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Der letzte Wille

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Er glaubte, er würde die Augen aufschlagen, aber das war nicht mehr als eine Illusion.

Undurchdringliche Dunkelheit hielt ihn gefangen, doch diese Dunkelheit war nicht jene sich bewegende Schwärze, die man mit dem Auge wahrnehmen konnte.

Nein, diese Dunkelheit war anders, völlig anders.

Unwillkürlich mußte er an einen Blinden denken; ja, so mußte sich ein Blinder fühlen, der die Dunkelheit nicht mit dem Auge wahrnehmen konnte, sondern nur mit dem Bewußtsein empfand. Diese Art von Dunkelheit war vollkommen.

Er wollte einen Laut der Verwunderung von sich geben, doch dieser Laut bildete sich lediglich in seinem Gehirn, ohne bis zu seinen Lippen vorzudringen.

Dann wollte er sich mit der Zunge über die Lippen fahren, und als auch das nicht ging, durchzuckte ihn zum ersten Male heißer Schrecken.

Irgendetwas in seinem Hinterkopf begann dumpf und gleichmäßig zu pochen und verbreitete einen sich in Wellen ausbreitenden scharfen Schmerz, der aber genauso schnell wieder verschwand, wie er gekommen war.

Er war bis jetzt so mit diesen Eindrücken beschäftigt, daß ihm erst nach einiger Zeit die absolute Stille auffiel.

Nicht einmal das allergeringste Geräusch konnte er ausmachen. Selbst nicht das leise Rauschen in den Ohren, das er sonst immer wahrgenommen hatte, wenn es völlig still um ihn gewesen war. Auch die Stille war so absolut und vollkommen wie die Dunkelheit.

Für seine Sinnesorgane hatte er nicht das geringste Gefühl, nicht einmal seinen Körper konnte er auf irgendeine Weise wahrnehmen.

Nur denken konnte er, was für ihn auch der einzige Anhaltspunkt dafür war, daß er überhaupt existierte.

 

Dann pochte wieder irgendetwas in seinem Gehirn, stetig und gleichmäßig wie bei einer chinesischen Folter.

Wie Tropfen aus einem undichten Wasserhahn war dieses Pochen und machte ihn nach einer Weile halb verrückt.

---Poch---poch---poch---poch---poch---poch................

Er glaubte bald wahnsinnig werden zu müssen, wenn dieses Pochen noch lange andauern sollte.

Sehnsucht und Verlangen nach irgendeinem wirklichen Geräusch überkam ihn, und ihm was es völlig egal, um was für ein Geräusch es sich handeln mochte, Hauptsache, es war ein hörbarer Laut.

Doch um ihn herum war nur Stille, atemlose, bedrohliche Stille, die sich wie ein undurchdringlicher Käfig um ihn gelegt hatte.

Seine Gedanken rasten wie wild und suchten verzweifelt nach einem Ausweg aus dieser schrecklichen Lage.

 

Als er dann unvermutet die Stimme "hörte", überschwemmte ihn eine Welle nie gekannter Glücksempfindung und grenzenloser Erleichterung. Er war nicht allein!

Er versuchte erst gar nicht zu ergründen, warum er die Stimme im eigentlichen Sinne nicht wirklich HÖRTE, sondern nur in seinem Gehirn wahrnehmen konnte.

Die Stimme ertönte IN IHM, in seinem Kopf, genauso wie das stetige Pochen.

Aber das war ihm in diesem Moment völlig gleichgültig.

 

     "Herr Perlan, hören Sie mich?" hörte er jemanden sprechen, "Herr Perlan, wenn Sie mich verstehen können, dann antworten Sie mir bitte!"

 

     "Ja, ... ich ... ich kann Sie verstehen," versuchte er zu sagen, doch seine Worte blieben nur Gedanken.

