Fantasy

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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Rikard von Schwanenwehr,

Lord Berthon von Burg Makowe,

und Lord Gunther von Scharage.

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern läßt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

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Karte von Fatom

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Band 8

 

König Urbans Ende

 

Auf Eropan, dem mittleren Kontinent der Welt FATOM, schrieb man das "Jahr der Sonne", welches das 115.Jahr seit Gründung des lippischen Reiches war.

 

In den Ländern Eropans war es friedlich geworden; an den Grenzen Lippias gab es nur wenig Unruhe, sogar die Hambonen verhielten sich recht zurückhaltend.

Nur im Süden gärte es noch immer, denn das Land Kobali erhob auch weiterhin Anspruch auf das in der Vergangenheit von Lippia eroberte Mont-Gebirge, welches die lippischen Lords aber nicht zurückzugeben bereit waren, gab es doch für sie keinen besseren Grenzschutz als dieses mächtige Gebirgsmassiv.

Mittlerweile hatten sich die südlichen Länder bis auf das Inselreich Spadalo mehr oder minder freiwillig zu einem Bund zusammengeschlossen, der als "Vereinigte Südreiche" bezeichnet wurde, unter der Führung des Landes Bayan, dessen Herrscher der Großkhan Arrios war.

 

Im lippischen Reich selbst hatte der Tod Lord Gregors keine größeren Veränderungen hervorgerufen, außer dem Umstand, daß der Ritter Gunther von Haman nun zum "Lord Gunther von Scharage" erhoben ward und als solcher die einstigen gregorischen Gebiete übernommen hatte, die bisher von Ritter Manrath als 'Peer von Lippia' verwaltet worden waren.

Das Verhältnis zwischen Lippia und Hellebona hatte sich durch Gregors Tod allerdings erheblich verschlechtert, obwohl es hieß, daß Gregor von einem hambonischen Attentäter umgebracht worden war.

 

 

Mitten in der Nacht wachte er auf - schweißgebadet am ganzen Körper.

Welchen seltsamen Traum hatte er geträumt?

Hatte er nicht eine Stimme gehört, die seinen Namen rief?

Und war es nicht sein alter Name gewesen, den er auf der Erde gehabt hatte, bevor er durch einen Tunnel durch Raum und Zeit in diese Welt gerissen worden war?

Aber wer außer den Lords wußte denn, daß er, den man hier "Klasus - den Schreiber" nannte, einst Klaus Pollmann geheißen hatte?

 

Verwirrt richtete sich Klasus auf, schüttelte benommen das Haupt und versuchte seine wirren Gedanken zu ordnen.

DA !!!

Erstarrend lauschte er angestrengt in die Dunkelheit. Und wieder hörte er sie, diese eindringlich flüsternde Stimme aus dem Nichts, die aus weiter Ferne zu kommen schien.

 

"Klaus Pollmann!" rief die ferne Stimme einer Frau, "Klaus Pollmann - höre mir zu! Du bist ein Mensch aus einer älteren Welt, der hierher verschlagen wurde. Ein Erwählter, der berufen ist zu großem Wissen. Mensch zweier Welten, Wesen zweier Zeiten, Kind zweier Universen, Gestrandeter in Zeit und Raum - du sollst WISSEN! Du sollst ein Geheimnis erfahren und du sollst wissen, welche Art von Welten Fatom und Erde sind. Folge meinem Ruf, dann wirst du die Wahrheit über diese Welt erfahren!"

"Wohin soll ich dir folgen?" fragte Klasus ins Dunkle hinein.

"Fahre über das Große Meer nach Westen, bis er Wille der Götter dich an ein fremdes Gestade lenkt. Dort wirst du dein Ziel und eine große Wahrheit finden."

"Wer bist du?" fragte Klasus verwirrt.

 

Aber die sanfte Stimme aus dem Nichts war verklungen und nichts anderes war mehr zu hören als das leise Raunen des Nachwindes vor dem offenen Fenster.

Grübelnd ließ er sich zurück in die Kissen sinken.

