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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Rikard von Schwanenwehr,

Lord Berthon von Burg Makowe,

und Lord Gunther von Scharage.

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern läßt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

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Karte von Eropan

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Karte von Luma

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Band 10

 

Die Magische Rose

 

Gemächlich fuhr der Dreimastsegler mit dem Namen SEEDRACHE in den Hafen von Magaro ein, dem größten Handelshafen des lippischen Reiches, das nun gut zwei Drittel des eropanischen Kontinentes beherrschte.

Kapitän Corius stand auf dem Achterdeck und beobachtete aufmerksam die Arbeit der Matrosen. Als er sah, daß alles zu seiner Zufriedenheit verlief, wandte er den Blick zum Hafen und sah die Menge der vielen Schiffe aus den verschiedensten Ländern, die hier vor Anker lagen. Es mochten Hunderte sein. Am Ufer drängten sich Schiffsleute, Händler und Hafenarbeiter. Lippische, hellebonische, delemanische und südländische Sprachfetzen schwirrten hier durcheinander.

Das Schiff drehte sich mit dem Heck zum Ufer und die Matrosen warfen dicke Taue um einen Pfahl an der Kaimauer und banden es fest. Dann wurden die Ladeplanken ausgeschoben. Corius verließ mit dem Steuermann das Schiff, denn am Kai erwartete ihn schon der Händler Patroes, der von ihm eine Ladung Gewürze aus Romena geliefert bekam. Bald schleppten Lastenträger die schweren Säcke vom Schiff zu den nahen Lagerhäusern.

Viele andere Waren lagen dort bereits aufgestapelt: Getreide und Salzfische von den Küsten Spadalos, edle Weine von den Inseln Atalania und Agypar, Silber und Kupfer aus Idara, Gold von der Küste Asanis und Pergamentrollen aus Bayan.

Als das Schiff endlich entladen war, gingen Corius und Patroes in die Stadt hinein, um zum Hause des Händlers zu gelangen.

        "Ich bin sehr zufrieden, Kapitän Corius", bemerkte Patroes, als sie auf sein Haus zu schritten, "So schnell wie Ihr hat noch niemand meine Waren befördert. Wenn nun auch noch mehr als zwei Drittel unverdorben vom Salzwasser geblieben ist, sollt Ihr dafür einen Sonderpreis bekommen. Wieviel glaubt Ihr, wurde wohl auf der Fahrt vom Meeressalz verdorben?"

        "Wahrscheinlich nicht ein einziger Sack, Patroes", antwortete Corius wohlgelaunt, "Ich habe alle Säcke vor dem Verladen in Lederbahnen einrollen lassen, damit das Meeressalz nicht heran konnte. Das ist zwar mühseliger, aber dafür auch sicherer für die Ladung. Schließlich berechnet Ihr den Preis nach der unverdorbenen Menge und da ist diese Mühe für mich recht lohnend."

        "Ihr seid ein Fuchs, Kapitän", lachte der Händler, "Es würde mich freuen, wenn wir auch weiterhin miteinander Geschäfte machen. Es wäre sicher für uns beide von Vorteil."

Und leise fügte er hinzu: "Ich würde Euch auch gern Kaperbeute abkaufen."

        "Vergebt mir, Patroes", meinte Corius lächelnd, "Doch für die  nächste Zeit kann ich Euer Angebot wohl nicht annehmen, denn meine nächste Fahrt wird nach Luma gehen. Dort werde ich wohl kaum jemanden aus der Kaufmannsgilde treffen."

        "Was?" entfuhr es dem Händler entgeistert, "Ihr wollt zu dieser verfluchten Insel, die keiner mehr lebend verläßt? Seid Ihr von Sinnen, Kapitän? Dort gibt es doch nur Unheil und nichts, was ein solches Wagnis rechtfertigen würde."

        "Das mag sein", meinte Corius, "doch meine Auftraggeber überschütten mich mit Gold, wenn ich sie dorthin bringe. Ihr müßt wissen, daß ich dort schon einmal in einer Bucht geankert habe, die man die 'Blutbucht' nennt. Ich habe nicht sehr viel gesehen von den Schrecknissen Lumas, abgesehen von der 'Ebene der Nacht', wo seltsame und blutrünstige Wesen lauern sollen. Aber die vielen Riffe vor der Blutbucht sind tödlich für jeden, der sie nicht kennt. Darum wurde ich auch für diese Fahrt angeworben."    

        "Wer sind denn Eure Auftraggeber?" fragte Patroes neugierig, "Vielleicht kann ich Euch bessere Bezahlung bieten als sie."

        "Das, teurer Freund", lachte Corius erheitert, "würde auch einem reichen Händler wie Euch schwer fallen. Denn meine Auftraggeber sind die Herren des Reiches, die Lords von Lippia."

        "Warum interessieren sich die Lords für Luma? Dort gibt es doch nichts, was für das lippische Reich von Wert sein könnte."

        "Da irrt Ihr Euch aber gewaltig", meinte Corius, "Auf Luma gibt es etwas, das mit allen Schätzen dieser Welt nicht zu bezahlen ist. Und diese Kostbarkeit gilt es zu erobern."

        "Was ist es? Was ist es?"  Patroes platzte fast vor Neugier.

        "Es ist die Magische Rose der Götter des Lichts - das heilige Symbol Kamaraans, welches schon lange verschollen ist und wonach die lippischen Ritter schon seit vielen Jahren suchen."

        "Die sagenhafte Magische Rose?" staunte der Kaufmann, "Woher weiß man denn, daß sie auf Luma zu finden ist?"

        "Es wurde von einem Boten der Götter verkündet und es gibt keinen Grund, ihm keinen Glauben zu schenken."

        "Nun", meinte Patroes, "dann wird es wohl war sein und ich kann Euch nur viel Glück für diese gewagte Reise wünschen."

Patroes schwieg ein paar Schritte lang, dann fragte er: "Wißt Ihr schon, daß zur Zeit ein blutiger Krieg in Hambonia tobt?"

        "Nein", meinte Corius erstaunt, "Davon ist mir nichts bekannt. Erzählt!"

        "Ich erfuhr es vor zwei Tagen von einem Kapitän aus Delema", begann der Händler, "Aus dem asanischen Dschungelland Frikan sind primitive Wilde in gewaltigen Horden über das Engmeer gekommen und in Hambonia eingefallen. Die Truppen der Hambonen und Cromanons sollen große Mühe haben, diese Wilden zu vernichten oder ins Engmeer zurückzutreiben, denn es kommen immer neue Horden herüber. Es wird gesagt, daß es Menschenfresser sind, die in Hambonia nach lebendiger Beute jagen. Aber niemand weiß, warum sie jetzt in so großer Zahl herüberkommen, denn so etwas haben sie nie zuvor gewagt."

 

In diesem Augenblick erreichten sie das Haus des Kaufmanns und es wurde Zeit, sich wieder um die Geschäfte zu kümmern.

 

 

Hätte Corius geahnt, welches Gespräch der Händler später führte, wäre er sicher weit weniger redselig gewesen. Denn kaum hatte der Kapitän das Haus des Händlers verlassen, da trat ein Mann in nachtschwarzer Kutte ein. Auf der Brust des Fremden prangte eine aufgestickte silberne Flamme, das Zeichen der Chaos-Priester, die dem finsteren Gott Minotan huldigten.

        "Nun, Patroes, was habt Ihr von diesem Corius erfahren?" fragte er.

        "Die Mächte der Ordnung haben den Lords offenbar verraten, daß die Magische Rose auf Luma zu finden ist. Nun wollen die Lord die Rose in ihre Gewalt bringen, um sich ihrer Macht zu bedienen. Corius und sein Schiff sollen sie nach Luma bringen."

 

Der Chaos-Priester wurde bleich.

        "Das darf nicht geschehen!" entfuhr es ihm, "Damit würde die Manifestation kosmischer Kräfte in die Hände von Sterblichen gelangen. Die Herren der Ordnung müssen ihren Verstand verloren haben oder sie spielen ein Spiel, das niemand durchschauen kann. Wenn die Macht der Ursprungswelten den Sterblichen in die Hände gelegt wird, sind Ordnung und Chaos gleichermaßen bedroht. Das darf einfach nicht geschehen! Ich muß meine Herren sofort warnen!"

        "Das könnt Ihr tun", meinte Patroes gleichmütig, denn er hatte nichts von den Worten seines Gegenübers begriffen, "Doch zunächst gedenket des Umstandes, daß Ihr dieses Wissen von mir erhalten habt. Und dafür fordere ich das Dreifache des üblichen Preises - und zwar sofort!"

        "Was redet Ihr? Es geht um die ganze Welt und Ihr redet nur von Eurem Lohn? Ihr seid eine wahre Krämerseele, nur auf den eigenen Gewinn bedacht. Geduldet Euch, Ihr werdet schon belohnt werden."

        "Jetzt will ich meinen Lohn, nicht später", sprach Patroes in gereizter Stimmung, "Ich habe bislang immer mein Gold sofort von Euch bekommen und ich mache auch heute keine Ausnahme. Wollt Ihr mir mein Entgelt verweigern? Dann hütet Euch!"

Der dunkle Priester starrte ihn wütend an.

        "Ihr wagt es, mir zu drohen, Kaufmann? Seid gewarnt, denn die Macht des Chaos ist groß und Vermessenheit wird schnell bestraft. Wegen Eurer Anmaßung werde ich Euch diesmal kein Gold geben, denn meine Götter dulden keine Vermessenheit. Erst wenn Ihr in Minotans geheimen Tempel Abbitte leistet und ein Opfer bringt, wird Euch vergeben werden. Bis dahin lebt wohl und übt Euch in Buße."

Der Chaos-Priester wandte sich ab und schritt in würdevoller Haltung zur Tür. Doch bevor er sie erreichen konnte, bohrte sich blitzender Stahl in seinen Rücken. Stöhnend brach er zusammen und hauchte sein Leben aus.

        "Das habt Ihr nun von Eurer verdammten Überheblichkeit, verfluchte Mißgeburt!" keuchte Patroes, den blutigen Dolch in der Faust, "Schon lange mißfiel mir Eure Selbstherrlichkeit und daß Ihr immer geiziger mit den Belohnungen wurdet. Aber mir einen Opfergang im verfluchten Minotan-Tempel zu befehlen - das war zuviel! Sollen die Chaosmächte selbst zusehen, wie sie mit den Lords fertig werden. Ich helfe ihnen nicht länger!"

 

Patroes ahnte nicht, welche weitreichenden Folgen seine Tat haben würde, aber er hatte wohl auch zu wenig Phantasie, um sich darüber Gedanken zu machen. Seine jetzt vordringlichste Sorge war es nur, die Leiche des dunklen Priesters möglichst spurlos zu beseitigen....

 

 

Am dritten Tag des siebten Mondes traf eine buntgemischte Schar in Magaro ein.

Es handelte sich hierbei und die Ritter Bukor von Friedburg, den Peer des Nordens, Ritter Tangerus von Sosena, Ritter Manrath, den Peer des Westen, und zuguterletzt den Magier Iljuschy von Asani.

Auffallend zahlreich aber war ihre bewaffnete Begleitung, die von einem Tribun namens Haukyn angeführt wurde, welcher sonst die 30.Tasion der lippischen Infanterie befehligte. Seine jetzige Truppe bestand aus den Schwertkämpfern des 5.Hunderts und den Armbrustschützen des 10.Hunderts der 30.Tasion, die von den Obristen Zantian und Nemigon geführt wurden.

Sie marschierten sofort zum Hafen, wo sich die Soldaten in nahegelegenen Schänken einquartierten. Die Ritter un der Magier begaben sich indessen zu den Hafenanlagen, um nach dem Dreimastsegler von Kapitän Corius Ausschau zu halten, der sie zur Dämoneninsel bringen sollte.

        "Seid Ihr sicher, daß unsere Mission erfolgreich sein wird?" wurde Manrath von Bukor gefragt, "Und wird die Magische Rose wirklich auf Luma zu finden sein?"

        "Dessen bin ich mir sicher", gab Manrath zurück, "denn ich habe keinen Grund, an den Worten eines Boten der Götter zu zweifeln."

        "Sind diese ominösen Götter von Ordnung und Chaos denn wirklich derart mächtig, daß sie die ganze Welt beeinflussen?" fragte Bukor, "Wir kennen sie nur als Götter oder Dämonen und wissen nur wenig von ihnen. Erst seitdem Ihr auf Olyman gewesen seid, wissen wir, daß Fatom nur eine von vielen Welten ist, um die sich die Mächte von Ordnung und Chaos streiten. Warum wehren wir uns nicht gegen diese Willkür? Können wir nicht ohne Götter unsere Geschicke lenken?"

        "Vielleicht wird unsere Reise nach Luma darauf ein Antwort bringen", meinte Tangerus leichthin, "und wie Ihr selbst sagtet, ist die Magische Rose der Schlüssel zu einer Macht, vor der selbst Götter und Dämonen zittern. Vielleicht gelingt es uns mit ihrer Hilfe, uns von der Willkür der Götter zu befreien."

        "Ihr redet wie Ketzer", empörte sich da der Magier Iljuschy, welcher als Gefolgsmann der Ordnung die Worte von Tangerus mit Unbehagen vernahm, "Haben nicht die Herren der Ordnung selbst Eucht den Weg zur Magischen Rose gewiesen? Hilft die Ordnung nicht den Menschen und strebt sie nicht Beständigkeit und Weiterentwicklung an, während das Chaos nur ständige Veränderung, Zerstörung und Verderbnis bringt? Das Chaos ist der Feind, den wir bekämpfen müssen, denn nur die Macht der Ordnung bringt den Welten Ruhe, Frieden und Glück."

        "Und doch will auch die Ordnung die Herrschaft über unsere Welt erlangen - genauso wie die Herren des Chaos", erwiderte Bukor, "Mir mißfällt es sehr, daß wir unser Geschick nicht ohne die Götter lenken, seien sie vom Chaos oder von der Ordnung. Aber es scheint mir, daß wir der Ordnung näher stehen als dem Chaos, und so wollen wir vorerst der Ordnung gefällig sein, solange  sie uns die Freiheit des eigenen Willens läßt."

 

"He!" rief da Tangerus und unterbrach damit die Diskussion, "Da ist der SEEDRACHE von Corius. Ich seh' ihn oben an Deck stehen. Gehen wir zu ihm."

 

        "Seid mir gegrüßt, ihr Herren", schallte Corius' dröhnendes Organ übers Deck, "Ich freue mich, Euch hier zu sehen, verspricht Euer Erscheinen doch ein kühnes Abenteuer, an dessen Ende sicher gute und reiche Beute auf mich wartet."

