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Der Tod

des Königs

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Als der Reiter in der nachtschwarzen Rüstung das "Dazwischen" durchquert hatte und die Sphäre erreichte, in der sein Ziel lag, ging dort die Sonne bereits unter.

Sein riesiges pechschwarzes Streitroß stampfte ungeduldig und nervös mit den Hufen, als er es anhielt, um sich umzusehen. Der grauenhafte Anblick vor ihm konnte ihn längst nicht mehr erschüttern, denn die blutige Walstatt vor ihm erinnerte ihn nur an die unzähligen furchtbaren Schlachten, die er in allen Sphären schon gesehen hatte.

 

Schließlich gab er seinem Pferd die Sporen und ritt in das Tal hinab.

Vorsichtig bahnte er sich einen Weg durch die zahlreichen verwundeten und sterbenden Ritter und Waffenknechte, deren Körper in unnatürlichen Verrenkungen am Boden lagen, die Glieder gebrochen oder abgetrennt.

Er hörte ihr schmerzerfülltes Stöhnen, als er an ihnen vorbei ritt, aber es berührte ihn nicht.

Seine eisgrauen Augen suchten das Gelände ab, um im schwindenden Tageslicht den Mann zu finden, wegen dem er in die Sphäre dieser Welt gekommen war.

Mit seinen "höheren Sinnen" spürte er die Nähe vieler erlöschender Seelen, was ihm deutlich machte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Er ritt weiter ins Tal hinab und bemerkte, dass die Leichen der Gefallenen hier zahlreicher wurden. Offenbar näherte er sich der Stelle, an der das grausame Gemetzel am schlimmsten getobt hatte.

 

Eine schwache Brise bewegte die Luft und ließ Mordreds dunkles Banner träge hin und her flattern, dessen Tuch zerrissen und mit Schlamm und Blut bespritzt war.

Arawn wußte, dass er Mordred und seinen Vater, den König, in der Nähe dieser Standarte finden würde, darum ritt er auf das zerfetzte Feldzeichen zu.

 

Schon bald konnte er den verhinderten Thronräuber und auch den König sehen.

Vom Schwert seines Vaters durchbohrt lag Mordred nach Atem ringend am Boden. Aus seiner Wunde sickerte noch Blut. Nur wenige Schritte von seinem Sohn entfernt saß Arthur gegen einen Baumstamm gelehnt.

Arawn erkannte, dass es ihm nicht besser ging als Mordred. Sein Harnisch war gespalten und in seiner Brust klaffte eine tiefe, tödliche Wunde.

 

Als Arawn näherkam, bewegte sich Arthur schwach und blickte ihn an.

        "Du mußt Hearn sein - der gehörnte Gott und der Jäger, der die Seelen nimmt", sprach der König mit leiser Stimme, als er ihn erkannte, "Meine Zeit ist wohl gekommen."

 

        "Das denke ich auch, Hochkönig von Britannien," antwortete ihm Arawn.

 

Das gequälte Husten Mordreds erregte Arawns Aufmerksamkeit, als er aus dem Sattel stieg.

Als er auf Mordreds Banner zuging, zog er sein rotglühendes Runenschwert aus der Scheide. Der uneheliche Königssohn war schon dem Tode nahe, sein Gesicht fast so grau wie das von Arawn, der in dieser Sphäre Hearn genannt wurde.

 

Mordred blickte hoch, als der Riese, dessen eisige Augen im fahlen Licht des aufgehenden Mondes leuchteten, vor ihm stand, während sein mächtiges Schwert hungrig in seiner Hand summte. Als er die Erscheinung erkannte, riß er die Augen weit auf.

        "Ah, du bist der Todesgott! Du bist gekommen, um mich zu holen, nicht wahr? Gekommen, um meine Seele in die anderen Welten zu bringen."

 

        "Ja, ich bin hier, um dich zu holen", antwortete Arawn. "Aber die Art des Todes, die ich dir bringe, ist weit schlimmer, als du dir vorstellen kannst."

