Fantasy

Serie

zurück

 

[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 ___________________________________________________________________________

 

PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Rikard von Schwanenwehr,

Lord Berthon von Burg Makowe,

und Lord Gunther von Scharage.

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern läßt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

 

 

Karte von Eropan

[größer]

Karte von Hambonia

[größer]

 

 

Band 11

 

Hambonia soll brennen!

 

Auf dem Kontinent Eropan wurde das 118.Jahr seit der lippischen Reichgründung gezählt.

Die eropanischen Nationen verharrten zu dieser Zeit in der gespannten Erwartung einer neuen kriegerischen Auseinandersetzung, denn die Zeichen mehrten sich, die befürchten ließen, dass es in absehbarer Zeit zum entscheidenden Kampf zwischen Hambonia und Lippia kommen mußte, die sich seit jeher um die Vorherrschaft gestritten hatten.

Abgesehen von den Inseln Helgona im Norden und Spadalo im Süden war Hambonia die letzte eropanische Nation, die noch nicht unter lippischer Herrschaft stand.

Das westliche Delema war jetzt die lippische Westmark, Hellebona bildete nunmehr die Ostmark der Lippier und die bislang noch nicht von lippischen Truppen besetzten Südreiche waren den Lords zu Tribut und Waffendienst verpflichtet.

Dass Lippia nun auch das letzte noch freie Reich auf dem Kontinent zu unterwerfen trachtete, war schon lange vorauszusehen gewesen, denn das erklärte Ziel der lippischen Politik war die Wiedererrichtung des untergegangenen Reiches Kamaraan, das einst ganz Eropan und große Teile Asanis beherrscht hatte, bevor es unter dem Ansturm des Drachenvolkes zerbrochen war.

Niemandem konnte es mehr entgehen, dass die Lords von Lippia seit jenem Jahr rege Vorbereitungen trafen, was sich vor allem darin zeigte, dass sie zwei neue Hilfsarmeen hatten aufstellen lassen, eine aus rund zehntausend berittenen Hellebonenkriegern und eine zweite aus ebenso vielen südländischen Söldnern.

Diese Truppen waren bereits nahe der Grenze zwischen Hambonia und der lippischen Ostmark (Hellebona) stationiert worden, wo sie in großen Feldlagern auf ihren Marschbefehl nach Norden warteten.

Im lippischen Kernland wurden bereits große Wagenzüge zusammengestellt, die mit Kriegsgerät und Proviant beladen waren, was nur der Versorgung eines gewaltigen Invasionsheeres dienen konnte.

 

 

 

Natürlich wußte man in Hambonia längst von den lippischen Kriegsvorbereitungen, doch die Nachfahren des Drachenvolkes waren zu dieser Zeit nicht in der Lage, sich wirksam gegen eine bevorstehende Invasion zu wappnen.

Hambonia war ausgezehrt von den langen und immer wieder neu aufflammenden Kämpfen gegen die kannibalischen Horden der Frikans aus den Dschungeln Asanis, die das ganze Land mit Raub und Mord überzogen hatten.

Dass trotz aller Anstrengungen der hambonischen Streitkräfte immer wieder neue Frikanhorden ins Land einfallen konnten, war das Werk der Lippier, deren Agenten mit Hilfe mesanischer Rebellen immer wieder neue Frikanhorden nach Hambonia hineingeschmuggelt hatten.

Zudem hatten zahreiche lippische und mesanische Attentäter großen Schaden angerichtet.

Als die Könige der Hambonen und Cromanons endlich herausfanden, dass die Mesaner die lippischen Aktivitäten unterstützten und die wilden Frikans mit Schmuggelschiffen zur hambonischen Westküste brachten, ließen sie kurzerhand mehr als hundert Mesaner hinrichten, als Abschreckung für die Rebellen, derer man selbst nicht habhaft werden konnte.

Diese grausame Maßnahme aber hatte zur Folge, dass die bislang nur wenigen Rebellen großen Zulauf bekamen, weil sich jetzt fast alle Mesaner offen gegen die hambonische Fremdherrschaft auflehnten.

Natürlich wußten die lippischen Agenten dies sogleich zu nutzen.

Lippische Schiffe brachten Waffen für die Rebellen an die mesanische Küste und lippische Waffenmeister bildeten eine geheime Rebellenarmee aus, die bald schon etwa dreitausend Männer und Frauen zählte, welche gegen die Hambonen losschlagen sollten, wenn die lippischen Invasionstruppen die hambonische Grenze überschritten.

Aber die Hambonen erfuhren von dieser Untergrundarmee und entsandten eine Strafexpedition, die den mesanischen Aufstand im Keim ersticken sollte.

Die Mesaner griffen daraufhin zu den Waffen und schlugen die entsandte hambonische Streitmacht zurück, was aber nur zur Folge hatte, dass weitere Truppen nach Mesana geschickt wurden, um die Rebellen zu vernichten, die ganz allein auf sich gestellt waren, denn die lippischen Heere waren zu diesem Zeitpunkt nicht bereit, ihnen zu Hilfe zu kommen.

 

 

        "Zum Teufel mit diesen mesanischen Hitzköpfen!" rief Lord Rikard aufgebracht, "Dieser Aufstand kommt einen vollen Mond zu früh! Unsere Hauptkräfte stehen ja noch nicht einmal an der Grenze und die für einen Großangriff notwendigen Vorbereitungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Jetzt stehen diese Narren völlig allein. Die Hambonen werden sie abschlachten, ohne dass wir es verhindern können."

        "Laßt das Geschimpfe, mein Freund", meinte Lord Manot beschwichtigend, "denn das hilft uns in dieser prekären Lage nicht weiter. Auch mich hat diese Entwicklung überrascht und ich teile Eure Befürchtungen. Nur die südländischen und hellebonischen Hilfstruppen stehen bislang bei Schelo bereit, aber das ist nur Infanterie und die Reiterei der Hellebonen, die allein nicht ausreichen wird. Zudem ist die südländischen Infanterie viel zu langsam, um noch rechtzeitig nach Mesana kommen zu können. Und die hellebonischen Reiter werden allein nichts ausrichten."

        "Das Delema-Korps steht mit seinen sechstausend Mann an der WESSE", warf Lord Albertin ein, "Könnten wir den Mesanern nicht wenigstens diese Streitmacht zu Hilfe schicken?"

        "Die hat weder Reiterei noch Artillerie", winkte Rikard ab, "Und die einzige Kavallerie, die schnell genug zur Stelle sein könnte, um das Delemakorps zu unterstützen, wären meine fünf Letasionen aus Schwanenwehr. Aber das ist leichte Reiterei, die man gegen gepanzerte Reiter und Lanzenreihen nur bedingt einsetzen kann. Und dann fehlt immer noch die nötige Artillerie, um es mit hambonischen Truppen aufnehmen zu können. Nein, meine Freunde, wir können Hambonia frühestens im nächsten Mond angreifen."

        "Aber dann sind die mesanischen Rebellen verloren!" ereiferte sich Lord Manot, "Wir haben ihnen Waffenhilfe versprochen und können jetzt, wo sie bedroht sind, doch nicht die Hände in den Schoß legen."

        "Vielleicht wäre es ratsam", sprach Rikard, "dass wir uns erst einmal genau über die Lage in Hambonia informieren lassen. Obtribun Bontemos, der Kommandeur der 'Gilde vom Schwaren Stern', weilt derzeit auf der Friedburg. Er kann die Lage in Hambonia am besten beurteilen. Ich lasse ihn herkommen."

 

        "Seid uns gegrüßt, Obtribun", empfing Lord Manot den Mann, der mit seinen Spionen und Attentätern vielleicht gefährlicher war als eine ganze Armee, "Setzt Euch zu uns und berichtet, wie es zur Zeit im Hambonenreich bestellt ist."

Der Obtribun entbot den Lords und Peers seinen Gruß und begann ohne weitere Umschweife zu erzählen:

        "Edle Herren, ich muß Euch leider sagen, dass es zur Zeit für unsere Sache in Hambonia nicht zum Besten steht. Aufgrund der Wachsamkeit der gegnerischen Spione mußten wir in den letzten Wochen erhebliche Rückschläge hinnehmen, wobei viele von meinen Leuten entlarvt wurden. So wurde auch Tribun Kaimas demaskiert, der als Reichsrat Moratus im hambonischen Kriegsrat tätig war und dort für uns intrigierte. Jetzt mußte er nach Mesana fliehen, wo er zu den Rebellen gestoßen ist, bei denen er noch immer verweilt. Die Aufständischen haben sich bei Burg-Mesas verschanzt und warten auf den Angriff hambonischer Truppen, die mittlerweile wohl schon bei Haborg stehen werden. Gegen die knapp dreitausend Rebellen werden wahrscheinlich gut zehntausend hambonische Soldaten vorgehen. Die Mesaner werden dieser Übermacht nicht lange standhalten können."

        "Und wie steht es mit den Kannibalenhorden der Frikans?" fragte Berthon, "Machen sie den Hambonen noch genügend zu schaffen?"

        "Leider nicht mehr", verneinte Bontemos, "Wir können keine neuen Horden mehr ins Land schmuggeln. Die wenigen noch lebenden Frikans streifen in Hambonia ziellos umher, gejagt von den Landwehren, die ihnen nach und nach den Garaus machen. Es wird zwar noch lange dauern, bis sich das Land von den blutigen Einfällen der Kannibalen erholt hat, aber jetzt sind die hambonischen Streitkräfte leider wieder in der Lage, sich dem Schutz der Grenzen zu widmen."

        "Bedeutet das also, dass wir wieder mit der vollen Kampfstärke der Hambonen rechnen müssen?" wollte Manot wissen.

        "Noch sind die meisten Truppen überall im Lande verteilt", meinte Bontemos, "aber sie werden sicher bald zur Grenze in Marsch gesetzt. Noch ist die Grenze nach Hellebona nur schwach gesichert. Nur knapp zweitausend Krieger befinden sich in der Festung Goban, die Schelo gegenüber liegt. Aber Goban kann man nicht einfach umgehen, denn sonst müßte man ständig mit Angriffen auf den rückwärtigen Nachschub rechnen. Goban ist zwar keine große Festung, doch sie hat starke Bastionen, die so gut mit Kanonen bestückt sind, dass sich zweitausend Krieger wochenlang gegen eine zehnfache Übermacht halten könnten. Aus diesem Grunde muß Goban im Handstreich genommen werden. Aber wir haben bereits dafür gesorgt, dass dies auch gelingen kann."

        "Wie denn ?" wunderte sich Berthon.

        "Der Festungskommandant von Goban", meinte Bontemos lächelnd, "ist zu unserem Glücke ein Mann, der den Verlockungen des Goldes nicht widerstehen konnte. Er und der größte Teil seiner Offiziere ist von uns bestochen worden. Zudem befinden sich unter ihren Soldaten auch schon meine Leute, die dafür sorgen werden, dass Goban in unsere Hände fällt. Aber das muß schon bald geschehen, denn sonst steht die Hauptmacht der Hambonentruppen an der Grenze. Es ist also Eile geboten."

 

Bontemos machte eine kurze Pause, um einen Becher Wein zu leeren, und sprach dann weiter:

        "Es gibt allerdings noch weitere Neuigkeiten: In der Hauptstadt Hamborna ist vor einigen Wochen ein lippischer Renegat in den Kriegsrat berufen worden, der sich in der Kriegskunst sehr gut auszukennen scheint. Es handelt sich um den Grafen Prillus aus Kolona, einem Angehörigen der alten Adelskaste. Dieser Prillus ist jetzt die rechte Hand des Grafen Cranos von Hammaburg. Ihm haben wir es auch zu verdanken, dass Kaimas in der Maske des Moratus erkannt wurde, worauf umfangreiche Nachforschungen begannen, durch die viele unserer Leute entlarvt wurden. Einige meiner Spione sind zusammen mit Tribun Kaimas zur Rebellenarmee in Mesana geflohen. Ich selbst mußte mich ebenfalls recht übereilt aus dem Staube machen, doch zuvor gelang mir noch ein Giftanschlag auf den Hambonenkönig Crishan."

        "Was?" entfuhr es Rikard, "Ist Crishan tot?"

        "Leider nicht", antwortete der Obtribun achselzuckend, "Crishan überlebte den Anschlag. Die Hofärzte retteten ihm das Leben, doch das Gift war schon zum Teil in sein Blut gelangt, so dass er jetzt für einige Wochen ans Bett gefesselt ist. Deshalb wurde das Kommando über die Hambonentruppen an Graf Cranos übergeben. Und Cranos wird in Kürze die mesanischen Rebellen angreifen. Er wird sie zweifelsohne vernichten, wenn von Lippia keine Hilfe kommt."

