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 Der

Pikten-Zauberer

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Der Schrei war schwach und kaum zu hören. Doch aus der hellen Stimme klang solches Entsetzen und solche Angst, dass Connor alarmiert aufsprang und atemlos lauschte.

Der Scote war auf dem Weg in den Osten Caledoniens. Sein Clanslord hatte ihn mit einer wichtigen Botschaft nach Caer Brynn geschickt, und das Pergament, welches er in einem Lederbeutel an der Brust trug, war von äußerster Wichtigkeit für die nördlichen Clans, die noch immer nichts von der Gefahr durch die irischen Piraten wussten. Sein Clanslord bemühte sich seit einiger Zeit um ein Schutzbündnis mit den anderen Clans des Hochlands, denn die scotischen Stämme waren in ihrer Uneinigkeit ein leichtes Opfer für die irischen Piraten und die piktischen Stämme. Seit den Kriegen mit den britischen Daraidern hatte es keine Einigkeit mehr zwischen den Scoten-Clans gegeben, sondern es gab nur immer neue Fehden und Zwistigkeiten.

 

Aber solche Überlegungen waren für Connor jetzt weniger wichtig, denn ganz in der Nähe schrie ein Mensch in Todesangst. Ohne nachzudenken schwang sich der Scote auf sein Pferd und galoppierte los.

Wieder erscholl der Schrei, noch schriller und um Hilfe flehend, wo keine Hilfe zu erwarten war. Das Grenzland war öde und leer, eine Heide- und Sumpflandschaft.

Connors Pferd brach durch das Unterholz und blieb plötzlich stehen, schnaubend und scheuend. Connor blickte auf eine kleine Lichtung, die mit niedrigem Sumpfgras bewachsen war. Und was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Mitten auf der Lichtung kniete ein Mädchen von vielleicht sechzehn oder siebzehn Sommern. Ihr dünnes Kleid war zerrissen, und über ihr weiße Haut zogen sich lange, blutige Kratzer, aus denen dünne Fäden roten Blutes rannen. Sie wehrte sich mit immer schwächer werdenden Bewegungen gegen zwei mannsgroße, geflügelte Wesen mit Geierhälsen und erschreckend menschenähnlichen Gesichtern, in denen kleine, rötliche Augen schiere Mordlust widerspiegelten.

Harpyen !!!

Connor merkte nicht, dass er jetzt selbst brüllte.

Ruckartig flog sein langes Schwert aus der Scheide, dann trieb er das angstbebende Pferd vorwärts.

Die Geierwesen drehten sich gemächlich herum und blickten den heranstürmenden Reiter aus trübe leuchtenden Augen an. Die langen Krallen an ihren Klauenhänden schimmerten weißlich im Licht der Mittagssonne. Doch Connor ließ sich nicht einschüchtern. Brüllend schwang er das Schwert in einem seitlichen Hieb. Die scharfe Klinge traf auf zähe, lederartige Haut und durchtrennte eine erhobene Klauenhand. Die getroffene Harpye kreischte auf und taumelte zur Seite, wobei sie heftig mit ihren dunklen Flügeln schlug.

        "In die Hölle mit euch!" brüllte der Scote wütend und setzte zu einem zweiten Hieb an. Aber die geierartigen Wesen schienen nicht erpicht darauf zu sein, sich mit ihm herumzuschlagen. Es war leicht, ein unbewaffnetes Mädchen zu zerfleischen, aber gegen einen bewaffneten Krieger zu kämpfen war keine so leichte Sache.

Kreischend schwangen sich die Geflügelten in die Luft, verfolgt von Connors wütenden Flüchen. Bald zeugte nur noch ein durchdringender Geruch von Fäulnis von der Anwesenheit der dämonischen Kreaturen.

Connor war vorsichtig und schaute sich er sorgsam um, bevor er sich um das Mädchen kümmerte. Aber er konnte keine Gefahr mehr entdecken, und auch sein Pferd schien sich jetzt wieder zu beruhigen. Im Vertrauen auf die Instinkte seines Reittieres schwang er sich aus dem Sattel und kniete neben dem Mädchen nieder, welches erschöpft niedergesunken war.

