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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Rikard von Schwanenwehr,

Lord Berthon von Burg Makowe,

und Lord Gunther von Scharage.

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern läßt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

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Karte von Eropan

[größer]

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Band 9

 

Blutige Erde vor Mont-Abur

 

Es war im 116.Jahr seit Gründung des Reiches Lippia, als am Hofe von Bayan jener Funke entzündet wurde, der den Krieg im Süden Eropans entfachen sollte.

 

Arrios, der Großkhan von Bayan und Oberherr der Vereinigten Südreiche, hatte alle Fürsten des Südens an seinen Hof kommen lassen. Nur wenige wußten, welche Dinge hier besprochen werden sollten, aber alle folgten dem Ruf des Großkhans.

Als sich die acht Herrscher des Südens (Großkhan Arrios von Bayan, Khan Eburon von Kobali, Fürst Morlaos von Korlita, König Zoruth von Sali, Khan Sabinus von Idara, Graf Omandus von Wenos, Graf Orgeto von Imai und Kaiser Govalsis von Romena) versammelt hatten, begann Arrios zu sprechen:

        "Fürsten und Könige des Südens, ich habe Euch rufen lassen, um Euch zu verkünden, daß es an der Zeit ist, den Feldzug gegen Lippia zu beginnen, um die uns gehörenden Gebiete des Mont-Gebirges wieder zurückzuerobern."

 

Verblüffung, teils sogar Bestürzung malte sich auf den Gesichtern der Fürsten aus. Mit einer solchen Entscheidung des Großkhans hatte zu diesem Zeitpunkt niemand gerechnet, obgleich es bereits seit Jahren zwischen Lippia und den Südreichen gegärt hatte.

Die Vorgänger der jetzigen Lords von Lippia hatten seinerzeit das Mont-Gebirge dem Reich einverleibt, um so durch das gewaltige Gebirgsmassiv einen natürlichen Schutz ihrer Südgrenze zu haben. Und dieser Schutz war seit mehr als einem Jahrhundert wirksam, denn das Mont-Gebirge war nur durch eine einzige Schlucht ohne größere Schwierigkeiten passierbar.

Diese Passage war die Mormigan-Schlucht, durch deren Sohle die große Handelsstraße führte, die Lippia mit dem Süden verband. Dort, wo die Mormigan-Schlucht endete und auf der Abur-Hochebene in lippisches Gebiet mündete, hatten die Lords ihre mächtigste Landfestung errichtet, die Festung Mont-Abur.

Die durch die Schlucht führende Handelsstraße führte so nahe an ihren Bastionen vorbei, daß sie sogar in Reichweite ihrer kleinsten Geschütze lag. Sogar die Mündung der Mormiganschlucht sowie ein gutes Viertel der Schlucht selbst lag in der Reichweite der großen Festungskanonen von Mont-Abur.

 

Als die Lippier das Montgebirge ihrem Reich einverleibt hatten, war dem Land Kobali dadurch fast ein Viertel seines Gebietes geraubt worden. Alle kobalischen Bewohner waren nach dem Landraub aus dem besetzten Gebiet vertrieben worden. Das hatten die Kobalier den Lippiern niemals verziehen und auch die anderen Südreiche hegten deshalb einen alten Groll gegen die Lippier, auch wenn sie mit ihnen regen Handel trieben.

Seitdem sich die kleinen Nationen des Südens unter der Führung von Arrios zusammengeschlossen hatten, war es ihr erklärtes Ziel, den Lippiern das Mont-Gebirge wieder zu entreißen, auch wenn dies mit Waffengewalt geschehen mußte.

Jetzt hatte Arrios beschlossen, dieses Ziel zu verwirklichen.

Sabinus, der Khan von Idara, aber hatte große Bedenken gegen einen solchen Feldzug.

        "Edler Arrios", sprach er, "Ich halte es für äußerst gefährlich, schon jetzt einen Krieg gegen Lippia zu führen. Die lippischen Lords verfügen über so starke Streitkräfte, daß sie imstande wären, gegen alle Nationen Eropans anzutreten. Wir hier im Süden sind nicht einmal in der Lage, mehr als ein Drittel der gesamten lippischen Heeresmacht aufzubieten. Unsere Niederlage wäre vorgezeichnet."

        "Es ist schon richtig, was Ihr da sagt, edler Sabinus", gab Arrios zu, "aber wir haben den Vorteil der Überraschung auf unserer Seite. Doch dies allein würde auch mich nicht zu einem solchen Schritt bewegen können. Wir haben noch einen zusätzlichen Trumpf - und das sind die Hambonen."

        "Die Hambonen?" fragte Morlaos von Korlita, "Wollen die Hambonen ebenfalls gegen Lippia zu Felde ziehen?"

        "Wie Euch bekannt sein dürfte", antwortete Arrios, "habe ich gute Freunde am Hofe des Hambonenkönigs Crishan von Hamborna. Sie versicherten meinen Gewährsleuten, daß Hambonias Truppen Truppen, verstärkt durch asanische Söldner, schon im übernächsten Mond die WESSE überschreiten und in Lippisch-Delema einfallen werden. Dieses Ereignis werden wir uns zunutze machen, denn wenn die Hambonen die Lippier im Norden angreifen, werden sich die Lords mit ihrer Hauptmacht nach Norden wenden. Ihre südlichen Truppen werden daher keine oder nur wenige Verstärkungen erhalten, so daß wir ihnen überlegen sein werden."

 

Jetzt brachte Govalsis von Romena seine Skepsis zum Ausdruck:

        "Edler Großkhan, seid Ihr wirklich sicher, daß die Hambonen auch tatsächlich gegen Lippia ziehen werden? Oder verlaßt Ihr Euch auf Gerüchte? Hambonia kann nicht viel mehr Soldaten als wir aufbieten. Sie müßten mehr als das Doppelte an Söldnern anwerben. Glaubt Ihr, daß die Hambonen so töricht sind, sich in ein Abenteuer zu stürzen, welches das Ende ihres Reiches bedeuten kann? Was wollt Ihr tun, wenn die Hambonen die WESSE nicht überschreiten, auch wenn sie dies zu tun vorgeben? Was wird mit uns geschehen, wenn unsere Heere dann in lippischem Gebiet stehen und sich einem Feind gegenüber sehen, der mehr Kanonen hat als wir Bogenschützen? Die Rache der Lippier wird den ganzen Süden in Blut und Feuer ertränken. Ich glaube nicht, daß die Rückeroberung des Mont-Gebirges soviel wert ist."

        "Ihr redet wie ein Mann, der sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet", meinte Arrios verächtlich, "Glaubt Ihr denn, meine Gewährsleute in Hambonia würden sich von bloßen Gerüchten beeindrucken lassen? Aber damit Ihr erkennt, daß Eure Befürchtungen grundlos sind, will ich Euch einen Gast vorstellen. Es ist ein Gesandter Hambonias, der seit einigen Tagen an meinem Hofe weilt."

 

Erstaunt sahen sich die Landesfürsten an, denn mit dieser Neuigkeit hatten sie nicht gerechnet.

Auf einen Wink des Großkhans wurde ein Seitenportal des Saales geöffnet, um den Gesandten einzulassen, der bereits draußen gewartet hatte.

Erhobenen Hauptes trat ein hochgewachsener Krieger in hambonischer Rüstung herein, den Helm unter den linken Arm geklemmt, den Blick stolz und fast herausfordernd auf die Südländer gerichtet. Man sah ihm an, daß er gewohnt war, über ganze Heere zu befehligen.

 

        "Edle Herren", erhob Arrios wieder seine Stimme, "dies ist Graf Cranos, Kommandant der Festung Hammaburg, Vertrauter und Stellvertreter des Hambonenkönigs Crishan und Heerführer des hambonischen Reiches."

Und sich an den Grafen wendend fuhr er fort: "Nun, edler Graf, verkündet den Fürsten des Südens die Botschaft Eures Herrschers, die ihnen wohl beweisen wird, daß wir uns auf die Hilfe Hambonias verlassen können und es an der Zeit ist, gemeinsam gegen Lippia loszuschlagen, bevor es so stark ist, daß niemand es mehr besiegen kann."

        "Seid gegrüßt, ihr Herren des Südens", begann Graf Cranos, "Großkhan Arrios hat recht, wenn er sagt, daß es eine Torheit wäre, noch länger damit zu warten, den verfluchten Lippiern zu zeigen, wo ihre Grenzen sind. Es darf nicht sein, daß sie ungestraft fremdes Land rauben können. Oder wollt Ihr so lange zaudern, bis auch der Süden von lippischen Truppen besetzt wird, so wie es in Delema geschah? Diese Drohung wird über Euch schweben, solange die Lords von Lippia nicht in ihre Schranken gewiesen werden."

        "So ist es also wahr, daß Hambonia einen Feldzug gegen Lippia führen wird?" fragte Khan Sabinus.

        "In zwei Monden werden wir das lippische Reich angreifen", erklärte Cranos, "Dann werden die Heere der Hambonen und Cromanons, verstärkt durch eine Armee aus Normia, die WESSE überschreiten. Aber Lippia ist sehr mächtig. Darum brauchen wir Verbündete, um den Lords die Stirn bieten zu können."

        "Sind Hambonias Truppen genügend vorbereitet für diesen Kriegszug?" wollte König Zoruth wissen.

        "Wir warten nur noch auf das Söldnerheer aus dem asanischen Normia, die im nächsten Mond eintreffen wird. Es liegt allein an Euch, daß auch der Süden zur rechten Zeit zum Kampf bereit ist. Wenn wir die Lippier im Norden und im Süden zugleich angreifen, wird die Macht der Lords ins Wanken geraten, denn sie werden sich nicht an zwei so weit auseinanderliegenden Fronten zugleich behaupten können."

        "Ihr könnt sicher sein, daß wir das unsere dazu beitragen werden!" rief Arrios selbstsicher, "In genau zwei Monden werde ich selbst mit einem starken Heer in der Mormigan-Schlucht stehen und es zum Sturm auf die Festung Mont-Abur führen!"

        "Gibt es nur den Weg durch die Schlucht nach Mont-Abur?" fragte Cranos.