        "Darüber beraten wir hier bereits", meinte Rikard, "Habt Ihr vielleicht einen guten Vorschlag zu unterbreiten?"

        "Nun", murmelte Bontemos nachdenklich, "Ihr solltet vielleicht unsere Kriegsflotte zur mesanischen Küste schicken, damit sie dort die Rebellen an Bord nehmen und so vor einem Gemetzel bewahren. Mehr kann in so kurzer Frist nicht getan werden."

        "Ist es denn nicht doch irgendwie möglich", wollte Albertin wissen, "dass sich die Aufständischen lange genug halten können, bis wir ihnen mit unseren Truppen zu Hilfe kommen können?"

        "Das ist völlig unmöglich", gab Bontemos zurück, "Wie soll sich ein bunt zusammengewürfelter Haufen von knapp dreitausend Männern und Frauen, von denen die meisten nur schlecht bewaffnet sind und außerdem noch nie eine Schlacht erlebt haben, gegen gut zehntausend kampferprobte und disziplinierte Elite-Soldaten der Hambonen behaupten? Die Hambonen werden sie wie Schlachtvieh niedermetzeln."

        "Dann müssen unsere Schiffe die Rebellen aus Mesana evakuieren", meinte Ritter Bukor, der jetzige Peer der Nordmark, "und nach Lippisch-Delema bringen. So würden die Mesaner gerettet und könnten sich danach unserer Nordarmee anschließen."

        "Dazu ist es bereits zu spät", winkte Lord Berthon ab, "Bevor unsere Schiffe die Bucht von Mesana erreichen können, haben die Hambonen die Rebellen längst niedergemacht. Die Mesaner sind so gut wie verloren. Wir können das nicht mehr verhindern."

        "Dann ist es wohl besser, wenn wir uns nicht weiter um die Mesaner kümmern", sprach Rikard mit einem Schulterzucken, "Wenn sie klug genug sind, werden sie sich kampflos ergeben. Aber wenn sie so närrisch sein sollten, sich den Hambonen entgegenzustellen, dann sind sie verloren."

        "Rikard hat leider recht", stimmte ihm Albertin zu, "Wir können nichts für die Mesaner tun, was einen Sinn hätte."

        "Dann müssen wir wohl zum ersten Male in der Geschichte von Lippa unser Wort brechen und Verbündete im Stich lassen, denen wir Hilfe versprochen haben" murmelte Lord Gunther bedrückt.

 

Da sprang Lord Manot auf, so dass sein Stuhl polternd umstürzte, und schlug wütend mit der Faust auf den Tisch.

        "Sollen wir tatenlos zusehen, wie die Mesaner niedergemacht werden?" rief er zornig, "Ist das die Art, wie wir unsere Versprechen halten? Wenn das so ist, dann will ich nicht länger der Kriegslord des Reiches sein. Ich will nicht Lippias erster Kriegslord sein, der Verbündete schmählich im Stich gelassen hat. Daher bitte ich Euch inständig, Eure Entscheidung zu überdenken."

 

Betretenes Schweigen herrschte nach seinen Worten und die anderen vermieden es, ihm in die Augen zu sehen.

Schließlich sprach der Lord von Schwanenwehr: "Freund Manot, es ehrt Euch, dass Ihr den Mesanern zu Hilfe kommen wollt. Aber Ihr wißt selbst nur zu gut, dass unsere Hilfstruppen allein dafür nicht reichen. Und unsere Hauptstreitkräfte kämen viel zu spät. Es wäre reiner Wahnsinn, die südländische Infanterie und die Hellebonenreiter allein zu schicken. Sie kämen vermutlich gar nicht bis Mesana durch, sondern würden schon lange vorher aufgehalten und vernichtet. Welchen Sinn hätte es, diese Truppen in den sicheren Untergang zu schicken? Die mesanischen Rebellen würden dadurch nicht gerettet."

 

Niedergeschlagenheit zeigte sich in Manots Zügen, dann löste er bedächtig die handtellergroße Goldbrosche mit dem Symbol des lippischen Kriegslords von seinem Wams, legte sie auf den Tisch und sprach mit brüchig klingender Stimme: "Dann bin ich nicht länger der Kriegslord des Reiches. Ich lege dieses Amt nieder, weil es Schande über meinen Namen bringt. Wählt einen anderen, der an meine Stelle treten mag."

 

Eine Weile herrschte betroffenes Schweigen, dann verließen die drei Peere und der Obtribun den Beratungsraum, denn bei der Wahl eines neuen Kriegslords durften nur die Herrscher des Reiches zugegen sein.

 

Zuerst wollten die anderen Lord Albertin zum neuen Kriegslord küren, doch dieser lehnte es entschieden ab, dieses Amt zu übernehmen.

Keinem kam es in den Sinn, dass Albertin in diesen Augenblicken mit Magie beeinflußt wurde, denn niemand konnte ahnen, dass Lord Rikard dem sterbenden Dämonen Jarchak die magische Kraft geraubt hatte, nachdem jener versucht hatte, in Rikards Körper zu fahren (siehe Band 10: Die Magische Rose).

Und diese Magie verhinderte es auch, dass ein anderer sich erbot, Manots Amt zu übernehmen, so dass sich Rikard nach einer angemessenen Wartezeit schließlich selbst erbot, der neue Kriegslord des lippischen Reiches zu werden.

Die anderen erklärten sich damit einverstanden, nicht ahnend, was diese Entscheidung zu bedeuten hatte.

 

Bislang war es üblich, dass der Kriegslord zwar den Oberbefehl über sämtliche Streitkräfte inne hatte, sich aber bei wichtigen Entscheidungen dem Mitspracherecht der anderen Lords beugen mußte.

Es gab jedoch ein altes Gesetz, überliefert aus den Tagen des alten Reiches Kamaraan, welches das Einspruchs- und Mitspracherecht der anderen Lords ausschließen konnte, wenn sich das Reich im Kriegszustand befand.

Und Lord Rikard kannte keinerlei Bedenken, dieses alte Gesetz anzuwenden.....

 

Wortlos nahm Rikard die goldene Brosche und heftete sie sich an die rechte Schulterseite seines Wamses.

Dann erhob er sich und sprach:

        "Von dieser Stunde an bin ich der Kriegslord des lippischen Reiches und schwöre, alle Feinde des Lippias mit allen Mitteln zu bekämpfen, wo immer ich sie zu treffen vermag. Aber noch in dieser Stunde erhebe ich Anspruch auf das alte Recht Kamaraans, welches noch heute Geltung hat als das ERSTE RECHT DES KRIEGSLORDS. Ich fordere das PERUM ERANIGUM TERUM LIPPIA!"

 

Bestürzt starrten ihn die anderen vier an, denn jedem war bewußt, dass Rikard sich damit zu Kriegszeiten praktisch zum Alleinherrscher machte.

Hatte ein Kriegslord dieses Recht in der Stunde seines Amtsantrittes beansprucht, so war es in dem Augenblick gültig, in dem die traditionelle Bezeichnung ausgesprochen worden war.

Das Erste Recht verfiel jedoch, wenn es nicht zur Stunde des Amtsantrittes beansprucht wurde.

 

Da sich Lippia bereits im Kriegszustand mit Hambonia befand, war Lord Rikard jetzt praktisch Alleinherrscher über das Reich und alle zugehörigen Gemarkungen, denn die Bedeutung der traditionellen Worte lautete:

        PERUM

        - absolute Befehlsgewalt mit Anspruch auf bedingungslosen Gehorsam,

        ERANIGUM

        - gegenüber Mensch und Tier,

        TERUM LIPPIA

        - in allen Gebieten des Reiches Lippia.

 

        "Wir haben Eure Worte vernommen und werden uns dem Ersten Recht beugen", sprach Manot nach einer Weile betroffenen Schweigens, "Wie lauten Eure Befehle für unseren Feldzug gegen die Hambonen?"

        "Alle vorgesehenen Truppen sollen unverzüglich nach Schelo marschieren", antwortete Rikard, "Das gleiche gilt für sämtliche Versorgungs-Wagenzüge. Das schwere Kriegsgerät muß später nach Hambonia transportiert werden, wenn wir es für Belagerungen brauchen. Man soll es zunächst nach Herfora bringen, damit es von dort aus weiter transportiert werden kann, wenn es erforderlich ist. Unser Angriff auf Hambonia beginnt zum Ende des nächsten Mondes."

        "Und was ist mit den Mesanern?" wollte Berthon wissen.

        "Für die können wir nichts weiter tun als die Kriegsflotte in die Bucht von Mesana zu senden, die dort Flüchtlinge und Überlebende der Rebellenarmee an Bord nehmen soll. Wir werden uns in Schelo wieder zusammenfinden, sobald unsere Truppen dort eingetroffen sind. Dort werden wir unser weiteres Vorgehen beraten. Danach werden wir angreifen und dann soll Hambonia brennen!"

 

Der Lord von Schwanenwehr trank seinen Becher leer, erhob sich und verließ gemessenen Schrittes den Raum.

Die anderen blickten ihm schweigend nach und ihre Gedanken waren voll von bösen Ahnungen.....

 

 

        "In der Bucht von Mesana sind lippische Kriegsgaleeren und Segelschiffe gesichtet worden", berichtete der von Graf Cranos entsandte Kurier dem Hambonenkönig Crishan, der noch immer an den Folgen des Giftanschlages litt und weiterhin bettlägerig war.

        "Die sollen wohl den Rebellen zu Hilfe kommen", mutmaßte Crishan mit matt klingender Stimme.

        "Für die Rebellen kommt diese Hilfe zu spät", meinte der Kurier, "denn Graf Cranos steht bereits nahe bei Burg Mesas und wird schon bald angreifen, um die Rebellenarmee mit Stumpf und Stiel zu vernichten. Die Lippier werden das nicht mehr verhindern können, denn auf ihren Schiffen befinden sich offenbar keine Landstreitkräfte."

        "Steht denn nicht zu befürchten, dass die Lippier schon in Kürze unsere Grenze überschreiten?" fragte Crishan, "Es wurde mir berichtet, dass sie bei der Hellebonenfeste Schelo bereits ihre Heere zusammenziehen."

        "Sie können frühestens in einem Mond angreifen", antwortete der Kurier, "denn wir wissen, dass die Hauptarmeen der Lippier mit der Artillerie noch nicht bei Schelo eingetroffen sind. Erst wenn das Gros der lippischen Kerntruppen Schelo erreicht hat, werden sie die Grenze überschreiten. Aber dann wird die Festung Goban sie für ein paar Tage aufhalten. Sie können Goban nicht einfach umgehen, weil sie damit ihren Nachschub gefährden. Das gibt uns die Zeit, ihnen mit all unserer Heeresmacht entgegenzuziehen. Graf Prillus läßt bereits alles entbehrliche Kriegsvolk bei Ture sammeln, wohin sich auch Graf Cranos wenden wird, sobald er die Rebellen vernichtet hat. Cranos wird dann versuchen, die Lippier bei Cele zur Schlacht zu stellen, um so Zeit zu gewinnen, damit hier in Hamborna frisches Kriegsvolk aufgestellt werden kann, das unsere Hauptkräfte verstärken soll."

        "Gut", murmelte Crishan zufrieden, "Unterdessen bin ich selbst nicht untätig geblieben und habe Boten nach Normia entsandt, um König Barinak zu bitten, uns seine Nordreiter zu Hilfe zu schicken, was er sicher nicht ablehnen wird, wo doch die Normier ebenso wie wir dem großen Drachenvolk entstammen."

        "Wir werden diese Hilfe bitter nötig haben", murmelte der Kurier, "denn diesmal müssen wir Kinder der Drachen um unser Überleben kämpfen."

        "Ihr übertreibt", winkte Crishan ab, "Die Lippier wollen zwar die Herrschaft über den ganzen Kontinent erlangen, aber sie planen sicher nicht die Ausrottung von Hambonen und Cromanons."

        "Dessen wäre ich nicht so sicher", meinte der Kurier düster, "denn das lippische Reich hat seit kurzem einen neuen Kriegslord, der aufgrund eines uralten Gesetzes die unumschränkte Macht eines Alleinherrschers in Kriegszeiten an sich gerissen hat. Dieser neue Kriegslord ist kein anderer als Rikard von Schwanenwehr, der den Keim eines Dämonen in sich trägt und kein anderes Ziel kennt, als das Volk der Drachenkinder vom Angesicht dieser Welt zu tilgen."