 

 

Die warme Mittagssonne, ein wenig Wasser und ein ordentlicher Schluck echten scotischen Whiskeys taten ihre wohltuende Wirkung, so dass sich das Mädchen bald wieder erholte. Ihre Wunden waren doch nicht so schlimm, wie es zuerst den Anschein gehabt hatte, so dass Connor sie mit seinen einfachen Mitteln behandeln konnte. Im Stillen aber dankte er dem Barden, der ihm als Jüngling das Wissen über die Wundbehandlung vermittelte und dem Druiden, der ihm heilende Salben und Käuterextrakte mitgab, bevor er sich auf den Weg gemacht hatte.

Krieger kannten sich in jenen Zeiten selten in der Heilkunde aus, doch Connor bildete zum Glück für das Mädchen eine löbliche Ausnahme.

        "Was treibst du dich allein in dieser Gegend herum?" schnauzte er das Mädchen an, wobei sein Ton barscher ausfiel als er eigentlich wollte, "Für diesen Leichtsinn sollte ich dir ein paar Schläge aufs nackte Hinterteil geben. Du bist keine Kriegerin und trägst noch nicht einmal eine Waffe zur Verteidigung bei dir. Weißt du nicht, wie gefährlich die Hochmoore sind? Hier treiben sich viele Dinge herum, die nicht sehr gutmütig und noch weniger menschlich sind, seit die piktischen Zauberer wieder ihr Unwesen treiben."

        "Verzeiht, mein Herr", antwortete das Mädchen leise, "Ich danke Euch für meine Rettung und erbitte Eure Verzeihung, dass ich Euch Ungelegenheiten bereitet habe."

Connor stutzte, denn  ihre Sprache war akzentfrei, das reine Scotisch der Freien und Edlen. Das war kein einfaches Bauernmädchen, dass sich zu weit aus seinem Dorf hinausgetraut hatte.

        "Wie heißt du, und zu welchem Clan gehörst du?" fragte er sie.

        "Mein Name ist Viviane", sagte sie, "Und meine Herren sind die Hohen des Alten Volkes."

        "Pikten?!!" Connor spuckte das Wort förmlich aus.

        "Ja. So werden sie von euch Scoten genannt."

        "Bist du etwa keine Scotin? Deine Haut ist hell und du trägst keine Tätowierungen im Gesicht. Du bist doch keine Piktin!"

        "Ich wurde einst als Freie geboren, als Tochter des Kriegers Bedwyr vom Clan der Gharonts", sprach sie mit einem leichten Anflug von Stolz in der Stimme. Aber dann wurde ihre Stimme wieder leise und traurig: "Doch seit zwei Sommern bin ich weder Scotin noch Piktin, sondern nur noch eine Sklavin des Krähenstammes, weniger wert als ein Haustier. Ich wollte, ich wäre tot."

        "Du hast noch eine Menge Leben vor dir", schimpfte Connor, "Zum Sterben ist es für dich wohl noch etwas zu früh. Jetzt bist du frei. Ich werde dich nach Caer Brynn bringen. Von dort aus kannst du zum Gharont-Clan zurückkehren."

        "Ich kann nicht fliehen", erwiderte sie und zeigte auf den hölzernen Reif, den sie um den Hals trug, "Das hier kettet mich auf ewig an die Pikten, denn es liegt ein Zauber darauf. Wenn ich bis Mitternacht nicht wieder im Lager bin, werde ich sterben."

Connor lachte verächtlich.

        "Ein Sklavenreif aus Holz. Mal sehen, ob scotisches Eisen nicht piktisches Holz zerbrechen kann. Knie dich hin und halt still, damit meine Klinge nicht abrutscht."

Sie gehorchte ihm.

Connor zog sein Jagdmesser, schob es vorsichtig zwischen ihren Nacken und den Holzreif und drückte dann zu. Doch zu seiner Überraschung hielt der primitive Reif der scharfen Klinge stand. Er stieß einen Fluch aus und verstärkte seine Anstrengungen. Aber das Holz war stärker als das Eisen seines Messers.

        "Hört auf, ich bitte Euch!" wimmerte das Mädchen.