        "Nein", antwortete ihm Sabinus, "durch das Mont-Gebirge führen einige schmale und gefährliche Bergpfade. Sie sind jedoch nur von kleinen Trupps begehbar, aber nicht von einer großen Armee mit ihrem Kriegsgerät. Die Handelsstraße, die durch die Mormigan-Schlucht führt, ist der einzige Weg für ein Heer. Und diesen Weg versperrt uns Mont-Abur. Diese Festung hat den Ruf, uneinnehmbar zu sein, denn sie hat in der Vergangenheit schon manchem Ansturm standgehalten. Ihre Kanonen können bis weit in die Schlucht hineinschießen und die Handelsstraße selbst liegt ebenfalls in Reichweite ihrer Geschütze. Es wird größter Anstrengungen und großer Verluste bedürfen, um dieses mächtige Bollwerk zu bezwingen."

        "Auch diese Festung wurde nur von Menschen gebaut", meinte Cranos, "Und was Menschenhand geschaffen hat, kann Menschenhand auch wieder zerstören."

        "Recht habt Ihr gesprochen", stimmte ihm Arrios zu, "Wir werden beweisen, daß Mont-Abur nicht unbezwingbar ist."

        "Dennoch wird es nicht leicht sein", warf Zoruth ein, "Die Festung wird nur dann fallen, wenn ihr keine Entsatzarmee zu Hilfe kommt."

        "Wenn unsere Heere im Norden angreifen", erklärte Cranos, "werden die Lords ihre Hauptmacht zunächst in den Norden schicken und dem Süden weniger Beachtung schenken. Dann haben sie kaum noch Reserven, die sie nach Mont-Abur senden können. Deshalb müßt Ihr etwa einen halben Mond später als wir im Norden zuschlagen, damit die lippischen Truppen bereits weit genug nordwärts gezogen sind und nicht mehr schnell genug zurückmarschieren können, um Mont-Abur beizustehen. Dann wird die Festung in Eure Hand fallen, weil Ihr dann genug Zeit für eine Belagerung habt."

        "Nun, edle Herren", wandte sich der Großkhan an die Fürsten, "Glaubt Ihr, daß wir jetzt noch zögern dürfen?"

        "Nie und nimmer!" riefen fast alle wie aus einem Munde, nur der alte Govalsis von Romena zog es vor zu schweigen.

 

 

Die Truppführerin Adriane ritt mit einem Dutzend ramoischer Reiterinnen auf der großen Handelsstraße in Richtung Süden durch die Mormigan-Schlucht. Die Ramoerinnen waren als Patrouille im Dienst der Lippier unterwegs, um das Grenzgebiet zu kontrollieren.

Seitdem die beiden Amazonenländer Ramo und Kajos ein Bündnis mit den Lippiern geschlossen hatten (siehe Band 6: "Die Kriegerinnen"), gab es viele der kriegerischen Frauen, die als Kundschafter im Dienst der lippischen Streitkräfte standen. Im Süden und an der WESSE im Norden übernahmen sie zumeist die Grenzpatrouillen, wobei es allerdings nicht selten vorkam, daß sie die Grenze für kleinere Raubzüge überschritten, was von den lippischen Verbündeten stillschweigend geduldet wurde.

Auch auf Mont-Abur gab es ein Kontingent von zweihundert Ramoerinnen unter dem Kommando von Adriane, was von den lippischen Soldaten auf der Festung natürlich sehr begrüßt wurde, denn die Kriegerfrauen liebten es, sich des öfteren Männer auszusuchen, um mit diesen in der Nacht das Lager zu teilen.Es gab kaum einen unter den Festungssoldaten, der einer solchen Aufforderung nicht nachkam, weil eine Weigerung bedeutete, von den Kriegerinnen nie wieder eine Aufforderung zum Beischlaf zu erhalten.

 

Als Adrianes Patrouille die Tyrsina-Barriere erreichte, eine natürliche Sperre aus Geröll und Felsbrocken, die vor langer Zeit in die Schlucht hinabgestürzt waren, gab die Anführerin den Befehl, auf der Straße weiterzureiten, obwohl sie damit die Grenze nach Kobali überschritten.

Schon einige Male hatten sie auf der Handelsstraße Händler angetroffen, von denen sie üblicherweise einen Wegezoll verlangten, damit sie diese unbehelligt weiterziehen ließen, was für die Kriegerinnen ein recht einträgliches Geschäft war.

Außerdem hofften die Kriegerinnen auf eine Gelegenheit, mit kobalischen Partisanen zusammenzutreffen, denn die Kampfmädchen waren förmlich erpicht auf ein richtiges Gefecht. Schließlich gehörten sie einem äußerst kriegerischen Volk an, wo sie schon als Kinder zum Kämpfen erzogen wurden.

 

Die Straße wurde an der Tyrsina-Barriere schmaler und schlängelte sich in engen Windungen durch die fast hundert Pferdelängen breite Geröllbarriere. Etwa zwei Stunden später erreichte der Trupp den südlichen Ausgang der Schlucht und sah das Hochland von Kobali vor sich liegen. Nicht weit entfernt lag das Dorf Orak auf einem Hügel; sie konnten es deutlich sehen, denn es herrschte Föhnwetter und die Sicht war weit und klar. Aber im selben Augenblick, in dem sie das Dorf sichteten, zügelten sie ihre Pferde und starrten gebannt auf das Bild, das sich ihren Augen bot.

Das kleine Dorf Orak hatte sich gewaltig verändert, denn rings um die einfachen Hochlandhütten erstreckte sich jetzt ein Meer von Zelten, zwischen denen es von Kriegsvolk nur so wimmelte. Was das zu bedeuten hatte, begriffen die Kriegerinnen aus Ramos augenblicklich.

Adriane hatte es plötzlich sehr eilig, nach Mont-Abur zurückzureiten, denn die Festung mußte sofort alamiert werden.

 

 

        "Mein Lord", sprach Ritter Damasus, seines Zeichens Kommandant von Mont-Abur, "die ramoischen Kundschafterinnen haben ein großes Heerlager bei der Ortschaft Orak gesichtet. Es sieht so aus, als stände uns ein Angriff der Südländer bevor."

Der Ritter verschränkte die Arme und wartete auf die Reaktion von Lord Manot, der sich seit einigen Tagen auf der Festung aufhielt.

        "Dann ist es jetzt also so weit", murmelte der Lord nachdenklich, "Der Süden zieht gegenLippia zu Felde. Aber seit dieser ehrgeizige Arrios der Oberherr des ganzen Südens ist, war das ohnehin zu erwarten. Allerdings habe ich in diesem Jahr nicht damit gerechnet."

        "Wie lauten Eure Befehle?" fragte Ritter Damasus.

        "Laßt die Festung kampfbereit machen. Ich werde mit den fünf Pantasionen (Tausendschaften der gepanzerter Reiterei) der 'Drachenreiter' und mit der ersten und zweiten Tasion (Tausendschaft der Infanterie) den Südlandtruppen entgegenziehen und sie an der Tyrsina-Barriere aufhalten. Vielleicht können wir damit genug Zeit gewinnen, bis Verstärkungen hier eintreffen. Sorgt dafür, daß reichlich Vorräte herbeigeschafft werden, damit wir auf eine Belagerung vorbereitet sind. Und schickt die Anführerin der Ramoerinnen zu mir, damit sie mir über die Stärke und Zusammensetzung des Südlandheeres Auskunft gibt."

Der Ritter nickte und eilte hinaus, um die Weisungen des Lords zu befolgen.

Kurz darauf trat Adriane in das Arbeitszimmer des Lords und berichtete ihm, daß das Südlandheer nach ihrer groben Schätzung etwas mehr als dreißigtausend Krieger zählte und über Reiterei, Katapulte und Kanonen verfügte.

 

 

Schon am nächsten Morgen war der Lord mit fünftausend gepanzerten Reitern, zweitausend Infanteristen und Adrianes zweihundert Kriegerinnen zur Tyrsina-Barriere aufgebrochen, um dort die Südlandtruppen zum Kampf zu stellen, falls diese tatsächlich durch die Mormigan-Schlucht kamen.

Ritter Damasus und Tribun Ganthar blieben mit der 3.Tasion und den Artilleristen auf Mont-Abur und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

        "Glaubt Ihr, daß der Lord die Südländer aufhalten kann?" fragte Ganthar den Ritter mit sorgenvollem Ausdruck auf seinem Gesicht.

        "Ich hoffe es sehr", meinte Damasus, "Doch um ehrlich zu sein - ich glaube es nicht. Wir wissen nicht genau, wie gut die Südländer ausgerüstet und wie kampfstark ihre Soldaten sind. Ich fürchte, daß Lord Manot die Tyrsina-Barriere nicht gegen eine mehr als vierfache Übermacht halten kann. Aber vielleicht gelingt es ihm, einen Aufschub herauszuschlagen, damit noch rechtzeitig Verstärkung eintreffen kann. Damit wäre schon viel gewonnen."

        "Unsere Kuriere sind schon auf dem Weg nach Haman. Aber es wird schon etwas dauern, bis man dort ein Entsatzheer zusammengezogen hat, das uns zu Hilfe kommen kann."

        "Das braucht uns nicht allzu sehr zu beunruhigen", meinte der Ritter, "Selbst wenn die Südlandtruppen die Tyrsina-Barriere überwinden können, werden sie sich an Mont-Aburs Bastionen blutige Köpfe holen."

 

größer

 

        "Sind die Fürsten des Südens unseren Ratschlägen gefolgt?" fragte Hambonenkönig Crishan den Grafen Cranos, der soeben nach Hamborna zurückgekehrt war.

        "Es geschieht alles nach Euren Wunsch", antwortete der Graf, "Die vereinten Armeen des Südens greifen Lippia an. In wenigen Tagen stehen sie vor Mont-Abur und werden die Festung belagern. Wann werden unsere Heere die WESSE überschreiten?"

 

Crishan zeigte ihm ein wölfisches Grinsen.

        "Wir werden die WESSE nicht überschreiten, Graf", erklärte er dem erstaunten Cranos, "Ihr solltet nur die Südländer veranlassen, sich auf ein solches Wagnis einzulassen, um so die Lippier von uns abzulenken."

        "Aber das wäre Verrat an Verbündeten, die sich auf unser Wort verlassen!" rief Cranos aufgebracht.

