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"S A N D"

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Mit langen, raumgreifenden Schritten eilte Temaju durch die spärlich bewachsene, sandige Steppe, dabei ständig nach Wüstenratten, Schlangen und sonstigem Getier Ausschau haltend.

Er war schon den halben Tag und die vergangene Nacht unterwegs und hatte noch nicht die geringste Beute gemacht. Nicht einmal eine Tarantel war ihm über den Weg gelaufen.

Temaju mochte die großen Spinnen zwar nicht besonders, aber wenn sie lange genug gekocht wurden, waren sie essbar, auch wenn sie nicht besonders gut schmeckten. Doch sie füllten wenigstens einen hungrigen Magen, und nur das war wichtig.

Lieber wären ihm natürlich ein paar Springmäuse gewesen, aber die wurden leider immer seltener und man musste schon viel Glück haben, wenn man welche fangen wollte.

Obwohl Temaju die brütende Hitze seit seiner Geburt gewöhnt war, machte ihm die erbarmungslose, stechende Glut der Sonne allmählich zu schaffen.

Sein Wasserbeutel war nur noch halb voll, und er wusste, dass er den Rest der lebenswichtigen Flüssigkeit für den Rückweg brauchen würde. Er musste also achtgeben, dass er nicht zu stark schwitzte und dadurch zuviel Flüssigkeit verlor, sonst würde er es vielleicht nicht mehr zurück bis zur Oase seines Stammes schaffen.

Allerdings war ihm auch bewusst, dass er Nahrung mitbringen musste, denn sonst würde ihn die Stammesmutter verstoßen, was einem Todesurteil gleichkam, denn kein anderer Stamm würde ihn aufnehmen. Schließlich war Temaju ein Jäger, und seine Aufgabe war die Nahrungsbeschaffung für den Stamm. Wenn er seine Aufgabe nicht erfüllen konnte, war er nutzlos und nur eine Last für den Stamm, der nicht in der Oase geduldet wurde. So war es Gesetz bei allen Stämmen der Steppe, und Temaju kannte es nicht anders.

 

Als es Nachmittag wurde und er immer noch nichts Essbares gefunden hatte, machte sich der Jäger jedoch allmählich Sorgen. Heute schien er wirklich kein Glück zu haben.

Temaju blieb stehen und überlegte.

Sollte er in das unbekannte Gebiet der Sandwüste vordringen? Dorthin hatte sich noch keiner gewagt, jedenfalls keiner von den Stämmen, die Temaju bekannt waren. Dort in der Wüste gab es nur glühendheißen, weißen Sand, in dem nichts mehr gedeihen konnte. Aber vielleicht gab es dort doch irgendwelche Tiere, die im Sand lebte, dachte sich Temaju.

Ihm war bewusst, dass er umkommen konnte, wenn er in die Sandhölle ging, denn nicht umsonst traute sich niemand dorthin.

Fand er dort jedoch irgendwelche Tiere, die man essen konnte, dann hatte sich das Wagnis für ihn gelohnt, und er konnte mit Nahrung zur Stammesoase zurückkehren. Kehrte er dagegen ohne Nahrung zurück, dann würde man ihn verstoßen, wenn es die Stammesmutter verlangte. Die Stammesgesetze kannten da keine Ausnahme. Was hatte er also zu verlieren?

Nach einer kritischen Überprüfung seines restlichen Wasservorrats entschloss sich der Jäger, bis zu den hohen Dünen zu wandern, die er in einiger Entfernung scheinbar mitten in der Wüste sehen konnte. Jedes Jahr kamen sie ein Stück näher, und eines Tages würden sie auch die karge Steppe erreicht haben.

Wenn er bis dorthin ging und bis dahin nichts gefunden hatte, würde er wieder umkehren.

Also machte sich Temaju auf den Weg in die Sandhölle.

Und er hatte tatsächlich Glück. Am Fuße der Wanderdünen entdeckte er ein Klapperschlangenpärchen, das sich träge in der flirrenden Hitze sonnte.

Mit geübten Griffen hatte er sie schnell gepackt und in seinen Jagdbeutel gesteckt, den er sorgfältig verschnürte. Eigentlich hätte er jetzt umkehren können, aber Temaju war jetzt neugierig, was hinter den Dünen sein mochte. Noch nie war einer von den Stämmen über diese Dünen hinweggestiegen, zumindest hatte er nie etwas davon erfahren. Niemand wusste, was hinter diesen wandernden Sandbergen verborgen lag. Wenn es dort etwas Besonderes gab, musste man es von oben auf dem Hügelkamm sehen können.