        "So soll es sein, Corius", lachte Manrath, "doch zunächst müssen wir einige Widernisse auf Luma überwinden. Gelingt es uns, dann werdet Ihr gewiß königlich belohnt werden."

        "Das ist ein Wort", meinte Corius gutgelaunt, "Nun fehlt zu unserer erlauchten Runde nur noch der Kapitän der Kriegsgaleere, die uns begleiten soll."

        "Darauf braucht Ihr nicht länger zu warten",  rief da jemand hinter ihnen.

Sie drehten sich um und sahen den Mann im Waffenrock eines Kapitäns der lippischen Kriegsflotte, der gerade den Landesteg überquerte und an Bord kam.

        "Kapitän Genoles von der dritten Galeere des zweiten Geschwaders zu Euren Diensten", stellte er sich vor.

        "Vortrefflich", meinte Manrath, "Damit wären wir beisammen. Sagt mir, wo Euer Schiff vertäut liegt."

        "Im Nordhafen", antwortete Genoles, "und es ist darauf eingerichtet, zweihundert zusätzliche Männer an Bord zu nehmen und zu befördern, auch wenn es ziemlich eng werden wird. Wenn Eure Soldaten eintreffen, können wir in See stechen, sofern Kapitän Corius den Proviant geldaden hat, denn der muß vollständig mit dem SEEDRACHEN befördert werden."

        "Entschuldigt, ihr Herren", sprach da Corius bedauernd, "aber mit dem Proviant müssen wir noch zwei Tage warten. Es ist noch nicht genug Salz, Pökelfleisch und Obst eingetroffen. Und das ist sehr vonnöten für eine Fahrt mit so vielen Leuten."

        "Dann warten wir eben noch zwei Tage und genießen das Leben hier in Magaro", lachte Bukor, "Und wie ich meine, ist hier genug Trubel, um fröhliche Kurzweil zu gestatten. Ich für meinen Teil werde mich mal ein wenig in den Schänken umsehen."

 

 

Kapitän Genoles erwirkte bei der Hafenmeisterei, daß er für seine Galeere einen neuen Ankerplatz neben dem SEEDRACHEN bekam, so daß beide Schiffe auf einem Wege beladen werden konnten, was weniger zeitraubend war. Am vierten Tage nach ihrer Ankunft schifften sich Tribun Haukyn und die Obristen Zantigan und Nemigon mit ihren Soldaten auf der Kriegsgaleere ein, während sich die Ritter und der Magier auf dem SEEDRACHEN einrichteten.

Dann stachen die beiden ungleichen Schiffe in See und nahmen Kurs nach Süden.

Vorbei ging es an der Küste Salis, dann weiter nach Osten durch die Enge zwischen Idara und Spadalo, dort wieder südwärts durch die Enge zwischen Spadalo und Luma, bis sie die Westküste der verfluchten Insel ansteuerten, wo sie an Land zu gehen beabsichtigten.

 

 

Zur gleichen Zeit spielten sich im Norden Lippias auf der Festung Schwanenwehr einige bedeutsame Dinge ab. Ein Mann namens Bontemos, der im Range eines Ob-Tribuns stand, ohne jedoch eine Tasion, Letasion oder Pantasion zu befehligen, bat um Audienz mit Lord Rikard, dem Herrn der lippischen Nordprovinzen. Ob-Tribun Bontemos befehligte zwar keine Soldaten, doch er war für den Lord ebenso wichtig wie eine ganze Armee. Dieser Mann war der Kommandeur der "Geheimen Kundschafter", die für Lord Rikard auf dem gesamten Kontinent spionierten, intrigierten und auch vor Attentaten, Morden und Entführungen nicht zurückschreckten. Ein schwarzer Stern war ihr Zeichen und im Volksmund nannte man sie die "Gilde vom schwarzen Stern", ohne daß man wußte, wer zu dieser Gilde gehörte."

 

        "Ob-Tribun Bontemos entbietet Euch seinen Gruß, mein Lord", sprach der Ankömmling, als er in Rikards Arbeitszimmer trat.

        "Was verschaft mir die Ehre Eures überraschenden Besuches?" fragte Rikard, während er sich erhob und dem Besucher die Hand reichte.

        "Ich bringe Euch gute Nachrichten, mein Lord", antwortete Bontemos, "denn wir haben die gottinischen Barone Wydholt und Hopelos gefangen."

        "Fürwahr!" rief der Lord überrascht, "Das ist wirklich eine gute Nachricht. Wo sind sie eingekerkert?"

        "Nicht weit von hier, mein Lord. Wir haben sie in der Ortschaft Lutow unter sicherer Bewachung. Sie können nicht mehr entkommen."

        "Seid dessen nicht zu sicher! Verzweifelte Männer greifen zu verzweifelten Mitteln, um sich zu retten."

        "Diese nicht mehr", meinte Bontemos mit einem boshaften Lächeln, "Niemand kann fliehen, wenn ihm die Füße abgehackt wurden."

        "Laßt sie herbringen", befahl der Lord, "denn sie sollen hier auf Schwanenwehr sterben. Für Euch aber habe ich eine neue Aufgabe. Entsendet Eure besten Leute nach Hambonia. Dort kämpft man noch immer gegen die Horden der Frikans. Doch bald werden die Hambonen dieses Gefahr gebannt haben, wenn wir nichts dagegen tun. Eure Aufgabe wird es sein, in Hambonia für Verwirrung und Unsicherheit zu sorgen, damit man dort nicht mehr zur Ruhe kommt. Brennt Dörfer nieder, überfallt Handelszüge, tötet Offiziere des Hambonenheeres, wiegelt das Volk gegen seine Herrscher auf, intrigiert am Hofe von Hamborna, beeinflußt die hambonischen Feldherren. Kurzum,   unternehmt alles, was in Euren Kräften steht, um ganz Hambonia ins Chaos zu stürzen. Ihr habt dafür ein volles Jahr Zeit, denn dann werden wir mit all unserem Kriegsvolk in das Land der Drachensöhne einfallen und es endgültig zu Boden zwingen."

        "Das wird nicht leicht sein", meinte Bontemos, "denn die Hambonen wissen von unserer Existenz und haben selbst gute Spione."

 

Der Lord überlegte einen Moment, dann sprach er: "Es gibt eine weitere Möglichkeit, um die Hambonen zu schwächen."

        "Und welche wäre das?" fragte Bontemos neugierig.

        "Ganz einfach", meinte der Lord, "Helft den frikanischen Wilden, nach Hambonia zu gelangen. Schmuggelt sie ins Land hinein, so daß die Truppen der Hambonen nicht nur in den küstennahen Gebieten, sondern im ganzen Land nach ihnen suchen müssen. Solange diese Wilden ihr Unwesen treiben, können sich die Hambonen kaum um etwas anderes kümmern."

        "Eine gute Idee", lachte Bontemos, "Das wird ein Gesellenstück, an dem sich die Hambonen die Zähne ausbeißen werden. Wir werden Eure Wünsche erfüllen, mein Lord. Wir werden Hambonia erschüttern, so daß es Euch wie eine reife Frucht in die Hände fallen wird."

        "Gut", nickte der Lord, "Doch zunächst bringt die gottinischen Barone her, damit ich sie hängen lassen kann."

 

 

Am selben Tag, an dem die gottinischen Barone starben, trafen sich an einem geheimen Ort die führenden Köpfe der "Geheimen Kundschafter".

Es waren zehn Männer: Ob-Tribun Bontemos, die Tribune Skorpios, Kaimas, Brandos und Giesan, sowie die Obristen Sickinus, Hallass, Belgon, Massan und Dirkos.

Sie waren Offiziere des lippischen Heeres, doch sie befehligten keine Kriegsleute, aber die Scharen von Frauen und Männern, die ihnen folgten, waren ebenso gefährlich wie ein starkes Heer.

 

        "Ihr Herren", begann Bontemos zu sprechen, "Ich habe von Lord Rikard eine Aufgabe gestellt bekommen, für die wir all' unsere Mittel und Fähigkeiten einsetzen müssen."

        "Welche Aufgabe ist es?" fragte Skorpius, der für die Abwehr feindlicher Spione zuständig war.

        "Wir sollen das Reich Hambonia auf unsere spezielle Weise ins Chaos stürzen, so daß es einem Angriff kein Paroli mehr zu bieten vermag. Denn wisset, ihr Herren, wenn die Dauer eines Jahres verstrichen ist, werden Lippias Heere zum Sturm auf das hambonische Reich antreten. Unsere Aufgabe ist es, Hambonias Widerstandskraft zu schwächen, damit den Lords der Sieg sicher ist."

        "Dann sollten wir uns zunächst einmal ins Gedächtnis rufen, welche Möglichkeiten wir bereits in Hambonia haben", meinte Kaimas, der Planer unter ihnen.

        "Ihr seid derjenige unter uns, der dies am besten weiß", meinte Bontemos.

        "Nun gut", begann Kaimas, "Zunächst einmal ist es einigen von unseren Leuten gelungen, Berater im hambonischen Kriegsrat zu werden, doch bisher haben sie ihren Einfluß nicht genutzt. Weiter sind ein Dutzend jener Grafen, welche die Grenztruppen an der hambonisch-delemanischen Grenze befehligen, uns inzwischen ergeben, da sie unser Gold mehr lieben als ihr Land. Auch der Befehlshaber der starken Festung Goban an der hellebonischen Grenze ist auf unserer Seite."

        "Soweit so gut", meinte Bontemos, "Ihr, Kaimas, werdet dafür sorgen, daß unsere Leute im hambonischen Kriegsrat ihren Einfluß zu nutzen beginnen und für fehlerhafte Entscheidungen sorgen. Sickinus, Hallass und Belgon, Ihr werdet Euch darum kümmern, daß Raubüberfälle und Attentate die Hambonen nicht zur Ruhe kommen lassen. Massan und Dirkos, Ihr werdet mit den frikanischen Wilden verhandeln und dafür Sorge tragen, daß sie unbemerkt ins Landesinnere von Hambonia geschmuggelt werden. Ihr, Skorpius, habt darüber zu wachen, daß unsere Spione nicht entlarvt werden. Ich selbst werde mich nach Hambonia begeben und ein Attentat auf die Hambonenkönige vorbereiten. Wenn uns nur die Hälfte dieser Vorhaben gelingt, wird Hambonia den Lords in die Hände fallen."

 

 

        "Warum habt Ihr die gottinischen Barone hinrichten lassen?" fragte Lady Rikana voller Abscheu über Rikards Tun, "Sie haben nichts getan, was nach lippischem Recht eine Hinrichtung gerechtfertigt hätte. Es war gemeiner Mord, Rikard."

        "Sie waren Feinde des Reiches und sie hätten nichts unversucht gelassen, uns zu schaden. Ihr Tod war eine politische Notwendigkeit", lautete die Antwort des Lords von Schwanenwehr.

        "Nein, Rikard", entgegnete sie, "Für dieses Handeln gibt es keine Entschuldigung. Ihr habt Euch auf eine Stufe mit Meuchelmördern gestellt. Darum will ich nicht länger Eure Gefährtin sein. Ich löse hiermit unsere freie Gefährtenschaft auf und werde nach Romena heimkehren."

        "Dann geht!" stieß der Lord zwischen den Zähnen hervor."

 

Abrupt wandte sich Lady Rikana ab und verließ den Raum.

Düster sah ihr der Lord nach, dann ließ er sich vor dem prasselnden Kaminfeuer in einem Sessel nieder und starrte grübelnd in die Flammen.

 

 

Die beiden Schiffe gingen dicht unter der Westküste Lumas vor Anker. Als erste gingen Tribun Haukyn und fünfzig Schwertkämpfer an Land; ihnen folgte Obrist Nemigon mit wiederum fünfzig Armbrustschützen. Sie schwärmten schnell aus, um die Gegend zu erkunden und die nachfolgenden Landungstrupps vor unliebsamen Überraschungen zu bewahren. Dann kamen die Ritter Bukor, Manrath und Tangerus an Land, gefolgt von den restlichen Schwertträgern und Armbrustschützen.

Sie zogen die Boote auf's Land, das keinen sehr einladenden Eindruck machte.

Vor ihnen lagen weit ausgedehnte, brodelnde Sümpfe, von denen übelriechende Dämpfe herüber wehten, so daß die Männer angewidert die Mienen verzogen.

 

        "Wir müssen wohl zuerst einmal einen gangbaren Weg durch diesen Morast finden", meinte Manrath stirnrunzelnd, "sonst sinken wir dort gewiss ein und sterben jämmerlich."

 

Kaum hatte er das gesagt, da ertönten die Alarmschreie der Männer, die schon weiter zu den Sümpfen vorgedrungen waren.

Aus dem brodelnden Schlamm wälzten sich mit brüllendem Schnauben riesenhafte Echsen, die den Drachenungeheuern aus grauer Vorzeit erschreckend ähnlich sahen. Mehr als ein Dutzend dieser schuppenbewehrten Lindwürmer wälzte sich drohend auf die Männer zu, die zunächst vor Schreck wie zu Stein erstarrt schiennen. Dann aber besannen sich die Krieger und die Schützen legten ihre Armbrüste an. Die Geschossbolzen sausten durch die Luft und prallten mit hölzernem Klacken auf die schuppengepanzerten Leiber der Ungetüme, von denen immer mehr aus dem vorher so leblos scheinenden Sumpf hervorkrochen. Die meisten der Geschosse aber prallten an den harten Schuppen ab. Nur einige wenige trafen zwischen die Schuppenglieder, was die getroffenen Ungeheuer mit schmerzerfülltem Gebrüll quittierten, ihre Angriffslust jedoch noch mehr steigerte.

 

        "Zielt auf die Augen und in den Rachen!" rief Manrath, "Ihre Leiber sind fast unverwundbar."

Sofort versuchten einige der Schützen seinen Rat zu befolgen. Es gelang ihnen tatsächlich, drei der Bestien zur Umkehr zu zwingen und eine sogar zu töten, aber das war nichts gegen die Flut der schuppigen Giganten, die sich unaufhaltsam näherte.

 

        "Zurück in die Boote!" brüllte Bukor, "Denen sind wir nicht gewachsen!"

Die Männer rannten zu den Booten zurück, um sie hastig ins Wasser zu schieben. Sie hätten es wohl nicht mehr geschafft, den Riesenechsen zu entkommen, wenn sich die Kapitäne Corius und Genoles ihre Lage erkannt und eingegriffen hätten. Auf ihren Befehl hin begannen die Kanonen der beiden Schiffe auf die Ungeheuer zu schießen und ihre Geschosse hatten weit größere Wirkung als die Armbrüste. Ein halbes Dutzend der Ungeheuer wurde niedergestreckt, die anderen wichen zurück. Die Männer am Ufer sprangen in die Boote und machten, daß sie zurück zu den Schiffen kamen.

