Fantasy

Stories

zurück

 

 

 Re-Inkarnation

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Mit dem Ausdruck unsäglicher Müdigkeit in den Augen bewegte der alte Mann den Kopf. Kraftlos versuchte er sich aufzurichten, um noch einmal zu sprechen.

Doch mit einem leisen Seufzer, kaum noch hörbar, musste er sein Vorhaben aufgeben.

Langsam sank seine halb erhobene Hand auf das weiße Laken zurück, um schließlich haltlos zur Seite wegzugleiten.

Sein Blick wurde starr; die Augen versagten ihm den Dienst.

Dann hörte sein Herz auf zu schlagen. Der alte Mann starb........

 

 

Befreit "durchfloß" er seinen "neuen" Lebensraum.

Mit einem glücklichen Aufschrei, der sich als farbenprächtiges Licht vor ihm ausbreitete, schwebte er auf einen gelben Fleck zu, der aus dem Nichts vor ihm erschienen war. Kurz vor diesem Farbfleck "zerbarst" er und raste in verschiedene Richtungen davon.

Dann strahlten seine einzelnen Teile in einem grellen Blitz auf, flossen zueinander und bildeten nach einer lautlosen Farbexplosion wieder eine zusammenhängende Einheit. Erneut teilte sich sein Ich in buntem Farbenfluß und strebte in vielfachen Formen auf ein neues Ziel zu.

Seine neue Umgebung offenbarte sich ihm in immer neuen, sich ständig verändernden Farbgebilden, die nichts anderes waren als Wesen, wie er nun eines war. Er konnte sich verändern, jede Form annehmen und in rasender Geschwindigkeit sein "neues" Universum durcheilen.

Eine Welle nie gekannter Glücksempfindungen durchfloß sein Ich mit einer Intensität, die er sich niemals hätte vorstellen können.

In weichen Wellen breitete sich dieser Gefühlsstrom als sichtbarer hellblauer Farbsee ring um ihn herum aus.

All seine Gedanken und Gefühle offenbarten sich sofort, indem sie seine Umgebung in prachtvolle Farbenspiele hüllten. Hier blieb kein Gefühl und kein Gedanke verborgen; hier brauchten sie nicht versteckt zu werden.

Eine Wolke aus schillernden Flecken schwebte nahe an ihm vorbei. Von ihr gingen sanfte, lindgrüne Wellen aus, die ihn umflossen und dann wieder verschwanden. Entzücken erfüllte ihn, denn er fühlte intensiv die Zuneigung und Freundlichkeit des anderen Wesens, das ihn auf diese Weise begrüßt hatte. Dann war das andere Lebendige an ihm vorübergezogen und verschwunden.

 

Plötzlich raste ein schwarzer Streifen auf ihn zu und teilte sich kurz vor ihm in einer grellen Lichtkaskade, die in allen Spektralfarben leuchtete. Sie durchdrang ihn, erreichte seinen innersten "Kern", bis er eine Stimme wispern hörte:

    "Hallo! Ich bin ES. Du bist also auch mal wieder hier."

 

Er war völlig verwirrt, denn er konnte sich nicht erinnern, jemals hier gewesen zu sein. Ohne zu wissen, wie er sich verhalten sollte, dachte er dennoch eine Frage, die auch prompt als gelber Farbfluß von ihm löste:

    "Wer bist du? Ich kenne dich nicht."

 

Erneut entstanden vor ihm grelle Kaskaden, und ES verkündete:

    "Du hast mich hier schon oft besucht, nur weißt du es natürlich nicht mehr."

Und dann begann ES ihm alles zu erklären........

 

 

Er konnte es kaum glauben.

Ja, er war gestorben und hatte diese wunderbare Existenzform angenommen, aber daß er schon mehrmals in dieser Form existiert hatte, überstieg sein ganzes Vorstellungsvermögen.

Doch war für ihn eine schlimme Vorstellung war:

ES hatte ihm gesagt, daß er diese Lebensform nicht für immer behalten durfte!

 

Aber warum durfte er nicht hierbleiben?

In grellroten, kantigen und spitzen Formen strahlte sein Ich höchste Unzufriedenheit aus. Er wollte nicht wieder weg von hier !!!

 

ES hatte gesagt, das DIES die eigentlich WAHRE Existenzform jedes Wesens sei. Körperliche Existenz sei immer nur ein zeitlich begrenztes Zwischenstadium.

Allerdings müsse man diese materielle Existenzform immer wieder in den verschiedensten Reinkarnationen durchleben, solange, bis man eine solche geistige Vollkommenheit erlangt hatte, daß sie körperliche Existenzformen überflüssig machte. Warum das aber so sein mußte, konnte oder wollte ES ihm nicht sagen.

Er wußte jetzt nur, daß jedes Ich, welches wieder einen materiellen Körper "füllen" mußte, nach dem Tod des Körpers wieder hierher in die WAHRE Existenz zurückkehren würde, bis es wieder eine neue materielle Form annehmen mußte.

    "Ist Gott auch hier?" hatte er gefragt, doch darauf hatte ihm ES keine Antwort gegeben.

 

Urplötzlich spürte er, wie er mit aller Macht von irgendetwas irgendwohin gezogen wurde.

    "Hilf mir! Ich will nicht fort! ES !!! Hilf mir! Bitte!"

 

Aber ES antwortete ihm nicht mehr.

Und während seine Gedanken noch grellgelbe Farbströme als verzweifelte Hilferufe ausstießen, begann er schon zu vergessen, was er war und wer er jemals gewesen sein mochte. Seine Gedanken wurden einfacher, naiver und primitiver. Dann bildete er nur noch eine Einheit verschiedenster Gefühle, Empfindungen, Triebe und Instinkte. Schließlich erreichte er einen kleinen Körper, der wild strampelnd auf weißen Tüchern lag.............

 

 

Entzückt starrten die Anwesenden auf das Neugeborene und umringten es mit freudigen Ausrufen. Finger betasteten zärtlich und behutsam das neue Lebewesen, welches mit lautem Geschrei seine neue Welt begrüßte.

Das neue Leben, irgendwo auf einer Welt in der Unendlichkeit irgendeines Universums, lag strampelnd auf weißen Tüchern in einem großen, hellen und steril wirkenden Raum........

 

 

zurück