Science Fiction

Stories

zurück

 


 

 

Die Eroberer

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Als die blaumetallisch schimmernden Raumschiffe in das Sonnensystem einflogen, sah sie niemand auf ARIDA kommen, dem einzigen bewohnten Planeten des Systems, denn die kleine, aus zehn Jagdzerstörern bestehende Flotte war auf der entgegengesetzen Seite der gelben Sonne aufgetaucht, hinter deren Deckung sie vor jeder Ortung sicher war.

Nachdem sie das Zentralgestirn des Systems umrundet hatten, näherten sie sich dem Planeten so, dass sie schließlich direkt über dem rechtsdrehenden Pol (Südpol) in die Atmosphäre eindrangen und dort im ewigen Eis landeten. Sie waren so klug, eine Weile in der Eiswüste des südlichen Polargebietes zu bleiben, um von dort aus Spion-Sonden zu starten, mit deren Hilfe sie einen Großteil des Planeten erkundeten, ohne selbst bemerkt zu werden.

Dann entdeckten sie eine Forschungsstation der Planetenbewohner und nahmen die dort anwesenden Mitglieder einer Polar-Expedition gefangen.

Die Raumfahrer nahmen nun an, dass man sich bald fragen würde, was aus den Polarforschern geworden war. Sie mussten von nun an mit Flugmaschinen rechnen, die wohl bald auftauchen würden, um nach den verschollenen Forschern zu suchen. Spätestens dann würden ihre Raumschiffe entdeckt werden, die zu groß waren, um sie vor den Blicken von Flugzeugpiloten verbergen zu können. Das musste unbedingt vermieden werden.

 

Mit Gesten und gezeichneten Skizzen machten die Raumfahrer den Forschern klar, dass sie mit ihren Funkgeräten wieder Verbindung mit ihren Artgenossen aufnehmen sollten, um ihnen mitzuteilen, dass sie wohlauf seien und alles in Ordnung wäre.

Zu ihrem großen Erstaunen zeigten sich die gefangenen menschenähnlichen Planetarier als äußerst kooperationsbereit. Bereitwillig folgten die Planetenbewohner ihren Anweisungen und überboten sich sogar gegenseitig in ihrem Bemühen, es den Fremden von den Sternen recht zu machen. So kam es, dass die Funkstationen in den Gebieten nahe des Polarkreises weiter die routinemäßigen Meldungen der Polarforscher empfingen und niemand Verdacht schöpfte, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.

 

Im darauf folgenden Zeitraum von 46 planetaren Tagen erlernten die Raumfahrer die beiden Hauptsprachen der Planetenbewohner, die sich selbst als Ariden bezeichneten, und speicherten den gesamten aridischen Wortschatz in ihren tragbaren Translatoren.

 

Als Colonel Donald Runfield der Meinung war, dass sie genug Informationen über die Welt der Ariden gesammelt hatten, bestellte er seinen Stellvertreter Major Giacomo Casseli und die Kommandanten seines Zerstörer-Geschwaders zu sich.

 

        "Wir verfügen nun über alle notwendigen Informationen über die Ariden", sprach er, als sie sich alle in seinem Besprechungsraum eingefunden hatten, "Durch die Befragung unserer Gefangenen und durch die Aufzeichnungen unserer Spion-Sonden wissen wir nun, daß sie über eine für ihre Verhältnisse fortgeschrittene Technologie verfügen, die bereits in der Lage ist, nukleare Energie zu nutzen. Dieser Planet wird eine sehr gewinnbringende Kolonie sein. Wir werden sie im Namen des Imperators von Terra für das solarische Imperium in Besitz nehmen."

 

        "Vielleicht sollten wir erst Verstärkungen anfordern," gab Major Casseli zu bedenken, "Unser Geschwader wird nicht ausreichen, um den ganzen Planeten zu beherrschen. Wenn die Ariden Widerstand leisten, könnten sie durchaus in der Lage sein, unsere Zerstörer zu vernichten. Von unseren Gefangenen wissen wir, dass sie noch vor wenigen Generationen blutige Kriege gegeneinander geführt haben, die durchaus mit unseren eigenen Kriegen im 20.Jahrhunderts vergleichbar waren. Wenn es hier noch Waffen aus dieser Zeit gibt, könnte das für uns sehr gefährlich werden."