 

 

Auf beiden Seiten der Hafeneinfahrt standen runde, hohe Türme mit außenliegenden, eingemauerten Treppen aus Granit. Auf der obersten Plattform trugen sie kleinere Türmchen mit großen Öffnungen, in denen nachts Feuer unterhalten wurden, als Leuchtzeichen für die Schiffe, die in der Nacht den Hafen ansteuerten. An die Türme schloß, von einer schrägen Rampe und einem Stück sandigen Strandes abgesehen, eine massive Kaimauer an. In die Blöcke der Mauer waren Baumstümpfe eingelassen, deren obere Ränder von Eisenbändern zusammengehalten wurden - Poller, an denen man die Schiffe vertäute.

Dicht dahinter erstreckte sich eine durchgehende Reihe von Laubbäumen, die im Sommer viel Schatten spendeten. Bänke und Tische aus Sandstein, Granit und Bohlen standen hier, knapp dahinter begannen die Gebäude. Sieben riesige Magazine, zehn Schänken, zwei große Hallen, in denen Schiffe gebaut wurden, eine Halle mit einer umfangreichen Seekartenbibliothek und dazugehörigen Schrift-Archiven, in denen Verwalter und Schreiber uneingeschränkte Herrscher waren. Zwischen den Gebäuden führten Straßen und Gassen in die höhergelegenen Zonen der Hafenstadt Lübeka. Im großzügig angelegten Hafenbecken, das durch eine schmale Felsbarriere vom offenen Meer abgeschirmt war, lagen achtundvierzig Langschiffe der hambonischen Kriegsflotte vor Anker. Und gerade diese Kriegsschiffe genossen derzeit die ungeteilte Aufmerksamkeit zweier Männer, die nahe der Kaimauer auf einer Bank saßen und leise miteinander sprachen. Diese beiden waren keine anderen als die lippischen Obristen Sickinus und Hallass von den geheimen Kundschaftern.

Und ihr Gespräch war sicherlich nicht für fremde Ohren bestimmt, denn darin ging es um einen hinterhältigen Anschlag auf die im Hafen liegenden Kriegsschiffe.

        "Ich habe siebzig Mann in der Stadt", meinte Hallass mit leichtem Lächeln, "Die müßten eigentlich genügen. Morgen nacht werden diese Schiffe dort brennen, mein Wort darauf. Zudem werden ein paar Bogenschützen die Wachen am Osttor beschießen und dort ebenfalls Feuer legen, während wir uns hier mit den Schiffen beschäftigen. Das wird die Stadtwache zunächst ablenken, so daß wir es nur mit der Hafenwache und den Deckwachen auf den Schiffen zu tun haben. Die Hafenwache zählt nur fünfzehn Mann, dickbäuchig und unerfahren im Kampf, und auf den Schiffen steht nur jeweils ein einziger Wächter. Die sind schnell beiseite geschafft."

        "Hoffen wir nur, daß Eure Leute zuverlässig sind. Wenn die Hambonen etwas herausbekommen, sind wir erledigt."

        "Keine Sorge", winkte Hallass ab, "Es sind Leute aus dem ehemaligen Mesana. Die hegen ja einen alten Groll gegen Hambonen und Cromanons, weil diese damals Mesana gewaltsam unterwarfen. Auf diese Männer kann ich mich verlassen. Morgen nacht werden die Schiffe im Hafen in Flammen aufgehen."

 

 

        "Es wäre sinnlos, noch einmal hier an der Westküste an Land zu gehen", meinte Manrath, "Selbst wenn es den Sumpf nicht gäbe, würden wir wohl kaum an den Ungeheuern vorbei kommen. Wir müssen einen anderen Landeplatz suchen."

        "Dann bleibt uns nur die Blutbucht", meinte Corius, "und die gefällt mir ebenso wenig wie das hier."

        "Die Blutbucht?" fragte Bukor neugierig, "Was hat es damit auf sich? Erzählt uns mehr darüber."

        "Nun", begann Corius, "ich war auf meiner ersten Seefahrt, nachdem ich das Leben als freier Söldner satt hatte, schon einmal dort. Wenn man an der Südküste Lumas entlang ostwärts fährt, stößt man auf eine Landzunge, die etwa einen Tagesritt weit ins Meer reicht. Segelt man nun an der Landzunge entlang wieder auf Lumas Mitte zu, so gelangt man in eine Bucht, in der das Wasser aus unerklärlichem Grunde rot wie Blut ist. Deshalb der Name dieser Bucht. An der Stelle, wo das Wasser rot wird, gibt es sehr gefährliche Riffe, die nur wenige Fingerbreit aus dem Wasser ragen, so daß sie kaum zu erkennen sind. Es gibt nur eine einzige schmale Durchfahrt, die ich allerdings noch kenne. Sie ist nur wenige Handbreiten breiter als unsere Schiffe und darum sehr tückisch. Dort müssen wir uns sehr in Acht nehmen. Die Blutbucht ist von zwei Seiten von Steilküsten eingeschlossen, nur am Ende kann man anlanden. Aber dort kenne ich mich leider nicht weiter aus. Nur eines weiß ich noch von damals: Obwohl es heller Tag war, konnte man das Land hinter dem Strand nicht erkennen, denn es war völlig eingehüllt von einem dunklen Nebel, der schwärzer war als die finsterste Nacht. Es gibt da so manche Schauergeschichte alter Seeleute, in denen dieses Gebiet die 'Ebene der Nacht' genannt wird. Dort müssen wir an Land gehen."

        "Dann laßt uns Kurs auf diese Blutbucht nehmen, damit wir endlich weiter kommen", meinte Bukor ungeduldig.

 

 

        "Es geht los, Leute", flüsterte Hallass.

Er kauerte mit fünfzig Männern auf der Landzunge, die den Hafen vom Meer trennte. Sie waren alle nur mit kurzen Hosen bekleidet und hatten ihre Körper mit Fett eingerieben. Jeder war mit einem Kurzschwert bewaffnet und hatte einen tönernen Krug dabei, der wasserdicht verschlossen war, worin sich leicht brennbares Öl mit einem ebenfalls wasserdichten Päckchen Zündhölzer befand.

Auf ein Zeichen des lippischen Tribuns glitten sie nahezu lautlos in das dunkle Wasser und schwammen auf die Schiffe zu. Jeder von ihnen wußte genau, welches der Schiffe sein Ziel war.

Wie Raubfische glitten sie durch das Wasser, niemand bemerkte sie.

Die ersten waren bereits bei "ihren" Schiffen angelangt und hielt sich am Steuerruder fest, um noch abzuwarten, bis auch der letzte das ihm zugewiesene Schiff erreicht hatte, damit sie alle gleichzeitig in Aktion treten konnten.

Die abgesprochene Frist lief schließlich ab, dann kletterten die Männer am Steuerruder hoch. Die Bordwachen bemerkten nichts von der Gefahr, die sich ihnen näherte - sie starben schnell und lautlos.

Ohne sich lange aufzuhalten eilten die Attentäter zu den dicht verschlossenen Pulverfässern, die bei den Schiffskanonen vertäut waren, öffneten sie und verteilten das Pulver übers Deck.. Dann zerbrachen sie ihre Tonkrüge mit dem Öl, entzündeten es und sprangen eiligst von Bord, um schnellstens von den todgeweihten Schiffen fortzuschwimmen.

Für die Männer der Hafenwache war es ein erschreckender Anblick, als sie mitansehen mußten, wie plötzlich alle Schiffe fast gleichzeitig in Brand gerieten. Als das Feuer die Pulverkammern der Schiffe erreichte, kam es zu gewaltigen Explosionen, von denen die stolzen Schiffe in Stücke gerissen wurden. Brennende Teile wurden über das gesamte Hafenbecken verstreut und setzten noch weitere Schiffe und Boote in Brand.

Noch während die Attentäter wieder am Ufer der Landzunge anlangten und ihre Kleidung anlegten, ertönten im Osten der Stadt Alarmrufe und Schreckensschreie. Sickinus und seine Bogenschützen begannen ihr tödliches Werk, töteten fast die gesamte Wachmannschaft des Osttores, um kurz darauf wie Phantome in den dunklen Gassen zu verschwinden, nachdem sie zusätzlich noch zwei Häuser in Brand gesetzt hatten.

Das Getöse im Hafen, das Alarmgeschrei der Wachen und das jetzt einsetzende Läuten der Strumglocken riß die Stadt aus dem Schlaf. Soldaten rannten mit Fackeln durch die Straßen, um nach den unbekannten Angreifern zu suchen, doch diese waren längst in der Stadt untergetaucht und nicht mehr zu fassen.

Als der Stadtkommandant die Schreckensnachricht von der Vernichtung der Kriegsschiffe erhielt, wurde er bleich wie der Tod. Ihm wurde schlagartig bewußt, daß man ihm die Schuld am Verlust der Schiffe  geben würde. Das Todesurteil der hambonischen Könige war ihm so gut wie sicher. Vor den Augen seiner entsetzten Adjudanten stürzte er sich ins eigene Schwert.

 

 

Die Trommeln wummerten dumpf und rhythmisch wie der Herzschlag eines Urweltgiganten. Auf der großen Lichtung inmitten des Urwaldes brannte ein großes Feuer, um das unheimlich anzusehende Gestalten in zottigen Fellen zum Takt der Trommeln in einem wilden, animalischen Tanz herumsprangen. Um die Tänzer herum saßen weitere Männer in Felsgewändern, die Häupter geschmückt mit den Schädeln toter Tiere und bisweilen auch mit den Schädelknochen von Menschen. Ihre Gesichter mit den auffällig weit vorstehenden Gebissen ähnelten denen von Affen, so daß man meinen konnte, es mit Wesen zu tun zu haben, die noch keine Menschen, aber auch keine  Tiere mehr waren.

Massan und Dirkos war es ein wenig unheimlich zumute inmitten dieser primitiven Halbmenschen, von denen man wußte, daß es Kannibalen waren. Viele der Frikans hatten menschliche Knochen als Schmuck umgehängt, als Beweise für die Zahl getöteter und verzehrter Feinde. Massan und Dirkos, die als Unterhändler zu den Wilden von Frikan gekommen waren, waren sich alles andere als sicher, daß die Wilden sie nicht als willkommene Abwechslung ihres Speiseplanes betrachteten. Allzu freundlich waren die Waldmenschen bisher nicht zu den beiden gewesen, obwohl man sie bis jetzt nicht feindselig behandelt hatte. Dies mochte aber wohl mehr an den Geschenken liegen, die Massan und Dirkos mitgebracht hatten, wobei es sich zum größten Teil um Waffen aus geschmiedetem Stahl handelte, die natürlich weitaus besser waren als die Waffen der Frikans, die zumeist aus Steinen und Knochen hergestellt waren. Den beiden Lippiern war die animalische Wildheit der Frikans zwar nicht unbekannt gewesen, doch hier, wo sie direkt damit konfrontiert wurden, empfanden sie das mehr als nur unangenehm. Mit Schaudern dachten sie an den Tag, an dem sie auf die Wilden getroffen waren. Nur die Geschenke hatten sie davor bewahrt, sofort umgebracht zu werden. Als sie dann im Lager des Stammes waren, hatte man sie zu einem Mahl geladen, der für die Wilden wohl so etwas wie ein Festschmaus war, nämlich menschliche Gefangene aus dem benachbarten Land Rok. Massan und Dirkos mußten mitansehen, wie die Gefangenen buchstäblich wie Mastvieh geschlachtet und danach am Spieß gebraten worden waren. Als man auch ihnen Menschenfleisch angeboten hatte, und sie es ablehnten, hatte ihr Leben wie an einem dünnen Faden gehangen. Die Wilden fühlten sich beleidigt und waren nahe daran gewesen, ihre beiden Gäste kurzerhand ihrem Festmahl hinzuzufügen. Glücklicherweise hatte Dirkos dem Häuptling erklären können, daß man in Lippia keine Feinde verzehrte, wenn man sie nicht selbst im Kampfe getötet hatte und daß man den Zorn der lippischen Götter heraufbeschwor, wenn man es wagte, die Beute eines anderen zu verzehren.

Der Häuptling schenkte dieser Geschichte Glauben und gab sich damit zufrieden. Dann hatte er wissen wollen, warum sie gekommen seien. Darauf hatten ihm die beiden erklärt, daß sie den Frikans helfen wollten, heimlich ins Land der Hambonen zu gelangen, wo reiche Beute wartete. Der Häuptling hatte ihnen zu verstehen gegeben, daß er dies nicht allein entscheiden könne und eine Beratung mit den Häuptlingen anderer Stämme vonnöten sei.

In den folgenden Tagen hatten die Trommeln im ganzen frikanischen Urwald verkündet, daß ein Rat der Stammeshäuptlinge stattfinden solle.

Und nun saßen sie um das Feuer herum, tanzten ihre rituellen Tänze und ließen sich von den beiden Lippiern erklären, wie sie mit deren Hilfe ins Hambonenland gelangen konnten, ohne sofort von den hambonischen Truppen entdeckt und niedergemacht zu werden....

 

 

        "Aufgepasst!" rief Corius, "Wir nähern uns den Riffen vor der Blutbucht. Lasst ein Lotsenboot zu Wasser!"

Einige der Matrosen ließen eilig ein Ruderboot zu Wasser, in dem Corius selbst mit sechs Ruderern Platz nahm. Ein dickes Tau verband das Boot mit dem SEEDRACHEN, ein weiteres verband wiederum den Segler mit der folgenden Kriegsgaleere.

Corius stand im Bug des Bootes und starrte angestrengt auf das Wasser, um rechtzeitig die gefährlichen Riffe zu erkennen. Die Männer auf den beiden Schiffen drängten sich an Deck, um das unheimliche Phänomen zu sehen, welches der Blutbucht ihren Namen verlieh.

Kaum begann die Schiffe die Lücke zwischen den Riffen zu passieren, da verwandelte sich das dunkle Blau des Wassers wie durch einen bösen Zauber in ein dunkles Rot, so daß man glauben mochte, in einem Meer aus Blut zu schwimmen. Ein Matrose des SEEDRACHEN ließ einen Bottich hinab, um etwas von dem roten Nass zu schöpfen. Arglos holte er den Eimer wieder herauf, tauchte den Finger in die Flüssigkeit und schmeckte vorsichtig mit der Zunge daran. Entsetzt ließ er den Bottich falle, so daß das rote Nass glitschig über das Deck schwappte.

        "Das ist ja richtiges Blut!" rief er schaudernd, "Verdammt, in welches Höllennest fahren wir da bloß hinein?"

Unwillkürlich beteten die Männer zu ihren Göttern, während die beiden Schiffe langsam in die Blutbucht hineinfuhren.