        "Das ist Politik, mein Lieber", gab Crishan trocken zurück, "Der Süden und Lippia sollen sich getrost gegenseitig zerfleischen. Uns kann das nur von Nutzen sein, denn wenn die Lords die Südlandtruppen besiegen, woran ich nicht zweifle, werden sie mit ihren Heeren in den Süden einfallen. Damit aber werden sie mit den Hellebonen in Konflikt geraten, die bekanntlich sehr gute Beziehungen zum Süden haben. Und das wird schlußendlich zum Bruch des lippisch-hellebonischen Bündnisses führen. Wenn wir dann unsere Grenzen nach Süden hin ausdehnen, können die Hellebonen nicht mehr auf die Lippier zählen. Das sind meine Pläne und so soll es geschehen."

 

 

Eilig ritten die Offiziere zum Südtor, als die Alarmsignale durch die Nacht gellten und stiegen kurz darauf an dem riesig wirkenden Tor von ihren Pferden. In den Kasernen an den Mauern herrschte geschäftiges Treiben; die Festung bereitete sich fieberhaft auf die anstehende Schlacht vor. An jeder Ecke drängten sich Soldaten und sie gelangten nur unter Mühen hinauf zur Brustwehr über dem Südtor.

Ritter Damasus, der Kommandant, war ohne Ruhe, seitdem Lord Manot die Festung verlassen hatte. Sein schmales Gesicht zeigte Spuren von Müdigkeit und Besorgnis. Schweigend stand er mit seinen Offizieren an der Brustwehr auf der mächtigen Mauer und starrte in die Dunkelheit nach Süden.

Aus weiter Ferner hörten sie gedämpft das Rufen und Schreien kämpfender Kriegsleute, herübergetragen vom kalten Nachtwind.

Damasus hatte Kundschafter entsandt, um zu erfahren, was sich in der Mormiganschlucht tat, aber bis jetzt war noch keiner zurückgekommen - ein schlechtes Zeichen.

 

Sie warteten stundenlang. Die Geräusche aus der Ferne waren deutlicher und noch wirrer geworden. Es hatte den Anschein, als rücke das Kampfgetümmel näher an die Festung heran.

Dann tauchte plötzlich aus der Dunkelheit eine große Formation von Reitern und Infanteristen auf, um in langen Kolonnen zum Tor zu ziehen.

Damasus deutete auf den hochgewachsenen Reiter an der Spitze des langen Zuges. Im sanften Mondlicht richtete sich das staubbedeckte Gesicht Lord Manots nach oben und seine grimmige Miene bestätigte ihre Befürchtungen. Sie hatten die Tyrsina-Barriere nicht halten können und die Südlandtruppen rückten jetzt auf lippisches Gebiet vor.

Noch war nichts entschieden, denn Mont-Abur war die mächtigste Landfestung des lippischen Reiches, die über vierzig schwere Geschütze ("Feuerschlangen"), zweihundertvierzig leichtere Festungskanonen ("Donnerkeulen") und drei überschwere Belagerungsgeschütze ("Scharfmetze") verfügte.

Die Besatzung bestand indes aus fünftausend gepanzerten Reitern, dreitausend Fußkämpfern, zweihundert ramoischen Kriegerinnen und fast zweitausend Artilleristen.

Ein solches Bollwerk war nur schwer zu überwinden, aber es war auch das einzige Hindernis, das jetzt noch zwischen den Südland-Armeen und dem lippischen Kernland stand...

 

 

Lord Manot hatte seine Offiziere zusammengerufen und berichtete, was sich an der Tyrsina-Barriere zugetragen hatte.

 

Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als sollte es den kampferfahrenen Soldaten der lippischen Grenztruppen gelingen, das Überschreiten der Barriere durch den Gegner zu verhindern, aber die aus Kobaliern, Idaranern, Korlitanern, Wenosiern, Imaiern, Romenaern, Saliern und Bayanern zusammengewürfelte Südlandarmee verfügte über rund dreißigtausend Mann, denen nur siebentausend Soldaten und zweihundert Kriegerinnen gegenüberstanden. Zwar bestand gut ein Drittel der südländischen Streiter nur aus mangelhaft ausgebildeten Bauern und Knechten, die man zum Waffendienst herangezogen hatte, aber ihre Masse machte ihre Unerfahrenheit im Kampf wieder wett.

Die lippischen "Drachenreiter" waren blitzartig entlang der Kampflinie auf der Straße vor der Barriere vorgestoßen, um jeden Versuch des Feindes zu vereiteln, die Fußsoldaten zu umgehen.

Schnelle Vorstöße der berittenen Kriegerinnen Adrianes in die feindlichen Reihen hatten Dutzenden von unerfahrenen Waffenknechten das Leben gekostet. Zusammen mit den Kriegerinnen waren zweitausend "Drachenreiter" vorgestürmt und tief in die südländischen Reihen eingedrungen, wo ihre schweren Streitäxte blutige Ernte gehalten hatten, bevor sie sich wieder zurückziehen mußten.

Aber der Feind zählte Tausende und wo Hunderte versagten, da setzten Tausende sich durch. Ein schlimmes Gemetzel war die Folge gewesen und die Felsbrocken der Tyrsina-Barriere hatten sich rot gefärbt vom Blut der Erschlagenen. Und dennoch hatten die Südlandtruppen immer wieder angegriffen, als setzten sie sich nur aus gehirnlosen Kreaturen zusammen, ohne Gefühl, ohne Verstand, ohne menschliche Furcht. Schließlich hatten kampfstarke Haufen der bärenstarken korlitaischen und kobalischen Bergkrieger die lippische Verteidigungslinie am äußersten rechten Ende durchbrochen. Viele waren zwar niedergemacht worden, aber der Kampf hatte die Lippier gezwungen, die rechte Flanke zu verkürzen. So war es der Südlandarmee zuletzt doch gelungen, einen Teil der Barriere zu besetzen.

Inzwischen war die Sonne untergegangen und Manot erkannte, daß selbst die besten Soldaten der Welt die Barriere in der Dunkelheit nicht gegen ein solche Übermacht halten konnten. Seine Streitmacht hatte zwar nur relativ geringe Verluste erlitten, aber nun, da sich die Südländer auf einem Teil der Barriere festgebissen hatten, war es sinnlos, den Kampf in der Dunkelheit fortzusetzen.

So hatte der Lord den Rückzug befohlen. Die Haufen der Südlandarmee hatten daraufhin die Barriere in voller Stärke besetzt und überschritten. Mit einer Mischung aus Staunen und Unbehagen hatten die sich zurückziehenden Lippier verfolgt, wie aus den Hunderten, die über die Barriere kamen, Tausende wurden und noch immer kein Ende abzusehen war. Dann waren sie von nachstoßenden Reitern und Speerwerfern der Wenosier, Imaier und Idaraner angegriffen worden, die jedoch zurückgeschlagen werden konnten.

Erst danach konnte sich die Streitmacht Lord Manots unbehelligt auf den Rückmarsch nach Mont-Abur machen.

Damit war die erste Verteidigungslinie verloren und vom Feind besetzt. Nun dehnte sich das riesige Heerlager der Südlandtruppen auf dem grasigen Grund der Mormiganschlucht unterhalb der Barriere aus. Ihre Lagerfeuer brannten, so weit das Auge reichte, so daß man ihren Schein sogar von den Bastionen der Festung aus sehen konnte.

 

 

        "Wenn die Südlandarmee erst einmal aus der Mormigan-Schlucht heraus ist", meinte der Lord bei der Besprechung mit seinen Offizieren, "kann sie sich auf der Hochebene von Abur entfalten und ihre volle Kampfstärke einsetzen. Außerdem kann sie dann ihre Artillerie in Stellung bringen, um uns unter Beschuß zu nehmen. Wir müssen die Südländer also so lange wie irgend möglich in der Schlucht halten, wo sie ihre zahlenmäßgige Überlegenheit nicht ausspielen können."

        "Die Kundschafterinnen berichten, daß die Südländer sich bereits nahe des nördlichen Schluchtausgangs befinden und dort ihre Zelte aufgeschlagen haben", meinte Ritter Damasus, "Ein großer Teil von ihnen ist damit schon in Reichweite der "Feuerschlangen" und "Scharfmetze". Offenbar scheinen sie unsere Reichweite zu unterschätzen, denn die Ramoerinnen sagen, daß sie keinerlei Vorkehrungen gegen einen Fernbeschuß getroffen haben."

        "Dann sollen Adrianes Reiterinnen noch einmal mit Karten hinausgehen, damit sie die Positionen der Südländer genau aufzeichnen", befahl Lord Manot, "Dann können wir unsere Geschütze genau einrichten und das Südlandheer schon in der Schlucht beschießen. Die Wirkung wird verheerend sein und sie zwingen, sich wieder tiefer in die Schlucht zurückzuziehen. Das verschafft uns wieder etwas mehr Zeit. Währenddessen werde ich mit den 'Drachenreitern', zweitausend Infanteristen und den ramoischen Kriegerinnen zum Schluchtausgang ziehen, um dort Schanzen zu errichten, mit denen wir den Vormarsch des Gegners noch einmal aufhalten werden. Wenn wir uns dann aber von den Schanzen zurückziehen müssen, sollen alle Geschütze der Festung den Schluchtausgang beschießen, um unseren Rückzug zu sichern und die Südländer am Verlassen der Schlucht zu hindern."

 

 

Als die Kundschafterinnen im Dunkel der Nacht zurückkamen und anhand der Karten die genauen Positionen des feindlichen Heerlagers angaben, begann auf der Südbastion eine hektische Geschäftigkeit.

Die Festungskanonen und die drei Riesenkanonen, die "Scharfmetze", wurden feuerbereit gemacht und so eingerichtet, daß sie weit in die Schlucht hineinschießen konnten.

Als alles bereit war, gab Lord Manot den Feuerbefehl, worauf eine mörderische Kanonade begann.

Was sich dann in der Mormigan-Schlucht abspielte, konnte mit Worten kaum beschrieben werden.

Die Hölle schien ihre Schlünde geöffnet zu haben und fast zweitausend Südlandsoldaten fanden in dieser schrecklichen Nacht den Tod.

Die steinernen Geschosse der aus allen Rohren feuernden Festungsartillerie krachten mit vernichtender Wucht in das südländische Heerlager, dessen Wagen und Zelte dicht beieinander standen, was den Beschuß umso verheerender werden ließ. Das ganze Mont-Gebirge schien unter dem Widerhall des Geschützdonners zu erzittern; die Schreie von sterbenden Menschen und Tieren wurden von den Felsen zurückgeworfen und ließen ein tausendfaches Echo erklingen - eine Kakophonie des Grauens.

