Science Fiction

Stories

zurück

 

 

 

Das Alten-KZ

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Sie spähten gebannt und atemlos durch das Loch in der Mauer des Altenheimes.

Die dort zu sehende Schlange der weiß- und grauhaarigen Menschen war lang, farblos und scheinbar endlos.

Es war Essenausgabe im Freien; Schritt um Schritt rückten die Wartenden vor, stumm und irgendwie leblos wirkend.

Eintönig waren ihre Kleider, vielleicht nicht einmal billig, aber Einheitskleidung ohne Farbfröhlichkeit hat immer den Makel, irgendwie schäbig zu wirken.

Die vier Kinder kauerten hinter der Mauer und fröstelten beim Anblick der alten Menschen.

Das Schlimmste waren deren Gesichter. Nicht, dass sie irgendwie furchterrregend gewirkt hätte, nein, es war diese unbeschreibliche Leere, die sich in ihnen widerspiegelte.

Eine namenlose Traurigkeit und Resignation zeichnete die hageren, faltenzerfurchten Antlitze der Alten, die fast teilnahmslos in der langen Reihe standen, Hunderte von Frauen und Männern mit dem gleichen Gesichtsausdruck.

Nicht einmal Bitterkeit war in ihren Mienen zu erkennen; die Zeit hatte alles ausradiert, alles bis auf die Enttäuschung und die Traurigkeit.

Sie waren alt, und darum waren sie ausgeschlossen von der Gesellschaft außerhalb der hohen Mauern, einer Gesellschaft, in der nur Jugend, Frische und Dynamik zählte, und in der man das Altern und das Wissen um die eigene Sterblichkeit verdrängte.

 

Bernd stieß Robert aufgeregt in die Seite.

    "Da", flüsterte er wichtigtuerisch, während er mit einer Hand auf eine der weißhaarigen, grauen Gestalten zeigte, "Das da, das ist mein Opa."

Robert rieb sich die Nase, mit der er angestoßen war, als er sich zu weit in das Loch vorgestreckt hatte.

    "Was ist denn ein Opa?" fragte Heinz.

Bernd schwieg einen Moment lang verwirrt.

    "Ein Opa, nun, ein Opa...das ist...äh...ja......"

Er richtete sich entschlossen zur ganzen Größe seiner zehn Lebensjahre auf, dann erklärte er entschieden: "Ein Opa ist einfach ein Opa! Da gibt es eben nichts zu erklären!"

Erneut warf er einen kurzen Blick zu der stummen Warteschlange hinüber, die sich gerade wieder ein paar Schritte weiterbewegte.

 

    "Woher weißt du denn, dass er dein Opa ist?" fragte Sabine.

Bernd fühlte sich unbehaglich wegen dieser Fragerei, und insgeheim fürchtete er, einmal keine Antwort auf irgendeine Frage zu wissen und dann das Ansehen eines Anführers einzubüßen.

    "Sag' doch schon! Woher weißt du das?" mischte sich jetzt auch noch Robert ein.

    "Er hat es mir erzählt."

    "Was? Du hast mit einem von denen gesprochen? Aber das ist doch verboten! Da darf doch keiner 'rein, der noch nicht Sechzig ist. Wegen der Lebensbejahungspflicht oder so ähnlich."

    "Was ist denn das schon wieder?"

    "Mann, du schaust dir wohl nie ein Video an, wie? Die Großen sagen, dass man den Menschen nicht zumuten darf, dauernd alten Leuten zu begegnen, weil man dann immer an das Unnennbare denken muss. Und das wäre schlecht für die Gesellschaft."

Ohne selbst zu verstehen, was er da nachplapperte, beobachtete Robert zufrieden die verdutzten Gesichter seiner Spielkameraden. Vor allem die bewundernden Blicke von Sabine genoss er.

    "Was ist denn das Unnennbare?" fragte das Mädchen unvermittelt.

    "Weiß ich auch nicht. Aber es muss etwas ganz Schlimmes sein, etwas, wovor die Großen Angst haben."

 

Robert, Heinz und Sabine fuhren herum, als neben ihnen etwas raschelte.

Bernd war durch das Loch in der Mauer gekrochen und robbte jetzt innen in ihrem Schatten weiter.

    "Bernd, bist du denn verrückt? Komm' zurück! Wenn die Wächter dich sehen....!"

    "Ach, kommt schon, ihr Feiglinge."