 

 

        "Ob-Tribun Bontemos ist auf Schwanenwehr eingetroffen", sprach Ritter Artos, "Er wünscht Euch zu sprechen, mein Lord."

        "Was? Bontemos ist hier auf Schwanenwehr?" entfuhr es Lord Rikard erstaunt, "Ich dachte, er wäre in Hambonia? Laßt ihn herkommen."

        "Hier bin ich schon, mein Lord", ertönte da Bontemos' Stimme, der jetzt hinter dem Ritter ins Lesezimmer des Lords eintrat.

        "Seid mir gegrüßt, Ob-Tribun. Setzt Euch und berichtet, was in Hambonia vorgeht."

        "Es steht alles zum Besten dort", meinte Bontemos, "Sickinus und Hallass gelang es in Lübeka, achtundvierzig Kriegsschiffe der hambonischen Flotte in Brand zu setzen und völlig zu zerstören. Massan und Dirkos haben das Vertrauen der Frikans gewonnen, die damit einverstanden sind, sich von unseren Leuten nach Hambonia schmuggeln zu lassen. Im ganzen Osten Hambonias ist derzeit wegen der andauernden Frikan-Überfälle die Hölle los. Die Truppen der Hambonen haben alle Hände voll zu tun, die Frikan-Trupps zu jagen. Und unsere Attentate machen ihnen zusätzlich zu schaffen."

        "Wird es Euch rechtzeitig gelingen, das Land so zu schwächen, daß es unserem Angriff nicht mehr standhalten kann?"

        "Noch ist es nicht so weit, mein Lord", dämpfte Bontemos den Optimismus des Lords, "Aber wir haben ein weiteres Vorhaben in Gang gebracht."

        "Laßt hören."

        "Wie schon gesagt, wollen sich die Frikans von uns nach Hambonia bringen lassen. Dafür brauchen wir jedoch mehr Schiffe. Zudem wird die Ostküste von den Hambonen und Cromanons jetzt scharf überwacht, damit die Frikans nicht mehr so einfach mit ihren Flößen anlanden können. Dagegen ist der Norden und der Westen weniger gut gesichert. Wie Ihr wißt, leben an der Westküste die Mesaner, die von den Hambonen unterworfen wurden. Sie hegen noch immer einen tiefen Groll gegen die Hambonen und tun alles, um ihnen zu schaden. Und sie verfügen über gute Schiffe, mit denen man die Frikans auf dem Umweg über die Westküste und durchs ehemalige Mesana nach Hambonia bringen kann. Zu viele unserer eigenen Schiffe würden auffallen und einen Krieg möglicherweise verfrüht auslösen. Das könnten daher die Mesaner übernehmen, wenn wir ihnen versprechen, sie im Freiheitskampf gegen die Hambonen zu unterstützen."

        "Die Hambonen werden aber früher oder später herausbekommen, daß die Frikans mit mesanischen Schiffen zur Westküste gebracht werden", wandte der Lord ein, "Dann werden sie mit Sicherheit gegen die Mesaner vorgehen."

        "Umso besser", meinte Bontemos, "Dann wird es dort zum Aufstand kommen, der uns einen gute Gelegenheit bietet, Hambonia anzugreifen. Die Hambonen werden dann an zwei Fronten kämpfen müssen."

 

 

Crishan von Hamborna, der Hochkönig der Hambonen, hatte in der Reichshauptstadt eine Versammlung des Kriegsrates in der Stadtzitadelle einberufen, um Gegenmaßnahmen gegen die immer bedrohlicher werdenden Einfälle der wilden Frikans zu erörtern.

Auch der Cromanonkönig Harnok und die beiden cromanischen Adligen Graf Fenrir und Baron Göros waren nach Hamborna gekommen.

Mit ihnen trafen auch Baron Borma und Graf Cranos ein. Zudem hatte Crishan auch die Reichsräte Palentor, Kuehan, Milentor, Moratus, Goranek und Lekonos zu sich gerufen, da diese sechs Männer mit der Verwaltung des Reiches beauftragt waren und sich ebenfalls mit dem Problem der Frikan-Überfälle befassen mußten. Hätten die anderen geahnt, daß Reichsrat Moratus kein anderer als der lippische Tribun Kaimas war, so hätten sie ihn wohl auf der Stelle niedergestochen.

 

        "Ich brauche wohl kaum zu erklären", begann Crishan, "warum ich diese Versammlung einberufen habe. Die Einfälle der Frikans werden immer häufiger und bedrohlicher. Gehöfte und kleinere Ortschaften sind längst nicht mehr sicher. Unsere Soldaten suchen unermüdlich das Land nach den Frikan-Banden ab, doch soviele von ihnen auch getötet werden, es strömen immer wieder neue Horden in unser Land. Aber nicht nur die Frikans sind eine Bedrohung. Zusätzlich scheint es weitere Banden zu geben, die mit den Wilden gemeinsame Sache machen. Der Anschlag in Lübeka wurde sicherlich nicht von den Frikans begangen, dazu sind diese Wilden nicht schlau genug. Ich vermute, daß es lippische Attentäter waren, die unsere Schiffe zerstört haben. Und irgendwie habe ich den Verdacht, daß die verfluchten Lippier den frikanischen Kannibalen helfen, unbemerkt in unser Land einzudringen."

        "Über das Engmeer können sie nicht mehr kommen", warf Fenrir ein, "Meine Kriegsschiffe überwachen mittlerweile die gesamte Ostküste und lassen kein Floß der Wilden mehr durch."

        "Und ich habe überall an der Küste Truppen stehen, die den Frikans jede Landung verwehren, falls sie Fenrirs Schiffen entgehen konnten", erklärte Baron Borma.

        "Dann haben die Lippier mit den Kannibalen einen teuflischen Pakt geschlossen, um uns zu verderben!" rief Cranos aufgebracht.

        "Ich bitte um Vergebung, ihr Herren", wandte da Reichsrat Moratus ein, "Aber ich glaube, daß Euer Urteil hier etwas vorschnell ist."

        "Begründet Euren Einwand", verlangte Harnok, der sich bisher zurückgehalten hatte.

        "Nun", begann Moratus, "es ist mir bekannt, daß im Gebiet des ehemaligen Mesana verschwörerische Umtriebe aufgekommen sind. Hambonen und Cromanons werden von den Mesanern gehaßt. Sie betrachten uns als Eindringlinge und Unterdrücker. Ich habe mich besonders um die Vorgänge in Lübeka gekümmert und Erkundigungen bei der dortigen Stadtwache einholen lassen. Einer der Attentäter wurde auf der Flucht getötet. Inzwischen weiß man, daß es ein Mann namens Remiko aus dem Dorf Mikal ist, welches bekanntlich im ehemaligen Mesana liegt. Diese Feststellung läßt mich zu der Überlegung gelangen, daß es vielleicht nicht die Lippier, sondern die Mesaner sind, die sich mit den Frikans verbündet haben."

        "Aber wie kommen die Frikans ins Land hinein?" wollte Fenrir wissen.

        "Das könnte durchaus ein Werk der Mesaner sein", meldete sich Reichsrat Palentor zu Wort, "denn die Westküste wird nicht so gut überwacht. Die Mesaner haben sehr gute Schiffe, zwar nur wenige, die aber genügen, um immer neue Horden der Wilden von der asanischen Küste auf dem Seeweg übers Nordmeer zur Westküste zu bringen. Es könnte sogar sein, daß auch die helgonischen Piraten ihre Hand im Spiel haben."

        "Ihr seht", meinte Moratus, "daß auch Palentor ähnliche Überlegungen hegt wie ich selbst. Der Verdacht, daß die Lippier hinter all dem stecken, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch die Möglichkeit, daß die Mesaner ihre Hand im Spiel haben, ist meines Erachtens nach viel wahrscheinlicher."

        "Was Moratus sagt, hat in der Tat Hand und Fuß", überlegte Baron Göros, "Deshalb bitte ich um die Erlaubnis, eine Strafexpedition gegen die Mesaner durchzuführen."

        "Nein", lehnte Hochkönig Crishan ab, "Ich will erst sicher sein, daß die Mesaner und nicht die Lippier die Ursache unserer Schwierigkeiten sind. Also werden wir zuerst unsere Spione einsetzen. Wenn jedoch die Mesaner tatsächlich den Frikans geholfen haben, dann werde ich das mesanische Volk mit Stumpf und Stiel ausrotten lassen."

 

 

Die beiden ungleichen Schiffe erreichten das Ende der Blutbucht und ankerten vor einer Küste, deren Anblick mehr als seltsam und geradezu unheimlich erschien.

War der Strand zu Anfang auch noch mit fast weißem Sand bedeckt, so hörte dieser nach etwa hundert Schritten abrupt auf und machte einer diffusen Zone Platz, die gleich einer Wolke aus absoluter, morbide erscheinender Finsternis am Rande des weißen Strandes wogte.

 

        "Seht", murmelte Corius, "Das da ist die 'Ebene der Nacht'. Niemand weiß, welche Wesen darin hausen und welche Gefahren dort auf uns lauern. Unsere Schiffe werden hier warten, während Ihr Ritter mit Euren Soldaten an Land geht."

        "Wollt Ihr uns nicht begleiten?" fragte Bukor.

        "Nein, ich bleibe auf meinem Schiff, denn weiter kann ich Euch ohnehin nicht führen. Hier beginnt Euer Teil. Ich habe jetzt nur noch darauf zu achten, daß Euch hier mit den Schiffen eine Rückzugsmöglichkeit offen bleibt. Auf jeden Fall wünsche ich Euch viel Glück. Ihr werdet es sicher brauchen können."

 

Die Ritter Bukor, Manrath und Tangerus gingen mit Tribun Haukyns Hundertschaften an Land, wo sie zögernd in die unheimliche Wolke aus Dunkelheit eindrangen.

Vom Schiff aus sah Corius, wie die Männer nacheinander in der schwarzen Wolke verschwanden...

 

Stygische Finsternis umgab die Männer, als sie in den schwarzen Nebel eingedrungen waren. Nicht einmal die Fackeln der Soldaten konnten die Dunkelheit mehr als drei Schritte weit erhellen. Entfernte man sich von einem Fackelträger mehr als diese drei Schritte, so konnte man das Licht bereits nicht mehr sehen und tappte wie blind umher. Es war, als verschlänge diese Finsternis jeden Lichtschein.. Selbst die Geräusche wurden gedämpft, denn sogar laute Rufe waren nur wenige Schritte weit zu hören.

Manrath und Bukor ließen deshalb jeden Befehl von Mann zu Mann weitergeben und wiesen die Soldaten an, immer zu zweit nebeneinander zu gehen, so dicht, daß sie sich an der Schulter fast berührten. Auch durften sie sich nicht mehr als zwei Schritte von den Vorausgehenden entfernen.

In der langen Zweierreihe trug in jeder zweiten Rotte ein Mann eine Fackel, damit die Reihe nicht auseinander riß und sich einzelne Gruppen in der unheimlichen Finsternis verirrten, in der jede Orientierung versagte.

Die drei Ritter gingen an der Spitze - alle drei hatten ihre Schwerter blankgezogen, um eventuell auftauchenden Gefahren sofort begegnen zu können.

Die Armbrustschützen hatten Pfeilbolzen eingelegt und hielten ihre Waffen schußbereit, obwohl es reichlich ungewiß war, daß sie in der schier undurchdringlichen Dunkelheit überhaupt auf etwas zielen konnten.

Fast eine volle Stunde lang marschierten sie unbehelligt durch die neblige Schwärze, dann kam der erste Überfall von Kreaturen, die später von den Männern als "Nachtwürmer" beschrieben wurden.

 

Die "Nachtwürmer" waren durch morbide Magie gezeugte Geschöpfe, nicht mehr als eine der perversen Launen der Chaosherren, die einen abartigen Gefallen daran fanden, soche widerliche Kreaturen zu erschaffen. Die Biester hatten einen wurmartigen Leib von etwa zehn Schritten Länge, so dick wie ein Pferdeleib; der Kopf hingegen glich mehr dem eines Hundes, jedoch mit übergroßer Schnauze, die ein fürchterliches Gebiß mit fingerlangen, messerscharfen Reißzähnen beherbergte.

Man konnte sie in der Dunkelheit kaum wahrnehmen, denn ihr monströser Leib war ebenso schwarz wie die hier allesbeherrschende Finsternis.

Niemand bemerkte, wie sich die Bestien an die Marschkolonne heranschlichen und so traf der heimtückische Überfall die Männer völlig überraschend.

Mehr als ein Dutzend der ahnungslosen Soldaten wurde plötzlich von Raubtierfängen gepackt und blitzschnell in die Dunkelheit gezerrt - ihren verzweifelten Schreien folgte das schaurige Geräusch berstender Knochen und ihren entsetzten Kameraden stieg der Geruch warmen Blutes in die Nasen.

Alarmschreie gellten auf, einige der Schützen schossen blindlings in das Dunkel hinein. Wütendes Geheul zeigte ihnen, daß einige Geschosse ein Ziel gefunden hatten.

Direkt hinter den drei Rittern brüllte Tribun Haukyn plötzlich erschrocken auf, als vor ihm ein weit aufgerissenes, gräßliches Gebiß auftauchte, das geifernd nach ihm schnappte.

Reflexartig stieß er mit der brennenden Fackel mitten in den Rachen hinein, worauf markerschütterndes Kreischen ertönte, das ihn fast taub werden ließ.

Mit der noch brennenden Fackel im Rachen warf sich die Bestie herum und verschwand röchelnd in der Finsternis.

Geistesgegenwärtig brüllte Haukyn nach hinten: "Brennt sie mit den Fackeln. Sie fürchten das Feuer!"

Ein großer Teil der Fackelträger in der Kolonne hatte bereits ähnliche Erfahrungen gemacht. Nun stießen sie den angreifenden Bestien die Fackeln entgegen, um den Attacken zu begegnen.

Die widerlichen Monströsitäten fürchteten das Feuer aus gutem Grunde, denn ihre glatte Haut war mit einem schleimigen Sekret behaftet, das wie Öl brannte und den Flammen reichlich Nahrung bot.

Kurze Zeit später wanden sich Dutzende der Ungeheuer in namenloser Pein am Boden, als ihre ekelerregender Körper in hellen Flammen standen. Der Gestank verbrannten Fleisches begann die Luft zu verpesten, so daß die Männer hustend und keuchend nach Atem rangen.

Doch immer neue dieser Chaosgeschöpfe krochen heran, krümmten ihre wurmartigen Leiber und schnellten mit verblüffender Gewandtheit vorwärts, um ihre Fänge in zuckendes Fleisch und verzweifelt um sich schlagende Körper zu schlagen. Sie kamen zu Hunderten, eine endlos scheinende Flut schwarzer Kreaturen, in die die Schützen unablässig hineinschossen, inzwischen mit brennenden Pfeilbolzen, die erstaunliche Wirkung zeigten.

