Fantasy

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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Rikard von Schwanenwehr.

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern lässt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

 

Karte von Eropan

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Karte von Fatom

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Karte von El Mariga

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Band 13

 

Kampf um El Mariga

 

Auf dem Kontinent Eropan schrieb man das 145. Jahr seit Gründung des lippischen Reiches, das jetzt ganz Eropan und sogar einen Teil des Nachbarkontinentes Asani beherrschte.

Zwanzig Jahre waren ins Land gegangen seit dem Aufstand unter Führung des Ritters Manrath, dem einstigen Peer der Südmark. Die Menschen erinnerten sich kaum noch an die Wirren, die Lippia zu jener Zeit erschüttert hatten.

Manrath war gescheitert und längst war sein Name in Vergessenheit geraten.

 

Die Könige und Fürsten des asanischen Kontinentes waren zu Vasallen der lippischen Lords geworden, so dass der Clan der Lords jetzt praktisch beide Kontinente beherrschte.

Ein goldenes Zeitalter des Friedens schien angebrochen zu sein.

Kunst, Kultur und Handel blühten in ungeahntem Ausmaße auf. In großen, prunkvollen Tempeln wurde den Göttern des Lichtes gehuldigt, deren Priester überall in hohem Ansehen standen.

Kaum jemand, der selbst nicht eingeweiht war, ahnte jedoch, dass vor allem in den eroberten Ländern die Zahl der geheimen Sekten immer größer wurde, die im Verborgenen den finsteren Chaosgöttern huldigten und ihnen in mondlosen Nächten mit grausigen Ritualen ihre blutigen Opfer darbrachten.

 

Viele der alten Kämpen begannen sich in diesen ruhigen Jahren in die Zeit der Kämpfe und Abenteuer zurückzusehnen, denn sie wurden von quälender Langeweile geplagt. Noch immer standen sie in der Blüte ihres Lebens, betrug doch die Lebenserwartung eines Menschen auf der Welt Fatom nahezu 150 Jahre, so dass selbst ein Hundertjähriger noch jung genannt werden konnte.

Nun blieben den alten Kämpen nichts anderes als Erinnerungen, in denen sie zu schwelgen pflegten, wenn sie auf ihren Festgelagen zusammenkamen.

Auch die Lords von Lippia, seit zwanzig Jahren nur noch drei an der Zahl, begannen einer gewissen Trägheit anheim zu fallen.

Sie waren jetzt die unumschränkten Herrscher über zwei Kontinente, denen die Könige der asanischen Völker gehorchten und Tribut zahlten. Jedes Aufbegehren wurde unbarmherzig niedergeschlagen und mancher, der auf unbedachte Weise ein falsches Wort über die Herrschaft der lippischen Lords von sich gab, sah sich unversehens in Kerkerhaft. Die "Gilde vom schwarzen Stern" hatte ihre Spitzel überall, welche auf ihre Weise dafür sorgten, dass niemand es wagte, gegen die Lords aufzubegehren.

Auch nach Manraths Rebellion hatte es eine Reihe von Verschwörungen gegeben, doch alle waren sie kläglich gescheitert.

Die Macht der Lords war noch immer ungebrochen, doch es schien, als sei für sie die Zeit der Eroberungen nun vorbei.

Die letzten Jahre hatten ihnen viel von ihrem einstigen Schwung genommen, denn  es fehlte ihnen der Anstoß, der sie aus ihrer Lethargie reißen konnte, die sich ihrer bemächtigt hatte.

Und dieser Anstoß erschien schließlich in Gestalt eines alten Freundes, den sie schon fast vergessen hatten...

 

 

Lord Rikard war für einige Tage auf die Friedburg gekommen und hatte sich vorgenommen, hier ein paar Tage der Ruhe und Muße zu verbringen.

Meist hielt er sich in seiner Festung Schwanenwehr auf, so dass er die beiden anderen Lords nur noch bei wichtigen Beratungen zu sehen bekam.

Es wurde bereits dunkel, als er sich ans Kaminfeuer setzte und ein Buch zur Hand nahm, während ein Diener ihm einen Krug voll dampfenden Kafons brachte. Eine Weile später war er schon in das Buch vertieft, welches er schon lang hatte lesen wollen, als der Diener wieder hereinkam und ihm einen späten Besucher ankündigte.

 

        "Hat er Euch seinen Namen genannt?" fragte Rikard ungehalten, ohne dabei in seiner Lektüre inne zu halten.

        "Er sagte, sein Name sei Corius von Aziro", lautete die Antwort des Bediensteten.

Abrupt ließ der Lord das Buch sinken und blickte erstaunt auf.

        "Corius?" murmelte er, "Ich habe kaum geglaubt, diesen Abenteurer noch einmal wiederzusehen."

Dann gab er dem Diener die Weisung, den späten Besucher sofort zu ihm zu bringen und dafür zu sorgen, dass diesem ein guter Wein serviert wurde.

 

Als der späte Gast in den rötlich flackernden Schein des Kaminfeuers trat, erkannte Rikard den alten Kämpen sofort wieder, obwohl die Zeit manche Spuren in dessen wettergegerbten Gesicht hinterlassen hatte.

        "Seid mir gegrüßt, Lord Rikard", sprach der Ankömmling und bot ihm die Hand zum Gruße, die Rikard sofort ergriff und freudig schüttelte.

        "Seid willkommen, Corius, alter  Freund aus vergangenen Tagen. Kommt, setzt Euch ans Feuer und trinkt einen Wein mit mir. Und dann erzählt, wie es Euch in all den Jahren ergangen ist, in denen wir nichts mehr von Euch vernommen haben."

Corius lächelte und meinte schmunzelnd: "Dann kann es noch spät werden in dieser Nacht, denn ich habe fürwahr eine Menge erlebt, seit ich das letzte Mal in Lippia weilte."

        "Sei´s drum", sprach Rikard, "Ihr seid ja immer ein Abenteurer gewesen und werdet es wohl bis zu Eurem Ende bleiben, nicht wahr?"

Sie setzten sich an den Kamin und tranken von dem Wein, den der Diener ihnen bereitgestellt hatte.

        "Es heißt, dass Ihr schon seit geraumer Zeit der König der Piraten von Aziro wäret, die ihre Beute in unseren Häfen zu guten Preisen anbieten."

        "Das ist schon richtig", lachte Corius, "Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir bei den lippischen Kaufleuten recht gern gesehen werden, da wir meist viel günstiger verkaufen als die Kauffahrer, denen wir die Beute vorher abgejagt haben. Aber ich war schon König von Aziro, als ich damals mit Klasus und Manrath nach Olyman gefahren bin, wo wir das Weltentor gefunden haben und von der magischen Rose erfuhren. Dass Manrath später gegen Euch rebelliert hat, vermochte ich kaum glauben, erschien er mir doch immer als einer Eurer verlässlichsten Ritter."

        "Manrath handelte unter dem Einfluss des Magiers Iljuschy, der uns ebenfalls verraten hat", murmelte der Lord düster, während er gedankenverloren in die Flammen starrte, "Doch all das ist schon lange nur noch Vergangenheit."

        "Und was ist aus diesem Klasus geworden?" fragte Corius, "Er behauptete immer, von einer anderen Welt zu stammen. Aber ich habe es ihm nie glauben können."

        "Klasus kam tatsächlich aus einer anderen Welt und darum altert er wohl auch schneller als wir. Er lebt jetzt in Kamba in der Südmark. Mittlerweile ist er ein alter Mann geworden und vielleicht wird er bald sterben. Doch nun verratet mir, was Euch zu mir geführt hat."

        "Ihr werdet es kaum glauben, aber ich habe EL-MARIGA gefunden und sogar meinen Fuß auf diese fremde Land gesetzt", antwortete Corius.

        "EL-MARIGA !!" entfuhr es dem Lord, "Ihr seid wirklich dort gewesen? Wie sieht es dort aus? Leben dort Menschen wie wir? Ist das Land wirklich so reich, wie es die Sagen erzählen?"

        "Gemach - gemach, mein Lord", meinte Corius, erheitert über die plötzlich erwachte Neugier des Lords, "Was glaubt Ihr denn, wozu ich hergekommen bin? Ich weiß doch genau, dass Ihr begierig seid, alles über El-Mariga zu erfahren, zumal dort Nachkommen der Kamaraaner leben, die ja auch unsere Vorfahren waren. Ich bin nämlich gekommen, Euch anzutragen, zusammen mit meinen Piraten von Aziro die unermesslichen Schätze El-Marigas zu erobern."

        "Darüber reden wir später", meinte der Lord ungeduldig, "Aber nun will ich endlich mehr erfahren."

        "Nun gut", lächelte Corius, "ich will Euch nicht länger auf die Folter spannen. Höret also, was ich zu berichten habe:

                --- Im vorigen Jahr fuhr ich mit dem SEEDRACHEN nach Westen, denn meine Kapitäne hatten im Westen des großen Meeres fremdartige Schiffe gekapert, die aus keinem der uns bekannten Länder stammten. Für mich war das ein sicherer Hinweis auf jenes El-Mariga, das ich nun endlich finden wollte.

Nach einer Fahrt von nicht ganz zwei Monden bei günstigem Wind gelangten wir an eine dichtbewaldete Küste, wo wir an Land gingen, um Proviant und Trinkwasser an Bord zu nehmen.

Ich muss sagen, dass jenes Land mir schön wie eine Märchenwelt erschien, mit dunklen Wäldern, sanften Hügeln und Wiesen mit duftendem Gras, bunt gesprenkelt von einer Vielfalt fremdartiger, farbenprächtiger Blumen, wie es sie auf ganz Eropan nicht gibt. Wir fanden zunächst keine Menschen, nur verschiedene Wildarten, von denen wir einige Tiere erlegten, um zu sehen, ob man sie braten und essen konnte.

So fuhren wir weiter an der Küste entlang, ständig nach menschlichen Ansiedlungen Ausschau haltend. Schließlich mussten die gekaperten Schiffe ja von irgendwoher gekommen sein. Und endlich sichteten wir einige Küstendörfer, deren Bewohner aber in panischer Angst vor uns flohen, sobald sie unseres Schiffes ansichtig wurden.

