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Der Gott

und die Wächter

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Ich kam mitten in der Nacht und die Posten waren sehr misstrauisch, als sie meiner ansichtig wurden. Einer von ihnen hätte mir beinahe einen Armbrustbolzen in die Brust gejagt. Aber dann hielten sie es für besser, mich nicht zu töten, sondern ihren Anführer zu holen. Dieser musterte mich eingehend im Schein der Fackeln, die seine Leute hielten. Es war ein junger, hochgewachsener Mann, ein Leutnant in der Uniform einer Nation, die ich nicht kannte.

 

    "Ich bin nur ein einsamer Wanderer, der gekommen ist, um morgen früh an der Küste den Sonnenaufgang zu betrachten. Wenigstens solange, bis der Kampf und das Sterben beginnt," sagte ich zu ihm.

    "Wie lautet dein Name und woher kommst du?"

    "Ist es nicht unwichtig, wie ich heiße? Morgen schon habe ich einen anderen Namen. Und woher ich komme? Ich habe es vergessen. Es ist schon sehr lange her, dass ich von irgendwoher kam. Nun will ich nur noch irgendwohin, obwohl das in diesen Zeiten auch keinen Unterschied mehr macht."

 

Seltsamerweise schienen ihn meine Worte irgendwie zufriedenzustellen. Vielleicht war es ihm auch nicht wichtig, was ich sagte, sondern wie ich es sagte. Er verlor etwas von seiner militärischen Haltung, wurde freundlicher und auch menschlicher.

    "Komm mit an unser Feuer," meinte er, "Wir sind nicht viele, nur eine Hundertschaft, aber wir sind das letzte Aufgebot von Hochquitanion. Wenn du eine Waffe brauchst, kann ich dir eine geben und wenn du willst, kannst du morgen in unseren Reihen kämpfen."

    "Ich habe eine Waffe," sprach ich, "aber mir ist es egal, wo und bei wem ich morgen kämpfe, dennoch danke ich dir für dein Angebot, Leutnant."

 

Wir gingen zusammen zum Feuer, nur die Posten blieben zurück, um einen Weg zu bewachen, dessen Bewachung weder wichtig noch bedeutend war. Sie taten es, weil man es ihnen befohlen hatte; und man hatte es ihnen befohlen, weil es zur Routine eines Krieges gehörte, irgendwelche Wege zu bewachen.

Doch dies war kein normaler Krieg, es war ein ganz anderer, neuer und viel grausamerer Krieg. Er gehorchte nur seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten und nicht den Regeln, welche die Menschen ihm geben wollten.

 

Die Männer an den Feuern waren ruhig, ja, sie wirkten sogar gelassen, aber das täuschte. Einige tranken Wein, nicht viel, zumindest nicht genug, um davon betrunken zu werden, aber vielleicht - oder ziemlich sicher - war es das letzte Mal, dass sie noch Wein trinken konnten. Andere lagen nur einfach da und starrten in den Himmel oder die Leere über dem Meer; wieder andere hockten beisammen und würfelten oder spielten mit bunten Karten. Beim mittleren Feuer hatten sie eine Fahne in den Boden gerammt. Diesem bunten Fetzen Stoff würden sie morgen folgen und hinter ihm würden sie fallen und sterben.

 

Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander, der Leutnant und ich, dann drehte ich zwei Zigaretten und gab ihm eine und wir rauchten genauso schweigend.

 

Schließlich fragte ich, nur um überhaupt etwas zu sagen: "Wer hat denn eigentlich das Kommando hier?"

    "Ich," antwortete der Leutnant, "Wir waren mehr Leute, als wir aufbrachen und ein Hauptmann führte uns an, aber er starb an einem Schlangenbiss, deshalb habe ich jetzt das Kommando über dieses Aufgebot."