In der Mitte der Kolonne wurden die Attacken am leichtesten abgewehrt, dort setzte Iljuschy seine magischen Kräfte gegen die Monstren ein. Unter dem Einfluß seiner Magie wandten sich viele der Bestien gegeneinander und begannen sich gegenseitig zu zerfleischen.

Auch die drei Ritter an der Spitze wurden hart von den Bestien bedrängt. Immer wieder hieben sie mit ihren Schwertern in die schleimigen Leiber der Kreaturen hinein und töteten eine nach der anderen.

 

Da brüllte Tangerus plötzlich schmerzgepeinigt auf.

Einer der Nachtwürmer hatte nach seinem Schwertarm geschnappt und die messerscharfen Zähne bohrten sich in das Fleisch seines Unterarms. Schon schlossen sich die schrecklichen Kiefer um den Arm, schon begann der Knochen zu brechen, da trennte ein sausender Hieb Bukors den Kopf der Bestie vom Rumpf. Die Kiefer öffneten sich in einer Reflexbewegung und gaben den schlimm zugerichteten Arm im letzten Augenblick frei.

Doch Tangerus war mit dem fast zerfleischten Arm nicht mehr in der Lage, sein Schwert zu halten. Ein Soldat riss einige Stoffstreifen aus dem Umhang des Ritters und verband dessen Arm, um die starke Blutung aufzuhalten. Der Ritter nahm dies indessen nicht mehr wahr, denn durch den furchtbaren Schmerz hatte er das Bewußtsein verloren.

 

Da hörten die Angriffe unvermittelt auf und die Bestien zogen sich hastig in die Finsternis zurück.

Die Kolonne hatte sich auch während des Kampfes weiterbewegt und jetzt konnten die Vordersten einen schwachen Lichtschein erkennen, der das Ende des schwarzen Nebels anzukündigen schien.

 

Als sie endlich die "Ebene der Nacht" verlassen hatten, erkannten sie westlich von ihnen eine schroffe Gebirgskette, die sich entlang des gesamten Horizontes erstreckte.

        "Da müssen wir hinüber", meinte Bukor, "Den Legenden der Alten zufolge müßte es dort aber einen Durchgang geben."

        "Wo ist eigentlich Iljuschy?" wollte Manrath wissen, "Er ist doch unser Pfadfinder."

        "Er ist weiter hinten in der Marschkolonne", meldete sich Tribun Haukyn, "Ich werde ihn holen lassen."

 

Die Ritter mußten ein Weilchen warten, bis der Magier bei ihnen angelangt war, denn dieser machte keine Anstalten, sich zu beeilen.

        "Kommt schon, Magier!" rief Bukor ungeduldig, "Ihr seid doch nicht zum Lustwandeln hergekommen. Ihr sollt uns so schnell wie möglich zur Residenz der Chaosherren führen. Also beeilt Euch und zeigt uns den Weg."

        "Gemach - gemach", brummte Iljuschy, "Ihr werdet noch früh genug dorthin gelangen. Dort im Westen gibt es einen Durchgang durch das Gebirge. Dahinter liegt eine recht trostlose Steppe, die wir durchqueren müssen. Dort werden wir vielleicht auf die 'Kupfermänner' treffen, die ebenfalls Kreaturen des Chaos sind. Es sind gefährliche Widersacher, gefährlicher noch als die 'Nachtwürmer', denn es sind für den Kampf geschaffene Wesen von mächtiger Gestalt. Ihre Haut ist mit kupfernen Schuppen bedeckt, die Stahl nur schwer zu durchdringen vermag. Selbst bei schwersten Verletzungen bedarf es noch magischer Gewalt, um sie vollends zu vernichten, was meine Aufgabe sein wird. Wenn die Steppe durchquert ist, werden wir wieder auf ein großes Bergmassiv stoßen, auf dessen höchstem Gipfel YUTHATOR steht, das Schloß der Dämonen und die hiesige Residenz der Chaosfürsten. Sofern wir bis dahin noch am Leben sind, wird dort der schlimmste Kampf zu bestehen sein, denn auf YUTHATOR haust ein Heer von Dämonen. Hoffen wir, daß keiner der Chaosfürsten selbst dort zugegen ist, denn dann sind wir allesamt verloren, sofern uns nicht die Götter der Ordnung zu Hilfe kommen. Aber das ist nur möglich, wenn ich mich innerhalb der Mauern von YUTHATOR befinde und dort ein magisches Tor schaffe, das die 'Legionen des Lichts' herbeizuholen vermag. Wir müssen also in das Dämonenschloß eindringen und uns dort so lange halten, bis ich das Tor geschaffen habe. Alles weitere liegt dann nicht mehr in unserer Hand."

        "Dann lasst uns nicht länger hier herumstehen und schwatzen", meinte Bukor, "Lasst und endlich weiterziehen."

 

        "Bei allen Göttern! Was geschieht da mit Tangerus?" rief Manrath plötzlich und zeigte entsetzt auf den Verletzten, der auf einer provisorischen Trage lag und mit dem jetzt eine grausige Verwandlung vorging.

Der Leib des noch immer Besinnungslosen begann sich aufzublähen und schwärzlich zu verfärben. Sein Antlitz verzerrte sich zu einer gräßlichen Fratze, aus der eine lange Schnauze herauszuwachsen begann. Arme und Beine schrumpften in den Körper hinein, der zugleich immer dicker und länger zu werden begann.

Schaudernd wichen die Männer vor dem häßlichen Ding zurück, in das sich der unglückliche Tangerus immer schneller verwandelte.

        "Tötet ihn!" schrie Iljuschy, "Schnell, tötet ihn, bevor er wach wird! Das Gift der Nachtwürmer ist in sein Blut gelangt - nun wird er selbst einer von ihnen. Tötet ihn, damit wenigstens seine Seele vor dem Verderben bewahrt wird.!"

 

Alle standen wie erstarrt da, voller Entsetzen über das, war mit dem Ritter geschah. Dann aber rührte sich Manrath endlich und stieß sein Schwert tief in den Leib des Verwandelten, der sich zuckend aufbäumte und dann still liegen blieb. Als Manrath mit totenbleichem Gesicht zurücktrat, begann sich die Bestie wieder in den Ritter zurückzuverwandeln - die Finsternis war um ein Opfer betrogen worden.

Traurig begruben sie den toten Ritter und bedeckten sein Grab mit schweren Steinen. Dann zogen sie weiter gen Westen......

 

 

Durch eine tiefe, düstere Schlucht waren sie durch die Gebirgskette gedrungen und hatten die von Iljuschy beschriebene Steppe erreicht.

Einen Tag und eine Nacht lang zogen sie völlig unbehelligt durch die trostlose Steppe, dann trafen sie auf die Kupfermänner.

Zuerst glaubten die Lippier, nur kupferne Statuen vor sich zu haben, die unbeweglich in der Ebene standen. Sie waren so groß wie drei Männer und doch waren ihre Körper wohlproportioniert wie die von Athleten. Nur ihre Gesichter paßten nicht zur Vollkommenheit ihrer Körper, denn sie wirkten tierhaft und primitiv.

Es waren fünf kupferne Titanen, bewaffnet mit Schwertern von zwei Manneslängen. Unbeweglich standen sie da und erwarteten die lange Kolonne der herankommenden Lippier.

 

        "Gebt acht, Freunde", warnte Iljuschy, "Laßt Euch nicht von ihrer scheinbaren Unbeweglichkeit täuschen, denn sie können sich schnell wie der Blitz bewegen. Wir müssen sie alle fünf töten, bevor einer von ihnen noch weitere ihrer Art herbeiholen kann."

Noch während der Magier sprach, sahen die Lippier, wie die Giganten ihre mächtigen Schwerter hoben und gemächlich herankamen, dabei mit jedem Schritt gut eine volle Pferdelänge zurücklegend.

        "Armbrustler!" kommandiert Nemigon, "Zielt und schießt!"

Mehrere Dutzend Pfeilbolzen sausten auf die Giganten zu. Die meisten davon trafen - und prallten wirkungslos von der kupfernen Schuppenhaut der Riesen ab.

Jetzt griffen die kupfernen Titanen an.

Wieder schossen die Armbrustler eine Salve ab, die jedoch ebenso geringe Wirkung wie die erste zeigte. Aber jetzt war zu erkennen, daß die zahlreichen Treffer den Giganten trotz der Undurchdringlichkeit ihrer kupfernen Haut erhebliche Schmerzen zufügten.

        "Schießt auf ihre Augen!" rief Iljuschy, "Dort sind sie verwundbar. Und die anderen Männer sollen nach ihren Beinen schlagen. Der Schmerz wird sie vielleicht lähmen."

Bevor man aber der Weisung des Magiers folgen konnte, waren die fünf Riesen schon herangekommen und mähten mit furchtbaren Streichen gleich vierzehn Schwertkämpfer nieder, die sich ihnen tollkühn entgegengestellt hatten.

Dann aber sauste die dritte Salve von Pfeilbolzen heran, diesmal auf die Gesichter der Riesen gezielt. Diese erkannten die Gefahr und rissen reflexartig die Arme hoch, um ihre Augen zu schützen. Das wiederum ermöglichte es einigen Dutzend Schwertkämpfern, an die Giganten heranzukommen, wo sie wie Berserker auf Beine und Unterleiber der Riesen einschlugen.

Die Kupfernen waren offensichtlich überrascht von der Art und Entschlossenheit des Angriffs, denn zunächst schienen sie nicht zu wissen, wie sie darauf reagieren sollten. Dann aber schlugen sie wütend zurück und töteten jeden, der es wagte, ihnen zu nahe zu kommen.

Die Lippier wichen eilig zurück, denn den gewaltigen Hieben der Riesen konnte auch der beste Schild nicht standhalten. Sofort setzten die Titanen nach, doch jetzt hatten sich die Armbrustler eingeschossen und hielten die Kupfernen nun unaufhörlich unter Beschuß, wobei sie ausschließlich auf deren Augenpartie zielten.

Wieder mußten die Riesen ihr Augenlicht mit den Armen schützen und konnten so ihre mächtigen Waffen nicht mehr so wirksam einsetzen. So schlugen sie nur noch wild um sich, einen Arm dabei immer schützend vor dem Gesicht, womit sie jedoch ihre eigene Sicht behinderten.

Die lippischen Krieger waren nun in der Lage, den ungezielten Hieben auszuweichen. Immer öfter gelang es ihnen nun, den Riesen schmerzhafte Schläge gegen die Beine zu versetzen, was diese mit heiserem Brüllen quittierten, denn ihre Unverwundbarkeit schützte sie nicht vor Schmerzen.

Auch die beiden Ritter beteiligten sich mittlerweile an dem hitzigen Kampf, der inzwischen schon einundzwanzig Männer das Leben gekostet hatte.

Plötzlich gelang es einem der Schützen, einen der Riesen im rechten Auge zu treffen.

Wie vom Blitz gefällt stürzte die mächtige Gestalt zu Boden; der Pfeilbolzen war tief in sein Gehirn eingedrungen und hatte ihn auf der Stelle getötet.

Die anderen vier schienen durch den Tod ihres Artgenossen verunsichert zu sein und wichen vor ihren viel kleineren Gegnern zurück.

Doch da verlangsamten sich ihre Bewegungen; es schien, als würden sie sich durch einen unsichtbaren, zähen Sumpf bewegen.

Dem Magier Iljuschy war es endlich gelungen, seine Kräfte bei den Chaos-Söldnern wirksam werden zu lassen. Immer langsamer bewegten sich die Kupfermänner, bis sie schließlich zu völliger Bewegungslosigkeit verdammt waren.

Für die Lippier war es nun leicht, die erstarrten Giganten umzustoßen und durch gezielte Stiche in ihre Augen zu töten.

 

 

        "Warum habt Ihr Eure Magie nicht viel eher gegen diese Riesen eingesetzt, Iljuschy?" wandte sich Manrath vorwurfsvoll an den Zauberer, "Dann hätten wir nicht einen so hohen Blutzoll zahlen müssen. Warum habt Ihr so lange gezögert?"

Der Magier, der am Boden vor einem mystischen Symbol kniete, das er aus seltsamen Gerätschaften aufgestellt hatte, begann ungerührt seine seine mysteriösen Utensilien einzusammeln und in seine Umhängetasche zu packen. Erst als er damit fertig war und Manrath schon ärgerlich wurde, bequemte er sich dazu, sich gemächlich zu erheben und dem zornigen Peer zu antworten.

        "Ich habe nicht gezögert, Ritter", sprach er leise, "Wisset, daß es weit mehr bedarf als den bloßen Willen, um Magie mit Gegenmagie zu bekämpfen. Die Magie der Finsternis ist ebenso mächtig wie die des Lichtes und nur durch die Veränderung des Gleichgewichtes kann das eine das andere bezwingen. Hierzu bedarf es aber mancher Hilfsmittel, deren Gebrauch schwierig und gefährlich ist. Glaubt mir, Ritter Manrath, hätte ich schneller handeln können, so hätte ich es auch getan. Doch die Kupfermänner waren von einem Schutzbann umgeben, der nur schwer zu durchdringen war."

        "Verzeiht, Iljuschy", murmelte Manrath verlegen, "Ich hätte nicht an Euch zweifeln sollen. Doch ich bin nur ein einfacher Sterblicher und weiß nichts über die Geheimnisse magischer Kräfte. Was aber sollen wir tun, wenn noch mehr dieser kupfernen Titanen auftauchen? Wir würden gegen sie derart viele Männer verlieren, daß unser Unternehmen zum Scheitern verurteilt ist."

        "Wir können uns schon glücklich schätzen", meinte der Zauberer, "wenn es nur einem Dutzend von uns gelingt, in das Dämonenschloß zu gelangen. Uns steht das Schlimmste erst noch bevor, denn noch sind wir auf keinen echten Dämonen getroffen. Dämonen sind zwar sterblich, wenn sie körperliche Gestalt annehmen, um in der Welt existieren zu können, doch sie verfügen über magische Kräfte, die bisweilen auch den meinigen überlegen sind. Wir können sie nur besiegen, wenn wir sie zu überraschen vermögen. Darum laßt uns rasch weiterziehen, bevor sie von unserem Kommen erfahren. Allerdings sollten wir uns verbergen, wenn wir weitere Kupfermänner zu sehen bekommen, damit wir weitere Kämpfe mit ihnen vermeiden."

 

Sie marschierten von nun an nur noch in der Nacht, um so einer Entdeckung durch die Kupfermänner vorzubeugen. Tagsüber gruben sie Löcher in den Boden und verbargen sich darin. Mehrmals sahen sie Gruppen der kupfernen Giganten vorbeiziehen, ohne jedoch noch einmal von ihnen bemerkt zu werden.

