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"Schakal"

von Karl-Heinz R. Friedhoff

Ich sah Tuschratta, den Herrscher des Mitanni-Reiches, nur dreimal in meinem Leben.

Das erste Mal war vor zehn Jahren, als ich gerade die Regierungsgeschäfte in Hattusa, der Hauptstadt des Hethiter-Reiches, übernommen hatte.

Zwischen einem meiner Landadligen aus Kanesch und einem Mitanni-Fürsten war es zu einem Grenzstreit gekommen, in dessen Verlauf eine Tausendschaft Mitannier ein nicht gerade unbeträchtliches Stück Land am Euphrat besetzt hatte.

Eine Streitmacht von dreihundert Kriegern aus dem Flussland, welche die Eindringlinge zurückschlagen sollte, erlitt unglücklicherweise eine zwar schmerzliche, aber nicht vernichtende Niederlage und musste sich zurückziehen.

Daraufhin mobilisierte ich, der Prinz von Hattusa, die Armee von Hethitien und sandte Späher nach Karkemisch, das am Euphrat liegt.

Tuschratta, der König von Mitanni, aber rüstete sein Heer ebenfalls, und es schien, als sollte es Krieg zwischen den Hethitern und Mitanniern geben.

 

Meine Armee war zahlenmäßig unterlegen, so dass ich Tuschratta kaum besiegen konnte. Die dazu nötigen Verstärkungen aus Wilusa und Arzawa konnten erst nach Wochen zusammengerufen und herangeführt werden.

Aber König Tuschratta war ein alter Mann und wollte keinen Krieg. Also schickten wir Friedensboten über die Grenze, die zwischen unseren Reichen vermitteln sollten. Schließlich kam es zu einer Vereinbarung, nach der ich nach Wassuganni, der mitannischen Hauptstadt, kommen sollte, mit freiem Geleit, so vielen Begleitern wie ich wollte, und im Schutz des mitannischen Königs, der von seinem Vertreter verkörpert werden sollte.

Auf den Schutz dieses Vertreters gab ich allerdings herzlich wenig, denn dieser war sein erster Ratgeber, ein kleiner Mann, der im allgemeinen nur unter dem Namen "Schakal" bekannt war, was ein deutlicher Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit dieses Mannes war.

"Schakals" hevorstechendste Eigenschaften waren Bosheit, Hinterlist und teuflische Klugheit. Ich nahm also mit äußerst gemischten Gefühlen die Einladung des Mitanni-Königs an und nahm vorsichtshalber meine halbe Armee mit nach Wassuganni.

Dies war das erste Mal, dass ich Tuschratta zu Gesicht bekam. Ich sah ihn allerdings nur für sehr kurze Zeit, dann gab er seinen Trägern ein Zeichen, und die Sänfte, in der er zu sitzen pflegte, entschwand meinen Blicken.

Stattdessen kam nun dieser Zwerg "Schakal" auf mich zu, ergriff mich mit seinen krummen Fingern am Arm, nannte mich "seinen lieben Sohn" und lächelte einschmeichelnd, doch dieses falsche, ölige Lächeln machte seine ohnehin wenig schönen Gesichtszüge noch boshafter und abstoßender.

Ich bin ein stolzer Mann von edler Abkunft, und ich war es gewohnt, Menschen um mich zu haben, die mit Würde und Stolz auftraten. Dieser Ratgeber jedoch wirkte auf mich sofort abstoßend, und ich fand diese Kröte und seinen falsch-freundlichen Ton, sein speichelleckerisches Wesen, einfach ekelerregend.

Also nahm ich seine Klauenhand von meinem Arm, entfernte sie wie ein widerliches Insekt. Dann sagte ich zu ihm: "Ich bin ein Prinz und eines Königs Sohn, und mein Adel ist so alt wie das Volk der Hethiter. Eines Tages werde ich König von Hethitien sein. Ich bin gekommen, um mit dem König von Mitanni zu verhandeln, nicht, um mit einem seiner Diener zu plaudern."

