers  mitteilte, dass die Selbstvernichtungsautomatik der MARCO POLO das Raumschiff in drei Minuten sprengen würde.........

 

Ende

 

 

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