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Die Hexe

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Als Darnbak Gistella zum Weibe nahm, konnte noch niemand auch nur ahnen, wie schlimm das einmal enden sollte.

Nur vielleicht Tornek, der Dorfälteste, ahnte etwas, denn mehr als einmal raunte er den Leuten zu: "Ich sage euch, das wird bestimmt kein gutes Ende nehmen."

Dabei hatte er die Angewohnheit, seine Stimme zu einem unheilvollen Murmeln zu senken, so dass man Mühe hatte, ihn überhaupt zu verstehen.

Darnbak, dem diese Worte natürlich zu Ohren kamen, konnte darüber nur lachen, obwohl er Tornek im Gegensatz zu den meisten anderen Dorfbewohnern sehr schätzte, da der Alte ihn schon des öfteren vor Hinterhältigkeiten gewarnt hatte. Nur dieses Mal konnte und wollte er Torneks düstere Worte nicht ernstnehmen.

Warum sollte er auch?

Gistella war wirklich eine liebreizende Frau, voll erblüht in ihrer Weiblichkeit, mit einem Antlitz wie aus Elfenbein geformt, umrahmt von Wellen aus blondem, lockigen Haar, das weich wie Seide war. Und dazu volle, rote Lippen und dunkle, unergründlich scheinende Augen.

dass ausgerechnet Gistella zum Geschlecht der Magier und Hexen gehören sollte, wie man im Dorf munkelte, konnte und wollte Darnbak nicht glauben. Er war vielmehr davon überzeugt, dass seine Nebenbuhler im Dorf dieses böswillige Gerücht in Umlauf gebracht hatten, weil sie neidisch auf ihn waren, da sie selbst gerne Gistella als Frau gehabt hätten.

Darnbak jedenfalls war überzeugt davon, dass er mit dieser wunderbaren Frau glücklich werden würde.

 

Jedoch - das Schicksal meinte es leider nicht so gut mit ihm, wie er es sich erträumt hatte. Schon nach einem Sommer war die große Liebe der kalten Ernüchterung gewichen. Gistella war kaum noch wiederzuerkennen. Ihre früher strahlende Lockenpracht hatte sich in ein Bündel strähniger, verfilzter Haare verwandelt. Ihr Gesicht hatte die frühere Schönheit und Frische verloren. Schlampig und verlottert sah sie nun aus, mit Lippen, die wohl kein Mann mehr gerne geküsst hätte. Seit sie mit Darnbak verheiratet war, hatte sie ihr Äußeres völlig vernachlässigt und nichts mehr getan, was ihrem Aussehen zum Vorteil gereicht hätte. Und dabei hatte Darnbak sie mit Schmuck, Kleidern, Haarspangen, Salben und Kämmen förmlich überhäuft, damit sie ihre Schönheit so lange wie möglich hätte erhalten  können.

Darnbak hätte es verstanden, wenn ihr Aussehen wegen schwerer Arbeit gelitten hätte, aber er hatte ihr bislang jede schwere körperliche Arbeit abgenommen, was in jener Zeit für einen Mann schon sehr ungewöhnlich war. Natürlich hatten ein paar Kerle aus dem Dorf ihn als "Weibersklaven" verspottet, aber Darnbak war ein kampfgewohnter, kräftiger Mann,  und nachdem die meisten der Spötter ihre Beleidigungen mit gebrochenen Gliedmaßen und eingeschlagenen Zähnen bezahlen mussten, wagte es niemand mehr, Darnbak auch nur schief anzuschauen.

Aber Gistella hatte sich dennoch völlig vernachlässigt und von ihrer einstigen Schönheit war nichts mehr übriggeblieben.

Darnbak, dem das natürlich äußerst missfiel, hatte schon mehrfach daran gedacht, sein Weib einfach zu töten, denn zu ihrem schlampigen Aussehen kam noch hinzu, dass sie mit jedem Tag immer zänkischer und unerträglicher wurde, so dass er sich nur noch sehr ungern in seinem eigenen Hause aufhalten mochte.

Aber es gehörte zu den Tugenden eines Kriegers, dass man kein Lebewesen ohne triftigen Grund tötete, und dieses ungeschriebene Gesetz hielt ihn davon ab, seine Frau umzubringen. Es war wohl zu diesen Zeiten durchaus üblich, dass niemand bestraft wurde, wenn er einen Feind umbrachte, der ihn angriff oder bedrohte. Aber für einen Mord an Gistella hatte Darnbak eben keinen solchen Grund; dafür würde man ihn verbannen oder sogar hinrichten.