War das nun Traum oder Wirklichkeit gewesen? Was hatte die Stimme gemeint, als sie ihn 'Mensch aus einer älteren Welt' genannt hatte? War Fatom eine Welt in der Zukunft? War es gar die Erde selbst, die sich nach Jahrtausenden so sehr verändert hatte, daß er sie nicht wiedererkannt hatte? Und was sollte es bedeuten, daß er eine große Wahrheit finden sollte?

Klasus wußte, daß er nicht eher Ruhe finden würde, bis er diesem Ruf aus dem Nichts gefolgt war......

 

 

Schon am nächsten Tag war Klasus auf Burg Akaze und sprach mit Lord Albertin, dem er von seinem nächtlichen Erlebnis berichtete.

        "Ich bitte Euch um ein gutes Schiff", bat er schließlich, "so daß ich jenem mystischen Ruf folgen kann zu den fremden Gestaden jenseits des Großen Meeres."

        "Die fremden Gestade, von denen diese geheimnisvolle Stimme sprach, werden wohl die Küsten von El-Mariga sein", meinte der Lord nachdenklich, "Jener Kontinent, von dem selbst die alten Schriften in den Katakomben von Uman nur wenig berichten. In den alten Überlieferungen aber heißt es, daß die Kinder des untergegangenen Reiches Kamaraan auf der Flucht vor dem Drachenvolk über das Große Meer gefahren sind und dort eine neue Heimat gefunden haben sollen. Auch wir sind Kinder des alten Kamaraan, denn Lippier, Delemaner, Hellebonen, Helgoer, Kajoserinnen, Ramoerinnen, Mesaner und alle Südländer sind direkte Nachfahren derer, die bis zuletzt dem Drachenvolk Widerstand leisteten, damit der größte Teil ihres Volkes über das Meer entkommen konnte. Nur die Hambonen, die Cromanons und die Normier im Norden Asanis stammen von den Menschenzüchtungen der Drachen ab, mit denen diese versuchten, eine neue Rasse zu schaffen, die ihren Vorstellungen entsprach. Für uns Lippier, die wir ein neues Kamaraan zu schaffen suchen, könnte es von großem Nutzen sein, mehr über den Kontinent El-Mariga zu erfahren. Schon manches Mal haben wir erwogen, Schiffe dorthin zu schicken, doch leider haben wir es immer wieder versäumt, diesen Plan zu verwirklichen. Aber jetzt will ich Euer Ansinnen zum Anlaß nehmen für eine Erkundung der Küsten von El-Mariga, damit wir endlich erfahren, ob die alten Überlieferungen recht haben und ob die Kinder Kamaraans dort wahrhaftig überlebt haben. Darum werde ich Euch helfen, ein passendes Schiff für dieses Wagnis zu finden. Es wäre jedoch ratsam für Euch, mit zuverlässiger Begleitung zu reisen und ich wüßte auch einen, dem es nach Abenteuern förmlich dürstet. Ich spreche von Ritter Manrath, dem Peer des Reiches. Wäre es Euch recht, wenn er Euch begleitet?"

        "Ich kenne den Ritter und könnte mir keinen besseren Begleiter wünschen", antwortete Klasus erfreut.

        "Dann werde ich dem Ritter hierzu die entsprechenden Weisungen geben. Übt Ihr Euch indessen ein wenig in Geduld, bis wir für Euch ein Schiff gefunden haben, das für eine solche Fahrt geeignet ist."

 

 

Ein voller Mond war seither vergangen und nun befanden sich Manrath und Klasus mit zwölf ausgesuchte Kriegern an Bord des Seglers SEEDRACHE, dessen Kurs gen Westen führte.

Der SEEDRACHE war ein Schiff, das den Karawellen des 15.Jahrhunderts auf der Erde sehr ähnlich war, wenngleich es zusätzlich mit Ruderbänken ausgestattet war, um nicht allein vom Wind abhängig zu sein.

Obwohl das Schiff als Handelsschiff ausgewiesen war, verfügte es doch über sieben Kanonen von der Art der "Feuerdorne", womit es einem Kriegsschiff ebenbürtig war.