 

Mordred lachte gehässig, denn seine Arroganz war sogar im Angesicht seines Untergangs nicht erloschen.

        "Du hast keine Macht über mich, Hearn. An den heutigen Tag wird man sich ewig erinnern, denn dies ist der Tag, an dem der große König Arthur durch seinen eigenen Sohn zu Tode kam, der Tag, an dem sein Werk unterging und sein Traum für immer starb."

 

        "Du überschätzt deine Bedeutung", erwiderte Arawn gleichmütig, "Es stimmt schon, dass man vom heutigen Tag, vom Schlachtfeld zu Cadbury, immer sprechen wird. Aber während dein Vater in der Erinnerung und den hoffnungsvollen Träumen der Menschen als ewig großer König fortleben wird, so wird man noch in tausend Jahren deinen Namen mehr verfluchen, als du dir vorzustellen vermagst. Wenn das der Ruhm ist, den du gewollt hast, dann hast du ihn wahrlich verdient."

 

        "Erspare mir dein Gerede, du heidnischer Dämon."

Mordred spuckte kraftlos in Richtung von Arawns Füßen.

        "Die Mächte, denen ich diene, sind stärker und furchterregender als alle, die dir bekannt sind."

 

Arawn lachte leise über diese prahlerischen Worte.

        "Du weißt doch gar nicht, wovon du sprichst, Mordred. Solange du nicht begreifst, was es bedeutet, einem Lord der Finsternis zu dienen, sind deine Worte nur leere Phrasen. Solange du nicht gespürt hast, wie mein Schwert deine Seele verschlingt, hast du nicht die geringste Ahnung von wirklicher Furcht. Ich weiß, dass du dunklen Herren gedient hast, doch im Vergleich zu den Kräften, über die ich gebiete, zerrinnt all ihre Macht zu Nichts. Du hast nichts anderes getan, als das zu zerstören, was hier gut und anständig war. Deine Strafe wird gerecht sein - und furchtbar."

 

Mit den letzten Worten stieß er das Schwert in den Körper des Prinzen und beobachtete mit stummer Genugtuung, wie es Mordred mit grenzenlosem Entsetzen klar wurde, dass die rotschimmernde Klinge seine Seele in sich hineinsaugte, um sie dann in die schreckliche Leere des Limbus' zu stoßen, wo endlose Qual auf sie wartete.

 

Mordreds schrille Schreie gellten über das Schlachtfeld, während er sich verzweifelt wand und krümmte - dann war es vorbei.

 

Der Titan wandte sich von ihm ab, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, und ging wieder zu Arthur zurück.

 

Der König fieberte und murmelte vor sich hin.

 

        "Wo ist dein Ritter Bedwyr?" fragte Arawn ihn und Arthur wandte sich in Richtung seiner Stimme.

 

Seine Stimme schon sehr schwach, als er antwortete: "Ich habe ihn losgeschickt, um das Schwert Excalibur an seinen Ursprungsort zurückbringen. Dreimal habe ich ihm befohlen, dies zu tun, und schon zweimal hat er mich enttäuscht. Ich hoffe inständig, dass er es jetzt getan hat, denn ich merke, wie mein Leben mit jedem Atemzug dahinschwindet. Bist du gekommen, um mich zu holen?"

 

Arawn kniete sich neben den todwunden König und sah ihn ernst an.