 

        "Das ist mir durchaus bewusst, Major", antwortete der Colonel, "Aber wir haben Antimaterie-Bomben, mit denen wir diesen ganzen Planeten aus dem Universum sprengen können. Allein die Androhung solcher Zerstörungskraft wird die Ariden einschüchtern und gefügig machen. Sie scheinen uns gegenüber ohnehin recht unterwürfig zu sein, denn offenbar halten sie uns für gottgleiche Wesen, die ihnen weit überlegen sind."

 

        "Das mag schon so sein", sprach der Major, "Trotzdem sollten wir dafür sorgen, dass sie auch wissen, über welche Gewalten wir verfügen. Wir sollten ihnen eine Demonstration unserer Macht geben, bevor wir sie auffordern, sich uns zu unterwerfen."

 

        "Ein guter Vorschlag", meinte der Befehlshaber zustimmend, "Haben Sie schon eine Idee, wie wir das bewerkstelligen können?"

 

        "Wir könnten den fünften Planeten dieses Systems vor ihren Augen vernichten", schlug der Major vor, "Es ist nur ein lebloser Steinbrocken und außerdem weit genug entfernt, so dass hier keine Folgeschäden zu befürchten sind. Eine solche Machtdemonstration wird bei den Ariden jeden Gedanken an Widerstand im Keim ersticken."

 

        "Einverstanden", meinte der Colonel und wandte sich an einen der Schiffskommandanten, "Fliegen Sie mit Ihrem Zerstörer zum fünften Planeten. Dort gehen Sie in Schussposition und warten auf meinen Feuerbefehl."

 

Der Angesprochene, ein noch junger Captain, nickte, salutierte und verließ den Besprechungsraum, um sich an Bord seines Schiffes zu begeben und den Start einzuleiten.

 

        "Lassen Sie mir jetzt diesen Wortführer der Gefangenen holen, der sich Vortaiken nennt", wies der Befehlshaber seinen Stellvertreter an und gab den anderen Offizieren zu verstehen, dass sie wieder auf ihre Posten zurückkehren sollten.

 

Nachdem die Schiffskommandanten den Raum verlassen hatten, brachte man einen Ariden herein, bei dem unschwer zu erkennen war, dass er der Älteste unter den Gefangenen war. Colonel Runfield nahm an, dass es sich um den Leiter der Forschungsstation handelte.

Während er den vor ihm stehenden Ariden eingehend betrachtete, registrierte er die devote Körperhaltung des Planetariers, die ihm zu seiner Zufriedenheit signalisierte, dass von diesem Wesen kein Widerstand zu erwarten war.

Was ihn aber immer noch erstaunte, war die unheimliche Menschenähnlichkeit der Ariden.

Von den Menschen unterschieden sich die Ariden nur durch etwas spitzere, längere Ohren und ein hauchdünnes, weiches Fell über ihrer Haut, das sie wie eine Mischung aus Mensch und Katze erscheinen ließ. Colonel Runfield vermutete, dass sich ihre Art aus katzenähnlichen Vorfahren entwickelt hatte, so wie die Vorfahren des Menschen affenähnliche Primaten gewesen waren.

 

        "Es erstaunt mich", sprach er den Ariden schließlich mit Hilfe seines Translators an, "dass ihr so bereitwillig unseren Anweisungen gefolgt seid, obwohl wir euch mit Waffengewalt gefangen genommen haben. Ihr müßt doch längst erkannt haben, dass wir nicht in friedlicher Absicht gekommen sind. Beunruhigt es dich nicht, dass wir euch und eure Welt  für uns in Besitz nehmen wollen?"

 

        "Wenn ihr uns überlegen seid", antwortete der Aride namens Vortaiken, "dann wäre es sehr dumm von uns, sich euch zu widersetzen. Es würde uns selbst nur furchtbaren Schaden zufügen und am Ende doch nichts nutzen. Unsere Vorfahren haben viele schreckliche und blutige Kriege geführt, die Siegern und den Besiegten nur Zerstörung und Leid gebracht haben. Wir hegen nicht den Wunsch, die Fehler unserer Vorfahren zu wiederholen."

 

        "Erfüllt es dich nicht mit Sorge, dass deine Welt und all ihre Bewohner von einer fremden Macht beherrscht werden?" fragte der Colonel verwundert.

 

        "Wenn ihr uns beherrschen wollt", sprach der Aride, "dann werdet ihr auch wollen, dass wir für euch nützlich sind. Also werden wir von euch viel neues Wissen erhalten, das auch für uns von Nutzen sein wird und damit auch der Weiterentwicklung unserer Zivilisation dienlich ist. So werden beide Seiten profitieren. Warum sollte mich das mit Sorge erfüllen?"