Ritter Manrath argwöhnte deshalb, daß der SEEDRACHE wohl auch schon Kaperfahrten gemacht hatte, denn für einen reinen Kauffahrer war er ungewöhnlich schwer bewaffnet. Auch schien die verwegen erscheinende Besatzung mehr Piratenblut in den Adern zu haben als das von ehrbaren Seeleuten. Die Mannschaft zählte siebzig Männer, alle erstaunlich gut bewaffnet. Der Kapitän war Manrath nicht unbekannt, denn dieser war kein anderer als der inzwischen berühmt-berüchtigte Corius, ehemals ein Reiter der 'rikardschen Wölfe', dann freier Söldner, danach Seefahrer, später Pirat und schließlich Kapitän und Eigner des SEEDRACHEN.

Aber dieser Abenteurer war genau der richtige Mann für dieses Unternehmen, denn keiner wußte, welche Gefahren auf dieser Reise auf sie warteten.

 

Nun segelten sie geradewegs nach Westen, in der Hoffnung, irgendwann auf die Küste des sagenhaften El-Mariga zu stoßen, bevor sie umkehren mußten, weil Proviant und Trinkwasser nur noch für die Rückreise ausreichten.

Corius, der das ganze Unternehmen eigentlich recht skeptisch betrachtete, hatte schon kurz nach Beginn der Reise zu Manrath gesagt: "Ich will Euch zwar nicht dreinreden, Ritter, doch ich glaube nicht, daß es dieses El-Mariga überhaupt gibt. Und darum sage ich es Euch schon jetzt: Ich habe für sechzig Tage Proviant an Bord. Wenn wir also dreißig Tage lang gefahren sind, können wir noch umkehren und heimkommen, ohne daß uns der Proviant ausgeht. Ihr solltet also wissen, daß mein Schiff keinen Tag länger als diese dreißig Tage nach Westen fahren wird. Ist diese Frist verstrichen, ohne daß wir Land gesichtet haben, werden wir umkehren."

Manrath hatte darauf nichts erwidert, da er wußte, daß Corius in dieser Hinsicht recht hatte. Außerdem war Corius ein freier Kapitän und Manrath konnte ihm ohnehin nicht in die Schiffsführung dreinreden.

 

 

Seit zehn Tagen waren sie nun schon auf See; längst war der Küstenstreifen Lippias hinter dem Horizont verschwunden und nichts als die endlose Weite des Ozeans umgab das einsame Schiff. Aber sie waren nicht allein in dieser Wasserwüste unterwegs, denn eines Morgens gab der Mann im Ausguck plötzlich Alarm.

        "Fremdes Schiff auf steuerbord!" schallte sein Ruf in den Morgen und schreckte die ganze Besatzung auf.

        "Welche Art von Schiff ist es?" wollte Corius wissen.

        "Ein Langschiff nach Art der Nordvölker", kam die Antwort, "Nur ein Mast mit Großsegel, schwarzweiß gestreift."

        "Welche Flagge führt es?"

        "Die Flagge von Hambonia!"

 

Erstaunt blickte Corius seinen Steuermann an, der Neron genannt wurde.

        "Was haben denn die Hambonen hier draußen zu suchen?" wunderte er sich.

        "Vielleicht suchen sie auch nach El-Mariga", meinte Neron grinsend, "Es scheint doch mehr an dieser Sage dran zu sein als man meinen möchte."

 

Durch die Rufe des Ausgucks an Deck gelockt, eilten jetzt auch Manrath und Klasus herbei.

        "Was ist los?" fragte der Ritter, "Warum gab der Ausguck Alarm?"

        "Wir haben Gesellschaft", erklärte Corius, "Ein hambonisches Langschiff, das ebenfalls nach Westen segelt. Es scheint fast so, als hätten sie dasselbe Ziel wie wir."

        "Suchen die etwa auch nach El-Mariga?" entfuhr es Klasus.

        "Das kann ich Euch erst sagen, wenn wir sie gefragt haben", antwortete Corius trocken.