Obwohl Darnbak eigentlich ein Mann von Ehre war, was allerdings im rauhen Nordland nicht viel zu bedeuten hatte, sehnte er sich schließlich nach einer Gelegenheit, sein ungeliebtes Weib loszuwerden, das ihm jetzt wirklich immer mehr als Hexe erschien. In ihrer Nähe konnte er es bald nicht mehr lange aushalten; er begann sich vor ihr geradezu zu ekeln und hatte bald wieder eine Angewohnheit angenommen, die er als Junggeselle gehabt hatte, nämlich die des Saufens und Hurens mit seinen alten Kumpanen.

Auch sonst benahm er sich wieder ganz so, als ginge ihn das Eheleben nicht das Geringste mehr an.

Warum auch? Wo es doch anderswo viel hübschere und nettere Frauen als Gistella gab? So dachte er es sich wenigsten.

Darnbak ging also mit Freunden auf die Jagd, feierte mit ihnen und ging fast jede Nacht zu einer Frau, nur nicht zu seiner eigenen.

Kein Wunder also, dass Gistella ihn bald abgrundtief hasste und ihm sehnlichst den Tod wünschte......

 

 

Darnbak war gerade dabei, sich Fett aus einer Holzschale in die Haare zu schmieren, um es dann glatt nach hinten zu kämmen, so wie es derzeit Mode im Lande war. Er hatte vor, sich nachher mit einer hübschen Frau aus dem Nachbardorf zu treffen, die ihm schöne Augen gemacht hatte, und war deshalb sehr in Eile.

Herausfordernd und eitel grinste er sein Spiegelbild an, als er im Spiegel sah, wie in Gistellas Augen auf einmal ein verschlagener Ausdruck trat und sie mit katzenhaften Bewegungen näherkam.

Darnbak runzelte unwillig die Stirn und wollte sich zu ihr um wenden, um sie wegzujagen, als er aus den Augenwinkeln wahrnahm, wie sich Gistella mit einem seiner langen Jagdmesser auf ihn stürzen wollte.

Seine blitzschnelle Reaktion, die er sich im Kriege und auf der Jagd angeeignet hatte, half ihm auch diesmal, sein Leben zu retten.

Mit einem panthergleichen Satz sprang er zur Seite und ließ gleichzeitig seine Faust auf ihr Handgelenk niedersausen. Gistella ließ den Dolch mit einem schrillen Schmerzensschrei fallen. Wutentbrannt schlug Darnbak noch einmal zu, und Gistella stürzte wimmernd zu Boden.

Mit einer schnellen und fließenden Bewegung zog er sein Schwert aus der gefetteten Lederscheide. Endlich war die Gelegenheit gekommen, auf die er so lange schon gewartet hatte. Gistella hatte ihn angegriffen und zu töten versucht. Nun war sie nicht länger seine Frau, und niemand würde Rechenschaft fordern, wenn er sie jetzt erschlug. Und Darnbak war fest entschlossen, es jetzt zu tun.

 

Gistella erkannte das mit einem einzigen Blick in seine Augen, in denen jetzt die blanke Mordlust leuchtete, und wusste, dass sie ihr Leben verwirkt hatte.

Taumelnd kam sie auf die Beine und wich zitternd bis an die Wand zurück. Mit einem bösen Grinsen folgte Darnbak ihr.

In ihren Augen loderte jetzt  die nackte Angst; sie sank auf die Knie und flehte ihn an, sie doch am Leben zu lassen. Sie versprach, ihm von nun an eine gute Gefährtin zu sein. Doch ihr Flehen prallte an ihm ab wie das Wasser an einem Felsen im Meer.

Langsam hob er sein scharfgeschliffenes Schwert.......

 

Gistella kniff die Augen zu und wartete auf den tödlichen Hieb.

Aber es passierte nichts.

Zögernd öffnete sie die Augen wieder, darauf gefasst, schon in der nächsten Sekunde nicht mehr zu leben.

Vor ihr stand Darnbak, das Schwert hoch über dem Kopf erhoben.

Aber er bewegte sich nicht !

