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 Die Rache

 

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Mit dem Untergang der Sonne kam auch die Kälte. So sengend heiß, wie die Wüste tagsüber war, so barbarisch kalt waren ihre Nächte.

Ein unerfahrener Reisender mochte leicht erfrieren, weil er sich nicht mit ausreichend warmer Kleidung versorgt hatte.

Mit steifen Bewegungen glitt Manara aus dem Sattel und ließ sich auf die Decken sinken, die Hakon ausbreitete. Sie stöhnte leise.

"Ich glaube, ich habe keinen einzigen heilen Knochen mehr im Leibe. Warum hetzen wir so? Es ist uns doch niemand auf den Fersen."

"Nein," gab Hakon zu, den Proviantsack öffnend und in Streifen geschnittenes Dörrfleisch, dünne Brotfladen und getrocknete Wurzeln herausholend, "Aber je schneller wir reiten, desto eher erreichen wir wieder die Zivilisation. Außerdem ist die Wüste eine rauhe und gefährliche Gegend. Es ist besser, sich nicht länger als notwendig hier aufzuhalten."

 

Sie waren auf der Reise von Sashkar, der kleinen Oasen- und Karawanenstadt zwischen Ägypten und Karthago. Nach ihren letzten Erlebnissen in Sashkar hatten weder Hakon noch das Mädchen, das aus jener Stadt stammte, es dort länger ausgehalten.

Sie hatten sich auf den Weg nach Westen gemacht, Hakon getrieben von dem dunklen Drang, so viel Entfernung wie überhaupt möglich zwischen sich und Ägypten zu legen, denn der Pharao ließ nach ihm suchen, seit er Gold aus dem Tempel der Osiris gestohlen hatte, Marana hauptsächlich, um bei dem Babylonier zu bleiben, aber wohl auch, weil sie die Reise als aufregendes Abenteuer betrachtete.

Vor zehn Tagen waren sie aufgebrochen, und seitdem hatten sie fast zweihundert Meilen hinter sich gebracht. Nun waren sie und ihre Tiere, welche die Strapazen der Wüste ebensowenig gewöhnt waren wie ihre Reiter, erschöpft und müde. Aber in zwei oder drei Tagen würden sie die Küste des Mittelmeeres erreichen, und von da ab war das Vorankommen leichter.

Hakon hatte vor, längs der Küste nach Westen zu ziehen, bis sie karthagisches Gebiet erreichten, und von dort aus, wenn es möglich war,  nach Sizilien oder Hispanien über zusetzen. Karthago sollte eine mächtige Stadt sein, die aufgrund ihrer Geschichte, Kultur und Entwicklung nicht unbeträchtliche Ähnlichkeit mit dem Babylon der alten Tage hatte.

So sehr Hakon sich auch auf die neuen Eindrücke freute, die diese Reise ihm vermitteln würde, so fühlte er sich doch gleichzeitig in seinem tiefsten Innern  beunruhigt. Nur wenige Meilen südlich von ihnen lag das schwarze Reich des dunklen Gottes SETH, die Festung des Feindes aller zivilisierten Kulturen, die Verkörperung all dessen, was Hakon aufgrund seiner ethischen Vorstellungen verachtete.

In Ägypten war der SETH-Kult nahezu ausgerottet worden, doch im Süden hatten seine Anhänger neue Gefolgsleute gefunden, und dort herrschten sie jetzt mit Hilfe okkulter Kräfte der dunkelsten Magie. Nicht einmal die stolzen und mutigen Nubier wagten es, sich mit den Zauberern der SETH-Anbeter anzulegen.

 

Sie aßen ein wenig von dem Fleisch, dem Brot und dem getrockneten Gemüse, und dazu tranken sie aus dem langsam leer werdenden Wasserbeutel. Die Vorräte würden reichen; sie waren bei ihrer Abreise ausgesprochen großzügig bemessen gewesen.

 

"Vielleicht sollte ich lieber Wache halten," sagte Hakon, mehr zu sich selbst als zu dem Mädchen, als sie sich in ihre Decken hüllten, "Ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl."

"Warum?" fragte Marana müde, "Wer sollte uns denn hier überfallen? Hier in der Wüste lebt doch niemand, und die Tempelfestung des Schlangengottes ist zu weit entfernt von hier, als dass wir die Zauberer fürchten müssten. Was sollte uns also hier passieren?"