        "Wollt Ihr mit ihnen in Kontakt treten?" fragte Manrath erstaunt.

        "Natürlich", meinte Corius, "Ich muß gestehen, daß mir dieser Hambone ganz recht kommt, denn ich habe schon lange keine Kaperbeute mehr gemacht."

        "Was soll das heißen?" fuhr Manrath auf, "Seid Ihr ein Pirat, der sich mit der Maske des ehrbaren Seefahrers tarnt."

        "Ich beglückwünsche Euch zu Eurem Scharfsinn, Herr Ritter," erwiderte Corius spöttisch, "Die Seefahrt nährt zwar ihren Mann, doch ohne eine gute Kaperfahrt ist sie öde und ohne Reiz. Ja, Ihr habt recht, ich bin zuweilen auch als Pirat tätig. Doch damit Ihr beruhigt seid, sollt Ihr wissen, daß ich niemals Hand an ein lippisches Schiff lege, denn sonst könnte ich mich in lippischen Häfen nicht mehr sehen lassen. Außerdem glaube ich nicht, daß die Lords von Lippia etwas dagegen haben, wenn Hambonen oder Südländische von mir ein wenig geschröpft werden. Und die Kaufleute in allen eropanischen Häfen kaufen mir immer gern meine Kaperbeute ab. Da ich sie zu weit günstigeren Preisen als ihre vorherigen Besitzer verkaufe, fragt niemand, woher meine Ware stammt. Dagegen wird das lippische Reich doch sicher nichts einzuwenden haben, oder sollte ich mich da täuschen?"

Manrath begann ob dieser Worte zu schmunzeln.

        "Da habt Ihr sicher recht, Kapitän", meinte er, "Doch ein Angriff auf den Hambonen könnte unser Unternehmen gefährden."

        "Darum sorgt Euch nicht, Ritter", grinste Corius, "In solchen Dingen haben wir reichlich Erfahrung. Und uns ist noch kein Schiff entkommen, das wir uns als Beute auserkoren haben."

 

Aber da rief der Ausguck oben im Mastkorb voller Verblüffung: "Heee!! Was ist das? Der Hambone dreht bei! Er kommt jetzt auf uns zu! Verflucht, der greift uns an, beim Speer Godors!"

        "Was?" fragte Corius ungläubig, "Diese Burschen wagen es? Dann sollen sie auch Feuer und Eisen zu schmecken bekommen!"

 

 

Der Kapitän des Hambonenschiffes schien sein Handwerk zu verstehen. Er steuerte den Segler so an, daß er diesem im Lee, also auf der windabgewandten Seite hatte und so dem Lippier den Wind aus den Segeln nahm. Der SEEDRACHE bekam die Folgen dieses Manövers sofort zu spüren; das Großsegel des Hambonen fing den Wind ab, so daß der lippische Segler schnell an Geschwindigkeit und auch an Manövrierfähigkeit verlor.

Doch Corius und seine Freibeuter ließen sich so leicht nicht in Verlegenheit bringen. An ihrem Hauptmast flatterte jetzt die Piratenflagge und die Mannschaft machte sich kampfbereit.

Als die Schiffsgeschütze feuerbereit waren, kamen auch Manrath und seine zwölf Seesoldaten an Deck, um sich bei den Seeleuten einzureihen. Klasus indessen zog es vor, lieber unter Deck zu bleiben, denn er war kein Krieger, auch wenn er mit dem Degen gut umgehen konnte. Aber eine leichte Waffe wie der Degen konnte nicht gut gegen Schwert, Streitaxt oder Entermesser bestehen, wenn es keinen Bewegungsspielraum gab, was bei einem Kampf auf einem Schiffsdeck immer der Fall war.

Mittlerweile hatte auch das hambonische Schiff seine Flaggen gehisst: Das Banner Hambonias und die Flagge der hambonischen Kriegsflotte.

 

        "Oha", meinte Corius stirnrunzelnd, "Das ist kein einfacher Kauffahrer oder Walfänger, sondern ein Kriegsschiff mit voller Bewaffnung. Kein leichter Gegner."