        "Beim goldenen Drachen!" entfuhr es Crishan erschrocken, "Diesem Halbdämonen wäre das wahrhaftig zuzutrauen! Dann ist die Gefahr größer als ich geahnt habe."

 

 

Obmann Almok, der Anführer der mesanischen Rebellen, stand reglos auf dem höchsten Turm von Burg Mesas und betrachtete gedankenverloren den Sonnenaufgang.

 

        "Ein Morgen, der eigentlich wie geschaffen ist zur Freude am Leben, nicht wahr?" erklang neben ihm eine leise Stimme, "Und doch verheißt dieser Sonnenaufgang uns nichts anderes als den Tod."

Der lippische Tribun Kaimas aus der "Gilde vom Schwarzen Stern" war nahezu lautlos neben den Rebellenführer getreten.

        "Ja", murmelte Almok, "es ist ein wunderschöner Morgen. Aber dort, wo jetzt die Sonne hinter Horizont emporsteigt, werden wir bald das Heer unserer Feinde sehen. Dann werden wir kämpfen - und sterben."

        "Gestern stand der Feind noch bei dem kleinen Dorf Bol. Wenn die Hambonen im Morgengrauen aufgebrochen sind, werden wir sie bald zu sehen bekommen. Es kann sein, dass wir ihre vorderen Linien erst spät erkennen, denn sie werden die Sonne im Rücken haben, die uns blenden wird."

        "Was ist mit der Waffenhilfe, die uns von den Lords versprochen wurde?" fragte Almok mit einem Seitenblick auf den Tribun, "Werden uns die lippischen Truppen noch zu Hilfe kommen?"

        "Ich glaube kaum, dass überhaupt ein lippisches Heer auf dem Wege hierher ist", antwortete Kaimas düster, "Ihr habt viel zu früh gegen die Hambonen losgeschlagen. Die lippischen Armeen sind viel zu weit entfernt. Das einzige, was die Lords noch tun konnten, war, eine Flotte ihrer Schiffe an die mesanische Küste zu senden, die Euch und Eure Leute an Bord nehmen kann. Wenn wir jetzt sofort aufbrächen, könnten wir den Hambonen noch entkommen. Aber die Zeit wird knapp und Ihr solltet nicht mehr lange überlegen."

        "Nein", entgegnete Almok stolz und trotzig, "Von uns wird niemand dem Feind den Rücken zeigen. Wir werden den Hambonen hier bis zum Ende trotzen. Und wer weiß - vielleicht können wir sie sogar zurückschlagen."

        "Ihr Mesaner seid allesamt blutige Narren!" stieß Kaimas ärgerlich zwischen den Zähnen hervor, "Beim ersten Treffen konntet Ihr den Feind schlagen, weil er nicht auf Eure Kampfstärke vorbereitet war. Doch jetzt kommen zehntausend Elitesoldaten, die zudem Kanonen dabei haben. Ihr habt kaum Zeit gehabt, um die Burg herum ausreichendes Schanzwerk aufzubauen. Und Ihr habt nicht eine einzige Kanone, mit der Ihr dem hambonischen Beschuss antworten könntet. Euer Kampf hier ist sinnlos. Kommt mit mir zur Küste, um die lippischen Schiffe noch zu erreichen, bevor es zu spät ist."

        "Nein", blieb Almok stur, "Wir werden hier nicht weichen."

        "Dann bleibt, um hier zu sterben, verdammter Narr!" schimpfte Kaimas wütend über soviel Sturheit, "Aber glaubt bitte nicht, dass ich diesen Irrsinn mitmache. Ich werde jetzt mit meinen Leuten zur Küste aufbrechen. Und Ihr solltet besser mitkommen."

        "Ja, lauft nur davon!" brüllte Almok plötzlich unbeherrscht, "Ihr seid ein Feigling, Lippier!"

        

Kaimas schoß die Zornesröte ins Gesicht und seine Rechte fuhr instinktiv zum Schwertgriff.

        "Hütet Eure Zunge, Almok", knurrte er böse, "Ich würde Euch für diese Beleidigung den Kopf abschlagen, wenn ich nicht wüßte, dass die Hambonen mir diese Arbeit ohnehin abnehmen werden. Es ist keine Feigheit, einen sinnlosen Kampf zu vermeiden, um später umso besser zurückzuschlagen. Wenn Ihr wirklich hier bleiben und kämpfen wollt, ist Euch nicht mehr zu helfen."

Der Lippier wandte sich brüsk ab und eilte in den Burghof hinab, wo er seine Männer zusammenrief und die Pferde satteln ließ. Dann verließen die lippischen Kundschafter die Burg und preschten eilig in Richtung Küste davon.

Almok blickte ihnen nicht nach, denn seine Augen spähten gebannt nach Osten.

In der Ferne tauchte jetzt die dunkle, drohende Masse des anrückenden Hambonenheeres auf.

Schon war das Wummern ihrer Trommeln zu hören und Almok befahl seinen Leuten, sich für den bevorstehenden Kampf bereit zu machen......

 

 

        "Seid mir gegrüßt, Graf Ingor von Berema", sprach Lord Rikard, der mittlerweile wieder auf Schwanenwehr weilte, als der Verwalter von Lippisch-Delema in sein Audienzzimmer trat, "Ich habe Euch herkommen lassen, um mir darüber Klarheit zu verschaffen, welche Beziehungen Ihr hinter meinem Rücken mit dem Hambonenkönig Crishan zu pflegen beliebt."

        "Verzeiht, mein Lord, aber ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht", gab der Graf seiner Verblüffung über diese Worte Ausdruck.

        "Nun", meinte der Lord, "das werdet Ihr sicher bald begreifen, denn es heißt, dass Ihr im Geheimen noch immer in gutem Einvernehmen mit Crishan stehen sollt. Und das, obwohl Ihr dem lippischen Reich die Treue geschworen habt. Desweiteren geht ein Gerücht um, dass Ihr die Schuld an der Ermordung von Graf Rakene tragt. Man munkelt mancherorts, dass Ihr seine Mörder gedungen habt. Was habt Ihr dazu zu sagen, Graf Ingor?"

        "Ich bin ein treuer Diener des Reiches", antwortete der delemanische Edelmann.

        "Das beantwortet nicht meine Frage", entgegnete der Lord unwirsch, "Seid Ihr ein Freund des Hambonenkönigs oder nicht?"

        "Nein", antwortete Ingor, "Wie könnte ich den größten Feind Lippias zum Freund haben?"

        "Was hat es dann mit den Gerüchten auf sich, die Euch den Mord an Graf Rakene anlasten?"

        "Das sind übelste Verleumdungen!" rief Ingor auffahrend, "Ich begreife nicht, wie Ihr einem solchen Geschwätz überhaupt Euer Gehör schenken könnt!"

        "Nun, werter Graf", sprach Rikard im gedehnten Tonfall, "Es gibt gewisse Gründe, diesen Gerüchten zu glauben."

        "Aber das sind gemeine Lügen!" rief der Graf erregt, "Dafür gibt es keinen Beweis!"

        "Das ist ein folgenschwerer Irrtum Eurerseits, Graf Ingor", antwortete der Lord mit dem Lächeln einer hungrigen Raubkatze, "denn es gibt durchaus Beweise für diese Anschuldigungen. Oder meint Ihr, ich hätte Euch völlig grundlos nach Schwanenwehr gerufen, um Euch diese Fragen zu stellen?"

Mit diesen Worten legte er mehrere Pergamentrollen auf den Tisch.

        "Diese Schriften wurden in Eurer Residenz gefunden. Ich habe mir die Freiheit genommen, Euer Heim durchsuchen zu lassen, während Ihr in Olda weiltet. Ihr hättet diese Schriftrollen nicht in Euren Wohnräumen verstecken sollen. Dies hier sind Briefe des Hambonenkönigs Crishan, die an Euch gerichtet sind. Und in einem dieser Briefe beglückwünscht Euch der Hambone, dass es Euch gelungen ist, für das Ableben Graf Rakenes zu sorgen. Was habt Ihr angesichts dieser Zeugnisse Eures Verrats zu sagen, Graf Ingor?"

 

Der Verwalter von Lippisch-Delema gab keine Antwort, sondern starrte mit totenbleichem Gesicht auf die ihn belastenden Dokumente.

 

        "Ihr beliebt zu schweigen, werter Graf?" meinte der Lord spöttisch, "Nun, vielleicht solltet Ihr auch wissen, dass mir außerdem Eure Pläne bekannt sind, in Delema eine Rebellion gegen die lippische Oberherrschaft anzuzetteln. Ich weiß auch, dass Ihr versucht habt, Euch dazu der Unterstützung des lippischen Altadels zu versichern. Eure Briefe an den Baron Siepran wurden von meinen Spionen abgefangen und an mich weitergegeben. Damit ist zweifellos erwiesen, dass Ihr ein Verräter seid, der den Tod verdient hat."

        "Und wenn schon!" rief Ingor verächtlich, "Auch wenn Ihr mich hinrichten laßt, wird am Ende doch unsere Sache siegen und das große Reich der Drachensöhne wird neu erstehen, um über all seine Feinde zu triumphieren! Dann wird auch Lippia untergehen wie einst Kamaraan!"

        "Warum habt Ihr ein so großes Interesse daran?" fragte der Lord, "Oder macht es Euch einfach nur Spaß, ein Verräter zu sein?"

        "Meine Ahnen waren Hambonen der ersten Generation und so stamme auch ich vom Drachenvolk ab", antwortete der Delemaner, "Ich verachte Euch und Euresgleichen, denn meine Rasse ist der Euren weit überlegen und wird am Ende triumphieren. Nun, wo Ihr dies alles wißt, könnt Ihr mich getrost umbringen lassen. Ich werde nicht vor Jarchaks halbdämonischem Bastard um Gnade winseln!"

 

Rikard begann leise zu lachen und in seinen Augen zeigte sich jener eigentümliche Schimmer, der seinem Gegenüber zeigte, dass sich der Dämonenkeim in ihm zu regen begann. Dann schickte der Lord die Wachen hinaus und befahl ihnen, niemanden hereinzulassen.

 

Als er dann mit Ingor allein war, sprach er leise: "Ich bin längst mehr als nur ein Halbdämon, denn Jarchak ist tot und hinterließ mir seine gesamten magischen Kräfte. Es gibt auf dieser Welt kaum einen Magier, der sich mit mir noch messen könnte, denn ich bin jetzt mächtiger als es Jarchak jemals war. Niemand weiß von meinen neuen Fähigkeiten und Ihr werdet dieses Wissen nicht mehr weitergeben können. Hier habt Ihr eine Probe meiner Macht."

 

Im nächsten Augenblick begannen sich Ingors Hände auf gräßliche Weise zu verändern.

Sie begannen sich plötzlich schwarz zu verfärben, dann faulte das Fleisch in rasender Schnelligkeit von den Knochen.

Wahnsinn irrlichterte in Ingors Augen, als er in unbeschreiblichem Entsetzen auf seine Hände starrte. Er wollte schreien, doch er war nur noch zu einem leisen Wimmern fähig.

Jetzt zerfielen die Ärmel seines Gewandes zu Staub, so dass er sehen konnte, wie die rasende Fäulnis seine Arme hinauf kroch.

Das war zuviel für den Grafen; sein Verstand setzte aus und danach war er nicht mehr als eine armselige, zuckende Kreatur, die unartikulierte Laute von sich gab und sich wie ein getretener Wurm am Boden krümmte.

 

        "Machen wir ein Ende", murmelte der Lord und zog sein schwarzes Runenschwert, das "Seelenfresser" genannt wurde, denn es raubte seinen Opfern nicht nur das Leben, sondern auch die Seele, um sie in den Limbus zu schleudern, jenen Ort, an dem es weder wahres Leben noch wahren Tod gibt.

Rikard trat an den Unglücklichen heran und stieß ihm die dunkle Klinge direkt ins Herz.

Ein kurzer Gedanke von ihm genügte, so dass Ingors Leib wieder sein natürliches Aussehen annahm und von den gräßlichen Verfaulungen nichts mehr zu sehen war. Der Lord wollte nicht, dass irgendjemand von seinen magischen Kräften erfuhr.

Als dies getan war, rief er die Wachen herein, damit sie den Leichnam wegschaffen sollten.

