Fantasy

Stories

zurück

 

I  LOVE  YOU

von Reinhard Theuermeister

 

Ein stressiger Arbeitstag ist zu Ende.  Jan will sich entspannen.  Er sitzt zu Hause vor seinem PC.

Paladu heißt das Spiel, welches es ihm angetan hat.

Es spielt im afrikanischen Dschungel, wo sich die Tiere des Landes spielerische Duelle liefern.

Er freut sich schon wieder auf die tierischen Laute seiner Spielgefährten, auf ihre Kämpfe und ihr Liebesleben.

Nach und nach erscheinen immer mehr von ihnen auf dem Bildschirm. Das Spiel kann beginnen.

Plötzlich erhält er eine Nachricht, dass eine Mail für ihn aufgelaufen ist. Soll sie doch warten, denkt er noch, doch eine Mahnstufe nach der anderen erreicht ihn, dass diese von großer Wichtigkeit sein muss. Er klickt sich also hinüber ins Internet.

„I LOVE YOU!“ schreibt ihm da jemand und er denkt an seine zahlreichen Freundinnen. Vielleicht soll er wieder mal auf einer Party erscheinen. Vielleicht ist es auch eine Einladung zu einem nächtlichen Tanz. Sein rechter Zeigefinger bewegt sich in Richtung linker Maustaste. Gerade will er sie anklicken, als der Löwe Kanthas aus seinem Dschungelspiel mit Gewalt auf den Bildschirm platzt, mitten hinein auf das Öffnen-Feld für diese Mail:

„Es darf keine Liebe geben,“ brüllt er mit einer Macht als wolle er ihn einschüchtern. Das Rhinozeros schlägt ihm mit seinem Horn entgegen als wolle es die Mattscheibe zum Bersten bringen. Es zeigt auf die Esc-Taste:

„Drück sie, drück sie wenn du weiterleben willst.“

Jan denkt an seine Freundinnen.

„Keine Liebe? Was soll das? Warum soll es keine Liebe mehr geben?“ hört er sich laut fragen.

„Weil diese Liebe für dich tödlich ist!“

„Tödlich? Erkläre mir erst mal, warum ihr sprechen und mich sogar hören und verstehen könnt!“

„Ich habe die Macht im Dschungel, und ich habe dir schon immer die Wege gezeigt, die gut für dich sind!“

Jetzt erscheinen auf dem Bildschirm immer mehr von seinen Spielgenossen. An allen Ecken tauchen sie auf. Sie verdecken die Informationen der Mailbox.

Ein riesiges Entsetzen steht auf ihren Gesichtern:

„Es gibt keine Liebe!“

„Es gibt keine Liebe!“

„ES GIBT KEINE LIEBE!“ tönte es aus allen Kehlen, hohe, tiefe, schrille, dumpfe Stimmen.

„Ich möchte aber endlich wieder einmal Liebe haben!“

„Lass das mit der Liebe, - nur dieses mal!!“  fleht ihn Kanthas noch einmal an.  -

Jan hat sich entschlossen. Er wird diese Liebe ergründen! Er verjagt das Rhinozeros, welches auf dem Namen der Mail sitzt. Er verscheucht den Löwen, der ihm das Öffnen-Feld für diese Mail verdeckt. Er biegt der Giraffe den Hals nach links, weil sie ihm damit das OK-Feld blockiert.

„Lass das, das bringt Unglück!“ trillert der Kolibri in der linken oberen Ecke seines Bildschirms. Aber ihm mit seinem freundlichen Trillern gewinnt er sowieso keine Gefahrenklassen ab.

Das Unglück nimmt seinen Lauf:

„Ich bin I LOVE YOU, der gefährlichste Virus aller Zeiten! In den nächsten Minuten werde ich deine Festplatte löschen,“ steht da in triumphierenden Lettern.

Ich werde dir den Kampf ansagen, plant Jan. Ich werde dich vernichten, bevor du beginnen kannst, dein verbrecherisches Spiel zu treiben. Ich werde die Tiere meines Spiels beauftragen, dir den Garaus zu machen. Er wechselt in die andere Ebene. - GO! gibt er ein, dann den Namen von Kanthas.

