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Der Weg ist das Ziel

(Meridans Erlösung)

 

von Birgit Wessel

 

" Siehst du die Bilder, Tyron?"

Ganz leise erklang die Stimme des Einen in ihm.

" Ich sehe sie, Dhao."

" Du nennst mich Vater?"

" Ist es Unrecht?"

" Nein Tyron, du hast wahr gesprochen. Sage mir was du siehst“:

" Ich sehe Meridan, wie es war, und wie es bald sein wird."

Tyron schwieg, als er die Schönheit des unberührten Landes sah.

" Sprich weiter, Sathe."

" Es ist lange her, daß mich jemand Sohn nannte, noch dazu in der alten Sprache, doch ich schweife ab. Ich sehe saftige Wiesen, riesige Wälder, kleine Bäche und kristallklare Seen. Das Volk lebt im Einklang mit der Natur viele Generationen lang. Ich sehe einen Mann mit großer Macht, aber dunklem Herzen. Er wird die Elyn entzweien und den Krieg nach Meridan bringen. Sharek ist sein Name, und fortan wird es hier die Elyn geben und dort die Sharek, denn so groß wird seine Macht sein, daß sie ihn als Gott verehren."

" Was wird ihn so mächtig machen, Sathe?"

" Die Erdmagie, Dhao. Er wird die Magie benutzen, wann immer er will, ohne etwas dafür zu geben, oder sie zurückfließen zu lassen."

Angst breitete sich in Tyron aus und ließ alle Bilder vergehen.

" Ruhig, Sathe, es ist bereits geschehen."

" Du meinst..."

" Ja, während du diese Bilder sahst, geschah es bereits."

" Muss ich diesen Ort verlassen?"

" Nein, Tyron, deine Zeit ist vergangen. Ein anderer wird kommen und seinen Weg hierher finden, doch er wird nicht alleine sein."

Nach diesen Worten herrschte Stille, und Tyron blieb alleine mit seiner Angst und den Bildern, die erneut vor seinem inneren Auge entstanden zurück.

 

Daniel lief und lief. Obwohl er wußte, daß er sich seine Kraft einteilen sollte, hastete er immer weiter, bis aus dem Laufen ein Taumeln wurde und er schließlich völlig erschöpft zusammenbrach.

Angst schnürte ihm die Kehle zu und gaukelte ihm Bilder vor, die nicht wirklich waren. Verzweifelt versuchte er auf die Beine zu kommen, sank aber stöhnend wieder zu Boden.

Nur für einen Moment wollte er sich ausruhen, dann würde es bestimmt wieder gehen, dachte er jedenfalls, doch darin täuschte er sich, denn kaum hatte er die Augen geschlossen, fiel er in einen tiefen Schlaf, und mit ihm kamen die Träume die er so fürchtete.

Wieder sah er das zerstörte Dorf, den verbrannten Wald und vor allem die schrecklich zugerichteten Toten. Als er glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, erklang eine sanfte Stimme in ihm.

" Friede, Daniel, quäle dich nicht mehr, was geschehen ist, vermagst du nicht mehr zu ändern."

" Wer bist du?"

" Ich werde dir helfen zu vergessen, und deinen Weg zu gehen."

" Vergessen? Wie kann man so etwas vergessen? Meine Familie, Freunde, ja mein ganzes Volk wurde dem Erdboden gleichgemacht. Es ist, als hätten die Elyn nie existiert, und du sprichst von vergessen?"

" Ich werde dir helfen, Daniel. Altes wird durch Neues ersetzt, doch was aus dem Neuen wird, hängt von deinen Entscheidungen ab. Sieh genau hin, denn dieses soll dein Ziel sein. Den Weg dorthin musst du alleine finden."

Dann herrschte Stille in Daniel, und nur die jetzt folgenden Visionen sprachen ihre eigene Sprache.

Mit diesen Bildern war ein Versprechen verbunden auf ein Ende, aber auch auf einen neuen, besseren Anfang. Zugleich erfaßte Daniel eine nie gekannte Sehnsucht nach diesem friedlichen Ort, den er in den Visionen sah.

Plötzlich hörte alles auf.

Dunkelheit umarmte ihn und schenkte ihm süßes Vergessen um alles Schreckliche, was er erlebt hatte. Nur die Sehnsucht nach einem bestimmten Ort blieb bestehen und setzte sich tief in seinem Herzen fest.

Als Daniel erwachte, sah er verschwommen ein Gesicht, daß ihm fremd, aber gleichzeitig auch vertraut war. Verwirrt wollte er sich aufrichten, wurde aber sanft daran gehindert. Er bekam etwas zu trinken und schlief sofort wieder ein.

Rowenna war erleichtert, als der Fremde endlich die Augen öffnete, obwohl es nur für einen Moment war. Nun hatte sie auch Zeit, ihn genauer zu betrachten.