Doch nach ein paar Tagen sahen wir eine Küstenstadt, die so groß war, dass sie sich mit Magaro messen könnte. An Pracht und Schönheit aber würde das lippische Magaro neben jener Stadt farblos und schäbig wirken.

Als wir uns den Hafenanlagen näherten, kamen uns fünf Galeeren entgegen, die übrigens von gleicher Bauart waren wie die Schiffe, die meine Kapitäne draußen auf hoher See gekapert hatten. Die Absichten der Galeeren waren eindeutig, denn sie waren voller kampfbereiter Krieger, die uns wohl entern wollten. Doch als wir eines dieser Schiffe mit unseren Kanonen zu Klump schossen, flohen die anderen eiligst in den Hafen zurück. Offenbar waren ihnen Kanonen völlig unbekannt. Später erfuhren wir, dass Schießpulver auf ganz El-Mariga unbekannt ist. Man hat uns deshalb wohl für eine Art von Donnergöttern gehalten.

So fuhren wir völlig unbehelligt in den Hafen hinein, auf dessen Kaimauern sich bereits eine riesige Menschenmenge angesammelt hatte, und legten kurzerhand am nächsten freien Kai an. Allerdings hatten wir vorsichtshalber unsere Kanonen mit Splittern geladen und auf die Menge gerichtet.

Als ich mit einem Dutzend meiner Männer an Land ging, warfen sich die Menschen vor uns nieder, als seien wir wirkliche Götter. Viele der Leute hatten golddurchwirkte und edelsteingeschmückte Kleidung an, die allerdings recht knapp bemessen war und nur das Nötigste bedeckte, was wohl am dort herrschenden warmen Klima lag.

Dann tauchten jedoch Bewaffnete auf, so dass wir uns schon auf einen Kampf gefasst machten.

Die fremden Krieger waren in silbernes und goldenes Rüstzeug gekleidet, wobei es sich um lederne Wämse und Beinkleider handelte, die mit goldenen und silbernen Schuppenplatten besetzt waren. Solche Schuppenpanzer kennt man auch hier auf Eropan, allerdings wird hierzulande nicht Gold und Silber dafür verwendet. Auf dem Kopfe trugen die Krieger spitze Helme aus purem Gold, ihre Bewaffnung bestand aus kleinen, goldverzierten Schilden, langen Wurfspießen und Kurzschwertern. Aber sie kamen nicht, um gegen uns zu kämpfen, sondern verbeugten sich vor uns, wobei ihr Anführer uns in der alten Sprache Kamaraans ansprach."

        "Sie benutzten die alte Sprache?" unterbrach Rikard den Redefluss seines Gastes, "Das ist der Beweis, dass jene Menschen tatsächlich Nachkommen der alten Kamaraaner sein müssen! Konntet Ihr Euch gut mit ihnen verständigen?"

        "Sie sprachen das Kamaraanische in einem etwas fremdartigen Dialekt", antwortete Corius, während er seinen Weinpokal aus der Karaffe nachfüllte, "Aber wir konnten es recht gut verstehen, und sie schienen auch keine großen Schwierigkeiten mit unserem Dialekt zu haben."

        "Erzählt weiter!" forderte der Lord ihn auf und schenkte sich ebenfalls neuen Wein ein.

Und Corius begann fortzufahren:

        "Die Krieger in Gold und Silber kamen, um uns als Götter aus den Meeresweiten willkommen zu heißen. Sie luden uns ein, in den Königspalast zu kommen, wo uns ihre Königin Tanoa empfangen wollte. Und so folgten wir den Kriegern zu einem Palast, der an Pracht nichts Gleichwertiges auf ganz Eropan findet. Alles schien nur aus Gold und Edelstein zu bestehen, so dass wir uns kaum sattsehen konnten an all diesem Prunk, obgleich wir uns natürlich Mühe gaben, unbeeindruckt zu wirken, um die Eingeborenen nicht glauben zu lassen, sie hätten es mit Barbaren zu tun.

Dann wurden wir von der Königin Tanoa empfangen und ich war von ihrer anmutigen Schönheit fast geblendet. Sie ist eine märchenhaft schöne Frau mit goldblonden Haaren, sich von ihrer sonnengebräunten Haut in wunderbarer Weise abhoben. Wir wurden wie Könige bewirtet und nach dem Mahl erbot sich die Königin, uns ihr Land zu zeigen, was wir natürlich gerne annahmen."

        "Wie lange seid Ihr dort geblieben?" fragte der Lord.

        "Etwas länger als einen Mond", antwortete der Piratenkönig, "Und Ihr werdet kaum glauben, was wir alles gesehen haben. Stolze Städte mit herrlichen Prachtbauten aus weißem Marmor, Tempel in funkelnder Pracht, geschmückt mit Statuen und Ornamenten aus Gold und Edelstein, Kleider und Gewänder aus feinsten und edelsten Stoffen, Berge aus wertvollstem Geschmeide, Werkzeug von allerbester Handwerksarbeit, Stahl von bester Schmiedekunst und überall Gold, Silber und Juwelen.

Das Land Tylorna ist ein wahrhaft von den Göttern geliebtes Land, regiert von einer göttlichen Königin. Und sein Reichtum ist schier unermesslich - nicht einmal alles Gold des lippischen Reiches könnte es aufwiegen. Wer weiß, welche Schätze erst im Innern jenes Kontinentes verborgen sind, wenn schon ein kleines Küstenland dort über solchen Reichtum verfügt. Ein kühner Eroberer bräuchte nur seine Hand auszustrecken und dieser Reichtum würde ihm wie eine reife Frucht hineinfallen."

        "Und Ihr denkt natürlich, dass wir Lippier mit Euren Piraten diejenigen sein sollten, die die Schätze El-Marigas erobern, nicht wahr?" meinte Rikard schmunzelnd.

        "Ganz recht", sprach Corius lächelnd, "Wir Piraten haben die entsprechende Hochseeflotte und Ihr Lords verfügt über die Streitmacht, die für ein solches Unternehmen erforderlich ist."

        "Ein verlockender Gedanke", meinte Rikard, während er versonnen ins Kaminfeuer starrte, "Doch ich muss erst mit den Lords Manot und Albertin darüber reden, denn das kann ich nicht allein entscheiden. Aber ich für meinen Teil halte es für keine schlechte Idee, El-Mariga für das Lippische Reich zu erobern."

 

 

Schon am nächsten Morgen ritten Corius und Rikard zur Burg Südlippia, wo sie mit Lord Manot sprachen und ihm eine Expedition nach El-Mariga schmackhaft machten.

Manot ließ mit seiner Zustimmung nicht lange auf sich warten und so begaben sie sich nach Burg Akaze, um dort mit Lord Albertin zu sprechen. Allerdings trafen sie diesen dort nicht an, da er auf der Festung Delemund im Norden Lippias weilte.

Corius beschloss, die Zeit bis zur Rückkehr Albertins in Stadt-Lippia zu verbringen, während Manot und Rikard damit beginnen wollten, Pläne für eine Expedition nach El-Mariga zu schmieden.

 

Als dann Lord Albertin von Delemund zurückgekehrt war, legten ihm die anderen sogleich ihren Plan vor.

Doch Albertin betrachtete das alles mit großer Skepsis und gab seine Bedenken zum Ausdruck.

        "Wenn die Länder El-Marigas wirklich so großen Reichtum bergen", meinte er, "bin ich Euren kühnen Plänen nicht abgeneigt. Aber bevor wir uns auf eine solch kostspielige Unternehmung einlassen, sollten wir genau wissen, welchen Mächten wir dort vielleicht gegenüberstehen werden. Wir kennen die Wehrhaftigkeit der dort lebenden Völker nicht. Darum bestehe ich darauf, zuerst eine Kundschafterflotte zu entsenden."

 

Die anderen mussten ihm wohl oder übel zustimmen und so kam es, dass drei Monde später im Hafen von Magaro  zehn Segelschiffe der Piraten von Aziro mit lippischen Kriegern an Bord die Anker lichteten und Kurs nach Westen nahmen........

 

 

Sie kamen von der Jagd aus der Steppe zurück.

Timon, die Perle der Ostküste, das Juwel Tylornas, tauchte vor ihnen auf mit seinen marmornen, goldenen und edelsteingeschmückten Tempeln und Palästen.

Sie waren stolz auf ihre Stadt, doch der Anblick ihrer Pracht war so alltäglich für sie, dass sie ihr kaum noch Beachtung schenkten.

Nur Rathan, der Prinz von Tylorna und Bruder der Königin, wurde beim Anblick Timons von Missmut erfüllt. Er hatte es noch immer nicht verwinden können, dass der Kronrat nicht ihm, sondern seiner älteren Schwester Tanoa die Krone von Tylorna gegeben hatte. Und Timons Anblick erinnerte ihn immer wieder daran, dass er zwar Prinz und Feldherr war, aber nicht der König von Tylorna sein durfte.

Als sie in die Stadt hineinritten, hörten sie die Leute rufen, dass die Donnergötter aus dem Meer zurückgekommen seien. Ihre großen Schiffe waren vor der Küstenstadt Kali gesehen worden und segelten nun direkt auf Timon zu.

Der Prinz beeilte sich ob dieser Neuigkeit, schnellstens zum Thronpalast zu kommen, denn er hatte vor, mit seiner Schwester ein paar ernste Worte wegen der Fremden zu wechseln.

 

        "Sei mir gegrüßt, Bruder", empfing ihn die Königin, als er mit wehendem Umhang in den Thronsaal stürmte, "Du scheinst heute in Eile zu sein. Ist es wegen der göttlichen Fremden, deren Schiffe gesichtet wurden?"

        "So ist es, Schwester", antwortete Rathan, "und es ist die Sorge, dass du dich nochmals vor ihnen erniedrigst."

        "Es ist keine Schande, gottgleiche Wesen zu ehren", entgegnete sie unwirsch, "die über Donner und Blitz gebieten."

        "Ich glaube nicht, dass die bleichen Fremden göttlich sind", widersprach Rathan, "Du weißt, dass unsere Vorfahren vor mehr als tausend Sonnenwenden von jenseits des Meeres kamen, vertrieben von einer bösartigen und mordgierigen Macht. Was ist, wenn diese Fremden jener bösen Macht entstammen und nun gekommen sind, uns zu vernichten?"