 

In den darauffolgenden Tagen wurden alle Verwandten und Freunde Ingors verhaftet, um für immer in den Kerkern der Festung Schwanenwehr zu verschwinden.....

 

 

        "Ich bringe Euch Nachrichten von Graf Cranos, mein Gebieter", sprach der Kurier, der vor wenigen Augenblicken in Crishans Gemach getreten war, "Die mesanische Rebellenarmee ist restlos vernichtet worden. Graf Cranos ist jetzt nach Haborg gezogen, wo er weitere Truppen sammeln will, mit denen er bei Ture zu den Streitkräften unter Graf Prillus stoßen will. Dann beabsichtigt er, mit allen Truppen nach Cele zu marschieren, wo er die Lippier zur Schlacht zwingen will, sobald sie die Grenze überschreiten. Damit wird Zeit gewonnen, damit hier bei Hamborna ein zweites Heer zusammengezogen werden kann."

        "Gut", meinte Crishan zufrieden, "Reitet unverzüglich zurück und richtet Graf Cranos aus, dass er den Feind besser schon bei Goban zur Schlacht stellen sollte. Die Lippier sind gezwungen, Goban zu erobern und das wird sie aufhalten, so dass Cranos noch rechtzeitig dort eintreffen kann. Wenn sich Goban bis dahin halten kann, hat Cranos zudem einen Stützpunkt, an dem die Lippier nicht vorbeikommen. Richtet dem Grafen aus, dass ich schon in Kürze mit einem zweiten Heer aufbrechen werden, um seine Truppen zu verstärken."

        "Graf Cranos wird sich freuen, das zu hören", meinte der Kurier, dann verbeugte er sich und eilte hinaus.

 

Kaum war er verschwunden, da trat ein anderer Bote herein, der Crishan eine versiegelte Schriftrolle übergab.

Der Hambonenkönig erbrach das Siegel, entrollte das Pergament und überflog die darauf geschriebenen Zeilen.

Dann schaute er seine Berater mit ernster Miene an und sprach leise: "Edle Herren, diese Schrift hier ist die förmliche Kriegserklärung des lippischen Reiches."

 

 

Auf der Festung Schelo, an der Grenze zwischen Hellebona und Hambonia:

 

Der Kriegsrat der Lippier und ihrer Vasallen befand sich schier endloser Sitzung. Schon vor Stunden hatte man die Teller und Becher des abendlichen Mahles fortgeräumt, um Platz für die Karten und Zeichnungen zu schaffen, die der Heerführer und Ofiziere Handwerkszeug waren, und danach nahm inmitten des dumpfen Gemurmels von mehr als einem Hundert rauher Stimmen die Kopfarbeit der Kriegsführung ihren Fortgang. Man schob auf den in kräftigen Farben ausgemalten Landkarten eine buntgemischte Vielzahl von kleinen, bunten Holzscheibchen hin und her, vor und zurück. Von Narben zerfurchte Hände deuteten auf Orte, Geländebesonderheiten und voraussichtliche Stellungen.

Eine Stunde zuvor war nochmals eine kleine Stärkung aufgetragen worden, hauptsächlich Früchte, und einige der Offiziere kauten zerstreut daran. Beim jetzigen Stand der Planung war niemand so recht an Speisen interessiert. Weitaus mehr wurde den schnell zubereiteten, heißen Koffein-Getränken zugesprochen, die ziemlich aufputschende Wirkung hatten, um die Müdigkeit zu vertreiben.

Heerführer, Tribune und Obristen arbeiteten Schulter an Schulter mit den Hauptleuten der Südländer und Delemaner wie auch mit den verschiedenen Häuptlingen der hellebonischen Stämme zusammen, wobei letztere trotz ihrer mangelnden Kenntnisse in der Strategie und Kriegskunst der sogenannten "zivilisierten" Länder mit beachtenswerten Vorschlägen aufwarteten, weil sie sich von den eingefahrenen Denkmustern der altgedienten Strategen erheblich unterschieden. Man zog auch niedrigere Ränge sowohl der Kavallerie als auch der Infanterie und der Artillerie haran, damit sie in bestimmten Einzelfragen ihren Rat erteilten, wenn diese oder jene besonderen Kenntnisse oder praktische Erfahrung eine solche Nachfrage nötig machte.

Die Lords legten besonderen Wert darauf, mit dem Heer möglichst weit in hambonisches Gebiet vorzudringen, um die gegnerischen Streitkräfte tief im eigenen Land anzugreifen und ihnen so möglichst wenige Rückzugsmöglichkeiten zu lassen.

So war man sich darüber einig, dass vor allem die Stadt Hannole schnellstens erobert werden mußte, da sie für die Hambonen von besonderer strategischer Bedeutung war.

Mit der zuvor unbedingt notwendigen Eroberung der Festung Goban befasste sich der Kriegsrat nur noch am Rande, denn darin sah man keine allzu großen Schwierigkeiten mehr, nachdem die Bestechung des Festungskommandanten und seiner Offiziere gelungen war.

Für diese Aufgabe waren drei Letasionen der leichten Kavallerie und eine Pantasion der gepanzerten Reiterei vorgesehen, die am nächsten Morgen noch vor dem Gros des Heeres aufbrechen sollten....

 

 

Auf schweißtriefendem Pferd, dem der helle Schaum vor dem Maul stand, preschte ein Meldereiter in den Hof der Zitadelle von Hamborna.

        "Verrat !" gellte sein Ruf über den Hof, "Elender Verrat! Die Festung Goban ist in Feindeshand! Graf Kambor hat uns an die Lippier verraten!"

Einer der Hauptleute rannte herbei.

        "Was sagt Ihr da? Goban ist gefallen? Das muß der Hochkönig sofort erfahren. Folgt mir!"

 

Der Reiter wurde flugs in den Audienzsaal geführt, wo wenig später Crishan auftauchte, der inzwischen wieder völlig genesen war.

Als er die Hiobsbotschaft vernahm, erblasste der Hambonenkönig, denn ihm war bewußt, was das für Hambonia bedeutete.

Jetzt konnten die Lippier und ihre Vasallentruppen tief ins Land vorstoßen, bevor ihnen ernsthafter Widerstand entgegengesetzt werden konnte. Die einzigen Streitkräfte, die sich den Lippier noch schnell genug in den Weg stellen konnten, waren die Truppen unter dem Befehl von Graf Prillus, die sich bei Ture gesammelt hatten. Aber dieses Heer war nicht stark genug, um die lippische Übermacht aufhalten zu können. Und Graf Cranos konnte mit seiner Kriegsmacht nicht mehr schnell genug zu Prillus stoßen, denn er stand mit seinen Soldate noch bei Haborg und mußte erst die ELEBE überqueren, was beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen würde.

Während ihm dies alles durch den Kopf ging, forderte Crishan den Melder auf, ihm Genaueres über den Fall von Goban zu berichten.

Der Mann, der auf dem Wege zur Hauptstadt fünf Pferde völlig zuschande geritten hatte, begann daraufhin zu erzählen:

        "Vor sechs Tagen tauchte vor den Toren Gobans eine Hundertschaft gepanzerter Reiter in hambonischen Waffenröcken auf und wurden in den äußeren Hof eingelassen. Ihr Anführer, ein Truchseß, meldete uns den Anmarsch der lippischen Heere und bat um eine Unterredung mit Graf Kambor, unserem Kommandanten. Da er sich mit dem gültigen Siegel ausweisen konnte, schöpfte niemand auch nur den geringsten Verdacht, so dass man ihn zum Kommandanten brachte. Dieser rief kurz darauf alle Offiziere zu sich und gab die Weisung, die eingetroffenen Reiter in den inneren Teil der Festung hineinzulassen und ihnen Quartiere bereitzustellen, was nichts Ungewöhnliches war.

Als die Nacht begann, wurden aber seltsamerweise keine zusätzlichen Wachen aufgestellt, obwohl es hieß, dass lippische Reiterei schon ganz in der Nähe sei. Ich selbst gehörte zu den Wehrgangswachen in dieser Nacht und so wurde ich Zeuge dessen, was dann geschah.

Unsere Wächter an den Toren wurden von den Männern der fremden Hundertschaft hinterrücks niedergestochen. Dann wurden die Tore geöffnet, so dass Hunderte von lippischen Reitern ins Innere der Festung gelangen konnten, die sofort von ihren Pferden sprangen und in die Schlafquartiere stürmten, wo sie jeden niedermachten, der sich ihnen in den Weg zu stellen versuchte. Die meisten von uns kamen nicht einmal mehr dazu, ihre Waffen zu ergreifen, denn der Feind überraschte sie regelrecht im Schlaf.

Ich selbst befand mich mit mehreren Kameraden auf der Nordmauer und konnte von dort aus deutlich erkennen, dass unser eigener Kommandant und unsere Offiziere in schönster Eintracht mit lippischen Tribunen zusammenstanden, während sie seelenruhig zusahen, wie die Festung vom Feind besetzt wurde. Erst jetzt wurde uns klar, dass wir von unseren eigenen Offizieren verraten worden waren. Wir schlugen uns daraufhin zu einem kleinen Nebentor durch, das noch nicht von den Lippiern bewacht wurde. Es gelang uns, aus der Festung zu entkommen und sogar ein paar lippische Pferde zu stehlen, mit denen wir fliehen konnten. Leider wurden wir sofort verfolgt und so begann eine wilde Hetzjagd durch die Nacht. Der Gaul, auf dem ich saß, stolperte in der Dunkelheit und stürzte, so dass ich aus dem Sattel geschleudert wurde und in einem Gebüsch landete. Wahrscheinlich rettete mir dieses Mißgeschick jedoch das Leben, denn die Verfolger preschten an mir vorbei, ohne mich zu entdecken. Kurz darauf hörte ich in der Ferne Kampfgeräusche, als die Verfolger meine Kameraden eingeholt hatten und sie niederkämpften.

Nun schlug ich mich zu Fuß zu einem in der Nähe gelegenen Gehöft durch, wo ich von dem Bauern ein Pferd erhielt, mit dem ich eiligst nach Cele ritt, um die Stadt zu warnen. Doch als es Morgen wurde, sah ich bei Cele bereits ein gewaltiges Heer vorbeiziehen, das offensichtlich nach Norden auf Hannole zuhielt, während ein paar Abteilungen der Invasoren schon dabei waren, Cele zu erstürmen, wo ihnen augenscheinlich nur wenig Widerstand entgegengesetzt wurde.

So näherte ich mich den feindlichen Armeen nur gerade so weit, dass ich ihre ungefähre Stärke schätzen konnte und schlug dann einen großen Bogen, um Hannole noch vor den Lippiern zu erreichen, was mir schließlich auch gelang. Der Stadtkommandant von Hannole sandte sofort Kuriere zu den Truppen von Graf Prillus, während ich mir ein neues Pferd geben ließ und weiter eilte, um Euch diese schlimme Nachricht zu überbringen."

Der Soldat unterbrach seinen Bericht, um ein zerknittertes Pergamentstück unter seinem Wams hervorzuziehen, um dann fortzufahren:

        "Ich habe mir die ungefähre zahlenmäßige Stärke der Lippier aufgeschrieben, als ich sie bei Cele beobachtete. So kann ich darüber genauere Angaben machen, auch wenn ich kein ausgebildeter Kundschafter bin. Eine Abschrift meiner Aufzeichnungen müßte bereits bei Graf Prillus eingetroffen sein, da ich sie den Meldereitern von Hannole mitgegeben habe."

 

        "Ihr habt die lippische Heeresmacht gezählt?" fragte Crishan aufhorchend, "Das war äußerst umsichtig von Euch. Berichtet mir, was Ihr gesehen habt."

 

Umständlich faltete der Soldat das Pergamentstück auseinander und begann das Niedergeschriebene weiterzugeben:

        "Vor der lippischen Hauptmacht reitet ein Schirm aus leichter Kavallerie, um die Annäherung feindlicher Kundschafter zu erschweren. Hinter dieser Vorausabteilung marschieren die lippischen Truppen in acht Armeen.