"Ich weiß nicht," gestand Hakon. Aber das Mädchen hatte eigentlich recht: es war unsinnig, sich die halbe Nacht mit Wachen um die Ohren zu schlagen und dann am Morgen übermüdet weiterzureiten.

So küsste er die fast schon eingeschlafene Marana flüchtig auf den sinnlichen Mund, drehte sich zur Seite und schlief fast übergangslos ein.

Es war ein Instinkt, der ihn weckte, eine Art sechster Sinn, erworben in den Jahren seines Wanderlebens - vielleicht ein Erbe seiner primitiven Vorfahren oder eine Laune des Schicksals - jedenfalls wachte er noch rechtzeitig auf, um die große gebückte Gestalt zu erkennen, die sich halb über ihn beugte.

Silbernes Mondlicht schimmerte auf einer langen Dolchklinge.

Hakon war kein Krieger oder Söldner, aber er war des Kämpfens nicht ungewohnt, führte eine vorzügliche Klinge und hatte ausgesprochen gute Reflexe. Mit einem Aufschrei rollte er sich zur Seite, als der Dolch auf ihn niederstieß. Der Stahl fuhr harmlos an ihm vorbei und durchlöcherte nur seine Decke.

Hakon bemühte sich erst gar nicht, auf die Beine zu kommen, denn er wusste, dass sein Gegner bis dahin ausreichend Gelegenheit haben würde, ihn umzubringen. Im Liegen zog er das stets griffbereite Schwert aus der Scheide und führte einen tief angesetzten wuchtigen Hieb. Der scharfe Stahl, geschmiedet in stygischen Feuern noch zu jener Zeit, bevor Atlantis im Meer versank, schnitt durch Muskeln, Sehnen und Knochen wie durch weiches Wachs. Der Angreifer brach zusammen, laut schreiend und kreischend vor Schmerz. Hakon hatte ihm beide Füße dicht oberhalb der Knöchel abgehackt.

Inzwischen hatte auch Marana gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Hastig wühlte sie sich aus ihren Decken heraus. Hakon kam mittlerweile auf die Beine - und sah sich, halb erstarrt vor Schreck und Überraschung, einer langen Reihe von Reitern gegenüber. Sie waren vor dem Mondlicht nur als dunkle Silhouetten auf Kamelen und Pferden zu erkennen, und ihre Burnusse wehten im Nachtwind.

Wüstenräuber !

 

Mit gespenstischer Lautlosigkeit ritten sie auf ihn zu. Eine Bogensehne sirrte, und ein Pfeil bohrte sich dicht vor Hakons Füßen in den Wüstensand.

Sekundenlang wunderte er sich, dass das Geschoss ihn nicht getötet hatte, aber auch auf kurze Entfernung war es nicht leicht, vom Sattel eines galoppierenden Pferdes oder Kamels einen Mann zu treffen, besonders bei Mondlicht, dessen diffuser Schein das Zielen noch erschwerte.

Hakon reagierte erst, als die Lanzenspitze des ersten Reiters fast seine Brust berührte. Laut den Kriegsruf seiner Heimat brüllend, riss er das Schwert hoch. Die Lanze fuhr zur Seite und Hakons Klinge bohrte sich in einen menschlichen Körper. Dann war er von Berittenen umgeben, die von allen Seiten auf ihn einschlugen und einstachen, dass er um sein nacktes Leben kämpfen musste. Aus den Augenwinkeln erkannte er flüchtig, dass zwei der Beduinen von ihren Tieren gesprungen waren und Marana angriffen, die sich wütend und verzweifelt wehrte. Ihr langer Dolch war von Blut gerötet, einen Beduinen hatte sie schon getötet.

Hakon kämpfte mechanisch und mit Überlegung, aber in seinem Innern brannte die Wut - Wut darüber, dass er beinahe im Schlaf abgestochen worden war, aber vor allem Wut auf die heimtückischen Angreifer, die zu feige waren, sich ihm einzeln zu stellen.

Ein grimmiges Lächeln umspielte kurz seine Lippen, als er einen mit einem gezielten Schlag aus dem Sattel fegte. Der Mann blieb stöhnend im Sand liegen, und Hakon wollte auf ihn los, um ihn endgültig ins Jenseits zu befördern, doch dessen Kameraden bildeten sofort einen schützenden Ring um den Mann, durch den Hakon nicht dringen konnte, obwohl sein Schwert blitzende Spiralen in der kalten Nachtluft beschrieb und manche tiefe Wunde schlug.