'Schakal' wurde daraufhin sehr wütend und sprach ein paar Worte, die ihn den Kopf gekostet hätten, wenn wir in meinem Land gewesen wären. Doch hier in Wassuganni, am Hofe seines Herrschers, hatte ich keine Macht über ihn, und so sagte ihm ihm, dass er sich schnell entfernen möge, bevor ihm meine Leibwache dabei behilflich sein würde.

 

Am nächsten Tag wäre ich beinahe durch ein Gift-Attentat ums Leben gekommen. Aber meine Leibwache erwischte den Giftmischer. Ein leider etwas übereifriger Krieger spaltete ihm mit der Streitaxt den Schädel. Mir wäre es lieber gewesen, ihn lebend zu bekommen, denn vielleicht hätte er, natürlich bei entsprechender Nachhilfe, den Namen seines Auftraggebers verraten, obwohl ich mir denken konnte, wer hinter diesem Anschlag steckte.

Tags darauf wurde mir ein Schreiben überbracht, das vom König selbst unterzeichnet war. Darin bot mir Tuschratta an, mit ihm ein Bündnis gegen einige andere Herrscher zu schließen, deren Namen er aber nicht nennen wollte. Als Gegenleistung würde er seine Krieger aus dem besetzten Land zurückrufen. Zudem sollte ich nach Ablauf eines jeden Jahres tausend Goldstücke erhalten.

 

Ich überlegte lange, denn das Angebot war sehr verlockend. Aber ich konnte mir denken, gegen welche Gegner ich dem Mitanni-König beistehen sollte, und ich hatte nicht die geringste Lust, mir den Pharao von Ägypten und die Könige von Assyrien und Babylon  zu Feinden zu machen.

Als ich König Tuschratta meine Ablehnung überbringen ließ, wurde der Alte so wütend, dass er dem Boten den Kopf abschlagen ließ.

Daraufhin brach ich die Verhandlungen ab und verließ Wassuganni mit meinen Kriegern.

 

Schon drei Tage später sah ich König Tuschratta wieder.

Dieses Mal begegneten wir uns zum zweiten Male. Doch jetzt saß er nicht mehr in seiner prunküberladenen Sänfte, sondern stand auf einem vierspännigen Streitwagen, in voller Rüstung aus kunstvoll gearbeitetem Silber. Neben ihm aber standen tausend Bogenschützen mit gespannten Sehnen, und hinter diesen noch einmal tausend der gefürchteten mitannischen Reiter mit gezogenen Krummschwertern.

Ich hatte, um schneller wieder in Hattusa zu sein, den Hauptteil meiner langsamer marschierenden Streitmacht zurückgelassen, um  vorauszueilen, und darum befanden sich nur hundert Reiter bei mir. Hundert gegen Zweitausend war ein sehr ungesundes Verhältnis für uns.

Meine Reiter kämpften wie Löwen, und über dreihundert Mitannier starben, bevor wir schließlich übermannt wurden. Keiner meiner Begleiter blieb am Leben, denn die Mitannier metzelten auch die Verwundeten nieder, die nicht mehr kämpfen konnten. Mich aber bekamen sie lebend zu fassen, denn ein Wurfkeule betäubte mich und ließ mich besinnungslos vom Pferd stürzen.

Als ich wieder erwachte, war ich an einen Baum gefesselt.

König Tuschratta und seine Armee waren fort, nur sein Ratgeber 'Schakal' und ein Dutzend mitannischer Krieger waren noch da.

Der Ratgeber stand vor mir und grinste mich höhnisch an. Wären meine Arme frei gewesen, so hätte er dieses Grinsen wohl kaum überlebt, auch wenn mir dann seine Schergen den Garaus gemacht hätten.

 

        "Sei mir gegrüßt, mein edler Prinz," spottete der Zwerg, "Du hast es abgelehnt, mit mir zu reden. Nun aber bist du in meiner Gewalt, als Geschenk meines Königs, den du beleidigt hast. Und jetzt darfst du mit mir reden, doch ich werde mir überlegen, ob ich dir überhaupt zuhöre, wenn du mich um dein Leben anbettelst."