 

Aber diese Gedanken schienen dem Fremden schon zu genügen, denn gleich darauf vernahm er ein Seufzen oder Aufstöhnen, das ihm allerdings merkwürdig leblos, monoton und irgendwie automatenhaft vorkam. Tausend Fragen schwirrten in seinem Kopf herum, wurden jedoch durch die geisterhafte Stimme verscheucht wie ein Vogelschwarm von einem Böllerknall.

 

     "Nicht so schnell, Herr Perlan! Wir können Ihre Signale sonst nicht mehr decodieren."

 

     "Wo bin ich?" dachte er. Diesmal versuchte er erst gar nicht zu sprechen, sondern dachte seine Worte ganz einfach, wobei er sich wunderte, wie einfach und leicht das eigentlich war.

 

     "Können Sie sich an nichts erinnern?" fragte die Stimme.

 

     "Nein, --- oder ---- halt, doch!!"

 

Für einige Sekunden war ein Bild vor seinem inneren Auge aufgestiegen: eine junge Frau mit lachendem, sinnlichem Mund und hellen, fröhlichen Augen. Kastanienbraunes Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern.

Dann wußte er auch den Namen der Frau.

Annette ... natürlich ! Wie konnte er das vergessen? Seine liebe Annette, seine lachende Annette, die fröhlich wie ein Kind sein konnte. Annette war doch seine Frau!

 

     "Wollen Sie mit Ihrer Gattin sprechen?" vernahm er wieder die Stimme.

 

    "Ja, bitte. Wo bist du, Annette?"

 

Sekunden später hörte er ein merkwürdiges Geräusch, das er als Schluchzen oder Weinen interpretierte, obwohl es fremd und maschinenhaft klang.

Aber das konnte doch unmöglich Annettes Stimme sein! Sie hatte doch eine viel schönere, weichere Stimme, nicht so eine --- Blechstimme!

 

    "Gerd...," hörte er sie Sekunden später flüstern und wußte irgendwie, daß es wirklich seine Frau war, die jetzt zu ihm sprach.

 

    "Annette! Wo bist du? Warum kann ich dich nicht sehen?" schrien seine Gedanken in wilder Panik, doch es kam keine Antwort. Nur das stetige Pochen in seinem Gehirn war zu vernehmen und schien ihn geradezu zu verhöhnen.

 

Eine Weile war es still, dann meldete sich die Stimme des Fremden zu seiner Erleichterung wieder:

     "Ihre Frau hatte leider einer Nervenzusammenbruch. Sie ist jetzt nicht in der Lage, mit Ihnen zu sprechen!"

 

    "Aber warum denn? Was ist denn überhaupt los? Was ist mit mir passiert?" schrie er mit seinen Gedanken.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis er eine Antwort bekam:

    "Sie hatten einen schweren Unfall," erklärte der Unbekannte, und im selben Moment erinnerte sich Gerd Perlan wieder.....

 

Er sah sich mit seinem Wagen zur Arbeit fahren. An diesem Morgen war er etwas spät dran gewesen und mußte sich deshalb ziemlich beeilen. Den schweren Transporter, der ihm beim Überholen entgegengekommen war, hatte er viel zu spät gesehen. Er wußte nur noch, daß das tonnenschwere Fahrzeug rasend schnell auf ihn zugekommen war, immer größer werdend und dann ........ nichts mehr.

 

    "Was ist mit mir passiert?" wollte er wissen.

 

    "Bitte, Herr Perlan, Sie müssen jetzt vor allem ganz ruhig bleiben. Sie dürfen sich auf gar keinen Fall aufregen."

 

    "Sagen Sie mir endlich die Wahrheit!" verlangte er wütend.

 

    "Nun....", begann der Unbekannte zögernd, "als wir Sie endlich aus Ihrem Wagen herausgeschnitten hatten, war von Ihrem Körper nicht mehr viel übrig. Sie hatten höchstens noch eine halbe Stunde zu leben. Da entschlossen wir uns zu einem Versuch, der einzigen Möglichkeit, Ihr Leben zu retten."