Dann rief er zu seinem Steuermann hinüber: "Dreht nach steuerbord und geht dann längsseits. Ich will den Hambonen vor den Kanonen haben und ihm den Mast vom Deck fegen. Wenn der Mast fällt, wird dort zunächst Verwirrung herrschen. Dann können wir leichter entern!"

 

Der Hambone war inzwischen auf zwanzig Manneslängen herangekommen. Man konnte schon die gerüsteten Krieger an Deck sehen, die dem Treffen entgegenfieberten. Doch noch lag das Langschiff gut eine halbe Rumpflänge zurück, so daß es seine Kanonen noch nicht einsetzen konnte.

 

        "Drittes Steuerbordgeschütz!" brüllte Corius nach achtern, "Feuer frei!"

        "Aye, Kapitän!" gab der angerufene Schießmeister zurück, nach seine lange Lunte zur Hand und hielt die Flamme ans Spundloch der Kanone. Dröhnend donnerte sie los, begleitet vom Kampfgeschrei der Freibeuter, und die abgefeuerte Steinkugel hämmerte krachend in die Aufbauten des gegnerischen Vorderdecks.

        "Nachladen!" rief Corius wieder, "Steuermann, laßt sie auf gleiche Höhe kommen! Dann geben wir ihnen 'ne volle Breitseite!"

Seine Befehle wurden schnell und präzise ausgeführt; die Mannschaft war aufeinander eingespielt wie die Räder eines Uhrwerkes.

Da aber begannen die Hambonen ihrerseits zu schießen.

Ein feindlicher Treffer krachte ins Achterdeck des SEEDRACHEN, ein zweiter zerschmetterte einen Teil der Reling und tötete vier Männer, der dritte pfiff wirkungslos über das Deck hinweg, um harmlos auf der Backbordseite ins Wasser zu klatschen.

Im nächsten Moment dröhnten zur Antwort die Steuerbordgeschütze des SEEDRACHEN auf.

Die Salve zerschlug die Reling des Feindes und einen Teil seiner Decksaufbauten, wobei ein halbes Dutzend hambonischer Krieger ihr Leben aushauchte. Aber der Segelmast blieb unversehrt.

        "Hart steuerbord und anlegen zum Entern!" kommandierte Corius, "Enterbrücken bereithalten!"

Die Enterbrücken waren nichts anderes als breite Holzbohlen, die an den Enden mit Haken versehen waren, welche ins feindliche Deck geschlagen wurden, damit die Angreifer über die so entstandenden provisorische Brücken stürmen konnten, was allerdings immer eine recht wacklige Angelegenheit war.

Während sich der SEEDRACHE an das Hambonenschiff heranschob, feuerte sein drittes Steuerbordgeschütz noch einmal aus kürzester Distanz.

Volltreffer !

Krachend brach der feindliche Mast im unteren Drittel und schlug berstend auf das Deck des Hambonen nieder, dieses dabei mit dem Großsegel und der gesamten Takelage überschüttend.

 

Schwere Entermesser, Säbel, Äxte, Piken, Lanzen und Schwerter wurden geschwungen. Bogenschützen ließen auf beiden Seiten ihre todbringenden Pfeile von den Sehnen schnellen.

An Deck des Hambonenschiffes herrschte jetzt das Chaos. Hastig versuchten einige Männer das herabgestürzte Segel und die Takelage wenigstens teilweise wegzuräumen.

Dann krachte und knirschte es - ein wuchtiger Stoß ließ die Krieger taumeln. Die Schiffe waren aneinander gestoßen.

        "Vorwärts - schnell!" rief Corius, "Wir müssen sie zuerst entern! Sie dürfen uns nicht zuvorkommen!"

Dutzende mit Haken versehe Taue flogen zum Hambonenschiff hinüber, die Enterbrücken krachten auf das gegnerische Deck und nagelten sich dort fest. Johlend und brüllend stürmten die Freibeuter darüber hinweg und stürzten sich waffenschwingend auf die hambonischen Seesoldaten, die sich ihnen entschlossen entgegenstellten.