    "Nein, ich meine nicht nur diese Truppe aus Hochquitanion, sondern alle hier an der Küste, auch die anderen Kontingente," erklärte ich und machte dabei eine weit ausholende Geste, welche eine ganze Reihe von Feuern einschloss, an denen andere Gruppen lagerten, ähnlich dieser, Menschen, die sich einsam und verlassen vorkommen mochten und dennoch von einer stoischen Ruhe waren. Von einer Ruhe der Verzweiflung und Resignation, denn sie konnten das Schicksal der Menschen nicht mehr ändern. Es war wohl nicht nur ihr eigener bevorstehender Tod, der sie so verzweifelt machte, sondern das Schicksal allgemein, jene Apokalypse, die nach der großen weltweiten Katastrophe zum wiederholten Male über die Erde und die Menschen kam, als wäre alles Leid noch nicht genug.

    "Nein," sagte der Leutnant, "Es gibt hier keinen General. Eigentlich sollte da schon einer sein, der alles leitet und die Befehle gibt. Aber ich glaube nicht, dass dadurch morgen ein Unterschied sein wird."

    "Nein, einen großen Unterschied wird es da kaum geben," bestätigte ich.

 

    "Aber eigentlich sollte es doch einen General geben," griff er das Thema nach einer Weile wieder auf, "Ich meine, der Ordnung wegen. Es muss doch alles seine Ordnung haben, auch der Krieg, oder besonders der Krieg."

    "Warum?" fragte ich ihn, "Jene, die morgen gegen uns stehen werden, sind Kräfte der Unordnung, die bedauernswerten Nachkommen derer, deren Körper vor Jahrhunderten vom Strahlenfluch so grausam verformt wurden. Sie vermehren sich schneller als sie sterben und sie wollen aus ihrem verseuchten, überfüllten Land heraus, um sich im Land der letzten Menschen niederzulassen. Sie sind angefüllt von Hunger und vom Hass auf alle, die die alte Ordnung verkörpern. Dies ist kein Krieg, dies ist ein Überlebenskampf, wie er überall in der Natur gefochten wird. Spielt es da eine Rolle, ob wir eine Ordnung haben oder nicht? Wir kämpfen, das ist alles und wir verlieren, so oder so. Denn unsere Zahl wird immer kleiner, während der Feind mit jedem Male zahlreicher wird. Alles andere ist längst ohne Bedeutung geworden."

    "Aber die Ehre," meinte der Leutnant, "Wenn wir schon nicht für den Sieg und nicht einmal fürs Überleben kämpfen können, dann doch wenigstens für unsere Ehre."

Ich schnippte den Stummel meiner Zigarette in die Flammen des Feuers und sah zu, wie sie Papier und Tabak auffraßen, genauso wie der graue Strudel der Zeit Dinge wie die Ehre auffraß. Nein, Ehre war nichts, was so wichtig gewesen wäre, als dass man auch nur einen Atemzug daran verschwenden sollte, oder einen Gedanken.

 

    "Willst DU nicht unser General sein, wenn wir keinen haben?" schlug der Leutnant vor.

Ich zuckte mit den Schultern.

    "Warum ich? Warum nicht du, irgendeiner von deinen Leuten, oder jemand von den anderen Gruppen?"

    "Ich muss bei meinen Leuten bleiben," sprach er leise, "Wir sind aus Hochquitanion. Wir sind alles, was es dort noch an Hoffnung gibt - und das ist nicht viel. Ich bin für meine Leute verantwortlich und ich möchte mit ihnen zusammen kämpfen und sterben. Nein, ich will nicht der General sein."

 

Er fühlte sich verantwortlich für seine Männer und das warf für mich die Frage auf, für wen oder was ich mich eigentlich verantwortlich fühlte. Für niemanden? Oder nur für mich selbst? Das erschien mir irgendwie schal, denn ich wusste um meine Unsterblichkeit und darum, dass mir nichts geschehen konnte, was mir nicht schon geschehen war. Nein, wenn ich verantwortlich war, dann für alle, die an diese Küste gekommen waren, um zu kämpfen und zu sterben, in einer sinnlosen Schlacht, in der Apokalypse der Menschheit und der Welt.

 

    "Gut, ich will der General sein," sprach ich, "Vielleicht macht es denen Mut, die Angst haben, aber dass es die Verzweiflung und Resignation der anderen lindert, wage ich nicht zu hoffen."

    "Gib uns eine Losung," verlangte der Leutnant, "Einen Schlachtruf, den wir rufen können, wenn wir kämpfen."