Nach zwei Tagen und zwei Nächten erreichten sie ein Felsmassiv, das einfach aus dem Boden der flachen Steppe heraus in den Himmel zu wachsen schien, ohne daß ein Übergang erkennbar war.

Das Felsmassiv, relativ klein in seiner horizontalen Ausdehnung, begann abrupt mitten in der sonst brett-ebenen Steppe und reckte sich fast senkrecht den düsteren Wolken entgegen, die seinen Gipfel verhüllten und so vor ihren Blicken verbargen.

        "Dort oben ist YUTHATOR", sprach Iljuschy und wies nach oben.

        "Und wie kommen wir da hinauf?" wollte Bukor wissen, "Die Felswände sind fast senkrecht und der Stein ist so glatt, als wäre er geschliffen worden. Der beste Kletterer würde hier kläglich versagen."

        "Ihr habt schon recht", meinte Iljuschy, "Dieser Berg ist nicht zu ersteigen. Doch ich weiß, daß es einen anderen Weg gibt und wie er zu finden ist. Die Männer sollen frisches, grünes Steppengras pflücken und damit die Felsenwand ringsum bestreichen. Dort, wo das grüne Gras plötzlich welk wird, ist auch der Weg hinauf nach YUTHATOR zu finden."

 

Sie taten, wie es der Magier geheißen hatte. Und wirklich, an einer Stelle wurde das Gras in den Händen der Männer plötzlich welk, wenn es den Felsen berührte. Als sich dies herumsprach, versammelten sich die Lippier an dieser Stelle und schauten gespannt dem Magier zu, der ein kleines Gefäß mit einer milchigen Flüssigkeit hervorkramte, einen Finger hineintauchte und ein häßlich wirkendes Symbol auf das glatte Felsgestein malte. Instinktiv wußte jeder, daß es sich um ein magisches Zeichen der Finsternis handelte, denn nur ein solches vermochte den Eingang zu einer Domäne der Chaos-Herren zu öffnen.

Endlich zeigten die Bemühungen Iljuschys Erfolg: In dem glatten Fels entstand übergangslos ein tunnelartiger Eingang, der an einer ausgetretenen, breit angelegten Wendeltreppe endete, die im Innern des Felsmassivs nach oben führte.

Die Männer zogen vorsichtshalber ihre Waffen blank, bevor sie mit Bukor, Manrath und Iljuschy an Spitze in den Tunnel eindrangen und die Treppe hinaufstiegen.

Hinter dem letzten Krieger schloß sich der Eingang lautlos und verschwand, als hätte es ihn niemals gegeben.....

 

 

        "Allmächtiger Tamelon, Dämonenfürst der Finsternis", sprach Jarchak der Erzdämon, welcher in der Opferhalle von YUTHATOR vor dem obersten Dämonen kniete, "es gibt keinen Zweifel mehr, daß die Lippier den Kräften der Ordnung dienen, trotz ihrer blutigen Kriege und obwohl einer der lippischen Lord meinen Keim in seinem Geiste trägt. Die Lords helfen der Ordnung, indem sie ein gewaltiges Reich zu schaffen suchen, das die Nachfolge des vergangenen Kamaraan antreten soll.  Es soll größer als Kamaraan werden, bis es ganz Fatom beherrscht. Wird dies geschehen, dann können die Kräfte des Chaos keinen Platz mehr in dieser Sphäre finden, denn ein allesbeherrschendes Weltreich ist eine Manifestation von Ordnung, die in ihrer Stagnation kaum noch zu erschüttern ist. Wir müssen die Feinde der Lippier viel stärker als bisher unterstützen, bevor es zu spät ist und wir aus dieser Sphäre vertrieben werden."

 

Tamelon, der Fürst der Dämonen, antwortete zunächst nicht. Scheinbar sinnend betrachtete er den zu seinen Füßen knieenden Jarchak. Seine mächtige Gestalt ruhte auf einem Thron aus menschlichen Totenschädeln und Gebeinen. Der Leib des Dämonenfürsten glich dem eines gigantischen Bären, wobei anstelle der Vorderpranken achtfingrige, riesige Hände saßen, die mit scharfen Klauen bewehrt und groß genug waren, um einen Stier umfassen und zerquetschen zu können. Tamelon war groß wie ein Turm von fast zwanzig Manneslängen Höhe. Sein gräßlicher Schädel glich dem eines Krokodils mit etwas kürzerer Schnauze, aus der unterarmlange Fangzähne über die hornigen Lippen herausragten. Aus dem widerlichen Schädel wuchsen zudem noch zwei spitze Stierhörner von solcher Länge, daß man fünf Pferde damit aufzuspießen vermochte.

Tamelon zeigte sich am liebsten in dieser Gestalt, doch niemand kannte sein wirkliches Aussehen, nicht einmal die Dämonen, über die er als Vasallenfürst der Chaosgötter herrschte. Er vermochte in zahllosen Gestalten zu erscheinen, als Dämon, Mensch, Tier oder Monstrum gleichermaßen. Und die Gestalt, die er annahm, war niemals eine Illusion, sondern tödliche Realität für jeden, der es wagte, sich ihm entgegenzustellen.

Nach einer Weile des Schweigens dröhnte Tamelons Donnerstimme durch die große Opferhalle von YUTHATOR: "All dies ist mir bekannt, Jarchak. Und du, der du dich mein treuester Diener nennst, hast einen unverzeihlichen Fehler begangen, als du dem lippischen Lord Rikard deinen Dämonenkeim in den Geist gepflanzt hast. Nun ist er für uns gefährlicher als alle anderen Menschen, denn dein Keim kann zwar seine Seele vergiften, aber er ist zu schwach, um ihn zu beherrschen. Rikard von Schwanenwehr ist jetzt ein schlimmerer Feind als zuvor, denn jetzt ist er uns Dämonen viel zu ähnlich geworden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er die magischen Kräfte entdeckt, die du ihm mit dem Keim übertragen hast, du dummer Narr! Und diese Kräfte wird er früher oder später gegen uns verwenden. Das hast du angerichtet, du elender Wurm. Und dafür werde ich dich in das Nichts zwischen den Sphären schicken, damit du dort auf ewig büßen wirst!"

 

Der Erzdämon, der sonst selbst Angst und Schrecken verbreitete, wurde jetzt von namenloser Angst gepackt und sank wimmernd nieder.

        "Habt Erbarmen, mächtiger Herr!" kreischte er verzweifelt, "Vergebt mit meine Torheit. Ich werde meinen Fehler wieder gut machen. Ich werde Lord Rikard töten."

 

Die rotglühenden Augen in dem gehörnten Krokodilskopf starrten nachdenklich auf ihn hinunter.

        "Nun gut, Jarchak, du sollst noch eine Chance haben. Töte Rikard von Schwanenwehr. Dann will ich dir vergeben."

 

 

Keuchend arbeiteten sich die Männer die endlos erscheinende Wendeltreppe hinauf.

        "Bei Godor!" schimpfte Manrath, "Wann endet diese verdammte Treppe endlich? Ich kann bald keinen Fuß mehr heben."

        "Habt noch ein wenig Geduld", antwortete Iljuschy, dem seltsamerweise keine Ermüdung anzumerken war, "Wir werden gleich einen Ort erreichen, wo wir etwas ausruhen können."

        "Das wird auch langsam Zeit", murrte Bukor, "Wir brauchen alle eine Ruhepause, sonst sind wir hinterher viel zu erschöpft, um noch gegen Dämonen kämpfen zu können."

        "Gleich sind wir da, dann ruhen wir aus", versprach der Magier, während er stetig die Stufen hinaufstieg, gefolgt von den anderen, die Mühe hatten, mit ihm Schritt zu halten.

 

Dann endete die Treppe in einer großen Grotte, von deren Decke mächtige Stalaktiten herabhingen.

        "Hier können wir rasten", meinte Iljuschy, "Doch stellt lieber Wachen auf, denn hier ist nach meinem Wissen die Domäne von Ageseff dem Uneinigen."

        "Ageseff?" wunderte sich Bukor, "Diesen Namen habe ich noch nie gehört. Ist das ein Dämon oder ein Chaosgott?"

        "Seid froh, wenn er Eure Worte nicht vernommen hat", warnte der Magier, "denn Ageseff ist von Eitelkeit erfüllt und nichts erzürnt ihn mehr, als daß man ihn für unbekannt hält. Er ist ein seltsames Geschöpf des Chaos, ein sterblicher Halbdämon, der von den anderen Dämonen verachtet wird. Dieses Wesen hat einen menschenähnlichen Leib, doch es besitzt ein halbes Dutzend Köpfe, die ständig miteinander um die Herrschaft über den gemeinsamen Körper streiten. Nur wenn sie auf einen Feind treffen, sind sie sich einig und versuchen mit hypnotischen Kräften den Geist des Feindes zu unterjochen. Wen Ageseff in seiner geistigen Umklammerung hat, den läßt er nimmermehr frei und benutzt ihn als Anhänger und Sklaven. Und wer sich seinem Einfluß nicht rechtzeitig zu entziehen vermag, dessen Geist wird derart verwirrt, bis er völlig irrsinnig ist. Wer jedoch genügend starken Willen aufbringt, den kann Ageseff nicht unterjochen. Allerdings könnte er seine Sklaven auf uns hetzen, die ihm blindlings gehorchen."

        "Ich glaube, Ihr braucht uns nichts weiter von diesem Ageseff erzählen", meinte Manrath plötzlich, "Dort steht er bereits und seine Sklaven sind bei ihm."

 

Sie fuhren herum und sahen die Gestalt von Ageseff, der von etwa drei Dutzend abgehärmter menschlicher Gestalten umgeben war, in deren Augen der nackte Wahnsinn leuchtete. Gleichzeitig vernahmen die Lippier in ihren Hirnen die lockende Stimme des Dämonen, daß sie seine Jünger und Anhänger werden sollten, wofür er sie reich belohnen würde. Ein paar der Soldaten senkten ihre Waffen und begannen langsam und widerstrebend zu dem Wesen hinüber zu gehen. Aber ein scharfes Kommando von Bukor hielt sie zurück und brachte sie sofort wieder zu Besinnung.

Dann hoben die beiden Ritter ihre Schwerter und stürmten auf den Dämonen zu, der zurückwich und ihnen seine Sklaven entgegenschickte.

Doch die ausgemergelten und waffenlosen Gestalten der Unglücklichen konnten die beiden lippischen Peere nicht aufhalten. Ihre Klingen hielten blutige Ernte unter ihnen. Ageseffs Köpfe schrien in grenzenloser Wut, dann aber wandte sich der Dämon zur Flucht. Bevor er jedoch entkommen konnte, bohrten sich vier Pfeilbolzen mit häßlichem Klatschen in seinen Rücken und Ageseff stürzte schrill schreiend zu Boden.

Dann waren die beiden Ritter bei ihm und hackten ihn erbarmungslos in Stücke. Als der Dämon starb, sackten auch seine restlichen Sklaven leblos in sich zusammen.

 

        "Das war ein leichter Sieg", meinte Bukor, während er sein bluttriefendes Schwert säuberte.

        "Freut Euch nicht zu früh", mahnte Iljuschy, "Ageseff war nur ein erbärmlicher Winzling unter den Dämonen. Nur willensschwache Menschen konnten seinem Einfluß erliegen. Die nächsten Gegner, auf die wir treffen werden, sind weitaus gefährlicher."

 

 

Die Ruhepause sollte für die Lippier nicht lange währen.

Die Männer waren gerade etwas eingenickt, da gab einer der Wächter mit gedämpfter Stimme Alarm und schreckte die Krieger hoch.

        "Was ist? Warum gebt Ihr Alarm?" fragte Iljuschy den Soldaten, der ihn wachgerüttelt hatte.

        "Ich habe Schritte gehört. Sie  kommen von oben, wo die Treppe weiterführt."

        "Verdammt!" zischte Iljuschy, "Wir müssen uns verstecken, denn das können nur Dämonenkrieger sein. Vielleicht haben sie Ageseffs Tod gespürt. Löscht die Fackeln und verbergt Euch!"

 

Die Männer spritzten auseinander. Sekunden später waren alle Fackeln gelöscht und die Krieger waren in der Dunkelheit verborgen, obwohl es fragwürdig schien, daß Wesen, die selbst der Finsternis entstammten, nicht die Dunkelheit mit ihren Blicken durchdringen konnten.

Angespannt horchten die Lippier auf die näher kommenden Schritte, als das fremde Wesen die Treppe scheinbar gemächlich herunter kam.

Dann sahen sie es trotz der Dunkelheit, denn es schien in eine grünlich leuchtende Wolke gehüllt zu sein, deren fahles Licht die Höhle auf geisterhafte Weise schwach erhellte. Das Wesen war zweifelsohne ein Dämon. Mit seinem schlangenähnlichen, jedoch mit Gliedmaßen ausgestatteten Körper und dem wolfsähnlichen Gesicht machte es einen furchterregenden Eindruck.

Der Dämon ging ein paar Schritte in die Höhle hinein, dann blieb er abrupt stehen und starrte aus stechenden Augen in das Dunkel hinein - offenbar konnte er die dort lauernden Lippier mühelos erkennen.

 

        "Das ist Jarchak!" rief das Iljuschy, "Der Leibdiener des Drachengottes. Tötet ihn!"

 

Ein Hagel von Geschossen raste Augenblicke danach auf den Dämonen zu, doch keiner der Pfeilbolzen vermochte ihn zu erreichen. Alle Geschosse verharrten kurz vor ihm in der Luft und fielen dann harmlos zu Boden.

Aber jetzt setzte Iljuschy seine eigene Magie ein.

Aus seinen weit aufgerissenen Augen loderten die vernichtenden blauen Flammen, die schon manches Geschöpf der Finsternis in den Tod geschickt hatten. Doch der grünliche Nebel um Jarchak schützte ihn auch vor diesem Angriff. Aber Iljuschy ließ nicht nach. Leuchtende Glühwürmchen schienen jetzt aus seinen Händen zu strömen, die den Dämonen gleich einem Bienenschwarm umschwirrten und den grünen Nebel aufzusaugen begannen.

Jarchak blieb indes nicht untätig und schlug zurück.

Aus dem Nichts entstand ein schattengleiches Ding, einer menschengroßen Fledermaus ähnlich, und schnellte auf den Magier zu, um ihn völlig einzuhüllen. Iljuschy mußte nun selbst um sein Leben kämpfen, denn das Schattenwesen drückte ihn zu Boden und drohte ihn zu ersticken.