Die erste Armee wird aus Lord Manots Truppen gebildet, ihr folgt die zweite Armee aus den Infanterietruppen des Lord Rikard. Die Truppen der Lords Albertin, Gunther und Berthon bilden die dritte, vierte und fünfte Armee. Dann folgen die Soldaten aus Lippisch-Delema als sechste Armee. Die siebte Armee bilden die berittenen Krieger der Hellebonen. Ganz am Schluß dieses gewaltigen Heerwurmes marschieren die südländischen Söldner, zumeist Pikeniere, welche die achte Armee und zugleich die Nachhut bilden. Die meisten Fußsoldaten werden mit Fuhrwerken transportiert, so dass sie nicht zu laufen brauchen und auf diese Weise nur wenig auf dem Marsch ermüden. So können sie an einem Tag  längere Strecken als zu Fuß zurücklegen und kommen auf diese Weise auch verhältnismäßig schnell voran."

        "Nennt mir genauere Zahlen, Soldat!" unterbrach ihn Crishan ungeduldig.

        "Soweit ich gezählt und geschätzt habe, besteht das Invasionsheer der Lippier aus rund fünftausend Mann leichter Kavallerie, fünfzehn Tausendschaften gepanzerter Reiterei, einundvierzig Tausendschaften Infanterie und rund zehntausend hellebonischen Reitern", zählte der Soldat auf, "Dazu kommen etwa dreihundert Kanonen und ungefähr genauso viele Streitwagen. Es ist die gewaltigste Streitmacht, die Eropan je gesehen hat."

 

 

Das hambonische Heer unter Graf Cranos hatte mittlerweile die ELEBE überschritten, wozu es einen vollen Tag gebraucht hatte, da das gesamte Kriegsvolk mit Fähren über den Fluss gebracht werden mußte.

Nun setzte es sich nach Ture in Marsch, wo die schnell zusammengezogenen Truppen unter dem Befehl des Renegaten Prillus warteten.

Man hatte inzwischen erfahren, dass die Stadt Cele von den Lippiern geplündert und gebrandschatzt worden war, wobei ein Teil der Stadtbevölkerung umgebracht worden war. Flüchtlinge aus dem Umland von Cele erzählten, dass sie von schlimmen Greueltaten gehört hätten, bei denen sich vor allem die südländischen Söldner und die schwarzen Reiter Lord Rikards hervorgetan haben sollten.

 

Graf Cranos war mittlerweile auch über die enorme Stärke des Invasionsheeres unterrichtet und wußte, dass es höchste Zeit wurde, seine Truppen mit denen des Grafen Prillus zu vereinen. Der Hambonenfeldherr nahm an, dass die Lippier Hannole einzunehmen trachteten und hoffte, dass sich die Stadt wenigstens so lange halten konnte, bis er dort eintraf, um den Lippiern in den Rücken fallen zu können. Nur so hatte er überhaupt eine Chance, gegen die feindliche Übermacht zu bestehen.....

 

 

Die Hufe des Rapphengstes pochten dumpf über den steinigen Boden, als Lord Rikard an des Spitze des großen Heeres ritt, das durch die Nacht in Richtung Hannole zog. Weit voraus streiften die Kundschafter auf schnellen Pferden durch das Land, um die Gegend nach feindlichen Kriegern zu durchsuchen.

Rikard ritt ein Stück vor den Marschkolonnen, abgesondert von den anderen, um mit sich und seinen Gedanken allein zu sein.

Warmer Wind wehte von Westen her und blähte seinen schwarzen Mantel auf.

Plötzlich glaubte er im Wind eine geisterhafte Stimme zu hören, die anklagend zu flüstern schien und ihn leise frösteln ließ.

        "Ein Mörder reitet durch die Nacht", wisperte die Stimme im Wind, "ein Sohn der Finsternis, der den Tod von Unschuldigen auf dem Gewissen hat."

        "Ich trage Jarchaks Keim und seine Dämonenkraft in mir", murmelte Rikard leise, "Seine Magie machte mich zu dem, was ich jetzt bin."

"Hast du dich denn je wirklich gegen das Böse in deinem Innern gewehrt?" fragte ihn die Geisterstimme, "Oder hast du es nicht eher willkommen geheißen? War es nicht dein eigener Wille, mit dem du dem sterbenden Dämonengeist seine magische Kraft entrissen hast, bevor er mit ihr im Limbus verschwand? Doch wisse, dass die Magie der Finsternis niemals verwandt werden kann, um daraus etwas Gutes zu schaffen. Sie kann nur zerstören, verderben und peinigen. Wozu hast du also diese Macht an dich gerissen? Wofür brauchst du sie? Sie hat dich längst in einem Schergen der Finsternis verwandelt, denn jetzt bist du Dämon und bösartiger Mensch in einem."

        "Die Magie gibt mir Macht", sprach Rikard leise, "Und darum heiße ich sie willkommen. Sie und das Schwert der Rose machen mich stark genug, um mich selbst mit einem Gott messen zu können. Dies wird mir helfen, das Reich Lippia zu einem neuen Kamaraan aufzubauen, das über die Welt herrschen soll."

        "Du bist ein Narr", flüsterte der Wind, "Merkst du denn nicht, dass du den Herren der Finsternis besser dienst als all ihre Vasallen? Du bringst Tod und Verderben, wohin du dich auch wendest und so gefällt es des Fürsten des Chaos. Du führst eine gewaltige Armee auf die Straße des Todes, doch du bist allein, auch wenn Tausende dir folgen. Reite nur weiter durch die Nacht, Lord Rikard von Schwanenwehr. Spiel dein blutiges Spiel um Macht und Tod, auch wenn es ein sinnloses Spiel ist. Denn was immer du auch tun wirst - die Zeit wird dich besiegen, denn sie ist ein Raubtier, dem du nicht entkommen kannst. Alles, was von dir und deinen Taten bleiben kann, sind Spuren im Sand, die der Wind verwehen wird......."

 

Die Geisterstimme verklang und Rikard vernahm nur noch den Hufschlag seines Pferdes und die Geräusche der hinter ihm marschierenden Armeen.

Leise fluchend zog der Lord seinen Mantel enger um die Schultern, denn ihm war mit einem Male kalt geworden.

 

 

Als Graf Cranos mit seinen Streitkräften endlich bei Ture eintraf und dort das Kommando über Prillus' Truppen übernahm, erwartete ihn eine weitere unangenehme Überraschung, denn berittene Kundschafter überbrachten ihm eine Hiobsbotschaft:

        "Die Lippier sind bereits in der Nähe und rücken in Schlachtordnung auf uns zu! Sie haben Hannole einfach umgangen. Wir müssen schon in den nächsten Stunden mit ihrem Angriff rechnen!"

 

        "Sie sollen dreimal verflucht sein, diese Lippier!" stieß Cranos erbittert hervor, "Meine Soldaten haben sich noch nicht einmal vom Marsch erholen können. Wie konnten die lippischen Truppen so schnell vorankommen? Das ist doch geradezu unheimlich!"

 

Dann aber ließ er die Offiziere zu sich kommen und gab ihnen Anweisungen, wie sie ihre Hundertschaften für die bevorstehende Schlacht aufzustellen hatten....

 

 

Einen Tag nachdem die Lippier Cele eingenommen hatten, lief im Hafen von Trave eine große Flotte von Selgelschiffen mit auffallend hohen Bordwänden ein und ging dort vor Anker.

Von diesen Schiffen kam ein Heer von rund 20.000 Kriegern an Land. Es war die Hilfe aus dem Reich Normia, welches mit den Hambonen verbündet war.

Der normische Könik Barinak hatte seinen Heerführer Akirak mit fünfzehntausend leichtgerüsteten Reitern und fünftausend Speerwerfern nach Hambonia entsandt, die sich nach ihrem Eintreffen in Trave sofort nach Hamborna in Marsch setzten.

 

König Crishan, der noch immer mit der Aufstellung eines zweiten Heeres beschäftigt war, war natürlich hocherfreut über die kaum noch erwartete Hilfe. Er bat den normischen Feldherrn, sofort nach Ture zu eilen, um dort die Truppen von Cranos und Prillus zu unterstützen.

Akirak zog daraufhin nach einem Tag Ruhepause mit seinen Kriegern nach Ture.

Doch noch bevor er dort eintreffen konnte, hatte die erste große Schlacht zwischen den lippischen und hambonischen Heeren bereits begonnen...

 

 

In den frühen Morgenstunden war das hambonische Heer bereits von den schnellen Reitern Lord Rikards mit gezielten Vorstößen attackiert worden. Allerdings handelte es sich hierbei nur um leichte Vorgeplänkel, welche nur den Zweck hatten, die Stärke und Aufstellung der Hambonen zu erkunden.

Graf Cranos durchschaute diese Absicht sofort und ließ die Formation seines Heeres an den Flanken und im Zentrum ändern, nachdem sich die lippischen Reiter wieder zurückgezogen hatten.

Erst dann rückte er mit seinen Truppen gegen die lippischen Linien vor.

 

Lord Rikard stieß einen lästerlichen Fluch aus, als das Hambonenheer in Sicht kam, denn mit einem Gegenangriff hatte er keinesfalls gerechnet. So kam es, dass die lippischen Armeen, die bereits Angriffsformationen eingenommen hatten, sich in einer taktisch äußerst ungünstigen Position befanden.

 

        "Wir müssen unsere Aufstellung ändern", meinte Rikard, "Sonst brechen unsere Flanken ein."

        "Dazu ist jetzt keine Zeit mehr!" rief Lord Manot, "Die Hambonen sind schon zu nah. Wenn wir jetzt umgruppieren, gibt es ein Chaos!"

        "Dann müssen die Bundestruppen den Feind abfangen, um uns Zeit zu verschaffen", entschied Rikard, "Manrath soll die Hambonen mit den Südland-Pikenieren aufhalten."

 

Als Ritter Manrath, der "Peer der Südmark", den Befehl zum Vorrücken erhielt, wurde er blaß bis in die Haarspitzen, denn Rikards Befehl bedeutete nichts anderes, als die Südländer in den sicheren Tod zu schicken. Aber der Peer gehorchte und so marschierten die südländischen Söldner den Hambonen in einer breiten Phalanx entgegen.

Die Südlandarmee bestand zu zwei Dritteln aus Pikenieren, die mit Piken von gut zwei Manneslängen bewaffnet waren. Ein Drittel bestand aus Schwertkämpfern mit großen Rundschilden, welche die vorderste Reihe bildeten, um den Pikenieren mit ihren Schilden Deckung zu geben.

Aber Infanterie allein kann einem Heer mit gepanzerter Kavallerie, Artillerie und Streitwagen nicht dauerhaft standhalten, obgleich die Südländer es zunächst schafften, den hambonischen Vorstoß kurzfristig aufzuhalten. Sie verschafften sie den lippischen Haupttruppen hinter sich die Zeit, sich neu zu formieren.

Dann aber wurden die Südländer von hambonischer Panzerreiterei und Streitwagen mit sichelbewehrten Rad-Speichen  regelrecht überrannt und vor sich hergetrieben.

 

Als Lord Rikard dies erkannte, schickte er seine schnellen Reiter und die berittenen Krieger der Hellebonen nach vorn, um zu verhindern, dass die Hambonenreiterei den zurückweichenden Südländern nachsetzten.

Dadurch kamen die Südland-Pikeniere wieder zum Stehen und konnten sich neu sammeln.

Rikard dirigierte sie sofort an den rechten Flügel seiner Schlachtformation, um die Hambonen zu verlocken, dort zuerst anzugreifen und ihm damit die Gelegenheit zum Gegenstoß auf ihr Zentrum zu geben.

Der Peer Manrath protestierte dagegen, die von ihm geführten Südländer gleich wieder in die vordersten Reihen zu stellen, doch Rikard gab ihm deutlich zu verstehen, dass er die Südländischen ohnehin nur als Köder zu nutzen gedachte und bereit war, sie für einen taktischen Vorteil bedenkenlos zu opfern.

 

Die Lippier und ihre Hilftruppen erwarteten die Hambonen jetzt in drei Staffeln, wobei die Vasallenarmeen die vorderste Linie bildeten: links die Delemaner in schwarz-grünen Waffenröcken, in der Mitte die buntgemischten Hellebonenreiter mit den Feldzeichen ihrer Stämme und rechts die Südländer, deren Zahl mittlerweile fast auf die Hälfte zusammengeschmolzen war.

Die zweite Linie bildeten zweihundertundfünfzig Feldkanonen, deren Rohre mit Stein- und Eisensplittern geladen waren, um so eine möglichst verheerende Wirkung zu erzielen, wenn sie direkt gegen die anstürmenden feindlichen Reihen gerichtet wurden.

Hinter diese Artillerie-Linie sollten sich die Vasallentruppen gleich dem ersten Aufeinandertreffen zurückziehen, um so die nachstoßenden Hambonen direkt in das Feuer der Geschütze rennen zu lassen.