An Zahl waren sich die kämpfenden Parteien in etwa ebenbürtig. Auf dem Hambonenschiff, das übrigens den klangvollen Namen MANDARA trug, befanden sich 30 Matrosen, 50 Seekrieger und 200 Rudersklaven, wobei letztere jedoch nicht zu den Kämpfern zählten, da sie an die Ruderbänke der MANDARA gekettet waren.

Die Freibeuter boten ihrerseits 70 kampferprobte Männer auf, die zudem von Ritter Manrath und seinen zwölf Seesoldaten verstärkt wurden.

 

Der wilde Kampf wogte heftig hin und her. Mal wurden die Freibeuter auf ihr eigenes Schiff zurückgetrieben und mußten sich gegen enternde Hambonen behaupten, mal stürmten sie wieder auf das hambonische Deck und brachten ihre Feinde erneut in Bedrängnis. So ging das stundenlang hin und her, und ein unparteiischer Beobachter hätte nicht zu sagen vermocht, wer nun eigentlich die Angreifer und wer die Verteidiger waren, so schnell wechselte die Szenerie. Keine der beiden Parteien konnte einen entscheidenden Vorteil für sich erringen. Die Hambonen waren für die Freibeuter ein weitaus härterer Brocken als sie es erwartet hatten.

 

Wieder einmal hatte sich der Schwerpunkt des Kampfgetümmels auf das hambonische Deck verlagert, wo Corius zufällig durch den offenen Niedergang in das Ruderdeck hinabblickte. Dort sah er die angeketteten Rudersklaven, die nervös auf ihren Bänken hockten und auf das Ende des Kampfes warteten, der vielleicht für sie die Freiheit bedeutete. Es war allgemein bekannt, daß Piraten oft die Rudersklaven besiegter Schiffe befreiten und auch für ihre Mannschaften anwarben. Auch die Mannschaft des SEEDRACHEN bestand größtenteils aus ehemaligen Rudersklaven.

Als Corius nun die angeketteten Männer sah, schoß ihm eine Idee durchs Hirn. Lauthals brüllte er nach seinem Steuermann Neron, bis dieser endlich verschwitzt, mit blutigem Säbel und arg zerhauenem Schild bei ihm auftauchte.

        "Nimm' ein paar Männer und befreie die Sklaven! Sie sollen uns helfen, sonst kommen wir nicht gegen die Hambonen an!" brüllte Corius durch das Getöse. Im nächsten Moment mußte er sich wieder gegen den wütenden Angriff eines feindlichen Kriegers verteidigen, wobei er Neron aus den Augen verlor.

Aber der Steuermann hatte begriffen, worum es ging und sammelte rasch ein paar Männer um sich, um mit diesen zum Niedergang vorzustoßen.

Als sich die Gruppe dorthin vorkämpfte, erkannte der hambonische Kapitän ihre Absichten, sammelte seinerseits eine Gruppe um sich, welche nun den Zugang zum Ruderdeck verteidigte.

Die Sklaven unten erkannten, was jetzt da über ihren Köpfen vorging und zerrten brüllend an ihren Ketten.

Plötzlich stand Manrath wie durch Zauberei direkt am Rande des Niederganges und hieb mit dem Langschwert wie ein Berserker um sich, um seinen Platz zu behaupten, an den er zufällig gedrängt worden war. Doch er stand nur für wenige Augenblicke dort, denn sofort stürzte sich ein halbes Dutzend Hambonen auf ihn. Gegen sechs kampferprobte Seesoldaten konnte sich der Ritter nicht lange halten. Plötzlich sackte er in sich zusammen und stürzte haltlos die Stiegen den Niederganges hinab - offenbar hatte ein Hieb ihn niedergestreckt.

