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Das Ende einer Epoche

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

" ........ Unser Menschsein ist das Ergebnis einer Jahrtausende währenden Selektion der Natur. Wir sind das Resultat verschlungener Pfade der Evolution und wir folgen keinen irdischen Gesetzen, sondern den mysteriösen Regeln in einem großen universalen Spiel, dessen Sinn wir einfach nicht begreifen konnten und dessen Ziel für uns immer ein Rätsel blieb.

Nun stehen wir am Ende einer langen Epoche, die mit Tränen des Elend, des Leidens und der Sorgen angefüllt war, die aber auch erfüllt war mit Stationen des Erfolges, des Glückes und menschlicher Größe.

 Wir fühlten uns wie Götter, als es uns gelang, die Geheimnisse der Atome zu ergründen, das Rätsel des Lebens zu entschlüsseln, als wir unsere Füße auf andere Planeten setzten und schließlich sogar gezielt das menschliche Erbgut veränderten. Wir spielten mit dem Leben, ließen Gene mutieren und sich wieder normalisieren. Wir machten aus Menschen Monstren und aus Monstren wieder Menschen. Der biologische Mechanismus des Lebens war uns zur Genüge bekannt - doch der Sinn allen Seins lag für uns immer im Verborgenen.

Auch die Religion gab uns keine wirklichen Antworten, weil wir uns nicht mit reinem Glauben ohne tatsächliches Wissen zufriedengeben konnten.

Wir versuchten auch dieses große Rätsel zu lösen, doch daran scheiterte das intelligente Wesen Mensch.

Wir forschten und suchten - und wir versagten jämmerlich.

Denn wir kamen nur zu der niederschmetternden Erkenntnis, daß wir in Wahrheit nur ein Abfallprodukt des Universums waren wie jede Art von Leben.

Wir waren nur kosmisches Ungeziefer; oder nur ein Abenteuer, ein Experiment der Natur - WARUM UND WOZU ?

Wir fanden keine Antworten und resignierten schließlich.

Unsere geistige und ethische Entwicklung stagnierte und wir Menschen begannen mit unheimlicher Schnelligkeit zu degenerieren. Aus zivilisierten, vernunftbegabten Wesen wurden technisierte Barbaren, die sich gegenseitig zu zerfleischen begannen.

 

Das Ende vollzog sich innerhalb eines einzigen Jahrhunderts.

Länger brauchte die Menschheit nicht, um sich selbst auszulöschen......."

 

Der Alte, welcher diese Worte niedergeschrieben hatte, stand jetzt einsam und  verlassen an einem sich endlos dahinziehenden Sandstrand. Sein Gesicht hatte die Farbe einer vertrockneten Pflanze, farblos, blass und schlecht durchblutet.

Die Luft flimmerte. Der Wind, der heiß aus dem Innern des verbrannten Landes kam und nun über die Küste hinwegfegte, brachte keine Linderung; er bewirkte eher das Gegenteil.

Mit stumpfen Blicken musterte der Alte die heranrollenden Wogen des Meeres und lauschte dem Rauschen der schäumenden Brandung. Dann hob er den Blick und schaute hinüber zum fernen Horizont, wo das Blau des Wassers mit dem strahlenden Azur des Himmels verschmolz. Eine Weile sah er zur Sonne empor, der einstigen Lebensspenderin, die unverändert ihre Bahn am Firmament zog. Aber die Sonne spendete kein Leben mehr, denn ihre Infrarotstrahlen brachten nur noch den Tod auf die Erde, seitdem es keine schützende Ozonschicht mehr gab. Doch selbst wenn es noch eine ausreichende Ozonschicht gegeben hätte, das Ende wäre dennoch unausweichlich gewesen. Seit der gigantischen Nuklearkatastrophe war die gesamte Atmosphäre so stark radioaktiv verseucht, dass ein Überleben der Menschheit unmöglich geworden war.

Der Alte fragte sich unwillkürlich, wie oft er die Sonne wohl noch sehen durfte.