        "Aber die alten Schriften sagen auch", widersprach sie, "dass unsere heiligen Vorfahren ebenso hellhäutig waren wie die Fremden und dass sie von schuppenhäutigen Wesen aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden. Die Schriften sagen zudem, dass die tapfersten Krieger unserer Ahnen nicht mit den anderen über das Meer flohen, sondern weiter gegen den schrecklichen Feind kämpften, um ihrem Volk die Flucht zu ermöglichen. Und sagen die Schriften nicht auch, dass die Väter jener mutigen Krieger und unserer Vorfahren göttliche Wesen waren, die das KAMARAAN geschaffen haben? Ich glaube, dass die Fremden aus dem Meer die Nachkommen jener Göttlichen sind, die ihre Feinde besiegt haben und nun nach ihren Kindern suchen. Und darum will ich sie ehren und hier willkommen heißen."

        "Du bist eine Närrin, Schwester!" rief Rathan aufgebracht, "Hast du denn nicht die Gier in ihren Augen gesehen, als sie zum ersten Male hier waren? Sie sind nicht göttlich, sondern sie sind Menschen wie wir, nur dass sie Waffen besitzen, die Blitz und Donner schleudern können. Sie haben unseren Reichtum gesehen und das hat ihre Gier geweckt. Wir müssen sie vernichten, bevor ihnen weitere folgen und wir ihrer nicht mehr Herr werden können. Gib' den Befehl dazu, dann werden meine Krieger die Fremden niedermachen und sich ihrer Schiffe und Waffen bemächtigen."

        "Wahnsinniger Frevler!" fuhr sie ihn an und die Zornesröte stieg ihr ins Gesicht, "Nichts dergleichen wirst du tun! Du wirst die Göttlichen in Demut empfangen und sie ehrfürchtig behandeln. Wage es nicht, meinem Befehl zu trotzen, denn ICH trage die Krone von Tylorna und als Königin dulde ich auch von meinem Bruder keinen Ungehorsam. Jetzt entferne dich!"

 

Wortlos wandte sich der Prinz ab und verließ den Thronsaal, während er innerlich vor Zorn bebte...

 

 

Mit majestätischer Gemächlichkeit fuhren die großen Schiffe in den Hafen von Timon hinein, wo sich bereits eine staunende Menschenmenge an den Kaimauern drängte. Diesmal waren die fremden "Götter" sogar mit zehn ihrer mächtigen Segelschiffe erschienen.

Dann dröhnten plötzlich hallende Donnerschläge durch den Hafen, worauf sich die Menschen erschreckt und verängstigt zu Boden warfen, um so den fremden Göttern ihre Ergebenheit zu zeigen.

 

Jedes der Schiffe hatte eine sogenannte "blinde" Salve aus den Bordkanonen abgefeuert, um so die Eingeborenen zu beeindrucken und sie in ihrem Glauben an die "Göttlichkeit" der Ankömmlinge zu bestärken.

Die Kaperschiffe von Aziro verfügten über je zehn Kanonen auf beiden Seiten und zusätzlich über je zwei Bug- und Heckgeschütze. Damit konnten sie schon ein gewaltiges Getöse veranstalten.

 

Nach dieser Demonstration ihrer Macht gingen die Schiffe mitten im Hafenbecken vor Anker ließen Beiboote zu Wasser, mit denen dreihundert lippische Seesoldaten unter Führung eines Tribuns an Land kamen.

Als sie aus den Booten stiegen, wurden sie schon von Prinz Rathan und seiner Garde erwartet, der sie mit geheuchelter Ehrfurcht empfing...

 

 

Es dauerte fast sechzehn Monde, bis die Erkunderflotte heimkehrte und wieder in den Hafen von Magaro einlief. Wollte man die Erzählungen der heimgekehrten Seefahrer für bare Münze nehmen, so musste man zu Überzeugung gelangen, dass sie in einem Märchenland gewesen waren.

 

Tribun Vadan, der Anführer der Expedition, wurde sofort nach Burg Akaze gerufen, um dort den Lords Bericht zu erstatten.

Drei Tage später stand Vadan dem Triumvirat der Lords gegenüber und legte seine niedergeschriebenen Berichte sowie die angefertigten Karten und Skizzen von El-Mariga vor.

 

Dann begann Vadan von seinem Aufenthalt auf dem neuen Kontinent zu erzählen:

        "Wir fanden die Küstenstadt Timon, von der Corius berichtete, ziemlich schnell und wurden dort wie Götter empfangen, nachdem wir die Eingeborenen mit einem Kanonensalut etwas eingeschüchtert hatten.

Die Königin Tanoa empfing uns mit großer Ehrfurcht, wogegen ihr Bruder Prinz Rathan uns nicht sehr zu trauen schien. Ich glaube nicht, dass er uns für Götter hielt. Aber er musste seiner Schwester gehorchen, da sie die Herrscherin von Tylorna ist.

Wir durften die Archive des Thronpalastes von Timon durchstöbern, wobei uns vor allem ihre Geschichtsschreibung und das niedergeschriebene Wissen über die Völker El-Marigas interessierte.

So stellten wir fest, dass die Menschen dort tatsächlich von den Kamaraanern abstammen, sie sprechen sogar noch den alten Dialekt, allerdings mit gewissen Abwandlungen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich jedoch neue Volksstämme durch die Vermischung mit den Ureinwohnern gebildet, so dass auch verschiedene neue Reiche entstanden sind, von denen Tylorna nur eines der kleineren ist.

Aus den tylornischen Landkarten ersahen wir, dass drei große, gewaltige Flüsse das Festland durchziehen und es in vier große Teile zerteilen. Im Norden fließt der große Strom TOMORE von Osten nach Westen, wo er in ein uns unbekanntes Meer mündet. Etwa in der Mitte des Kontinentes fließt der LALOME ebenfalls nach Westen. Etwa zehn Tagesreisen weiter südlich findet man den MARENO, der nach Osten fließt und ins Große Meer mündet.

Diese Flüsse bilden größtenteils die natürlichen Grenzen zwischen den Königreichen El-Marigas.

Nördlich des TOMORE liegen die Reiche Tharpania im Nordwesten und Itisha im Nordosten. Tharpania wird von einem gewaltigen Gebirge durchzogen, welches dem eropanischen Mont-Gebirge ähnelt. Itisha dagegen bietet ein ganz anderes Bild, denn es ist völlig von Urwald bedeckt, in dem die Itishis leben, deren Haut so weiß wie Schnee sein soll, da sie selten von den Strahlen der Sonne getroffen werden. Es heißt, dass die Itishis ein Waldvolk sind, verschlossen und fremdenfeindlich, das zu anderen, dunkleren Göttern betet.

Zwischen TOMORE und LALOME liegt das größte Reich von El-Mariga, welches man Walsoria nennt. Es erstreckt sich von der Ost- bist zur Westküste, ein gewaltiges Gebiet, das auch an das Küstenreich Tylorna angrenzt. Das Land Mekanda findet man zwischen LALOME und MARENO, das im Osten an Tylorna angrenzt und im Westen bis an die Küste reicht.

Im Südwesten, wo der MARENO nicht dazwischen liegt, hat Mekanda eine gemeinsame Grenze mit dem Reich Esnara, welches am südlichsten gelegen ist und von hohen Gebirgen durchzogen wird. Im Westen, Süden und Südosten sind die Küsten seine Grenzen, im Osten grenzt es an das Land Tykar, das südlich des MARENO neben Tylorna an der Ostküste gelegen ist.

Vor allem die Küstenreiche Tylorna und Tykar sind sehr reich an Gold- und Erzvorkommen, die man ohne große Mühe im Tagebau schürfen kann. Es heißt aber, dass im nördlichen Tharpania noch weit größere Vorkommen zu finden seien. Und die Städte des Reiches Walsoria sollen sogar Paläste aus purem Gold haben.

Übrigens gibt es auf El-Mariga eine sehr fortgeschrittene Metallverarbeitung. Der Stahl dort ist von besserer Qualität als der unsrige. Wir haben Waffen und Werkzeuge mitgebracht, damit Ihr Euch selbst von deren Güte überzeugen könnt. Auch Schmuck und Geschmeide haben wir dabei, was Euch die Fertigkeiten der dortigen Gold- und Kunstschmieden vor Augen führen wird.

Das einzige, was wir den Völkern von El-Mariga voraus haben, sind unsere Kanonen, denn Schießpulver kennen sie dort noch nicht."

        "Eine Eroberung El-Marigas wird also ein recht schwieriges Unterfangen werden", meinte Albertin, "So einfach wie mit den asanischen Völkern wird es diesmal nicht gehen."

        "Wir werden auf jeden Fall viele Kanonen dort brauchen", sprach Manot, "denn offenbar sind wir nur damit den Kriegern El-Marigas überlegen."

        "Hielten Euch denn alle Eingeborenen für Götter?" wandte sich Rikard wieder an Vadan, "Oder gab es da Ausnahmen?"

        "Ja, es gab solche Ausnahmen", bestätigte Vadan diese Annahme, "Auch davon muss ich Euch berichten: Ich sagte ja schon zu Anfang, dass der Bruder der Königin von Tylorna, Prinz Rathan geheißen, uns nicht so gern willkommen heißen mochte wie es den Anschein hatte. Er schien uns nicht zu trauen und er steht mit seiner Haltung nicht völlig allein. Seine Feindseligkeit gipfelte schließlich darin, dass er mit einer Tausendschaft ihm ergebener Krieger den Thronpalast angriff, um seine Schwester zu entmachten. Gleichzeitig wurden unsere Schiffe mit Booten und Galeeren angegriffen. Aber der Aufstand schlug fehl, worauf der Prinz gezwungen war, Tylorna zu verlassen und nach Walsoria zu fliehen. Allerdings folgte ihm dabei fast ein Drittel des tylornischen Heeres, etwa zweitausend Krieger. Natürlich nahmen wir die Abbitten und Entschuldigungen der Königin wohlwollend an und versicherten ihr auch für die Zukunft unsere Freundschaft. Aber inzwischen hatten wir alles erfahren, was uns wissenswert erschien und so traten wir eine Woche später die Heimreise an. Sonst gibt es nichts mehr zu berichten. Alle angefertigten Karten und Schriften liegen hier vor Euch. Darin ist alles Wissenswerte über El-Mariga genauestens festgehalten. Alle Kostbarkeiten, die wir mitgebracht haben, sind bereits auf dem Wege in die Reichsschatzkammern, ausgenommen natürlich die Anteile der Freibeuter von Aziro."

