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Blockade

von

 Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Das gigantische Raumschiff bewegte sich langsam auf einer Bahn am Rande eines Sonnensystems, das in den Katalogen der Allianz als "Ayik-3784"  bezeichnet wurde.

 

Es wartete.

 

An Bord befanden sich keine Lebewesen, sondern ausschließlich Maschinen und Roboter, gelenkt von einem riesigen Rechengehirn mit der Bezeichnung ZATON-115.

ZATON-115   hatte die Aufgabe, das Sonnensystem "Ayik-3784"  permanent zu überwachen und alle von dort stammenden Lebewesen am Verlassen des Systems zu hindern.

Nur der (von innen gezählt) dritte Planet des Systems wurde von intelligenten, organischen Lebewesen bewohnt, und genau diese Wesen durften nach dem Willen der Allianz nicht in den interstellaren Raum vordringen. Vorausgegangene Forschungsexpeditionen und genaue Analysen der dort existierenden Lebensformen hatten ergeben, dass sich auf dem dritten Planeten von Ayik-3784  eine außergewöhnlich aggressive Spezies entstanden war, die intelligent genug war, die Raumfahrt zu entwickeln und irgendwann auch in der Lage sein würde, das eigene Sonnensystem zu verlassen, um in den interstellaren Raum vorzudringen. Die ungewöhnlich große Aggressionsbereitschaft dieser Lebewesen hatte die Allianz veranlaßt, das System Ayik-3784  zur Sperrzone zu erklären und ständig überwachen zu lassen.

 

Die erste Forschungsexpedition hatte festgestellt, dass sich die Bewohner des dritten Planeten einander in grausamen Kriegen umbrachten und bereits über nukleare Waffen verfügten. Da sie auch schon damit begonnen hatten, die ersten Raumfahrzeuge zu entwickeln, war die Allianz von der Existenz dieser gefährlichen Spezies unterrichtet worden. Seitdem wurde das System von ZATON-115  überwacht und blockiert.

 

Inzwischen hatten mehrere Raumsonden die Bahn des äußersten Planeten überflogen und waren in den interstellaren Raum vorgedrungen. ZATON-115 hatte diese einfachen Raumfahrzeuge unbehelligt passieren lassen, da sich keine Lebewesen an Bord befunden hatten. Als die Technik der Raumsonden jedoch immer fortschrittlicher wurde, hatte ZATON-115 begonnen, die elektronischen Einrichtungen der Flugkörper so zu manipulieren, dass sie niemals wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren konnten und jeden Funkverkehr einstellten.

Danach geschah lange Zeit nichts, so dass es fast so schien, als hätten die Intelligenzen des dritten Planeten jegliches Interesse an der Raumfahrt verloren. Das aber sollte sich als Trugschluß erweisen, denn schließlich flogen immer mehr Raumfahrzeuge ins All hinaus, um die anderen Planeten des Systems zu erkunden und sogar dort zu landen.

ZATON-115 kümmerte sich nicht um die Vorgänge innerhalb des Systems von Ayik-3784, solange kein Raumfahrzeug das System zu verlassen suchte. Aber es registrierte, dass sich die Lage allmählich zuzuspitzen begann.

Und dann kam der Tag, an dem das erste mit Lebewesen besetzte Raumschiff die Bahn des achten Planeten von Ayik-3784 überflog........

 

 

"Erreichen der Pluto-Bahn in 32 Minuten."

Commodorin Marion Bilker beobachtete konzentriert die Kontrollanzeigen vor ihr auf der Steuerkonsole, während ihr Co-Pilot Matthew Brennant die Ortungsanlage bediente.

Die KALYPSO war das erste bemannte Raumschiff, das die Bahn des Pluto und damit den Rand des Kuiper-Gürtels überschreiten sollte, der das solare Sonnensystem umgab, um in den dahinter liegenden interstellaren Raum vorzudringen. Zwar waren bereits unbemannte oder mit Robotern besetzte Raumsonden über die Pluto-Bahn hinausgeschickt worden, aber seit über 50 Jahren war aus unerfindlichen Gründen nicht eine einzige davon jemals zurückgekehrt. Auch die Funkverbindung war schlagartig abgebrochen, so dass es keine Möglichkeit gab, herauszufinden, warum die Raumsonden immer wieder versagt hatten und spurlos verschwunden waren.

Jetzt sollte die KALYPSO über den Kuiper-Gürtel hinausfliegen und dann von dort aus eine weitere Sonde auf die Reise in den interstellaren Raum schicken. Das Raumschiff sollte der Sonde 32 Stunden lang folgen und ihre Funktion beobachten, um dann wieder zur Ausgangsbasis auf dem Jupitermond Ganymed zurückzukehren.

Die Commodorin beabsichtigte, zunächst den Planeten Pluto direkt anzufliegen, um diesen dann dreimal in einem mittleren Orbit zu umkreisen. Durch die Fliehkraft würde das Raumschiff beschleunigt und konnte so Treibstoff sparen, den es für den Rückflug benötigen würde.