 

        "Deine Ansichten sind wirklich erstaunlich", meinte Colonel Runfield verblüfft, "Ich habe nicht erwartet, hier so viel Vernunft vorzufinden. Denken deine Artgenossen so wie du?"

 

        "Sie werden auf mich hören", antwortete sein Gegenüber, "denn mein Wort hat auf dieser Welt Gewicht. Ich bin in meiner Eigenschaft als Hochrat der Schule von Rovada ein überall bekannter Gelehrter und Vermittler. Schon viele Male habe ich den Regierenden beratend zur Seite gestanden."

 

        "Dann hatten wir ja wahrhaftig sehr viel Glück, dass wir dich hier in dieser eisigen Einöde gefunden haben", meinte Runfield spöttisch.

 

        "Es war meine Bestimmung", sprach Vortaiken, "dass ich bei eurer Ankunft hier zugegen war. Das Schicksal hat mich dazu auserkoren, der Vermittler zwischen euch und meinem Volk zu sein. Ich werde meiner Bestimmung folgen und diese ehrenvolle Aufgabe nach besten Kräften erfüllen."

 

        "Dann soll es so sein", brummte der Colonel zufrieden, "Du kannst nun Kontakt mit allen Bewohnern deiner Welt aufnehmen und ihnen sagen, dass wir hier sind. Teile ihnen mit, dass eure Astronomen in der kommenden Nacht den Planeten beobachten sollen, den ihr ELLION nennt. Wir werden deiner Welt eine Demonstration unserer Macht zeigen."

 

 

Sämtliche auf der Nachtseite befindlichen Observatorien der Ariden hatten ihre Teleskop-Fernrohre auf den Planeten ELLION gerichtet.

Horden von Kamera-Teams und Reportern belagerten die astronomischen Anlagen, sammelten sich vor Regierungs-Gebäuden und sendeten ihre Live-Reportagen um den gesamten Globus von ARIDA.

Die Nachricht von den am Südpol gelandeten Weltraumschiffen war wie eine Bombe eingeschlagen, ohne jedoch Panik auszulösen, denn Neugier und Sensationslust hatten die Ängste der  Ariden im Augenblick einfach verdrängt. Überall auf dem Planeten starrten die Ariden gebannt auf die Bildschirme ihrer Televisions-Empfänger, auf denen der Nachbarplanet ELLION gezeigt wurde, so wie er von den Teleskopen der Observatorien gesehen wurde.

 

Und dann sah die gesamte Bevölkerung von ARIDA, wie auf der steinigen, lebensfeindlichen Oberfläche von ELLION ein grelles, weißes Licht aufflammte, das trotz der großen Entfernung blendend in ihre Augen stach.

 

Einige Augenblicke lang sah der Planet aus wie eine Festlaterne aus Wachspapier, als wäre seine Masse durchsichtig geworden und als könne man bis zum flüssigen Kern hindurchsehen. Schließlich blähte er sich schlagartig auf, wurde größer - und zerplatzte.

Der Planet spie und wütete und schleuderte seine feste Hülle von sich - weit in den Weltraum hinaus. Dann brach er endgültig auseinander, wobei sein Magma-Kern wie das flüssige Innere von einem zerschmetterten Ei in alle Richtungen zerfloss.

 

Fassungslos sahen die Ariden, wie die Fremden aus den Tiefen des Alls einen ganzen Planeten mit einem einzigen Schlag vollständig vernichteten.

Noch bevor sie sich von diesem Schock erholen konnten, wurde über alle Televisions- und Radio-Sender eine Nachricht der Fremden planetenweit verbreitet, in der die Bevölkerung von ARIDA zur bedingungslosen Kapitulation aufgefordert wurde.

 

 

Siebzehn Monate später  (nach Erd-Zeitrechnung):

 

        "Wir haben immer noch keine Antwort von Terra erhalten, Colonel", sprach der Major, dessen Besorgnis von Tag zu Tag größer wurde, "Es sind bereits sechs Nachrichtensonden abgeschickt worden, aber bisher ist noch nicht einmal von den äußersten Raumbasen des Imperiums eine Antwort gekommen. Wir müssen einen Zerstörer zurückschicken, damit dieser eine Nachricht an das Imperium überbringt."

 

        "Nein", lehnte der Kommandeur entschieden ab, "Wir brauchen hier alle Schiffe des Geschwaders. Jedes Schiff weniger schwächt unsere Position gegenüber den Ariden."