Das Südlandheer geriet in wilde, unberechenbare Panik; zu Hunderten ergriffen die Soldaten und Waffenknechte die Flucht, einige wurden von den eigenen Kameraden zu Tode getrampelt. Und währenddessen krachten die tödlichen Geschosse der lippischen Kanonen unbarmherzig in unablässiger Folge in die panikerfüllte Masse hinein, alles zerschmetternd, was ihnen in den Weg geriet.

Erst an der Tyrsina-Barriere kam die wilde Flucht des Südlandheeres zum Halten, denn bis dorthin reichte der Beschuß nicht mehr.

Noch während die Geschütze ihr dröhnendes, tödliches Lied sangen, rückte Lord Manot mit seiner Streitmacht aus, um am Schluchtausgang, nur etwa zweihundert Pferdelängen von der Festung entfernt, Schanzen zu errichten, mit denen er die Südländer abermals aufzuhalten beabsichtigte.

 

 

Bereits mit dem Beginn der Morgendämmerung rückten die sich neu formierten Südländer wieder vor und stießen auf die in der Nacht errichteten lippischen Schanzen.

Der Angriff kam leise, geboren in der ersterbenden Nacht.

Die Lippier starrten in das Halbdunkel des Schluchtausganges hinein und das Licht der aufgehenden Sonne zeigte ihnen schließlich die großeSüdlandarmee, die sich bis zur Tyrsina-Barriere erstreckte. Von den Verlusten der nächtlichen Beschießung war nichts zu erkennen, noch immer war dieses Heer übermächtig stark.

Die exakt ausgerichteten Formationen teilten den Boden der Schlucht in ein sich langsam vorwärts bewegendes Schachbrettmuster, das sich im dumpfen Takt der Kriegstrommeln heran schob. Und dann stand das ganze Südlandheer still und regungslos vor den lippischen Schanzen, während die Morgensonne aus den Schatten der Dunkelheit Gestalten aus Fleisch und Blut, Eisen und Stahl hervortreten ließ.

Regungslos verharrten die Südlandsoldaten, bis gellende Hornsignale die Stille zerrissen und das dröhnende Wummern der Trommeln die Luft erzittern ließ.

Langsam und stetig kamen die Südländer heran, ihr Marschtritt dröhnte im Takt des Trommelschlages, während Metall auf Metall klirrte, als Waffen und Rüstungen bereit gemacht wurden.

Sie kamen stumm heran, Tausende und Abertausende, gesichtslose, gepanzerte Gestalten im Zwielicht des Morgens.

Unförmige Rampen aus grob gehauenen Holzstämmen, zusammengehalten von dicken Tauen, ächzten und knarrten auf riesenhaften Rädern. Sie sollten als bewegliche Aufstiegshilfen gegen die äußeren Festungsmauern dienen und waren natürlich auch gegen die provisorischen Schanzen der Lippier einsetzbar. Zum großen Bedauern der Lippiern waren diese Belagerungsgeräte nicht dem nächtlichen Beschuß zum Opfer gefallen.

Etwa hundert Herzschläge verrannen, als die feindliche Streitmacht bis auf vierzig Schritt an die wartenden Lippier heranrückte. Das Dröhnen der Trommeln wurde lauter, um dann schlagartig zu verstummen. Einige Augenblicke lang lastete tiefe Stille über dem Schauplatz, dann stieg aus den Kehlen der Südlandsoldaten ein ohrenbetäubendes Gebrüll empor und ihre erste Sturmwelle flutete auf die Lippier zu....

 

 

Auf der mittleren und zugleich auch höchsten Schanze stehend blickte Lord Manot auf das ungeheuere Spektakel. Hinter ihm warteten die Bogenschützen gespannt auf sein Kommando.

Vor den Schanzen kämpften bereits die gepanzerten Reiter gegen den anstürmenden Feind, an den Flanken von Armbrustschützen unterstützt.

Manot war zuversichtlich, daß man diesen ersten Angriff zurückschlagen konnte, aber zuerst mußten die fünf Rampen zerstört werden, die langsam an die Schanzen heranrollten. Aber er hatte vorausgesehen, daß die Südlandarmee solches Kriegsgerät einsetzen würde. Plötzlich öffnete sich der Boden unter den Füßen der anstürmenden Feinde und große Löcher gähnten im Erdreich, als die Angreifer in die Reihe getarnter Gruben vor den lippischen Reitern stürzten. Drei von den rollenden Rampen kippten in diese Fallgruben, die Räder wurden abgesprengt, die Stämme zerbarsten unter dem eigenen Gewicht.

Auf den Schanzen erhoben sich jetzt die Bogenschützen, als der Lord endlich das Zeichen gab, um Wolken von Pfeilen in die Reihen des Feindes zu schießen.

Verwundete stolperten hilflos durcheinander und wurden niedergetrampelt, als die zweite Angriffswelle über sie hinwegstürmte und gegen die gepanzerten Reiter anbrandete, die den Feind mit gesenkten Lanzen und schlagbereiten Streitäxten erwarteten.

Zwei von den fahrbaren Rampen waren den versteckten Gruben entgangen und rollten weiter auf die Schanzen zu. Die lippischen Bogenschützen feuerten jetzt einen Hagel brennender Pfeile auf die hölzernen Rampen ab. Aber Dutzende behender Gestalten kletterten an den Gerüsten hinauf und löschten schnell die aufflammenden Brände.

Jetzt waren auch salische und romenaische Bogenschützen in Stellung geangen und beide Seiten überschütteten sich eine Zeitlang mit einem Regen aus Pfeilen.

Inzwischen hatten sich die Panzerreiter auf die Schanzen zurückgezogen, wo sie abgesessen waren und mit bereitgehaltenen Streitäxten auf die ersten Südlandstreiter warteten, denen die Ersteigung der ersten Schanzenreihe gelingen mochte.

Das Pfeilgefecht dauerte noch eine ganze Weile an, wobei die ungeschützten Waffenknechte an den Rampen reihenweise niedergestreckt wurden und überall schreiende Gestalten in den Staub fielen.

Die Verwundeten der Lippier konnten schnell hinter die mannshohen Schanzen gebracht werden, wo sie geschützt waren und von den Feldscherern behandelt werden konnten. Aber die verwundeten Südländer lagen hilflos auf freiem Felde. Dutzende von ihnen wurden noch durch Pfeile getötet, bevor man sie in Sicherheit bringen konnte.

Die beiden Rampen rollten noch immer auf die Schanzen zu, obwohl eine von ihnen bereits in hellen Flammen stand und der dicke Rauch im weiten Umkreis die Sicht behinderte. Als die andere Rampe bis auf wenige Schritte an die Schanzen herangekommen war, gab Manot erneut ein kurzes Kommando. Mehrere mit Öl gefüllte Tonkrüge wurden auf die Rampe geschleudert, wo sie zerbrachen und ihr Inhalt sich über das trockene Holz ergoß. Bevor die Angreifer Gelegenheit fanden, der Gefahr zu begegnen, flogen den Ölkrügen brennende Fackeln hinterdrein. Dann verschwand die ganze Umgebung der Rampe in einer Flammenwoge und stinkenden, schwarzen Rauchwolken.

Der Ansturm kam abermals ins Stocken, als die nachrückenden Südländer vor der Flammenwand zurückwichen, um nicht bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Flammen schließlich erloschen. Währenddessen lagen die Verwundeten und Sterbenden inmitten der erstickenden Rauchschwaden, in deren Sichtschutz die ramonischen Reiterinnen jetzt blitzschnelle Attacken vortrugen, um der feindlichen Streitmacht weitere Verluste zuzufügen.....

 

 

Die Ebene unmittelbar vor den Schanzen war noch immer eingehüllt in Rauchwolken von den niedergebrannten Rampen, die zu großen Haufen glühender Baumstämme zerfallen waren. An den Rändern des Rauchfeldes versuchten die Südländer Ordnung in ihre Reihen zu bekommen, um den völlig zum Stillstand gekommenen Angriff fortzuführen, wobei sie jedoch immer wieder von Adrianes Kriegerinnen attackiert wurden.

Dann saßen auch die lippischen "Drachenreiter" wieder in den Sätteln und preschten mit gesenkten Stoßlanzen durch die Rauchwolken hindurch in die feindlichen Reihen hinein.

Die von Wenosiern und Imaiern gestellten dreitausend Reiter der südländischen Kavallerie waren an der rechten Flanke postiert, um Attacken wie diese abzuwehren.

Ihre Kommandeure, die Grafen Orgeto von Imai und Omandus von Wenos, hatten sich darauf verlassen, einen lippischen Reiterangriff rechtzeitig erkennen zu können, doch vom dichten Rauch in der Sicht behindert und von den ständigen Attacken der Kriegerinnen abgelenkt, wurden sie völlig überrascht.

Die nur ungenügend ausgebildete Südland-Kavallerie stob vor den gepanzerten "Drachenreitern" auseinander und der Angriff gewann nun erst recht an Stoßkraft, als er auf das noch immer ungeordnet durcheinanderwogende Fußvolk stieß. Die fünf Tausendschaften schwärmten aus, bildeten eine zehnfach gestaffelte Phalanx und rannten mit tiefgehaltenen Stoßlanzen gegen das feindliche Fußvolk an. Die Südländer wurden wie eine Herde zurückgetrieben. Ihre ganze vordere Front brach zusammen, aber hinter den sich zuückziehenden Linien regte sich neue Aktivität. Denn so leicht gab sich die Südlandarmee nicht geschlagen. Was ihr an Erfahrung fehlte, macht sie durch ihre Größe wett. Hinter den Kämpfenden hatte sich ein Streitmacht hoher Gestalten formiert, die von Kopf bis Fuß gepanzert waren, und stieß durch die eigenen schwankenden Reihen vor zu den lippischen Reitern. Hinter ihnen wurden jetzt auch leichte Feldkanonen nach vorn geschoben.

        "Bergkrieger aus Kobali!" entfuhr es Manot, der dies von den Schanzen aus beobachten konnte, "Diese Hünen sind von klein auf zum Kämpfen erzogen worden - sie kennen nichts anderes. Diese Kerle sind größer und stärker als normale Männer. Im Kampf Mann gegen Mann können sie sogar den Reitern sehr gefährlich werden. Unsere Kavallerie muß zurück, sonst wird sie abgeschnitten. Gebt den Reitern das Signal zum Rückzug!"