Ein wenig geblendet wandte er sich ab und ging langsam zu der weiß schimmernden Plastikwohnkuppel, die einige hundert Meter entfernt neben einem spärlich bewachsenen Hügel stand.

Nachdem er den engen, gewundenen Pfad zur Kuppel hinaufgegangen war, drehte er sich noch einmal um. Sein Blick schweifte über das Meer, und er atmete die heiße, schwüle Luft tief ein. Schließlich trat er in das Halbdunkel der Wohnkuppel, wo er sich an einen Tisch setzte und seine Gedanken niederschrieb, obwohl er kaum hoffen konnte, dass jemals ein Wesen seine geschriebenen Worte lesen würde.........

 

".....Leben heißt Werden und Vergehen. Zwischen dem Anfang und dem Ende, zwischen diesen beiden dunklen Polen, deren Geheimnisse dem Menschen immer verborgen blieben, liegt eine kurze Strecke des Lichts, ein Abschnitt des Schaffens und des Erfahrens. Nur diese kurze Zeit zwischen Geburt und Tod nimmt der Mensch bewusst wahr. Alles, was jenseits der finsteren Grenzen existiert, ist für ihn nicht fassbar, nicht real vorhanden und damit unbegreiflich. Vergeblich versuchte der Homo-sapiens diese geistigen Ketten zu sprengen, die ihn und seinen Intellekt zwischen Geburt und Tod gefangenhielten. Er versuchte hinter die Grenzen des Jenseits zu schauen, um den Sinn allen Seins zu erkennen, doch die Grenzen erwiesen sich für ihn und seinen Verstand als unüberwindlich.

Eingeschlossen wie in einem Käfig versuchte der Mensch dem Leben einen Sinn aufzuzwingen, ohne jemals den Sinn oder Nichtsinn des Lebens herauszufinden. Es blieb nur bei kläglichen, der Vernunft und der Logik widersprechenden Versuchen. Aber der Mensch klammerte sich an die dünnen Strohhalme, welche die Großen der Philosophie und Theologie ihm anboten. Er glaubte das, was er glauben wollte. Diese Irrwege aber wurden dem Homo-sapiens zum Verhängnis. Bald zerfraßen Angst und Zweifel seine geistigen und kulturellen Wurzeln. Religionen entstanden und vergingen wieder, denn Wissenschaft und Forschung erbrachten immer neue Ergebnisse, die den Religionen und Heilslehren widersprachen und den Glauben an die zunichte machten. Ohne inneren Halt taumelte die Menschheit durch die Jahrhunderte, bis der große Umbruch kam.

Der in der Phantasie und der Glaubensvorstellung existente Weltenschöpfer wurde entthront, die Geschichte der Welt wurde radikal entmythologisiert. Religionen wurden verdrängt, und der Mensch begann selbst die Stelle Gottes einzunehmen. Aus dem von Mythologie und Religion beherrschten Menschen wurde ein Herrscher über die Natur und ein Raubtier ohne Fesseln. Der Mensch schleuderte seine Ethik und seine Moral von sich; er verlor das, was man Gewissen nannte. Für ihn gab es keine Grenze mehr, und alles, was machbar war, wurde auch getan, ohne Rücksicht auf die Folgen. Musste der Homo-sapiens deshalb untergehen ?........"

 

Der Alte bewegte sich gemächlichen Schrittes durch das milchige Dämmerlicht des gewölbten Raumes im Innern der  Kuppel. von irgendwoher drangen die Klänge von Musikaufnahmen und schoben die düsteren Gedanken des Mannes ein wenig beiseite. Er war froh, dass sein Vater die Aufnahmen und die Musikanlage gerettet hatte, denn die Musik ließ sein Dasein ein wenig erträglicher erscheinen.

Ein wenig behäbig ließ er sich in einem der Schaumstoffsessel nieder. Die Musik, ein Relikt aus der Zeit menschlicher Kreativität, umwob ihn mit den dünnen Fäden der Illusion, versenkte seinen angegriffenen Geist in den sanften Wogen angenehmer Träumereien. Für einige Momente vergaß er die zerstörte Realität draußen vor der Wohnkuppel.