Er war noch jung, kaum älter als sie selbst.

Schwarzes, lockiges Haar umrahmte ein vor Erschöpfung bleiches Gesicht. Weiter kam sie in ihren Betrachtungen nicht, da sich einer der Zwillinge unruhig hin und her wälzte. Als sie sich wieder zu dem Fremden setzte, sah sie, daß er wach war.

" Hallo, ich bin Rowenna."

Sie half ihm, sich langsam aufzusetzten und wartete gespannt ab.

" Ich bin Daniel Maere."

" Du bist kein Sharek?"

" Nein, ich bin vom Volk der Elyn, doch bis auf mich existiert dieses Volk nicht mehr."

Rowenna nickte verstehend.

" Ich habe davon gehört, denn ich wuchs in der Nähe eines Suchers auf und dort erfährt man so etwas zuerst."

" Wo sind wir?"

" Hier stand einmal das Dorf Mitreul, Daniel. Wo du jetzt nur Steine und Sand siehst, waren vorher fruchtbare Felder und grüne, saftige Wiesen. Nicht nur dein Volk hat gelitten."

Trauer schwang in ihrer Stimme mit.

" Aber es gibt noch Sharek, oder?"

" Hast du nichts aus allem gelernt? Jedem ist furchtbares Leid angetan worden, denn ob du es glaubst oder nicht, auch mein Volk empfindet Trauer und Schmerz. Nicht nur deine Leute wurden vernichtet, Daniel, denn nur die Elite der Sharek hat überlebt, und zu denen ist Darien unterwegs."

" Darien?"

" Vor etwa einer Stunde lagerten hier zwölf Jugendliche. Darien ist ihr Anführer und wollte dich und die Zwillinge zurücklassen. Dich, weil er dich als Elyn erkannte, die beiden, weil sie in diesem Volk als böses Omen gelten. War es bei den Elyn genauso?"

Vehement schüttelte Daniel den Kopf.

" Jedes Leben galt dort als heilig, selbst das des Feindes."

Eine Weile herrschte Stille, dann brach Rowenna das Schweigen.

" Du solltest dich noch etwas ausruhen, dann können wir den anderen nach Süden folgen."

Doch Daniel schüttelte den Kopf.

" Ich muss nach Osten, Rowenna. Frag mich nicht warum, denn ich weiß es nicht."

Ungläubig sah das Mädchen ihn an.

" Du weißt es nicht?"

" Nun, es ist ein Gefühl, was mich dorthin zieht."

" Ein Gefühl, du meinst wirklich du..."

" Warte, vielleicht verstehst du es so besser. Es ist ein Traum. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich einen Ort des Friedens, und alles in mir zieht mich dorthin."

Überrascht sah sie Daniel an.

" Du auch?"

" Warum?"

" Nun auch ich habe diesen Traum, vorausgesetzt natürlich, daß es der gleiche ist."

Gespannt sah er Rowenna an.

" Bitte erzähle mir."

" Es ist ein Wald mit riesigen Bäumen, kleinen Bächen und Lebewesen, die es bei uns nur noch in Märchen gibt. Fast jede Nacht träume ich von diesem Ort, aber wo er zu finden ist, weiß ich nicht.

" Den genauen Weg kenne ich auch nicht, nur die Richtung."

" Aber wir wissen den Weg."

Erschrocken sahen beide auf, denn sie waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie die Zwillinge völlig vergessen hatten.

" Ihr kennt diesen Ort?"

Rowenna konnte es kaum glauben. Schon das Dasho sprach, wunderte sie, denn während der vier Jahre, die sie die beiden kannte, hatten sie kaum ein Wort gesprochen.

" Nein, Rowenna, wir kennen den Ort nicht, aber der Weg ist in uns. Wir haben eine Art Magie, die uns dabei hilft, wie sie allen Zwillingen zu eigen ist. Aus diesem Grunde wurden sie auch als das Böse bezeichnet und getötet."

Rowenna sah zu Daniel, dem aber auch nichts dazu einfiel. Demiian ergriff lachend das Wort.

" Wenn Daniel sich erholt hat, sollten wir gehen. Der Weg ist zwar nicht so weit, wie ihr glaubt, aber sehr schwer."

" Dank Rowennas Pflege geht es mir wieder so gut, daß wir aufbrechen können."

Das Mädchen hielt nicht viel davon.

" Was ist mit euch, auch ihr wart mehr als erschöpft, und ihr seid noch sehr jung."

" Erstens sind wir stärker als du glaubst, und zweitens würden wir dich nicht gerade als alte Frau bezeichnen. Oder siehst du es anders?"

Alle lachten. Dann packten sie ihre Habseligkeiten zusammen und gingen los.