 

        "Aber die Ariden haben bislang nicht den kleinsten Versuch unternommen, uns Widerstand zu leisten", wandte Major Casseli ein, "Ganz im Gegenteil - sie erfüllen uns jeden unserer Wünsche. Es wird kaum etwas ausmachen, wenn wir einen Zerstörer nach Hause schicken, damit er die Meldung  über unsere neue Errungenschaft überbringt und Verstärkung heran holt."

 

        "Er bräuchte über fünf Monate Erdzeit, um den nächstgelegenen Flottenstützpunkt zu erreichen", hielt der Colonel dagegen, "Dann dauert es noch einmal fünf Monate, bis er mit Verstärkungen zurück ist. Solange kann und will ich hier auf kein Schiff meines Geschwaders verzichten. Es ist besser, wenn wir eine weitere Nachrichtensonde abschicken."

 

        "Sir, ich gebe zu bedenken, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von Nachrichtensonden haben", wandte der Major ein.

 

        "Das weiß ich selbst, Major!" fuhr ihn der Kommandeur verärgert an, "Also hören Sie gefälligst mit Ihren Belehrungen auf! Bereiten Sie die Sonde vor. Ich werde dann die codierten Nachrichten über mein Terminal eingeben."

 

        "Aye, Sir", gab der Major resignierend von sich, salutierte und verließ das Büro den Colonels, der ihm missgelaunt hinterher starrte.

 

        ("Dieser Oberbedenkenträger wird langsam lästig",) dachte Runfield, als sich die Tür hinter seinem Stellvertreter geschlossen hatte, ("Ich muss mich bald entscheiden, ob ich ihn in meine Pläne einweihe oder ob ich mich seiner entledige.")

 

Er stand auf, ging hinaus auf den großen Balkon vor seinem Büro und schaute zum Start- und Landefeld des neuen Raumhafens hinüber, den die Ariden in den ersten sechs Monaten nach der Vernichtung von ELLION eigens für die Raumfahrer aus dem Weltraum angelegt hatten.

 

Natürlich hatten sie auch gleich einen Palast in der Nähe des Raumhafens gebaut, der den Raumfahrern als sehr geräumige Unterkunft diente. Es war eine äußerst komfortable Unterkunft, mit einem Luxus, den selbst die teuersten Hotels auf der Erde und all ihren Kolonien nicht zu bieten hatten.

Scharen von aridischen Bediensteten lasen den Raumfahrern jeden Wunsch von den Augen ab und überschlugen sich geradezu in ihrem Eifer, den neuen Herren ihrer Welt jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Selbst der einfachste Raumsoldat des Geschwaders wurde hier verwöhnt wie ein Gott.

Die Ariden hatten Raumhafen und Palast an der Küste einer Halbinsel gebaut, wo fast das ganze Jahr über ein angenehmes und warmes Klima herrschte. Ein herrlicher weißer Sandstrand und ein Süßwasser-Ozean luden jeden Tag zum Sonnenbaden und zum Schwimmen ein.

Gleich neben dem Wohnpalast hatten die Ariden einen Amüsier-Betrieb mit Bar, Restaurant, Spielkasino und 3D-Kino eingerichtet. Eine komfortable Sportanlage wurde gerade gebaut und würde in den nächsten Wochen fertig werden. Und da die Ariden sehr menschenähnlich waren, gab es inzwischen auch ein Freudenhaus, in dem die sexuellen Bedürfnisse sowohl der männlichen wie auch der weiblichen Mitglieder der Schiffbesatzungen befriedigt wurden. Die Raumfahrer lebten hier wie in einem Paradies und wurden verwöhnt wie Götter.

Colonel Runfield hatte nicht vor, das in absehbarer Zeit zu ändern.

 

Deshalb hatte er auch jeder Nachrichtensonde den Befehl zur Selbstzerstörung einprogrammiert, als er seinen persönlichen Bericht in die Datenspeicher der Sonden eingegeben hatte.

Major Casseli, sein Stellvertreter, wusste nichts davon, aber Colonel Runfield befürchtete, dass dessen zunehmende Besorgnis irgendwann in Misstrauen umschlagen würde.

        ("Soll ich Casseli einweihen?") fragte er sich, ("Vielleicht wäre es besser, ihn zu beseitigen, denn er ist ein loyaler Offizier, der dem Imperium treu ergeben ist. Aber er ist auch der beste Offizier, den ich habe. Ich würde nur sehr ungern auf ihn verzichten.")

