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Die Geschichte vom

Jahresendmännchen

 

von Conny Rupp

 

    "Scheißjob", dachte der kleine, unauffällige Mann im dunklen Mantel und schlich durch die Fußgängerzone der großen Stadt. "Wenn ich nicht den Auftrag vom Chef persönlich hätte, würde ich mich jetzt in die nächste Kneipe setzen und mit Glühwein zukippen, bis der Arzt kommt."

 

Auch Engel sind nur Menschen, jedenfalls, wenn sie hier unten unterwegs sind.

Dafür gab es ein eigenes Mapping aus der Zentrale, das somit gleich alle überheblichen Star-Allüren des Überirdischen im Ansatz unmöglich machte.

Unser Held wollte also seinen Spaß und durfte nicht, was ihm logischerweise einen guten Bodensatz an schlechter Laune einbrachte. Vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung für seinen Auftrag.

 

Ein paar Straßen weiter betrat der kleine Mann ein großes Betongebäude von langweiliger Farbe.

Niemand bemerkte ihn, er verschwand schon im Grau in Grau, bevor sich die Pendeltüren hinter ihm wieder schlössen.

 

    "Guten Tag, mein Name ist Müller. Dr.Wilfried Müller. Ich komme im Auftrag der Landesregierung."

Der Mann hinter der Glasscheibe las das vorgehaltene Dokument, murmelte etwas von "..ja, wenn wir da heute noch jemand erreichen.." und dann etwas lauter: "Da müssen Sie in den zweiten Stock, dritte Tür rechts, Zimmer 206, Herr Dübelmann."

    "Danke!"

Der kleine Herr Müller suchte den Lift auf und verschwand damit sogleich aus dem Gedächtnis des Portiers.

 

 

Dübelmann hatte in seinem Leben viel erreicht.

Diese Bank, seine Bank, war kein Weltkonzern, aber sie hatte in dieser Region stabile Marktanteile und die Geschäfte gingen gut. Ein konservatives Haus von gutem Ruf, das Experimente verabscheute und seine Kunden stets zur vollsten Zufriedenheit bediente.

Dübelmann leitete die Bank nun im zwölften Jahr und auch zu diesem Jahresende konnten sich die Bilanzen sehen lassen. Umsatzplus, Umsatzrendite, Gewinn vor Steuern, alles schöne Zahlen.

Dübelmann liebte Zahlen und irgendwie liebten sie ihn auch. Was er anfasste, wurde ein Erfolg.

Er lächelte, sah hinaus auf die Straße, wo gerade das nachweihnachtliche Umtauschgeschäft im vollen Gange war, und zündete sich eine Zigarette an.

 

    "Guten Tag, Herr Direktor!"

Alfons Dübelmann zuckte zusammen. Kannte er diese Stimme ?

Es fiel ihm nicht ein, aber er drehte sich sicherheitshalber ganz vorsichtig um.

Nein, diesen Wicht, der da in der halboffenen Tür stand, den hatte er noch nie gesehen.

    "Bitte, was kann ich für Sie tun?!"

    "Ich befürchte, nichts, Herr Direktor", erwiderte Müller und lächelte ein wenig künstlich. In Gedanken war er dann doch eher beim Glühwein. "Wie Sie wissen, ist bald Jahresende und ich habe den Auftrag, eine kleine Unsauberkeit im Verlauf der Menschheitsgeschichte zu bereinigen."

    "Ich verstehe nicht..."

    "Erinnern Sie sich an das Hypothekengeschäft in der Altstadt vom Mai? Sie konnten damals die entsprechenden Immobilien günstig übernehmen."

    "Ja natürlich, die Ostmauerzeile. Jetzt erinnere ich mich. Die Inhaberfamilie hatte sich wirtschaftlich verschätzt. Wir konnten damals ein Angebot unterbreiten, das das Schlimmste verhinderte. Was ist denn mit diesem Geschäft?"

Dübelmann wurde aus unerfindlichem Grund nervös.

Warum bloß ? Der kleine Herr im dunklen Mantel war doch recht höflich.

 

Bankdirektor Dübelmann bot seinem Gast einen Platz an und schenkte einen Cognac ein, den sein Gegenüber dankbar annahm.

    "Nun sagen Sie mir doch, was war mit diesem Geschäft ? Und für wen arbeiten Sie ?"

Müller lächelte wieder.

    "Ich vertrete die Interessen der Geschichte. Das werden Sie schwerlich so verstehen können, aber ich kann Ihnen Folgendes dazu sagen: Der Mann, dem Sie damals seinen Besitz abgekauft haben..."

    ... "ein völlig korrektes Geschäft" ...