Einige der Reiter waren abgestiegen, um von ihren scheuenden und tänzelnden Reittieren nicht behindert zu werden, andere versuchten weiter, ihn vom Sattel aus niederzustechen. Zwischen zwei Abwehrschlägen fand er kurz Zeit, sich nach Marana umzusehen, doch er konnte sie nirgends sehen. Ein Dolch zersplitterte an seiner Schwertklinge, Hakon sah das Entsetzen und die Angst in den weit aufgerissenen Augen des Beduinen, der nun schutzlos vor ihm stand, aber er stieß dennoch unbarmherzig zu.

Sein Atem ging schon pfeifend, und die Nachtluft stach in seine Lungen. Lange konnte er das nicht mehr durchhalten. Dann bekam er von hinten einen schweren Schlag auf den Kopf, der ihn in den Sand schleuderte. Das Schwert entglitt seinen plötzlich kraftlos gewordenen Fingern. Etwas Spitzes bohrte sich in seine Seite und erzeugte einen üblen, stechend heißen Schmerz. Dann war um ihn herum nichts mehr als unendliche Schwärze, in die er hineingesogen wurde......

Er erwachte mit brummendem Schädel und einem rasenden Schmerz in der linken Seite. Sein erstes Empfinden war Erstaunen darüber, dass er überhaupt noch lebte. Doch dann betäubte der Schmerz sein klares Denken. Stöhnend schlug Hakon die Augen auf.

Die Sonne stand hoch am Himmel, ein grellgelber Feuerball, dessen heiße Strahlen ihn zu versengen drohten. Taumelnd kam er auf die Beine. Schier unerträglicher Durst peinigte ihn. Mühsam schleppte er sich zu dem Gewirr aus zerfetzten Decken und Gepäckstücken, in dem, halb im Sand verborgen, noch der Wasserbeutel lag. Die Beduinen hatten ihn im Dunkeln wohl übersehen. Erst nach einem langen Schluck fühlte er wieder imstande, sich näher mit seiner Umgebung zu befassen. Alles war ruhig, zu ruhig für seinen Geschmack - es war eine Ruhe des Todes.

"Marana !!"

Ob es nur ein Gedanke war, der sein Hirn durchzuckte, oder ob er ihren Namen hinausgeschrien hatte, wusste er nicht. Panische Angst ergriff von ihm Besitz. Was war mit dem Mädchen geschehen? Als er sie zuletzt gesehen hatte, war sie der Übermacht von drei Beduinen erlegen. Hatte man sie verschleppt oder war sie umgebracht worden?

Er stolperte über etwas Längliches, Unerkennbares.

Seine Augen wurden weit vor Entsetzen, als er es als menschlichen Körper erkannte. Langsam ließ er sich neben der Leiche in den Sand sinken.

 

Sie hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem hübschen, lebensfrohen und heiteren Mädchen, das er gekannt hatte. Ihre Züge waren erstarrt und in grausamer Qual verzerrt, und in ihren gebrochenen Augen spiegelte sich die Todesangst der letzten Augenblicke ihres Lebens. Ihr Körper war mit Wunden übersäht. Blut klebte auch in ihren vom Körper gerissenen Kleidern und schimmerte rötlich zwischen den langen Strähnen ihres schwarzen Haares. Sie war auf bestialische Weise geschändet und umgebracht worden.

Entsetzen, Schmerz und Ekel würgten Hakon, bis er sich vornüber neigte und sich krampfhaft zuckend erbrach. Danach fühlte er sich seltsamerweise irgendwie erleichtert, fast wie innerlich gereinigt.

Entschlossen stand er auf. Der dabei einsetzende Schmerz erinnerte ihn nachdrücklich daran, dass er den nächtlichen Kampf nicht unverletzt überstanden hatte.

Er blickte an sich herunter. Seine Tunika war auf der linken Seite über der Brust blutverklebt. Vorsichtig löste er den Stoff und biss die Zähne zusammen, um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Die Wunde sah übel aus, aber sie war nicht tief genug, um lebensgefährlich zu sein, und überdies blutete sie auch nicht mehr. Sicherlich würde er einige Tage starke Schmerzen haben, vielleicht bekam er auch Wundfieber, aber schlimmere Folgen waren nicht zu befürchten. Er hatte schon schlimmere Verletzung überlebt.