 

    "Was für ein Versuch?"

 

    "Wir haben Ihr Gehirn entnommen und in eine Nährlösung gebettet. Sie sind jetzt an eine Maschine angeschlossen, die Sie oder vielmehr Ihr Gehirn am Leben erhält. Gleichzeitig zeichnet ein Computer Ihre Gehirnströme als digitale Signale auf und übersetzt sie in unsere Sprache. So ist es uns möglich, Sie zu verstehen. Umgekehrt wird unsere Sprache in elektrische Impulse umgewandelt und an Ihr Gehirn weitergegeben, so daß Sie uns verstehen können. Nur so können wir überhaupt miteinander kommunizieren."

 

Nur langsam wurde ihm die Tragweite dieser Erklärung bewußt:

Man hatte ihn in ein Monstrum verwandelt; er war nur noch ein Klumpen grauer Hirnmasse ohne einen Körper. Er war gar kein menschliches Wesen mehr !

Wie sollte er in Zukunft sehen, riechen, schmecken, hören und all die Dinge tun können, die er immer gern getan hatte? Wie konnte er so leben? Das war ja eine schlimmere Existenz als die eines völlig Gelähmten!

 

    "Wie konnten Sie so etwas mit mir machen?"

 

    "Wir konnten Sie leider nicht fragen, und es kam auf jede Sekunde an."

 

    "Nein! Das kann ich nicht ertragen! Warum haben Sie mich nicht sterben lassen? Warum haben Sie mir das angetan?"

 

    "Bitte, Herr Perlan," antwortete die Stimme, "Wir werden Sie jetzt erstmal allein lassen, damit Sie sich beruhigen können. Ich verstehe, daß Sie jetzt noch schockiert sind. Aber wenn Sie den ersten Schreck überwunden und sich erstmal an Ihren jetzigen Zustand gewöhnt haben, sieht alles schon ganz anders aus."

 

Dann wurde es still bis auf das nervtötende Pochen, und er wußte, daß er allein war.

 

Langsam kamen seine rasenden Gedanken zur Ruhe.

Er wurde gefasster und begann logischer zu überlegen.

Nein! So wollte er auf keinen Fall weiterleben.

Leben ?

So konnte man das wohl kaum noch nennen. Das war doch nur noch ein reines Dahinvegetieren!

Nein... irgendwie mußte es möglich sein, diesem Martyrium zu entkommen.

Irgendwie mußte das doch gehen!

 

Er hatte mal in einem Buch gelesen, daß die Gedanken und der Wille eines Menschen sogar feste Materie bewegen könnte, wenn man völlig darauf konzentriert war und sich geistig von seinem Körper löste.

Und er war ja im wahrsten Sinne des Wortes losgelöst von seinem Körper !

Alles, woraus er noch bestand, waren Gehirn, Gefühle und Gedanken.

Vielleicht reichte die Kraft seines Willens aus !!!

 

Er konzentrierte sich auf die Drähte und Leitungen, die er irgendwie spüren konnte, und stellte sich vor, wie sie abgerissen wurden.

Er wollte, daß sie abrissen !!!

 

Und tatsächlich reichte die Kraft seines Geistes und seines Willens aus zu dieser letzten, verzweifelten Anstrengung aus.....

Dann umfing ihn das absolute Nichts; er hörte auf zu existieren........

 

Als der Arzt zurückkam, den Computer einschaltete und einen Satz an ihn richtete, den dieser in elektrische Impulse umwandelte und an das Gehirn weitergab, kam keine Antwort mehr.

 

Das Gehirn Gerd Perlans schwamm kalt und leblos, von abgerissenen Kabeln und Drähten umgeben, in der blaßgrünen Nährflüssigkeit.

 

Eine kleine Luftblase löste sich vom Boden des Beckens und trieb immer schneller werdend an die Oberfläche, wo sie lautlos zerplatzte....

 

 

ENDE

 

 

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