Doch kaum hatte sein polternder Sturz ein Ende genommen, da rappelte sich der scheinbar Niedergehauene wieder auf und ging auf den Aufseher los, der sich als einzige Wache unten bei den Sklaven aufhielt. Peitsche und Messer, mit denen der Aufseher bewaffnet war, waren keine ernstzunehmenden Waffen gegen Schild und Schwert des Ritters. Ein Hieb des lippischen Peers und der Mann ging mit zerfetztem Kehlkopf gurgelnd zu Boden. Manrath riß ihm hastig den Schlüssel für die Sklavenketten vom Gürtel und warf ihn dem nächsten der Ruderer zu, damit diese sich selbst ihrer Ketten entledigen konnten. Dann mußte er wieder gegen vier Hambonen antreten, die gemerkt hatten, was unten vorging und den Niedergang herabgestiegen kamen. Glücklicherweise war der Niedergang so eng, daß immer nur einer von ihnen angreifen konnte. So verschaffte Manrath den Rudersklaven genug Zeit, um sich von den Ketten zu befreien.

Oben verlagerte sich der Hauptkampf wieder auf das Deck des SEEDRACHEN. Die schon ziemlich angeschlagenen Freibeuter waren wieder zurückgetrieben worden, denn die hambonischen Seesoldaten waren hartgesottene Kämpfer, die trotz des heillosen Durcheinanders an Deck ihres Schiffes mit einer eiskalten Disziplin kämpften, die schon unheimlich zu nennen war.

Um die Freibeuter wäre es schlußendlich sehr schlecht bestellt gewesen, wären da nicht die von Manrath befreiten Rudersklaven gewesen, die sich jetzt mit ihren Eisenketten bewaffneten und mit Manrath an der Spitze auf das Deck der MANDARA hinaufstürmten.

Unversehens waren die Hambonen nun zwischen zwei Fronten eingekeilt und sah sich nun einer mehr als dreifachen Übermacht gegenüber. Dennoch ergaben sie sich nicht, sondern kämpften zäh wie in die Enge getriebene Wölfe weiter. Fast die Hälfte der befreiten Ruderer wurde noch von ihnen niedergestochen, da diese außer ihren Ketten nichts hatten, womit sie sich vor den hambonischen Waffen schützen konnten.

Doch am Ende lebten nur noch der hambonische Kapitän und vier seiner Leute, die nur deshalb überwältigt werden konnten, weil sie mit Hilfe von Schilden so zusammengedrängt wurden, daß sie sich kaum noch bewegen konnten.

Sofort bildeten Manrath und seine zwölf Soldaten, von denen alle wie durch ein Wunder überlebt hatten, einen schützenden Ring um die Besiegten, denn die befreiten Ruderer machten Anstalten, den Kapitän und seine restlichen Getreuen kurzerhand umzubringen.

Schnell wurden die Gefangenen an Bord des SEEDRACHEN gebracht, wo Corius den Hambonenkapitän in Empfang nahm.

        "Ihr seid ein tapferer Krieger und ein überaus ernstzunehmender Gegner", sprach der Lippier anerkennend, "Nennt mir Euren Namen."

        "Ich bin Kaldar, Kapitän der MANDARA", antwortete der Hambone stolz, "Und ich bin ein Edler von den Stämmen der Cromanons. Doch wer seid Ihr, Pirat?"

        "Ich bin Corius, Kapitän des SEEDRACHEN, lippischer Söldner und Freibeuter gleichermaßen. Ihr habt verflucht gut gekämpft und fast wären wir am Ende die Besiegten gewesen. Hättet Ihr freie Männer anstelle von Sklaven an Euren Rudern gehabt, dann stände ich jetzt an Eurer Stelle. Ich weiß Euren Mut wohl zu würdigen und lasse Euch darum Eure Waffen. Euren Männern kann ich diese Gunst allerdings nicht erweisen, was Ihr sicher verstehen werdet. Euer Schiff, die MANDARA, werde ich den befreiten Sklaven überlassen, nachdem ich mir meine Beute geholt habe. Sagt mir aber, ob sich noch welche von Euren Leuten auf dem Schiff versteckt halten, damit sie von Bord geholt werden, bevor ihnen die befreiten Ruderer die Bäuche aufschlitzen."

        "Von meiner Mannschaft leben nur noch diese vier Krieger", antwortete Kaldar, "Aber ich habe noch einen Passagier an Bord, welcher der eigentliche Grund meiner Fahrt ist."

