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"Wasserschaden"

von Marlene Geselle

 

Der Betrunkene hatte es schon wieder nicht geschafft, die Badezimmertür auf Anhieb zu öffnen. Hackelte zwei-, dreimal auf der Klinke herum, polterte dann in den hell gekachelten Raum.

 

"Hallo Knubbelchen", der Betrunkene drehte sich schwerfällig um, guckte nach links, dort wo WFR 140A seinen Platz hatte. "Jetzt sind wir beiden Hübschen ganz alleine, Knubbelchen. Frauchen hat es mit uns nicht länger ausgehalten. Ist abgehauen, einfach so, Knubbelchen."

Verpasste WFR 140A einen gezielten Tritt mit dem Fuß. Konnte er betrunken so gut wie nüchtern.

 

WFR 140A ließ warnend den Startknopf aufblitzen. <Mach das nicht nochmal du Mistkäfer. Und erzähl mir nicht, dass sie uns verlassen hat. Ich hab sie nicht grün und blau geschlagen. Meinetwegen wohnt sie jetzt nicht im Frauenhaus.>

 

Der Mann kapierte nichts. Hätte auch nüchtern nichts kapiert.

 

"He Knubbelchen, wie gefällt dir das denn? Magst du Lila?"

 

Der angebrochene Farbeimer stand schon eine Woche offen im Bad und stank vor sich hin. WFR 140A hatte das Wurfgeschoss kommen sehen. Schaffte es gerade noch, das Bullauge zu schließen. <Mach das nicht nochmal du Mistkäfer.> Ließ als letzte Warnung alle Leuchtdioden der Anzeige blinken. Mehr als eine Minute lang.

Die Farbe lief an WFR 140A herunter. Eine Lache bildete sich auf dem Boden. Wie lila Blut.

 

"He, Knubbelchen, sprichst du etwa mit mir? Macht nichts, ich hör dir überhaupt nicht zu." Der Motor fing an zu brummen, erst ganz leise, fast nur ein Vibrieren. Dann immer lauter, lauter.

 

Der Betrunkene hatte das Badezimmer verlassen. Mit torkelnden Schritten war er die Treppe hinunter gegangen ins ausgebaute Kellergeschoss. Im Hobbyraum versuchte er, sich auf das alte Sofa zu legen, stolperte über die eigenen Füße und landete auf dem Fußboden. Zu betrunken zum Aufstehen.

 

In den Stromleitungen des Hauses wisperte und knisterte es.

War der Moment gekommen? Sollte man noch warten, bis der Betrunkene endgültig eingeschlafen war?

 

"Der ist zu", raunte die Stehlampe im Hobbyraum. Die Stromleitungen gaben die Nachricht an WFR 140A weiter.

 

Der Motor hatte aufgehört zu brummen, die roten Leuchtdioden schwiegen. WFR 140A öffnete wieder das Bullauge. Es konnte losgehen. Der Wasserhahn öffnete sich wie von Geisterhand. Klares, frisches Nass strömte in die Waschmittelkammer, floss in die Wäschetrommel. Schon nach wenigen Sekunden ergoss sich ein kräftiger Schwall aus der Wäschetrommel auf den Fußboden, wusch die lila Farbe vom Boden, spülte allen Dreck hinunter, in den Keller.

 

Nach einer Viertelstunde war alles vorbei. Der Wasserhahn schloss sich, wie er sich geöffnet hatte. Die Pumpe sprang an, beförderte das restliche Wasser aus der Wäschetrommel in den Abfluss. Fertig.

 

+++++

 

Hauptwachtmeister Jansen schüttelte mit dem Kopf, raufte sich die schon ziemlich grauen Haare.

"Eigentlich sollte ich in zwanzig Jahren Polizeidienst ja schon alles gesehen haben, aber das da ..."

 

Dr. Müllerjahn, seines Amtes Gerichtsmediziner, verstand, was der Mann neben ihm meinte.

 

"Da gehen die Leute hin, bauen ihre Keller aus, versiegeln und isolieren alles gegen alles. Dann ist die Hütte dicht wie eine Badewanne. Und kaum gibt's mal nen Wasserschaden, läuft alles voll. Pech für den Mann, dass der Keller keinen eigenen Ausgang hat. Durch die Türritzen wäre alles nach draußen geflossen. Pech, dass er ausgerechnet an dem Tag sternhagelvoll auf dem Fußboden seinen Rausch ausschlafen musste."

 

Hauptwachtmeister Jansen hatte in seinem Notizbuch geblättert, fand endlich, wonach er gesucht hatte.

 

"Wen wollen Sie denn anrufen, Jansen?"

 

Der Polizist lächelte ein bisschen traurig. "Im Frauenhaus, damit die der frisch gebackenen Witwe Bescheid geben, muss sich ja um all das kümmern hier. Kann jetzt wieder nach Hause. Braucht keine Angst mehr vor Schlägen zu haben."

 

Dr. Müllerjahn verließ das Haus als Erster.

 

Jansen, der warten sollte, bis die Frau des Toten kam, warf einen skeptischen Blick auf die Waschmaschine. "Die Dinger sind doch sonst so zuverlässig."

 

WFR 140A ließ belustigt den Startknopf blinken.

 

Ende

 

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