Während ein Hornist das Signal erschallen ließ, rief der neben dem Lord stehende Offizier: "Seht, mein Lord, sie bringen jetzt ihre Kanonen nach vorn!"

        "Ich sehe es", gab Manot zurück, "Damit wollen sie unsere Schanzen beschießen. Und dagegen sind wir machtlos. Sobald die Reiter zurück sind, werden wir die Schanzen aufgeben und uns zur Festung zurückziehen. Dort werden wir noch jeden Mann brauchen."

 

Die Trompetensignale ließen die "Drachenreiter" und die Kriegerinnen zurück zu den Schanzen eilen, die von den Infanteristen bereits geräumt wurden. Dann trat Lord Manot mit seiner Streitmacht den Rückzug an.

Aber die sofort nachsetzenden Südländer kamen schneller als erwartet über die Schanzen und holten die abrückenden Lippier ein. Die "Drachenreiter", noch erschöpft von ihrem letzten Angriff, mußten sich abermals zum Kampf stellen, um den Rückzug der Fußtruppen zu decken. Sie drohten vom Ansturm der nachsetzenden Südländer überrannt zu werden, die jetzt ihre frischen und ausgeruhten Kämpfer einsetzten.

Da aber löste sich die 4.Pantasion aus der Abwehrlinie, stürmte vor und griff frontal an.

Verwirrt durch diesen völlig überraschenden Gegenstoß kamen die Südlandkrieger erneut ins Stocken und durch die nachrückenden Haufen entstand neues Durcheinander, womit die Lippier wiederum Zeit gewannen, ihren Abstand vom Feind zu vergrößern.

Die vorgestoßene Pantasion zog sich jetzt wieder schnell zurück, denn nun konnten die Kanonen der Festung das Feuer eröffnen, ohne dabei die eigenen Leute zu gefährden.

Der nun einsetzende Beschuß zwang die Südlandtruppen, sich hinter die gerade überwundenen Schanzen zurückzuziehen, deren Erdaufwürfe ihnen Deckung gaben.

Währenddessen kehrten Lord Manot und seine Streitmacht in die Festung zurück.

Schnell wurden die eisernen Tore hinter ihnen zugeworfen und stählerne Fallgitter senkten sich dreifach von außen davor nieder.

Die Kanonen der Südbastion stellten das Feuer ein, nachdem sich die Südländer hinter die eroberten Schanzen am Schluchtausgang zurückgezogen hatten.

 

 

Während vor Mont-Abur die Kämpfe tobten, erreichten die von Lord Manot ausgesandten Kuriere die Festung Haman und Stadt-Lippia, um dort Alarm zu schlagen.

Bereits zwei Tage später marschierten von Haman aus dreitausend Infanteristen unter dem Kommando von Ritter Roldus nach Süden. Bei Stadt-Lippia alarmierte Lord Berthon seine fünftausend gepanzerten Reiter der 11. bis 15.Pantasion und setzte sich mit ihnen ebenfall nach Süden in Marsch.

Ritter Manrath, der Peer des Reiches, bot siebentausend Fußsoldaten der 34. bis 40.Tasion sowie zweihundert Feldgeschütze auf, mit denen er einige Tage später Berthons Streitmacht folgte.

Zusätzlich wurden viertausend Mann der 41. bis 44.Tasion nebst hundert Feldkanonen unter dem Befehl von Lord Gunther in Marsch gesetzt.

Damit war ein Heer von 14.000 Infanteristen, 5000 gepanzerten Reitern und 300 Kanonen nach Mont-Abur unterwegs, um der bedrohten Festung zu Hilfe zu kommen.

Hätte Großkhan Arrios geahnt, welche Streitmacht in so kurzer Zeit gegen ihn aufgeboten wurde, so hätte er sich wohl so schnell wie möglich wieder hinter das Mont-Gebirge zurückgezogen. Aber er konnte nicht ahnen, daß die Hambonen ihn als Spielzeug ihrer Politik benutzt hatten.

 

 

Am nächsten Morgen griffen die Südlandtruppen die Festung direkt an.

Als Lord Manot am frühen Morgen auf den Hauptturm hinaufkam, war die Sicht nach Süden klar bis in die Mormiganschlucht hinein, vor deren Ausgang Arrios seine Truppen zum Angriff aufmarschieren ließ.

Dann feuerten dreihundert feindliche Geschütze verschiedener Größe und Kaliber gegen die Festung und die ersten südländischen Linien rückten vor, wurden jedoch sofort vom Feuer der Festungskanonen aufgehalten.

Auch die zweite Linie scheiterte am mörderischen Sperrfeuer der Festung.

Die wenigen, denen es gelang, näher an die mächtigen Bastionen heranzukommen, wurden von Pfeilhageln und den brennenden Pechladungen der Ballisten niedergemäht.

Lord Manot stand noch immer auf dem Hauptturm und beobachtete zunächst scheinbar teilnahmslos das grausame Gemetzel, aber seine Hände waren zu Fäusten geballt, es zuckte in seinem Gesicht und bisweilen erschauerte er vor Erregung.

        "Das ist nackter Wahnsinn!" rief er schließlich, "Das ist kein Kampf mehr, das ist ein sinnloses Gemetzel! Aber dieser irrwitzige Narr Arrios wird auch ein drittes Mal angreifen und wieder und wieder und wie oft noch, bis sein Heer am Ende ist. Er wird seine Krieger bis auf den letzten Mann in den Tod treiben, dieser Verrückte!"

Seine Offiziere verstanden ihn kaum; im Getöse des Geschützfeuers versanken seine Worte.

Und wie Manot es vorausgesagt hatte, griffen die Südländer zum dritten Male an.

        "So kenne ich den Starrsin des Fanatikers", murmelte der Lord, "Verzweifelt und tollwütig bis hin zur Selbstvernichtung!"

 

Die südländischen Kanonen hatten bislang nur den Fuß der Mauern beschießen können, wo sie nur wenig Schaden anrichteten. Jetzt, wo sie näher herangeschoben worden waren, feuerten sie höher und zielten jetzt gegen die Brüstungen, um die dort aufgestellten oberen Festungsbatterien zu treffen und auszuschalten.

Unablässig heulten die steinernen Kugeln heran, heulten und sausten durch die rauchige Luft. Mauerkronen zerbarsten, wie vom Sturm geschüttelt wankten die Verteidiger bei jedem Treffer in die Brüstungen der Wehrgänge. Der Qualm der Geschütze erhob sich über die Bastionen, wallte empor, wogte höher und höher und stand bald sogar über dem Hauptturm, eine Mauer aus Grau, hinter dem die mörderische Schlacht tobte und brüllte, unheimlich und gespenstisch.

Manot ergriff mit ungestümer Bewegung seinen mit einem Wolfsschädel geschmückten Helm, ging zwischen seinen Offizieren hindurch und verließ den Turm, wortlos, ohne aufzublicken, das Gesicht verkrampft wie im bitteren Grimm.

Als er auf dem Wehrgang der Südbastion eintraf, sprang ihn das Toben der Kanonade wie ein Tier an, daß er für einige Augenblicke bewegungslos da stand. Vom qualmigen Schleim des Pulvers begannen seine Augen zu tränen. Der Rauch stand so dicht über der Mauer, daß er nur schwankende Schatten erkennen konnte.

Unten schoben sich durch den schweren Dunst Umrisse von Pferden und Zug-Ochsen heran, daneben rennende Männer mit endlos langen Sturmleitern und wie der drohende Schatten eines Titanen näherte sich ein gewaltiger Belagerungsturm der Südbastion.

Verbissen schossen Armbrust- und Bogenschützen in das Gewimmel hinunter, andere Soldaten schütteten kochendes Öl hinab, an anderer Stelle kippten mehrere Männer große Kisten mit schweren, kantigen Steinen die Mauer hinab. Schmererfülltes, markerschütterndes Schreien klang herauf, das fast das Krachen der Geschütze noch übertönte. Neben Manot sank ein Mann zu Boden, ohne einen Laut von sich zu geben; ein Pfeil ragte aus seinem Hals und ein Blutstrom schoß pulsierend aus seiner Kehle.

Zum vierten Mal griffen die Südländer an; Pfeile, Brandpech und Steinkugeln sausten durch die Luft, schlugen in die Brüstungen, zerbrachen Mauerteile und mähten Soldaten nieder.

Der beißende Qualm wurde immer dichter; zuerst war er ein heller Nebel gewesen, dann wurde er grau und jetzt stand er als schwärzliche Masse vor den Mauern. In seinem Sichtschutz schoben die Südländer ihre Kanonen weiter vor und richteten sie erneut ein. Ihre Treffer hatten immer größere Wirkung auf den lippischen Wehrgängen, denn die Artilleristen der Südlandarmee verstanden ihr Handwerk nur zu gut. Doch die lippischen Kanoniere standen ihnen hierin keinesfalls nach.

Lord Manot blickte kurz gen Himmel, ein wogendes, bleiernes Grau vor Augen. Über die Festung senkte sich die Nacht der Vernichtung.

Tore der Hölle schienen sich geöffnet zu haben, Feuerzungen zuckten grellrot durch die Düsternis, Steinsplitter spritzten umher, Mauerstücke barsten krachend an den Brüstungen der Wehrgänge.

Das Toben der Schlacht schwoll zu donnerndem Getöse und Geheul an und die Mauern zitterten unter den immer neuen Einschlägen.

Der Lord eilte hinunter in die Kasematten, wo die schwereren Festungsgeschütze standen, die wegen ihrer Größe und ihres Gewichtes nicht oben auf den Wehrgängen aufgestellt werden konnten. Unter ihren Abschüssen erbebten die Felsquadern der Gemäuer, ihre Geschosse heulten blind in das wogende Grau hinaus, schlugen irgendwo da draußen in den Boden, hochaufspritzende Erdfontänen schlagend, Menschen zerschmetternd, hämmernd und zerstörend. Die meisten der Kanoniere waren dazu übergegangen, die Rohre mit Steinsplittern zu füllen, deren Reichweite zwar viel geringer war, deren Einschläge in den feindlichen Linien dafür aber von vernichtender Wirksamkeit waren.

In diesem Getöse erstarb jedes Wort, hier war nichts mehr zu befehlen, die Schlacht war längst schon dem Willen der Menschen entglitten und raste in wilder Wut bis zum Ende.

