Fantasy

Stories

zurück

 

 Die Armee

der Verlorenen

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

Prolog:

 

"Wir waren gekommen über die mächtigen Fluten, zu unterwerfen die abtrünnigen Völker der Thurier und vom Erdboden zu tilgen die piktischen Tiermenschen. Verfallen und verrottet fanden wir unsere alten Kolonien vor; verlassen von den Abtrünnigen, die sich abgewandt hatten vom Goldenen Reich und seinen Göttern und sich in schändlicher Weise mit den Thuriern vereint hatten, dass ihre Kinder und Kindeskinder nichts mehr gemein hatten mit dem Goldenen Volk. Keinen fanden wir mehr, dessen Blut nicht verunreinigt mit dem der Thurier war. Und viele wussten nicht einmal mehr, dass ihre Vorfahren einst zum Goldenen Volk gehörten.

Durch die Vermischung mit unseren Kolonisten waren die thurischen Völker in zwei Rassen zerfallen: die reinrassigen Thurier, welche wir fortan Vanahenier (Unberührte) nannten, und die Mischlinge, die von uns Hyborier (Befleckte) genannt wurden.

Zuerst bekamen die Vanahenier zu spüren, was es hieß, uns den Tribut zu verweigern. Wir trieben ihre Stämme wie Viehherden vor uns her bis in die ewigen Gefilde des Nordens, wo sie in der erbarmungslosen Kälte umkommen sollten.

Dann spürten die Pikten unsere Faust und nur wenige ihrer Stämme blieben verschont. Wir hielten  blutige Ernte unter den primitiven Tiermenschen, für die wir wie unbesiegbare Götter waren. Auch sie flohen wie die Vanahenier in den Norden. Aber sie kamen nicht um in der Kälte, wie wir es erhofften, denn sie trafen auf die überlebenden Vanahenier, mit denen sie sich zusammentaten und vermischten.

Die Kultur der überlebenden Vanahenier und die Anpassungsfähigkeit der dunkelhäutigen Pikten siegten über die lebensfeindliche Natur des Nordens. Die Vanahenier gingen auf in den Piktenstämmen, deren Blut dadurch aufgefrischt wurde. Aus Tiermenschen wurden höherentwickelte Menschen, die zwar Barbaren blieben, jedoch eine beträchtliche Intelligenz entwickelten.

Da die Hyborier trotz allem mit uns verwandt waren, blieben sie verschont. Und sie zahlten fortan jeden geforderten Tribut, den unsere Schiffe ins Goldene Reich brachten.

Erneut wurden mächtige Festungen mit Hilfe von todgeweihten hyborischen Sklaven erbaut, um die herum neue Kolonien und Städte entstanden, denn mit jedem neuen Schiff kamen neue Männer, Frauen und Kinder, um die neuen Kolonien zu bevölkern.

Bald war die alte Macht über den thurischen Kontinent erneut errungen, und wir waren wieder die Götter, vor denen sich alle thurischen Stämme in den Staub warfen, denn für sie waren wir unbesiegbare Titanen, deren Gnade allein sie ihr Leben verdankten.

Während die Menschen der thurischen Rassen viel schneller alterten und starben, währte unsere Lebensspanne fast das Fünffache der ihrigen. Ein Hyborier wurde in der Regel nur fünfunddreißig oder vierzig Jahre alt, die Lebensspanne eines Pikten betrug gerade fünfundzwanzig Jahre. Dagegen erreichte einer von unserer Rasse mit dreißig Lebensjahren gerade das Erwachsenenalter und galt mit einem Lebensalter von hundert Jahren noch als jung.

Wie Tag und Nacht vergingen und entstanden die Generationen der Hyborier und Pikten, wurden neue Stämme gebildet, die schon bald wieder vergessen waren. Nur wir blieben und unsere Macht über die niederen Rassen war ohne Grenzen.

Wir waren die Herren über den westlichen Teil Thurias, während im Osten die Völker der Lemurier herrschten, mit denen wir schon Kriege zu Lande und zu Wasser geführt hatten, aus denen wir immer als Sieger hervorgegangen waren.

 

In der vierten Generation der zweiten Kolonisierung, inzwischen waren nahezu sechshundert Winter vergangen, drängten die barbarischen Pikten wieder nach Süden und überfielen die hyborischen Völker der Boreaner, Nemedier und Zamorer, welche vor ihnen zurückwichen, denn zu gewaltig war die piktische Übermacht für sie. Das Leben im eisigen Norden hatte die Pikten stark und hart gemacht. Aus zitternden Wilden waren furchtlose und grausame Kämpfer geworden. Waren die Vorfahren der Pikten, die wir einst in den Norden getrieben hatten, noch halbe Tiere gewesen, so waren deren Nachkommen durch die Vermischung mit den Vanaheniern zu Menschen geworden.

Doch dann wagten diese Barbaren es, die Grenzen unserer Kolonien zu überschreiten, um zu rauben und zu brandschatzen. Lange schon hatten sie vergessen, wie groß unsere Macht war, denn im hohen Norden hatten sie keine Berührung mit uns gehabt und beteten uns nicht als Götter an.

Furchtbar war unsere Rache und abermals floss das Blut ihrer Stämme wie das Wasser der Flüsse. Voller Entsetzen flohen sie, nachdem wir ihre Krieger in zwei Schlachten fast bis auf den letzten Mann niedergemetzelt hatten, und zogen sich wieder zurück in die nordischen Wälder, welche wir fortan die "Piktische Wildnis" nannten. Wir hatten ihnen eine grausame Lehre erteilt, die sie niemals mehr vergaßen, denn nun wussten sie, dass wir mächtiger als die größten ihrer primitiven Gottheiten waren.

 

Fünf unserer Generationen später (etwa 750 Jahre) hatten die Stämme der Hyborier acht große, zivilisiertere Reiche errichtet, deren Kultur der unsrigen schon sehr ähnlich war. Aber unsere Wissenschaft, unsere Magie und unsere Waffenschmiedekunst war der ihrigen noch immer weit voraus. Während sie zwar schon Eisen verwendeten, manchmal sogar Stahl, fertigten wir unsere Werkzeuge, Geräte und Waffen aus dem roten Viman-Stahl. Mit Schwertern aus diesem besonderen Stahl konnte man sogar Steine zerschneiden, ohne dass dabei die Klingen schartig wurden.

Und die Hyborier wie auch die Pikten waren gegen uns wie Zwerge, denn sie waren so kleinwüchsig, dass sie einem von uns gerade bis an das Brustbein reichten. Jeder unserer Krieger konnte es leicht mit dreien von ihnen aufnehmen; sogar unsere Frauen waren stärker als der kräftigste Hyborier.

Auch kannte kein Hyborier auch nur den Hauch jener geistigen Macht, die unserer obersten Kaste, den Dheri, gegeben ward.

Die Dheri waren der Hochadel unseres Volkes, aus dem Herrscher, Feldherren und Zauberpriester hervorgingen. Die Zauberpriester beherrschten die Kunst der Magie und Geisteskraft in höchster Vollkommenheit; ihnen gehorchten die Elemente, und selbst Mächte aus den Dimensionen des Jenseits beugten sich ihrem Willen.

All dies machte uns den Völkern Thurias weit überlegen und wir blieben ihre Götter bis zu jenem Tage, an dem das Goldene Reich in den Fluten des westlichen Ozeans versank.

 

Im zwölften Jahr des Mhyrr kam ein Schiff aus dem Reich an unsere Gestade und brachte die entsetzliche Kunde:

---- Das Meer hatte das Land verschlungen mit allem, was sich darauf befand. Das Goldene Reich Atlantis war versunken, und nur dieses eine Schiff war der grässlichen Katastrophe entgangen.

 

Wir vermochten es nicht zu glauben und sandten selbst ein Schiff aufs Meer hinaus, das erkunden sollte, ob das Furchtbare und Unvorstellbare Wirklichkeit war.

Nach zwei Monden kehrte es zurück und die völlig verstörten Seeleute berichteten, dass dort, wo sich sonst die Goldene Insel aus dem Meer erhoben hatte, nichts mehr zu finden war als die tobenden Fluten des Meeres.

MHOORTIMUTH, der Gott der Götter, Vater des Goldenen Reiches, Herrscher über Land und Wasser, Himmel und Erde, hatte Atlantis vom Angesicht der Welt getilgt.

Es war sein Wille, dass das ihm geweihte Goldene Volk zu ihm in die Welten des Jenseits kam. Und wir beugten uns gehorsam dem Willen des höchsten aller Götter.

So vollzogen wir die heiligen Riten:

Die Krieger töteten die Alten, die Frauen und die Kinder, damit ihre Seelen heimkehren konnten in Mhoortimuths Reich, woher sie einst gekommen waren.

Die Priester setzten singend und betend unsere Festungen und Städte in Brand, dass sie bis auf die Grundmauern niederbrannten und verseuchten und vergifteten die fruchtbaren Felder, dass nichts mehr darauf gedeihen konnte.

Die Seeleute lenkten alle Schiffe und Boote auf das offene Meer hinaus, um sich dort mit ihnen zu versenken.

Zuletzt starben die vielen tausend hyborischen Sklaven, die ihr Leben wimmernd, schreiend und bettelnd auf den Opfersteinen der Altäre zu Ehren der Götter aushauchten.

So geschah es, bis nur Krieger und Priester noch übrig waren, denn ihrer harrte noch eine große Aufgabe, die sie erfüllen mussten, bevor sie in die Welten des Jenseits gehen durften.

Es war der Wille der Götter, dass das Goldene Volk nicht leben durfte ohne seine Heimat, das Goldene Atlantis.

Aber es war auch ihr Wille seit Anbeginn der Zeit, dass kein niederes Volk  noch weiterleben durfte, wenn Atlantis nicht mehr war.

Und so brachen wir auf, fünfundvierzig Zauberpriester und hunderttausend Krieger, um den niederen Völkern den Tod zu bringen, wie es das Gesetz der Götter befahl.

Wir waren eine Armee der Verlorenen, den Göttern geweiht als ihr lebendes Schwert............

 

(aus den Überlieferungen der Eldrin)

 

 

Seit fast sechzig Wintern und Sommern war Panthagron  Crantor der Feldherr der Goldenen und der Statthalter der Festlandskolonien. Sechzig Jahre lang hatte er miterlebt, wie die neuen Kolonien immer größer, mächtiger und reicher wurden, bis sie fast ein Spiegelbild der Goldenen Insel waren.

Er hatte die Grenzen gegen räuberische Pikten-Horden verteidigt, hatte Straf-Feldzüge gegen aufrührerische Hyborier geführt und war mit seinen Kriegern auf Sklavenjagd gegangen. Er hatte dafür gesorgt, dass die Tribute rechtzeitig von den Hyboriern entrichtet wurden; er war Richter, Herrscher und Beschützer der Kolonien, die unter seiner Herrschaft aufgeblüht waren.

Doch nun war das alles vorbei. Für immer!!!

 

Atlantis, das Goldene Reich, war versunken und vom Meer verschlungen worden. Die Seelen seines Volkes waren ins Reich der Götter gegangen. Nur die Krieger und Zauberpriester lebten noch, um den Willen der Götter zu erfüllen.

Crantor betrachtete die endlosen, einst blühenden Felder, die von den Priestern vergiftet worden waren und nun von tödlichen Dämpfen überzogen wurden. Er schaute hin zu den brennenden Festungen und Städten, die wie riesenhafte, flammende Fanale waren, die vom Untergang des mächtigsten Reiches der Welt kündeten.

Er blickte hinüber zu den gigantischen Grabhügeln, wo jene begraben lagen, die fortgegangen waren zu den Göttern.

Das also war das Ende einer Epoche, der endgültige Untergang des Goldenen Reiches, vor dessen Größe die Welt im Staub gelegen hatte. Es war vorbei - für alle Zeiten.

Und von diesem Tage an war es seine Aufgabe, die niederen Rassen auszulöschen, denn sie durften nicht leben, wenn Atlantis nicht mehr war. Schon morgen würde er mit seiner gewaltigen Armee, der größten und mächtigsten Streitmacht der Welt, gegen die hyborischen Völker ziehen, um sie nacheinander vom Erdboden zu tilgen.

Zuerst sollten die Boreaner und Nemedier vernichtet werden, denn sie waren die größten Völker der Hyborier und zudem die besten menschlichen Krieger, da sie in den vergangenen Jahrzehnten gelernt hatten, sich erfolgreich gegen die zahlenmäßige Übermacht der piktischen Wilden zu behaupten. Wenn es die Boreaner und Nemedier nicht mehr gab, war da nichts mehr, was die Pikten hinderte, über die Zamorer, Stygier, Shem, Hyrkanier, Kothier und Aquilonier herzufallen. Hyborier und Pikten würden sich gegenseitig zerfleischen, und den Atlantiden blieb danach nichts weiter zu tun als die Überlebenden niederzumachen, die dann wohl kaum noch zu erfolgreicher Gegenwehr fähig waren.

Danach sollte die Armee gegen die lemurischen Völker ziehen, um auch diese nach dem Willen der Götter vom Angesicht der Welt fortzuwischen.

Crantor lächelte bei dem Gedanken an die kommenden Schlachten, denn er war ein Krieger mit Leib und Seele, von Kindheit an dazu erzogen, dem die Vorstellung von blutigen Kämpfen das Blut in Wallung brachte, obgleich er bedauerte, dass er und seine Krieger wohl kaum ebenbürtige Gegner finden würden.

Seit den blutigen Kriegen gegen die Shoggoten und ihre Koitunen-Krieger, die zu einer Zeit stattgefunden hatten, als die Menschen noch tierische Primaten waren, waren die Atlantiden nie wieder auf ebenbürtige Gegner gestoßen.

Nur die Pikten waren in der Lage, so viele Krieger wie die Goldenen aufzubieten, aber ihre Stämme waren uneinig und ihre körperliche Unterlegenheit bewirkte, dass sie den Atlantiden niemals gewachsen sein konnten. Auch die Hyborier waren keine wirklich ernstzunehmenden Gegner, selbst wenn sie sich zusammenschließen sollten.