    "Ich kann euch keine Losung geben," bekannte ich, "Und Schlachtrufe habe ich schon so viele gehört, dass sie mir alle gleich sinnlos erscheinen. Aber ich will dir etwas anderes zeigen, ein Feldzeichen."

Und ich malte mit der Spitze meines Schwertes ein Zeichen in den Sand, einen Kreis, in dem sich ein Quadrat befand.

    "Was ist das?" fragte der Leutnant.

    "Ein sehr altes Zeichen. Man kannte es vor der großen Weltkatastrophe als Zeichen der Wissenschaft und Forschung. Ein Mann namens Leonardo da Vinci erfand es vor vielen Jahrhunderten. Er zeichnete einen Mann mit ausgestreckten Armen und Beinen hinein, um zu beweisen, dass das Idealmaß des Menschen der Kreis und das Quadrat seien. Und vielleicht auch, um zu beweisen, dass man den Kreis quadratieren kann. Ich weiß es nicht mehr genau, denn zu jener Zeit war meine Macht klein und ich war verbannt aus dieser Welt. Aber dieser da Vinci war ein Genie und ein großer Künstler. Dies hier ist ein Zeichen dafür, dass alle Dinge eine feste Ordnung haben und dass der Mensch sich auch in einer Ordnung befindet. Das scheint mir gut, denn wir kämpfen für eine Ordnung, auch wenn die Menschen vor langer Zeit die Ordnung der Alten Welt selbst zerstörten."

    "Ja, wir kämpfen für eine Ordnung," sagte der Leutnant und lächelte müde, "Und deine Worte haben mir verraten, wer du bist. Aber du bist allein, ohne die anderen von Asgard und so wird sich wohl nichts ändern. Ich werde dieses Zeichen auf meine Fahne sticken lassen und meine Männer sollen es sich auf die Schilde malen. Wenn wir morgen den Feind sehen, werden wir den Namen dieses Mannes da Vinci als Schlachtruf benutzen."

    "Tut dies," sprach ich und verließ das Feuer der Männer von Hochquitanion, um zu den anderen Gruppen zu gehen und ihnen zu sagen, dass sie einen General hatten, einen General und ein Feldzeichen und einen Schlachtruf.......

 

 

Das nächste Lager war kleiner, es saßen weniger Menschen um ein Feuer, vielleicht zwanzig oder auch fünfundzwanzig. Es waren Männer und Frauen und auch ein paar alte Menschen und halbwüchsige Kinder. Alle waren bewaffnet, aber unterschiedlich; manche mit langen, rostigen alten Dolchen, wieder andere mit blitzenden Schwertern, Lanzen, Armbrüsten und mannsgroßen Bögen. Sie sprachen leise miteinander, doch sie verstummten, als sie meiner gewahr wurden.

 

    "Wer seid ihr?" fragte ich sie.

    "Wir sind die Wächter," antwortete mir ein sehr alter Mann, "Wir bewachen die Küste. Und wir bleiben unter uns, wir wollen keine Fremden bei uns haben."

    "Ich bin kein Fremder, ich bin euer General. Und ich werde euch morgen führen, wenn die Schlacht beginnt. Ich habe ein Feldzeichen für euch, denn wir kämpfen für die alte Ordnung der Welt und wir wollen den Kräften des Chaos zeigen, dass wir sie verachten, auch wenn sie uns die Herzen aus der Brust reißen."

 

Irgendwie klangen meine Worte hohl und falsch, ich glaubte selbst nicht daran, aber vielleicht würden diese Wächter es glauben, das war auch schon etwas. Dieser Krieg war ein Krieg der Menschheit oder derer kümmerlichen Reste und auf die Menschen kam es an, nicht auf mich.

    "Das ist gut," sagte der Alte, "Ich war schon viermal dabei an dieser Küste, aber noch nie hatten wir einen General. Ja, es wird gut sein, einen Anführer zu haben, auch wenn es am Ende nichts nützen wird. Irgendwann wird auch Australien, das letzte Menschenland, in die Hände der anderen fallen. Und dann wird es keine Menschen mehr geben."

    "Warum bewacht ihr die Küste?" fragte ich sie, "Es weiß doch jedes Kind, dass der Feind alle dreizehn Jahre kommt, immer an derselben Stelle, immer im gleichen Monat."