 

Nachdenklich starrte Runfield dem grellen Lichtschweif eines seiner Raumschiffe hinterher, das gerade zu einem Patrouillenflug im Orbit des Planeten gestartet war....

 

 

Dreißig Monate später  (nach Erd-Zeitrechnung):

 

        "Colonel, wir haben jetzt alle unsere Nachrichtensonden abgeschickt und immer noch keine Antwort erhalten", sprach Major Casseli, dem seine Unzufriedenheit deutlich anzusehen war, "Ich verlange, dass mir ein Zerstörer zur Verfügung gestellt wird, mit dem ich zur nächstgelegenen Raumbasis fliegen kann, um von dort aus das Oberkommando persönlich über den Verlauf unserer Mission zu unterrichten."

 

        "Entspannen Sie sich, Major", antwortete Runfield gelassen, "Setzen Sie sich und erklären Sie mir, warum Sie es so furchtbar eilig haben, diesen wundervollen Planeten wieder zu verlassen."

 

        "Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Colonel", gab Casseli von sich, während er sich in einem der bequemen Sessel niederließ.

 

        "Überlegen Sie doch mal", begann der Kommandeur zu erklären, "Sobald das Flottenoberkommando Verstärkungen hierher geschickt hat, wird unser Geschwader garantiert von hier abberufen und mit einer neuen Mission beauftragt. Dann werden wir wieder monatelang in unseren engen, ungemütlichen Weltraum-Blechkisten hocken und durch die Galaxis fliegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen das lieber ist als unser überaus angenehmes Leben auf diesem Planeten."

 

        "Aber wenn das Oberkommando erfährt, dass wir hier...."

 

        "Das Oberkommando wird gar nichts erfahren!" schnitt ihm Runfield kurzerhand das Wort ab, "Niemand außer uns kennt die Position dieses Sonnensystems und niemand im Imperium weiß, dass wir hier sind. Wahrscheinlich gelten wir dort bereits als verschollen. Wir wären schließlich nicht das erste Geschwader, das nie mehr zurückgekehrt ist."

 

        "Wir haben doch Nachrichtensonden in das imperiale Raumgebiet geschickt", wandte Casseli ein.

 

        "Keine davon hat das Raumgebiet des solarischen Imperiums jemals erreicht", erklärte der Colonel, "Ich habe selbst dafür gesorgt, dass sie sich selbst zerstörten, sobald sie außerhalb der Reichweite unserer Raumortung waren. Auf der Erde weiß niemand, dass wir hier sind. Dort weiß man nicht einmal, dass wir überhaupt noch existieren."

 

        "Das ist Desertation !" rief Casseli und sprang erregt auf, "Ich kann nicht glauben, was Sie da gerade gesagt haben !"

 

        "Setzen Sie sich gefälligst wieder hin, Casseli !!!", befahl ihm Runfield mit schneidender Stimme, der plötzlich eine Laserwaffe in der Hand hielt und sie auf seinen Stellvertreter richtete.

 

Resigniert  gehorchte Casseli und ließ sich wieder in den Sessel zurück fallen.

 

        "Sie können sich jetzt genau überlegen, wie Sie sich weiter verhalten wollen", fuhr der Colonel fort, "Wenn Sie sich gegen mich stellen, dann werde ich Sie wegen Gehorsamsverweigerung hinrichten lassen. Sollten Sie jedoch vernünftig sein und sich auf meine Seite stellen, dann können Sie bis zu Ihrem Lebensende auf dieser Welt wie ein Gott leben, dem alle Wünsche erfüllt werden."

Als Casseli nicht darauf antwortete, sprach er weiter: "Wenn das Oberkommando wüßte, dass wir diese Welt erobert haben, dann wären wir längst nicht mehr hier. Wir wären längst von Bürokraten und Verwaltern abgelöst worden. Uns würde man befehlen, wieder in unsere fliegenden Metallkisten zu steigen und erneut auf die Suche nach neuer Beute für das Imperium zu gehen. Und was wäre am Ende der Dank dafür? Eine Brust voller Orden, für die man sich nichts kaufen kann, eine klägliche Pension, allmähliches Altern trotz gentechnischer Lebensverlängerung und schließlich ein unwürdiges Ende in irgendeinem Pflegeheim. Wollen Sie das wirklich gegen die uneingeschränkte Herrschaft über einen ganzen Planeten eintauschen?"