Erschrocken zog der Scote die Waffe zurück, wobei er verblüfft feststellte, dass die vorher blitzende Klinge jetzt stumpf und schartig war, als wäre sie um Jahrzehnte gealtert.

        "So schlimm kann der Schmerz doch nicht gewesen sein", murmelte er verwirrt.

        "Es verbrennt mich", keuchte Viviane, "Der Zauber der Pikten ist stärker als Eisen."

Connor gab ein grunzendes Geräusch von sich. Er hatte selber gesehen, was aus seinem guten Messer geworden war.

        "Wer hat dir diesen Reif angelegt?" wollte er wissen.

        "Es war Mhabru, der Schamane des Krähenstammes", antwortete sie, "Er ist uralt und verfügt über unheimliche Kräfte, die ihm große Macht verleihen."

        "Ich sollte mich einmal mit diesem Mhabru unterhalten", murmelte der Scote grimmig, "denn das Land hier gehört noch zum Gebiet meines Clans. Mein Lord kann es nicht dulden, dass Scotinnen hier von Pikten versklavt werden. Als sein Krieger habe ich seine Ansprüche zu vertreten. Also zeig' mir den Weg zum Lager der Pikten."

 

 

Ein kaum wahrnehmbares Geräusch und etwas wie ein Instinkt waren das einzige, was Connor warnte. Er hatte noch Zeit, herumzuwirbeln, aber er schaffte es nicht mehr, sein Schwert zu ziehen. Ein Körper prallte auf ihn und riss ihn zu Boden.

Er hörte Vivianes Schrei, aber er achtete nicht darauf. Seine kämpferischen Instinkte, unterstützt von den Erfahrungen zahreicher Nahkämpfe, reagierten sofort. Mit einer fließenden Bewegung zog er das Knie an den Leib und stieß mit dem Fuß kraftvoll nach oben.

Der Angreifer gab einen wütenden Laut von sich, als er über Connor hinweggeschleudert wurde. Dann war Connor wieder auf den Beinen und zog sein Schwert.

Sein Gegner war ein noch sehr junger Mann in der einfachen Tracht der Leibeigenen, jedoch ohne jedes Clans-Zeichen, das zeigte, unter welchem Lord er stand.

        "Ein Gesetzloser!" zuckte es durch Connors Hirn. Der Mann hatte ein Schwert, und seine Haltung zeigte ihm, dass er damit umzugehen verstand.

        "Haltet ein!" schrie das Mädchen und stürzte sich mit erhobenen Armen zwischen die beiden, "Das ist kein Feind!"

Connor trat einen Schritt zurück und senkte die Klinge, worauf auch der andere seinem Beispiel folgte.

        "Rithon", wandte sich Viviane an den jungen Mann, "Das ist ein Scote aus edlem Hause, der mir das Leben gerettet hat. Er ist nicht dein Feind."

Dann wandte sie sich an Connor.

        "Dies ist mein Bruder Rithon vom Clan der Gharonts. Er muss nach mir gesucht haben. Den Göttern sei Dank, dass wir ihm hier begegnet sind."

        "Ich hielt Euch für einen Gesetzlosen", meinte Connor.

        "Und ich glaubte, Ihr wäret der Sklavenhändler, der Viviane entführt hat", sprach Rithon, "Ich verfolge diesen Verbrecher schon seit dem letzten Sommer, aber vor vier Monden verlor ich seine Spur. Seitdem reite ich alle Ortschaften ab, um mich zu erkundigen, ob jemand den Kerl gesehen hat."

        "Der Sklavenhändler lebt nicht mehr", erklärte da Viviane, "Die Pikten haben ihn gefangen und bei lebendigem Leibe geröstet. Leider änderte sich mein Schicksal dadurch nur wenig, denn jetzt bin ich eine Sklavin der Pikten."

 

Connors Vorschlag, den Pikten einen Besuch abzustatten, stieß auf Rithons Zustimmung, denn er war fest entschlossen, seiner Schwester zur Freiheit zu verhelfen. Viviane musste ohnehin zu den Pikten zurück, damit der Zauber des Halsringes sie nicht umbrachte und Connor selbst war besorgt darüber, dass sich im Gebiet des Whellyn-Clans ein Piktenstamm herumtrieb. Zwar herrschte jetzt eine Art Waffenstillstand zwischen den Scoten und dem Alten Volk, aber das bedeutete noch lange nicht, dass die Pikten in scotischen Clansgebieten Scoten versklaven durften.