Die dritte Reihe wurde von den lippischen Kerntruppen gebildet, die in sechs Abschnitte eingeteilt waren.

Außen links warteten dreihundert Streitwagen, jeder mit einem Fünf-Pferde-Gespann, das mit Schuppenpanzerdecken geschützt war. An den Radnaben drehten sich mannslange, messerscharfe Sicheln, die alles zerfleischen würden, was in ihre Reichweite kam.

Rechts neben den Streitwagen, kommandiert von Lord Albertin, standen die gepanzerten Reiter der 6.-10. Pantasion und dahinter die Infanteristen der 21.-25. Tasion.

Neben Albertins Tausendschaften stand Lord Berthon mit der 11.-15. Pantasion und der 41.-45. Tasion.

Im Zentrum der 3.Linie hatte Lord Manot mit der 1.-5. Pantasion, den "Drachenreitern", Aufstellung genommen, hinter denen die 1.-5. Tasion wartete.

Neben Lord Manots Streitkräften, schon zum rechten Flügel gehörend, stand Lord Gunther mit der 31.-35.Tasion direkt hinter den Südländern.

Hinter Gunthers Abschnitt hatten die Infanteristen der 11.-15. Tasion von Lord Rikard Aufstellung genommen, denen weitere fünfzig Feldkanonen zur Verfügung standen.

Rechts davon sammelten sich jetzt die schnellen Reiter von Rikards leichter Kavallerie, die wieder zurückbeordert worden waren und jetzt auf die Gelegenheit für blitzartige Flankenangriffe warteten.

 

So verharrte das gewaltigste Heer seit Kamaraans Zeiten und erwartete stumm und nahezu reglos das nun weiter vorrückende Hambonenheer, dessen Kriegstrommeln und Signalhorne weithin vernehmbar waren.

Die hambonischen Soldaten stimmten jetzt einen rauhen Schlachtgesang an. Ihre blutroten Banner mit dem weißen Rund in der Mitte, in dem das kreuzähnliche Runenzeichen der Drachenkinder prangte, flatterten herausfordernd im Morgenwind. Die schwarzbraunen Waffenröcke der hambonischen Krieger erschienen dagegen düster, denn diese Farben sollten Tod und Verderben symbolisieren.

 

Graf Cranos hatte die altbewährte Schlachtordnung mit beweglichem Zentrum und starken Flügeln gewählt.

In der Mitte rollten 350 Streitwagen, flankiert von jeweils viertausend gepanzerten Reitern, neben denen auf beiden Flügeln jeweils sieben Tausendschaften der Infanterie mit insgesamt 140 Feldgeschützen standen.

Hinter den Streitwagen des Zentrums standen weitere sechstausend Fußsoldaten mit zusätzlichen sechzig Geschützen. Offenbar wollten die Hambonen ihre Artillerie direkt zur Unterstützung ihres Fußvolkes einsetzen.

Hinter dem rechten hambonischen Flügel ritt die leichte Reiterei der sogenannten "Heidschnucken", bestehend aus dreißig Rittern und 2400 leichtgerüsteten Reitern.

Das hambonische Heer näherte sich bis auf etwa hundert Schritt und blieb stehen, um darauf zu warten, bis auch die langsameren Feldkanonen in Stellung waren.

Dann ertönte ein gellendes Hornsignal und die Schlacht von Ture begann.

Zuerst feuerten die Kanonen der hambonischen Flügel eine Salve auf die vorderen Linien der lippischen Hilfstruppen ab, dann griffen die Hambonen auf breiter Front an.

Abertausende rauher Kehlen erfüllten mit ihrem Gebrüll die Luft, im wilden Rhythmus dröhnten die Kriegstrommeln beider Seiten und gellend erklangen Fanfaren und Signalhörner.

Streitwagen und gepanzerte Reiter setzten sich mit ohrenbetäubendem Getöse in Bewegung und der Boden erbebte unter dem Marschtritt der Tausendschaften.

Wie eine verderbenbringende Flut rasten die Streitwagen der Hambonen auf das lippische Zentrum zu, wo sich die Hellebonen eiligst hinter die Linie der Feldkanonen zurückzogen, die jetzt auf die heranrasenden Streitwagen zu feuern begannen. In der verheerenden Kanonade brach die Attacke der hambonischen Kavallerie in einer Kakophonie des Sterbens zusammen.

Graf Cranos hauchte sein Leben aus, als eines der Splittergeschosse seine Rüstung durchschlug und ihn auf der Stelle tötete.

Dann gingen die Truppen der lippischen Lords zum Gegenangriff über..........

 

 

Während bei Ture die Schlacht schon begonnen hatte, näherte sich der normische Feldherr Akirak mit seinen Kriegern der Walstatt von Norden her.

Seine Streitmacht war durch rund achttausend Cromanonkriegern verstärkt worden, von denen etwa ein Viertel beritten war.

Als Akirak dem Schlachtfeld so nahe gekommen war, dass er bereits das Donnern der Geschütze hören konnte, entschloß er sich, die zu langsam marschierenden Fußtruppen zurückzulassen und mit der Reiterei vorauszueilen.

So traf er auf der Walstatt ein, als sich die Hambonen bereits in einer verzweifelten Lage befanden.

 

Der Renegat Prillus, welcher nach Cranos' Tod das Kommando übernommen hatte, war erschlagen worden, als er die Tollkühnheit besessen hatte, sich auf einen Zweikampf mit Lord Manot einzulassen. Jetzt waren die Hambonen ohne Führung und kämpften um das nackte Überleben.

Das überraschende Auftauchen von Akirak und seinen Reitern aber verunsicherte die lippischen Truppen und löste Verwirrung aus, als die Normier und Cromanons in die jetzt völlig ungeschützte rechte Flanke der Lippier einbrachen. Rikards Reiterei warf sich ihnen entgegen, konnten jedoch nicht verhindern, dass in den lippischen Reihen eine Zeit lang heillose Verwirrung herrschte.

Als dann die normischen Speerwerfer mit dem Fußvolk der Cromanons ebenfalls auf dem Schlachtfeld erschienen, entschloß sich Lord Rikard zum Rückzug, da er irrtümlich annahm, es bereits mit einem zweiten Hambonenheer unter dem Befehl von König Crishan zu tun zu haben.

Während sich die Lippier eiligst zurückzogen und schließlich das Feld räumten, übernahm Akirak den Oberbefehl über das Hambonenheer, vereinte es mit seinen Truppen und zog dann in Richtung Wolfan ab.

 

 

Die Lippier zogen sich zunächst nach Orak zurück, einem Bauerndorf südwestlich von Braunwai. Angesichts der gewaltigen Heeresmacht waren die Dorfbewohner Hals über Kopf geflohen, um Schutz in den Mauern von Braunwai zu suchen.

 

Während die Soldaten ihre Feldlager aufbauten, eilte der Peer Manrath voller Wut in das Feldherrnzelt, wo sich die Lords zur Beratung zusammengefunden hatten.

        "Warum habt Ihr meine Südländer nicht früher zurückgezogen, Lord Rikard?" rief er aufgebracht, kaum dass er durch den Eingang getreten war, "Fast sechstausend Mann sind heute sinnlos verblutet, weil sie schon vom ersten Treffen viel zu schwer angeschlagen waren. Ihr hättet sie nicht noch einmal in die erste Reihe stellen dürfen!"

Bedächtig erhob sich der Angesprochene und schaute dem Peer mit beinahe verächtlichem Ausdruck ins Gesicht.

        "Ich habe Euch nicht rufen lassen, Peer. Warum also habt Ihr Euer Kommando verlassen? Und überdies solltet Ihr nicht versuchen, mir ins Feldherrnhandwerk zu pfuschen, denn wenn Ihr etwas davon verstehen würdet, dann wüßtet Ihr, warum die Südländer auch beim zweiten Treffen in den vordersten Linien standen. Sie sollten die Hauptmacht der Hambonen als scheinbar schwache Stelle unserer Formation anlocken. Das ist am Ende auch gelungen."

        "Verflucht sollt Ihr sein!" brüllte Manrath zornbebend, "Nur für einen taktischen Vorteil habt Ihr so viele Männer geopfert?"

Außer sich vor Wut griff der Peer nach seinem Schwert, doch im selben Augenblick spürte er die scharfe Klinge eines Reitersäbels an seinem Hals. Rikards Leibwachen waren auf den Disput aufmerksam geworden und hatten rigoros eingegriffen.

        "Ihr steht ab sofort unter Arrest, Peer Manrath", befahl Rikard mit schneidender Stimme, "Man wird Euch nach Donnerberg in Festungshaft bringen. Wenn dieser Feldzug vorbei ist, werden wir über Euer Schicksal entscheiden. Für Euch ist dieser Kriegszug beendet."

 

 

        "Sieg! Sieg!" riefen die in Hamborna eintreffenden Kuriere schon vor den Toren und ihre Botschaft erweckte neue Zuversicht unter den Kriegern des zweiten hambonischen Heeres, das bereits abmarschbereit vor der Hauptstadt lagerte.

Die Könige Crishan und Harnok frohlockten, als sie erfuhren, dass die Lippier und ihre Vasallen bei Ture das Feld geräumt hatten, denn das war für sie der Beweis, dass die Invasoren besiegt werden konnten.

Bestürzt waren sie jedoch über die Nachricht, dass die Grafen Cranos und Prillus in der Schlacht ihr Leben gelassen hatten, denn damit hatte Hambonia seine besten Heerführer verloren.

Da der normische Feldherr Akirak jetzt die Führung des ersten Heeres übernommen hatte, sandte Crishan unverzüglich Kuriere zu ihm mit der Weisung, dass sich Akirak so schnell wie möglich nach Wolfan begeben solle. Dort wollte Crishan mit dem zweiten Heer zu ihm stoßen....

 

Noch bevor die Kuriere aus Hamborna bei Akirak eintrafen, hatte dieser sich schon selbst zu einem Rückzug nach Norden entschlossen. Der Normier wußte genau, dass die schwer angeschlagenen Hambonen keine zweite Schlacht gegen die Lippier überstehen würden. Daher entschied er, dass es sicherer sei, einen möglichst großen Abstand zwischen sich und den Feind zu bringen.

 

Der Rückzug der Hambonen, Cromanons und Normier aber wurde zu einem Debakel, denn jede Armee ist auf dem Marsch am verwundbarsten. Und genau das wussten die Lippier auszunutzen.

Lord Rikard setzte fast die gesamte Kavallerie ein, die Akiraks Truppen folgte und immer wieder attackierte. So wurde der Marsch nach Norden für die Hambonen, Normier und Cromanons zu einer endlos scheinenden Folge von immer neuen Gefechten, die Akiraks Heer zermürbte.

Als die Stadt Wolfan bereits in Sicht war, überholten die lippischen Kavallerie-Tausendschaften Akiraks Streitmacht und versperrten ihr den Weg, während die Infanterie der Lippier jetzt näher rückte und die Nachhut bedrängte.

Akirak gelang es gerade noch, sein Heer zu einem Berg in der Nähe von Wolfan zu dirigieren, den man den Wolfsberg nannte, um sich dort den Lippiern zum Kampf zu stellen.

Bevor sich sein Heer jedoch formieren konnte, griffen die Armeen der Lippier bereits erbarmungslos an, denn Lord Rikard dachte nicht im Traum daran, dem Gegner auch nur die kleinste Chance für eine wirksame Verteidigung einzuräumen.

Und so führte die Schlacht am Wolfsberg zum Untergang des ersten hambonischen Heeres....

 

 

Endlose Flüchtlingskolonnen zogen aus allen Teilen Hambonias nach Norden. Die Hafenstädte Lübeka und Trave begannen sich mit verzweifelten Menschen zu füllen, die nach einem Schiff suchten, mit dem sie in das asanische Land Normia fliehen konnten. Geschäftstüchtige und skrupellose Kapitäne pressten den Flüchtlingen oft deren gesamte Habe für eine Passage auf ihren Schiffen ab.

Auch im Hafen von Molu, wo jetzt die gesamte hambonische Kriegsflotte vor Anker lag, drängten sich bereits Tausende von angsterfüllten Menschen an den Kai's, die an Bord der Kriegsschiffe zu gelangen versuchten.

 

Seit der Vernichtung des ersten hambonischen Heeres in der Schlacht am Wolfsberg war in ganz Hambonia das nackte Chaos ausgebrochen. Denn diese Schlacht hatte mit einem entsetzlichen Gemetzel geendet, dem kein einziger Hambone, Cromanon oder Normier lebend entkommen war.