Er stand da wie eine steinerne Statue, und als Gistella genauer hinsah, bemerkte sie, dass kein Atemzug seine Brust bewegte. Es war, als hätte jemand die Zeit angehalten und außer Gistella alles zur Bewegungslosigkeit verdammt.

 

Da hörte sie hinter sich ein Geräusch, und als sie sich umwandte, sah sie einen jungen Mann vor sich stehen.

Es war ein hübscher Jüngling mit lockigen, pechschwarzen Haaren, doch seine Augen waren die eines Dämonen, tiefschwarz und unergründlich; aus ihnen schimmerte die Weisheit und die Grausamkeit von Jahrtausenden. Sein Gesichtsausdruck war spöttisch und grenzenlos arrogant, er drückte Verachtung, Überlegenheit und eisige Kälte aus.

Gistella spürte die ungeheure Macht, die dieser Jüngling ausstrahlte, fast wie etwas Körperliches.

        "Wer bist du?" fragte sie tonlos und angstvoll.

        "Ich habe viele Namen," antwortete er mit einer überraschend tiefen Stimme, "und auch viele Gestalten, die ich nach meinem Belieben zu wechseln pflege. Die Christen im Süden nennen mich Satan oder auch Luzifer, doch hier im Norden nennt man mich Loki, den Herrn des Feuers und König der Finsternis. Ich bin hier, um dir meine Hilfe anzubieten. Du wirst sterben, sobald ich dich wieder verlassen habe, daran kann ich nichts ändern, denn es ist dein von ODIN bestimmtes Schicksal, welches bereits in den Runen der Nornen geschrieben steht. Aber ich kann dir die Möglichkeit geben, Rache zu nehmen."

 

Gistella spürte, dass dieser geheimnisvolle Jüngling, in dessen Macht es lag, die Zeit stillstehen zu lassen, die Wahrheit sprach.

Ihren Tod konnte er nicht verhindern, aber er würde ihr helfen, sich an Darnbak zu rächen.

Rache !!!

Oh ja, das wollte sie, denn sie hasste Darnbak aus tiefster Seele und mit jeder Faser ihres Seins.

 

        "Du kannst deine Rache haben," wiederholte der Jüngling sein Angebot.

        "Wie kann ich mich rächen?" fragte sie.

        "Das lass nur meine Sorge sein. Aber es wird dir sicher gefallen."

        "Und was muss ich dafür tun?" fragte sie voll böser Vorahnungen.

        "Du musst mir nach deinem Tode dienen, das ist alles. Überlege es dir nicht zu lange, denn ich habe nur wenig Zeit und noch viel weniger Geduld."

 

Gistella brauchte nicht lange zu überlegen. Darnbak wollte sie töten und würde es auch tun, sie abschlachten wie ein wildes Tier! Eine Welle roten Hasses wallte in ihr auf und wischte alle Bedenken beiseite.

        "Ja," stieß sie hervor, "ja, ich will Rache, und ich werde dir dienen, Herr der Finsternis."

        "Gut, dann wird alles so geschehen, wie ich es wünsche," sagte der Jüngling mit dämonischem Grinsen und verschwand schlagartig.

Und mit seinem Verschwinden ging auch die Zeit plötzlich weiter......

 

Mit rasender Geschwindigkeit sah Gistella Darnbaks Schwert auf sich niedersausen. Sie spürte einen furchtbaren Schmerz und dann ---- nichts mehr.

 

 

Darnbak hatte ihr mit einem einzigen Schlag den Kopf vom Rumpf getrennt. Der Schädel, dessen Mund und Augen weit aufgerissen waren, schlug hart auf den Boden auf und rollte in eine Ecke. Blut schoss schäumend aus dem Halsstumpf und traf Darnbak ins Gesicht.

Er sah den kopflosen Körper zusammenbrechen und begann lauthals zu lachen. Wie ein Dämon sah er aus, mit blutverschmiertem Gesicht und den glühenden Augen eines Wahnsinnigen.

Voller Triumph lachte er; endlich hatte er es geschafft, von diesem unerträglichen Weib loszukommen. Er war frei !!!

Nun konnte er wieder sein altgewohntes Leben weiterführen und brauchte sich nie mehr ihr Gekeife anzuhören. Darnbak schwor sich in diesem Augenblick, niemals wieder zu heiraten.