Unter Vivianes Führung machten sie sich also auf den Weg........

 

 

Das Lager der Pikten war nur anderthalb Meilen entfernt. Sie hatten die kleinen, runden Zelte inmitten eines dichten Gestrüpps aus Krüppelkiefern, Stechginster und hüfthohen Heidegräsern aufgeschlagen.

Von außen war das Lager nicht zu sehen, und die beiden Scoten hätten es ohne die Hilfe des Mädchens wohl kaum gefunden.

Da Connor nichts davon hielt, sich heimlich anzuschleichen - die Pikten würden sie sowieso entdecken - ritten sie ganz offen auf das Gestrüpp zu und suchten den engen Zugang zu den Zelten. Dieser war so gut getarnt, dass sogar Viviane Mühe hatte, ihn wiederzufinden.

Doch dann war das nicht mehr nötig, denn plötzlich tauchten vier piktische Krieger wie durch Zauberei vor den Scoten auf. Sie waren nur mit Lendenschurzen bekleidet, und ihre dunklen Körper waren über und über tätowiert. Nicht zu Unrecht trug die Alte Rasse auch die Bezeichnung "Tätowiertes Volk".

Die Piktenkrieger standen schweigend und dunkel da, drohend wie Statuen von alten, bösen Göttern, und in ihren Gesichtern mit den leicht schräg stehenden Augen war auch ein Ausdruck von Boshaftigkeit zu erkennen. Doch noch drohender als die Männer selbst waren die Bögen mit den kurzen Pfeilen, deren Spitzen direkt auf Connor und Rithon wiesen. Connor hütete sich, mit irgendwelchen Feindseligkeiten zu beginnen, denn er hatte oft genug gegen Pikten gekämpft, um zu wissen, dass diese kurzen Pfeile furchtbare Waffen waren. Die geschnitzten Knochenspitzen waren mit Widerhaken versehen und meist auch noch vergiftet. Und gegen piktisches Gift gab es kaum ein Heilmittel. Nur wenige Menschen, ausgenommen die Druiden, verstanden so viel von den guten und auch bösen Kräften der Natur wie die Zauberer der Pikten.

 

        "Wir kommen in Frieden", sprach Connor in der gutturalen Sprache der Pikten, "Bringt uns zu Eurem Stammesherrn."

Eine Weile starrten die Piktenkrieger ihn und Rithon misstrauisch und mit unverhohlener Feindseligkeit an. Von der Frau nahmen sie nicht die geringste Notiz.

Dann sagte einer von ihnen: "Es ist leicht, friedfertig zu sein, wenn piktische Pfeile drohen."

Connor spürte ein seltsames Ziehen in seinem Nacken. Als er sich umwandte, merkte er, dass die Heide plötzlich lebendig zu werden schien. Obwohl sich kein einziger Krieger blicken ließ, wusste Connor, dass sie bereits eingekreist waren. Die Pikten konnten sich im hohen Gras unsichtbar wie giftige Schlangen bewegen.

        "Ich bin Connor vom Clan der Whellyns", sprach er stolz, "Wir sind hier, um mit Mhabru, dem Schamanen eures Stammes, zu sprechen."

        "Wer weiß, ob der hohe Mhabru mit euch sprechen will", entgegnete der piktische Krieger hochmütig.

Connor trat einen Schritt auf ihn zu und baute sich drohend vor der pygmäenhaften Gestalt des Tätowierten auf.

        "Wir Whellyns sind es nicht gewohnt, auf eigenem Boden um etwas zu bitten", herrschte er den Pikten an, "Ihr befindet euch auf unserem Clansgebiet und darum unterliegt ihr den Gesetzen meines Clanslords. Als Gefolgsmann des Lords op Whellyn stehe ich hier an seiner Stelle und vertrete sein Gesetz. Wollt ihr eine Fehde mit dem mächtigen Clan der Whellyns herausfordern?"