Müdigkeit überkam ihn, und er begann sich nach Schlaf zu sehnen. Doch er riss sich ins Wachsein zurück und stand ächzend auf. Dann ging er in die unterirdisch angelegten Räume unter der Wohnkuppel, wo die leeren Tiefschlafkammern lagen.

Er betrat eine der Kammern und drückte einige Tasten auf einem kleinen Schaltpult. Mit dumpfem Summen erwachten die Aggregate zum Leben. Behutsam legte sich der Alte auf eine pneumatische Liege und schaute zu, wie sich die Türe der Tiefschlafkammer automatisch schloss. Er hörte noch das Zischen der Überdruckinjektion, danach hüllte ihn der Schlaf mit seinen sanften Fängen ein.

Sein Schlaf war tief und traumlos - und sehr, sehr lang...........

 

 

Inzwischen vergingen viele Jahrzehnte auf der Erde. Die Hitze der aufgeladenen Atmosphäre kühlte endlich ab; statt des radioaktiven "Fallouts" bedeckte wieder normaler Regen das Land. Nach mehr als einem Jahrhundert hatte sich die Natur selbst geholfen und begann sich zu regenerieren. Die Ozonschicht in der Stratosphäre bildete sich neu und ermöglichte es, dass sich Pflanzen und Tiere ihren einst von den Menschen geraubten Lebensraum zurückerobern konnten.

Aus dem Ende entstand ein neuer Anfang, ein neuer Zyklus begann ----- ohne den Menschen.

Seinen Platz sollte eine völlig andere Gattung einnehmen.......

 

 

Sie kamen von weither aus den Tiefen des Universums. Ihre Heimatwelt hatte nicht mehr genügend Lebensraum für ihre Rasse geboten, die sich immer schneller vermehrt hatte, ohne durch Kriege dezimiert zu werden. Doch ihre Art war anpassungsfähig, hochintelligent und besaß einen ungebrochenen Lebenswillen. Sehr früh hatten sie die Raumfahrt entwickelt, durch das Bevölkerungswachstum dazu gezwungen, und nichts hatte diese Entwicklung zurückgeworfen oder aufgehalten. Innerhalb eines einzigen Jahrhunderts menschlicher Zeitrechnung hatten sie alle Planeten ihres eigenen Sonnensystems kolonisiert und besiedelt. Und nun waren sie in gigantischen Raumschiffen über die Grenzen ihres Sonnensystems hinausgedrungen, auf der Suche nach neuen, bewohnbaren Welten.

 

Auf ihren Raumschiffen waren fast zwanzig Generationen geboren worden, aufgewachsen und gestorben, bevor sie einen blauen Planeten im Randgebiet der Galaxie fanden, der geeignet war, ihre lange Suche zu beenden.

Sie landeten auf dieser Welt, stellten umfangreiche und genaue Untersuchungen an, wobei sie feststellten, dass es hier schon vor ihnen intelligente Wesen gegeben hatte, die durch eine planetenumfassende, schreckliche Katastrophe ausgerottet worden waren.

Dann begannen die Neuankömmlinge diese Welt zu besiedeln und machten sich den herrenlosen Planeten untertan............

 

 

Allmählich verzogen sich die bunt und wirr durcheinanderwirbelnden Nebelschleier vor seinen Augen, und die Blicke des Alten begannen sich zu klären. Erstaunt sah er zum Überwachungscomputer hinüber, dessen blinkende Lämpchen das Halbdunkel der Überlebenskammer nur spärlich erhellten.

Der Alte bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen, während die Greifarme der Maschine die üblichen Prozeduren einer Tiefschlaferweckung an ihm vornahmen.

Dann öffnete sich die Kammer, und die Maschine schaltete sich ab.

Der Alte war allein.

Er machte ein paar unbeholfene Schritte, wobei er sich abstützen musste, weil ihn ein heftiges Schwindelgefühl erfasste.

Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, und verzweifelt versuchte er seine Schwäche zu überwinden. Ihm wurde klar, dass der Kältetiefschlaf viel länger als beabsichtigt gedauert hatte. Seine biologischen Reserven waren zu stark angegriffen worden. Er wusste, dass er jetzt nicht mehr lange zu leben hatte. Doch er wollte noch ein einziges Mal die Erde sehen, wollte wissen, ob sie wieder Leben trug und ob es da draußen noch eine Menschheit gab. Einmal noch wollte er die Sonne sehen, bevor der Tod kam, der bereits wie ein unsichtbarer Schatten in seiner Nähe wartete.

 

 

    "ACHTUNG ! Dringende Meldung an Z-O-R !   Z-O-R, schalte deinen Tenec-Schirm ein!"

 

    "Hier ist Z-O-R. Was ist denn passiert ?"

 

    "Hier ist das Bio-Zentrum. Wichtige Nachricht vom telepathischen Überwachungsdienst. Dort wurden die Hirnimpulse einer völlig artfremden Intelligenz empfangen. In DEINEM Sektor, Z-O-R !  Aber die Impulse sind sehr schwach. Das Fremdwesen stirbt !"

 

    "Hier spricht Z-O-R. Ich werde einige Sucher entsenden und versuche mit der fremden Intelligenz Kontakt aufzunehmen."

 

 

Ungläubig, mit einer zerfahren wirkenden Handbewegung, wischte sich der Alte über die Augen. Drüben, am Fuß der Berge, die sich unweit der Küste in den Himmel reckten, erhoben sich die merkwürdigen Bauwerke einer Zivilisation, die unsagbar fremdartig war. Der Alte konnte sich nicht vorstellen, dass diese Bauwerke von Menschen erbaut worden waren. Die Ästhetik, mit der sie angelegt waren, beschämten den alten Mann zutiefst, wenn er an die düsteren Betonschluchten der Großstädte dachte, die zu seiner Zeit existiert hatten.

Als er dann den Strand entlangschaute, entdeckte er in der Ferne einige sich bewegende Gestalten. Hastig setzte er das mitgebrachte Fernglas an die Augen, um die Gestalten deutlicher sehen zu können.

Waren dort Menschen?

 

Der Anblick erschreckte und erschütterte ihn zutiefst.

Diese Wesen waren nicht von dieser Welt !!!

 

    Musste die Menschheit untergehen, um einem Volk aus den Tiefen des Universums Platz zu machen?

    Waren die Menschen denn wirklich ein so großer Fehlschlag gewesen, dass die Natur sie bedenkenlos und unerbittlich fortwischte wie ein völlig misslungenes Experiment ?

 

Resigniert und grenzenlos enttäuscht sank der Alte auf den grasigen Boden nieder, streckte sich ermattet aus und schlief einfach ein.

Der Tod kam leise und sanft zu ihm - wie ein barmherziger Freund....

 

 

"Wie unsere Nachforschungen ergaben, war das Fremdwesen, dessen Hirnimpulse empfangen wurden und das kurz darauf tot aufgefunden wurde, das letzte überlebende Exemplar jener Intelligenzform, die einst diesen Planeten beherrscht hat.

Unsere Archäologen entdeckten in der Nähe des Fundortes altertümliche Kältetiefschlafkammern, die ähnlich wie die Kammern unserer Raumschiffe funktionieren und auf eine hochentwickelte technische Zivilisation hinweisen. Das Fremdwesen muss in dieser Anlage mehr als hundert Sonnenumläufe überlebt haben.

Mit dem Tod dieses Wesens, das nun konserviert im archäologischen Institut zu besichtigen ist, ging eine wahrscheinlich große entwicklungsgeschichtliche Epoche dieses Planeten zu Ende. Es war die Epoche einer Rasse intelligenter Wesen, die sich hier entwickelt hat und diesen Planeten bevölkerte und beherrschte, lange bevor wir diese Welt entdeckten. Wir haben viele Spuren dieser untergegangenen Zivilisation gefunden und auch Hinweise darauf, dass eine planetenumfassende Katastrophe zu ihrem Untergang führte.

Wir bedauern zutiefst, dass unsere Völker einander niemals begegnen und kennenlernen konnten......."

 

Ende

 

 

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