Crantor war zuversichtlich, dass er seiner Aufgabe gerecht werden würde.........

 

 

"Die goldenen Riesen verbrennen ihre Städte und verhexen die Felder mit giftigen Dämpfen. Ihre Krieger haben alle Alten, Frauen, Kinder und auch alle Sklaven getötet. Ihre Schiffe sind aufs Meer hinausgefahren und  nicht zurückgekehrt. Und jetzt haben sich ihre Krieger wie zu einer großen Schlacht aufgestellt. Mir scheint, dass die Riesen plötzlich von bösen Dämonen besessen sind !"

Der Hirtenjunge Murro war völlig verwirrt und verängstigt. Was er gesehen hatte und nun in seinem Dorf nahe der Grenze berichtete, ging über das Begriffsvermögen eines Halbwüchsigen hinaus.

Charru, der Obmann des Dorfe, nahm den Jungen beiseite, bevor das ganze Dorf mit zu vielen Fragen auf ihn einstürmen konnte.

"Die Goldenen verbrennen ihre Städte und Burgen?" fragte er, "Sagst du die Wahrheit oder willst du dich nur wichtig machen?"

"Es ist die Wahrheit, Herr," beteuerte Murro, "Und ihre unbesiegbaren Krieger haben sich gerüstet. Ihre Zahl ist viel größer als die der Krieger aller unserer Stämme. Es sind so viele, dass ich sie sowenig zu zählen vermochte wie die Tropen des Regens, der im Herbst niederprasselt."

"Weißt du denn, gegen welchen Feind sie sich wenden wollen? Hast du vielleicht Pikten in der Nähe der Grenze gesehen?"

"Nein, ich habe nur die Goldenen gesehen."

Nachdenklich ging Charru in sein Haus, um dort über das seltsame Tun der Goldenen nachzudenken.

 

 

In majestätischer, erhabener Gemächlichkeit begann die Sonne aufzugehen. Ihre Strahlen zerschlugen die Macht der Dunkelheit und ihre Wärme vertrieb die Kälte der Nacht.

Ihr gleißendes Licht spiegelte sich auf dem rotglänzenden Vimanstahl von hunderttausend Helmen, Rüstungen, Schilden und Lanzenspitzen.

In zehn gigantischen Marschsäulen setzte sich das Heer der Atlantiden in Bewegung, auf die Grenze des boreanischen Königreichs zu. Schon gegen Mittag befanden sie sich auf boreanischem Gebiet und vor ihnen lag Charrus Dorf......

 

 

"Die Golden kommen! Die Riesen greifen das Dorf an !"

Vier Jäger des Dorfes kamen in heller Panik zurück zu den Hütten gerannt. Alarmiert stürzte Charru auf den Dorfplatz hinaus, wo sich das ganze Dorf sammelte.

Sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm eines Jägers. Vor ungläubigem Entsetzen erstarrte er. Ein gewaltiges, unübersehbar großes Heer wälzte sich aus dem Westen heran, ihm voraus Tausende von Reitern auf Patanks, pferdeähnlichen Reittieren, die jedoch viel größer als Pferde waren. Hinter den Reitern folgten die gefürchteten Drachen der Atlantiden, mit denen sie seit Jahrtausenden alle Völker der Welt in Angst und Schrecken versetzten. Riesengroße Echsen waren es, groß wie fünf Mammuts; auf ihren geschuppten Rücken hatten zehn Krieger der Goldenen und ein kleines Katapult Platz, mit dem sie Feuerkugeln zu schleudern vermochten.

Charru machte sich keine falschen Hoffnungen, dass dies etwas anderes war als ein Angriff. Wenn die Goldenen Tribute und Sklaven holten, waren sie niemals mit solcher Heeresmacht angerückt. Die goldhäutigen Riesen mussten von Dämonen besessen sein, nur das konnte den wahnsinnigen Mord an ihrem eigenen Volk erklären.

Solche Teufel konnte niemand aufhalten, da half nur die Flucht.

Die Dorfbewohner hielten sich nicht länger mit Fragen nach den Gründen des Angriffs auf. In wilder Panik flohen sie nordwärts, nur das mitnehmend, was sie zu tragen vermochten.

 

 

Brennende Dörfer und zerstampfte Felder markierten den Weg des Heeres, dem niemand Widerstand entgegenzusetzen wagte. Die Boreaner flohen, sobald sie des riesigen Heeres ansichtig wurden, und bald verbreitete sich die Nachricht vom Feldzug der Atlantiden wie ein Lauffeuer im boreanischen Reich.

Der Pfeil des Krieges wurde von Stamm zu Stamm getragen, und die Krieger eilten zu den Burgen, um sie zu rüsten und auf ihren Mauern dem schrecklichen Feind Widerstand zu leisten, der in offener Schlacht so gut wie unbesiegbar war.

 

Als Crantor von seinen Kundschaftern erfuhr, dass die Burgen der Boreaner besetzt und für eine Verteidigung vorbereitet wurden, lachte er in grimmiger Vorfreude.

Bislang hatte sich kein boreanischer Stamm zum Kampf gestellt, was einen geborenen Krieger wie den Panthagron der Atlantiden nicht wenig verdross. Sein nächstes Ziel war die Burg Hymhir, denn er wusste, dass Hymhir eine der stärksten Burgen der Boreaner war. Wenn sie fiel, würden die anderen Burgen kaum noch verteidigt werden. Ihre Besatzungen würden ihr Heil eher in der Flucht suchen als in einem sinnlosen Kampf ohne jede Hoffnung.

Dann konnte das Atlantidenheer die Boreaner wie eine Brandungswelle vor sich her treiben, bis es keinen Fluchtweg mehr für sie gab.

 

 

Wie ein würgender Ring umgab das Heer der Atlantiden die Burg Hymhir, in deren Mauern sich nur tausend boreanische Krieger befanden; ein winziges Häuflein im Vergleich zu den hunderttausend Atlantiden, von denen jeder einzelne schon einem Angehörigen der Hyborier-Rasse überlegen war. Doch die Boreaner waren ein tapferes Volk, und ihre Krieger kämpften mit dem Mut der Verzweiflung, wohl wissend, dass sie der Übermacht niemals standhalten konnten. Fünf Tage lang hielt sich die Burg Hymhir; eine beachtliche Zeitspanne angesichts der erdrückenden Übermacht, doch ihr Kampf war vergebens, denn Crantor dachte nicht an eine längere Belagerung, wie es die Boreaner erhofften.

Der Panthagron wusste, dass er mit jedem Tag, den er hier vergeudete, den boreanischen Stämmen Zeit gab, ein größeres Heer gegen ihn aufzustellen. Er wusste zwar, dass die Boreaner höchstens zehntausend Krieger aufbieten konnten, die ihn und sein Heer niemals aufhalten würden, aber er musste damit rechnen, dass er später ständigen Angriffen aus dem Hinterhalt ausgesetzt sein würde, die sein Heer schwächen konnten.

Crantor unterschied sich von den Angehörigen seiner Rasse dadurch, dass er deren Hochmut nicht völlig teilte, sondern die Völker der Hyborier als Gegner ernstnahm, auch wenn sie den Atlantiden unterlegen waren.

So ließ er den Hohepriester Khamithan in sein Zelt kommen, denn es war seine Absicht, die Burg Hymhir mit den Kräften dunkler Magie niederzuwerfen. Nur die Zauberpriester waren in der Lage, dunkle Magie so einzusetzen, dass ihre Macht nicht außer Kontrolle geriet.

 

 

        "Hymhir hat starke Mauern," sprach Crantor, "und es würde das Leben manches guten Kriegers kosten, wollten wir versuchen, die Burg zu stürmen. Meine Krieger sollen in offener Schlacht kämpfen, nicht ihre Köpfe an hyborischen Mauern blutig stoßen."

        "Mit den Drachen kann man die Mauern auch einrennen," erwiderte Khamithan, der seine magischen Kräfte nur mit Bedacht und Vorsicht einzusetzen gewillt war, denn die Magie war ein Feuer, mit dem man sich leicht selbst verbrennen konnte.

        "Auch die Kampfdrachen müssen von Kriegern gelenkt werden, die dabei sterben könnten. Und wenn die Drachen auch nur schwer zu töten sind, so bleiben sie doch sterblich. Sie sind jedoch viel zu kostbar, um sie hier zu vergeuden. Bedenke, Zauberer, dass wir zwar dreihundert Tiere haben, aber davon sind nur vierzehn weiblich, die nur einmal im Jahr ein Ei legen, nur ein einziges. Jeder Kampfdrache ist unersetzlich. Wir sollten also bemüht sein, sie uns so lange zu erhalten, bis unsere Aufgabe erfüllt ist. Und wir werden sie sicher noch nötiger brauchen als heute. Darum brauche ich deine Hilfe, Khamithan."

        "Die Burg wird von nur tausend Boreanern verteidigt. Dagegen steht ein Heer von hundert mal tausend Atlantiden; achtzigtausend Mann zu Fuß, zwanzigtausend Patankreiter, dazu dreihundert Drachen und jegliches überlegenes Kriegsgerät. Auf dem ganzen thurischen Kontinent gibt es keine Armee, die gegen uns bestehen könnte. Wie erbärmlich ist da diese Burg, vor der du solche Furcht zu haben scheinst, dass du schon jetzt die fürchterlichste Waffe einsetzen willst, über die wir verfügen. Damit verhöhnst du dich selbst, Panthagron."

Mühsam beherrschte sich Crantor, um seinen Zorn zurückzuhalten.

        "Du willst mir also deine Hilfe verweigern, Hohepriester? Vergiss nicht, dass ich dein Fürst und Feldherr bin, von gleicher Kaste wie du. Als Angehöriger der Dheri-Kaste bin auch ich im Gebrauch von Magie bewandert. Wenn ich auch die Kraft der Magie nicht mit der Feinheit und Virtuosität eines Zauberpriesters lenken kann, so bin ich dir an Macht doch ebenbürtig. Bedenke dies gut, Hohepriester, denn vielleicht könnte ich zu der Erkenntnis gelangen, dass ich dich und deine Priester nicht länger brauche."

        "Wenn du ychtonische Magie anwendest, Crantor, dann wirst du sie nicht bändigen können. Du würdest Wilde Magie freisetzen und damit die ganze Welt zerstören."

        "Vielleicht sollte ich das tun," meinte Crantor, und ein böses Lächeln umspielte seine Lippen.

        "Unsere Aufgabe ist es, die niederen Rassen zu vernichten," gab Khamithan zurück, "damit sie nicht nach uns die Welt beherrschen. Es ist uns nicht erlaubt, diese Welt zu zerstören, denn sie ist ein Kunstwerk der Götter, das wir nicht antasten dürfen."

        "Dann solltest du mich nicht in Versuchung bringen, Zauberpriester," murmelte Crantor böse.

 

Wortlos wandte sich Khamithan ab und verließ mit der stolzen Haltung seiner Kaste das Zelt des Feldherrn, der ihm mit Mordlust in seinen bernsteinfarbenen Raubkatzenaugen nachblickte.

 

Als Crantor wusste, dass er nicht auf die magische Hilfe der Priester zählen konnte, befahl er den Sturmangriff auf Hymhir.

Die Burg fiel am nächsten Tage und wurde dem Erdboden gleichgemacht....

 

 

Chakkor war König von Borea. Er herrschte mit harter, aber gerechter Hand über die Stämme seines Volkes und nur ihm war es zu verdanken, dass die boreanischen Stämme zu einer Nation zusammengeschmiedet worden waren, die schon eine beachtenswerte Zivilisation entwickelt hatte.

Sein Vater hatte schon dafür gesorgt, dass jeder Stammesfürst eine Schutzburg baute, um so das Land gegen die Raubzüge der Pikten zu schützen. Und er sorgte nun dafür, dass im Umfeld solcher Burgen Dörfer und kleine Städte entstanden, wie es die im Süden benachbarten Nemedier schon seit Generationen kannten.

Chakkor war nicht nur als König ein besonderer Mann unter den Boreanern, denn er war Krieger, Gelehrter und auch Baumeister in einer Person.

Als Knabe hatte er einige Jahre lang auf den Schulen der Kothier gelernt, danach lebte er vier weitere Jahre bei den Baumeistern der Aquilonier und lernte vieles von ihrem Können. Sein so erworbenes Wissen wandte er nun als König von Borea an, ohne dass er sich hier auf seine Berater verlassen musste.

Als er zum Manne herangereift war und die Mannbarkeitsprüfung bestanden hatte, war er von seinem Vater zu den Nemediern geschickt worden, um dort als Söldner das Kriegshandwerk zu erlernen. Nemedische Heerführer brachten ihm das Wissen um Taktik und Strategie bei. Chakkor war ein gelehriger Schüler und während eines Grenzkrieges zwischen Nemedia und Zamora tat er sich als Befehlshaber einer Hundertschaft hervor, womit er sich bei den Nemediern gewissen Ruhm erwarb.

Als sein Vater starb, kehrte er nach Borea zurück, um sein Erbe als König anzutreten.

Das erste, was er bei den Stämmen durchsetzte, war ein Gesetz, welches besagte, dass jeder Stamm zehn mal zehn Krieger für drei Jahre dem König zum Waffendienst stellen musste. Auf diese Weise schuf er sich eine ständige Streitmacht von siebentausend Mann, die er von nemedischen Söldnern ausbilden ließ. Manche Stammeskrieger blieben für immer im Dienst des Königs und bildeten bald seine Leibgarde. Die Männer, welche wieder zu ihren Stämmen zurückkehrten, waren verpflichtet, jederzeit des Königs Ruf zu den Waffen zu folgen. Sie bildeten die Streitkräfte der Stämme, meist als Besatzung der Schutzburgen oder als Grenzwächter.