        "Seid bedankt, Tribun", sprach Rikard, "Ihr könnt Euch jetzt zurückziehen. Lasst Euch ein gutes Mahl zubereiten und ruht Euch bis morgen aus, bevor Ihr zu Eurem Kommando zurückkehrt."

 

Als der Tribun gegangen war, beugten sich die drei Lords interessiert über die Karte des ihnen noch unbekannten Kontinentes.

        "Ein solches Gebiet können wir nicht einfach mit einem Invasionsheer besetzen", meinte Albertin stirnrunzelnd, "Dazu ist es einfach zu groß und zu bevölkert. Die asanischen Länder mußten sich damals ergeben, weil sie unseren Armeen nicht genug Krieger entgegenstellen konnten und bereits abhängig von unseren Handelshäusern waren. In El-Mariga aber werden wir uns ebenbürtigen Nationen gegenübersehen, deren Kultur die gleichen Wurzeln hat wie die unsere."

        "Außerdem werden wir nicht gerade das größte Heer nach El-Mariga entsenden können", sprach Manot, "denn wir können nur eine begrenzte Zahl von Soldaten und Waffen mit den uns verfügbaren Schiffen über das Meer transportieren."

        "Dann schlage ich vor", warf Rikard ein, "dass wir zuerst das Küstenland Tylorna erobern und zu einer lippischen Kolonie ausbauen. Währenddessen können weitere Truppen nach und nach über das Meer gebracht werden, bis wir dort stark genug sind, um auch die anderen Länder zu unterwerfen."

        "Bevor wir uns aber mit weiteren Planungen befassen", wandte Manot ein, "sollten wir aber zunächst einmal das Los entscheiden lassen, wer von uns dreien dieses Unternehmen anführen soll."

 

 

Tamegan war am Vortage von Kali aus nach Tinon aufgebrochen, um der Königin eine versiegelte Botschaft des Regenten von Kali zu überbringen.

Er war ein Edelmann, ein "Drom", der als Kurier im Dienste der Königin Tanoa stand. Als "Drom" hatte er das Recht, Schild, Schwert und Lanze zu tragen, was sonst nur Kriegern erlaubt war und dem gemeinen Volk verboten war.

Jetzt ritt er die Küstenstraße zwischen Kali und Tinon entlang, auf der ihm in diesen frühen Morgenstunden niemand begegnete, denn noch war es nicht hell geworden. Selbst das Landvolk in den Höfen und Dörfern nahe der Straße erhob sich nicht so früh von den Schlafstätten.

Seiner Schätzung nach hatte er etwa die Hälfte der Strecke zwischen den Städten hinter sich gebracht, als er plötzlich ungewöhnliche Geräusche vernahm, die ihn dazu brachten, sein Pferd zu zügeln und in die beginnende Morgendämmerung zu lauschen.

Irgendwo vor ihm auf der Straße war ganz deutlich das Rumpeln schwerer Fuhrwerke und lautes Hufgetrappel zu hören.

Wer mochte da um diese frühe Zeit schon unterwegs sein?

 

Er ritt ein Stück weiter, dann fiel sein Blick nach Osten aufs Meer. Verblüfft zügelte er abermals sein Ross und lenkte es zu einem Küstenfelsen nahe der Straße, von dem er eine gute Aussicht auf die unter ihm liegende Küste hatte. Der sich ihm nun bietende Anblick verschlug ihm schier den Atem.

Dort war eine gewaltige Flotte fremder Schiffe vor Anker gegangen und Tausende von Bewaffneten strömten jetzt an Land. Pferde trampelten im Sand des Strandes und zogen große Metallrohre mit großen Rädern den Hang zur Straße hinauf, während Berittene nach allen Seiten ausschwärmten und sich bewaffnetes Fußvolk am Strand sammelte.

Hier ging eine Armee an Land, deren Absichten wohl kaum friedlicher Natur sein konnten.

Und jetzt begriff Tamegan, dass dies die Fremden von jenseits des Meeres waren, welche von der Königin als göttliche Wesen willkommen geheißen worden waren, als sie zum ersten Mal Tylorna besucht hatten.

Seit dem Besuch der Fremden waren fast zwei Jahre verstrichen und niemand hatte damit gerechnet, dass sie mit einer ganzen Armee wiederkommen würden.

Prinz Rathan hatte also doch recht damit gehabt, den Fremden nicht zu trauen!

 

Eilig zog Tamegan sein Pferd herum und ließ es wieder auf die Straße traben. Er musste jetzt schnellstens nach Tinon, um die Königin vor der nahenden Gefahr zu warnen.

Landeinwärts befand sich dichter Wald, auf den Tamegan jetzt zu eilte, um nicht vorzeitig von den Fremden entdeckt zu werden.

 

Aber der tylornische Edelmann hatte kein Glück.

Plötzlich ertönte hinter ihm der Hufschlag schnell galoppierender Pferde. Vielleicht wäre es ihm noch gelungen, den schützenden Wald zu erreichen und so den fremden Reitern zu entkommen, aber sein Ehrenkodex als "Drom" verbot es ihm, einem Feind den Rücken zuzuwenden und vor ihm zu fliehen. So riss er sein Pferd herum und preschte mit eingelegter Lanze auf die Reiter im schwarzen Rüstzeug zu, die ihn verfolgten.

Einem von ihnen durchbohrte er den Hals mit der Lanzenspitze, doch dann spaltete ihm ein Säbelhieb den Schädel.....

 

 

Es hatte rund eineinhalb Jahre gedauert, bis eine Armada von hochseetüchtigen Schiffen zusammengestellt war, mit der lippische Truppen über das Meer gebracht werden konnten.

Die Lords hatten 155 große Frachtschiffe gekauft oder kurzerhand beschlagnahmt, die über genügend Laderaum verfügten, um fünftausend Infanteristen, tausend Reiter der leichten Kavallerie mit ihren Pferden und 200 Kanonen mit Bedienungsmannschaften und Zuggespannen transportieren zu können.

Dazu kamen 52 Kaperschiffe der Aziro-Freibeuter, die den Schutz der unbewaffneten und schwerfälligen Frachtschiffe übernehmen und die Munition für die Kanonen transportieren sollten.

Verglichen mit den riesigen Heeren des lippischen Imperiums war dies eine verhältnismäßig kleine Streitmacht, kommandiert von Lord Rikard, den das Los zum Anführer dieses Unternehmens bestimmt hatte.

 

Durch die Langsamkeit der großen Frachtsegler brauchte die Armada über vier Monde, um die Küste El-Marigas zu erreichen.

Einen Tagesritt nördlich von Tinon, der tylornischen Hauptstadt, ging die Armada vor der Küste vor Anker und ließ die Invasionsarmee hier an Land gehen.

Lord Rikard aber segelte mit zwölf Kaperschiffen der Freibeuter weiter zum Hafen von Tinon, begleitet von einer halben Hundertschaft seiner Reiter.

Als die Schiffe des Hafen von Tinon erreichten, feuerten sie wie schon bei den vorherigen Besuchen mit ihren Kanonen einen Salut, der die Bevölkerung Tinons aufschreckte und die Rückkehr der "Donnergötter" ankündigte.

 

Und wieder wurden die Besucher von jenseits des Meeres in völliger Arglosigkeit willkommen geheißen.....

 

 

Es war Nacht und die beiden Monde warfen ihr silbriges Licht auf die schlafende Stadt, deren Pracht selbst jetzt noch unübertrefflich wirkte.

 

Mit offenen Augen lag Königin Tanoa auf ihrem Bett und starrte auf die kunstvoll geschnitzten Balken an der Decke ihre Schlafgemaches.

Die Luft war drückend warm, sie hatte ihre seidenen Decken zur Seite gelegt, so dass ihr nackter, makelloser Körper vom silbernen Schimmer des durchs Fenster einfallenden Mondlichtes überflutet wurde.

Von fern drang das Rauschen des Meeres in ihr Gemach und wie schon oft lauschte sie der ewigen Stimme der See.

Sie konnte nicht schlafen in dieser Nacht, denn ihre Gedanken kreisten fortwährend um die fremden Besucher, die nun zum dritten Male in ihr Land gekommen waren. Dieses Mal war einer ihrer Herrscher mit ihnen gekommen, ein "Lord", was wohl ein hoher Titel in den Ländern jenseits des Meeres sein musste, der dem eines Kaisers oder Hochkönigs gleich kam.

Von diesem Mann ging etwas Beunruhigendes aus, eine Aura von Macht, die jedoch nichts Menschliches hatte, sondern etwas Unnatürliches, das Angst einflößte.

War dieser Mann ein Gott, der soviel Macht besaß, dass er über Gefolgsleute gebieten konnte, die selbst schon Blitz und Donner beherrschten?

War er als Freund gekommen oder als Herrscher, der die Unterwerfung ihres Volkes forderte?

Er hatte davon gesprochen, dass jenseits des Meeres ein neues Kamaraan entstanden sei, das jetzt Lippia genannt wurde. Das Drachenvolk, wie er die schuppenhäutigen Feinde ihrer fernen Vorfahren nannte, sei restlos ausgerottet worden und würde nie wieder eine Gefahr für die Menschen sein. Sein Bestreben sei es, die Kinder Kamaraans wieder neu zu vereinen in einem großen Reich, das einmal die ganze Welt umspannen sollte.

 

Mit geschmeidigen Bewegungen erhob sich die Königin und trat auf den Balkon vor ihrem Gemach hinaus, ohne ihre Nackheit zu verhüllen, denn sie rechnete nicht mit heimlichen Beobachtern; die Palastgarde war immer sehr wachsam.

        ("Ist dieser fremde Lord gekommen, um Tylornas Unterwerfung zu fordern?") fragte sie sich in Gedanken, ("Soll unser Land ein Teil des neuen Kamaraan werden? Und was wird er tun, wenn ich mich dieser Forderung widersetze? Kann ich mich überhaupt gegen einen Gottgleichen auflehnen oder muss ich mich seinem Willen beugen?")