Hakon konnte sich gut vorstellen, dass die Wüstenräuber ihn im Dunklen mit dieser Wunde und in seiner tiefen Bewusstlosigkeit für tot gehalten hatten. Außerdem hatten sie sich sicher für das Mädchen mehr interessiert als für ihn. Maranas geschundener Leib verriet deutlich genug, dass sie auf grausamste Art vergewaltigt worden war - Hakon hoffte, erst nach ihrem Tod oder zumindest, während sie bewusstlos war, aber sicher sein konnte er da kaum. Überdies machte es jetzt nicht mehr viel aus, ob sie dabei noch gelebt hatte oder nicht. Der Gedanke, dass Maranas furchtbarer Tod gewissermaßen sein eigenes Leben gerettet hatte, erboste ihn nur noch mehr. Er spürte starke Trauer, aber noch stärker war die Flamme des Hasses, die in seinem Innern emporloderte und seinen Geist zu verbrennen drohte.

Hakon fluchte laut und ungehemmt. Nur langsam beruhigte er sich wieder - wenn auch nur äußerlich, denn in ihm tobte noch immer ein Sturm tödlichen Hasses.

Mit steifen Schritten ging er über den Sand und suchte nach seinem Schwert. Hoffentlich hatten es die Räuber nicht mitgenommen. Aber es war noch da, den Augen der Beduinen entgangen, da es fast im Sand vergraben lag. An einem Zipfel seiner Tunika reinigte er es oberflächlich, dann setzte er sich wieder in den Sand und überdachte seine Lage.

Er war allein und hilflos in der Wüste, hatte zwar noch etwas Wasser, weil die Angreifer den Wasserbeutel übersehen hatten, aber alles andere war fort bis auf ein paar zerrissene Decken und Kleidungsstücke.

Die Pferde hatten die Beduinen natürlich ebenfalls mitgenommen. Aber auch wenn er einen der edelsten Renner aus den kaiserlichen Ställen Babylons gehabt hätte - ohne Verbündete waren seine Chancen, Rache an den Beduinen zu nehmen, äußerst gering.

Und Rache war es, wonach sein Geist schrie. So mächtig und beherrschend war dieser lautlose Schrei, dass seine Gedanken in immer dunklere, bösere Regionen abirrten, bis ihm schließlich bald vor sich selbst schauderte.

Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, und Hakon saß noch immer da, finstere Gedanken hinter seiner Stirn, die so gar nicht zu einem Edlen aus Babylon passen wollten.......

Es war eine grausame Ironie des Schicksals, dass er gerade jene Kapitel der alten Schriftrollen im Gedächtnis behalten hatte, die sich mit Dämonologie und Beschwörungen befasst hatten. Oder irgendeine hellsichtige Fähigkeit hatte ihm bereits damals bei den okkulten Studien in seiner Jugend eingegeben, er könnte diese Kenntnisse über Schwarze Magie vielleicht einmal gebrauchen.

Lange hatte er nicht mehr daran gedacht, aber jetzt glaubte er fast den geschwärzten Papyrus wieder vor sich zu sehen, der mit knochenweißer Tinte beschrieben war.

 

Inzwischen war es Nacht geworden, und dunkle Wolken verbargen den Mond.

Hakon war es gleichgültig. Je lichtloser die Nacht, desto besser war das für sein Vorhaben.

Mit der Spitze seines Schwertes zog er einen weiten Kreis in den Wüstenboden.

Blut für eine Dämonenbeschwörung hatte er genug - das von Maranas Leiche und sein eigenes, wenn er sich kurz die Klinge über den Handballen zog. Alles, was er sonst noch für eine Beschwörung brauchte, waren einige wenige Formeln in der alten Sprache seiner Vorfahren und vor allem der tödliche Hass, der in ihm brannte, denn nur dieser befähigte ihn dazu, Wesen aus kalten, finsteren Dimensionen in seine Welt zu rufen.

Und so begann er sein grausiges Werk.

 

Einen kurzen Moment lang kam er sich zuerst recht lächerlich vor, wie er da im Sand hockte und die Dämonen der Rache herbeizurufen versuchte. Wer wusste denn, ob die alte Schriftrolle nicht von Scharlatanen oder unwissenden Adepten verfasst worden war und ob die Beschwörungen überhaupt wirksam waren, nachdem sich in mehr als tausend Jahren so viel auf dem Antlitz der Welt verändert hatte?