Von da an konnte Borea den räuberischen Piktenhorden jederzeit mit gut gerüstetem Kriegsvolk entgegentreten, so dass die piktischen Überfälle immer seltener wurden. Selbst gegen die kriegerischen zamorischen Reiter aus dem Osten konnten sich die Boreaner behaupten.

Nur den übermächtigen Atlantiden mussten sie sich beugen und ihnen Tribut an Sklaven und Gütern zahlen. Aber das mussten alle hyborischen Völker, und es war sinnlos, sich dagegen aufzulehnen.

 

Als das alles erreicht war und sich die Stämme Boreas endlich zu einer großen Nation vereint hatten, war Chakkor ein Greis geworden, dessen Tage schon gezählt waren.

Doch nun, wo Chakkor sein Lebenswerk fast vollendet hatte, brach das Unheil in Gestalt der goldenen Riesen über sein Volk herein. Die Nachrichten, welche Chakkor über die Atlantiden erhielt, ließen ihn schaudern, denn für ihn war es schier unvorstellbar, dass Krieger ihr eigenes Volk niedermetzelten und ihr Land verbrannten, um dann ihre Nachbarn anzugreifen. Chakkor vermochte es nicht zu begreifen.

Wer vermochte dieses mächtige Heer der Riesen aufzuhalten? Ihre Zahl war größer als die Krieger der Boreaner, Nemedier und Aquilonier zusammen, und jeder einzelne Atlantide war gegen einen hyborischen Menschen ein Gigant, der größer und stärker als drei Männer war. Wer konnte gegen solche Titanen und ihre überlegenen Waffen kämpfen? Wer konnte sich gegen die unnatürlichen Kräfte der atlantidischen Zauberer schützen?

König Chakkor wusste genau, dass Borea allein nichts gegen das Titanenheer der Atlantiden ausrichten konnte. Es wäre so, als versuchte ein einzelner Wolf ein Mammut aufzuhalten. Nur vielen Wölfen konnte das gelingen, und das bedeutete, dass sich alle hyborischen Völker gegen die Goldenen zusammenschließen mussten, um sich gegen sie wehren zu können.

 

Jeden Tag erhielt der König Kunde von weiteren Burgen, die von den Goldenen erstürmt und niedergebrannt worden waren. Chakkor fiel es nicht schwer, zu erkennen, welchen Plan der atlantidische Feldherr verfolgte, denn es war nur zu deutlich, dass genau jene Burgen der Reihe nach vernichtet wurden, welche die Nordgrenze gegen die wilden Pikten schützen sollten. Die Goldenen wollten, dass die Pikten nach Borea einfielen, so dass sie nur noch zuzuschauen brauchten, wenn die Pikten die Boreaner umbrachten, denen es gelingen sollten, den Angriff der Atlantiden zu überleben.

Der König entschloss sich, die Nemedier um Hilfe zu bitten, und so brach noch am selben Tage ein Bote nach Nemedia auf.

 

 

        "Mein Zanthire ," sprach Crantor in seinem Zelt, "Lasst uns die Kelche leeren auf unseren Sieg. Denn heute ist ein Tag, an dem wir Grund haben, zu feiern. Die letzte Grenzburg der Boreaner ist niedergebrannt, und nur wir sind es, vor denen die piktischen Wilden noch zurückschrecken, bevor sie über Borea herfallen und uns die Arbeit abnehmen. Nur einige wenige Burgen im Innern des Landes sind noch nicht gefallen, wenn man die Dörfer und Siedlungen außer acht lässt, und auch die befestigte Hauptstadt Hurtanhir noch verschont geblieben. Die Burgen und Ansiedlungen können wir den Pikten überlassen. Wir brechen morgen auf, um auch Hurtanhir, das Herz Boreas, vom Angesicht der Welt zu tilgen. Den Rest können wir danach den Pikten überlassen. Darum lasst uns trinken auf den Sieg über die niederen Völker, die wir vernichten werden, damit keine Unwürdigen unsere Nachfolge antreten können."

        "Einen bitteren Tropfen finde ich im Kelch des Sieges," sprach da Zanthir Moran, der Befehlshaber der 1. Zanthura , "An den Burgmauern der Boreaner starben fast tausend Krieger. Eine volle Dekura , die nur deshalb verloren ging, weil die Zauberpriester sich weigerten, die Mauern mit Hilfe von Magie einstürzen zu lassen. Denken wir also an unsere Toten, die uns lehren, wie wenig wir uns auf die Magier verlassen können."

        "Hüte dich, Zanthir!" rief da Khamithan, dem diese bitteren Worte gegolten hatten, "Fordere mich nicht heraus! Denn du bist nur ein winziger Wurm gegen die Mächte, die ich herbeizurufen vermag. Du würdest es schnell bereuen, gäbe ich dir eine Probe meiner Macht. Und urteile nicht über die Dinge der Magie, die du nicht zu begreifen vermagst."

        "Ist deine Macht so gering," entgegnete Moran spöttisch, "dass du mit ihr nur mir, einem einzelnen, drohen kannst, während du vor den Mauern der Boreaner zurückschreckst?"

 

Wütend sprang Khamithan auf und richtete seinen Stab aus menschlichem Gebein drohend auf den Zanthir.

        "Nimm' diese Worte zurück, oder dein Herz wird zu schlagen aufhören!"

        "Halt !!!" gellte da die Stimme des Panthagron durch das Zeltinnere. Im selben Moment spürte der Magier scharfen Vimanstahl an seiner Kehle - Crantors Schwert.

        "Ich habe geduldet, dass du mir deinen Beistand versagtest. Doch wage es nicht, deine Kräfte gegen Atlantiden zu richten, sonst wirst du viele Tode sterben."

 

Plötzlich aber begann Crantors Schwert hellrot aufzuglühen und man spürte die Hitze des glühenden Stahls. Aber Crantor ließ die Waffe nicht fallen, wie es jeder andere getan hätte. Höhnisch lachend berührte er mit dem heißen Stahl die Haut am Hals des Magiers, der sofort mit einem Aufschrei zurückzuckte. Schlagartig wurde die Waffe wieder kalt.

        "Du vergisst," höhnte Crantor, "dass ich wie du ein Dheri bin und darum gefeit gegen deine Magie. Versuche das niemals wieder, Khamithan! Und  nun verlasse mein Zelt. Überlege dir, mit welcher Magie du die Mauern der Königsstadt Hurtanhir niederreißen wirst. Wenn du dich noch einmal weigerst, deine Macht einzusetzen, wird das dein Ende sein, Hohepriester."

 

Gedemütigt wie niemals zuvor ging der Hohepriester des Gottes Mhoortimuth in die Nacht hinaus.

Als er fort war, wandte sich Crantor an den Zanthir Miragon: "Nimm' die Krieger deiner Zanthura und töte noch in dieser Nacht alle Priester. Nur Khamithan soll am Leben bleiben, denn wir brauchen ihn noch. Ohne seine Helfer wird er weniger hochmütig sein."

 

 

        "Panthagron, es sind Gesandte der Boreaner eingetroffen," meldete Zanthir Anepas, "Sie wollen mit dir sprechen."

 

Crantor erhob sich gemächlich von seinem Lager und begann seine Rüstung anzulegen.

        "Was soll ich ihnen sagen?" fragte Anepas, "Willst du dir ihr Gewinsel anhören?"

        "Nicht hier, nicht in meinem Zelt," antwortete Crantor, "Oder meinst du, ich wünsche die Teppiche meines Zeltes von den Füßen der Unwürdigen besudeln zu lassen?

        "Wo willst du mit ihnen reden, Panthagron?"

        "In der Mitte des Lagers, am großen Feuer," antwortete Crantor, "Wie viele sind es?"

        "Es sind acht Männer, die nicht mehr jung sind."

        "Bringt sie zum Hauptfeuer. Ich werde dorthin kommen. Halte dort einige deiner Krieger bereit. Sie sollen die Boreaner ergreifen und fesseln, sobald ich meinen Helm abnehme."

        "Willst du sie nicht schonen? Es sind Gesandte."

        "Ich schone keine hyborischen Affenbastarde. Wenn ich mit ihnen gesprochen habe, werden sie gefangengenommen. Ich werde danach entscheiden, was mit ihnen geschehen soll."

        "Gut," meinte Anepas, "Ich werde ein paar Krieger bereithalten." Dann ging er, um einige seiner Männer zu rufen.

 

Crantor legte seine Rüstung an, hängte sich das Schwert um und nahm den rötlich-goldenen Schild aus Vimanstahl, nachdem er sich den violetten Feldherrnmantel mit dem Emblem des schwarzen Kraken über die Schultern geworfen hatte.

In voller Rüstung marschierte er zur Lagermitte, wo die meterhohen Flammen des Hauptfeuers in den nächtlichen Himmel hinaufloderten.

Der Feuerschein spiegelte sich auf Schild, Helm und Harnisch; in den Augen der boreanischen Gesandten musste er einem strahlenden Gott gleichen, als er gemächlichen Schrittes auf sie zukam.

Die thurischen Völker nannten die Atlantiden wegen ihres hellblonden Haares und ihrer seltsamen, goldähnlichen Hautfärbung   "die Goldenen", und die Erscheinung des letzten atlantidischen Fürsten machte diesem Namen alle Ehre.

Als er vor den Gesandten stand und sie anblickte, warfen sie sich vor ihm nieder wie vor einem Gott.

        "Ihr seid gekommen, um mit mir zu sprechen, Boreaner," sprach er, "Darum hebt eure Häupter und seht mich an, wenn ihr sagt, was ihr glaubt, mir sagen zu müssen."

Mit ängstlichen Blicken erhoben sich die Boreaner, von denen der größte dem Panthagron gerade bis an den Nabel reichte,  denn Crantor war selbst unter den Atlantiden von außergewöhnlich hohem Wuchs. Die Boreaner mussten ihre Köpfe in den Nacken legen, um in sein Gesicht blicken zu können.

Zögernd begann einer von ihnen zu sprechen:

        "Wir sind gekommen, um Euch, die Götter aus dem Großen Meer des Westens, zu fragen, warum Ihr uns eine so furchtbare Strafe auferlegt. Niemals haben wir uns gegen Euch erhoben; seit vielen Generationen leisten wir klaglos den von Euch geforderten Tribut an Gütern und Sklaven, und niemals betraten wir ungerufen Euer Land. Doch nun zerstampft Ihr unsere Felder, verbrennt unsere Dörfer, zertrümmert unsere Burgen und erschlagt Männer, Frauen und Kinder. Sagt uns, welchen Frevel wir begangen haben, für den Ihr uns so grausam büßen lasst. Sagt uns, warum Ihr unser Volk so grausam straft."

 

Kaum war der Sprecher verstummt, da brach Crantor in gellendes Gelächter aus, doch es war ein Lachen, vor dem es den Gesandten grauste.

Aber dann brach Crantors Lachen abrupt ab, und mit dröhnender Stimme rief er: "Ihr fragt mich, was ihr gefrevelt habt, ihr Unwürdigen, die ihr nur Bastarde von Affen seid, einst gezeugt von Abtrünnigen unseres Volkes? Ich will euch sagen, worin euer Frevel besteht: Ihr lebt noch immer, während das Goldene Reich Atlantis versunken ist. Ihr niederen Bastarde habt es überlebt, und damit verhöhnt ihr uns und unsere Götter! Ihr seid tierisches Ungeziefer, welches das Antlitz der Welt besudelt! Das allein ist Frevel genug. Glaubt Ihr denn, eure niederen Rassen dürften nach uns die Welt beherrschen? Ihr und alle anderen niederen Völker werdet sterben, denn wahrer Hohn wäre es, wenn minderwertige Affenbastarde nach uns Atlantiden diese Welt beherrschen würden. Das Gesetz unserer Götter verlangt euren Tod, und ich werde dieses Gesetz vollstrecken!"

Entsetzen spiegelte sich nun in den Gesichtern der Gesandten.

        "Aber," begann ihr Sprecher wieder, "warum habt Ihr dann Euer Volk, Euer Land, Eure Städte und Burgen diesseits des Meeres vernichtet? Wenn auch Eure Heimat unterging, so war doch ein großer Teil Eures Volkes noch lange nicht dem Tode geweiht. Warum habt Ihr den endgültigen Untergang Eures Volkes selbst herbeigeführt?"

 

        "Auch diese Frage ist ein Frevel," gab Crantor zur Antwort, "denn wisset, das Volk von Atlantis darf nicht leben ohne seine Heimat, die Goldene Insel. So ist es der Wille und das Gesetz unserer Götter seit dem Anbeginn der Zeit. Ihr werdet mit uns untergehen, denn ihr seid nicht würdig genug, unser Erbe anzutreten !"

        "Aber warum glaubt Ihr, dass wir unwürdig sind? Was müssen wir tun, damit Ihr uns für würdig befindet?"

Crantor lachte bösartig.

        "Das will ich dir gern verraten, Bastard. Ihr müsst diese Armee besiegen und vernichten, bevor sie euch vernichtet hat. Wem es gelingt, uns zu besiegen, der mag unser Erbe antreten. Aber das wird wohl keines eurer dummen Völker schaffen."

Mit diesen Worten nahm Crantor den mit den goldenen Zackenflossen eines mystischen Meeresungeheuers geschmückten Helm vom Haupte. Sofort sprangen die bereitstehenden Wachen herbei, packten die Gesandten und fesselten sie.

        "Warum tut ihr das?" rief der Sprecher, "Wir sind doch Gesandte, die in Frieden zu Euch kamen. Das ist ehrloser Verrat!"

        "Euer König hat euch mit Fragen zu mir gesandt," erwiderte Crantor, "und so bin ich ihm eine Antwort schuldig. Gibt es eine deutlichere Antwort für ihn als eure verstümmelten Leiber?"

 

 

        "Mein König, die Goldenen haben unsere Gesandten zurückgeschickt."

Chakkor schreckte aus dem leichten Schlummer auf, in den er in letzter Zeit des öfteren fiel.