 

Mit einem leisen Seufzer wandte sie sich um und wollte sich wieder in ihr Bett begeben, da hallte plötzlich ein Donnerschlag durch die Nacht, der sie erschrocken herumfahren ließ. Vorn ferne drangen die Schreckensschreie vieler Menschen an ihr Ohr, immer wieder übertönt von krachenden Donnerschlägen.

Ihr Blick fiel zum Hafen hinunter und im hellen Mondlicht konnte sie sehen, dass sich die Zahl der fremden Schiffe erheblich vergrößert hatte. Sie sah grelle Blitze an den Bordwänden der Schiffe aufzucken, denen weiße Dampfwölkchen folgten, dann drang lautes Krachen an ihre Ohren.

Die Schiffe der Fremden schleuderten Blitz und Donner in die Stadt hinein und brachten Tod und Zerstörung!

Und auch im Norden begannen jetzt Donnerschläge durch die Nacht zu hallen. Die Stadt wurde auch dort mit den mächtigen Waffen der Fremden angegriffen!

 

Unter ihr im Hof des Palastes ertönten jetzt Alarmrufe und Getrampel, als sich die Krieger der Palastgarde sammelten und kampfbereit machten.

Am Tor wurde bereits gekämpft, dort fochten die Gardisten gegen Krieger in schwarzen Waffenröcken, die das Tor besetzt hielten und von innen geöffnet hatten. Zweifellos handelte es sich um das Gefolge des fremden Lords, das in den Gastgemächern des Palastes untergebracht worden war.

Die Königin fluchte über ihre Vertrauensseligkeit, als sie erkannte, dass sie selbst den Feind in ihrem Palast beherbergt hatte.

 

Die Männer der Garde, ausnahmlos treue Droms, kämpften mit bewundernswertem Mut, doch sie schafften es nicht, das Tor wieder zu schließen, bevor weitere Krieger der Fremden eindringen konnten.

Tanoa konnte nicht wissen, dass es sich um die Freibeuter von den Schiffen handelte, die von Corius herangeführt worden waren und jetzt den Palast stürmten.

Die Palastgarde zählte nicht mehr als hundertfünfzig Krieger, die sich jetzt einer Übermacht gegenübersahen. Voller Grauen sah Tanoa, wie ihre treuen Droms immer weiter zurückgedrängt und gnadenlos niedergemacht wurden.

Hastig wich sie in ihr Schlafgemach zurück.

        "Ich muss fliehen!" flüsterte sie und zog sich eilig Toga, Stiefel und einen kurzen Umhang an. Dann rannte sie durch die langen Gänge des Palastes, in denen die aufgeschreckte Dienerschaft kopflos hin und her lief. Hier und da ertönte Waffengeklirr - auch im Innern des Palastes wurde bereits gekämpft.

Als sie durch einen Nebenausgang eilen wollte, durch den sie in den hinteren Palastgarten gelangen konnte, wurde sie plötzlich von hinten an den Haaren gepackt und zurückgezerrt.

Einer der Fremden, ein verwildert aussehender Mann mit einem roten Tuch um den Kopf, packte sie mit brutaler Gewalt, zerrte sie in ein leeres Zimmer und warf sie dort zu Boden. Als er ihr den Umhang fortriss und an ihrer Toga zu zerren begann, begriff sie, was er vorhatte und begann verzweifelt zu schreien, während sie ihm ihre Fingernägel in das Gesicht schlug.

Der Mann zuckte zurück, gab ein böses Knurren von sich, packte dann ihre Arme, bog sie ihr trotz verzweifelter Gegenwehr auf den Rücken und fesselte sie mit seinem Kopftuch. Dann riss er ihr die Toga vom Leib, öffnete sein Beinkleid und warf sich auf sie.

Sein schwerer, schwitzender Körper presste sie gegen den harten Steinboden, eine seiner großen Hände hielt ihr den Mund zu und erstickte ihre Schreie....

Doch plötzlich schrie der Mann gellend auf, sein Körper bäumte sich zuckend hoch und fiel dann zur Seite, wo er sich vor Schmerzen krümmte.

Tanoa starrte erschrocken und zugleich erleichtert auf den fremden Lord, der mit bluttriefenden Säbel über dem Vergewaltiger stand, dem er die Säbelspitze ins Gesäß gestoßen hatte.

        "Ihr habt meine Befehle missachtet, Pirat", knurrte er, "Dafür werden Ihr büßen."

 

Hinter dem Lord traten jetzt mehrere der schwarzuniformierten Krieger in das Gemach.

        "Schafft diesen Hund weg", befahl er ihnen, "Dann stecht ihm die Augen aus und schneidet ihm seine Männlichkeit ab. Er soll den Rest seines Lebens als blinder Eunuch verbringen. Das wird den anderen seines Schlages eine Lehre sein."

Der Pirat flehte wimmernd um Gnade, doch zwei der Krieger packten ihn und zerrten ihn unbarmherzig hinaus. Ein dritter folgte ihnen mit gezücktem Dolch...

 

        "Sie ist die Königin und sie ist meine Gefangene", sprach der Lord zu den anderen Männern, "Verhüllt Ihre Blöße und bringt sie zurück in ihre Gemächer. Ihr haftet mir für ihre Unversehrtheit mit Eurem Leben. Achtet darauf, dass keiner ihrer Leute sie zu sehen bekommt, solange nicht der letzte Widerstand gebrochen ist."

Einer der Krieger riss kurzerhand den Brokatvorhang des Fensters herunter, dann wurde sie trotz ihres lauten Protestes in den dicken Stoff eingewickelt und wie ein Gepäckstück davongetragen.....

 

 

        "Die Stadt ist in unserer Hand, mein Lord", meldete Tribun Achion, "Es gibt jetzt keinen Widerstand mehr. Die Krieger der Stadt haben sich ergeben und wurden entwaffnet. Nur die Palastgarde hat bis zuletzt weiter gekämpft und ging lieber in den Tod, als sich zu ergeben. Die Bevölkerung Tinons hat sich in ihren Häusern verkrochen und verhält sich ruhig."

        "Gut", nickte Lord Rikard zufrieden, "Damit haben wir jetzt einen guten Stützpunkt auf El-Mariga. Die Königin von Tylorna ist in unserer Hand. Sie wird auch weiterhin regieren, allerdings nach meinen Weisungen. Das Volk wird seiner Königin gehorchen und nicht wagen, sich gegen uns zu erheben, solange die Königin in unserer Hand ist."

        "Wird sie sich denn Eurem Willen beugen und ihrem Volk befehlen, sich unserer Herrschaft zu unterwerfen?" fragte Corius.

        "Ich bin sicher, dass sie gehorchen wird", meinte der Lord, während ein böses Lächeln seine Mundwinkel umspielte, "Sonst muss ihr Volk für ihren Ungehorsam büßen."

        "Soll ich jetzt mit meinen Schiffen nach Kali segeln und die Stadt von See her beschießen?" fragte Corius weiter.

        "Genau das wollte ich Euch vorschlagen", sprach der Lord, "Damit demonstrieren wir auch der Stadt Kali unsere Macht, so dass sie sich auch dort schnell ergeben werden, wenn die Königin das in einer Botschaft von ihnen verlangt. Ich werde schon dafür sorgen, dass Tanoa ihr Siegel und ihre Unterschrift unter ein solches Dokument setzen wird. Danach werden wir die neuen Herren von Tylorna sein."

 

 

Drei Tage lang durfte Tanoa ihre königlichen Gemächer im Nordflügel des Palastes nicht verlassen. Allerdings hatte man ihre Zofen zu ihr gelassen, so dass sie nicht allein in ihren Räumlichkeiten eingesperrt war. Auch auf den gewohnten Luxus einer Monarchin brauchte sie nicht zu verzichten.

So nahm sie auch heute wieder ihr tägliches Bad in mit duftenden Essenzen getränktem Wasser und genoss es, wie die sanften Hände ihrer Dienerinnen ihren Körper wuschen und mit wohlriechenden Ölen einrieben.

Während sie noch badeten, wurde plötzlich die Tür des Baderaumes aufgestoßen, durch die ein Mann in schwarzem Rüstzeug hereinkam.

Es war der Lord der lippischen Eroberer, welcher an den Rand des Beckens trat und seinen Helm mit dem blauen Federbusch abnahm.

Erst jetzt fiel es Tanoa auf, dass der Lord neben dem Säbel an seiner Hüfte noch zusätzlich ein großes Langschwert auf dem Rücken geschnallt trug, dessen rubinbesetzter Griff über seine rechte Schulter ragte.

 

Unwillkürlich duckten sich die Frauen tiefer in das nur hüfttiefe Badewasser, als sie sich der Blicke des Mannes bewusst wurden, als er sie eine kurze Weile vom Beckenrand aus betrachtete. Offenbar schien er weiblichen Reizen gegenüber nicht abgeneigt zu sein.

 

        "Schickt Eure Zofen hinaus", befahl er der Königin, "Ich habe mit Euch allein zu reden."

Auf einen Wink Tanoas stiegen die Dienerinnen schnell aus dem Becken, rafften ihre Gewänder an sich und hasteten eilig hinaus.

Während sie den Baderaum verließen, wich Tanoa langsam zum gegenüberliegenden Beckenrand zurück, denn sie fürchtete, dass der Lord Hand an sie zu legen versuchte.

Er schien ihre Gedanken lesen zu können, denn er sprach grinsend:

        "Ich braucht nicht zu befürchten, dass ich mich an Euch vergehe, denn ich habe es nicht nötig, meine Männlichkeit auf diese Weise zu bestätigen. Ihr könnt Euch also sicher fühlen, falls es Euch nicht allzu sehr missfällt, dass meine Augen die Schönheit Eures Körpers betrachten."

        "Was wollt Ihr von mir?" fragte sie leise, während sie sich im Becken niederhockte, so dass ihre Schultern vom schaumigen Badewasser umspült wurden.

        "Ich verlange von Euch, dass Ihr Euch der Oberherrschaft des lippischen Reiches unterwerft und Eurem Volke befehlt, unsere Herrschaft über Tylorna ohne Widerspruch anzuerkennen", erklärte er ohne Umschweife, während er sich lässig am Beckenrand niedersetzte.