„Kanthas, help! I connect you with fighters!“

Kanthas begreift, setzt zu einem großen Sprung an und schiebt sich wie eine Barriere auf die Datenautobahn, auf der von allen Seiten riesige Viren angeflogen kommen. Sie rasen wie Geschosse in Richtung Festplatte. Kanthas hat alle Mühe sie entweder abzuwehren oder sie in seinem dicken Fell aufzusaugen. Auch die Giraffe, das Rhinozeros, der Kolibri und das Zebra sind nun da. Sie sind es, die gegen diese Killerviren ihren Kampf aufnehmen. Jan feuert seine Spielkameraden zu immer höheren Leistungen an, denn Kanthas hat in seinem Fell kaum noch Platz für die Viren.

„Koli, Gira, auch ihr müsst mir helfen! Koli, schnapp sie dir und trag sie in die Lüfte; raus aus dem System!“

„Du beliebst zu scherzen,“ erwidert er, „was glaubst du, wie eng es hier ist!“

Kanthas ist schon über und über mit Viren besetzt.

„Ich werde sie abschießen!“ brüllt Jan Kanthas entgegen.

„Aber verschon' mich! Drück die Return-Taste und gleichzeitig Entfernen! rät er ihm.

Jan folgt seinem Rat. Aber nichts tut sich. Immer noch rasen die Viren auf Kanthas zu. Er wird nicht mehr lange standhalten können.

Gira schaltet sich ein: „Du musst sofort danach noch ein D eingeben,  für Destroy“!

 

Nun geht es. Die Viren lösen sich aus Kanthas Fell und mit einem lauten puff zerplatzen sie.

Plötzlich tauchen die Geier auf. Sie als die Ordnungshüter der Wildnis haben eine fette Mahlzeit gerochen. In einem Übereifer vertilgen sie die Viren, die wie Gerümpel die Datenautobahn übersäen.

Die nächste Generation der Viren bestürmt seine Festplatte. Babyviren, produziert von dem übermächtigen I LOVE YOU. Er lässt sich nicht unterkriegen. Jan steht vor einem neuen Problem. Die Babyviren bewegen sich im Zickzack als hätten sie noch nicht richtig fliegen gelernt. Selbst Rhino mit seinem dicken Panzer ist von diesem Hakenschlagen so überrascht, dass es sich überrumpelt vorkommt.

Jan's Finger schmerzen schon fast vor Anstrengung:   Return-Entfernen-D! Return-Entfernen-D!

 

„Du musst feuern!“ Kanthas katapultiert sich in Front von Jan's Bildschirm. Fast sieht es so aus, als wolle er aus ihm heraus treten um ihn besser anfeuern zu können. Rhino nimmt Kanthas Platz ein.

„Kanthas, ich seh' nichts mehr, du verdeckst mir das Kampffeld.“

„Hör nur auf mich! - FEUERN! - Du sollst feuern!  Wenn du alles retten willst konzentrier' dich! - Return - Entfernen - D - D - D - D ! - Immer wieder!“

Jan hört das jämmerliche Geschrei der Babyviren.

„Zeig kein Mitleid, vernichte sie!“ schreit Kanthas.

 

Nach einiger Zeit ist wieder Ruhe eingekehrt. Das I-Love-you-Virus ist vernichtet.

Jan erinnert sich an Magaron, den Zauberer. Seine Größe, seine Macht, sein überdimensional spitzer Hut, all das weist ihn heute noch als den Zauberer aus, den er stets bewundert hat:

„MAGARON!“ Er ruft ihn aus einem anderen Spiel auf den Plan.

„Ich werde jetzt ein großes Schutzschild über dein Lieblings-spielzeug legen. Meinen Zauber wird auch nicht der modernste und gefährlichste Virus zerbrechen,“ spricht er mit feierlicher Stimme. Doch in dem Moment,  in welchem Jan ihm danken will, wird der Bildschirm schwarz. Alles Leben in ihm versinkt.

Jan erschrickt fürchterlich. Er glaubt zu erkennen, dass der Sieg der Viren nun doch auf seiner Festplatte Einzug gehalten hat.

Quälende Sekunden vergehen bis sich die Farbe wieder zeigt, ein sanftes Blau, welches nach und nach wieder das alte Bild aufweist. Doch hier ist nun eine wunderbare Veränderung geschehen. Die Babyviren liegen überall zerschmettert in der Gegend herum. Die Geier sind unermüdlich im Einsatz, damit beschäftigt, die Kanäle wieder freizulegen. Dann ist es endlich geschafft.

VIREN ADE!!

Seine Spielkameraden haben seinen PC und ihn gerettet.

 

Ende

 

Mehr Geschichten von Reinhard Theuermeister findet ihr unter:   

 

Theuermeisters Fantasie-Reisen

http://www.theuermeisters-fantasie-reisen.de

 

zurück