        "Die Gesandten sind zurück? Dann bringt sie schnell zu mir, damit sie berichten können, was sie erreicht haben."

Koreo, sein engster Vertrauter, senkte das Haupt und sprach, ohne dabei den König anzuschauen: "Nur einer von ihnen kann noch sprechen, doch er ist bereits dem Tode nahe. Die anderen leben nicht mehr. Sie alle wurden furchtbar zugerichtet und grausam verstümmelt. Die Goldenen haben ihnen Arme und Beine abgehackt und sie dann auf ihre Pferde gebunden. Die treuen Tiere haben die Unglücklichen bis hierher getragen, doch sieben sind unterwegs verblutet. Nur einem hat man die zahlreichen Wunden mit Pech versiegelt, damit er lebend bis hierher gelangen konnte. Doch das Grauen hat seinen Verstand verwirrt, und er liegt im Sterben."

        "Kann er noch sprechen? Kann er noch sagen, was er bei den Goldenen erfahren hat?"

        "Ich weiß es nicht, mein König; er redet immerzu vom untergegangenen Reich der Goldenen und dass ihnen alle in den Tod folgen werden."

        "Bringt ihn zu mir, damit ich seine Worte selbst hören kann."

Koreo nickte und eilte davon.

Kurz darauf trugen vier Männer unter seiner Führung eine Bahre herein, auf der ein Mensch lag, dessen schrecklicher Anblick einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Der Mann war grauenvoll zugerichtet; die Atlantiden hatten ihm Arme und Beine abgeschnitten, die Augen ausgestochen, den Haarschopf samt Kopfhaut vom Schädel gerissen und alle seine Zähne herausgebrochen. Und all dies hatten sie mit ihm und seinen Gefährten getan, während diese noch bei vollem Bewusstsein waren, denn die Atlantiden waren wahre Meister der Folter und der Marter. Seinen Begleitern war das Schicksal noch gnädig gewesen; sie hatten nicht lange leiden müssen.

Chakkor beugte sich über den Sterbenden.

        "Was haben die Goldenen gesagt? Warum haben sie unser Land überfallen? Sprich'!"

Schwach bewegten sich die Lippen des Todgeweihten, und Chakkor musste sich noch tiefer zu ihm herabbeugen, um seine Worte verstehen zu können.

        "Das Heimatland der Goldenen ist untergegangen in den Fluten des Meeres," flüsterte der Todwunde, "und ihre Götter gebieten, dass das Goldene Volk nicht ohne seine Heimat Atlantis leben darf. Sie wollen alle menschlichen Völker vernichten: uns, die Nemedier, Zamorer, Kothier, Aquilonier, Hyrkanier, Shem, Stygier, Pikten und sogar die gelbhäutigen Lemurer im fernen Osten. Sie kennen kein Erbarmen, und die wollen die ganze Welt in Blut ertränken. Wir sind alle verloren, denn nichts wird sie aufhalten."

Das waren die letzten Worte des Mannes, dann verließ das Leben endgültig seinen geschundenen Leib.

 

Koreo bedeckte ihn behutsam mit weißem Linnen, dann trugen die Wachen den Leichnam hinaus.

Müde setzte sich Chakkor an einen klobigen Tisch und ließ sein Haupt auf das Holz sinken. Seine Schultern zuckten haltlos, und Koreo sah seinen König zum erstenmal weinen.

Auch ihn hatten die Worte des Sterbenden zutiefst erschüttert und entsetzt, und auch er war voller Ratlosigkeit.

Der König war verzweifelt.

        "Koreo, mein treuer Freund, was können wir nur tun? Wie können wir dieses schreckliche Unheil von uns abwenden? Was vermag die Armee der Titanen aufzuhalten, bevor sie unser ganzes Volk ausrottet?"

        "Vielleicht haben die Gesandten in Nemedia Erfolg, und vielleicht senden die Nemedier uns eine Armee, die uns zu Hilfe kommt."

        "Auch mit den Nemediern zusammen können wir dieses gigantische Heer nicht aufhalten. Alle hyborischen Völker müssten schon gemeinsam gegen die Titanen kämpfen. Und dazu ist es für Borea bereits zu spät. Auch die Nemedier werden uns nicht mehr helfen können, zumal sie selbst auch bedroht sind. Bald werden die Goldenen vor den Toren von Hurtanhir stehen, während an den Grenzen die piktischen Menschenfresser ins Land dringen. Uns bleibt nichts anderes mehr, als kämpfend unterzugehen, um so die Goldenen wenigstens für eine kurze Zeit aufzuhalten. Sendet Boten zu allen Stämmen, damit alle Krieger Boreas nach Hurtanhir kommen, um die Mauern dieser Stadt zu verteidigen. Die Alten, die Frauen, die Kinder und die verheirateten Männer sollen nach Nemedia fliehen, um so dem Tode zu entgehen. Wir werden hier bis zum letzten Mann kämpfen, damit die Goldenen so sehr mit uns beschäftigt sind, dass sie nicht an eine Verfolgung der Flüchtigen denken. Mehr können wir nicht tun. Beten wir zu unseren Göttern, dass unser Opfer nicht umsonst sein wird, damit wenigstens ein Teil unseres Volkes der Vernichtung entgehen kann."

 

 

Crantor musterte die Berittenen auf ihren Patanks, die jedem Schlachtross an Größe und Stärke weit überlegen waren. Patanks waren zwar mit den Pferden artverwandt, doch waren sie doppelt so groß wie diese. Diese Tiere waren das Ergebnis einer besonderen Züchtung und wurden von den Atlantiden hauptsächlich als Reittiere für die Kavallerie eingesetzt. Auf ihrer Stirn trugen sie ein armlanges, lanzenartiges Horn, das sie im Kampf als fürchterliche Stoßwaffe einsetzten. (In späteren Jahrhunderten sollten kleinere Nachkommen der Patanks in den Sagen und Legenden der Menschen als "Einhörner" zu finden sein.)

 

        "Zanthir Urthun," wandte er sich an den Befehlshaber der Reiterei, "du wirst mit deinen Reitern vorauseilen und nach Boreanern Ausschau halten, die nach Hurtanhir fliehen, um dort Zuflucht zu suchen. Der König von Borea wird sicher die Stammeskrieger zu sich rufen, um mit ihnen die Stadt zu verteidigen. Sobald du ihrer ansichtig wirst, greife sie an und vernichte sie, damit sie die Streitmacht des Königs nicht mehr verstärken können. Dann reite nach Hurtanhir und sorge dafür, dass niemand mehr lebend in die Stadt hineingelangt, noch aus ihr herauskommt. Du weißt, was du zu tun hast, Zanthir?"

        "Ich habe dich verstanden, Panthagron," antwortete Urthun, "Dein Weg nach Hurtanhir wird von den Leichen der Boreaner geschmückt sein."

        "Dann reite, Urthun, und komm' über die Affenbastarde wie der Sturm über die Kornfelder."

Urthun hob die Hand zum Gruß und trieb sein Patank an, um sich an die Spitze seiner Truppe zu begeben. Schon bald darauf ertönten gellende Rufe und Kommandos aus den Kehlen der Dekuronen  und Manthuronen . In die Masse der Reiter kam Bewegung, dann setzte sich Hälfte der atlantidischen Kavallerie in Marsch.

Crantor schaute zu, wie die berittenen Krieger in Zehnerreihen, geordnet nach Manthuren , an ihm vorbeigaloppierten, gen Osten nach Hurtanhir. Seit seiner Aufnahme in die Kriegerkaste war die Patank-Kavallerie immer seine liebste Streitmacht gewesen, und obwohl die schwere Drachenreiterei weitaus schlagkräftiger war, bevorzugte er doch noch immer die Patankreiter. Als junger Krieger hatte er zu diesen stolzen Reitern gehört, und seine erste Schlacht hatte er auf dem Rücken eines Patanks erlebt, als die Atlantiden gegen die Lemurer gekämpft hatten. Die Lemurer lebten im Osten des thurischen Kontinents und auf den vorgelagerten Inseln und hatten den Atlantiden immer widerstanden. Das Goldene Reich hatte schließlich darauf verzichtet, diese unbeugsamen Völker zu unterwerfen, doch zuvor hatten sie die lemurische Kultur fast restlos vernichtet und sie in die primitive Barbarei zurückgeworfen. Die lemurischen Völker hatten sich davon nie wieder erholt. Viele waren auf den unbewohnten Kontinent zwischen der Ostküste Thurias und der Westküste von Atlantis geflohen, der sich vom Eis des Nordens bis tief in die südlichen Gefilde erstreckte und das Westmeer vom östlichen Ozean trennte. Auch dort hatte es eine atlantidische Kolonie unter der Herrschaft des Panthagrons Quetzalcoatl gegeben, die jedoch in Vergessenheit geraten war.

Crantor verscheuchte die Erinnerungen, welche die vorbeidonnernden Patankreiter in ihm wachgerufen hatten. Damals war er ein Jüngling gewesen, und Atlantis hatte die Welt beherrscht. Doch das war vorbei.

Die letzte Hundertschaft galoppierte vorbei, und der Panthagron wandte sich ab, um zurück zu seinem Zelt zu gehen.

 

 

Brale, der Häuptling vom Stamm der Schlangenpikten, lauschte begierig den Neuigkeiten, die ihm die heimgekehrten Späher vom Land der Boreaner brachten. Die mächtigen Riesen des Westens hatten sich gegen die Rothaarigen gewandt und waren über sie hergefallen, um ihre Burgen zu verbrennen und ihre Stämme vor sich herzujagen. Nun gab es nichts mehr südlich der piktischen Wildnis, was die Pikten aufhalten konnte, wenn sie aus den Wäldern hervorbrachen, um auf Raubzug zu gehen. Die Späher berichteten, dass die Goldenen keine Beute machten, sondern alles bis auf Nahrungsmittel achtlos liegen ließen. Die Schlangenpikten brauchten also nur noch die Beute einzusammeln.

Brales Augen leuchteten in wilder Gier, als er das alles vernahm. Davon hatte er schon immer geträumt. Viel zu oft hatte sich sein Stamm blutige Köpfe an den Mauern der boreanischen Grenzburgen geholt, doch nun war der Weg in den Süden frei, wo reiche Beute wartete.

Und so kam es, dass die Schlangenpikten als erster Stamm nach Borea eindrangen. Schon bald folgten andere Stämme, die ebenfalls von der leichten Beute gelockt wurden.....

 

 

Hurtanhir, die Königsstadt von Borea, war eingeschlossen von den Atlantiden mit ihren mächtigen Kampfechsen und Belagerungsmaschinen. Die Stadt wurde jetzt von fast zwanzigtausend Boreanern verteidigt. Selbst Knaben und Frauen kämpften jetzt auf den Mauern der Stadt. Jeder, der auch nur einen Knüppel schwingen konnte, wurde zur Verteidigung herangezogen.

In Hurtanhir selbst drängten sich mehr als hunderttausend Menschen, die hier Schutz vor den Atlantiden gesucht hatten; die meisten von ihnen hatten den Versuch aufgeben müssen, nach Nemedia zu fliehen, als Urthuns Reiterei ihnen den Fluchtweg in den Süden abgeschnitten hatte. Die Patankreiter durchstreiften noch immer das Land und töteten jeden Boreaner, den sie finden konnten. Es gab in ganz Borea kein sicheres Versteck mehr, denn wen die Atlantiden nicht aufspüren konnten, den töteten die Pikten, die jetzt ins Land eindrangen.

Die Zustände in der belagerten Stadt waren schier unerträglich, denn überall drängten sich die Menschen zuhauf. Normalerweise lebte nur ein Zehntel der jetzt hier eingeschlossenen Menschen in Hurtanhir. Die Nahrung und das Trinkwasser wurden schnell knapp; Schmutz und Exkremente besudelten sämtliche Straßen und Gassen, wodurch die Gefahr von Seuchen nur noch vergrößert wurde. Dazu kam, dass die Belagerer mit ihren Katapulten Brandgeschosse in die Stadt hineinschleuderten. So loderten immer wieder Brände auf, deren Löschung die Wasservorräte noch schneller schrumpfen ließ. Die Brunnen in der Stadt mussten bereits von schwerbewaffneten Kriegern der königlichen Leibgarde bewacht und oft auch verteidigt werden.

Mittlerweile war man schon dazu übergegangen, die immer wieder auflodernden Brände mit gesammeltem Urin zu löschen, weil das Wasser einfach zu kostbar war. Über der Stadt lag bald eine Dunstwolke übelsten Gestankes wie ein verderbenbringender Pesthauch. Unter diesen Umständen würde sich Hurtanhir nicht lange halten können, aber der Fall der Stadt bedeutete auch den Tod aller Menschen, die jetzt in ihr lebten, und so blieb den Verteidigern nichts anderes übrig, als verzweifelt um ihr Leben zu kämpfen.

Die Belagerer hatten sich bislang darauf beschränkt, die Stadt einzukesseln und mit brennenden Pechballen zu beschießen.

 

Crantor war der Meinung, dass die Menschen in der Stadt schon allein durch die dort herrschenden Zustände bald so geschwächt sein mussten, dass sie keinen Widerstand mehr leisten konnten.

Er hatte nicht vor, sein Heer gegen Mauern anrennen zu lassen, die mit dem Mut der Verzweiflung von Menschen verteidigt wurden, welche nichts mehr zu verlieren hatten.

Natürlich waren seine Heerführer anderer Meinung, was sie während einer Beratung deutlich zum Ausdruck brachten.

        "Meine Drachenreiter brennen darauf, die Mauern der Stadt endlich niederzureißen," sprach Zanthir Nameton während dieser Beratung ungeduldig, "Seit Tagen schon halten sie Seile und Wurfanker, Steinbrecher und Rammen bereit. Wann bekomme ich endlich den Befehl zum Angriff?"