Manrath sprang hinzu, um ihm zu helfen. Er griff nach dem Schattending und fuhr erschrocken zurück. Seine Hände fuhren ins Leere, nur lähmende, schmerzhafte Eiseskälte hatte seine Hände kurzzeitig erfasst und sie schlagartig erstarren lassen, so daß er seine Finger nicht mehr bewegen konnte. Auch zwei anderen Lippiern  erging es nicht anders, als sie dem Magier zu Hilfe eilten. Hastig schlugen sie ihre gefühllos gewordenen Hände aneinander, um die eisige Starre daraus zu vertreiben.

Niemand konnte Iljuschy jetzt helfen.

Aber dieser wäre nicht Großmeister der Magie gewesen, wenn er sich nicht selbst zu helfen gewußt hätte.

Plötzlich wuchs sein Körper ins Riesenhafte und sprengte die tödliche Umklammerung des Schattenwesens. Dann züngelten wieder die blauen Flammen aus seinen Augen, worauf die Kreatur lautlos verglühte.

Der Magier schrumpfte wieder auf seine normale Größe und hüllte sich nun seinerseits in eine strahlende Aura, die ihn recht wirksam schützte, als der Dämon erneut Schattenwesen erzeugte, die sich auf den Zauberer stürzten, jedoch schon bei der Berührung seiner Schutzhülle verglühten.

Niemand hätte sagen können, wie lange der unheimliche, fast lautlose Kampf gedauert hätte, wäre nicht Tribun Haukyn gewesen, der in einem Anfall von Tollkühnheit den reglos dastehenden Dämonen mit dem Schwert attackierte, obgleich allgemein bekannt war, daß Stahl nichts gegen Magie ausrichten konnte. Doch Haukyn handelte nur scheinbar unüberlegt. Er wußte, daß auch übernatürliche Wesen sterblich waren, wenn sie körperliche Gestalt angenommen hatten. Und ihre Magie schützte sie nicht gegen Stahl, wenn dieser Stahl mit Blut befleckt war. Haukyns Klinge aber war noch blutverschmiert, da er damit einen von Ageseffs menschlichen Sklaven getötet hatte.

Der Tribun erreichte Jarchak, der ihn offenbar erst jetzt zur Kenntnis nahm, stieß mit aller Kraft zu und spürte, wie sich seine Schwertklinge tief in den Leib des Dämonen bohrte.

Schauerlich hallte Jarchaks Todesschrei durch die Grotte, dann löste sich der Dämon einfach in Nichts auf.

Und mit ihm verschwanden auch die von ihm geschaffenen Schattenwesen.

Aber Jarchaks dunkle Seele entging der Vernichtung, als sich seine körperliche Gestalt auflöste und irrte ziellos durch die Sphären der Welt. Ihre lautlosen Verzweiflungsschreie wurden von anderen Dämonen wahrgenommen und nun waren die Schergen der Chaosgötter gewarnt....

 

 

        "Feinde sind eingedrungen!" rief Tamelon, "Es sind Sterbliche - nur einer von ihnen ist ein Magier. Vernichtet sie oder ihr bekommt meinen Zorn zu spüren!"

 

Die herbeigeeilte Horde der Dämonen wich ängstlich vor ihrem Herrn zurück, neben dem jetzt eine zweite, ebenso gewaltige Gestalt feste Form annahm.

Es war der Drachengott selbst, der Sohn von Minotan, dem König der Chaosherrscher. Ihn beteten die Völker der Hambonen, Cromanons und Normier als ihren Schutzgott an. Selbst Tamelon, der Statthalter der dunklen Herrscher auf Fatom, war ihm untertan.

 

        "Mein Leibdiener Jarchak wurde getötet!" rief der Drachengott, "Sein Tod hat mich in diese Welt gerufen. Zerreißt diese Vermessenen, die es gewagt haben, Jarchak zu vernichten. Ich will ihr Blut trinken!"

 

Die vielgestaltige Horde Ungeheuer heulte wütend auf, dann stürmten die Unheimlichen durch die Pforten hinaus, um die lippischen Eindringlinge zu jagen.....

 

 

Auf der Festung Schwanenwehr saß Lord Rikard allein in seinem Schreibgemach und war gerade damit beschäftigt, eine neue Liste mit den Namen und Rängen seiner Reiter zu erstellen. Die Liste mußte schon seit langem erneuert werden, da inzwischen einige Männer die rikardsche Reiterei verlassen hatten, viele gestorben waren und ebenso viele neu hinzugekommen waren.

Nur wenige der gefürchteten rikardschen "Wölfe" waren gebürtige Lippier, die meisten waren entflohene oder befreite Sklaven und Leibeigene oder auch Glückritter und Abenteurer aus aller Herren Länder.

Diese Reiter hatten nur Lord Rikard allein den Treueid geschworen, niemandem sonst fühlten sie sich verpflichtet, nicht einmal den anderen lippischen Lords.

So saß der Lord von Schwanenwehr nun am Tische und schrieb an der neuen, ihm endlos erscheinenden Liste, an der er bereits eine Woche lang arbeitete. Da er ein ordnungsliebender Mensch war, ließ er diese Arbeit nicht gern von einem der Schreiber erledigen, sondern verrichtete sie selbst, damit er den Überblick über seine Letasionen (Tausendschaften der Leichten Reiterei) behielt.

 

Plötzlich aber hielt er inmitten seiner Tätigkeit inne und sprang wie von einer Schlange gebissen auf. Ein animalischer Schrei kam über seine Lippen und seine Hände fuhren an seinen Schädel, der ihm vor Schmerz schier zu platzen schien.

Irgendetwas Unbegreifliches drang in sein Gehirn ein und versuchte sich seiner zu bemächtigen. Als es geschah, erkannte Rikard, daß der unsichtbare Angreifer kein anderer als Jarchak war, der Dämon, dessen materieller Leib nicht mehr existierte und dessen verzweifelter Geist nach einem rettenden Wirtskörper suchte. Magisch angezogen von seinem eigenen Keimling, den er vor Jahren in Rikards Seele gepflanzt hatte, um diesen zu verderben, war Jarchak in Rikard gefahren, um ihm den Leib zu rauben.

Der Lord war in diesen Augenblicken nicht mehr er selbst. Wie eine tollwütige Bestie tobte er in dem Gemach umher und schlug wie ein Rasender um sich, wobei er fast die ganze Einrichtung in Stücke schlug.

Aber all das war nichts anderes als die Reaktion seines Körpers auf den grausamen, gnadenlosen Kampf, der jetzt in seinem Innern tobte.

 

Die Tür des Zimmers flog krachend auf und Ritter Artos stürmte mit zwei Wachen herein, in dem Glauben, daß der Lord mit einem Eindringling kämpfte.

Doch gegen den unheimlichen Feind, der Rikards Seele zu ersticken drohte, konnte ihm keiner seiner Getreuen beistehen. Fassungslos und hilflos mußten die drei Männer zusehen, wie Rikard zuckend zu Boden stürzte und seine Gestalt sich zu verändern begann. Er schien förmlich zu verschwimmen, um dann eine Dämonengestalt anzunehmen, die ursprüngliche Gestalt von Jarchak.

Aber Rikard war kein gewöhnlicher Sterblicher mehr. Der ständige geistige Kampf gegen den Einfluß des in ihm wohnenden Dämonenkeimes hatte seine Widerstandskraft gestärkt, so daß er für Jarchak kein wehrloses Opfer mehr war.

Der Dämonengeist wußte, daß er verloren war, wenn es ihm nicht gelang, Rikards Geist niederzuringen, denn die Zeit reichte nicht mehr, sich einen anderen Wirtskörper zu suchen, den er leichter an sich reißen konnte. Er drohte zu vergehen wie eine erlöschende Kerzenflamme und die Zeit arbeitete gegen ihn.

So kämpften die Bewußtseine von Rikard und Jarchak mit der Kraft der Verzweiflung um die nackte Existenz.

Ritter Artos und die beiden Soldaten stürzten sich auf den Tobenden, um ihn zu bändigen und vor Verletzungen zu bewahren, doch Rikard-Jarchak verfügte über die Kräfte des Wahnsinns, daß er sie wie Stoffpuppen von sich schleuderte.

 

        "Ihr Götter des Lichts!" rief Artos verzweifelt, "Laßt nicht zu, daß er zum Dämonen wird. Godor, du Herrscher der Götter, hilf meinem Lord gegen die Mächte der Finsternis!"

 

Und wie zur Antwort schlug draußen plötzlich ein gleißender Blitz aus dem wolkenlosen Himmel, zuckte durch das Fenster in Rikards Gemach hinein und hüllte den Lord mit gleißendem Feuer ein, ohne ihn jedoch zu verbrennen.

Der Lord bäumte sich schreiend auf, dann sackte er leblos in sich zusammen, während Jarchaks schwarze Seele fortgeschleudert wurde und wimmernd im Limbus verschwand.....

 

 

        "Vorwärts Männer!" befahl Manrath, "Das Versteckspiel ist vorbei. Wir greifen an, bevor der Feind sich auf uns vorbereiten kann."

Eilig trampelten die Lippier die steinerne Treppe hinauf.

Nach einigen Dutzend Stufen erreichten sie den oberen Ausgang und plötzlich war sternenklarer Himmel über ihren Köpfen. Sie waren auf dem Hochplateau des Felsmassivs angelangt. Im fahlen Lichte der fatomischen Zwillingsmonde erkannten sie das trutzburgähnliche Dämonenschloß YUTHATOR, die Residenz des Chaos auf ihrer Welt.

Die Krieger fanden gerade noch Zeit, ihre Waffen mit Blut aus kleinen, selbstzugefügten Wunden zu beschmieren, damit sie gegen die Dämonen wirksam waren.

Das Tor der Burg war weit geöffnet und aus den düsteren Torbogen stürmte die höllische Horde der Dämonenkrieger auf die Lippier zu.....

 

 

        "Ist er tot?" fragte Artos den Arzt, der sich um den leblos daliegenden Lord kümmerte.

        "Nein, er ist nur ohne Besinnung. Gleich wird er wieder zu sich kommen."

Wie um des Arztes Worte zu bestätigen, schlug Rikard in diesem Moment die Augen auf.

        "Mein Lord!" rief Artos besorgt, "Was ist mit Euch geschehen? Seid Ihr wohlauf?"

Langsam richtete sich Rikard auf und sprach mehr zu sich selbst als zu dem Ritter: "Ein Dämon war in mich gefahren. Es war Jarchak - ich erkannte ihn sofort wieder. Sein Körper wurde auf Luma vernichtet und er suchte einen neuen Wirtskörper, bevor seine Seele in den Limbus geschleudert wurde. Er kam zu mir, weil ich seinen Keim in mir trage. Godors Blitz hat ihn vertrieben, doch Jarchaks Keim ist immer noch da, obwohl er jetzt, da es seinen Schöpfer nicht mehr gibt, sehr viel schwächer geworden ist."

        "Können wir etwas für Euch tun, mein Lord?" fragte der Ritter, "Soll der Arzt bei Euch bleiben?"

        "Nein", winkte Rikard ab, "Ich bin wohlauf und brauche keine Hilfe mehr. Laßt mich allein."

 

Nachdem die anderen das Zimmer verlassen hatten, umspielte ein Lächeln Rikards Mundwinkel, denn der sterbende Jarchak hatte etwas in ihm zurückgelassen - die gesamte magische Kraft eines Erzdämonen.

Rikard lachte leise, als ihm bewußt wurde, welche Möglichkeiten ihm nun gegeben waren.

Er beschloß, vorerst niemandem zu verraten, daß er jetzt über Jarchaks magische Kraft verfügte, denn er mußte erst lernen, damit umzugehen.

 

 

Menschen und Ungeheuer prallten in einem mörderischen Kampf aufeinander.

Dämonenkraft wütete unter den lippischen Kriegern und diese antworteten mit scharfem, blutigem Stahl, deren Wirkung anfangs verheerend war.

In dem Glauben, daß ihnen die Menschenwaffen nichts anhaben konnten, hatten sich die Dämonen allzu siegessicher auf die Lippier gestürzt. Wie sehr sie sich irrten, bemerkten sie erst, als mehrere Dutzend von ihnen entsetzt und ungläubig schreiend ihr Leben aushauchten.

Erschrocken und verwirrt wichen sie zurück und diejenigen unter ihnen, die über magische Kräfte verfügten, versuchten diese nun gegen die Lippier einzusetzen. Doch Iljuschy, diesmal genügend vorbereitet, hatte eine Beschwörung bewirkt, deren Wirksamkeit sich darin zeigte, daß die Magie der Dämonen den Lippiern nichts anhaben konnte. Es war ein Meistertrutzbann, den nur wenige von den ohnehin nicht sehr zahlreichen Magiern beherrschten.

So blieb den Dämonen nichts anderes übrig, als die Lippier mit purer körperlicher Gewalt anzugreifen. Aber auch damit brachten sie die Männer bald in arge Bedrängnis, denn jeder von ihnen verfügte über übermenschliche Kraft und ihre furchtbaren Klauen, Hörner und Reißzähne waren oft gefährlicher als geschliffener Stahl.

Schon kurze Zeit später machte sich die körperliche und zahlenmäßige Überlegenheit der Ungetüme bemerkbar. Obwohl Iljuschy Dutzende von ihnen mit seinen Flammen verbrannte, wurden die Lippier einer nach dem anderen niedergekämpft und zerrissen. Ihre Schar schrumpfte immer mehr, so tapfer sie auch kämpften und so viele Dämonen sie auch töteten.

 

        "Zum Tor! Zum Tor!" schrie der Magier immer wieder, während er mit den Händen rituelle Bewegungen macht, um den Trutzbann aufrecht zu erhalten.

 

Bukor und Manrath kämpften Rücken an Rücken; sie waren von der höllischen Horde völlig umringt und waren wohl nur noch deshalb am Leben, weil sie mit ihren Schwertern meisterhaft umzugehen verstanden.

Obrist Zantian wurde von einem geflügelten Wesen gepackt, das ihn in schwindelnde Höhen emperhob und dann den Unglücklichen in die Tiefe schmetterte.

Obrist Nemigon wurde in zwei Teile zerrissen, als ihn zwei der schrecklichen Kreaturen zu fassen kriegten.

Auch den wackeren Tribun Haukyn ereilte das Schicksal: ellenlange Reißzähne schlugen in seinen Nacken und rissen ihm den Kopf ab.

Nur vierzehn Männer waren es schließlich noch, die sich mit dem Mut der Verzweiflung zum Tor des Dämonenschlosses durchkämpften und ins Innere eindrangen. Doch gleich im Vorhof wurde sie wieder umringt und wütend attackiert.

Sie konnten jedoch einen Kreis um Iljuschy bilden, der sich niederkniete und mit einem Kreidestein in aller Eile ein mystisches Runensymbol auf den glatten, schwarzen Steinboden malte, welches den Kriegern der Götter, den Legionen des Lichts, den Weg durch die Dimensionen nach YUTHATOR öffnen sollte.