 

Er lachte noch immer, als er nach dem abgeschlagenen Kopf Gistellas schaute, doch dann klang sein Gelächter plötzlich aufgesetzt, gekünstelt und endete in einem schrillen Missklang.

Was er jetzt sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren.

 

Der Kopf bewegte sich !!!

 

Er rollte mit weit aufgerissenen Augen hin und her, wobei er den Mund öffnete und schloss, als würde er nach Luft schnappen wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Zunächst hielt Darnbak diesen grausigen Anblick für ein Phantasieprodukt seiner überreizten Sinne, doch als sich dann der Kopf geisterhaft langsam in die Luft erhob, wusste Darnbak, dass dies keine Einbildung mehr war, sondern dass hier böse und unheimliche Kräfte am Werk waren. Ihm standen die Haare zu Berge, als sich der bluttriefende Schädel noch höher in die Luft erhob und plötzlich rasend schnell auf ihn zu sauste.

Mit einer rein instinktiven Reflexbewegung schlug Darnbak mit dem Schwert zu und spaltete den Schädel in zwei Hälften. Gehirnmasse fiel heraus und landete mit einem ekligen Klatschen auf dem Fußboden.

Ein meckerndes Gelächter erscholl aus dem Nicht, und der halbierte Kopf kam von neuem auf ihn zu.

Das war einfach zuviel für Darnbak. Mit einem lauten Aufschrei des Entsetzens warf er sich herum und rannte wie von Furien gehetzt aus dem Haus in die Nacht hinaus. Hinter sich schlug er noch schnell die schwere Bohlentür zu. Von der anderen Seite hörte er einen dumpfen Aufprall, als die beiden Schädelhälften gegen die Tür krachten.

Darnbak lief durch das nächtliche, wie ausgestorben scheinende Dorf. Kein Mensch war zu sehen, und auch in den Häusern brannte nicht ein einziges Licht. Der helle Mond stand hoch am nächtlichen Himmel und beschien die schneebedeckten, niedrigen Hütten mit seinem fahlen Licht. Keuchend lief Darnbak durch die leeren Gassen und blickte immer wieder gehetzt hinter sich, nach Verfolgern aus dem Jenseits schauend. Er glaubte einige unförmige Gestalten zu sehen, aber immer, wenn er genauer hinschaute, waren sie verschwunden.

Schließlich wurde er ruhiger und blieb stehen. Und er begann sich einen Narren zu schimpfen, der vor seinen eigenen Phantasiegestalten davonrannte wie ein ängstliches Kind.

Und wenn es doch keine Einbildung war, nun, er war als Krieger schon mit ganz anderen Dingen fertiggeworden. Mit Odins Hilfe würde er auch gegen diesen Höllenspuk bestehen.

Entschlossen drehte er sich um und ging zu seinem Haus zurück.

Doch plötzlich tauchte vor ihm ein riesiges, schwarzbepelztes Monstrum auf, das gemächlich auf ihn zukam, gewaltige Arme mit entsetzlichen, krallenbewehrten Klauen nach ihm ausstreckend.

Mit aller Kraft schwang Darnbak sein Schwert und ließ es mit voller Wucht auf den dreieckigen Schädel des Ungeheuers niedersausen.

Sein Entsetzen war grenzenlos, als er sah, wie sein gutes Schwert zerbrach, als wäre es aus morschem Holz, während die schwarze Kreatur nicht im geringsten davon beeindruckt wurde.

Mit einem gellenden Aufschrei warf sich Darnbak herum, um vor dieser grauenhaften Kreatur die Flucht zu ergreifen. Aber er kam nur ein paar Schritte weit.

Schlagartig überkam ihn eine nie gekannte, grenzenlose Müdigkeit. Seine Beine wurden immer schwerer und versagten ihm schließlich den Dienst. Ein dunkler Nebel legte sich um sein Bewusstsein und betäubte sein Denken.

 

Vor einem Schneemann, den die Kinder am Vortage gebaut hatten, und der einen alten, rostigen Helm und ein altes, schartiges Schwert bekommen hatte, blieb er völlig erschöpft stehen, kaum noch in der Lage, sich auf den Beinen zu halten.

Mühsam drehte er sich um und zog den Dolch, bereit, sein Leben so teuer wie nur möglich zu verkaufen, obwohl er kaum noch aufrecht stehen konnte.