Alles schien planmäßg zu verlaufen. Die KALYPSO näherte sich Pluto, schwenkte in eine Kreisbahn und begann mit der ersten Umkreisung.

 

Dann geschah es.

 

Als sich das Raumschiff über der sonnenabgewandten Seite des Pluto befand, spielten sämtliche Ortungsgeräte verrückt und zeigten ein Objekt an, das hinter dem Planeten Pluto im Weltraum schwebte.

Die Commodorin und ihr Co-Pilot starrten erschrocken und fasziniert zugleich durch die Sichtscheiben der Pilotenkanzel nach draußen, kaum glaubend, was sie da mit eigenen Augen zu sehen bekamen.

 

    "Mein Gott," flüsterte Marion Bilker, "Was ist das für ein Riesending!"

    "Es ist gigantisch," gab Matthew Brennant im gleichen Flüsterton von sich, "In dieses Ding würde ganz New York viermal hineinpassen."

    "Wer kann eine so große Raumstation bauen?" fragte die Kommandantin, "Und wer hat sie hierhergeschickt? Davon ist bei den Vereinten Nationen nichts bekannt!"

    "Ich glaube nicht, dass irgendjemand von der Erde dieses Ding konstruiert hat", meinte Matthew Brennant, "So etwas hätte niemand geheimhalten können. Das Ding ist nicht von Menschen gebaut worden!"

"Du meinst - Außerirdische?"

    "Ja! Wir müssen sofort hier weg!"

    "Notruf an die Raumbehörde! Die müssen wissen, worauf wir hier gestoßen sind!"

    "Wir haben keine Funkverbindung, solange wir uns auf der Rückseite von Pluto befinden."

    "Ausweichmanöver! Sofort!!!"

 

Die seitlichen Steuerdüsen wurden gezündet, worauf die KALYPSO herumschwenkte und auf Gegenkurs ging, um sich sowohl von dem fremden Raumobjekt als auch von Pluto zu entfernen.

Die Commodorin zündete die Haupttriebwerke und nahm Kurs auf die Neptunbahn. Kaum war die KALYPSO aus dem "Funkschatten" von Pluto heraus, versuchte Brennant mit der nächsten Station der UN-Raumbehörde Verbindung aufzunehmen. Aber aus dem Lautsprecher der Funkanlage drang nur ein leises Pfeifen.

 

    "Ich bekomme keine Verbindung! Der Funk ist gestört!!"

    "Versuch es weiter. Und schalte die Außenkamera am Heck ein, damit wir sehen, ob das Ding uns folgt."

 

Mit einem Handgriff hatte der Co-Pilot die hintere Kamera eingeschaltet und starrte auf den Wiedergabe-Bildschirm.

    "Verdammt!" entfuhr es ihm, "Es verfolgt uns! Und es ist schneller als wir!!"

 

 

 

"Achtung. Kritische Situation. Insassen des Flugobjektes aus Ayik-3784 haben ZATON-115 entdeckt. Kommunikation mit Artgenossen auf dem dritten Planeten wurde verhindert. Flugobjekt befindet sich auf Fluchtkurs. Verfolgung aufgenommen. Eliminierung notwendig."

 

Marion Bilker und Matthew Brennant starrten entsetzt auf den Bildschirm der Heck-Kamera. Von dem riesigen Fremdraumschiff löste sich ein tropfenförmiges, grellstrahlendes Objekt und raste fast lichtschnell direkt auf die KALYPSO zu.

Als das Geschoß das irdische Raumschiff erreichte, wurde dieses mitsamt seinen Insassen zum Mittelpunkt einer kleinen Sonne.........

 

 

"...........am 24.August 2086 wurde das Forschungsraumschiff KALYPSO durch eine Explosion zerstört, deren Ursache bislang nicht geklärt werden konnte. An Bord befanden sich die Kosmonauten Marion Bilker und Matthew Brennant, die bei diesem Unglück umgekommen sind. Die KALYPSO sollte über den Kuiper-Gürtel hinaus in den interstellaren Raum vordringen, um dort eine Raumsonde abzusenden, die Kurs auf den Fixstern Sirius nehmen sollte. Der Erzfrachter ORANDA konnte Wochen später einige Trümmer der zerstörten KALYPSO in der Nähe des Neptunmondes Triton finden und  bergen. Es ist anzunehmen, dass die Untersuchung der Trümmerstücke Aufschluß über die Tragödie geben wird, die sich in der Tiefe des Weltraums abgespielt hat. Nach Auskunft der UN-Weltraumbehörde wird es keine weiteren Versuche geben, in den interstellaren Raum vorzudringen, solange die Ursachen der Katastrophe nicht bekannt sind.........

 ...... und nun zu den Regionalmeldungen ........."

 

Ende

 

 

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