 

Vier Tage waren sie bereits unterwegs, und das Mädchen fühlte sich mehr und mehr zu Daniel hingezogen, zeigte dies aber nicht.

Plötzlich blieben die Zwillinge stehen. Dasho deutete auf ein Tal, welches sich vor ihnen erstreckte und das links und rechts von hohen Felswänden eingerahmt war.

Daniel beschlich ein ungutes Gefühl, als er es betrachtete. Er spürte, daß es dem Mädchen genauso ging.

" Sieht aus wie eine perfekte Mausefalle, oder was denkst du, Rowenna?"

" Du hast recht, Daniel, aber so wie ich das sehe, ist es der einzige Weg."

Als sie das sagte, sah sie fragend die Zwillinge an, und wieder war es Dasho, der auf ihre unausgesprochene Frage antwortete.

" Es gibt keinen anderen Weg, aber es muss keine Falle sein. Die Frage lautet nur, habt ihr genug Vertrauen zu uns?"

Rowenna und Daniel nickten, denn inzwischen waren die Brüder mehr als nur Freunde oder Weggefährten.

Dasho nickte erfreut.

" Gut, dann werden wir euch jetzt die Augen verbinden. Jeder von uns nimmt einen von euch an die Hand, aber denkt immer daran, ihr dürft uns nicht loslassen, ganz gleich, was geschieht, denn sonst seit ihr verloren."

Es war ein merkwürdiges Gefühl, blind und auf die Augen anderer angewiesen zu sein. Daniel und Rowenna fühlten sich hilflos und ausgeliefert. Kurz, bevor sie das Tal betraten, blieb Rowenna plötzlich stehen.

" Dasho, was ist mit euch?"

" Für uns besteht keine Gefahr, denn wir sind nur Führer. Außerdem ist unsere Zeit noch nicht gekommen. Bitte redet jetzt nicht mehr, sondern konzentriert euch ganz auf uns."

Schweigend machten sie sich auf den Weg durch das Tal.

Kälte umgab sie, und ein Heulen ertönte, daß ihnen das Blut in den Adern gefror. Dann, als dies nichts fruchtete, hörten sie schmeichelnde Stimmen und sahen so verlockende Bilder, daß Daniel seinen Führer fast losgelassen hätte. Doch Demiian merkte es rechtzeitig und hielt ihn mit einer Kraft fest, die Daniel nie in ihm vermutet hätte.

So plötzlich, wie die Stimmen in ihnen zu toben begannen, hörte alles wieder auf und willkommene Stille umgab sie.

Nachdem ihnen die Augenbinden abgenommen wurden, brachten sie soviel Abstand wie möglich zwischen sich und dem Tal, erst dann machten sie eine kurze Rast.

Stumm betrachtete Daniel die Zwillinge. Es schien ihm, als wären beide auf diesem kurzen Weg um Jahre gealtert, und als er Dasho darauf ansprach, nickte dieser.

" Du hast recht, Daniel, niemand geht ungeschoren sehenden Auges durch das Schattental, denn die Mhor`esh fordern von jedem ihren Tribut."

" Die was?"

" Mhor`esh bedeutet Schattenkrieger. Sie ließen sich vom Bösen verleiten, und dies war ihre Strafe. Seit Jahrhunderten warten sie auf Erlösung, warten auf den Einen, der den Weg der Hoffnung auf sich nimmt. Doch bis heute war niemand stark genug."

" Ist es noch weit bis zu jenem Ort?"

Rowenna sah Dasho erwartungsvoll an, denn sie hatte genug vom Wandern und auch von Gefahren, sie sehnte sich nur noch nach Ruhe und Frieden.

" Nein, Rowenna, bald erreichen wir den Thiera`mongh, aber er ist unsere Aufgabe, auch wenn ihr Anteil daran habt."

Diese Auskunft stellte Daniel überhaupt nicht zufrieden, aber mehr war aus den Zwillingen nicht herauszubekommen, also machten sie sich auf den Weg. Nach zwei weiteren Stunden anstrengender Wanderung erreichten sie ein riesiges Sumpfgebiet. Etwas in dieser Art hatten sie noch nie gesehen. Rowenna schauderte bei dem Gedanken ihn durchqueren

zu müssen.

" Müssen wir wirklich dadurch, Dasho?"

" Ja, Rowenna, es sei denn, einer opfert sich für alle."

" Wenn es denn sein muss." Daniel machte Anstalten aufzustehen, ließ es aber, als er Rowennas Blick bemerkte. Erschrecken lag darin und mehr. Die Zwillinge nickten und erhoben sich.

" Wir zwei sind einer. Wir werden gehen. Aus Thiera`mongh wird " der Wald der Dämmerung " euer Ziel ist erreicht, denn der Weg war das Ziel, Meridan ist erlöst."

 

Ende

 

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