        "Da werde ich dich wohl enttäuschen," erwiderte ich, "denn ich bin noch immer ein Prinz und nicht gewohnt, bei einer Kröte wie dir um irgendetwas zu betteln."

        "Wir werden dich schon dazu bringen," fauchte 'Schakal' wütend und gab seinen Schergen ein Zeichen.

 

Wer weiß, was sie mit mir gemacht hätten, und wer weiß, ob ich nicht doch um mein Leben oder wenigstens um einen schnellen Tod gebettelt hätte. Denn auch ich bin nur ein Mensch und sehr empfindlich gegen die Schmerzen brutaler Folterungen.

Aber es kam anders als sie es sich vorgestellt hatten.

 

Plötzlich zerriss ein gellendes Signal die uns umgebende Stille, und aus den umliegenden Büschen brachen die Krieger meiner Truppe hervor, denen ich vorausgeeilt war. Offenbar war es ihnen gelungen, Tuschratta und seiner Armee zu entgehen, die sicher nach ihnen suchte. Ein großes Glück für sie und vor allem für mich.

'Schakal' und seine Schergen waren verständlicherweise darüber weit weniger erfreut als ich und flohen in heller Panik. Einige wurden von Pfeilen niedergestreckt, doch die meisten entkamen, darunter auch 'Schakal', denn ich legte keinen Wert auf eine Verfolgung. Schließlich befanden wir uns im Feindesland und mussten mit dem Auftauchen Tuschrattas und seiner Armee rechnen. Und außerdem wollte ich so schnell wie möglich zurück nach Hattusa, meiner Königsstadt, um dort Vorbereitungen zu treffen für einen Krieg gegen das Mitanni-Reich, der nun wohl unvermeidlich war.

 

 

Als ich König Tuschratta zum dritten Male sah, waren vier Jahre voller blutiger Schlachten vergangen. Und vieles hatte sich geändert.

König Tuschratta stand jetzt als Besiegter vor mir, ohne Waffen, jedoch ohne Fesseln, denn ich wollte ihm seine Würde nicht nehmen.

Sein Reich existierte nicht mehr.

Aber er war immerhin ein großer König gewesen, und ich war der Meinung, dass er Respekt verdient hatte.

Links von mir lagerten zehntausend meiner Hethiter, rechts achttausend Bogenschützen aus Assyrien, und weiter hinten bereiteten über siebentausend Ägypter und Babylonier ihr Mittagsmahl vor.

Südlich von unserem Heerlager lagen die noch rauchenden und schwelenden Ruinen von Wassuganni, der einstigen Mitanni-Hauptstadt. Vor ihren zerbrochenen Toren und in ihren Trümmern lagen die erschlagenen Soldaten des Königs Tuschratta, an denen sich bereits die Geier und Hyänen labten.

Sie waren besiegt und vernichtet worden von meinem Heer und den Armeen jener Herrscher, gegen die Tuschratta mir einst ein Bündnis angeboten hatte.

Doch ich hatte mich mit seinen Feinden verbündet, und nun war er der Verlierer.

Das Mitanni-Reich wurde nun zwischen Assyrern und Hethitern aufgeteilt (1360 v.Chr.).

Aber Tuschratta trug seine Niederlage mit Würde und ungebrochenem Stolz.

 

        "Ich würde dich gerne schonen," sagte ich und meinte das durchaus ehrlich, "Aber ich habe meinen Verbündeten deinen Tod versprechen müssen. Und dieses Versprechen muss ich halten."

        "Der junge Hethiter-Prinz wurde zum großen König," meinte er, "Ich gönne dir diesen Triumph, denn du bist so wie ich in meiner Jugend gewesen bin. Doch ich hoffe, dass du mir einen Tod gewährst, der eines Königs und Kriegers würdig ist."