Lord Rikard hatte den Truppen befohlen, keine Gefangenen zu machen, obwohl die anderen Lords vehement dagegen protestiert hatten.

 

Bauern aus der Umgebung von Wolfan hatten das gnadenlose Gemetzel beobachtet, so dass die Kunde davon bald wie ein Lauffeuer durch ganz Hambonia eilte. Und der Feuerschein der brennenden Städte und Dörfer auf dem Weg des lippischen Heeres tat ein übriges, um die Menschen im ganzen Land in Angst und Schrecken zu versetzen.

 

Die Könige der Hambonen und Cromanons waren völlig machtlos gegen die jetzt allerorten ausbrechende Panik. Sie hatten mit Entsetzen die Nachricht vom Ende des ersten Heeres vernommen und konnten nicht verhindern, dass auch die Soldaten und Waffenknechte des zweiten Heeres davon erfuhren.

So war es nicht weiter verwunderlich, dass ganze Truppenteile desertierten und nach Norden flohen, um die Häfen mit den rettenden Schiffen zu erreichen.

Schließlich zählten die hambonischen Streitkräfte nur noch knapp vierzehntausend Mann und damit konnten die beiden Könige nicht mehr hoffen, die lippischen Invasoren noch zurückzuschlagen.

Darum beschlossen Crishan und Harnok, sich mit ihrem verbliebenen Kriegsvolk in die nahe gelegene Festung Hammaburg zu begeben, um sich darin zu verschanzen und solange durchzuhalten, bis der Einbruch des Winters die Lippier und ihre Vasallen zum Rückzug zwang.

 

Die Festung Hammaburg war groß genug, um zwanzigtausend Krieger aufnehmen zu können und in den riesigen Katakomben unter der Festung lagerten gewaltige Vorräte an Munition, Waffen und haltbaren Lebensmitteln, die für mindestens ein halbes Jahr im Falle einer Belagerung ausreichten. Zudem verfügte die Festung über zwölf eigene Brunnen, wodurch auch die Frischwasserversorgung gewäghrleistet war.

Crishan und Harnok wußten, dass Schnee und Kälte den Feind zwingen würden, sich in feste Winterquartiere zurückzuziehen. Nach ihrer Rechnung mußte Hammaburg nur bis zum Winter gehalten werden und dafür war die Festung gut genug gerüstet. Ihre Bastionen waren derart stark mit Kanonen bestückt, dass sie sogar dem Angriff einer zehnfachen Übermacht hätten standhalten können.

Ging man von diesen durchaus richtigen Überlegungen aus, so war die Lage der hambonisch-cromanischen Könige nicht völlig hoffnungslos und so war auch der Krieg noch nicht entschieden.

Nachdem die verbliebenen Hambonentruppen in die Festung gezogen waren und sich die bronzenen Tore hinter dem letzten Waffenknecht schlossen, tauchten bereits die ersten Vorreiter der Lippier am Horizont auf......

 

Als die Heere der lippischen Lords vor Hammaburg eintrafen, begannen sie sofort mit der Errichtung eines Belagerungsringes und befestigten Lagern, wobei ihnen der nahe Tironwald genügend Holz als Baumaterial lieferte.

Die Lippier machten zunächst keinerlei Anstalten, die Festung anzugreifen, denn sie wußten genau, wie stark Hammaburgs Bastionen mit Geschützen bestückt waren.

Auch die hambonische Hauptstadt Hamborna blieb völlig unbehelligt.

 

 

Etwa fünf Wochen nach dem Eintreffen der lippischen Streitkräfte traf ein gewaltiger Wagenzug ein, der weitere Geschütze, Katapulte, Ballisten und riesige Belagerungsgeschütze ("Scharfmetze") heranbrachte, mit denen die Belagerungsanlagen der Lippier nochmals verstärkt wurden. Jeder Ausbruchsversuch sollte so von vornherein zum Scheitern verurteilt werden.

Dazu trafen neue Rekruten aus Lippia ein, welche die Verluste der Invasionsarmeen ersetzen sollten.

 

Als König Crishan erkannte, dass die Lords hinter dem eigentlichen Belagerungsring ganze Kastelle mit festen Blockhäusern bauen ließen, wurde ihm klar, dass die Lipper sich darauf einrichteten, Hammaburg auch während der Winterzeit zu belagern. Dies machte seine Hoffnungen zunichte, worauf er sich entschloß, die Belagerer anzugreifen, bevor diese ihre Befestigungen vollständig ausgebaut hatten.

 

Die Hambonen und Cromanons griffen in der Nacht mit all ihren Kriegern an, vernichteten das Lager der Südländer und versuchten den Ring der Belagerer nach Norden hin zu durchbrechen.

Die Schlacht tobte fast zwei volle Tage mit schlimmen Verlusten auf beiden Seiten, denn Hambonen und Cromanons kämpften wie Tollwütige gegen die lippische Übermacht.

Während dieser schrecklichen Kämpfe verlor der Cromanonkönig Harnok sein Leben, als ihn die Lanze eines hellebonischen Reiters niederstreckte.

 

Als Crishan sich schließlich geschlagen geben mußte und mit seinen Truppen wieder in die Festung zurückwich, zählte seine Streitmacht nur noch etwa neuntausend Krieger, von denen mehr als die Hälfte verwundet waren. Von den Cromanonkriegern, die sich in Hammaburg aufgehalten hatten, lebte kein einziger mehr - sie waren mit ihrem König auf dem Schlachtfeld gestorben.

 

Nach dieser Schlacht wagten die Hambonen keinen Ausfall mehr, so dass die Lippier in aller Ruhe ihren Belagerungsring ausbauen und befestigen konnten.

Als das schließlich geschehen war, begann die schweren Belagerungskanonen, die "Scharfmetze", mit der Beschießung der Festungsmauern.

 

 

        "Hammaburg ist eine Festung, wie ich sie stärker noch nicht gesehen habe", sprach Lord Manot verdrießlich, "Nicht einmal Mont-Abur und Donnerberg haben so starke Mauern und Bastionen."

        "Jetzt beschießen wir die Feste schon seit vier Wochen mit unseren größten Kanonen", meinte Albertin in einem Anflug von Resignation, "aber diese Mauern haben bislang keine nennenswerten Schäden davongetragen. Sämtlich Außenmauern sind aus großen Felsquadern errichtet worden, die eine Kantenlänge von ungefähr zwölf Schritten haben. Daran zersplittern unsere Steinkugeln fast wirkungslos. Leider hat niemand daran gedacht, einige dieser neuartigen Kanonenkugeln aus Eisen mitzubringen, mit denen wir vielleicht diese Granitwälle zerstören könnten. Ein Beschuß der Tore nutzt auch nicht viel, denn die Hambonen haben einfach große Steinquader davor herabgesenkt. Und wir können unsere Ballisten nicht nahe genug heranbringen, um Brandgeschosse in die Festung hineinzuschleudern. Die Festungskanonen würden unsere Ballisten sofort zu Klump schießen."

        "Außerdem wissen wir von den Gefangenen, dass die Leute in der Festung genug Proviant haben, um ein ganzes Jahr lang nicht hungern zu müssen", brummte Manot, "Sie halten dort sogar Schweine, Schafe und Rinder. Damit verfügen sie sogar über frisches Fleisch. Zudem haben sie eigene Brunnen. Ein Aushungern dieser Festung ist so gut wie unmöglich. Eher verhungern wir selbst."

Lord Manot lehnte sich zurück und verfiel in brütendes Schweigen.

        

        "Auch wenn wir die Beschießung mit den Scharfmetzen fortsetzen, wird uns eher die Munition ausgehen als dass diese Mauern vorher brechen", murmelte Gunther, "Und ein Sturmangriff gegen diese Bastionen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt."

        "Wir können jetzt nicht mehr zurück", meinte Rikard, "auch wenn mir der Gedanke nicht gefällt, hier den ganzen Winter verbringen zu müssen. Aber ein Rückzug käme einer Niederlage gleich."

        "Wenn wir hier länger verweilen, dann sollten wir uns aber auch Gedanken über die Folgen unserer Abwesenheit von Lippia machen", gab Albertin zu bedenken, "Denn während wir hier vor Hammaburg stehen, ist das Reich ohne Führung. Aus diesem Grunde schlage ich vor, die Peere der Nord- und Ostmark (Lippisch-Delema und Hellebona) heimzusenden, um als Lordbevollmächtigte die Reichsgeschäfte zu übernehmen. Außerdem müssen wir einen neuen Peer für die Mittelmark (lippisches Kernland) ernennen."

        "Ich wüßte derzeit keinen geeigneten Ritter, dem wir das Amt eines Peers übertragen könnten", meinte Rikard.

        "Ich hätte da einen Vorschlag zu unterbreiten", sprach da Albertin, "der Euch vielleicht ungewöhnlich erscheinen mag. Was würdet Ihr von Lady Karina als Peerin halten?"

        "Wie bitte?" entfuhr es Manot voller Unglauben, "Meine Schwester soll eine Lordbevollmächtigte werden? Seid Ihr von Sinnen, Albertin?"

        "Warum denn nicht?" hielt Albertin dagegen, "In Ramo und Kajos regieren doch auch Frauen. Lady Karina versteht eine ganze Menge von den Reichsangelegenheiten. Und das befähigt sie durchaus für das Amt eines lippischen Peers."

        "Meiner Treu!" lachte Berthon ,"Ich finde diesen Vorschlag gar nicht so schlecht. Meine Zustimmung habt Ihr."

        "Meine eigene Schwester als lippischer Peer?" brummte Manot unwillig, "Ich bin dagegen."

        "Und ich stimme dafür", ließ sich Gunther vernehmen, "Aber nun lasst uns mit dieser Debatte zum Ende zu kommen, denn ich habe noch nicht zu Abend gegessen. Mein Magen knurrt bereits sehr vernehmlich."

        "Ich bin ebenfalls dafür", meinte Rikard, "Die Peere Bukor und Eggius sollen ihr Truppenkommando hier abtreten und heimkehren. Sie werden bevollmächtigt, Lady Karina zum neuen Peer der Mittelmark zu ernennen und ihr die entsprechenden Befugnisse zu übertragen. Und nun sollten wir uns zu Tisch begeben, denn unsere Abendspeise wartet bereits. Morgen werden wir weitersehen, ob es noch andere Wege gibt, Hammaburg zur Aufgabe zu zwingen."

 

 

Die Belagerung von Hammaburg hatte den ganzen Winter über angedauert und mittlerweile war der Frühling auch hier im Norden von Eropan angebrochen.

Crishan und seine letzten Getreuen konnten längst nicht mehr hoffen, dass sich das Schicksal noch einmal zu ihrem Gunsten wenden ließ. Dennoch machten sie keinerlei Anstalten, sich den lippischen Lords zu ergeben, obwohl sie immer wieder zur Übergabe aufgefordert wurden.

 

Aus den hambonischen Städten waren die Gesandten der Bürgerschaften zu den Lords gekommen, um sich ihnen zu ergeben und um Frieden zu bitten.

In der Hauptstadt Hamborna war bereits eine lippische Garnison eingerichtet worden und über König Crishans einstiger Residenz wehte jetzt das Banner des lippischen Reiches.

Auch die Festungen Elomi, Goban, Akano und sogar Kaltekima waren inzwischen unter lippischer Kontrolle.

Da die Bevölkerung nach den Schlachten gegen die hambonischen Armeen auf Befehl der Lords von jeglichen Drangsalierungen verschont geblieben waren, hatte sich die Lage im ganzen Land soweit wieder beruhigt, dass jetzt keine Flüchtlinge mehr nach Norden zogen, um nach Normia zu entkommen. Fast alle Flüchtlinge, denen es nicht mehr gelungen war, das Land auf dem Seeweg zu verlassen, waren mittlerweile wieder in ihre Heimatorte zurückgekehrt.

Große Sorgen machten den Menschen nun jedoch herumstreifende Banden von Deserteuren der einstigen hambonischen Heere, denn diese wurden bald zu einem großen Problem. Überfälle auf kleinere Dörfer und einzelne Gehöfte waren bald schon an der Tagesordnung. Es gab niemanden, der den Banditen Einhalt gebieten konnte, denn die Lippier konzentrierten sich völlig auf die Belagerung von Hammaburg und kümmerten sich nicht um das Bandenproblem, da sie selbst nicht davon betroffen waren.