Der Krieger wirkte verunsichert, dann murmelte er, dass sie warten sollten, und verschwand.

Gespanntes Schweigen breitete sich aus. Connors Hand lag am Schwertgriff, obwohl er wusste, dass ihn die dunklen Pfeile durchbohrt hätten, bevor er die Klinge auch nur halb aus der Scheide bekommen hätte. Rithon trat neben ihm nervös von einem Fuß auf den anderen.

Nach einer Weile, die den Scoten unendlich lange vorkam, kam der Piktenkrieger zurück. Der Pfeil lag noch immer auf der Sehne, aber er hatte den Bogen gesenkt, so dass die tödliche Pfeilspitze auf den Boden zeigte.

        "Der hohe Mhabru erwartet euch", murmelte er, "Folgt mir, ich führe euch zu ihm."

 

 

Als sie vor dem alten Schamanen des Stammes standen, dachte Connor zuerst, der Pikte sei tot. Der Stammeszauberer war noch kleiner als die meisten seines Volkes und seine dunkle Haut war eingeschrumpft und faltig. In seinen Augenhöhlen steckten rote, geschliffene Steine, die das Licht reflektierten und ihm ein dämonisches Aussehen vermittelten. Es war der älteste Mensch, dem Connor je begegnet war.

Die starren Steinaugen waren auf die Scoten gerichtet, als könne der Zauberer damit tatsächlich sehen. Dann begann der Schamane zu sprechen.

        "Ich bin der hohe Mhabru, Zauberer des Krähenstammes und ein Edler des Alten Volkes", sprach er in klar verständlichem Scotisch, "Warum wollt ihr mit mir reden?"

        "Ich verlange die Freiheit für Viviane, die Tochter des Scoten Bedwyr vom Clan der Gharonts", antwortete Connor mit stolz erhobenem Haupt, "denn eure Zelte stehen im Gebiet des Whellyn-Clans. Hier gilt das Gesetz der Whellyns. Ihr habt kein Recht, scotische Frauen zu versklaven."

        "Was geht euch eine Sklavin an?"

Mhabrus Stimme war sanft und leise, doch hinter dieser Sanftheit stand Macht und ein Wille, der nicht weniger stark war als der des Scoten.

        "Sie steht unter dem Schutz des Whellyn-Clans", erklärte Connor, dann zog er sein Schwert aus der Scheide und stieß es vor sich in den Boden, so dass es aufrecht stecken blieb - ein auch den Pikten bekanntes Symbol für den Anspruch auf Grund und Boden.

        "Hinter dieser Klinge stehen vierhundert Clansmänner, die jederzeit bereit sind, für ihren Clan und ihren Lord zu kämpfen. Wollt Ihr eine Fehde mit meinem Clan, Zauberer?"

        "Bist du der Clans-Lord?" fragte ihn Mhabru, worauf Connor den Kopf schüttelte, ohne daran zu denken, dass der Mann blind war und seine Geste nicht erkennen konnte. Aber der Zauberer deutete sein Schweigen richtig.

        "Dann bist du mir nicht ebenbürtig, Scote", versetzte er schroff, "und deine Worte sind für mich ohne jede Bedeutung. Du bist frei gekommen, und du magst auch frei gehen, wenn keiner vom Krähenstamm eine Fehde mit dir hat. Dasselbe gilt für deinen Begleiter. Aber die Sklavin bleibt hier, denn du kannst mir keine Forderungen stellen. Hier bin ich der Herr des Stammes."

 

        "Bist du das wirklich, alter Mann?"

Die Stimme klang jung und provozierend, und der Mann, dem sie gehörte, sprach ein gutes, wenn auch hart ausgesprochenes Scotisch.

        "Connor sah sich um und erblickte einen Pikten-Krieger, der ungewöhnlich groß für einen Angehörigen des Alten Volkes war. Der Krieger überragte sogar ihn um eine halbe Kopfgröße, und unter den kleinwüchsigen Pikten musste er geradezu als Riese gelten. Er trug wie die anderen nichts als einen Lendenschurz und ein Stirnband aus weißem Leder, und wie die anderen war seine Haut am ganzen Körper tätowiert. Aber Connor sah, dass der Mann um den Hals eine Kette mit Totemzeichen trug, was darauf hinwies, dass er mehr war als nur ein einfacher Krieger.