Zögernd folgten ihm die anderen. Auf allen Vieren kletterten sie durch einen Drahtverhau an der Innenseite der Mauer. Zielbewusst strebte Bernd auf den alten Mann zu, der sein Opa war.

Der alte Mann zuckte erschrocken zusammen und blickte auf. Als er die Kinder sah, lächelte er, und sein Gesicht wurde mit einem Male lebendig und freundlich.

    "Hallo Bernd! Wen hast du denn da mitgebracht?"

    "Das sind meine Freunde. Sie wollen gerne wissen, warum ihr Alten hier eingesperrt seid und nicht hinaus dürft."

Augenblicklich verschwand die Freude aus der Miene des alten Mannes.

    "Sie wollen uns draußen nicht sehen, weil sie vor unserem Anblick Angst haben," murmelte er, "Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie alle einmal so werden wie wir. Alle wollen jung sein, keiner will an das Alter und an den Tod erinnert werden. Deshalb sperren sie die alten Menschen ein."

Die Kinder schauten den alten Mann unschlüssig an und wussten nicht, das sie darauf sagen sollten.

 

    "Sagt 'mal, Kinder, wie seid ihr überhaupt hier hereingekommen? Hat euch auch keiner von den Wächtern gesehen? Die sind nämlich sehr streng."

    "Da ist ein Loch in der Mauer," erklärte Heinz eifrig, "Es ist ganz einfach. Man braucht nur durchzukriechen und schon ist man wieder draußen."

Die Miene des Alten verklärte sich.

    "Ein Loch nach draußen," murmelte er versonnen, "Ich möchte so gerne noch einmal hinaus und sehen, wie es hinter der Mauer aussieht, bevor ich....."

    "Komm' doch einfach mit uns," meinte Sabine.

    "Aber wir müssen ganz vorsichtig sein," sagte Robert, "sonst erwischen uns die Wächter doch noch."

 

Das Herz des Greisen pochte laut, als er den Kindern folgte. Sie schlichen lautlos im Schatten an der Mauer entlang, bis sie die Stelle mit dem Loch erreichten. Dem alten Mann kam dieses kleine Loch vor wie eine Tür ins Reich des Lebens.

    "Kriecht ihr voraus, Kinder. Dann könnt ihr mir von draußen heraushelfen. Ich bin ja nicht mehr so beweglich wie ihr."

    "Klar, wird gemacht," nickte Bernd und ließ sich gelenkig unter dem bröckeligen Mauerwerk hindurchgleiten. Sabine und die beiden anderen Jungen folgten ihm behende.

    "So, jetzt du, Opa," sagte das Mädchen.

    "Ja, ich komme schon," flüsterte der Alte heiser vor Aufregung, streckte seine Beine in das Loch und schob seinen Körper nach.

Plötzlich zuckte er zusammen.

Nahende Schritte schwerer Stiefel waren zu hören. Die Wachen machten ihre Runde.

    "He, was ist da los?" erklang jetzt eine barsche Stimme.

 

Der Alte bewegte sich schneller, hastiger - verhakte sich - blieb stecken. Verzweifelt wand er sich in dem engen Loch und versuchte freizukommen.

Die Schritte kamen schnell näher.

    "Zum Teufel! Da will einer abhauen!"

    "Komm' da sofort 'raus, Kerl!"

Der Alte aber schob sich ächzend weiter. Seine Jacke zerriss.

    "Na warte, du alter Mistbock!"

 

Erschrocken sahen die Kinder draußen, wie der alte Mann gewaltsam zurückgezerrt wurde, während er sich verzweifelt zu wehren versuchte. Dann war er nach drinnen verschwunden.

 

Ein Mann sagte: "Schau' dir den alten Narren an. Hat sich hier doch tatsächlich ein Loch gebuddelt, um abzuhauen."

    "Ich möchte bloß mal wissen, was diese Alten eigentlich noch da draußen wollen. Da will die doch keiner mehr haben! Sollen doch froh sein, dass sich überhaupt jemand um sie kümmert", meinte ein anderer.

    "Ist doch egal. Los, bringen wir ihn zum Direktor. Der soll sich damit befassen. Außerdem will ich heute pünktlich Feierabend machen."

    "Los, Alter, ab mit dir!"

Die Schritte entfernten sich.

 

Draußen standen die Kinder und starrten fassungslos auf das Loch in der Mauer, stumm und voller Nichtbegreifen......

 

Ende

 

 

zurück