        "Könnte ich mich denn überhaupt weigern, Eure Forderung zu erfüllen?" fragte sie bitter.

        "Nein", antwortete er, "denn Ihr habt keine andere Wahl, wenn Ihr nicht wollt, dass Euer Volk dafür leiden muss. Außerdem sind die Bedingungen lippischer Oberherrschaft für Euch und Euer Volk durchaus zu ertragen."

        "Welche Bedingungen sind das?" fragte sie.

        "Ihr werdet auch weiterhin die Königin von Tylorna bleiben und über das Land regieren", erklärte er, "Aber Ihr werdet zukünftig eine Vasallin des lippischen Reiches sein. Tylorna ist von nun an eine lippische Provinz, die uns einen jährlichen Tribut zu zahlen hat und unsere Truppen im Lande dulden muss, die es auch mit Proviant zu versorgen hat. Die Krieger Eures Landes werden unsere Hilfstruppen sein und für uns kämpfen, wenn wir es verlangen. Alles an Gold, Silber und Edelsteinen aus den Schatzkammern der Städte Tinon und Kali wird auf unsere Schiffe verladen und nach Lippia gebracht. Da diese Schätze einen überaus hohen Wert darstellen, gelten sie als Tributzahlung für die nächsten sieben Jahre. Erst dann wird ein weiterer Tribut fällig sein, dessen Höhe allein vom Wohlstand und Reichtum Eures Landes abhängig sein wird. Die Gold- und Edelsteinverzierungen der Gebäude und Statuen in Euren Städten bleiben unangetastet, da wir kein Interesse daran haben, die prachtvolle Schönheit Eurer Städte zu zerstören. Es wird auch keine Drangsalierung der Bevölkerung geben, sofern es keinen Aufstand gegen uns gibt. Euer Leben und das Eures Volkes wird sich kaum verändern und die einzigen Dinge, die Ihr in Kauf nehmen müsst, ist die Anwesenheit einer lippischen Armee in Eurem Land und die Gültigkeit lippischer Gesetze, falls diese nicht schon in Euren eigenen Gesetzen enthalten sind. Das sind unsere Bedingungen, die ich für durchaus erträglich halte."

        "Eure Bedingungen sind tatsächlich ungewöhnlich milde angesichts des Umstandes, dass Ihr als Eroberer in mein Land gekommen seid", sprach sie und erhob sich aus dem Wasser, so dass er ihren Körper ungehindert betrachten konnte.

        ("Vielleicht",) so dachte sie, ("kann dieser mächtige Lord doch durch die Waffen einer Frau besiegt werden, denn offenbar gefalle ich ihm.")

 

Doch wieder schien er ihre Gedanken zu lesen, denn er lächelte belustigt und sprach:

        "Ich kenne viele Männer, die Ihr mit Euer Schönheit betören und beherrschen könntet. Und viele würden für Euch sogar lachend in den Tod gehen. Auch ich bin von Eurer Schönheit sehr beeindruckt, doch mein Verlangen ist nicht groß genug, dass Ihr mich dadurch beherrschen könntet."

Mit diesen Worten erhob er sich und wandte sich zum Gehen. Doch in der Tür drehte er sich noch einmal um und meinte lächelnd:

        "Wenn Ihr dennoch den Wunsch verspüren solltet, mich in Euer Bett und Eure Arme zu locken, so lasst es mich wissen. Ich wäre der Letzte, der Euch diesen Wunsch nicht gerne erfüllen würde."

Als er die Tür hinter sich schloss, stieß sie einen hellen, zornigen Schrei aus und schlug wütend mit ihren Fäusten in das aufspritzende Wasser.....

 

 

Zwei Wochen später lichteten die großen Frachtschiffe der Lippier und zwanzig Kaperschiffe der Aziro-Freibeuter die Anker, um zurück nach Aziro und Lippia zu segeln, voll beladen mit Schätzen von unermesslichem Wert.

Sie sollten nach acht Monden wieder nach Tylorna zurückkommen und weitere lippische Truppen herbeischaffen.

 

Auf Befehl ihrer Königin ergab sich auch die Stadt Kali den Lippiern, die dort eine Garnison einrichteten.

Wie alle Staaten auf El-Mariga hatte Tylorna ein streng hierarchisch gegliedertes Gesellschaftssystem, das keine eigenständigen Entscheidungen untergeordneter Ebenen zuließ. So war es nicht weiter verwunderlich, dass niemand sich gegen die lippische Oberherrschaft auflehnte, nachdem Königin Tanoa öffentlich verkündet hatte, dass sie künftig als Regentin im Dienste der Lords von Lippia regieren würde.

Außer der Anwesenheit fremder Soldaten in ihrem Lande hatte sich für die tylornische Bevölkerung nicht viel geändert, so dass die Fremdherrschaft nach einer gewissen Gewöhnungszeit schließlich gelassen hingenommen wurde.

Nach dem Ende der Kämpfe war die Bevölkerung auch nicht weiter von den Eroberern behelligt worden, denn es war zu keinen Plünderungen gekommen. Die Aziro-Piraten waren zwar nicht sehr erfreut darüber gewesen, dass sie die Städte nicht plündern durften, hatten sich aber schnell besänftigen lassen, als sie ihren Anteil an der Beute aus den tylornischen Schatzkammern zu sehen bekamen.

 

Schon nach wenigen Wochen war der Anblick lippischer Soldaten in den Straßen von Tinon und Kali zu einer Alltäglichkeit geworden, die von den Tylornern mit stoischem Gleichmut hingenommen wurde...

 

 

In einem Feldlager vor der walsorischen Stadt Achar:

 

        "Verehrter Prinz Rathan", sprach der Abgesandte aus der Kaiserstadt Maragor mit steifer Förmlichkeit, "Ich habe Euch mitzuteilen, dass der Kaiser von Walsoria nicht länger gewillt ist, die Anwesenheit von zweitausend tylornischen Kriegern in seinem Reich zu dulden. Darum fordert Euch seine kaiserliche Majestät auf, Euer Lager vor den Toren Achars unverzüglich abzubrechen und mit Euren Kriegern das walsorische Reichgebiet zu verlassen. Seine Majestät ist der Ansicht, dass Ihr seine Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen habt."

        "Aber wohin sollen wir gehen?" fuhr Rathan zornig auf, "Unsere Heimat Tylorna ist in der Hand fremder Eroberer, denen sich meine königliche Schwester als Vasallin unterworfen hat. Wir können nicht dorthin zurück."

        "Seine kaiserliche Majestät ist darüber unterrichtet", gab ihm der Gesandte zu verstehen, "Doch der Kaiser von Walsoria hat keinerlei Interesse daran, sich auf einen Konflikt mit den Fremden von jenseits des Meeres einzulassen. Aber er ist durchaus gewillt, Euch und Eure Krieger mit Gewalt aus seinem Reich zu vertreiben, wenn Ihr nicht freiwillig gehen wollt. Ihr wisst, dass unseren Streitwagen niemand standhalten kann. Zwingt uns also nicht, solche drastischen Maßnahmen gegen Euch ergreifen zu müssen."

        "Der Kaiser sollte seine Streitwagen nicht gegen mich, sondern gegen die Fremden einsetzen", schimpfte Rathan aufgebracht, "Wenn Tylorna frei wäre, dann bräuchte ich nicht hier zu sein."

        "Der Preis für die kaiserliche Waffenhilfe ist Euch seit langem bekannt, Prinz", gab der Gesandte ungerührt zurück, "Ihr und Eure Schwester hättet Euch dem Kaiser schon vor Jahren als Gefolgsleute anschließen können. Dann wäre Euch seine Hilfe gewiss gewesen und die Fremden hätten in Eurem Land nicht Fuß fassen können. Aber Ihr habt damals abgelehnt und damit sieht auch der Kaiser keinen Grund, Euch beizustehen. Ihr und Eure Krieger habt noch drei Tage Zeit, das Lager abzubrechen und zur Grenze aufzubrechen. Danach werden die kaiserlichen Streitkäfte Euch gewaltsam dazu zwingen."

 

Der Gesandte und seine Begleiter wandten sich um und verließen Rathans Zelt, bevor dieser noch etwas zu sagen vermochte.

 

Während die Kutsche des Gesandten und seine berittene Eskorte das Lager der Exil-Tylorner verließen, rief Rathan seine Droms zusammen, um mit ihnen zu beraten, was nun zu tun sei.

Gemeinsam fassten sie schließlich den Entschluss, nach Mekanda zu gehen, um sich dort in den Wäldern nahe der tylornischen Grenze zu verbergen.

 

 

Nach acht Monden und zehn Tagen kehrten die Frachtsegler mit dreißig zusätzlichen Transportschiffen aus Lippia nach Tylorna zurück.

Als sie im Hafen von Tinon vor Anker gingen, strömten weitere Truppen an Land:

Tausend Reiter der 9.Letasion und dem Kommando des Tribuns Sharafus, fünftausend Infanteristen der 76. bis 80.Tasion, Unmengen an Munition für die Feldgeschütze der Lippier und zuguterletzt kamen noch weitere hundert Kanonen nebst Bedienungsmannschaften an Land.

Außerdem waren mit den Freibeuterschiffen dreihundert kajosische Kriegerinnen über das Meer gekommen, die von der Stammherrin Tejana angeführt wurden.

Die Schießmeister der Geschützbatterien gerieten vor Begeisterung fast aus dem Häuschen, als sie sahen, dass die Schiffe statt der bekannten Steinkugeln eiserne Kanonenkugeln mitgebracht hatten. Jetzt waren sie mit ihren Feldkanonen auch in der Lage, selbst starke Befestigungen zu zerstören.

 

Mit dem Eintreffen dieser Verstärkungen zählte Rikards Invasionsheer nunmehr zweitausend Reiter, zehntausend Mann Fußvolk, dreihundert Geschütze und dreihundert kajosische Kriegerinnen. Letztere bekamen sogleich erbeutete Pferde, damit sie als berittene Kundschafterinnen tätig werden konnten.

Dieses für die Verhältnisse von El-Mariga gewaltige Heer wurde zusätzlich durch die Seestreitmacht der zweiundfünfzig Kaperschiffe von Corius verstärkt, die das gesamte Seegebiet vor der Küste beherrschten.