        "Du warst ein Krieger in deiner Jugend," antwortete ich, "Und auch im Alter bist du ein großer Krieger geblieben. Vier Jahre lang hast du der Übermacht von Hethitern, Assyrern, Babyloniern und Ägyptern standgehalten. Selbst in der letzten Schlacht kämpftest du selbst an der Spitze deiner Armee. Darum habe ich sehr große Achtung vor dir. Ich glaube, der Tod durch das eigene Schwert ist eines Kriegers wohl würdig."

        "Ja, das ist er," sprach er nickend, "Ich danke dir, König der Hethiter."

Dann wandte er sich ab und ging, um den Tod eines Kriegers zu sterben.......

 

        "Und was wird aus mir?" fragte da eine misstönende, mir wohlbekannte Stimme, die sofort lodernden Hass in mir entfachte.

Ich wandte mich um und sah 'Schakal' zwischen zwei Bewachern vor mir stehen.

Und in diesem Augenblick fiel mir ein, wie ich diesen Mann gebührend bestrafen konnte.

        "Wer bist du?" fragte ich ihn, "Ich kenne dich nicht."

 

Verwirrt starrte der Zwerg mich an.

        "Ich war der erste Ratgeber von König Tuschratta," antwortete er, "Du musst doch wissen, wer ich bin, denn auf meine Art war ich ein genauso gefährlicher Gegner für dich wie mein König. Man nannte mich auch 'Schakal', wenn ich es nicht hören konnte. Du kannst unmöglich vergessen haben, wer ich bin."

Ich schaute förmlich durch ihn hindurch.

        "Du bist nur ein Geist," meinte ich und sah, wie er bleich vor Wut wurde, denn wie viele Menschen seines Schlages konnte er es nicht ertragen, von anderen nicht ernst genommen zu werden.

        "Höre also, du Geist namens 'Schakal'," sprach ich weiter, "Wenn du schon als Gespenst vor mir erscheinst, so werde ich von nun an auch dafür sorgen, dass dich die Menschen nur noch als Geist behandeln. Kein Mensch, weder Mann noch Frau noch Kind wird mehr ein Wort mit dir reden. Niemand wird dich mehr hören, niemand wird dich mehr kennen, denn sonst wird er mit dem Tode bestraft. Von jetzt an bist du nur noch ein Geist, denn das ist mein Wille und mein Gebot. Und das ist deine Strafe, solange, bis du das tust, was alle bösen Geister einmal tun: im tiefsten Pfuhl der Dämonenwelt verschwinden."

 

'Schakal' lachte, doch sein Lachen klang unecht, gekünstelt und aufgesetzt.

        "Nein !" rief er, "So kannst du mich nicht strafen! Mich kennen zu viele. Und zudem habe ich Freunde und Verwandte, die mit mir sprechen werden, wenn es die anderen nicht mehr zu tun wagen."

        "Ein Mann, der 'Schakal' genannt wird, hat keine Freunde," erwiderte ich, "Und deine Verwandten wird man bewachen. Auch enge Verwandte fürchten den Tod und werden es nicht wagen, sich meinem Willen zu widersetzen. Nein, 'Schakal', von nun an gibt es dich nicht mehr. Du bist nur noch ein Geist."

Nach diesen Worten wandte ich mich ab und ließ ihn einfach stehen.

 

Eine Weile hörte ich ihn noch laut toben, bis er schließlich aus dem Lager geprügelt wurde.

Mein Wille wurde bald überall verkündet, und auch die Herrscher von Ägypten, Assyrien und Babylon fanden großen Gefallen daran, den verhassten Ratgeber Tuschrattas auf diese subtile und doch so grausame Weise zu bestrafen.

 

Einige Wochen später fand man 'Schakals' Leiche in der Nähe von Karkemisch. Eine Zeitlang hatte er sich noch durch den Verzehr von Abfällen am Leben halten können. Aber dann war er an Hunger und Entkräftung gestorben.

Denn wer gibt schon einem "Geist" etwas zu essen ?

 

Ende

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