        "Ich muss dich enttäuschen, Nameton," antwortete ihm der Panthagron, "aber ich habe nicht vor, Hurtanhirs Mauern von deinen Drachen niederreißen zu lassen. Dieses Mal soll die Stadt durch Magie vernichtet werden. Die Menschen sollen erfahren, über welche Kräfte wir verfügen. Dann wird die Angst vor unserer Magie jeden Gedanken an Widerstand mit grenzenloser Furcht vermischen. Und diese Furcht wird unser bester Verbündeter sein."

        "Ist ein solcher Beweis unserer Macht denn überhaupt notwendig?" fragte Nameton, "Sind wir denn nicht auch ohne Magie unbesiegbar? Zittern die Völker des ganzen thurischen Kontinents nicht auch schon so vor unserer Macht?"

        "Noch haben wir keine Schlacht gegen ein geordnetes und gutgerüstetes Heer der Hyborier geschlagen," sprach Crantor, "Auch Zwerge können kämpfen, vor allem, wenn sie verzweifelt sind und nichts mehr zu verlieren haben. Selbst wenn sie uns nicht besiegen können, so sind sie dennoch in der Lage, uns Verluste zuzufügen, die unsere Kampfkraft nach und nach schwächen werden. Würden wir uns jedesmal auf neue Kämpfe einlassen, so hätten wir uns bald zu Tode gesiegt. Nein, die Affenbastarde müssen eine solche Angst vor uns und unserer Magie haben, dass ihr Kampfeswille dadurch gelähmt wird. Das bezwecke ich mit dem Einsatz von Magie gegen die Stadt Hurtanhir. Der Hohepriester Khamithan soll dieses Werk morgen vollbringen."

 

 

        "Der König ist tot !! König Chakkor ist gestorben!!"

Wie ein Lauffeuer eilte die Nachricht durch die Straßen. Der alte, weise Vater Boreas lebte nicht mehr. Und das zu einer Zeit, in der man seinen Rat dringender als je zuvor brauchte. Für die Belagerten war das mehr als nur ein schlechtes Omen; es war ein Sinnbild der Hoffnungslosigkeit und ein Vorbote des vielfachen Todes, der draußen vor den Toden lauerte.

Was konnte die Menschen in Hurtanhir jetzt noch vor den mordgierigen Titanen retten?

Aus Nemedia war keine Hilfe gekommen. Nichts konnte die Stadt jetzt noch retten. Und genau in dieser Situation grenzenloser Verzweiflung schlug der Feind vor den Toren mit den grauenhaften Kräften uralter ychtonischer Magie  zu.......

 

 

        "Erhöre mich, oh Mhoortimuth, Gott der Götter, Vater des Goldenen Volkes, Herrscher über Land, Wasser, Himmel und Erde! Höre mich, Schöpfer der Dheri, der Khiram und der Harimath  ! Höre mich, Schöpfer und Behüter der Welt, deren Gott du bist seit Anbeginn der Zeit. Erhöre mich, oh Mhoortimuth, und gewähre mir deine Gunst, damit meine Kräfte ausreichen, jene Mächte zu beherrschen, die ich herbeizurufen gewillt bin. Denn zerstören sollen sie diese Stadt, in der sich das tierhafte Geschmeiß der Menschlinge verbirgt, die deine Schöpfung besudelt. Gewähre mir deine Gunst und gib mir deine Kraft, Gott aller Götter !"

 

Während Khamithan den höchsten atlantidischen Schutzgott anrief, brachten einige Krieger dem Gott blutige Opfer dar: menschliche Herzen, die sie gefangenen Boreanern aus dem lebendigen Leib herausschnitten.

Schaurig untermalten die schrillen Schreie der Opfer die Beschwörungen des Hohepriesters, der die warmen, noch schlagenden Herzen ins lodernde Opferfeuer warf. Dabei rief er gutturale, kehlige Worte in einer Sprache, die älter war als selbst Atlantis; Worte aus den Urtagen der Welt, als Atlantiden und Menschen noch nicht einmal als Gedanken der Götter existiert hatten. Worte, mit denen mächtige Wesen von jenseits der Sterne, jenseits von Leben und Tod, jenseits von Zeit und Raum herbeigerufen wurden. Wesen aus finsteren, morbiden, unheimlichen Dimensionen, furchtbar, schrecklich, böse und grausam; Dämonen aus Chaos, Grauen und Finsternis rief Khamithan mit diesen Worten herbei, deren Kenntnis ihm Macht über diese höllischen Kreaturen gab.

 

Rings um den Zauberer begann die Luft zu flimmern.

Die umstehenden Krieger wichen zurück, nur Crantor blieb ungerührt stehen, da ihm selbst magische Kraft innewohnte, so dass er sich vor Dämonen nicht zu fürchten brauchte.

Dann begann ein Kreis aus völliger Schwärze den Zauberpriester zu umgeben, dessen absolute Dunkelheit auch der helle Schein des Opferfeuers nicht zu durchdringen vermochte, denn es war die kalte Dunkelheit eines fremden Universums, in dem andere Naturgesetze Gültigkeit hatten.

Schließlich war Khamithan von einer Wand grausiger Finsternis umgeben, und aus der unheimlichen Wolke aus Dunkelheit drangen jene Wesen hervor, die er gerufen hatte.

Ihr Anblick ließ gewöhnlichen Sterblichen das Blut in den Adern gefrieren. Es waren Wesen, deren mächtige, fledermausähnliche Körper in gelblich-grüne Flammen gehüllt waren, die aus ihrem Innern zu lodern schienen. Schrecklich und schön zugleich waren sie, doch ihre Art von Schönheit hatte nichts mit der irdischen gemeinsam.

        "Wesen der Finsternis!" rief Khamithan, "Dämonen aus den ewigen Flammen des Chaos! Ich habe euch gerufen, dass ihr mir dienet und jene Stadt dort vernichtet, und mit ihr all das Gewürm, das sich in ihren Mauern verkrochen hat. Alles, was dort lebt, soll eure Nahrung sein !!!"

 

 

Das Ende der boreanischen Königsstadt war grauenvoll.

Die von Khamithan beschworenen Flammendämonen stürzten wie feurige Kometen aus dem nächtlichen Himmel auf die Stadt hinab, drangen durch meterdicke Wände und Mauern und stürzten sich in unersättlicher Gier auf Menschen und Tiere, die ihnen hilflos ausgeliefert waren.

Zu Tausenden wurden sie von den entsetzlichen Geschöpfen zerfleischt, und ihr Blut wurde bis zum letzten Tropfen aufgesaugt - als Nahrung für die Dämonen.

Schreie der Angst und des Entsetzens gellten durch die Straßen, wurden vor Schmerz unerträglich schrill, bis sie endlich röchelnd verklangen. Die Todesschreie Zehntausender erfüllten die Luft wie eine unvorstellbare, entsetzliche Sinfonie des Grauens.

Der furchtbare Spuk dauerte bis zum frühen Morgen, dann verschwanden die Dämonen und kehrten in ihre fremden Sphären zurück.

In der Stadt Hurtanhir gab es danach kein lebendes Wesen mehr, denn nichts war der Blutgier der Flammendämonen entgangen.

Als die Atlantiden in die Stadt eindrangen, fanden sie nur noch blutleere Leichen und Tierkadaver. Als sie sicher waren, dass es in Hurtanhir kein Anzeichen von Leben mehr gab, brannten sie die Stadt nieder.

 

 

        "Du warst großartig, Khamithan," lobte Crantor den Hohepriester, "Sei' mir auch in Zukunft so zu Diensten, dann werde ich dich fortan als Freund behandeln. Ich werde deine Stellung und deinen Rang achten, solange du mir nicht den Gehorsam verweigerst, den du mir schuldig bist."

        "Warum hast du meine Priester töten lassen, Panthagron?" hielt ihm der Magier entgegen, "Du hattest dafür keinen Grund! Oder hast du ihre Macht gefürchtet?"

        "Nein, ich brauchte sie nicht zu fürchten. Ihre magischen Kräfte waren viel geringer als die deinigen, Khamithan. Selbst die mir gegebene Kraft der Wilden Magie war größer als ihre Kräfte, obwohl ich nicht in der Anwendung von Magie geschult bin. Sie wurden nicht mehr gebraucht. Du bist der größte Magier der Dheri-Kaste, und du hast mir, deinem Panthagron zu gehorchen. Vergiss das niemals !!"

        "Ich vergesse es nicht, Panthagron, und ich werde gehorchen. Aber es wird der Tag kommen, an dem ich Rache nehmen werde."

        "Rache?" fragte Crantor spöttisch, "Wie willst du das vollbringen, Hohepriester? Willst du mich gar an der Erfüllung unserer gemeinsamen Aufgabe hindern? Dann bedenke, dass diese Aufgabe der Wille des höchsten unserer Götter ist, dem wir beide dienen. Willst du dich vielleicht gegen die Gebote Mhoortimuths stellen? Dann hüte dich, Zauberer!"

        "Nein, Panthagron, ich werde mich nicht gegen den Willen des Allerhöchsten stellen. Meine Rache ist eine ausschließliche Sache zwischen dir und mir. Sobald du einen Fehler begehst, Crantor, wird das dein Ende sein. Finde ich auch nur das geringste Zeichen, dass du gegen die Gesetze der Götter handelst, so werde ich dein unerbittlichster Feind sein."

        "Dann wissen wir jetzt beide, woran wir sind," sprach Crantor mir einer Stimme, die nach Eiseskälte klang, "Und nur unsere gemeinsame Aufgabe hindert uns daran, uns gegenseitig an die Kehle zu gehen. Wenn die Arbeit getan ist, Hohepriester, werde ich dich vernichten. Bete also zu den Göttern, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis es keine Menschen mehr gibt. Solange wirst du vor mir sicher sein, denn solange werde ich dich noch brauchen. Nur deshalb bist du trotz deiner Anmaßung noch am Leben, Khamithan. Jetzt aber hebe dich hinweg aus meinem Zelt, bevor mich dein Anblick in Raserei versetzt!!"

 

 

        "Oh Mhoortimuth, du Gott aller Götter, antworte mir," betete Khamithan in seinem Zelt, "Sage mir, was dein Wille ist. Ist alles, was wir hier tun, wahrhaftig in deinem Sinne? Oder hast du ein Zeichen setzen wollen, als du Atlantis versinken ließest; eine Mahnung, die unseren Hochmut gegenüber den anderen Rassen dieser Welt dämpfen sollte? Betrachtest du die niederen Rassen ebenfalls als deine Kinder? Willst du wirklich, dass wir sie vom Angesicht der Welt tilgen, weil sie unwürdig sind, unser Erbe anzutreten? Oder sind wir selbst die Unwürdigen, die du vertilgen musstest? Gib' mir eine Antwort, Mhoortimuth, so dass ich deinen wahren Willen erkennen und ihm gehorchen kann."

 

Doch der Gott, den Khamithan beschwörend anrief, blieb stumm, und der Hohepriester blieb allein mit seinen Zweifeln, die von Tag zu Tag größer wurden.....

 

 

Das Reich der Boreaner zerfiel nach dem Fall Hurtanhirs in viele kleine, nomadisierende Sippen, die ständig gegen die einfallenden Piktenhorden um ihr Leben kämpfen mussten. Die noch junge boreanische Zivilisation ging in den folgenden, jahrhundertelangen Kämpfen unter, und die Nachkommen der Überlebenden fielen in primitive Barbarei zurück, die sich nicht mehr von der Primitivität der wilden Pikten unterschied.

 

Auch das Reich Nemedia ging unter dem Ansturm der atlantidischen Armeen zugrunde, und seine aufstrebende Kultur wurde völlig ausgelöscht. Auch bis hierher drangen hinter den Atlantiden die beutegierigen Pikten und ließen das Land in steinzeitliche Barbarei zurücksinken.

 

Im Osten zerschlug Crantors Heer die Reiterhorden der Zamorer in einer gewaltigen Schlacht, worauf die Sippen der überlebenden zamorischen Stämme ostwärts in die Gebiete der lemurischen Völker flohen, von denen sie alsbald erbittert bekämpft wurden.

 

Dann wandte sich Crantor mit seinem Heer gegen eines der drei mächtigeren Reiche der Hyborier: das Königreich Aquilonia, dessen Kultur bereits eine Hochblüte erreicht hatte, die fast mit der von Atlantis vergleichbar war.

Und hier wurde den bisher unbesiegbaren Atlantiden zum erstenmal erfolgreicher Widerstand entgegengesetzt.

 

 

"Onkhorie !!!  Onkhorie !!!"

Mit dem uralten atlantidischen Schlachtruf donnerte die Patankreiterei auf die breite Front des aquilonischen Heeres zu, das durch ein Kontingent kothischer Söldner verstärkt worden war.

Ein Hagel aus Speeren und Pfeilen flog den Reitern entgegen und holte einige wenige - sehr wenige - aus den Sätteln.

Im donnernden Stakkato hämmerten die gespaltenen Hufe von zwanzigtausend Patanks über den grasbewachsenen Boden, dass die Erde zu beben begann. Wie eine Sturmflut aus Stahl und Fleisch raste die gefürchtete atlantidische Kavallerie heran, der in allen vergangenen Jahrhunderten noch niemals irgendetwas standgehalten hatte. Dann krachten die Reiter auf die Lanzenreihen der aquilonischen Phalanx, ritten die erste Linie nieder und drangen tiefer in die Abwehrreihen ein, wild mit schweren Streitäxten und Schwertern auf die kleineren aquilonischen Krieger einschlagend. Lanzenspitzen, Schwertklingen und Pfeile prallten nahezu wirkungslos an den stählernen Schilden und Rüstungen der Atlantiden ab, die ihrerseits ein fürchterliches Blutbad unter ihren kleineren Gegnern anrichteten.

Die zweite und dritte Linie der Verteidiger wurde überrannt, aber dann rannten die Patankreiter in eine Hecke von Lanzen, deren Schäfte schräg in den Boden gerammt waren, damit sie beim Aufprall nicht sofort nachgaben. Die Wirkung war, dass die atlantidischen Kavalleristen ihre Reittiere bremsen mussten, damit diese nicht mit den ungeschützten Bäuchen in die Lanzenhecke hineingerieten.