 

Lord Rikard spielte jetzt mit dem Gedanken, das nördlich des MARENO gelegene Nachbarland Tykar anzugreifen, das von der Königin Dimora regiert wurde, die übrigens eine Verwandte der tylornischen Königin Tanoa war.

Dimora war zugleich die Herrin einer Priesterkaste mit sehr kriegerischen Traditionen, deren Waffenkunst berühmt auf ganz El-Mariga war.

Obwohl Rikard wusste, dass das Heer von Tykar nicht sehr groß war, rechnete er doch mit weitaus größerem Widerstand als in Tylorna, zumal jetzt niemand mehr glaubte, dass die Lippier gottgleiche Wesen seien.

dass er selbst jedoch von den meisten Eingeborenen für einen der dunklen Götter gehalten wurde, war ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Sorgen machten ihm die zunehmenden Zwischenfälle an der tylornisch-mekandischen Grenze, denn Prinz Rathan und seine Getreuen hielten sich in den dortigen Wäldern verborgen und überfielen immer häufiger die lippischen Grenzpatrouillen. Rikard überlegte, ob er nicht zuerst diese Gefahr ausschalten sollte, bevor er sich Tykar zuwandte, denn Prinz Rathan war eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Als jüngerer Bruder der Königin von Tylorna war es ihm vielleicht möglich, das tylornische Volk zum Aufstand gegen die Lippier zu bewegen, sofern es ihm gelang, seine Schwester umbringen zu lassen, deren legitimer Nachfolger er als Prinz von Tylorna war. Aber das gedachte Lord Rikard um jeden Preis zu verhindern.

Aus diesem Grunde schickte er seine Reiterei zusammen mit den kajosischen Kriegerinnen in die Wälder an der mekandisch-tylornischen Grenze, um Rathan und seine Getreuen endgültig zu erledigen......

 

 

In Tykar herrschte ein Orden von Klerikerinnen, die sich Schwestern der Nacht nannten. Diesem Orden standen die drei Hohepriesterinnen Manlira, Limanra und Angira als Oberhäupter vor.

Über ihnen jedoch stand die tykarische Königin, der die Schwestern der Nacht zu strengstem Gehorsam verpflichtet waren. Die männlichen Diener dieses Ordens waren ausnahmslos Kampfmönche, die sowohl waffengewandt als auch in der Kunst des waffenlosen Kampfes geschult und geübt waren, denn ihre Aufgabe war es, die Priesterinnen zu beschützen.

Alle Priesterinnen verfügten über hellsichtige Fähigkeiten und stammten aus allen Teilen El-Marigas. Schon als Kinder waren sie nach Tykar gebracht worden, sobald ihre Fähigkeiten erkannt worden waren. Um diese Gabe der Hellsicht zu fördern und zu verstärken, waren sie geblendet worden und verloren ihr Augenlicht schon in jungen Jahren, um nur noch mit den Augen des Geistes zu sehen. Auch die Priesterkönigin Dimora machte darin keine Ausnahme; auch sie hatte schon als junges Mädchen ihr Augenlicht geopfert und jetzt galt sie als die größte Seherin auf ganz El-Mariga.

Sie hatte die drei Hohepriesterinnen zu sich rufen lassen, die zugleich auch ihre engsten Beraterinnen waren, um mit ihnen über eine Vision zu sprechen, welche sie in der letzten Nacht mit erschreckender Intensität heimgesucht hatte.

 

        "Meine Schwestern", begann Dimora, "Euch ist bekannt, dass unser Nachbarland Tylorna von fremden Seefahrern erobert wurde, die von jenseits des Meeres gekommen sind. Und es heißt, dass es auch in Mekanda schon zu Kämpfen mit den Fremden gekommen ist. Auch unser Land wird nicht länger sicher sein, denn ich rechne jeden Tag mit einem Überfall der Fremden, die zu allem Unglück nicht nur in großer Zahl gekommen sind, sondern auch noch über Waffen verfügen, die mit Blitz und Donner mannigfaches Verderben speien können. Diese Fremden sind nicht nur gierige Eroberer - sie verkörpern vielleicht sogar den Untergang der Völker von El-Mariga. Denn in dieser Nacht hatte ich eine schlimme Vision."

        "Teilt uns mit, was Ihr gesehen habt", verlangte Angira.

 

Sie fassten einander bei den Händen, um den geistigen Kontakt untereinander zu verstärken, dann begann Dimora mit leiser Stimme zu sprechen:

        "Ich sah die großen Städte von Mekanda und Esnara in Schutt und Asche liegen, die Felder waren verwüstet und die Wälder standen in lodernden Flammen. Menschen flüchteten voller Angst in die Berge, um den Fremden von jenseits des Meeres zu entkommen. Ich sah, wie diese Fremden mit ihren schrecklichen Donnerwaffen in Mekanda ein Blutbad anrichteten. Und ich habe gesehen, wie ihr Anführer, den sie Lord Rikard nennen, hohnlachend über Leichen hinwegschritt. In seiner Rechten hielt er ein mit Runen verziertes Schwert aus schwarzem Stahl, das jede Rüstung und jeden Schild durchschlug und sogar Flammen zu schleudern vermochte. Und ich erkannte, was dieser Lord Rikard wahrlich ist. Er ist ein Halbdämon, ein finsterer Magier mit grausigen Fähigkeiten, vor denen selbst die Zauberer der Itishis erschauern würden. Er kämpfte einst gegen die Götter und Dämonen der Finsternis, doch dadurch wurde er selbst zu einem Krieger der Dunkelheit, der jetzt die Völker von El-Mariga bedroht."

        "Wenn dieser Lord Rikard eine solch schreckliche Gefahr darstellt", meinte Limanra, "dann müssen die Völker zusammenstehen, um ihn und seine Krieger aufzuhalten und ins Meer zurückzutreiben. Eure schlimme Vision darf nicht Wirklichkeit werden!"

        "Die einzigen, die sich bisher gegen die Fremden erhoben haben, sind Prinz Rathan und seine Getreuen", sprach Manlira, "Nicht einmal der Kaiser von Walsoria scheint etwas unternehmen zu wollen. Und im Norden, in Itisha und Tharpania, werden sie vielleicht noch nicht einmal wissen, dass fremde Invasoren nach El-Mariga gekommen sind."

        "Wir sollten unseren Einfluss als Seherinnen einsetzen, um die Völker aufzurütteln", schlug Angira vor, "Und wir müssen Prinz Rathan unbedingt helfen, denn ich hörte, dass in den Wäldern nahe der mekandisch-tylornischen Grenze bereits gekämpft wird. Es heißt, dass sich Prinz Rathan und seine Getreuen dort aufhalten."

        "Alle Seherinnen und Heilerinnen auf ganz El-Mariga müssen sofort unterrichtet werden", sprach Königin Dimora entschlossen, "Unsere Kampfmönche sollen Rathan zu Hilfe eilen. Wir, die Schwestern der Nacht, müssen jetzt die Völker gegen die Fremden vereinen. Wir müssen diesen Dämonenlord und seine Krieger ins Meer zurücktreiben, bevor er unsere Heimat zerstören kann."

 

 

        "Verehrter Tribun Achion", sprach Somkan, der Gesandte des walsorischen Kaisers im Range eine 'Kyr-Droms', "Seine Kaiserliche Hoheit Hikdan von Walsoria, ist bereit, mit Eurem Lord in der Stadt Vadana zusammen zu kommen und über die künftigen Beziehungen zwischen unseren Reichen zu verhandeln. Seine Hoheit wünscht keinen Zwist mit dem neuen Kamaraan auf der anderen Seite des Meeres, welches Ihr als Lippisches Reich bezeichnet. Denn einst wurden unsere Vorfahren von dort vertrieben, als das alte Kamaraan unter dem Ansturm der Drachenmenschen zusammenbrach.

Ihr Lippier müsst demnach die Nachfahren jener tapferen Krieger sein, die dort geblieben sind, um bis zuletzt gegen das Drachenvolk zu kämpfen und so den anderen die Flucht über das große Meer zu ermöglichen.

Wir Walsoren haben keinen Grund, gegen unsere eigenen Brüder zu kämpfen, denn wir alle sind die Kinder Kamaraans, die sich nach so vielen Jahrhunderten endlich wiedergefunden haben."

        "Ich bin hocherfreut, dass ich meinem Lord diese Botschaft überbringen darf, verehrter Kyr-Drom Somkan", antwortete Tribun Achion mit einer leichten Verbeugung, "Sagt mir also, wann der große Kaiser von Walsoria mit meinem Lord in Vadana zusammenkommen will und welche Bedingungen er für dieses Treffen gestellt hat."

        "Seine Kaiserliche Hoheit verlangt nur, dass Euer Lord mit nicht mehr als hundert Kriegern nach Vadana kommt und keine Eurer Donnerwaffen mit sich führt", erklärte der Gesandte, "Mein Kaiser Hikdan wird selbst mit seinem Gefolge nach Vadana kommen und sichert Euch in jedem Falle freies Geleit zu, solange Ihr Euch auf walsorischem Gebiet aufhaltet."

        "Ich vertraue dem Wort des großen Kaisers von Walsoria", stimmte Achion zu, "Und auch mein Lord wird seiner Kaiserlichen Majestät vertrauen. Wir stimmen den Bedingungen gerne zu. Aber wann soll mein Lord nach Vadana kommen?"

        "Nach dem nächsten vollen Mond wird seine Kaiserliche Majestät in Vadana Hof halten", antwortete Somkan, "und sich dort mehrere Wochen aufhalten. Es steht Eurem Lord frei, in dieser Zeit dort zu erscheinen. Vadan wird ihn als hohen und geehrten Gast willkommen heißen."

 

Damit war die Zusammenkunft der Gesandten beendet.

Tribun Achion verließ die walsorische Stadt Achar und kehrte unverzüglich nach Tinon zurück, während der Kyr-Drom Somkan tags darauf nach Maragor aufbrach, der Hauptstadt des Walsorenreiches.

 

 

An der Grenze zwischen Tylorna und Mekanda:

 

Tagelang hatten die Kämpfe in den Wäldern getobt, dann mussten Rathan und seine Getreuen aufgeben und fliehen.