Hier war böse Hexerei im Spiel, das wusste er jetzt, die ihm seine Kraft raubte und zum hilflosen Schwächling machte.

Er sah die schreckliche Kreatur, die aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle zu stammen schien, langsam auf sich zukommen. Und er sah, dass dieses grässliche Wesen jetzt nicht mehr allein war. Die unheimlichen Geschöpfe der Finsternis umringten ihn und starrten ihn aus rotglühenden Augen an.

Etwas unsäglich Fremdes, Unbegreifbares fasste nach seinem Geist - es wurde schwarz um ihn, und er stürzte in bodenlose Tiefen hinab........

 

 

Als er erwachte, wusste er zunächst überhaupt nicht, wo er sich befand. Doch dann erwachte in ihm die Erinnerung an die Geschehnisse der letzten Nacht.

Er hatte wohl das Bewusstsein verloren und war im Schnee liegengeblieben. Aber wo waren die schwarzen Ungeheuer geblieben?

War alles nur reine Einbildung gewesen?

 

Die helle Morgensonne stach ihm grell in die Augen, so dass er geblendet den Kopf abwenden wollte.

Aber das ging nicht !

Was hatte das zu bedeuten? Er konnte sich kein bisschen bewegen, abgesehen von seinen Augen, mit denen er nun an sich herunterschielte. Dabei sah er, dass sein ganzer Körper mit festgeklopftem Schnee bedeckt war.

Plötzlich erklang leises, hämisches Gelächter, und Darnbak merkte, dass dieses Lachen, Gistellas Lachen, nur in seinem Kopf zu hören war.

        "Du wunderst dich jetzt wohl," kam ihre hohntriefende Stimme aus irgendeinem Winkel in seinem Schädel.

        "Wo bin ich? Was ist passiert?" dachte er fragend.

        "Soll ich dir das wirklich sagen?" vernahm er wieder Gistellas Stimme, "Nun, ich will es dir erklären, liebster Gatte. Ich habe mir für meine Rache etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Du hast mich zwar umgebracht, aber ich lebe auf eine Art weiter, die für dich nicht begreiflich ist. Nun wirst DU sterben, aber auf eine Weise, die schrecklicher ist als hundert Tode. Du weißt doch sicher, was ein Schneemann ist, nicht wahr? Kennst du den Schneemann, den die Kinder gebaut haben? Nun, mit Hilfe meines finsteren Meisters habe ich deine Seele in dieses leblose Ding aus Schnee gebannt. Jetzt hast du einen neuen Körper, schön leblos und kalt, aber dennoch fähig, Schmerzen zu fühlen. Wie gefällt dir das, mein lieber Gatte?"

 

Darnbak wusste, dass sie die Wahrheit sagte, und furchtbarer Schrecken erfüllte ihn.

        "Gistella!" schrien seine Gedanken, "Gib mir meinen Körper zurück!"

        "Den haben doch schon längst die Dämonen gefressen," lachte sie, "Heute nacht hatten sie ein Festmahl mit deinem warmen Fleisch."

        "Gistella!" schrie er wieder mit seinen lautlosen Gedanken, doch nur ein schrilles, teuflisches Lachen antwortete ihm. Dann war ihre Geisterstimme fort und ließ ihn allein zurück........

 

Später kamen einige Kinder angelaufen. Sie blieben vor ihm stehen, rissen ihm das alte, rostige Schwert aus den Eishänden und schlugen damit zum Spaß auf ihn ein, ohne auch nur zu ahnen, welche grauenhaften Schmerzen sie Darnbak zufügten.

Jetzt erst wurde ihm klar, dass er auf entsetzliche Weise sterben würde.

 

Endlich ließen die Kinder wieder von ihm ab und wandten sich einem neuen Spiel zu. Ein Mädchen blieb zurück, packte neuen Schnee auf die zerschlagenen Stellen und klopfte ihn wieder fest, während Darnbaks Seele in unsäglichen Qualen wimmerte.

Zwei Tränen rollten aus den schwarzen Kohleaugen des Schneemannes, die jedoch in der kalten Luft sofort zu Eis gefroren. Die Kinder bemerkten es nicht.

Dann war Darnbak wieder allein, gefangen im kalten Schneekörper.

 

Irgendwann in den nächsten Tagen würde es anfangen zu tauen......

 

Ende

 

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