Obwohl die Sonne mittlerweile schon ziemlich tief stand und die Nacht nicht mehr fern war, entschloss sich Temaju, die nächstgelegene Düne zu ersteigen, um einen Blick auf die dahinter liegende Landschaft zu riskieren.

Es kostete ihn nicht unbeträchtlich Mühe, bis er den Kamm der langen Wanderdüne erreicht hatte, denn der feine, lockere Sand erschwerte ihm den Aufstieg ganz erheblich. Ein paarmal rutschte er ein ganzes Stück zurück und musste von neuem hochklettern. Immerhin war der Sandberg nahezu hundert Armlängen hoch, und das bedeutete für ihn eine ganze Menge anstrengender Kletterarbeit in der flirrenden Hitze.

Als die Sonne schon fast den Horizont berührte, gelangte er endlich oben an und starrte hinab auf die endlose Weite der Sandwüste, die im Schein der untergehenden Sonne blutigrot schimmerte.

Fast schon wollte sich Temaju voller Enttäuschung wieder abwenden, da erblickten seine Augen ein helles, rundes Gebäude, das nur einige Dutzend Schritte vom Fuß der Sandberge entfernt war. Vermutlich hatten die wandernden Dünen den Bau bis vor kurzem noch bedeckt.

Der seltsame Bau sah aus wie ein halb im Boden versunkenes Ei und weckte Temajus Neugier. Obwohl es bald dunkel werden würde, machte er sich auf den Weg zu dem seltsamen Ding......

 

Die Dämmerung hatte bereits begonnen, als er das "Ding" erreichte und zunächst misstrauisch umkreiste. Dabei entdeckte er eine kleine Tür, die sich jedoch nicht öffnen ließ, weil Sand sie blockierte. Sosehr Temaju auch an dem kugelförmigen Griff zerrte, sie ließ sich nicht weiter als eine Daumenbreite aufziehen.

Also machte er sich daran, den Sand vor der Tür mit den Händen wegzuschaufeln. Dabei musste er feststellen, dass sie viel größer als angenommen war, weil der Sand ihre untere Hälfte verborgen hatte. Als er dann endlich genug Sand weggeräumt hatte, war es schon Nacht geworden, und nur die Sterne spendeten ihm noch ihr spärliches Licht.

Temaju spürte bereits die Nachtkälte und war sich im Klaren darüber, dass ihm nun gar nichts anderes mehr übrigblieb, als in das "Ei" hineinzugelangen, um darin Schutz vor der bitteren Kälte der Wüstennacht zu finden. Sonst würde er hier draußen unweigerlich erfrieren.

Wieder zerrte er mit aller Kraft an der Tür und schaffte es schließlich, sie soweit aufzuziehen, dass er in das Innere des geheimnisvollen Gebäudes gelangen konnte.

 

Drinnen herrschte wahrhaft stygische Finsternis, und Temaju hatte das unbestimmbare Gefühl, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden.

War dies eine von Dämonen geschaffene Menschenfalle ?

Oder war es ein Heiligtum der untergegangenen Großen Alten, die einstmals die ganze Welt beherrscht hatten ?

Behutsam legte er den gut verschnürten Beutel mit den gefangenen Schlangen am Eingang ab und zog seinen langen Knochendolch aus dem Gürtel.

Die Waffe, aus dem Unterarmknochen eines Toten geschnitzt, gab ihm das Gefühl, nicht völlig wehrlos zu sein gegenüber den unbekannten Gefahren, die hier vielleicht auf ihn lauerten. Vorsichtig machte Temaju ein paar Schritte in das Dunkle hinein. Da trat sein Fuß auf eine Bodenplatte, die unter seinem Gewicht ein winziges Stück nachgab. Irgendetwas unter der Platte klickte leise, und im gleichen Augenblick flammten ringsherum grelle Lichter so hell wie die Sonne auf. Schlagartig wurde es um ihn herum taghell.

 

Zu Tode erschrocken wirbelte Temaju laut aufschreiend um die eigene Achse, den Dolch stoßbereit erhoben und bereit, um sein Leben zu kämpfen. Doch es passierte überhaupt nichts, was für ihn eine Bedrohung darstellen mochte.

Sein Herz schlug ihm rasend bis zum Halse; er zitterte am ganzen Leibe und hatte Mühe, sich von seinem enormen Schrecken zu erholen. Aber dann, als er erkannte, dass ihm keine Gefahr drohte, siegte seine Neugier über seine kreatürliche Angst, und staunend sah er sich um.

Ihm war, als befände er sich in einer anderen Welt.