Manot hastete wieder nach oben auf den Wehrgang der Südbastion, die den schlimmsten Angriffen ausgesetzt war. Er ging an den Batterien der leichteren Kanonen entlang, tastend fand er von einem Geschützstand zum nächsten, immer wieder seine Soldaten anfeuernd.

Überall herrschte keuchendes Arbeiten, Kanoniere und Geschützknechte nackt bis zum Gürtel, schweißglänzende, verrußte Haut, aus pulvergeschwärzten Gesichtern funkelten entzündete, tränende Augen und alle hatten den gleichen Ausdruck: verbissen, bösartig, mordlustig, tierisch.

Immer wieder die gleiche Mühsal: nach jedem Schuß griffen die Männer in die Räder, stemmten sich keuchend gegen die Lafette und schoben das Geschütz wieder vor; sie jagten den Wischer durchs Rohr, daß die Rußwolken stoben, schoben Pulverladung und die steinernen Geschosse ein und stopften sie fest. Zündpulver ins Spundloch - Lunte dran - ein berstender Knall - und wieder von vorn.

Die Augen tränten vom Qualm und beißendem Pulvergestank, ausgetrocknete Kehlen schrien sich Worte zu, die in diesem Inferno kaum jemand verstehen konnte - stundenlang, ohne Pause. Sie schufteten wie gehetzt, ohne zu denken, ohne sich selbst noch wahrzunehmen, stumpf und primitiv.

 

Jetzt hatten die Südländer ihren Belagerungsturm an die Südmauer herangebracht, doch die oben angebrachte Fallbrücke reichte nicht ganz an die Mauerkrone heran, da sich die Festungsmauern nach oben hin verjüngten.

Speere und Pfeile flogen herüber und hinüber, streckten Verteidiger und Angreifer nieder.

Dann schwenkte eine Festungsballiste schwerfällig und knarrend herum und schleuderte brennendes Pech gegen den Belagerungsturm. Eine zweite Schleuder folgte dem Beispiel der ersten. Die riesige Angriffsmaschine verschwand in einer feurigen Lohe. Brennende Männer stürzten schrill schreiend in die Tiefe. Langsam sank das Gerüst des Turmes brennend in sich zusammen.

 

Auf der Nordseite hatten die Angreifer lange Leitern angelegt; zu Hunderten hingen sie an den Sprossen, die Schilde über die Köpfe haltend, arbeiteten sie sich Stück für Stück nach oben.

Lippische Schwertkämpfer eilten zu den bedrohten Stellen, hackten auf Köpfe und Arme ein, die auf der Brüstung erschienen; kreischend stürzten verstümmelte Männer nach unten. Dann kamen Waffenknechte mit Kesseln voll kochendem Öl, zischend wurde es über die Leitern hinabgegossen, entsetzliches Schreien erfüllte die rauchgeschwängerte Luft, übertönte das Dröhnen der Geschütze, die noch immer ohne Unterlaß feuerten.

 

Dann wurde es vor den Festungsmauern ruhiger.

Die lippischen Kanonen schossen noch immer blindlings in den dichten Rauch hinein, bis Offiziere von Geschütz zu Geschütz eilten und das Schießen beendeten.

Nur langsam verzog sich der beißende Qualm und die Sterne der inzwischen hereingebrochenen Nacht wurden sichtbar.

Gespannt schauten die Lippier auf den Wehrgängen nach unten und erkannten schließlich die letzten abziehenden Südländer, die ein von Toten übersähtes Feld zurückließen.....

 

 

Mit furchtbaren Verlusten hatte sich die Südlandarmee zurückgezogen, doch auch in Mont-Abur hatte man viele Tote zu beklagen, so daß sich dort niemand wirklich über den Sieg freuen konnte.

Das Heer des Süden aber war schrecklich zugerichtet.

Die Bergkrieger aus Kobali und Korlita, die sich wie Berserker in den Kampf gestürtzt hatten, waren bis auf jämmerliche Reste aufgerieben; die salischen Bogenschützen zählten nur noch wenig mehr als zweihundert Männer. Nur die Reiterei aus Imai und Wenos war verschont geblieben, sie hatte nicht am Sturm auf die Mauern der Festung teilgenommen. Von den dreihundert Geschützen waren nur noch dreiundneunzig zu gebrauchen und das Belagerungsgerät war samt und sonders zerstört.

Jetzt zählte das Südlandheer nur noch knapp an die zwölftausend Männer, von denen mehr als die Hälfte verwundet waren.

 

Arrios, der die erbärmlichen Reste seiner Streitmacht sah, wußte, daß er verloren hatte.

Seine ehrgeizigen Pläne waren an den Mauern von Mont-Abur zerschellt. Und noch immer ahnte er nicht, daß Hambonia ihn verraten und im Stich gelassen hatte.

        ("Es ist aus"), dachte er, ("Mit diesem Rest meiner Armee kann ich Mont-Abur nicht mehr bezwingen. Dieses Bollwerk ist unbesiegbar und das Blut des Südens klebt jetzt an seinen Mauern. Ich hätte keinen direkten Angriff befehlen dürfen, denn damit habe ich meinem Heer selbst das Rückgrat gebrochen. Wenn lippische Verstärkungen eintreffen, sind wir ihnen nicht mehr gewachsen. Sie werden uns in den Boden stampfen. Arrios, hier ist dein Weg zu Ende.")

 

Der Großkhan ließ die anderen Südlandfürsten zu sich kommen, die an diesem Feldzug teilgenommen hatten.

Omandus von Wenos, Orgeto von Imai, Sabinus von Idara und Zoruth von Sali standen kurz darauf vor ihm und ihre vorwurfsvollen Blicke brannten sich in sein Herz.

Morlaos von Korlita und Eburon von Kobali waren nicht bei ihnen - sie waren mit ihren mutigen Bergkriegern gestorben.

Arrios sprach: "Unser Feldzug gegen die Lippier ist gescheitert und unser Heer ist nur noch ein jammervoll zugerichteter Haufen. Wenn lippische Verstärkungen hier eintreffen, sind wir verloren. Hier ist mein Weg als Herrscher des Südens zu Ende und darum übergebe ich die Führung an Khan Sabinus. Er soll die Krieger in die Heimat zurückführen, bevor sie von lippischen Truppen niedergemacht werden. Dann wählt einen neuen Herrscher des Südens, einen, der kein solcher Narr ist wie ich es war. Ich schlage Euch den Kaiser Govalsis von Romena vor, denn dieser ist ein weiser Mann und zudem der einzige Fürst, mit dem die lippischen Lords noch verhandeln werden. Dies sind meine letzten Weisungen. Nun werde ich bezahlen für die vielen tapferen Männer, die ihr Leben durch meine Schuld verloren haben. Begrabt meinen Leib in der Mormigan-Schlucht. Mögen die Götter meine Seele strafen, meinen Leib richte ich selbst."

Mit diesen Worten zog er seinen Dolch und rammte ihn sich selbst ins Herz. Keiner der anderen versuchte, ihn daran zu hindern....

 

 

Als die lippischen Entsatztruppen schon seit zwei Tagen auf dem Weg nach Mont-Abur waren, erschien in Stadt-Lippia ein hellebonischer Gesandter, der Herzog Ragnar von Chassalla (auch Kasselon genannt), und sprach bei Lord Albertin vor, der sich in diesen Tagen in der Hauptstadt des Reiches aufhielt. Der Gesandte wurde von dem Lord mit kühler Distanz empfenagen, denn die einstige Freundschaft zwischen Lippiern und Hellebonen war seit der Ermordung Lord Gregors sehr abgekühlt (siehe Band 7).

Der Herzog, ein ehrlicher und gradliniger Mann, kam ohne Umschweife zur Sache.

        "Edler Lord Albertin", begann er, "Meine Herren, die Fürsten Erlok von Twerene und William von Helleb, haben mich geschickt, weil sie vor wenigen Tagen erfahren haben, daß im Süden der Krieg tobt und Lippia seine Heere gegen die Südreiche marschieren läßt. Sie wissen, daß die Südländer die Festung Mont-Abur angegriffen haben und fürchten, daß Lippia dafür blutige Rache nehmen will. Darum lassen meine Gebieter Euch bitten, von einem Rachefeldzug abzusehen und die kleinen Länder des Südens zu verschonen, da die meisten davon zu Hellebonas Freunden zählen."

        "Es ist zu spät, Herzog Ragnar", antwortete Albertin, "Unsere Armeen sind schon vor zwei Tagen aufgebrochen und die ersten Truppen werden bereits bei Mont-Abur eingetroffen sein. Sie werden den Süden angreifen, denn wir können es nicht hinnehmen, daß irgendjemand uns grundlos angreifen kann, ohne mit Vergeltung rechnen zu müssen. Reitet zurück zu Euren Fürsten und sagt ihnen, daß sie vergebens um Gnade für den Süden bitten."

        "Warum wollt Ihr einen sinnlosen Krieg führen, der nur Leid und Tod bringen wird?" fragte der Herzog erregt, "Genügt es nicht, den Süden in seine Schranken zu weisen? Bestraft die Herren, aber nicht das Volk, denn dieses trägt immer die geringste Schuld an den Vergehen der Mächtigen. Darum bitte ich Euch im Namen meiner Fürsten, laßt den Truppen Kuriere nachsenden und sie aufhalten!"

        "Nein!" klang die Antwort des Lords wie ein Hieb, "Der Süden hat den Krieg begonnen und nun soll er auch dafür büßen. Lippia kann und wird nicht nachsichtig mit seinen Feinden sein, denn das würden uns diese als Schwäche auslegen und eines Tages über uns herfallen."

 

Der Gesandte war schockiert über die kompromißlose Haltung des Lord und antwortete mit fast tonloser Stimme: "Dann bin ich gezwungen, Euch eine weitere Botschaft meiner Fürsten zu überbringen. Denn sie lassen Euch dies wissen: Wenn Lippia sich nicht mehr darauf beschränkt, allein seine Grenzen zu verteidigen, erklären die Fürsten Hellebonas die Waffenbrüderschaft mit Lippia für nichtig. Krieger aus allen hellebonischen Stämme werden in den Süden gehen, um die dortigen Länder gegen eine Verheerung durch lippische Truppen zu beschützen. Dann werden sich Lippier und Hellebonen zum erstenmal seit mehr als hundert Jahren als Feinde gegenüberstehen. Ich hoffe, daß dies die Götter oder Eure Einsicht verhindern werden."