    "Vielleicht kommen sie mal früher oder mal später," meinte eine Frau, "Oder gar nicht mehr. Vielleicht vermehren sie sich schneller als sonst, vielleicht hören sie endlich auf, sich so rasend schnell zu vermehren wie bisher. Vielleicht gibt es auf der anderen Seite des Wassers irgendwann wieder genug Nahrung und sie hören auf, hierher zu kommen, um dem Hungertod zu entfliehen. Irgendjemand muss doch da sein, der die Küste bewacht, um es den anderen Sippen sagen zu können."

    "Richtig," stimmte ihr der Alte zu, "Beim erstenmal, als ich dabei war, in der Zeit der dritten Apokalypse, da war der ganze Strand voll. Über hunderttausend Menschen aus ganz Australien lagerten hier und warteten auf den Kampf. Damals hatten wir sogar noch Gewehre und Munition. Aber sieh dich um, General. Wieviele sind es heute noch? Tausend? Fünftausend? Zwanzigtausend? Es sind viel weniger als damals und beim nächstenmal werden es noch weniger sein. Warum, General? Weil es keine Menschen mehr gibt, die noch kämpfen können? Weil sie Angst haben vor dem Tod, der sie ohnehin ereilen wird? Weil sie schon mit der Apokalypse gelebt haben seit ihrer Geburt? Ich weiß es nicht, aber ich weiß: Es wird immer Menschen geben, solange es welche gibt, die den Mut haben, hier zu kämpfen und zu sterben, damit die restlichen Sippen der Menschheit wieder etwas mehr Zeit bis zum Untergang haben. Aber irgendwann, vielleicht in sechsundzwanzig, in zweiundfünfzig oder in hundertvier Jahren, werden keine Menschen mehr hier sein. Und dann kann der Feind ins Land eindringen und die letzten Sippen auslöschen. Deshalb sind wir Wächter und deshalb werden wir Wächter bleiben, bis wir die letzten sind, die noch kämpfen."

    "Aber viele von euch werden morgen nicht mehr leben, vielleicht alle," erwiderte ich, "Wer wird dann in den Türmen auf den Hügeln sitzen und wachen?"

    "Es werden neue kommen. Es gibt Wächter seit der ersten Apokalypse, es hat immer welche gegeben und es wird welche geben, solange die Apokalypse anhält."

    "Ich hoffe es für euch und auch für mich," sagte ich leise, grüßte sie und ging weiter zu den anderen Feuern. Ich fragte sie nicht, wieviele Wächter sie vor dreizehn oder vor sechsundzwanzig Jahren gewesen waren, denn ich fürchtete die Antwort. Sicher waren es mehr gewesen, viel mehr.

Und ebenso sicher würden es beim nächsten und übernächsten Mal und bei allen noch darauffolgenden Malen immer weniger sein.....

 

Als ich durch die Dunkelheit zum nächsten Lager ging, hatte ich eine Begegnung. Plötzlich erhoben sich aus dem Sand, der unter meinen Füßen knirschte, Schatten und traten vor mich hin als aufrechte, lebende Wesen:

Götter aus Asgard - wie ich selbst.

Sie grüßten mich und ich grüßte sie, dann standen wir einander stumm gegenüber. Ich wusste nicht, was ich ihnen sagen sollte, weil ich nicht einmal sicher war, ob ich ihnen etwas zu sagen hatte. Aber sie nahmen mir die Mühe und die Verlegenheit ab.

Es war FREYA, die schöne Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe, die zu mir sprach und sie war von einer überwältigenden Schönheit, die nur ein Wort treffend beschreiben konnte: göttlich.