 

Seine Worte schienen bei Casseli zu wirken, denn dieser macht jetzt einen sehr nachdenklichen Eindruck.

 

        "Wie entscheiden Sie sich, Major?" drängte ihn der Kommandeur, "Sind Sie auf meiner Seite oder nicht?"

 

        "Ich bin auf Ihrer Seite, Colonel", antwortete Casseli mit leiser Stimme, "Sie können auf mich zählen."

 

 

Fünf Jahre später  (nach Erd-Zeitrechnung):

 

Wutschnaubend starrte Colonel Runfield den vor ihm stehenden Ariden namens Vortaiken an.

Er hätte ihn auf der Stelle umgebracht, wenn man ihm nicht die Arme auf dem Rücken zusammengebunden hätte.

Die Schießereien am Raumhafen und im Innern des Wohnpalastes hatten inzwischen aufgehört.

Runfield nahm an, dass inzwischen alle seine Leute entweder getötet oder gefangen genommen worden waren.

 

        "Dafür werdet ihr büßen", zischte er Vortaiken wütend an, "Das solarische Imperium wird euch vernichten."

 

        "Gib' dir keine Mühe", erwiderte der Aride, der jetzt nicht mehr die geringste Unterwürfigkeit zeigte, welche er und all seine Artgenossen jahrelang zur Schau gestellt hatten, "Wir wissen längst, dass du deine Herrscher nicht benachrichtigt hast, weil du unsere Welt allein für dich haben wolltest. Dein Stellvertreter ist sehr redselig gewesen, als wir ihn befragt haben."

 

        "Dieser verdammte Verräter!" entfuhr es Runfield.

 

        "Er trägt keine Schuld", meinte Vortaiken mit faunischem Lächeln, "Ihr Menschen seid sehr empfänglich für unsere Drogen. Unter ihrem Einfluss war dein Stellvertreter nicht in der Lage, uns die Antworten auf unsere Fragen zu verweigern."

 

Der Colonel stieß einen heiseren Wutschrei aus und zerrte wild an seinen Fesseln, bis ihn ein Faustschlag in den Nacken zu Boden gehen ließ.

 

        "Die meisten deiner Leute haben wir beim Baden am Strand gefangen genommen", sprach Vortaiken ungerührt weiter, während er mitleidslos auf ihn hinab blickte, "Sie werden uns bald alles erklärt haben, was wir in den letzten fünf Jahren noch nicht von euch erfahren haben. Deine Leute haben sich gern von uns verwöhnen lassen und sind nach einiger Zeit sehr vertrauensselig geworden. Viele von ihnen haben uns weitaus mehr erzählt, als sie durften. Sie haben sogar das Innere der Raumschiffe von unseren Leuten reinigen lassen, weil sie selbst zu faul dazu waren. So haben wir uns viel mehr von eurem Wissen angeeignet, als es euch lieb sein konnte. Schon sehr bald werden wir eure Technik vollständig beherrschen und in der Lage sein, Raumschiffe in das All hinaus zu schicken - mit ebenso wirksamen Vernichtungswaffen wie die eurigen. Wir sind sehr dankbar, dass eure leichtfertige Überheblichkeit dies erst möglich gemacht hat."

 

        "Das wird euch nicht viel nützen", spottete Runfield mit heiserem Lachen, "Das Imperium hat Tausende von viel größeren und mächtigeren Raumschiffen als die kleinen Schiffe, mit denen wir hergekommen sind. Wenn ihr die Macht des Imperiums herausfordert, werdet ihr vernichtet."

 

        "Euer Imperium weiß nichts von unserer Existenz", antwortete Vortaiken unbeeindruckt, "Dafür hast du selbst gesorgt. Aber wir wissen inzwischen, wo eure Heimatwelt und eure Kolonien zu finden sind. Wie du inzwischen erkannt haben dürftest, lernen wir sehr schnell. Wir werden genug Zeit haben, um eure Schwächen herauszufinden und uns darauf vorzubereiten, eure selbstsüchtige und beutegierige Spezies auszulöschen. Dann werden wir durch die Gier deiner Artgenossen nicht mehr bedroht sein. Euer Imperium wird nichts davon ahnen und deshalb auch keine Vorkehrungen treffen, um das verhindern zu können."

 

        "So leicht wird euch das nicht gelingen", stieß Runfield zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

 

        "Das wird sich zeigen", meinte Vortaiken und wandte sich ab, um den Raum zu verlassen, ohne den Colonel noch eines Blickes zu würdigen.....

 

Ende

 

 

zurück