 

 

Als die lippischen Verstärkungen bei Mont-Abur eintrafen, fanden sie dort kein feindliches Heer mehr vor. Die Reste der Südlandarmee waren abgezogen und hatten nur Gräber zurückgelassen.

Späher streiften durch die Berge, die berittenen Kriegerinnen erkundeten vorsichtig die Mormiganschlucht bis hin zum südlichen Ausgang, doch von der geschlagenen Südlandarmee war nur zerbrochenes Gerät, zerstörte Geschütze und verbrannte Zelte zurückgelassen worden.

 

Lord Manot übernahm die Führung über die ihm jetzt zur Verfügung stehenden Streitkräfte und marschierte mit einem Heer von über 23.000 Kriegern durch die Mormiganschlucht nach Süden......

 

 

Der Pfeil des Krieges war durch's Land getragen worden; jeder Häuptling, jeder Krieger und jeder freie Bauer, dem er gezeigt worden war, ließ Heim und Hof im Stich, nahm seine Waffen und eilte nach Helleb, wo die Fürsten ihre Scharen um sich versammelten.

Mehr als zwölftausend berittene Krieger aus allen Stämme versammelten sich, um in den Süden aufzubrechen.

Kundschafter eilten ihnen voraus und kehrten schon nach wenigen Tagen zurück, um zu berichten, daß bereits viele Familien über die Grenze kamen, die auf der Flucht vor dem lippischen Heer waren, welches offenbar im Begriff war, die südlichen Länder zu verwüsten.

 

 

Die Südlandarmee hatte bereits nach den ersten Scharmützeln den Rückzug angetreten, wobei die Verwundeten zurückgelassen worden waren. König Zoruth von Sali hatte noch zu denen gehört, die in den Lanzenreihen der lippischen Tasionen den Tod gefunden hatten. Khan Sabinus und die Grafen Omandus und Orgeto waren entkommen.

Nachdem die Reste der Südlandtruppen die Flucht ergriffen hatten, folgten ihnen die Lippier ostwärts, um jeden Widerstand zu brechen, der ihnen vielleicht noch entgegengestellt werden könnte.

Lord Manot schickte Kundschafter zur hellebonischen Südgrenze, die ihm einige Tage später berichteten, daß ein hellebonisches Reiterheer im Anmarsch sei, von dem eine Vorausabteilung bereits den Rest des Südlandheeres erreicht hatte, welches zur korlitaischen Stadt Ulem zog.

 

Manot wußte, daß die Hellebonen hervorragende Krieger waren und ihm war auch bewußt, daß sie zusammen mit den restlichen Südlandtruppen eine ernsthafte Gefahr darstellten. Die hellebonischen Reiter trugen zwar keine Rüstungen, aber ihre Bewaffnung war ebenso schlagkräftig wie die der gepanzerten lippischen Reiter. Doch aufgrund ihrer schweren Rüstungen war die lippische Reiterei weniger beweglich und schwerfälliger als die der Hellebonen. Wenn es den Hellebonenreitern gelang, die Lippier in Einzelkämpfe zu verwickeln, waren sie ihnen taktisch überlegen.

Aber dazu wollte ihnen Lord Manot keine Gelegenheit geben.

 

 

Während dieser Zeit erfuhr Lord Richard von seinen Spionen, daß sich große Streitkräfte der Hambonen bei der Festung Goban sammelten und ließ sofort Botenvögel nach Stadt-Lippia fliegen, um Lord Albertin von diesen Vorgängen zu unterrichten.

Dieser erkannte sofort, daß die Hambonen die derzeitige Lage auszunutzen gedachten und offenbar in Hellebona einfallen wollten.

Also sandte er Boten nach Süden, um Lord Manot über die Lage zu informieren und machte sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Truppen mobil.

Bei der Festung Pador sammelte er die 21. bis 33. und die 45. Tasion (lippische Infanterie-Tausendschaften) sowie die 6. bis 10. Pantasion (Tausendschaften gepanzerter Reiterei) nebst hundert Feldgeschützen mit ihren Bedienungsmannschaften.

Mit dieser Streitmacht überschritt er ein paar Tage später die hellebonische Grenze und marschierte auf die Festung Schelo zu, die an der Grenze zu Hambonia lag. Dort wollte er die Hambonen aufhalten und sie daran hindern, in Hellebona einzufallen.

Albertin mußte lächeln, als er sich der Ironie der derzeitigen Situation bewußt wurde.

Weil sich die Hellebonen gegen Lippia gewandt und ihre Krieger in den Süden geschickt hatten, mußte er jetzt verhindern, daß ihr Land von den Hambonen erobert wurde.

 

 

Besorgt vernahm Graf Deichos, Gebieter über die kleine Freie Grafschaft Waldau, welche schlimmen Geschehnisse sich im benachbarten Land der Hellebonen abspielten. Längst befürchtete er, daß auch sein kleines, doch freies und unabhängiges Land bald nicht mehr vom ringsherum tobenden Kriegsgeschehen verschont bleiben würde, denn ihm war bekannt, daß die Hambonen mit einer Eroberung hellebonischer Gebiete liebäugelten. Und es war zu erwarten, daß sie auch Waldau behelligen würden. Graf Deichos verfügte über kein Heer und hatte daher kaum die Macht, den Einfall einer Invasionsarmee abzuwehren.

        ("Vielleicht"), so dachte er, ("wird Waldau bald kein freies Land mehr sein und von den Landkarten verschwinden.")

 

In diesem Augenblick trat Dingelo in das Gemach, seines Zeichens Verwalter und Vertrauter des Grafen.

        "Mein Herr, ich bringe Euch schlimme Kunde", sprach er, "Die Heere der Hambonen und Lippier sind bei der Hellebonenfeste Schelo aufeinandergetroffen und haben eine blutige Schlacht geschlagen. Es ist ein Flüchtling aus Schelo hier eingetroffen, der Euch besser erzählen kann, was sich dort zugetragen hat."

        "Dann bringt ihn zu mir!" befahl der Graf.

Dingelo öffnete daraufhin die Tür und holte eine schlanke Gestalt in schmutziger Kleidung herein.

        "Das ist ja ein Mädchen!" entfuhr es Deichos, als er das völlig verängstigte Geschöpf erblickte, das nun mit bangen Augen vor ihm stand.

        "Wie ist Euer Name?" fragte er sie, während Dingelo sie beim Arm nahm und zu einem Sessel führte.

        "Ich heiße Danilea", antwortete sie leise, fast flüsternd.

Nachdenklich musterte der Graf das Mädchen. Sie war höchstens 16 Lenze alt, wirkte aber schon recht erwachsen, und ihr Gesicht zeigte noch die Spuren der Schrecknisse, die sie erlebt haben mußte.

        "Herr Dingelo sagt, daß Ihr aus Schelo geflohen seid", sprach er, "Könnt Ihr mir sagen, was sich dort zugetragen hat?"

        "Das will ich wohl tun, edler Herr", antwortete das Mädchen, "Aber dürfte ich zuvor um etwas Essen bitten? Ich habe seit Tagen nichts mehr zu mir genommen."

Bevor der Graf etwas sagen konnte, war Dingelo bereits hinausgeeilt und kam kurz darauf mit einem großen Stück Braten und einer vollen Kanne Milch zurück.

        "Verzeiht mir, Graf", meinte er an Deichos gewandt, "Dies sollte eigentlich Eure Abendspeise sein, doch diese Maid braucht es sicher weit nötiger als Ihr."

        "Gebt es ihr ruhig", murmelte der Graf zustimmend, "Sie soll uns beim Essen berichten."

 

Heißhungrig fiel Danilea über den Braten her, während sie zwischen den Bissen stockend zu erzählen begann:

        "Ich war Dienstmagd auf der Feste Schelo, auf der Häuptling Bazrak der Herr war. Von seinen Kriegern waren die meisten mit den Fürsten in den Süden gezogen, weil der Kriegspfeil durchs Land getragen worden war. So waren nur noch sechsundneunzig Krieger auf Schelo zurückgeblieben, die Knaben nicht mitgezählt. Von den umherziehenden Jägern erreichten uns Nachrichten, in denen es hieß, daß ein Hambonenheer auf dem Weg zu uns war und daß sogar die Lippier in unser Land eingefallen wären. Dann, vor sieben Tagen, wurden in der Nähe sowohl lippische als auch hambonische Kundschafter gesehen. Noch am selben Tag sahen wir zwei Heere von Norden und von Süden heranziehen und wußten, daß sie sich ganz in unserer Nähe zur Schlacht treffen würden. Zur Flucht war es für uns bereits zu spät, denn Schelo lag genau zwischen den beiden Armeen. Noch bevor sich der Tag seinem Ende zu neigte, wälzten sich die beiden Kriegmassen aufeinander zu und schlugen rings um Schelo aufeinander ein. Das schreckliche Donnern ihrer feuerspeienden Metallrohre erfüllte die Luft und die wilden Schreie der Kämpfenden peinigten unsere Ohren. Wir selbst aber blieben vorerst unbehelligt. Während sich unsere wenigen Krieger auf die Verteidigung von Schelo vorbereiteten, wobei sich sogar die Knaben bewaffneten, begannen wir Frauen und Mädchen damit, tiefe Erdgruben auszuheben, die wir mit Holzbalken überdeckten und diese wieder mit Erde überschütteten. In diesen Erdgruben wollten wir uns verbergen, wenn die Festung gestürmt werden sollte. Zwei Tage und zwei Nächte lang tobte die Schlacht ohne Unterlaß, doch keines der beiden Heere konnte den Sieg für sich erringen. Erst in den Morgenstunden des dritten Tages zogen sich die Lippier langsam von der Walstatt zurück. Die hambonischen Soldaten waren wohl zu erschöpft, um ihnen nachzusetzen und waren sicher auch froh, daß die Schlacht vorbei war, auch wenn sie keine Entscheidung gebracht hatte. Als die Lippier sich zurückgezogen hatten, sanken die meisten Hambonenkrieger einfach zu Boden und schliefen auf der blutbesudelten Erde, nur wenige bauten noch ihre Zelte auf. Wir dachten, daß wir nun aus Schelo fliehen konnten, doch da umstellten uns ein neu eingetroffenes Hambonenheer und so blieben wir in der Feste eingeschlossen. Wir hatten nicht einmal mehr einen Tag Ruhe, dann griffen die Hambonen die Wälle an. Häuptling Bazrak schickte alle Frauen, Mädchen und auch die Knaben in die Erdgruben, in denen wir uns versteckten. Und so nahmen wir den Kampf nur mit unseren Ohren wahr. Voller Angst hockten wir in den Gruben, während über uns ein schlimmes Getöse erklang, das Klirren der Waffen und die Schreie sterbender Krieger. Unsere wenigen Männer kämpften wohl tapfer, doch schon eine Stunde später war keiner von ihnen mehr am Leben. Fremde Stimmen erklangen über uns - die Feinde hatten Schelo erobert. Wir kauerten uns in unseren Verstecken zusammen, als wir hören konnten, wie die fremden Krieger die Häuser und Hütten innerhalb der Palisaden durchsuchten. Sie liefen eine ganze Weile über unseren Köpfen herum, ohne uns zu entdecken. Aber dann erklang das laute Weinen eines Kindes und mir blieb darüber vor Schreck fast das Herz stehen. Zwar wurde dem Kind sofort der Mund zugehalten, aber die Hambonen waren jetzt auf unsere Verstecke aufmerksam geworden. Sie rissen die Abdeckmatten und die Balken weg und zerrten uns alle grob aus den Gruben heraus. Ich sah, wie sich die Knaben zur Wehr setzten, obwohl die Frauen sie daran zu hindern versuchten. Aber sie ließen sich nicht abhalten und gingen mit ihren Waffen auf die Hambonen los, obgleich sie keine Chance gegen diese erfahrenen Kriegsmannen hatten. Die Hambonen wichen zwar zuerst vor den Knaben zurück und einige ihrer Unterführer versuchten sie zur Aufgabe zu überreden, weil sie wohl nicht gegen Kinder kämpfen wollten. Aber die Knaben hörten sich auf sie und griffen die Hambonen mit dem Mut großer Krieger an, obwohl es sinnlos und vergeblich war. Sie wurden allesamt erschlagen. Wir Frauen und Mädchen wurden aneinander gebunden und in einen großen Verhau gesperrt, wo wir uns selbst überlassen waren. Dort befreite ich mich mit einigen anderen von den nur nachlässig gebundenen Fesseln und wir flohen noch in der nächsten Nacht. Es dauerte aber nicht lange, da wurden wir schon von Berittenen gehetzt und so trennten wir uns, damit sie uns nicht zusammen fanden. Fortan schlug ich mich allein durch. Ich mußte mich oftmals schnell verbergen, denn hambonische und lippische Reiter streiften überall herum. Hier und da war ich Zeuge blutiger Scharmützel. Aber mir blieb das Glück treu und so wurde ich nicht wieder gefangengenommen. Schließlich erreichte ich die Wälder von Waldau, wo mich ein Jäger aufgriff und herbrachte......"

 

 

Sie trafen sich vor den Mauern der Stadt Ulem, um über das Schicksal des Südens und des Hellebonenlandes zu verhandeln, denn die Fürsten von Helleb hatten mittlerweile durch Boten erfahren, was in ihrem Lande vorging und waren zu der Einsicht gekommen, daß es keinen Sinn hatte, für den Süden gegen die Lippier zu kämpfen, während ihre Heimat von den Hambonen überfallen wurde.

Auf Seiten der Lippier waren die Lords Manot, Berthon und Gunther sowie Ritter Manrath, der Peer des Westens, erschienen.

Ihnen gegenüber standen die Fürsten William von Helleb und Erlok von Twerene.

 

        "Fürsten von Hellebona", begann Lord Manot zu sprechen, "Wir wollen uns nicht mit langen Reden aufhalten, denn uns allen brennt die Zeit unter den Nägeln. Es ist sinnlos, hier gegeneinander zu kämpfen, während die Hambonen unseren Zwist für sich ausnutzen und Euer Land besetzen. Lord Albertin hat versucht, sie aufzuhalten, doch ohne Erfolg, denn er mußte sich vor den Hambonen zurückziehen und ihnen das Feld überlassen. Jetzt sind die Hambonenheere auf dem Weg nach Kasselon. Wir sind bereit, zusammen mit Euch nach Norden zu ziehen, um sie wieder aus Hellebona zu vertreiben, wenn Ihr Euch mit unseren Bedingungen einverstanden erklärt."

        "Auch wir sind der Ansicht", antwortete Fürst William, "daß es unsinnig ist, gegeneinander zu kämpfen. Darum nennt uns Eure Bedingungen."

        "Ihr könnt wählen", erklärte Lord Manot, "Wenn Ihr von uns Waffenhilfe gegen die Hambonen haben wollt, dann müßt Ihr Euch von nun an lippischer Oberherrschaft unterwerfen und den Treueid als Lehnsmannen des lippischen Reiches ablegen. Dann soll Hellebona fortan die lippische Ostmark sein. Eure Festungen werden von lippischen Truppen besetzt und unterstehen einem lippischen Peer. Ihr selbst werdet auch weiterhin über die hellebonischen Stämme gebieten können. Auch Eure Stammesgesetze sollen weiter Gültigkeit haben, solange sie nicht dem lippischen Recht widersprechen. Ihr würdet also Eure Eigenständigkeit weitestgehend behalten. Allerdings werdet Ihr als Lehnsmannen Lippias verpflichtet sein, uns jederzeit Eure Krieger zur Verfügung zu stellen, wenn wir dies verlangen."

        "Und was ist, wenn wir diese Bedingungen ablehnen?" fragte Erlok von Twerene aufgebracht.

        "Dann gewähren wir Euch trotzdem freien Abzug nach Hellebona", antwortete Lord Manot, "damit Ihr Euer Land gegen die Hambonen verteidigen könnt. Aber Ihr werdet sicher wissen, daß Ihr die Hambonen ohne unsere Hilfe nicht besiegen könnt. Dann werden die Hambonenkönige über Euer Land herrschen, die Euch sicher keine Zugeständnisse machen werden, falls sie Euch überhaupt am Leben lassen. Natürlich werden wir den Hambonen diese Beute nicht allein überlassen. Am Ende wird Hellebona gewaltsam zwischen Lippia und Hambonia aufgeteilt werden und Euer Volk verliert seine Eigenständigkeit. Ihr könnt wählen, welches Schicksal Ihr Eurem Land und Eurem Volk aufbürden wollt."

 

Die Hellebonen erbaten sich Bedenkzeit, nachdem sie diese Worte vernommen hatten und ritten zu ihren Kriegern zurück, die ihr Lager vor Ulem aufgeschlagen hatten.

Die Lords brauchten nicht länger als eine Stunde zu warten, dann kam ein Bote zu ihnen und erklärte, daß die Fürsten von Hellebona die Bedingungen annehmen wollten und bereit, einen entsprechenden Vertrag zu unterzeichnen.

 

 

Zwei Wochen später trafen die vereinten lippischen und hellebonischen Heere bei Kasselon (Chassalla) ein, wo sie die Hambonen zur Schlacht stellen wollten.

Doch als sie die Stadt erreichten, war der Großteil der hambonischen Truppen seltsamerweise abgezogen und nach Hambonia zurückgekehrt. Nur knapp zwölf Tausendschaften der Hambonen belagerten noch die Stadt Kasselon, doch angesichts der anrückenden Lippier und Hellebonen brachen sie die Belagerung ab und marschierten eiligst nach Norden davon.

Erst viel später erfuhr man, daß Hambonenkönig Crishan mit dem größten Teil seiner Truppen nach Hambonia zurückgeeilt war, weil seiner Heimat selbst Gefahr drohte.

Über das Engmeer zwischen der hambonischen Ostküste und dem Kontinent Asani waren ganze Flotten von primitiven Flößen herübergekommen, bemannt mit Horden von Wilden aus dem Dschungelland Frikan, die plündernd und brandschatzend in das hambonische Reich einfielen.

Die Frikaner waren primitive Wilde, die in den Dschungeln der Westküste Asanis lebten. Obwohl sie nur Werkzeuge und Waffen aus Stein und Knochen besaßen, waren sie durch ihre große Zahl eine sehr ernste Bedrohung für Hambonia. Es war darum verständlich, daß die hambonischen Könige nun kaum noch ein Interesse daran hatten, in Hellebona Schlachten gegen die Lippier zu schlagen, während plündernde Horden von asanischen Wilden ihr Land wie eine Heuschreckenplage heimsuchten.

So veränderte ein Zufall die eropanische Geschichte und durchkreuzte die Pläne der Hambonenkönige nachhaltig.

 

 

Das Land Hellebona wurde nun zur lippischen Provinz, die jedoch weiterhin von den hellebonischen Fürsten nach den Gesetzen ihrer Stämme regiert wurde und so weitestgehende Eigenständigkeit behielt.

Der Ritter Ekenbert wurde zum Peer des Ostens ernannt, dem die fortan in den hellebonischen Festungen stationierten lippischen Truppen unterstanden.

Somit gab es nunmehr drei lippische Peere:

        Ritter Manrath als Peer des Westens (lippisches Kernland),

        Ritter Bukor als Peer des Nordens (Lippisch-Delema)

und     Ritter Ekenbert als Peer des Ostens (Lippisch-Hellebona).

 

Die Vereinigten Südreiche blieben vorerst von lippischer Fremdherrschaft verschont. Das verdankten sie in erster Linie dem diplomatischen Geschick des Kaisers Govalsis von Romena, dem neuen Herrscher der südlichen Nationen.

Govalsis, ein Oheim von Lady Rikana, der einstigen Gefährtin Lord Rikards, kam selbst nach Stadt-Lippia, um dort die Lords um Schonung für den Süden zu bitten. Die Herrscher Lippias kamen seinem Wunsch nach. Er mußte sich jedoch verpflichten, jährliche Tribute an Lippia zu entrichten und den Lords im Bedarfsfall eine Streitmacht zur Verfügung zu stellen. Govalsis hatte sich mit diesen Bedingungen nach einigem Zögern einverstanden erklärt und unterzeichnete noch am selben Tage den entsprechenden Vertrag.

Das politische Anlitz des eropanischen Kontinentes hatte sich damit wieder einmal grundlegend verändert.

Lippia war nun die größte Macht von ganz Eropan und zu Recht erhob es den Anspruch, die Nachfolge des vor Jahrtausenden untergegangenen Reiches KAMARAAN angetreten zu haben.....

 

ENDE

des neunten Bandes.

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