 

        "Wer außer mir wäre es sonst?" gab Mhabru spöttisch zurück.

        "Ich, Grondar, bin es", erwiderte der Hüne stolz, "denn ich bin der Häuptling des Stammes, nach dem Recht der alten Götter. Der Häuptling ist der Erste des Stammes und der Zauberer ist nur sein höchster Priester. So ist es Gesetz beim Alten Volk seit Beginn der Welt. Hast du das vergessen, Mhabru?"

        "Ich habe es nicht vergessen", meinte der alte Zauberer, "Aber nur ein Mann, der vor der Macht der Götter bestehen kann, darf der Erste des Stammes sein. Und darum frage ich dich: Kannst du vor den Göttern bestehen?"

 

Connor erkannte, dass er hier in einen internen Machtkampf zwischen dem Häuptling und dem Schamanen geraten war, und dass sein Auftauchen diesen Machtkampf neu entfacht hatte. Er war gespannt, wie diese Konfrontation ausgehen würde, denn davon hing jetzt auch sein eigenes Schicksal ab. Innerlich stand er schon jetzt auf der Seite des Häuptlings, denn er hatte nie besonders viel Symphatien für Zauberer und Magier gehegt.

 

        "Ich kann jederzeit vor den Göttern bestehen", sprach Grondar mit stolz erhobenem Haupte, "Mögen sie mich auf der Stelle strafen, wenn es nicht so ist."

Er verschränkte die Arme vor der Brust und stellt sich herausfordernd vor den alten Zauberer, als erwartete er, dass die Götter ihn akzeptierten oder ihn für seinen Hochmut straften.

        "Fordere die Götter nicht heraus, Grondar!" rief der Zauberer drohend und streckte seine Arme gegen den Himmel.

 

Connor bemerkte aus den Augenwinkeln heraus, dass die umstehenden Krieger einige Schritte zurückwichen, als erwarteten sie, dass irgendein Unheil geschehen würde. Aber er blieb auf seinem Platz stehen, um zu zeigen, dass er sich vor den Göttern der Pikten nicht fürchtete.

 

Einige Herzschläge lang geschah nichts, bis Mhabru plötzlich einen Schrei ausstieß und seine flachen Hände gegen den Häuptling vorstreckte. An seinen Fingerkuppen züngelten jetzt blaue und rote Flammen.

Grondar schrie auf und taumelte ein paar Schritte zurück. Doch er fing sich rasch und stürzte mit einem Wutschrei vorwärts, um sich auf den alten Zauberer zu werfen. Die roten Steinaugen des Schamanen schienen Blitze zu versprühen, als die beiden Gestalten eng umschlungen zu Boden stürzten und für einige Augenblicke verbissen miteinander rangen.

Erstaunt musste Connor feststellen, dass der kleine, schwächlich wirkende Alte den Bärenkräften Grondars scheinbar mühelos widerstand.

Dann schrie der Häuptling auf, doch diesmal nicht vor Wut, sondern vor Schmerz. Verkrümmt sank er zu Boden.

Connor reagierte instinktiv. Er packte sein Schwert und sprang auf den Magier zu. Eine blaue Feuerkugel raste auf seine Brust zu, aber er wischte sie mit der linken Hand zur Seite. Ein grauenhafter Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper, aber er stach dennoch mit dem Schwert zu. Er spürte, wie die Klinge klirrend auf Stein prallte, abglitt und sich dann tief in den Schädel des Zauberer bohrte. Zuckend sank Mhabru zu Boden.

 

Einige Herzschläge lang herrschte atemlose Stille, während Connor schweratmend über der Leiche des Schamanen stand. Dann schrie einer der Pikten gellend auf und wollte sich auf ihn stürzen. Aber Rithons Schwert verhinderte dieses Vorhaben.

Doch nun reagierten auch die anderen. Mit ohrenbetäubendem Geheul rissen sie ihre Steinkeulen aus den Gürteln und griffen die beiden Scoten an. Fünf von ihnen büßten das mit ihrem Leben, aber dann hatte die Masse der dunklen Leiber Connor und Rithon überwältigt und zu Boden gedrückt.