Noch nie hatte er derartiges gesehen, und er wunderte sich, dass noch niemand etwas von diesem Wunder in der Wüste erzählt hatte.

 

Er befand sich in einem großen, runden Saal voller rätselhafter Dinge und Geräte, von denen einige wie eiserne Kisten aussahen, an denen bunte Lichter glühten oder blinkten. An der Wand sah er weiße Bilder wie von innen heraus aufleuchten, die einen Menschen in komischer Bekleidung zeigten, der mit der Hand irgendwelche Stellen an den Metallkisten berührte.

Verständnislos starrte Temaju diese leuchtenden Bilder an, die einmal hell und dann wieder dunkel wurden, immer wieder. Es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich begriff, dass er das Gleiche tun sollte, was der Mensch auf den Bildern machte. Unter einem Bild erschien ein leuchtender roter Pfeil, der auf eine der Eisenkisten zeigte. Als Temaju vorsichtig an das betreffende Gerät herantrat, brannte daran nur noch ein einzige Licht: ein leuchtender Knopf.

Wie der Mensch auf den Leuchtbildern drückte Temaju auf diesen Knopf ---- und sprang wie von einer Tarantel gebissen zurück, als der Kasten ein deutlich vernehmbares Summen von sich gab.

Über einem anderen Kasten leuchtete jetzt ein weiteres Bild auf, und Temaju, der nun Gefallen an diesem seltsamen Spiel fand, drückte abermals auf einen leuchtenden Knopf. Wieder erklang das Summen, aber diesmal jagte es ihm keinen Schrecken mehr ein.

Er wandte sich nun dem letzten Bild zu, welches ihm zeigte, dass er sich auf einem Sitz niederlassen sollte, der vor einer mannshohen, mehrere Schritte breiten, rechteckigen, grauen Scheibe stand.

 

Temaju zögerte, denn er wusste noch immer nicht, ob er es hier mit guten oder bösen Geistern zu tun hatte, und sitzend war er weniger reaktionsschnell und damit auch wehrloser.

Aber dann sagte er sich, dass ihm ja bislang nichts passiert war, was bestimmt nicht der Fall gewesen wäre, wenn hier böse Dämonen am Werke wären. Solche bösen Geister hätten ihm schon längst den Garaus gemacht.

So überwand Temaju sein Misstrauen und ließ sich in dem Sitz nieder, der erstaunlich bequem war. Unter der mattgrauen, leicht nach außen gewölbten Scheibe leuchtete wieder ein roter Knopf auf, und ohne langes Zögern drückte er darauf.

Einige Atemzüge lang geschah überhaupt nichts. Temaju wollte schon enttäuscht den Sitz wieder verlassen.

Aber dann sah er voller Staunen, wie sich das graue Rechteck erhellte und in weißlichem Licht flimmerte.

Sein Staunen wurde schier grenzenlos, als in der Scheibe farbige Bilder erschienen: Bilder, die sich bewegten !!!

 

Und dann erblickte Temaju das Paradies, von dem die alten Sagen der Stämme zu erzählen wussten:

Er sah dunkle Wälder mit hochgewachsenen Bäumen, saftig-grüne Wiesen, goldene Kornfelder und mächtige Flüsse, in denen unvorstellbar viel Wasser floss, viel mehr, als jemals aus allen ihm bekannten Brunnen in den Oasen der Steppe fließen konnte.

 

Ungläubig beugte er sich mit weit aufgerissenen Augen vor, als er in der Scheibe Tiere sah, die er selbst aus den ältesten Sagen und Mythen nicht kannte. Temaju war jetzt absolut sicher, dort das Paradies zu sehen, aus dem die Menschen vor unzähligen Sonnenaufgängen von mächtigen Göttern wegen eines lange vergessenen Frevels vertrieben worden waren, wie es die alten Sagen erzählten.

Temaju hatte den alten Überlieferungen bisher keinen Glauben geschenkt, doch das, was er hier zu sehen bekam, sprengte alle seine Vorstellungen von einem Paradies.

Aber dann wechselten die Bilder, und er sah riesige, turmartige Häuser aus Stein, Eisen und Glas, zwischen denen sich Menschen wie winzige Insekten bewegten. Er sah gigantische Röhren, die sich wie Speere in einen bleifarbenen Himmel reckten und dunklen, fetten Qualm in die Luft spien.

Wieder wechselten die Bilder.

Die mächtigen Flüsse waren jetzt braun, schaumig und schlammig geworden; in ihnen trieb Dreck und Abfall. Die Bäume der Wälder trugen kaum noch Blätter, und ihre Stämme verfaulten und verrotteten. Tiere waren kaum noch zu sehen.