    "Komm zurück nach Asgard, THOR, dein Platz ist nicht hier. Du kannst den Menschen nicht mehr helfen, nicht ihr Ende verhindern. Die Menschen haben ihren Untergang selbst heraufbeschworen, als sie die furchtbaren Kräfte der Atome entfesselten, einer Macht, die nur den Göttern vorbehalten sein durfte. Die Entwicklung ihres Geistes hielt nicht Schritt mit der Entwicklung ihrer Technik. So wurden sie zu technisierten Barbaren, ohne jede Rücksicht und ohne Hemmungen. Sie haben die Welt, wie sie einst war, für alle Zeiten zerstört. Und auch Australien, die letzte Zuflucht derjenigen, die der grauenhaften Veränderung durch den Strahlenfluch entgingen und deshalb noch Menschen geblieben sind, wird durch die Nachkommen der Verformten und Veränderten überrannt werden, denn auch diese monströsen Wesen wollen leben wie die Menschen. Sie werden immer wieder kommen, immer dann, wenn sie jenseits des Meeres keine Nahrung und keinen Platz mehr haben für jene, die alle dreizehn Jahre geboren werden. Und diese, die dort keinen Lebensraum mehr finden, werden zu Tausenden in ständigen, unveränderlichen Zyklen immer wieder aufs neue gegen diese Küste anrennen, alle dreizehn Jahre, bis hier niemand mehr ist, der ihre Flut aufhält. Dann werden auch die letzten Menschen untergehen. Sie werden vergehen und du kannst es nicht ändern, THOR, denn für sie ist kein Platz mehr im Universum."

    "Nein," antwortete ich und das war eine Antwort auf zwei Dinge, "Ich komme nicht zurück nach Asgard und ich weiß, dass ich den Menschen helfe, auch wenn ich ihr Schicksal weder wenden noch mit ihnen teilen kann."

    "Sei nicht so sicher, dass du es nicht teilen könntest," warf BALDUR düster ein, "Man gesteht dir in Asgard gerne eine gewisse Narrenfreiheit zu, aber ODIN wird langsam ungehalten und ich fürchte, er könnte auf den Gedanken kommen, dich diesmal nicht wieder neu auferstehen zu lassen. Oder dich für einige Jahrtausende das Leben eines Reptils führen lassen, bei vollem Wissen und Bewusstsein deiner Herkunft und deines Schicksals."

    "Das glaube ich kaum und wenn, so soll er es meinetwegen tun. Aber auch in Asgard gibt es eine Opposition und sie wird langsam stärker, wenn ich mich nicht irre. ODIN mag sich einen solchen Schritt als abschreckend vorstellen, aber wenn die anderen erst einmal sehen, dass auch einer von Asgard durch die Apokalypse direkt oder indirekt umgekommen ist, werden sie sich fragen, wie sicher sie eigentlich selbst noch sind. Und vielleicht erkennen sie dann, dass meine Befürchtung nicht so abwegig ist, wenn ich wie schon so oft behaupte, dass mit dem Untergang der Menschen auch unser Schicksal besiegelt ist. Ihr wisst ja, wie klein und schwach wir waren, als sich die Menschen von uns abwandten und sich den anderen Göttern zuwendeten, dem Christengott, dem Allah, dem Buddha und den vielen anderen, die gnädiger als wir erschienen und oft nur in ihren Wunschvorstellungen oder im Menschen selbst existierten. Erst als wir das ARMAGEDDON überlebten und die Menschen sich unserer wieder erinnerten und die alte EDDA wieder zur Schrift der Weisheit und Wahrheit wurde, da waren wir wieder stark, stärker als je zuvor, mit mehr Macht ausgestattet als in vergangenen Zeiten. Vielleicht werden wir aber für immer vergehen, wenn niemand mehr da ist, der uns anbetet, an uns glaubt und uns Opfer bringt. Auch ODIN wird sich irgendwann diese Frage stellen müssen. Selbst wenn es nicht so ist, warum sollte es dann falsch sein, dem sterbenden Menschengeschlecht in seiner Todesstunde beizustehen? Dürfen wir, die Götter von Asgard, nicht so barmherzig sein wie jener vergangene Sklavengott, den die Christen einst anbeteten?"

 

Sie antworteten mir nicht, aber der fuchsgesichtige LOKI machte einen recht nachdenklichen Eindruck. Er war verschlagen, boshaft und listig und ich traute ihm alles andere zu als mein Freund zu sein, aber gerade wegen seiner Verschlagenheit und Hinterlist hatte er mehr Grips im Kopf als all die anderen. Noch zögerte er, weil ich alleine stand, ein Ausgestoßener und Geächteter, aber im Geiste war er schon ein Vertreter meiner Sache."