        "Ich bin gekommen, um dich zu holen, das ist wahr. Aber ich bin keinesfalls gekommen, um deiner Seele Frieden zu bringen, König Arthur. Ich bin hier, um dich für deinen Verrat an den älteren Völkern zu bestrafen. Du hast das Banner des Drachen gegen das Kreuz des Sklavengottes ausgewechselt. Damit hast du die älteren Völker zutiefst beleidigt und gedemütigt. Danach hast du es zugelassen, dass die dummen und engstirnigen Christenpriester hier ihre widernatürlichen Lehren verbreiten konnten. Sie verdrängten den alten Glauben, obwohl dieser Glaube der Natur und dem Leben immer mehr Respekt erwiesen hat als es die Christen jemals tun werden. Der Gott der Christen ist ein Gott von unterwürfigen Sklaven, die sich willenlos in ihr Schicksal ergeben und blind ihren dummen, arroganten Priestern folgen. Es ist ein Gott der Wüste - darum werden seine Anhänger diese Welt am Ende auch in eine Wüste verwandeln. Es wäre deine Aufgabe gewesen, das zu verhindern, doch du hast den alten Glauben verraten und das Vertrauen der Feen- und Elfen-Völker missbraucht. Nun bist auch du verraten und besiegt worden und ich bin gekommen, um dein Schicksal zu besiegeln."

 

        "Gib' dir keine Mühe, Hearn", flüsterte Arthus mit schmerzverzerrtem Gesicht, "Ich bin bereits dem Tode geweiht und meine Seele wird bald in eine bessere Welt reisen."

 

        "Das ist ein Irrtum, König Arthur", entgegnete der Gehörnte Gott, während er sein Schwert hob, dessen runenverzierte, rubinrote Klinge ein seltsam klagendes Heulen von sich gab, "Diese Klinge wird deine Seele verschlingen und für immer in den Limbus schleudern, so wie die deines Sohnes Mordred. Der Tod wird für dich keine Erlösung sein und dein Leiden wird andauern, solange die Ewigkeit existiert."

 

        "Deine Worte verwirren mich, Hearn", flüsterte der König, "Ich habe versucht, etwas zu vollbringen, was ich für gut und richtig hielt. Habe ich denn falsch gehandelt?"

 

        "Nicht alles war falsch, was du getan hast, Arthur", murmelte der graue Riese leise, "Aber du hättest den alten Glauben weiterhin achten sollen, so wie es der Merlin von dir verlangte. Du hättest deine besten Ritter nicht für die sinnlose Suche nach dem heiligen Gral opfern dürfen. Sie konnten ihn nicht finden, weil es ihn niemals gab. Ihre Schwerter hätten die Schlacht von Cadbury für dich entschieden, doch du hast sie fortgeschickt und damit dein Scheitern selbst herbeigeführt. Jetzt zahlst du den Preis für dein Versagen."

 

Die Spitze seines Schwertes zuckte vor und bohrte sich tief in Arthurs klaffende Wunde.

 

Gleichmütig sah er das namenlose Entsetzen in den Augen des Königs, als dieser begriff, was mit ihm geschah.

 

Anders als sein Sohn Mordred blieb Arthur stumm, als das grausame Schwert seine Seele aus seinem todwunden Leib heraus zerrte, doch wahrscheinlich lag es nur daran, dass er bereits zu schwach war, um seine entsetzliche Pein hinausschreien zu können.

 

Mit ausdrucksloser Miene schob Arawn sein Schwert zurück in die Scheide und verharrte regungslos neben der Leiche des britannischen Königs, um auf den Ritter Bedwyr zu warten.

 

Keuchend vor Anstrengung kam Bedwyr zurück, starrte ihn an und blickte dann voller Trauer auf seinen toten Herrscher, als er begriff, wer Arawn war.

 

        "Hast du nun seine letzte Weisung befolgt?" fragte dieser ihn.

 

Mit Tränen in den Augen nickte der Ritter.

        "Ich habe das Schwert so weit geworfen, wie ich konnte. Bevor es die Oberfläche des Sees berührte, tauchte eine Frauenhand auf und packte es. Sie hielt es einen Moment lang in die Höhe, dann zog sie es unter Wasser. Diesen Anblick werde ich nie vergessen."

 

Wortlos wandte sich Arawn ab, stieg wieder auf sein Pferd und verließ das Schlachtfeld von Cadbury, um in die Sphären der anderen Welten zurückzukehren.....

(Illustration von Gaby Hylla)

 

Ende

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