    ... "Ja, korrekt. Er hat sich aber leider zwei Tage später erschossen, weil ihn nach dem finanziellen Desaster seine Frau verlassen hat. Der Sohn geriet nach dem Zusammenbruch der Familie ins Drogenmillieu und der Hund musste ins Tierheim."

    "Tragisch.... aber das liegt doch nicht in der Verantwortung unseres Hauses!"

Dübelmann schaute irritiert über den Rand seiner Brille. "Sie wollen mir doch nicht unterstellen, wir hätten mit dem Geschäft wissentlich diese Leute ruiniert. Und wenn sie es waren, dann waren sie es bereits vorher "

    "Es geht hier nicht um Fragen der Schuld oder Moral, Herr Direktor. Das Problem liegt darin, dass der Sohn dieser Familie im Plan der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Er wird in achtundzwanzig Jahren, genauer gesagt achtundzwanzig Jahren, zwei Monaten und acht Tagen als Kanzler dieses Landes eine weltgeschichtlich bedeutende Entscheidung fällen. Die ist so nur mit diesem Menschen, bzw. dessen Seele oder Gehirn, wie auch immer Sie das nennen mögen, also das ist nur mit diesem Mann möglich. Jetzt ist er leider drogenabhängig und wir haben keine Chance, einen anderen Menschen noch rechtzeitig für diese Aufgabe aufzubauen."

 

Dübelmann wiegte langsam seinen Cognacschwenker in der rechten Hand.

    "Ja wenn das sooo ist...."

Er lächelte jetzt auch genüsslich und suchte mit der anderen Hand den Knopf unter seinem Schreibtisch.

    "Das würde ich lassen", sagte sein Besuch mit leiser aber präziser Stimme und zog eine Waffe aus dem Mantel hervor, "diese Dinger sind zwar schrecklich grobschlächtig als Werkzeug, aber sie passen in diesen Rahmen, also hier auf dieser Welt."

    "Nun gut, ich beuge mich der Gewalt."

Alfons Dübelmann hatte Einiges erlebt, aber bei diesem Wahnsinnigen hier schien nun doch äußerste Vorsicht angeraten zu sein. Eine vorgehaltene Beretta ist in dieser Welt ein wirksames Argument. An der Stelle irrte sein Gast keinesfalls.

    "Und was wollen Sie jetzt von mir?"

    "Eigentlich nichts."

Müller griff noch einmal in den Mantel und zog einen Schalldämpfer hervor.

    "Dieses Ding vergesse ich jedesmal. Wir sind ja gehalten, unsere Aufträge unauffällig auszuführen."

 

Dübelmann fiel der Cognac aus der Hand und schlug klirrend auf dem Parkett auf.

Zum Aufheben kam er nicht mehr.

 

Dr.Müller grüßte beim Herausgehen den Portier höflich.

    "Herr Dübelmann bleibt heute etwas länger, Sie sollten ihm nachher noch einen Kaffee bringen."

Dann verschwand er im mittlerweile Halbdunkel der Straßenbeleuchtung.

Den Glühwein schenkte er sich nach dem Cognac, es war noch ein weiter Weg zurück.

 

 

Samstag, 30. Dezember.

 

    "Angelus Wilfridus zum Chef!"

Die Stimme aus dem Lautsprecher ertönte sanft wie immer.

Er trug jetzt wieder sein weißes Hemd mit den vier Streifen an der Schulter und die goldene Ordnungsschnur.

Wenn man beim Chef antreten muss, ist korrekter Dienstanzug angesagt, sonst gibt es mächtig, wenn nicht allmächtig Ärger.

 

    "Und, Wilfridus, hast Du unser kleines Problem bereinigt?"

Der Boss war gut gelaunt und bot ihm ein Getränk an. Schon wieder Cognac.... seltsam.

    "Die Sache ist geregelt. Auf der Beerdigung von Dübelmann hatte seine Tochter einen Nervenzusammenbruch und wurde in die Psychiatrie eingeliefert. Sie hat dort unseren Problemfall bereits kennengelernt. Die Zwei verstehen sich prima über das gemeinsame Schicksal. Ich denke, den kriegen wir wieder rechtzeitig hin."

    "Gut gemacht, Wilfridus! Damit können wir den Jahresabschluss ja abhaken", entgegnete der Chef wohlwollend und dann mehr zu sich selbst: "Es ist doch immer beruhigend, seine Fachleute für Alles zu haben. Du kannst Dir jetzt den Rest von heute frei nehmen, Wilfridus. Ich werde Dir einen weiteren Streifen zuteilen lassen."       

 

Und so ward es ein friedliches Jahresende und Ihr, liebe Leut', bedenkt das Jahresendmännchen.

Es heißt vielleicht Müller, oder Meier oder Schmidt, aber es ist sehr, sehr zuverlässig.

Schließlich will es befördert werden wie wir alle.

 

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