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Die Bestien

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Mit einem markerschütternden Schrei brach der Fresstöter zusammen. Numos Speer hatte sich tief in die Brust des Ungeheuers gebohrt. Und zweifelsohne hatte dieser Meisterwurf Numos Leben gerettet.

Der rote Staub wurde heftig aufgewirbelt, als die wilde Bestie in ihren letzten Todeszuckungen verendete.

Numo wartete in sicherem Abstand; erst als der glatte, haarlose Körper der Bestie keine Bewegung mehr zeigte, wusste er, dass ihm von dem bösartigen Monster keine Gefahr mehr drohte.

Vorsichtig näherte er sich der erlegten Bestie. Sie war etwa drei- bis viermal so groß wie er. Es kostete Numo einige Anstrengung, den mit Widerhaken versehenen Jagdspeer, der tief im Körper des Fresstöters steckte, wieder herauszuziehen. Er bedauerte, dass das Fleisch dieser Bestien nicht genießbar war. Es hatte Kanuji-Jäger gegeben, die davon etwas gegessen hatten, aber keiner hatte es überlebt. Sie waren davon krank geworden und hatten qualvoll sterben müssen.

Bei dem Anblick der toten Bestie musste Numo daran denken, dass es noch nicht lange her war, als ein ganzes Rudel dieser Ungeheuer sein Dorf überfallen hatten. Elf Kinder und fünf Frauen waren dabei ums Leben gekommen. Die Bestien hatten sie bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen und aufgefressen.

 

Nachdem Numo das Blut von seinem Speer abgewischt hatte, hob er die vier toten Skil-Vögel auf, die er kurz zuvor erlegt hatte. Er band sie zusammen auf seinem Rücken fest und machte sich auf den Rückweg zu seinem Dorf. Den toten Fresstöter ließ er einfach liegen. Die Aasfresser würden sich schon darum kümmern.

Numo sah, dass der Abend und damit auch die kalte Schwärze der Nacht herannahten. Die blaue Riesensonne Viegools würde bald schon hinter dem Busch versinken.

Im Dorf würde man ihn freudig begrüßen, denn er brachte Nahrung mit. Fleisch war immer knapper geworden, seit sich die Fresstöter im Buschwald herumtrieben. Nur noch die mutigsten Jäger wagten sich in den Wald, denn überall konnte ein hungriger Fresstöter oder sogar ein ganzes Rudel dieser schlauen Bestien lauern. Man war nie vor ihnen sicher!

Numo hatte es bisher immer verstanden, den Fresstötern nicht in die Arme zu laufen. Und es war nicht das erste Mal, dass er eines dieser Monstren getötet hatte.

Es wurde rasch dunkel, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Numos sechs Beine bemühten sich, die Strecke bis zum Dorf so schnell wie möglich zurückzulegen.

 

 

Drei Kinder und ein alter Greis saßen am großen Dorffeuer.

        "Bitte, Meraac, erzähl uns mehr über die bösen Fresstöter!" bat eines der Kinder.

        "Nun gut," murmelte der Alte, ".....es ist schon sehr lange her, und ihr wart noch nicht geboren. Damals fiel eine riesige Flammenkugel vom Himmel. Aber sie zerschellte nicht auf dem Boden, sondern schwebte am Ende ganz sanft herunter und landete auf großen, stählernen Spinnenbeinen, die aus ihr herauswuchsen. Dann öffnete sich die Kugel und die fremden Wesen kamen heraus. Wir gingen zu ihnen, um sie zu begrüßen. Zuerst waren sie freundlich und gaben uns viele hübsche Geschenke, so dass wir ihnen vertrauten und sie als Gäste willkommen hießen. Sie errichteten ein großes Lager und brachten viele seltsame Geräte heran, deren Zweck uns unbekannt blieb. Nach einer Weile konnten wir uns sogar mit ihnen verständigen und mit ihnen Tauschhandel treiben. Aber dann verschwanden einige Männer und Frauen aus den Dörfern der Umgebung. Man fand Spuren, die zum Lager der Fremden führten, also gingen einige von uns dorthin, um nach dem Verbleib unserer Leute zu fragen. Die meisten von ihnen kehrten nicht mehr zu ihren Familien zurück. Die Fremden hatten sie ohne jede Vorwarnung getötet.

Von diesem Tage an lebten wir in schrecklicher Angst, denn die Fremden, die anfangs so freundlich gewesen waren, entpuppten sich als mörderische Bestien, die Jagd auf uns machten, um uns zu fressen. Unsere Stämme mussten sich tief in den Dschungel zurückziehen, wo sie uns nicht so schnell finden konnten. Aber dann kam die Strafe der Götter über die Fremden. In einer schrecklichen Nacht wurde die große eiserne Kugel, mit der sie vom Himmel herab gekommen waren, durch einen gewaltigen Blitz zerstört. Viele der Fremden kamen dabei ums Leben und ihr ganzes Lager wurde von einer gewaltigen Feuersbrunst vernichtet. Die Überlebenden flohen in den Buschwald. Seither hausen sie dort wie Tiere und lauern uns auf, um uns zu töten und zu verschlingen, denn es scheint so zu sein, dass sie keine andere Nahrung zu sich nehmen können. Deshalb nennen wir sie Fresstöter, weil sie uns Kanujis jagen und auffressen. Unsere Jäger müssen ständig auf der Hut sein, damit sie ihnen nicht in die Arme laufen. Sogar unsere Dörfer müssen jetzt mit Dornenhecken und Palisaden geschützt werden, damit die Fresstöter uns nicht so leicht überfallen können."

        "Gibt es denn noch viele Fresstöter im Busch?" fragte eines der Kinder.

        "Ich weiß es nicht," antwortete der Alte, "Aber es scheinen immer weniger zu werden. Vielleicht können sie sich nicht vermehren. Ich hoffe, dass sie eines Tages ganz verschwunden sind, damit es im Wald wieder sicherer für uns ist."

        "Woher sind die Fresstöter denn eigentlich gekommen?" wollten die Kinder wissen.

        "Es hieß, sie wären aus einem fernen Land namens Ert-Hee gekommen. Ich glaube, sie nannten sich Mend-Tsen," meinte der Alte, "Aber so genau weiß ich das auch nicht mehr."

 

 

Ende

 

 

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