 

    "Du schuldest mir noch Dank für einen alten Dienst, FREYA," sprach ich die Göttin an, "Wäre es zuviel verlangt, wenn ich dich um eine Kiste Schnellfeuergewehre und ein paar tausend Schuss Munition bitte?"

 

Sie lachte, aber ihr Lachen klang traurig und bitter.

    "Du weißt es doch selbst, THOR. Du würdest damit nichts ändern, nur die Relationen und Dimensionen des Kampfes und das Ergebnis wäre am Ende doch das gleiche."

    "Ja, das weiß ich, aber es gibt hier einen jungen Leutnant, der sich um einen so fürchterlich abstrakten Begriff wie die Ehre sorgt und ihm würde es gefallen, ein paar Feinde mehr getötet zu haben als er es mit dem Schwert könnte."

    "Ich kann dir nicht helfen, THOR," sagte sie, während ihre schöne Gestalt zu verblassen begann. Auch die der anderen verschwammen, wurden undeutlich und nebelhaft.

    "Grüßt ODIN von mir!" rief ich ihnen nach, wild, höhnisch, herausfordernd, denn ich hätte ihn gerne hier gesehen. Ich bekam darauf keine Antwort.

Die Erscheinungen verschwanden endgültig und ich ging weiter am Strand entlang.

 

 

Im nächsten Lager wurde ich erkannt. Ich weiß nicht, warum und wie, aber es war so und das war mir nicht sehr angenehm. ODIN wollte nicht, dass die Sterblichen wussten, wer da unter ihnen war und mit ihnen kämpfte und wenn ich ehrlich sein soll, so war mir der Gedanke, er könne sich rächen, äußerst unangenehm. Hätten wir hier eine echte Chance gehabt, diesen Krieg siegreich zu beenden und die Apokalypse endgültig zurückzuschlagen, so hätte es mir nichts ausgemacht, denn dann hätte ich mich gegen ihn behaupten können, wenigstens für eine Weile; anschließend hätten wir weitergesehen, wie sich die Dinge entwickelt hätten. So aber......

 

Es waren eine Menge Leute bei den nächsten Feuern versammelt, etwa tausend, wie ich schätzte. Sie sahen aus wie Priester und sie waren wohl auch so etwas wie eine Sekte, doch sie waren gut bewaffnet und zum Kampf bereit, wie ich sehen konnte.

Ich trat zwischen sie und sagte ihnen, dass ich ihr General sei, aber ich glaube, sie verstanden meine Worte gar nicht, denn sie starrten mich nur alle wie verklärt an. Dann stand einer von ihnen auf, kniete vor mir nieder und küsste meine staubigen Stiefel.

    "THOR, der Gott der Blitze und Stürme, der Beschützer Midgards und der Menschen, er ist gekommen!" rief er laut, "Preiset diesen Tag, Brüder und Schwestern, die Sterblichen werden von ihren alten Göttern unterstützt. Nun werden wir über die Apokalypse triumphieren!"

    "Ich bin nur ein einziger und ich bin allein gekommen, gegen den Willen der anderen von Asgard," sprach ich, "Und ODIN nahm mir einen großen Teil meiner einstigen Macht über die Elemente."

Es schien ihn und auch die anderen überhaupt nicht zu stören.

    "Es ist ein Symbol," meinte er, "Und als solches ist es für uns sehr wichtig."

 

Ich konnte nichts Wichtiges mehr an Symbolen finden, denn ich hatte zu viele untergehen sehen, zu viele selbst in meinen vielen Daseinsformen zerbrochen, um ihnen noch irgendeinen Geschmack abgewinnen zu können. Aber diese Menschen sahen es wohl anders und wenn ich ihnen auch nicht zustimmen konnte, so freute mich ihre Haltung doch, denn sie zeigte mir, dass ich ihnen wirklich einen Teil ihrer grausamen Bürde erleichterte.

 

 

Viel später, als sich die Nacht bereits ihrem Ende zuneigte und ich noch viele andere Feuer besucht hatte; kleine, helle Festungen des Lichts in der Dunkelheit, die fallen würden, wenn die morgendlichen Seenebel sich zeigten und ihren grässlichen Kern ausspuckten, hatte ich eine Vision.