 

Da erklang eine Stimme, die das Getümmel mühelos übertönte: "Halt!! Wer die Scoten verwundet, ist des Todes !!!"

 

 

Rithon wischte sich Blut aus dem Gesicht und Connor stand langsam auf, wobei ihm jeder Knochen im Leibe schmerzte.

Grondar, der Häuptling des Krähenstammes, stand hochaufgerichtet vor dem Kreis, den seine Krieger um die beiden Scoten und das Mädchen gebildet hatten.

        "Die Scoten sind meine Gäste", sagte er laut und blickte herausfordernd in die Runde.

Unwilliges Geraune erklang, aber Grondar fuhr mit schärfer klingender Stimme fort:      "Mhabru ist tot, wie ihr seht. Ich bin der alleinige Herr des Stammes und ihr werdet mir gehorchen. Gibt es einen unter euch, der dagegen aufbegehren will? Dann soll er vortreten und sich mir zum Kampf um die Häuptlingswürde stellen!"

Die Krieger wagten nicht, gegen ihn aufzubegehren, aber die Blicke, die sie den beiden Clansmännern zuwarfen, waren deutlicher als alle Worte.

 

        "Kommt mit mir", wandte sich Grondar jetzt an die Scoten, "Ich will mit euch reden."

Connor und Rithon steckten ihre Schwerter in die Scheiden zurück. Offensichtlich war der Piktenhäuptling gewillt, sie mit seinem Einfluss vor der Wut seiner Krieger zu schützen.

 

Der Hüne trat in eines der Zelte. Drinnen war es dunkel und warm, und in der Mitte unter dem Rauchabzug brannte ein kleines Feuer. Auf eine einladende Geste Grondars hin nahmen Connor, Rithon und Viviane Platz auf den Fellen am Boden.

        "Ich habe gehört, was ihr von Mhabru wollte", wandte sich der Häuptling an Connor. Seine Stimme war wieder fest und sicher, was zeigte, dass er die Nachwirkungen des Zaubers überwunden hatte, mit dem Mhabru ihn attackiert hatte,    "Ich werde sie euch überlassen, denn ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen. Jetzt ist Mhabru endlich tot und kann sich nie wieder über den Häuptling des Stammes erheben."

An Viviane gewandt fuhr er fort: "Geh' hinaus und bring mir die Steinaugen des Zauberers. Dann bekommst du deine Freiheit zurück."

 

Zögernd trat Viviane ins Freie. Dort warteten die piktischen Krieger und starrten sie böse an. Vorher hatten die Pikten sie nur mit Verachtung und Herablassung betrachtet oder einfach ohne irgendwelche Emotionen, als wäre sie nur irgendein Gebrauchsgegenstand. Doch nun würden sie sie wohl für den Tod des alten Zauberers verantwortlich machen. Viviane hoffte nur, dass Grondars Einfluss groß genug war, um sie von Racheakten abzuhalten, als sie auf die Stelle zuging, an der der alte Zauberer gestorben war. Seine roten Steinaugen lagen noch auf dem Boden, aber sein Körper war weg. Ob er von den Pikten weggeschafft wurde oder auf eine andere geheimnisvollere Art verschwunden war, wollte Viviane gar nicht wissen.

Zögernd hob sie die beiden Steinaugen auf. Sie waren warm, und sie schienen auf eine schreckliche Art noch immer zu leben.

Ein Raunen ging durch die Reihen der Pikten, als sie sahen, wie das Mädchen die Steine aufhob und kein Blitzstrahl von den Göttern herabgesandt wurde, um den Frevel zu strafen. Viviane wusste, dass Grondar es jetzt leicht haben würde, den letzten Einfluss des toten Mhabrus zu brechen.

 

Im Zelt nahm der Häuptling die beiden Steinkugeln in seine Hand.

Kaum hatten sie sein Fleisch berührt, entstanden in der glatten Oberfläche der roten Steine so etwas wie Pupillen, die genau auf Grondars Augen gerichtet waren.