Temaju sah jetzt auch Menschen, die seltsame, monströse Masken vor den Gesichtern trugen. Der Himmel über ihren riesenhaften Wohntürmen war voller schmutziger Dunstwolken.

Neue Bilder erschienen:

Stürme rasten über das Land, das jetzt kahl und leer war. Die Flüsse waren versiegt und bildeten nur noch schmale Rinnsale schmutzigen Wassers. Das Gras verdorrte und die Erde trocknete aus. Menschen waren zu sehen, die sich mit Gefäßen und Behältern um Brunnen, Rinnsale und Pfützen drängten, um dort Wasser zu schöpfen. Manchmal schlugen sie sogar aufeinander ein und kämpften erbittert um das Wasser, von dem es nur noch wenig gab. Viele mussten verdursten, und nur die Widerstandsfähigsten überlebten.

Nun hörte Temaju eine Stimme, die direkt aus der Bildscheibe zu kommen schien. Sie redete in einer Sprache mit einem Dialekt, den die Stammesältesten manchmal bei ihren Beschwörungsritualen benutzten.

Die Stimme sprach von Verseuchung des Wasser, von Vergiftung der Luft und vom Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten. Sie erzählte von der Zerstörung der Ozonschicht in der Atmosphäre, und dass die Sonne schädliche Strahlen auf die Erde sandte.

Viele der Worte konnte Temaju nicht verstehen, doch die Bilder zeigten ihm ihre Bedeutung.

Dann berichtete die Stimme von der raschen Ausbreitung der Wüsten- und Steppengebiete, vom Ausbleiben des Regens und von heißen Stürmen, die den Sand aus den Wüsten in die einst grünen Gebiete trugen.

Die Bilder zeigten jetzt Sandstürme und gigantische Wanderdünen, welche die großen Bauten und sogar ganze Städte unter sich begruben. Nichts vermochte sie aufzuhalten. Nur wenige von den großen Werken der Menschheit blieben verschont.

Nun wechselten die Bilder ein letztes Mal, und sie zeigten riesige Wüstengebiete und karge Steppen, in denen es nur noch wenige fruchtbare Oasen gab, in denen man noch Wasser fand und wo noch Menschen leben konnten.

Diese letzten Bilder waren Temaju wohlvertraut, denn sie zeigten die Welt, in der er geboren wurde und in der er jetzt leben musste.

Betroffenheit und Trauer erfüllten ihn, denn er begann zu verstehen.

Vor langer Zeit war die Welt ein Paradies gewesen, in dem es genug Nahrung und Wasser für alle gegeben hatte. Doch die Großen Alten, seine Vorfahren, hatten vor langer Zeit das Paradies zerstört. Sie hatten ihren Nachkommen nur noch Wüsten, karge Steppen und den ständigen Kampf gegen den Hungertod hinterlassen. Ein trauriges und grausames Erbe.

 

Die Bilder in der Scheibe verschwanden, ihr helles Flimmern erlosch, und ihr Rechteck wurde wieder dunkel und grau.

Auch das Summen der Eisenkisten verstummte. Ihre bunten Knöpfe hörten auf zu leuchten.

Es wurde still.

 

Benommen und betroffen von dem, was er gesehen hatte, erhob sich Temaju und ging zurück zum Eingang. Als er durch den noch offenen Spalt der Tür helles Tageslicht schimmern sah, begriff er, dass er die ganze Nacht lang die Bilder aus der fernen Vergangenheit betrachtet hatte.

Neben dem Eingang lag noch immer der Beutel mit den gefangenen Klapperschlangen. Wehmütig dachte Temaju an die vielen schönen Tiere, die er in den Bildern gesehen hatte. Wenn es sie noch geben würde, bräuchte er sich nicht mit so jämmerlicher Jagdbeute zufriedengeben.

Er hob den Beutel auf und zwängte sich durch den Türspalt nach draußen. Hinter ihm erlosch das Licht, und dann herrschte drinnen wieder völlige Dunkelheit.

Draußen aber stand Temaju und sah den Sand, einen endlosen Ozean aus Sand, in dem nichts blühen und gedeihen konnte. Er dachte voller Traurigkeit an die Wälder und die großen Flüsse, die ihm die Bilder aus der Vergangenheit gezeigt hatten.

Temaju begann zu weinen ...

 

Erst wenn der letzte Fisch gefangen,

der letzte Fluss vergiftet

und der letzte Baum gefällt ist,

werdet ihr erkennen,

dass ihr all euer Gold nicht essen könnt !

 

 

ENDE

 

 

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