Der Überfall der Kriegerinnen und lippischen Reiter hatte sie völlig unvorbereitet in ihrem Waldlager überrascht.

Niemand von den Exil-Tylornern hatte bemerkt, dass die kajosischen Kriegerinnen das Heerlager in den Wäldern schon Tage zuvor aufgespürt hatten, um dann die Reiterei Lord Rikards heranzuführen.

Schon der erste Angriff hatte gut der Hälfte von Rathans Kämpfern das Leben gekostet, der Rest konnte ins umliegende Dickicht entkommen und sich in kleinen Gruppen sammeln, die allerdings sofort von den schwarzgerüsteten Reitern gejagt wurden.

Als Prinz Rathan erkannte, dass der Kampf verloren war, sammelte er einen Großteil der  Versprengten um sich, mit denen er schnellstens südwärts floh.

Alle anderen Fluchtwege waren ihm bereits versperrt und so versuchte Rathan den Fluss MARENO zu erreichen, um sich auf dem tykarischen Südufer in Sicherheit zu bringen.

 

Sein Erstaunen war nicht gering, als er am Ufer des Flusses große Fährboote liegen sah, die mit tykarischen Kampfmönchen bemannt waren.

Und noch größer war sein Erstaunen, als die Mönche ihm und seinen restlichen Getreuen halfen, mit den Booten über den Fluss zu setzen und das rettende Südufer des MARENO zu erreichen.

Ihre Verfolger erreichten das Nordufer erst, als sich die Fährboote bereits in der Flussmitte befanden. Ein Hagel von Pfeilen wurde den Booten noch nachgesandt, aber die Fliehenden waren schon außer Reichweite der Bogenschützen.

Die Kampfmönche setzten die überlebenden Exil-Tylorner am tykarischen Ufer ab und gaben Prinz Rathan zu verstehen, dass die Priesterkönigin im Tempel von Phela auf ihn wartete.

 

Rathan beeilte sich, dieser unerwarteten Einladung Folge zu leisten....

 

 

Im kaiserlichen Palast von Maragor:

 

        "Kaiserliche Hoheit", sprach Kitania, die tykarische Seherin am walsorischen Hofe, "Ich habe erfahren, dass Ihr Euch mit dem Lord der Fremden zu einer Unterredung treffen wollt. Und ich bin darüber sehr beunruhigt."

 

Der Kaiser, ein kleiner, zur Fettleibigkeit neigender Mann, runzelte die Stirn, um so seinen Unmut zu zeigen, bis ihm bewusst wurde, dass Kitania dies nicht sehen konnte, da sie wie alle Schwestern der Nacht ihr Augenlicht zugunsten ihrer hellsichtigen Fähigkeiten geopfert hatte.

So räusperte sich Hikdan ungehalten und fragte dann:

        "Warum beunruhigt es Euch, wenn ich mit dem Lord der Fremden verhandeln will? Er hat Tylorna mit mächtigen Waffen erobert und seine Streitmacht ist nicht zu unterschätzen. Ich weiß zwar nicht, welche Ziele er verfolgt, doch ich weiß, dass mit dem Erscheinen der Fremden eine neue, starke Macht an unserer Südgrenze aufgetaucht ist, die wir nicht ignorieren dürfen. Da ich aber nicht gewillt bin, einen vielleicht völlig unnötigen Krieg zu beginnen, halte ich es für besser, mit den Fremden zu einer Einigung zu kommen, die uns vielleicht von Nutzen sein kann."

        "Die Fremden sind als beutegierige Eroberer gekommen", wandte Kitania ein, "Ihnen kann man nicht vertrauen."

        "Ich weiß", meinte Kaiser Hikdan lächelnd, "Aber wer sagt denn, dass es klug von den Fremden ist, mir zu vertrauen?"

        "Glaubt Ihr, den Lord der Fremden überlisten zu können?" fragte Kitania voller Skepsis, "Das könnt ein sehr gefährliches Spiel werden."

        "Traut Ihr mir das nicht zu, ehrenwerte Seherin?" wollte der Kaiser wissen, wobei ein Klang von leichter Verärgerung in seiner Stimme zu vernehmen war.

        "Ihr wisst noch nicht, was ich in der letzten Nacht von meinen Schwestern in Tykar erfahren habe", meinte die Seherin.

        "Habt Ihr mit ihnen in geistiger Verbindung gestanden?" fragte der Kaiser neugierig aufhorchend.

        "So ist es", antwortete sie, "Und das, was ich erfahren habe, hat mich zutiefst erschreckt. Die Priesterkönigin hatte eine Vision, in der sie sah, wie die Fremden ganz El-Mariga verwüsteten, angeführt von einem Dämon in der Gestalt des fremden Lords, der über die Macht finsterster Magie verfügt. Dimora glaubt, dass dieser Lord Rikard den Mächten der Finsternis zu neuer Stärke verhelfen wird, wenn niemand ihm Einhalt gebietet. Die Schwestern der Nacht haben alle Seherinnen und Heilerinnen auf ganz El-Mariga auf mentalem Wege vor diesem Mann gewarnt. Und so ist es meine Pflicht als Eure Seherin, auch Euch vor dem Lord der Fremden zu warnen, mein Kaiser."

        "Dennoch werdet Ihr mich nicht davon abhalten können, diesen angeblichen Dämonen in Vadana zu treffen", meinte Kaiser Hikdan entschlossen, "Erst wenn ich mit diesem Lord selbst gesprochen habe, werde ich mir ein Urteil über ihn bilden. Ihr, werte Kitania, werdet mich daher nach Vadana begleiten und den Verhandlungen beiwohnen. Wer weiß - vielleicht werde ich diesen Lord sogar zu einem Bündnis gegen Itisha überreden können."

        "Wollt Ihr mit Hilfe der Fremden einen neuen Krieg mit dem Waldvolk beginnen?" wunderte sich die Seherin, "Sind in der Vergangenheit nicht schon genug walsorische Krieger in den dunklen Wäldern von Itisha umgekommen, ohne das Waldvolk jemals besiegen zu können?"

        "Ihr wisst selbst, dass die Itishis seit einiger Zeit immer wieder hordenweise über den TOMORE kommen und walsorische Dörfer überfallen", entgegnete der Kaiser, "Sie haben es sogar gewagt, die Mauern von Rabitor anzugreifen, wie mir die Kyr-Droma Hildane mitgeteilt hat. Vor allem die Horde dieses angeblichen Schamanen Jokon macht uns Sorgen. Ich habe sogar gehört, dass dieser Jokon versucht hat, die Kyr-Droma Hildane in seine Gewalt zu bekommen. So etwas kann Walsoria nicht hinnehmen. Aber leider sind unsere Streitwagen und unsere rollenden Burgen in den Wäldern von Itisha nutzlos. Und meine Speerwerfer sind ebenfalls machtlos, wenn sie in diesem Dschungel auf die Bogenschützen der Itishis treffen. Vielleicht werden die Fremden dieses Problem für  uns lösen, wenn wir ihnen eine entsprechende Gegenleistung anbieten."

        "Das ist ein gefährliches Spiel, kaiserliche Hoheit", wandte die Seherin ein, "Es wäre besser, mit den Itishis zu verhandeln als mit den fremden Eroberern, denen Ihr nicht trauen dürft. Bedenket, Kaiser von Walsoria, dass auch die tylornische Königin den Fremden vertraute und sie willkommen hieß. Nun ist sie eine Sklavin der Fremden. Auch Walsoria könnte ein solches Schicksal erleiden."

        "Wir werden sehen", antwortete der Kaiser unwillig, dann gab er der Seherin zu verstehen, dass ihre Unterredung beendet sei.

 

Kitania erhob sich und verließ mit nicht geringem Missmut den Thronsaal.

 

 

Im königlichen Palast von Tinon:

 

        "Das Kaiserreich Walsoria ist die stärkste Macht auf El-Mariga", erklärte Tribun Achion, "Nach unseren Informationen verfügt es über ein stehendes Heer von 58.000 Kriegern mit 20.000 Streitwagen. Dazu kommen ein paar hundert von eisengepanzerten Fuhrwerken, sogenannten 'rollenden Burgen', deren genaue Anzahl wir nicht kennen. Eine solche Streitmacht könnten wir auch mit Hilfe unserer Kanonen nicht so ohne weiteres besiegen."

        "Also müssen wir uns das Wohlwollen des walsorischen Kaisers gewinnen", meinte Lord Rikard, "Und darum werde ich mich auch mit ihm in Vadana treffen. Vielleicht wird der Kaiser damit einverstanden sein, uns die Herrschaft über den Süden zu überlassen, wenn wir die walsorische Grenze unangetastet lassen. Dann können wir auch Mekanda, Tykar und Esnara unter lippische Herrschaft bringen, sobald weitere Truppen aus Lippia eingetroffen sind. Wenn erst der Süden fest in unserer Hand ist, wird uns auch Walsoria nicht lange widerstehen können."

        "Für die Eroberung von Walsoria bräuchten wir aber mindestens das Vierfache unserer jetzigen Stärke", gab Achion zu bedenken, "Vor allem vor den walsorischen Streitwagen müssen wir uns sehr in acht nehmen, denn sie sind in der Lage, auch zahlenmäßig überlegene Heere einfach zu überrennen, wenn man sich ihnen auf freiem Felde entgegenzustellen wagt. Außerdem haben die Walsoren diese eisengepanzerten Fuhrwerke, die sie als 'rollende Burgen' bezeichnen. Diese Fuhrwerke können mit bis zu zwanzig Kriegern bemannt werden. Ungewöhnlich an ihnen ist, dass sie nicht gezogen, sondern von Ochsengespannen hinter dem Wagen geschoben werden, wobei sogar die Ochsengespanne selbst noch durch Seitenverkleidungen geschützt sind. Die beste Phalanx der Welt könnte solchen Kriegsfuhrwerken keinen Augenblick lang standhalten."

        "Ein Reich mit einem so starken Heer hat sicherlich Feinde", meinte der Lord nachdenklich, "Wir sollten uns also nicht nur mit dem walsorischen Kaiser, sondern auch mit seinen Feinden Kontakt aufnehmen. Vielleicht können wir die auf El-Mariga herrschenden Mächte zu unserem Gunsten gegeneinander ausspielen."

 

ENDE

des dreizehnten Bandes.

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