Doch wenn sich auch auf der Erde umwälzende Neuerungen vollzogen hatten, so war in jenen tiefen, dunklen Regionen des Jenseits alles beim alten geblieben, und noch immer lauerten die Dämonen dort, mächtig und böse, aber durch Grenzen gebannt, die sie nicht überschreiten konnten - nicht, solange sie nicht gerufen wurden.

Ihre Ketten waren ihnen durch einen Mächtigen auferlegt, der stärker war als sie, aber es bedurfte nur eines Schlüssels, um sie frei zu machen. Blut, Hass  und Beschwörungen waren die geeigneten Schlüssel, und so folgten die Wesen aus einem anderen Universum willig und in großer Zahl dem Ruf, den Hakon ihnen sandte.

 

In dem Bannkreis vor Hakon begann sich auf einmal etwas zu bewegen.

Er lachte laut und böse, und sein Lachen wurde von den unheimlichen Wesen in der Dunkelheit erwidert. Sie tummelten sich in dem Kreis, in verschiedensten Formen, Gestalten und Farben, manche schwach leuchtend und fluoreszierend, andere so dunkel, dass sie sogar vor der Nachtschwärze wie tiefe Schatten waren, aber allesamt mächtig, blutgierig und unvorstellbar böse.

Hakon löschte den Bannkreis aus, und die wilde, grauenerweckende Horde stürmte ihm brüllend entgegen.

Für einen Augenblick kam es ihm so vor, als würden  diese finsteren Mächte nun ihn als ihr erstes Opfer verschlingen, doch die Beschwörungen waren stark genug, um die Dämonen zu binden und ihnen Gehorsam aufzuzwingen.

 

Ein schwarzpelziger Riese mit vier Armen, alle mit sichelähnlichen Schwertern bewehrt, verneigte sich vor Hakon.

"Du hast uns gerufen, Herr," sprach er mit einer grollenden Stimme, deren Klang den Babylonier schaudern ließ, "Wohin sollen wir dir folgen und wen sollen wir für dich töten?"

"Folgt mir zum Lager der Wüstenräuber, die mich in der letzten Nacht überfielen. Ich will ihren Tod."

 

Hakon wusste nicht, wo die Beduinen jetzt ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es mochte einige Tagesmärsche weit weg sein, aber er vertraute auf die übernatürlichen Sinne seiner unheimlichen Verbündeten.

Ein pferdeähnliches Wesen hielt vor Hakon, ein Wesen, das sehr entfernt an die Einhörner der Legenden erinnerte, doch es hatte pechschwarzes, dickes Fell, ein langes, mit hässlichen Widerhaken versehenes Horn und feurig glühende Augen. Sein Atem war eine Dampfwolke in der kalten Nachtluft und hin und wieder schlugen kleine Flammen aus seinen geblähten Nüstern.

Hakon begriff, dass er das Wesen als Reittier benutzen sollte. Widerwillig stieg er auf den hohen Rücken und krallte sich in dem zottigen Fell fest. Dann begann eine wilde Jagd durch die Wüste, als die Dämonen davonstürmten, mit ihm an der Spitze.

Sie waren um vieles schneller als jedes Pferd, so schnell wie ein hochfliegender Jagdfalke, aber um vieles todbringender.

Und es war ein unbarmherziger, hasserfüllter Rachegeist, der sie vorantrieb, denn in seinem  Inneren unterschied sich Hakon kaum noch von den grässlichen Wesen der Finsternis. Er gierte wie sie förmlich nach dem Blut der Wüstenräuber........

Sie erreichten das Lager der Beduinen noch in der derselben Nacht.

Da die Dämonenhorde alles andere als leise war, waren die Wüstensöhne natürlich auf einen Angriff vorbereitet.

Hakon sah sie als lange, stumme Reihe vor sich aufragen, auf ihren schnellen Kamelen, die Lanzen stoßbereit nach vorn gesenkt. Zahlenmäßig waren sie ihm und seiner grausigen Schar um das Dreifache überlegen, aber das hatte nicht viel zu bedeuten, denn jeder der Dämonen war furchtbarer und gefährlicher als jedes von der Natur erschaffene, bekannte Ungeheuer der Erde. Selbst die stärksten Löwen wären von diesen Kreaturen der Hölle innerhalb weniger Augenblicke in Stücke gerissen worden. Menschliche Gegner waren für diese Monstren nur leicht zu tötende Weichtiere, trotz ihrer Waffen.

