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 Das Dämonenschwert

von Karl-Heinz R. Friedhoff

 

 

Im fahlgelben Licht des Mondes schimmerte etwas Metallisches im Straßenstaub.

Roland blieb stehen und schaute hinunter auf das Ding.

Was mochte das sein?

Er bückte sich danach und hob es auf.

Zuerst zuckte er erschrocken zurück, denn das Ding war lang, scharf und eiskalt. Doch dann siegte seine Neugier über seine Vorsicht; mit wenigen Handbewegungen hatte er ein langes Schwert mit schlanker, gerader Klinge vom Straßendreck befreit.

Der Griff der Waffe lag groß und ungewohnt in seiner Hand. Das Mondlicht tanzte auf der Klinge, als er sie drehte, und erweckte scheinbar Figuren zum Leben, feine Linien im Metall: Menschen, Tiere, Dämonen und Göttergestalten.

Sie schienen im fahlen Mondlicht auf der Schwertklinge zu tanzen, eingefroren im Metall wie gespenstische Figuren in einem Traum.

Verwirrt schüttelte Roland den Kopf. Was sollte er nun mit dem Schwert machen?

Er war doch ein Mann des Pfluges und kein Kriegsmann. Das Schwert lag ihm fremd und völlig ungewohnt in der Hand, die noch nie in seinem Leben eine Waffe gehalten hatte.

Aber konnte er ein Geschenk der Götter einfach ignorieren, es in den Staub zurückwerfen, aus dem er es aufgehoben hatte?

Außerdem stellte dieses zauberhafte Schwert, das bestimmt nicht von Menschenhand geschmiedet worden war, sicherlich einen beträchtlichen Wert dar. Allein der Edelstein am Knauf war schon zehnmal so viel wert wie sein kleiner Bauernhof.

Roland richtete sich aus seiner knieenden Haltung auf und stützte sich auf das Schwert, um zu überlegen.

Sollte er es verkaufen?

Aber so etwas konnte man nicht so leicht verkaufen.

Der Händler würde ihn bestimmt fragen, woher er das Schwert hätte.

Sollte er dann sagen, dass er es auf der Straße gefunden hatte?

Das klang viel zu sehr nach einer Lüge.

Man würde glauben, dass er es einem Edelmann gestohlen hatte und ihm die Büttel des Herzogs auf den Hals hetzen.

Aber es einfach wieder wegwerfen?

 

All diese Überlegungen wurden dem Bauern abgenommen, denn plötzlich spürte er, dass da noch etwas anderes, Fremdes war.

Und zwar hinter ihm !

 

Erschrocken fuhr er herum und sah eine große, schimmernde Gestalt in dunkler Gewandung. Die Gestalt schien über dem Boden zu schweben wie ein Schatten, aber dennoch greifbarer als ein Windhauch an einem gewitterschwülen Tag.

 

 

Und plötzlich leuchtete die Klinge in der Hand des Bauern auf und schien zu dem Wesen hinzuzucken.

Tat sie das, um sich in dessen Hand zu begeben, oder war sie begierig, sich in die Brust dieser Geistergestalt zu bohren?

Roland spürte ganz deutlich, dass dieses zauberhafte Schwert nun kein totes Metall mehr war, sondern etwas Lebendiges.

 

"Gib mir das Schwert !"

 

Die Stimme des Wesens passte zu seiner Erscheinung: Leise, sanft, körperlos und dennoch furchteinflößend.

 

Langsam schwebte die Schattengestalt auf Roland zu, die Hand ausgestreckt wie ein Bittsteller.

Seine leuchtenden Augen, grüngelbe grelle Flecken in der ovalen Dunkelheit des Antlitzes, schienen verschleiert, fast wie die eines Blinden.

 

Roland stand wie erstarrt, zu keiner Reaktion fähig. War es der Wein, der plötzlich seinen Kopf vernebelte, oder war es die fremde, unheimliche Gestalt? Oder war es gar die Stimme des Geistes?

 

"Gib mir das Schwert !"

 

Je näher die Gestalt kam, desto weniger schattenhaft wirkte sie.

 

Eine Aura von Macht und Größe, von Grausamkeit und Schrecken, von Unendlichkeit und Ewigkeit umgab das Wesen, schwebte um ihn wie ein unsichtbarer Nebel. Und seine Augen begannen jetzt grell zu leuchten.

 

Sie spiegelten den Mond wider und in den Spiegelungen war noch etwas anderes zu sehen, etwas, das sich ständig veränderte, ein Bild, das von einstiger Macht und Größe erzählte, von einer Demütigung durch einen Stärkeren, von endlos langen Jahrtausenden unter einem grausamen Fluch.

 

Ein Bild, das aber auch von Dingen erzählte, welche mehr die Menschen angingen als die Geister, ein Bild von verbrannten Höfen und erschlagenen Männern, von geschändeten Frauen und brennenden Burgen, von gebrochenen Klingen, untergegangenen Armeen und toten Königen.

Diese Bilder in den Augen des Geistes erschreckten Roland und ließen ihn bis ins Mark seiner Knochen erschauern.

 

War das die Wirklichkeit, die längst vergangene, oder die neue, erst noch werdende? Was dieses Wesen, Geist oder Dämon, vielleicht gar die leibliche Inkarnation von Krieg, Tod und Elend? War dies ein Dämon des Verderbens?

 

"Gib mir das Schwert !"

 ertönte die Stimme nun zum drittenmal, nun jedoch nicht mehr bittend und sanft, sondern drohend und fordernd.

Die ausgestreckte Klauenhand kam langsam auf Roland zu, wie eine Hand des Grauens, die nach seinem Herzen griff.

 

Rein instinktiv, wie von einem fremden Willen gelenkt, schlug Roland mit aller Kraft zu.

 

Die Klinge leuchtete so grell auf, dass Roland geblendet die Augen schloss. Aber er wusste, dass er den Unheimlichen getroffen hatte.

 

Klirrend zerbrach das Schwert, sein helles Leuchten erlosch abrupt.

 

Einen Augenblick lang schwankte die Schattengestalt wie ein verletzter Krieger, der sich nur noch durch die Kraft seines Willens auf den Beinen hielt, um seinen Gegner mit in den Tod zu reißen.

 

Entsetzt wich Roland zurück, der sich schon rettungslos verloren glaubte.

Doch da kam ein kräftiger Windstoß, und der unheimliche Schatten verflog wie der Rauch eines erlöschenden Feuers.

Alles, was noch für einen Augenblick von ihm übrigblieb, war ein Schrei, ein wütender, kraftloser Schrei, eine Drohung ohne Macht.

 

Roland öffnete die Augen, die er in Erwartung seines Endes geschlossen hatte.

Der Spuk war verschwunden, als hätte es ihn niemals gegeben.

 

Hatte er sich das alles nur eingebildet?

Hatte er geträumt?

War er einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen?

 

Doch da spürte er in seiner Hand etwas Rundes, Kühles und Schweres.

Er öffnete die verkrampften Finger und starrte verwirrt und staunend auf den schimmernden Edelstein vom Knauf des Schwertes, der jetzt wie von innen heraus zu glühen schien...........

 

 

 

Ende

 

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