Ich starrte hinaus aufs Meer, dorthin, wo der Feind war und die große Leere der See, wo ich das Donnern der Brandung hören konnte.

Wie ein wütendes Tier kam mir das Meer vor, das ständig die Küsten berannte und sie eines Tages wohl auch verschlingen würde.

Dieses Land und das Meer, die Welt überhaupt, waren älter als die Menschen, die Götter und der Feind. Es war eine tröstliche und zugleich bedrückende Überlegung.

 

Doch wenig Tröstliches war an dem, was ich in meiner Vision sah:

Es waren Massen von Wesen, die ähnlich aussahen wie Menschen, jedoch mit monströsen Körperverformungen. Für mich waren sie allesamt grau und ohne Gesichter, aber mit primitiven Waffen in den Händen. Es ist das Charakteristikum jedes Feindes, besonders eines unbekannten, gesichtslos zu sein. Es hebt ihn hervor, macht ihn überhaupt erst schrecklich, un- oder gar übermenschlich.

Ja, gesichtslos waren sie, nicht nur für die Menschen, sondern auch für mich; grauenhafte Kräfte der Destruktion und des Chaos.

Aber was wusste ich eigentlich von ihnen? Doch nur, dass sie die Nachkommen strahlenverseuchter Menschen waren, jenen Opfern der schrecklichen Katastrophe, welche den größten Teil der Welt radioaktiv verseucht hatte. Jene bedauernswerten Menschen hatten ihre genetischen Mutationen ihren Kindern vererbt und dadurch eine Rasse von Monstren erzeugt. Mehr wusste ich nicht über jene Wesen.

Waren sie noch einzelne, unterscheidbare Geschöpfe oder wurden sie nur gelenkt wie die Glieder eines einzelnen Organismus, vergleichbar mit den Ameisenstämmen, nur weitaus diffiziler? Spürten sie Schmerz, Hunger und Durst, das Brennen des Blutes in offenen Wunden, die Angst vor dem tödlichen Hieb?

 

Und - waren WIR nicht vielleicht genauso gesichtslos und schrecklich für sie?

Konnten sie unterscheiden zwischen dem jungen Leutnant und dem alten Mann von den Wächtern ?

Sicherlich - sie waren die Angreifer und sie störten und zerstörten die alte Ordnung der Welt, die sie bis auf Australien, das letzte Menschenland, schon beherrschten und zwangen uns eine zyklische, anscheinend immerwährende Apokalypse auf, die uns zermürbte, einen Untergang auf Raten, bei dem abzusehen war, wann er endgültig sein würde.

Aber taten sie es aus freiem Willen oder weil sie dazu gezwungen waren, von irgendwelchen Vorstellungen, von der Notwendigkeit, von Mangel an Lebensraum, durch Vertreibung durch jene, die ihnen in ihrem Geburtsland keinen Platz mehr machen konnten? Oder wurden sie nur von Hass und Fanatismus angetrieben?

 

Ich fand keine Antworten auf all diese Fragen und deshalb ließ meine Vision nur Zweifel zurück und ein kleines Stück Hoffnungslosigkeit mehr.........

 

Der blutrote Sonnenschimmer des Morgens zeigte sich und wie auf ein Kommando brachen die dichten Nebelschwaden auseinander und gaben den Blick frei auf die erschreckend große, graue Masse der ameisenhaft hurtig herbeieilenden Feinde, die den Strand hinaufstürmten, an dem sie gerade mit ihren primitiven Booten und Flößen angelandet waren. Wer weiß, wie viele davon schon während der Überfahrt gesunken waren.

 

Die siebte Apokalypse dieser Welt hatte begonnen und es würde noch lange nicht die letzte sein.

Sinnlos - so sinnlos dies alles.

 

Und dennoch ging ich zurück zu der dünnen Kette der jetzt erloschenen Feuer, wo die Kämpfer wartend und fröstelnd mit ihren Waffen standen, um sie zu ordnen und gegen ihren Feind zu führen, denn die Nacht war zu Ende und ein Stück unbarmherziger Realität hatte begonnen, uns sein grausames Totengesicht zu zeigen......

 

Ende

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