Die Schar der grauenvollen Kreaturen stürzte sich sofort auf die Menschen, und sofort hub ein wütendes Gemetzel an - fürchterlich und ziemlich einseitig, denn die höllischen Ungetüme waren kaum verletzbar und nahezu unsterblich. Menschliche Waffen konnten ihnen kaum etwas anhaben.

Hakon lachte in wildem Triumph, als er die Mörder von Marana zu Dutzenden sterben sah. Er selbst ritt in der vordersten Reihe der Ungeheuer und wann immer sein Schwert eine gegnerische Klinge kreuzte, war es nur eine Frage der Zeit, bis sein Gegner aus dem Sattel sank und sofort von einem der Monstren in Stücke gerissen und gierig verschlungen wurde. Der Wüstensand färbte sich rot vom Blut der Beduinen.

 

Hakon spürte nicht das geringste Mitleid mit ihnen. Sie waren selbst schuld an ihrem furchtbaren Schicksal, denn sie hätten sich nicht mit ihm, einem Edlen aus Babylon, der die okkulten Künste kannte, anlegen dürfen.

Eine große Gruppe der Monstren durchbrach die immer dünner werdende Reiterkette und stürzte sich auf die runden Zelte der Wüstenbewohner. Hakon, der gerade die wütenden und verzweifelten Attacken eines Scheichs abwehrte, wurde bleich. Aus den Zelten erschollen jetzt schrille Schreie der Angst und des Entsetzens, gemischt mit dem Weinen von Kindern.

Die von ihm gerufenen Scharen der Nemesis waren unersättlich in ihrer Blutgier.

Hakon entledigte sich seines Gegners mit einem wilden Hieb, der den Mann aus dem Sattel stürzen ließ, worauf sofort ein kleineres Ungeheuer herbeisprang und dem Unglücklichen den Kopf abriss. Dann sprang er von seinem schrecklichen Reittier herunter, das sich sofort auf die nächsten Beduinen stürzte, und eilte auf die Zelte zu.

 

Er kam zu spät, um noch irgendetwas verhindern zu können. Die Frauen, Kinder und Greise hatten sich nicht wehren können und auch für eine Flucht war es für sie zu spät gewesen. Die Wesen der Finsternis hatten sie auf grauenvolle Weise niedergemetzelt. Jetzt rissen sie bereits die Leichen in Stücke und begannen sie gierig zu verschlingen. Das Blut stand in großen Lachen in den Zelten, leicht schimmernd und bereits im Sand versickernd. Hakon wandte sich ab und spürte, wie Ekel seine Kehle zusammenpresste.

Das hatte er nicht gewollt, nicht die unschuldigen Frauen und Kinder, nicht die alten Männer, die längst kein Schwert mehr führen konnten. Nein, diese Rache hatte er nicht gewollt !

Oben auf dem Hügelkuppen wurden die letzten der Beduinen niedergemetzelt und zerrissen. Die Dämonen machten sich daran, die Leichen zu fressen und gierig ihr Blut zu schlürfen, als Hakon sich voller Entsetzen über seine Tat abwandte und schreiend in die Dunkelheit davonrannte. Der Wahnsinn des Mordens und die Schatten der Nacht griffen wie mit Spinnenfingern nach seinem Geist, und jedes der Sandkörner unter seinen rennenden Füßen schrie ihm zu: "Du bist schuldig !"

Verzweifelt presste er die Hände auf die Ohren, ohne jedoch den Stimmen in seinem Kopf entgehen zu können. Er schloss die Augen und rannte noch schneller, aber vor dem Grauen, das sich in seine Seele eingebrannt hatte, konnte er nicht fliehen.....

 

Eine Karawane, die auf dem Wege nach Sashkar war, fand ihn zwei Tage später.

Hakon lag im Sand und stammelte sinnlose, unzusammenhängende Sätze.

Als sie von ihren Kamelen sprangen und sich hilfsbereit über ihn beugten, erkannten sie, dass er seinen Verstand verloren hatte........

Ende

 

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