Überlebende Aquilonier aus den zuvor überrannten vorderen Linien - die meisten von ihnen hatten sich einfach nur tot gestellt - fielen den Reitern in den Rücken und steigerten die nun herrschende Verwirrung. Obwohl die Hyborier kleiner und schwächer als die riesenhaften Atlantiden waren, konnten sie dennoch kämpfen wie rasenden Raubtiere - das bekamen nun auch die Titanen des Goldenen Volkes zu spüren.

Und dann wich die als unbesiegbar geltende Patankreiterei vor den wütenden Gegenangriffen der aquilonischen Lanzenträger und kothischen Bogenschützen zurück !!!

Sie ließ Dutzende von toten Atlantiden zurück, deren abgeschlagene Köpfe den Aquiloniern als barbarische Siegestrophäen dienten.

 

Crantor war fassungslos, denn seit den Shoggoten-Kriegen war so etwas noch niemals geschehen.

        "Das gibt es nicht !!!" brüllte er, "Das darf es nicht geben! Eher steht die Welt auf dem Kopf! Vorwärts! Greift mit dem Fußvolk und den Kampfdrachen an! Zerschmettert dieses Gewürm!!"

 

"Onkhorie !!!"

Jetzt griff das atlantidische Heer in seiner vollen Stärke an. Die Zanthuras marschierten in rechteckigen Blöcken vorwärts, vor ihnen die dreihundert riesigen Saurier, die "Kampfdrachen" mit ihren Reitern; an den Flanken ritten die sich wieder formierten Patankreiter.

Der Marschtritt der Atlantiden ließ den Boden erzittern, und wie ein hunderttausendköpfiges Ungeheuer aus vielgliedrigem roten Stahl stampfte das Heer der Titanen auf die vergleichsweise dünne aquilonische Abwehrreihe zu.

Dieser Angriff schien unaufhaltbar.

Noch zweihundert Schritte - noch hundert - noch fünfzig - noch zwanzig Schritte.......

Jetzt musste der Zusammenprall kommen.

Doch da wichen die Aquilonier hurtig zurück, und der wuchtige Angriff der Atlantiden stieß ins Leere. Mit bewundernswerter Schnelligkeit und Disziplin rannten die aquilonischen Krieger den Hang eines hinter ihnen liegenden Hügelkammes hinauf, verharrten auf halber Höhe des Abhangs und nahmen wieder ihre alte Formation ein. Auf dieser erhöhten Stellung waren sie im Vorteil, da die Atlantiden jetzt hangaufwärts angreifen mussten und dadurch ihre körperliche und zahlenmäßige Überlegenheit nicht mehr voll ausspielen konnten.

Bevor die Atlantiden jedoch am Fuße des Hügelkammes anlangten, geschah etwas für sie völlig Unerwartetes.

Oben auf dem Kamm wurden plötzlich hölzerne Ballisten in Stellung gebracht, die mannsgroße Felsbrocken in die atlantidischen Reihen hinabschleuderten. Gegen solche Geschosse halfen auch die Rüstungen und Schilde aus Viman-Stahl nichts; der beste Stahl, den es jemals auf der Welt gab und geben würde, konnte einen Krieger nicht davor bewahren, von einem Felsbrocken zermalmt zu werden.

Gleichzeitig mit den Ballisten schossen jetzt Hunderte von Bogenschützen brennende Pfeile in die Reihen der Goldenen, um dort Verwirrung zu stiften, was auch gelang, wenn die violetten Umhänge der Krieger Feuer fingen.

Der Vormarsch der Titanen geriet ob dieser unerwarteten Taktik ins Stocken.

Wütend über sich selbst erkannte Crantor, dass er die Aquilonier und ihre Söldner gewaltig unterschätzt hatte.

        "Die Affenbastarde haben gelernt, wie man eine Schlacht schlägt," murmelte er mit widerwilliger Anerkennung. Dann schickte er die Patankreiterei wieder vor, um den Hang zu stürmen.

Kaum aber war dieser Flankenschutz vor die Fußtruppen und die Kampfdrachen geritten, da stellte sich auch das als Fehler heraus. Crantor verfluchte sich selbst, dass er die Kampfdrachen nicht allein hatte angreifen lassen. Aber dafür war es jetzt zu spät.

Einige hundert Schritte südlich von ihnen hatte der Hügelkamm einen schmalen Taleinschnitt, den bislang niemand Beachtung geschenkt hatte. Diesem Einschnitt entströmten jetzt mit rasender Schnelligkeit hunderte von vier- oder zweispännigen Streitwagen, an deren Radnaben mannslange, säbelartige Eisen- oder Bronzeklingen angebracht waren, die sich im tödlichen Wirbel drehten und durchaus in der Lage waren, einen Krieger in Stücke zu hacken.

Diese gefährlichen Wagen rasten nun auf die ungedeckte Flanke der atlantidischen Armeen zu, schwenkten nur wenige Schritte davor im rechten Winkel ab und rasten dann mit wirbelnden Radklingen an den Reihen der Atlantiden entlang.

Die Krieger der Goldenen waren zwar mit Panzern und Schilden aus einem Stahl geschützt, die keine hyborische Waffe je durchschlagen konnte, doch Arme und Beine waren weniger gut geschützt, und so trennten die wirbelnden Radklingen so manchem Atlantiden die Gliedmaßen ab. Erst als die Krieger einen Schildwall bildeten, war die Attacke der Streitwagen nur noch von geringen Erfolgen gekrönt, denn an den Schilden aus Viman-Stahl brachen die Radklingen einfach ab. Die Streitwagen schwenkten daraufhin wieder ab und eilten zurück hinter den Schutz des Hügelkammes, von dessen Hang jetzt wieder der Beschuss durch die Ballisten einsetzte, der kurzzeitig aufgehört hatte, um die Streitwagen nicht zu gefährden. Dann ließen die Aquilonier Baumstämme, Felsbrocken und brennende Heuballen den Hang hinabrollen, so dass die Patankreiterei ihre Stellungen nicht stürmen konnte.

Wutbebend musste Crantor einsehen, dass der Hügelkamm nur unter großen Verlusten erstürmt werden konnte und befahl den Rückzug.

Damit aber hatte er ein Novum in der Geschichte des thurischen Kontinents geschaffen. Denn noch niemals zuvor waren die atlantidischen Titanen vor einer menschlichen Streitmacht zurückgewichen.

Als die Aquilonier erkannten, dass sich die Titanen zurückzogen, brachen sie in frenetischen Jubel aus, obwohl das noch lange nicht den Sieg bedeutete.

Diszipliniert und wohlgeordnet zogen sich die Goldenen zurück, um sich außerhalb der Reichweite der feindlichen Ballisten neu zu formieren. Aber inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und Crantor verzichtete an diesem Tage auf einen weiteren Angriff.

 

 

        "Ich habe eine neue Aufgabe für dich, Khamithan," wandte sich Crantor an den Magier, "Du hast gesehen, mit welchem Geschick die Aquilonier gegen uns gekämpft haben. Wir haben fast tausend Männer verloren, und viele wurden verwundet. Die Hyborier werden jetzt nicht mehr an unsere Unbesiegbarkeit glauben, denn heute haben sie unserem Angriff standgehalten, was noch niemals zuvor geschehen ist. Wir müssen ihnen also wieder neue Furcht einflößen, und dazu brauchen wir die Magie. Du weißt also, was du zu tun hast, Zauberpriester. Rufe deine Flammendämonen, damit sie die Aquilonier zerfleischen."

        "Damit kann ich dir nicht dienen, Crantor," antwortete Khamithan, "selbst wenn ich es wollte. Denn niemand kann die Flammendämonen ein zweites Mal herbeirufen; sie würden mich vernichten und dann keiner Macht mehr gehorchen. Aber ich kann dir auf andere Weise behilflich sein. Heute nacht wird ein Unwetter über dem Lager der Feinde toben, was ihnen den Schlaf rauben wird, während wir ungestört ausruhen können. Unausgeschlafene Krieger kämpfen weniger gut."

        "Einverstanden," meinte Crantor, "Doch es wäre gut, wenn ich die Pläne des aquilonischen Feldherrn im voraus wüsste, damit er mich nicht noch einmal überrumpeln kann. Du musst mir noch heute nacht die Schlachtpläne der Aquilonier besorgen."

        "Wie du es wünscht, so soll es geschehen," murmelte Khamithan und ging, um seine Vorbereitungen zu treffen.

 

 

Stumm und unbeweglich wie eine steinerne Statue saß Khamithan wenig später mit untergeschlagenen Beinen auf dem Teppich seines Zeltes, welches rundum bewacht wurde, damit niemand ihn aus seiner tiefen Trance wecken konnte.

Sein Geist weilte jetzt nicht mehr in seinem Körper, sondern streifte als unsichtbarer Schemen durch das nächtliche Lager der Aquilonier. Seine Geistgestalt war nur noch durch eine geistig-energetische "Nabelschnur" mit dem Leib des Hohepriesters verbunden. Niemand konnte den Schemen wahrnehmen, doch dieser sah und hörte alles, was um ihn herum vorging.

Das Zelt des Feldherrn war leicht zu finden, denn es war das prächtigste des ganzen Lagers. In dieses Zelt drang der Geist ein, gerade zur rechten Zeit, denn die Offiziere waren gerade dabei, sich zu beraten.

Fürst Berenabes, der aquilonische Feldherr, war mit den Erfolgen des Tages mehr als zufrieden. Er konnte nun von sich behaupten, der erste und bisher auch einzige Feldherr aller hyborischen Völker zu sein, der einen Angriff der Atlantiden zurückgeschlagen hatte. Damit war es ihm gelungen, den Nimbus der atlantidischen Unbesiegbarkeit zu brechen. Das erfüllte ihn mit Stolz, verleitete ihn jedoch nicht dazu, die Goldenen zu unterschätzen, denn sie waren noch immer jeder menschlichen Streitmacht überlegen.

Berenabes argwöhnte außerdem, dass das fürchterliche Unwetter und die Wolkenbrüche, die sein Heerlager in einen Schlammpfuhl verwandelten und die Zelte durchnässten, das Werk atlantidischer Zauberei war. Und er entschied, nachdem er sich mit seinen Hauptleute lange beraten hatte, dass sich das Heer der Aquilonier vor dem nächsten Angriff zurückziehen sollte. So konnte er die Titanen hinter sich her in die unwegsamen Südberge locken, wo man leicht tödliche Hinterhalte legen konnte, denen auch die Atlantiden nicht so leicht gewachsen waren. Das Heer sollte noch in der Nacht das Lager abbrechen und im Schutze der Dunkelheit abziehen.

 

Khamithans Geist hatte genug erfahren, und schnell kehrte er in seinen regungslos wartenden Körper zurück, um Crantor sein Wissen mitzuteilen.

 

Noch während die Aquilonier ihr Lager abbauten, griff die atlantidische Patank-Reiterei völlig überraschend an. Dieses Mal war die Überraschung auf seiten der Atlantiden, und die Aquilonier wurden vollkommen überrumpelt. Sie hatten nicht die kleinste Chance, denn bevor sie überhaupt begriffen, was geschah, waren die Titanenkrieger der Goldenen bereits über ihnen.

Das Gemetzel dauerte bis zum Morgengrauen, dann gab es die Armee des Fürsten Berenabes nicht mehr. Nur wenige konnten dem Blutbad entkommen.

Und so ging auch das Reich Aquilonia in Blut und Flammen unter. Sein Reichtum und seine Kultur wurde unter den Stiefeln der Atlantidenkrieger in den Staub getreten.

 

 

Einige Monde später kam es zu einer neuen Schlacht zwischen Menschen und Atlantiden.

Crantor erfuhr von seinen Kundschaftern, dass sich vier Heersäulen von Süden, Westen und Osten her auf das Lager der Atlantiden zu bewegten.

        "Um welche Streitkräfte handelt es sich?" fragte Crantor die Kundschafter.

        "Von Süden kommen zwei Armeen, gebildet aus Stygiern und Shem-Nomaden, etwa fünfzehn mal tausend Krieger. Von Osten nähert sich ein hyrkanisches Heer, bestehend aus etwa zwanzigtausend Bewaffneten. Und aus dem Westen eilen noch einmal etwa fünfzehntausend Krieger aus Kothia heran, verstärkt durch einige Hundertschaften von Aquiloniern, Nemediern und Boreanern, die uns entkommen konnten."

        "Wie sind sie bewaffnet?"

        "Die Shem sind alle beritten, und die Hykanier haben ungefähr dreihundert Streitwagen dabei. Die Kothier und Stygier sind zu Fuß, hauptsächlich Lanzenträger und Speerwerfer, aber auch sehr viele Bogenschützen."

        "Das ist eine beachtliche Streitmacht," murmelte Crantor beeindruckt, "Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen in so kurzer Zeit so viel gegen uns aufbieten könnten. Offensichtlich haben sich die hyborischen Nationen doch noch zusammengetan, um gemeinsam gegen uns zu kämpfen. Wie weit sind sie noch entfernt?"

        "Die Kothier werden zur Tagesmitte hier sein, die anderen jedoch erst am Abend. Vorher brauchen wir also nicht mit Angriffen zu rechnen, denn die Kothier werden nicht so dumm sein, allein gegen uns zu kämpfen."