Aber das sollte sich schließlich ändern....

 

 

Auf schweißbedecktem Pferd preschte ein Reiter in das Lager der rikardschen leichten Kavallerie und machte erst von dem Quartier des Tribuns Gansakus halt, dem Kommandeur der 1.Letasion.

        "Alarm!" gellte seine Stimme durch das Lager, "Lord Rikard ist in Gefahr!"

        "Was brüllt Ihr da, Mann?" fragte der Tribun, der aufgeschreckt aus seinem Quartier gestürmt kam.

        "Ich gehöre zur Begleitschar des Lords", antwortete der Reiter, "Wir wurden von Freischärlern überfallen. Der Lord hat sich mit den anderen in einem Bauernhof verschanzt. Ich bin hier, um Hilfe zu holen."

        "Verdammt!" fluchte der Tribun, dann brüllte er: "Die vierte Schwadron soll sofort aufsitzen! Und zwar schnellstens!"

Sich wieder dem Reiter zuwendend fragte er: "Wo liegt das Gehöft?"

        "Es ist der Brohlhof östlich von hier", gab der Mann Auskunft, "Fast die Hälfte von uns ist durch Pfeile aus dem Hinterhalt getötet worden. Der Lord hat sich mit fünf Männern zu dem Gehöft durchgeschlagen und dort Zuflucht gesucht. Die Bauern dort haben ihnen geholfen, denn ich konnte noch sehen, wie die Hofhunde auf die Angreifer gehetzt wurden."

 

Es dauerte nicht lange, bis die vierte Hundertschaft eilig aus dem Lager hinauspreschte...

 

 

Lord Rikard und die fünf Überlebenden seiner Begleitmannschaft hatten es gerade noch geschafft, den Bauernhof zu erreichen und mitsamt ihren Pferden in das Hauptgebäude zu gelagen, wo sie vor den Pfeilen der Verfolger sicher waren. In der Tenne des Hauses fanden sie eine Frau und zwei Knaben vor, die sich mit Bögen bewaffnet hatten und mit ihren Pfeilen durch die Fenster auf die Banditen schossen.

Als Rikard und seine Leute das Tennentor hinter sich zuwarfen und den Querbalken vorlegten, rannte die Frau in einen Nebenraum, wo sie mehrere große Hunde aus einem Zwinger holte und durch eine Nebentür nach draußen auf die Angreifer hetzte.

Den Lippiern blieb indes keine Zeit, sich über die unerwartete Hilfe zu wundern. Schnell nahmen sie ihre Reiterbögen zur Hand und verteilten sich an den Fenstern, um den Banditen ihre Pfeile entgegenzusenden. Vorerst waren sie in dem Gebäude sicher, doch diese Sicherheit war trügerisch, denn schon waren mehrere der Banditen am Tor und versuchten es mit Äxten zu zertrümmern.

Das Tor konnte ihnen nicht lange widerstehen, denn es war schon alt und brüchig. Schon bald brach es aus den Angeln und die ersten Freischärler drangen in die Tenne ein.

Die Lippier ließen ihre Bögen fallen und stellten sich den Angreifern mit Schild und Säbel entgegen.

Am schlimmsten wütete der Lord von Schwanenwehr unter den Angreifern, denn er hatte jetzt seinen schwarzes Runenschwert gezogen und die lebende Klinge zuckte in seiner Faust wie ein dunkler Blitz hin und her. Jeden, den sie traf, riss sie mit grausiger Magie die Seele aus dem Leibe und ließ nur eine leblose Hülle zurück. Die schreckliche Klinge drang mühelos durch Stahl und Eisen wie durch dünnes Pergament, kein Schild und keine Rüstung vermochte es aufzuhalten.

Entsetzt wichen die Banditen zurück und einige von ihnen versuchten den Lord jetzt mit Pfeilen zu töten. Aber die gefiederten Todesboten prallten vom Schild des Lords ab. Dann richtete Rikard seine Schwertspitze auf die Schützen.

Im nächsten Augenblick zuckte aus der Klinge eine feurige Lohe, die die Bogenschützen schlagartig zu Asche verbrannte.

Das war zuviel für die Banditen, die sich jetzt schreiend zur Flucht wandten.

Rikards Begleiter sprangen ihnen nach und erschlugen noch gut ein halbes Dutzend von ihnen, bevor sie ihre Pferde erreichen konnten. Aber auch jene, die sich hastig in die Sättel schwingen und davonreiten konnten, waren dem Tode geweiht. Denn vor ihnen tauchte jetzt eine Hundertschaft von Reitern in schwarzen Kürassen auf, welche die Banditen schnell umringten und gnadenlos niedermachten.

 

Während draußen die Freischärler niedergemacht wurden, wandte sich Rikard der Frau und den beiden Knaben zu.

Die Frau kniete gerade über einem Verwundeten aus Rikards Begleitung, um diesem einen Verband anzulegen.

        "Warum habt Ihr uns geholfen, Frau?" fragte er sie, "Wir sind fremde Eroberer, die in Euer Land eingefallen sind, während diese Freischärler Eure eigenen Landsleute waren."

        "Wenn diese Kerle wirkliche Verteidiger unseres Landes gewesen wären, so hätten unsere Pfeile Euch gegolten und nicht ihnen", sprach sie ungerührt und erhob sich, "Aber das war nur Eloks Bande, die schon einige Überfälle in der Nähe verübt hat. Solche Banden nehmen inzwischen überall überhand und haben sich zu einer wahren Plage entwickelt. Es gibt ja keine hambonischen Truppen mehr, die ihnen Einhalt gebieten. Und die lippischen Lords kümmern sich nicht um die Räuberbanden, die uns einfachen Leuten das Leben schwer machen."

 

Sie schien den Lord für einen lippischen Offizier zu halten, worüber sich Rikard ein wenig wunderte, denn eigentlich hätte sie ihn schon allein wegen seines Schwertes erkennen müssen. Aber offenbar hatte die Frau im Eifer des Gefechts gar nicht mitbekommen, dass er mit einer magischen Waffe gekämpft hatte.

        "So seid Ihr nicht der Meinung, dass Ihr Hambonen uns Lippier mehr zu fürchten habt als diese Banditen?" fragte er sie, "Oder ist Euch nicht bekannt, dass Lord Rikard beschlossen hat, alle Anhänger des Drachengottes zu töten, sobald Hammaburg gefallen ist."

 

Sie schaute ihn verwundert an.

        "Warum sollten wir einfachen Leute dann etwas zu fürchten haben?" fragte sie, "Soll Rikard ruhig all jene vernichten, die dem Drachengott ihre Tempel geweiht haben. Die Adligen und ihre Kleriker haben doch das Volk gezwungen, diesen schrecklichen Gott anzubeten und ihre wenigen Ersparnisse seinen habgierigen Priestern zu überlassen. Tötet ruhig die Priester des Drachen und verbrennt ihre Tempel, damit das einfache Volk endlich von diesem fanatischen Geschmeiß befreit wird!"

        "Wir Lippier glaubten immer, dass alle Hambonen und Cromanons Anhänger des Drachengottes seien", murmelte der Lord nachdenklich, "wo sie doch alle Abkömmlinge des Drachenvolkes sind, das einst Kamaraan vernichtet hat."

        "Wir sind nicht stolz darauf, von einem Volk abzustammen, das durch die perversen Paarungen von Drachenmännern mit Menschenfrauen entstanden ist", erwiderte sie ärgerlich, "Aber in unseren Adern fließt seit Jahrhunderten kein Drachenblut mehr . Wir sind Menschen wie ihr und ihr habt kein Recht, uns wegen unserer ungewollten Vorfahren zu verurteilen!"

        "Ich werde mir Eure Worte zu Herzen nehmen, verehrte Lady", sprach er, während seine sonst so finsteren Gesichtszüge von einem Lächeln erhellt wurden, "Und ich bin sicher, dass auch die Lords von Lippia darüber nachdenken werden."

Dann verneigte er sich höflich und wandte sich ab, um zu seinen Reitern hinauszugehen.

 

 

Nach über zehn Monden Belagerung fiel die Festung Hammaburg.

Zum Schluß waren mehr als viertausend Krieger der Besatzung einfach desertiert, weil sie die Aussichtslosigkeit ihrer Lage endlich eingesehen hatten.

Von außen war keine Hilfe mehr zu erwarten und die Vorräte in der Festung wurden immer knapper. Und die Hoffnung, dass die Normier noch einmal Hilfe schicken würden, hatte sich nicht erfüllt.

Die Bevölkerung Hambonias hatte sich bereits mit den Lippiern arrangiert, die jetzt als neue Ordnungsmacht fungierten. Hambonia wurde nun zu einer lippischen Provinz, die als Nordostmark oder "Lippisch-Hambonia" bezeichnet wurde.

Die freiheitsliebenden Cromanonstämme an der Nordküste behielten ihre Eigenständigkeit. Das kleine Land Mesana wurde zwar ebenfalls der neuen Nordostmark angegliedert, blieb jedoch unter eigener Verwaltung und wurde nicht von lippischen Truppen besetzt.

All dies war bereits während der Belagerung von Hammaburg geschehen und die Lords sorgten dafür, dass die Belagerten dies auch erfuhren, um sie auf diese Weise zu demoralisieren.

Den Kriegern in Hammaburg wurde mehrmals freier Abzug angeboten, wenn sie sich ergaben und König Crishan den Lippiern auslieferten.

 

Als in Hammaburg die Lage immer verzweifelter wurde und ein weiteres Ausharren unmöglich schien, entschloß sich König Crishan, den Lippiern im offenen Kampf entgegenzutreten und einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld zu suchen.

Mit den ihm verbliebenen Getreuen wagte er einen Ausfall und griff den Belagerungsring südlich der Festung an.

Die Streitwagen und Kavallerien der Lippier fielen von allen Seiten über sie her.

Dann rückte die lippische Infanterie vor und kämpfte die Reste der Königstreuen Mann für Mann nieder. Einige Stunden später war der ungleiche Kampf so gut wie vorbei.

Doch knapp zwei Dutzend Hambonenkrieger leisteten noch immer Widerstand, unter ihnen auch König Crishan, der wie durch ein Wunder das Gemetzel überlebt hatte.

Schließlich wurde dieses letzte Häuflein von Bogenschützen umringt.

Dann ritt Lord Rikard vor und forderte Crishan noch einmal auf, sich zu ergeben.

Doch Crishan trat ihm entgegen und schrie herausfordernd:

        "Ich werde mich Euch niemals ergeben, Lippier. Darum fordere ich Euch zum Zweikampf auf Leben und Tod!"

Aber der lippische Kriegslord antwortete ihm nicht, sondern hob mit ausdrucksloser Miene den Arm, um den wartenden Bogenschützen ein Zeichen zu geben.

Augenblicke später sausten hunderte von Pfeilen durch die Luft und mähten Crishans letzte Getreue erbarmungslos nieder, ohne jedoch Crishan selbst zu treffen.

Dann war der einstige Hambonenherrscher allein.

        "Ihr verfluchte, heimtückische Kröte!" schrie er mit sich überschlagender Stimme, "Ihr seid zu feige für einen ehrlichen Kampf! Ich spucke auf Euch, Lord von Schwanenwehr!"

Rikard gab ein heiseres Lachen von sich, bevor er seinem Pferd die Sporen gab und auf Crishan zu stürmte.

Dieser riß seinen Schild nach oben, um den Schwerthieb des Lords abzuwehren, doch die schwarze Runenklinge des magischen Schwertes durchschlug den Schild mühelos und spaltete Crishans Schädel, der entseelt zu Boden sank.

 

Rikard zog sein Pferd herum und ritt zurück zu den anderen Lords, ohne den toten Hambonenkönig noch eines Blickes zu würdigen.

 

        "Der Krieg ist vorbei", sprach er, "und damit endet auch meine Befehlsgewalt als Kriegslord des Reiches. Ich hebe das PERUM ERANIGUM TERUM LIPPIA auf und entbinde Euch von allen damit verbunden Verpflichtungen. Desweiteren trete ich von meinem Amt als Kriegslord zurück und schlage vor, dass Manot dieses Amt wieder übernimmt. Jetzt beherrscht das lippische Reich ganz Eropan und damit ist der Frieden für lange Zeit gesichert."

 

Die anderen nickten stumm, dann zogen sie langsam ihre Pferde herum und verließen das Schlachtfeld........

 

ENDE

des elften Bandes.

zurück