        "Höre mir zu, alter Zauberer", sprach der Häuptling zu den Steinen, "Ich habe diesem Mädchen die Freiheit versprochen, und du wirst sie ihr geben. Wenn du dich sträubst, werfe ich deine Augen ins Feuer."

Funkelnd bohrte sich der Blick der Steinaugen in die dunklen Augen des Häuptlings. Eine Weile maßen der tote und der lebende Pikte einander mit ihren Blicken, bis die roten Steine trüb wurden, als ob sie unter hauchdünnen, unsichtbaren Lidern lägen. Ein beinahe körperlich spürbares Flüstern und Seufzen ging durch das Zelt, dann keuchte Viviane überrascht auf, als der Sklavenring um ihren Hals ohne jedes Zeichen sichtbarer Gewalt in zwei Stücke zerbrach und zu Boden fiel.

        "Nun leb' wohl, alter Zauberer", sprach Grondar zu den Steinaugen und verneigte sich kurz, bevor er sie mit einer blitzschnellen Bewegung in das Feuer warf.

Der Rauch färbte sich rötlich, doch das war alles, was passierte.

Mhabru war jetzt endgültig den Weg alles Irdischen gegangen.......

 

 

        "Was wollen die Menschen des Alten Volkes auf dem Gebiet der Whellyns?" fragte Connor den Häuptling.

        "Die Pikten haben dieses Land seit jeher als ihr eigen betrachtet. Wir geben niemandem Rechenschaft darüber ab, wo wir hingehen und weshalb wir es tun."

        "Wir Scoten sehen das anders", entgegnete Connor, "Und wir legen Wert darauf, zu wissen, wer sich im Gebiet des eigenen Clans aufhält und welche Absichten er hat."

        "Ich weiß", meinte der Häuptling, "Aber wir Pikten sind ein freies Volk, und wir betrachten das Land nicht als etwas, worauf irgendjemand Anspruch erheben darf."

 

Mit wenigen Worten war das gesagt, wozu vorsichtige Diplomaten zivilisierter Länder mehrere Stunden benötigt hätten: Man war gegenteiliger Ansicht, und es bestand auch keine Möglichkeit einer Einigung, da beide Seiten ihre Ansicht unnachgiebig vertreten würden.

 

        "Ich habe nicht das Recht, hierzu eine Entscheidung zu treffen", sprach Connor, "Das kann nur mein Clans-Lord. Aber eines weiß ich sicher: Solange der Stamm der Krähen-Pikten in dieser Ebene bleibt und solange hier keine Scoten wohnen, wird kein Lord des Whellyn-Clans daran denken, seine Clansmänner in einen sinnlosen Kampf um ein brachliegendes Stück Erde zu schicken. Aber wenn ein Pikte mit feindlichen Absichten in die Wohngebiete der Scoten eindringt, werden die Reiter des Whellyn-Clans in den Krieg ziehen und gegen diesen Stamm kämpfen."

        "Ich weiß", antwortete der Häuptling, "Doch ich glaube, dass kein Krieger meines Stammes das Bedürfnis haben wird, gegen die Scoten Krieg zu führen."

        "Es wäre für beide Seiten wohl das Beste", meinte Connor.

 

Damit war alles gesagt, was es zu sagen gab.

 

 

Als sie den Wald und das Lager der Pikten weit hinter sich gelassen hatte, verabschiedete sich Connor von Viviane und ihrem Bruder, denn ihre Wege trennten sich jetzt, da er ostwärts nach Caer Brynn musste, während die Geschwister wieder nach Westen in das Gebiet des Gharont-Clans zurück wollten.

        "Ich wünsche euch beiden ein langes Leben", sprach Connor, und an Rithon gewandt fuhr er fort: "Vergesst diese Begegnung nicht, Rithon. Denkt immer daran, dass wir in erster Linie Scoten sind, auch wenn wir zu verschiedenen Clans gehören. Denn es wird Zeit, dass die Fehden und Zwistigkeiten zwischen den Clans aufhören, damit wir Scoten endlich zu einem Volk zusammenschmelzen, das sich gegen Pikten, Briten, Iren und sogar gegen die verfluchten Römer behaupten kann."

 

Er hob die Hand grüßend zum Abschied, dann gab er seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon.......

 

Ende

 

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