Als er endlich fertig war, lebten außer ihm nur noch die beiden Ritter und zwei der Schwertkämpfer, von denen einer bereits schwerverletzt war.

Aber jetzt wichen die Kreaturen der Finsternis wie in panischer Angst vor ihnen zurück. Sie spürten die Macht, die durch das Runenzeichen gerufen wurde.

Und dann entstand über dem Symbol ein hellgleißender Lichtbogen, aus dem riesenhafte Krieger von zwei Mannesgrößen in golden glänzenden Rüstungen hervortraten, angeführt von Agras, dem Paladin des Lichtes. Triumphierend warfen sie sich auf die zurückweichenden Dämonen und der Strom der goldenen Krieger, die aus dem Lichtbogen hervorstürmten, schien kein Ende zu nehmen.

Bald war ganz YUTHATOR erfüllt vom Kampfgetöse und noch immer erschienen weitere Krieger des Lichts durch das Tor aus anderen Dimensionen von Zeit und Raum.

Manrath und seine letzten Gefährten sahen zu, wie Agras und Tamelon in wilder Wut aufeinander einschlugen, bis Tamelon durch das Schwert von Agras in zwei Teile gespalten wurde.

Der Drachengott selbst tauchte allerdings nicht auf, um seinen Dämonen beizustehen.

Er war eiligst durch die Dimensionen zurück zur finsteren Welt RHOOHY-KYARA geflohen.

 

Endlich war der furchtbare Kampf vorbei.

 

 

Keines von den Geschöpfen der Finsternis war mehr am Leben und ihre schwarzen Seelen waren fortan auf ewig gefangen im schrecklichen Limbus, dem Ort jenseits allen Seins.

 

Agras trat zu den Lippiern, die fassungslos das furchtbare Wüten der goldenen Krieger beobachtet hatten.

        "Nun liegt es an Euch, die letzte Aufgabe zu erfüllen. Geht hinauf in den höchsten Turm. Dort im obersten Gemach werdet Ihr die Magische Rose finden, die nur ein Mensch erwecken kann. Ich werde Euch begleiten, denn wenn die Rose zu erwachen beginnt, wird Minotan herbeigerufen, der Herr der Chaosgötter selbst. Ich werde mich ihm stellen, aber selbst ich kann ihm nicht lange standhalten. Also müßt Ihr das Werk vollenden, bevor ich falle. Denn sonst ist alles verloren."

 

Gemeinsam mit Agras machten sich Iljuschy und die beiden Ritter auf den Weg in den Turm.

Die beiden noch lebenden Soldaten ihrer Truppe blieben im Hof, wo ihre Wunden von den Titanenkriegern behandelt wurden.

 

 Vorsichtig traten sie in das Turmgemach hinein, das innen viel größere Ausmaße hatte, als es von außen zu erkennen war.

Alle Wände, auch die Decke und der Boden, waren tiefschwarz und überall waren Runenzeichen und die mystischen Symbole der Chaosgötter in giftiggrüner Farbe zu sehen. Eine unheilvolle Atmosphäre herrschte in diesem Gemach und es war erfüllt von einer Aura aus Furcht und Grauen, denn dies war ein Hort jahrtausende alter, finsterer und böser Macht, deren Geist auch jetzt, wo sie aus YUTHATOR vertrieben war, in fast unerträglicher Weise zu spüren war.

Die beiden Ritter, der Magier und selbst Agras mußten sich überwinden, weiter in dieses Zimmer hineinzugehen, denn die Aura dieses Raumes legte sich wie ein Nebel über ihre Sinne und drohte sie zu lähmen.

Da sahen sie in der Mitte des Raumes einen großen verschlossenen Schrein von blutigroter Farbe.

        "Da drin muß die Rose verborgen sein", flüsterte Manrath mit Beklommenheit in der Stimme, packte sein Schwert fester und trat auf den Schrein zu.

Doch da erhob sich ein ohrenbetäubendes Heulen und Brausen wie von einem Orkan und vor dem Schrein nahm ein mächtiges Wesen Gestalt an.

Minotan, der Herrscher von Chaos und Finsternis, war erschienen, um ihnen den Zugriff auf ein Machtinstrument zu verwehren, das Ordnung und Chaos, Licht und Finsternis gleichemaßen bedrohen konnte.

Agras hob augenblicklich sein Schwert und griff die Gestalt an, die sogar ihn noch überragte.

Der Unheimliche war in einen schwarzen Kapuzen-Umhang gehüllt, doch in der Kapuzenöffnung sah man dort, wo sich ein Gesicht hätte befinden müssen, nur konturlose Schwärze, die hin und wieder von einem geisterhaften Flackern durchzogen wurde.

Der Paladin des Lichtes wurde mit magischer Gewalt gestoppt und zurückgeschleudert, schlug jedoch sogleich mit seiner eigenen Kraft zurück. Doch Agras konnte dem Herrn der Chaosgötter nicht das Geringste anhaben, obgleich auch Iljuschy jetzt seine Kräfte gegen Minotan einsetzte.

Die Luft begann zu flimmern zwischen ihnen und gleißende Lichtblitze fuhren hin und her, als unnatürliche Gewalten zwischen den Kontrahenten tobten.

 

        "Öffnet den Schrein", ächzte Agras angestrengt, "Schnell, bevor es zu spät ist!"

Bukor und Manrath sprangen daraufhin um die riesige Gestalt Minotans herum und faßten gemeinsam den Deckel des Schreines, um ihn mit einem kräftigem Ruck zu öffnen.

Als der Deckel zu Boden fiel, drang fahles, unirdisches Licht aus dem Schrein hervor, breitete sich aus und erfüllte den ganzen Raum.

Minotan stieß einen Schrei der Wut und des Schmerzes aus, dann verschwand er, als hätte es ihn niemals gegeben.

Auch Agras wich keuchend vor dem Schrein zurück.

        "Ich kann hier nicht länger bleiben", sprach er hastig, "denn die Macht in dem Schrein macht keinen Unterschied zwischen Ordnung und Chaos. Auch ich kann ihr nicht standhalten. Erweckt die Rose und erfüllt ihre Bestimmung, damit ihre Macht in die Hände von Berufenen fällt."

Dann verschwand Agras und mit ihm verschwanden auch die goldenen Titanenkrieger aus YUTHATOR...

 

 

Manrath, Bukor und Iljuschy traten an den Schrein heran und schauten gebannt hinein.

Da war sie, die legendäre Magische Rose, doch noch sah sie aus wie eine ganz gewöhnliche Blume.

        "Berührt sie mit Euren Händen, Ritter", flüsterte Iljuschy, "Dann wird sie zu neuem, machtvollem Leben erwachen."

Bukor und Manrath streckten die Hände aus und berührten die eiskalten Blütenblätter.

 

Das aus dem Schrein dringende fahle Licht veränderte sich zu einem warmen, goldenen Glanz und die Blüte begann auf die Größe eines Wagenrades anzuwachsen. Wie von unsichtbaren Händen getragen schwebte die Rose aus dem Schrein, bis sie mitten im Zimmer in Kopfhöhe der staunenden Ritter schwebte.

Dann öffnete sich der Blütenkelch in majestätischer Langsamkeit und Rosenduft erfüllte den Raum, von dessen unheilvoller Atmosphäre nun nichts mehr zu spüren war.

Und nun wuchsen unter dem Blütenkelch fünf schwarze Dornen von enormer Größe hervor.

Als die Männer genauer hinschauten, erkannten sie, daß es fünf Schwerter aus nachtschwarzem Stahl waren, in deren Klingen silbern schimmernde, fremdartige Runen eingraviert waren.

Sie vernahmen eine kindlich klingende Stimme, die zu ihnen sprach:

 

        "Ich bin die Magische Rose, die Manifestation des Gleichgewichtes in diesem Universum. Dieser Macht haben sich Ordnung und Chaos gleichermaßen zu beugen, seinem Gesetz sind sie bedingungslos unterworfen. Meine Dornen sind die Schwerter der Macht, vor denen sich auch die Götter fürchten müssen, denn durch sie sind sie sterblich wie alle Geschöpfe. Meine Aufgabe ist es, diese mächtigen Waffen jenen in die Hände zu geben, die dazu bestimmt sind, mir zu dienen und das Schicksal dieser Welt zu erfüllen. Fünf hohe Könige herrschten einst über das große Kamaraan und ebenso sollen es fünf Herrscher sein, die Kamaraans Wiedergeburt ermöglichen werden, auch wenn es eine Geburt unter Schmerzen sein wird. Ich habe sie gewählt und nun gebiete ich ihnen, hier vor mir zu erscheinen, um sich ihrem Schicksal zu stellen."

 

Rings um die Rose begann die Luft zu flimmern und plötzlich erschienen die fünf Lords von Lippia im Turmgemach, herbeigeholt durch die Magie der Rose.

Verwirrt schauten sie sich um, dann erkannten sie Bukor, Manrath und Iljuschy, worauf es ihnen dämmerte, wo sie sich jetzt befanden.

Wieder erklang die Stimme der Rose:

        "Ich habe Euch herbeigerufen, um Euch eine Macht in die Hände zu legen, wie Ihr sie zuvor nicht gekannt habt. Es ist der Wille des Gleichgewichts, euch die Schwerter der Macht zu geben, mit deren Hilfe Ihr den Weg für das neue Kamaraan vorbereiten werdet, das nach Euch kommen wird. Solange Ihr diese mächtigen Waffen in Eurem Besitz habt, werdet Ihr nicht mehr altern. Doch Ihr seid damit nicht unsterblich, denn durch Gewalt könnt Ihr dennoch aus dem Leben gerissen werden. Nehmt also meinen Dornen, Lords von Lippia, ein jeder nach seiner Bestimmung. Mit ihnen ist Euch die Macht gegeben, selbst Götter vernichten zu können. Doch hütet Euch davor, leichtfertig die Klingen blank zu ziehen, denn habt Ihr diese Schwerter erst einmal aus ihren Scheiden gezogen, dann werden sie erst Ruhe geben, wenn sie getötet haben. Achtet darauf, daß Euer Willer immer stärker ist als ihrer, denn sonst werden sie sich gegen Euch selbst wenden. Kein anderer als Euch wird diese Schwerter benutzen können, denn sie werden jeden anderen auf der Stelle vernichten. Mit diesen Klingen können Mauern zerschmettert, Seelen geraubt, Feuersbrünste und Stürme enfacht und sogar Felsen zertrümmert werden. Jede von ihnen hat eine eigene Besonderheit, einen eigenen Charakter, worauf sich ihr Besitzer einstellen muß, wenn er sie beherrschen will. Und nun empfangt meine Dornen, ihr Wegbereiter Kamaraans."

 

Lord Manot trat zuerst vor und nahm das erste Schwert an sich, dessen Stahl sich warm und wie lebend anfühlte.

        "Das ist BLITZWERFER", sprach die Stimme der Rose, "Mit ihr könnt Ihr wie der Götterkönig Godor Blitze schleudern, denen nichts standhalten kann."

Dann war Albertin an der Reihe.

        "Euer Schwert heißt STURMFAUST. Es kann gewaltige Stürme herbeirufen, die selbst die stärksten Mauern zum Einsturz bringen."

Jetzt griff Rikard nach einer Klinge.

        "Dies ist SEELENFRESSER, denn jedem, dem es nur die geringste Wunde schlägt, saugt es die Seele aus dem Leibe, um sie in seinem schwarzen Stahl solange festzuhalten, bis seine Klinge irgendwann einmal zerstört werden kann. Und die Lebenskraft der Unglücklichen geht über in den Träger dieses Schwertes, welches wohl die grausamste Eigenheit besitzt. Doch dies ist das Schwert, welches wohl am besten zu Euch paßt."

Rikard zuckte bei diesen Worten leicht zusammen, denn er wußte sehr wohl, was damit gemeint war. Aber die anderen waren zu sehr abgelenkt, um dem Bedeutung beizumessen.

Das nächste Schwert nahm Lord Berthon an sich.

        "Das ist FELSENBRECHER. Kein Fels, kein Stein, keine Mauer und keine Bastion kann ihr widerstehen, denn jeder feste Stoff, auf den sie trifft, zerbricht wie dünnes Glas."

Lord Gunther nahm jetzt die letzte Klinge an sich.

        "Dieses Schwert wird WAHNBRINGER genannt, denn alle Wesen, die es mit seiner Klinge berührt, verfallen auf der Stelle dem Irrsinn und werden für sich selbst die größte Gefahr."

 

Stumm traten die Lords von der Rose zurück, die dunklen Runenschwerter in ihren Händen.

 

        "Die genannten Eigenschaften dieser Waffen", fuhr die Stimme der Rose fort, "sind immer nur eine Besonderheit, welche ein Schwert von den anderen unterscheidet, denn sie haben auch noch andere Stärken. Nichts kann ihnen widerstehen, denn sie leben und geben ihren Trägern unüberwindliche Stärke, solange der Wille ihres Trägers sie zu beherrschen vermag. Laßt daher diese Waffen niemals Macht über Euch selbst gewinnen, denn das wäre unweigerlich Euer Untergang. Gebraucht Ihre Macht mit Klugheit. Nun kehrt zurück zu jenen Orten, von denen ich Euch herbeigerufen habe."

 

Die Gestalten der Lords verschwammen, wurden durchsichtig wie Nebel und verschwanden dann endgültig.

Und nach ihnen verschwand auch die Magische Rose für immer von der Welt Fatom.

 

Manrath, Bukor und Iljuschy eilten wieder hinunter in den Hof, wo die beiden letzten von ihren Kriegern warteten.

Zusammen machten sie sich auf den Rückweg zur Blutbucht. Sie trafen nirgendwo mehr auf Geschöpfe des Chaos, nicht einmal in der "Ebene der Nacht", die allerdings noch immer existierte.

Die Blutbucht jedoch trug ihren Namen nun zu Unrecht, denn ihr Wasser war nicht mehr länger blutigrot.

Nichts war mehr von der düsteren, bedrohlichen Atmosphäre wahrzunehmen, die bisher auf ganz Luma geherrscht hatte. Das Chaos hatte seine Bastion verloren. Es würde einige Zeit dauern, bis die Herren der Finsternis wieder auf Fatom Fuß fassen konnten.

 

Corius empfing die wenigen Rückkehrer mit überschwenglicher Freude, denn er hatte schon nicht mehr geglaubt, auch nur einen von ihnen wiederzusehen.

Bevor der SEEDRACHE und die Kriegsgaleere Kurs auf die offene See nahmen, feuerten ihre Bordkanonen einen Salut, um die vielen tapferen Krieger zu ehren, die auf Luma umgekommen waren und nicht mehr heimkehren würden.....

ENDE

des zehnten Bandes.

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