        "Sie sind an Zahl nur halb so stark wie wir," sprach Crantor leise zu seinen Zanthiren, "aber sie haben gelernt, wie sie gegen uns kämpfen und uns Verluste zufügen können. Wir haben diese Zwerge vielleicht zu lange unterschätzt. Zu lange haben wir uns auf die Macht unserer magischen Wissenschaften und die Überlegenheit unserer Waffen verlassen. Zu lange haben wir uns für unüberwindlich gehalten und übersahen dabei, dass auch die hyborischen Rassen immer stärker und intelligenter wurden. Zu lange haben wir nur mit Herablassung und Verachtung auf die eingeborenen Völker des thurischen Kontinents hinabgeblickt. Für uns waren sie nicht mehr als dummes Vieh. Wir haben vergessen, dass die hyborischen Rassen erst durch unser Blut entstanden sind, so dass sie viel mehr mit uns gemeinsam haben, als wir ahnten. Solange sie uns die geforderten Tribute zahlten, haben wir uns kaum um sie gekümmert. Und darum haben wir völlig übersehen, wie sie sich weiterentwickelten. Erst jetzt bekommen wir ihre Bauten, Statuen und all die anderen Kunstwerke zu Gesicht, die wir nun zerstören. Ich habe sogar in einigen ihrer Schriften gelesen, bevor sie verbrannt wurden, und ich war erstaunt über den Geist, der in ihren geschriebenen Worten steckte. Und ich bewundere fast ihre Erkenntnisse in der Philosophie und daraus entstandenen Wissenschaften. Ihr Wissen ist zwar noch nicht so weit fortgeschritten wie das unsrige, und sie wissen auch nur wenig über die Kräfte der Magie, aber sie sind schon viel weiter als wir glaubten. Wir wissen viel zu wenig über sie. Vielleicht werden sie eines Tages würdig genug sein, nach uns die Welt zu beherrschen. Und darum frage ich mich, ob es wirklich der Wille der Götter ist, sie vom Antlitz der Welt zu tilgen."

Seine Offiziere blickten ihn befremdet und betroffen an, denn solche Worte hatten sie von ihrem Panthagron nicht erwartet. Crantor erkannte, dass sie nichts von dem verstanden, was er gesagt hatte, und schickte sie unwillig fort.

Nur der Hohepriester Khamithan blieb zurück und wandte sich an ihn: "Du scheinst ähnliche Zweifel zu hegen wie ich, Panthagron. Ich ich habe darüber nachgedacht, ob unser Wirken richtig ist. In mancher Nacht habe ich zu Mhoorthimuth gebetet, dass ER mir eine Antwort auf diese Frage gibt, aber der Gott ließ mich allein mit meinen Zweifeln. Glaubst du noch, das wir das Richtige tun?"

        "Ich weiß es nicht, Hohepriester," antwortete Crantor nachdenklich, "doch solange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin, werde ich nicht aufhören. Außerdem komme ich allmählich zu der Überzeugung, dass die Götter uns ausgewählt haben, um die Menschlinge zu prüfen, ob sie würdig genug sind, unsere Nachfolge anzutreten. Denn eines weiß ich: wenn es ihnen gelingt, uns zu besiegen, dann werden sie die neuen Herren der Welt sein. Sind jedoch wir die Sieger, dann hinterlassen wir eine jungfräuliche Welt, die vielleicht bessere Wesen hevorbringen wird als diese Affenabkömmlinge. Dann haben wir unser Werk vollbracht."

        "Werden wir denn siegen, Panthagron?" fragte Khamithan leise.

        "Daran darf keiner von uns zweifeln," gab Crantor zurück, "Denn ein solcher Zweifel würde unsere Niederlage vorherbestimmen."

 

 

Am Mittag des nächsten Tages begann die Schlacht, die einen Tag und eine Nacht lang hin und her tobte. Es war die erbittertste Schlacht, die selbst Crantor je erlebt hatte. Noch niemals zuvor hatten die Menschen so tollkühn gegen Atlantiden gekämpft. Fast ein Viertel der atlantidischen Fußtruppen fiel in der Schlacht, bevor die hyborischen Armeen restlos aufgerieben waren.

Und während der Kämpfe musste Crantor wutentbrannt feststellen, dass Khamithan verschwunden war.

Die Hyborier hatten immer und immer wieder angegriffen, kämpfend wie Tollwütige, ohne jede Rücksicht auf sich selbst, als hätten sie keine Angst vor dem Tod. Was die Atlantiden besonders erstaunte, war die Tatsache, dass keiner der Hyborier sich zur Flucht wandte, selbst wenn die Lage für ihn aussichtslos wurde. Selbst Todwunde versuchten noch weiterzukämpfen, und keiner ließ sich lebend gefangennehmen.

Nur ein Kothier fiel den Goldenen lebend in die Hände, weil ein Hieb ihm die Besinnung geraubt hatte, so dass er überwältigt und gefesselt war, bevor er das Bewusstsein wiedererlangt hatte.

Nach der Schlacht ließ Crantor den Gefangenen verhören und erfuhr, dass die Hyborier vor Beginn der Schlacht den Saft des schwarzen Lotus getrunken hatten. Dieser berauschende und zugleich tödliche Trank hatte ihnen die Kräfte des Wahnsinns verliehen und zugleich dem Tode geweiht. Das erklärte den Todesmut, mit dem sich die hyborischen Krieger gegen die Reihen der Atlantiden geworfen hatten.

Von dem Gefangenen erfuhr Crantor weiterhin, dass in Stygia, dem ältesten hyborischen Reich am großen Fluss Styx  im Südosten des thurischen Kontinents, ein noch größeres Heer aus allen Völkern der Menschen zusammengestellt wurde, welches sich Crantors Vernichtungsarmee entgegenstellen sollte.

Nur das alte Stygia , wo man die Große Schlange SETH als höchsten Gott verehrte, war mächtig und einflussreich genug, um die Völker der Hyborier und auch die schwarzen Stämme des Südens gegen die atlantidischen Titanen zu vereinen.

Soviel verriet der Gefangene, bevor der Saft des schwarzen Lotus sein Leben auslöschte.

 

Widerwillige Bewunderung für den Opfermut der Hyborier erfüllte die Atlantiden, und in einigen Köpfen begannen sich ähnliche Zweifel zu bilden, die schon Khamithan beschäftigt hatten.

Der Panthagron war entschlossen, sofort nach Stygia  zu marschieren und dort die menschliche Vielvölker-Armee am Styx zum Kampf zu stellen. Dort, im mittleren Osten, im dunklen Reich der SETH-Anbeter, musste die Entscheidung fallen. Wenn Stygia und seine Verbündeten fielen, das wusste Crantor, dann fiel die ganze Welt....

 

 

        "Warum bist du zu uns gekommen, Zauberer von Atlantis? Die Krieger deines Volkes haben die Königreiche und Kulturen des Nordens und des Westens überrannt und zerstört. Jetzt streifen nur noch die wilden Horden der Pikten durch die Ruinen und jagen die wenigen Überlebenden. Ihr habt ein Zeitalter der Kultur und Blüte ausgelöscht und viele Mühen zunichte gemacht. Nur Stygia, Kothia und die schwarzen Königreiche sind bislang verschont geblieben. Aber ich weiß, dass die Armee der Riesen bereits auf dem Weg hierher ist. Durch euch wurde eine ganze Epoche zum Untergang verurteilt, weil eure Heimat im Meer versank. Und nun kommst du und sprichst davon, dass du dich losgesagt hast von deinem Volk? Warum, Khamithan? Ich habe erfahren, auf welche grässliche Weise du Hurtanhir zerstört hast, und wie deine Zauberkraft die Heere der Aquilonier und Nemedier besiegte. Warum kommst du jetzt zu uns, nachdem du soviel Leid über unsere Völker gebracht hast?"

        "Bislang glaubte ich an unsere Mission, König von Stygia," antwortete Khamithan gefasst und ruhig, "denn auch ich hielt euch Menschen für unwürdig, unsere Erben zu sein, wenn wir Atlantiden vom Angesicht dieser Welt verschwunden sind. Mit meiner Magie kämpfte ich im Heer des Panthagrons und brachte vielfachen Tod unter die Menschen. Doch als ich eure Städte, Burgen und Tempel sah, eure Kunstwerke und Schriften, da begannen schwere Zweifel an meiner Seele zu nagen. Als ich sah, mit welchem Opfermut Hyborier gegen uns kämpften, obwohl sie keine Hoffnung haben konnten, uns zu besiegen, da konnte ich nicht länger glauben, dass es der Wille Mhoortimuths, unseres höchsten Gottes, sein konnte, euch Menschen vom Angesicht der Welt zu tilgen. Und so kam ich zu der bitteren Erkenntnis, dass wir Atlantiden es sind, die von unserem Gott für unwürdig befunden und für unseren Hochmut bestraft wurden. Nun bin ich hier, um meine Fehler wiedergutzumachen und mit euch gegen das Heer des Panthagrons zu kämpfen."

        "Deine Worte klingen wahr, und ich, König Pharao von Stygia, will dir glauben, Zauberer. Darum heiße ich dich willkommen und nehme deine Hilfe dankbar an, denn wir haben sie bitter nötig. Wenn du unsere Völker mit deiner Magie vor dem Untergang bewahren kannst, dann sollst du mit mir über Stygia herrschen und die Menschen werden dich wie einen Gott verehren."

        "Ich will keine Krone, König Pharao, denn ich werde sie nicht tragen können. Der Gott meines Volkes sandte mir eine Vision. Und so weiß ich, dass mein Weg in der letzten Schlacht zu Ende gehen wird. Mein Volk ist zum Untergang verdammt, und ich werde sein Schicksal teilen."

        "Kennst du dein Schicksal so genau?"

        "Mir ist manchmal die Fähigkeit gegeben, in die Zukunft zu schauen, obgleich sie niemals sicher vorauszusehen ist, denn sie hat immer mehrere Möglichkeiten, die alle gleichermaßen wahrscheinlich sind. Welche dieser Wahrscheinlichkeiten schlussendlich eintrifft, wird immer nur in der Gegenwart entschieden."

        "Dann sage mir, welche Möglichkeiten die Zukunft für uns bereit hält," verlangte der stygische König.

        "In eurer Zukunft gibt es nur zwei Wahrscheinlichkeiten," sprach Khamithan, "Und der Kampf gegen die Atlantiden wird entscheiden, welche von beiden Wirklichkeit werden kann. Die eine Möglichkeit ist, dass die Menschenvölker untergehen werden, weil ihr Crantor nicht besiegen konntet. In der anderen Möglichkeit wird dein Name, Pharao in die Ewigkeit eingehen, und er wird zum Titel vieler mächtiger Herrscher der Nachkommen deines Volkes werden. Der Name "Pharao" wird der Name von Gottkönigen sein, die in ferner Zeit über Stygia herrschen werden. Deine fernen Nachfolger werden gewaltige Monumente ihrer Größe errichten, Gebirge aus Steinblöcken, die Jahrtausende überstehen werden.  Dies alles aber kann nur wahr werden, wenn Crantors Heer besiegt wird, denn sonst gibt es für die Menschen keine Zukunft. Du aber, Pharao, wirst in der letzten Schlacht fallen, und niemand wird dich begraben. Das ist unser gemeinsames Schicksal, König von Stygia."

 

 

In Themenia, der stygischen Hauptstadt, brach Jubel aus, als die die Söldnerheere der Kothier, Shem, Hyrkanier und der schwarzhäutigen Stämme des Südens heranmarschierten und vor den Mauern der Stadt ihre Feldlager aufschlugen. Auch Boreaner, Nemedier und Aquilonier, die der Vernichtung entkommen konnten, waren zu sehen.

König Pharao und Khamithan standen auf der östlichen Stadtmauer und betrachteten das prachtvolle Schauspiel der heranziehenden Armeen aus allen Teilen der bekannten Welt.

        "Seht, Zauberer!" rief Pharao voller Enthusiasmus, "Dort kommen die Krieger aller Völker. Selbst die schwarzhäutigen Kushiten, Puntier und Keshanen sind gekommen, um mit uns gemeinsam zu kämpfen, obwohl sie keine Hyborier sind. Sie kommen von überall her: Aus den Dschungeln und Steppen des Südens, von den Weiden Aquilonias, aus den boreanischen Wäldern, aus Nemedia, von den Bergen Kothias und aus den Steppen Hyrkaniens. Hier wird sich das Schicksal der Welt entscheiden. Hier werden wir die goldenen Riesen besiegen oder untergehen."

        "Sind die Schwarzen aus dem Süden mit den ebenfalls dunkelhäutigen Pikten des Nordens verwandt?" fragte Khamithan, denn die Atlantiden wussten nur wenig über die negroiden Völker, obwohl sie einige Male mit ihnen Kontakt gehabt hatten.

        "Nein," antwortete Pharao, "sie sind eine eigene, starke Rasse. Weder wir hellhäutigen Hyborier noch die Pikten oder die Lemurer sind mit ihnen verwandt. Sie sind gute und mutige Kämpfer, die auch schon gegen uns gekämpft haben. Aber heute sind sie unsere Verbündeten."

        "Wieviele Krieger wirst du gegen Crantor ins Feld führen können?"

        "Es werden mehr als hundert mal tausend sein. Die wichtigsten aber sind die Kothier, denn sie sind das geborene Kriegervolk. Diese Männer fürchten nicht einmal die Dämonen der Finsternis. Vielleicht werden ihre Nachfahren einmal die Welt beherrschen, wenn wir hier standhalten können."

 

 

In tagelangen Gewaltmärschen zog Crantors heer durch die Shem-Wüsten ostwärts nach Stygia. Schonungslos trieb der Panthagron seine Krieger bis zur Erschöpfung an, denn er wusste, dass die Zeit jetzt sein größter Feind war.

Der Atlantidenfürst vermutete, dass Khamithan zu den Stygiern gegangen war, um sich mit ihnen zu verbünden. Der Zauberpriester konnte mit Hilfe von Magie die großen Entfernungen innerhalb weniger Herzschläge überwinden. Es blieb ihm also viel Zeit, um Maßnahmen gegen das anrückende Titanenheer vorzubereiten.

 

Täglich überfielen Horden der Shem das dahinziehende Heer, ohne jedoch viel Schaden anrichten zu können.  Doch es gelang den Shem-Reitern immerhin, den Marsch der Titanen zu behindern und zu verlangsamen. Und mehr bezweckten sie mit ihren Überfällen auch  nicht.

An der stygischen Grenze fiel ein Shem-Krieger den Goldenen lebend in die Hände, und die Folter machte seine Zunge schnell locker.

Dadurch erfuhr Crantor, dass ein gewaltiges Heer von Kriegern aller menschlichen Völker bei der Stadt Themenia auf ihn wartete, um ihn dort zur Schlacht zu zwingen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es den Menschen in so kurzer Zeit gelingen konnte, ihre Nationen zu vereinen und  eine solche Streitmacht gegen ihn aufzustellen.

Er rief seine Zanthire zusammen, um mit ihnen die neue Lage zu bereden.

        "Männer des Goldenen Volkes," sprach er sodann zu ihnen, "In Stygia, dem Land der ketzerischen Schlangenanbeter, wartet ein sehr großes Heer der Affenbastarde auf uns, dass sogar größer als das unsere ist. Wenn wir auf dieses Heer treffen, wird die dann folgende Schlacht über das Schicksal dieser Welt entscheiden. Wir werden die Menschen besiegen und damit den Willen unseres höchsten Gottes erfüllen. Ich glaube nicht, dass die Menschen uns entgegenziehen werden, denn dann müssten sie auf freiem Felde gegen uns antreten, wo sie uns keinen Augenblick lang standhalten könnten. Also werden sie wahrscheinlich vor der großen Stadt Themenia auf uns warten, damit sie deren Mauern und Verteidigungsanlagen nutzen können. Vermutlich werden sie auch Gräben, Schanzen und Fallgruben gegen uns errichten, aber diese Verteidigung werden wir mit unseren Kampfdrachen überrennen. Dahinter wird unser Fußvolk vorgehen und in die Linien der Menschlinge eindringen, sofern diese den Ansturm der Kampfdrachen überstanden haben. Zugleich soll die Reiterei an den Flanken vorstoßen und die Menschen von beiden Seiten angreifen. Wenn wir sie erst einmal in die Zange nehmen und ihr Zentrum mit den Kampfdrachen niederwalzen, sind sie verloren. Von allen hyborischen Völkern verstehen es nur die Kothier und die übriggebliebenen Aquilonier, in geschlossener Formation zu kämpfen; alle anderen werden schon nach dem ersten Ansturm wild durcheinander rennen. Danach sind sie für uns nur noch wehrloses Schlachtvieh. Wenn wir diese Vielvölkerarmee bei Themenia vernichtet haben, wird es keinen Widerstand mehr gegen uns geben."

 

 

Westlich von Themenia hatte Pharaos Heer eine gewaltige Phalanx gebildet, mit den Kothiern als Kerntruppe im Zentrum, und erwartete die Atlantiden, die jetzt am Horizont in breiter Front sichtbar wurden und schnell näherkamen.

Als die Riesen nur noch etwa tausend Schritte entfernt waren, griffen stygische Streitwagen zusammen mit den Reitern der Shem und der Hyrkanier mit dem Mut der Verzweiflung an.

Dichte, tödliche Lanzenreihen aus Vimanstahl senkten sich ihnen entgegen, und die schrecklichen Kampfsaurier stampften mit urweltlichem Gebrüll vorwärts.

Krachend, donnernd, scheppernd, klirrend, schreiend und kreischend prallten die Gegner aufeinander. Herzschläge später herrschte das nackte Chaos aus Blut und Stahl, in dem der Angriff der Stygier, Shem und Hyrkanier in einem blutigen Gemetzel zusammenbrach.

Und dann begannen die Riesen von Atlantis ihren Sturmangriff, den nicht einmal die Macht der Götter aufhalten konnte......

 

 

Khamithan, der von der Stadtmauer aus die Schlacht beobachtete, konnte sehen, wie die Linien der menschlichen Krieger unter dem furchtbaren Ansturm der Atlantiden zusammenbrachen und überrannt wurden. Dann wurde die Front in viele Einzelkämpfe aufgesplittert, in denen die Titanen ihren kleineren Gegnern überlegen waren und die Menschen förmlich abschlachteten. Hunderte wurden von den Kampfsauriern einfach niedergetrampelt, die jeden Versuch zunichte machten, sich neu zu formieren. Als König Pharao seine Reserven in die Schlacht schickte, wurde diese von den gefürchteten Patankreitern in den Flanken attackiert und auseinandergetrieben. Der Kampf verwandelte sich in eine reine, sehr einseitige  Schlächterei.

Nur die Krieger aus Kothia hielten stand und blieben in dichtgedrängter Formation zusammen, Schulter an Schulter, Schild an Schild, Lanze neben Lanze. Sie ließen sich nicht auseinandersprengen und waren die einzige Truppe, die als geschlossene Gemeinschaft kämpfte und sich nicht auf Einzelkämpfe einließ. Mit diesen Kriegern hatten die Atlantiden durchaus kein leichtes Spiel.

Dann geschah das, was Khamithan die ganze Zeit befürchtet hatte.

Stygier, Hyrkanier, Shem, Nemedier, Boreaner, Aquilonier, Kushiten, Punthier und Keshanen wandten sich schreiend zur Flucht und rannten in wilder Panik zurück zu den Mauern von Themenia, von denen sie sich Schutz erhofften.

Die Patankreiter verfolgten die Fliehenden und metzelten sie erbarmungslos zu Tausenden nieder.

Khamithan sah, dass jetzt auch die standhaften Kothier eingekreist wurden, doch sie wehrten sich noch immer mit dem Mut der Verzweiflung gegen die erdrückende Übermacht der Titanen.

Der Zauberpriester war voller Bewunderung für die kothischen Krieger, doch er sah, dass auch sie sich nicht mehr lange halten konnten. Er wusste, dass das Ende unabwendbar war, wenn er nichts dagegen unternahm.

Und dann schlug der Zauberpriester mit den grauenhaften Kräften uralter, dämonischer Magie zu.........

 

 

Gleißende Flammenzungen fielen aus dem Himmel auf die Atlantiden herab und verbrannten sie zu Tausenden. Die Erde begann zu beben, riesige Spalten klafften im Boden auf, um die Drachen und die Patankreiter zu verschlingen. Aus der blutgetränkten Erde stiegen schwarze, giftige Dämpfe auf, in denen die atlantidischen Titanen erstickten.

 

Crantor, der dies alles mit Entsetzen wahrnahm, brüllte vor grenzenloser Wut, denn er wusste genau, wer diese chaotischen Gewalten gegen sein Heer entfesselt hatte.

"Khamithan !" schrie er inmitten des tobenden Infernos, "Du Verräter! Du hast es gewagt, dich gegen mich zu stellen? Jetzt zerstöre ich die Welt!!!"

 

Und dann, zum erstenmal in seinem Leben, griff Crantor zu den ihm angeborenen Kräften der Wilden Magie, entfesselte allein mit seinem Willen deren unberechenbare Macht und entfachte damit ein entsetzliches Chaos, das die ganze Welt heimsuchte und nachhaltig in ihren Grundfesten erschütterte.

 

Die Welt schien unterzugehen. Vulkane brachen aus und schleuderten in unbändiger Wut ihren feurigen Speichel in den Himmel, Berge hoben sich donnernd und glühend aus zuvor flachem Land, riesige Gebiete wurden vongewaltigen Erdspalten durchschnitten, in denen rotglühende Lava kochte.

Aquilonia, Süd-Nemedia und der Norden von Shem sanken um Hunderte von Klaftern in die Tiefe.

Der Kontinent Thuria spaltete sich und riss auseinander, getrennt durch ein neu entstehendes mittleres Meer. Riesige Landmassen an den Küsten des gesamten Erdteils versanken in den tobenden Fluten der Ozeane, während sich an anderen Stellen neues Land aus dem Meer erhob.

Über Stygia und Hyrkanien raste eine gewaltige Sintflut hinweg. Teile von den lemurischen Ländern brachen vom Kontinent ab, versanken oder wurden zu neuen Inseln. Die Hälfte von Kothia wurde von den Springfluten des neuen Mittelmeeres überschwemmt. Orkane und Erdbeben rast um die ganze Welt und ließen die menschlichen Zivilisationen in Schutt und Asche versinken.

 

Als das schreckliche Inferno endlich vorüber war, gab es kein hyborisches und kein atlantidisches Heer mehr. Beide waren von dem ausbrechenden Chaos verschlungen worden.

Nur wenige Menschen überlebten die weltweite Katastrophe. In den von Crantors Magie entfesselten Gewalten ging eine ganze Epoche zugrunde. Es sollte sehr lange dauern, bis sich die überlebende Menschheit von dieser Apokalypse erholt hatte.......

 

 

Viele tausend Jahre später:

 

Aus den Nachfahren der überlebenden Hyborier, Lemurer und Negros waren neue Völker entstanden, die von ihren Vorvätern nur noch aus ihren alten Sagen und Mythen etwas wussten.

Aus dem zerbrochenen Kontinent Thuria waren Europa, Asien und Afrika entstanden.

Nachkommen der Nemedier und Boreaner, beide indogermanischer Herkunft, wurden zu Kelten und Germanen. Von den Zamorern stammten Slawen, Balten, Skythen und Sarmaten ab. Italiker, Etrusker, Latinier, Illyrer, Thraker und Griechen waren die fernen Nachfahren der tapferen Kothier. Von den Stygiern stammten Ägypter und Phönizier ab. Aus den Shem-Nomaden wurden Hamiten und Semiten. Die Hyrkanier wurden zu Persern, Medern, Armeniern, Hethitern, Assyrern, Urartus und Indern. Die Nachkommen der Lemurer wurden zu Saken, Tocharern, Mongolen, Chinesen und Indianern. Aus den Völkern der Kushiten, Punthiern und Keshanen bildeten sich schließlich die schwarzafrikanischen Volksstämme.

Nur die Pikten blieben, was sie waren: steinzeitliche Barbaren, die im Nordwesten Europas lebten, vor allem auf den britischen Inseln. Im fünften Jahrhundert nach Christi Geburt wurden sie von Skoten, Briten und Wikingern endgültig ausgerottet.

 

Das mächtige Atlantis aber geriet immer mehr in Vergessenheit und wurde schließlich zu einer mystischen Sage.

Nur die Erinnerung an den Panthagron Crantor, den letzten Fürsten des Goldenen Volkes, blieb noch jahrtausendelang bestehen, denn in den Mythen und Sagen der Menschen wurde er zu einem Schreckensgott, der Krieg und Zerstörung in die Welt brachte.

Die Babylonier nannten ihn NERGAL, die Kelten gaben ihm den Namen BELADON, die Ägypter sprachen von ihm als HORUS, TUATH nannten ihn die irischen Gälen, von den Griechen wurde er ARES geheißen, und die Römer gaben ihm den Namen MARS.

 

Das untergegangene Goldene Reich und seine Kolonien wurden zu einem Mythos, von dem niemand mehr weiß, ob er die Wahrheit berichtet oder nur ein Märchen ist, das noch heute die Phantasien der Menschen anregt......

Nur im alten Ägypten, dem einstigen Stygia, wussten gelehrte Priester noch etwas vom untergegangenen Atlantis zu berichten:

Der griechische Gelehrte SOLON erfuhr von ägyptischen Priestern in Sais vom untergegangenen Atlantis und reichte sein Wissen weiter an Platons Vorfahren DROPIAS. Dieser gab sein Wissen weiter an KRITIAS, DEN ÄLTEREN, welcher es wiederum an CALLAESCHORUS übermittelte, der es danach an KRITIAS, DEN JÜNGEREN weitergab.

PLATON, der berühmte griechische Staatsphilosoph, erfuhr schließlich durch den jüngeren Kritias die Geschichte von Atlantis und dessen Untergang.

Durch seine Erzählungen entstand die heutige Legende von Atlantis..........

 

Und so erfuhr Solon die Geschichte vom Untergang des mächtigen Reiches Atlantis:

Solon, der zu Besuch in Ägypten weilte, sprach mit Priestern in Sais und ergriff dabei die Gelegenheit, den Ägyptern, deren Vergangenheit unvergleichbar war und auf die sie ungeheuer stolz waren, zu sagen, dass alles, was er über Griechenland wüsste, auch sehr alt sei, worauf einer der Priester ihm antwortete:

"Solon, Solon, ihr Griechen seid und bleibt Kinder, denn ihr wisset nichts, was wirklich alt wäre.

Du sprichst von einer Katastrophe, und dabei gab es doch viele.

Anderes Unheil kam durch Feuer, als die Ordnung des Universums sich veränderte.

Nach jedem Unheil wurden die kultivierten und gebildeten Elemente eurer Bevölkerung vernichtet, und es blieben nur die Schäfer in den Bergen übrig. Deshalb erinnert ihr euch an nichts.

Vor vielen tausend Jahren aber habt ihr Griechen eine großartige Tat vollbracht, denn ihr habt einer mächtigen, arroganten Macht widerstanden, die von der atlantischen See kam, die größer war als Asien und Afrika zusammen, über die eine Reihe von großartigen Königen herrschte, die ihre Herrschaft einmal bis nach Tyrrhenien und zur ägyptischen Grenze ausdehnte.

Es kam ein Tag, da sie uns und euch in einem einzigen Feldzug zu besiegen gedachten.

 

Ihr Griechen stelltet euch an die Spitze unserer Streiter und bliebet fest und standhaft stehen. Eure Verbündeten flohen und ließen euch allein auf dem Felde, doch ihr wanktet nicht. Ihr sahet dem Tod entgegen, doch am Ende wart ihr siegreich und konntet unsere Unterwerfung verhüten. Danach kamen Erdbeben und Fluten, und in einer schrecklichen Nacht wurden eure Krieger von der Erde eingeschlossen, vom Meer überspült, und ihr alle verschwandet.

Das mächtige Atlantis aber versank, und dort, wo es versunken ist, ist das Wasser voll von aufgewirbeltem Schlamm........"

 

(aus der "KRITIAS" von Platon, 429-347 vor Chr.)

 

 

 Ende

zurück