        "Wer ist dieser Passagier?" wollte Corius wissen.

        "Da müßt Ihr ihn schon selbst fragen, denn ich habe geschworen, seinen Namen niemanden zu verraten. Nicht einmal meine Mannschaft wußte, wer er ist. Und ich pflege einen Schwur zu halten."

        "Dann sagt mir, wo er sich versteckt hat."

        "In einer Geheimkammer unter dem Boden der Kapitänskajüte."

 

Corius gab zwei Männern einen kurzen Wink, damit diese den geheimnisvollen Passagier zum SEEDRACHEN herüberholten.

Die anderen Freibeuter hatten bereits damit begonnen, die MANDARA zu plündern, wobei sie vor allem auf Münzen, Schmuck, Waffen, Proviant, Trinkwasser und Munition für die Schiffskanonen erpicht waren.

Der Steuermann Neron war bereits damit beschäftigt, von den befreiten Rudersklaven Männer für die Mannschaft des SEEDRACHEN anzuwerben, damit diese die getöteten Freibeuter ersetzten.

Man ließ allerdings genügend Proviant und Trinkwasser an Bord der MANDARA, damit die befreiten Sklaven mit dem erbeuteten Schiff die lippischen Küsten erreichen konnten, ohne vorher zu verhungern oder zu verdursten.

Corius ernannte einen von ihnen zum neuen Kapitän der MANDARA, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die meisten von ihnen erfahrene Seeleute waren, die in der Lage waren, ein Schiff zu steuern. Nachdem dies alles geregelt war, verließ der letzte Freibeuter das ehemalige Hambonenschiff, auf dem inzwischen der Ersatzmast aufgerichtet und ein neues Segel gesetzt worden war. Dann trennten sich die beiden Schiffe voneinander und strebten in entgegengesetzten Richtungen davon.

Während der SEEDRACHE wieder Fahrt aufnahm, wandte sich Corius an seinen Steuermann.

        "Habt Ihr den Passagier schon untergebracht?"

        "Ja, aber jetzt wartet er in Eurer Kajüte. Er verlangt Euch sofort zu sprechen und gebärdet sich ziemlich wichtigtuerisch."

        "Er soll sich gedulden", murmelte Corius, "Ich werde mich noch früh genug mit ihm unterhalten. Erst einmal wollen wir das Schiff wieder auf den richtigen Kurs bringen. Bald erreichen wir Kroizar und Aziro, und dahinter erwartet uns nur noch Wasser oder El-Mariga, falls es dieses Land überhaupt gibt."

 

 

Neugierig auf den fremden Gefangenen betraten Corius und Manrath die Kapitänskajüte. Der Mann, welcher wohl zuvor aus dem Heckfenster gespäht hatte, fuhr bei ihrem Eintreten herum und setzte sofort eine Miene auf, die ohne Zweifel so etwas wie Empörung ausdrücken sollte. Als Manrath das Gesicht des Mannes sah, stieß er einen Laut der Überraschung aus.

        "Was habt Ihr?" fragte Corius verwundert, "Kennt Ihr diesen Mann?"

        "Das will ich wohl meinen, werter Corius", sprach Manrath lächelnd, "Ihr wißt noch gar nicht, welchen Fang Ihr da gemacht habt. Dieser Mann hier ist kein anderer als König Urban, ehemaliger Herrscher von Delema, nun jedoch Regent von Hambonisch-Delema als Vasall der Hambonen."

        "Oha", machte Corius verblüfft und rieb sich gleich vergnüglich die Hände, "Das ist wirklich ein beachtenswerter Fang."

Da hub der Gefangene zu sprechen an:

        "Ich verlange, daß Ihr mich meines Standes gemäß behandelt und sofort zu einem hambonischen Hafen bringt. Ich bin König Urban von Delema und ich verlange, daß meine Wünsche augenblicklich erfüllt werden."

        "Oh, verzeiht mir, Eure Erhabenheit", gab Corius mit beißendem Spott zurück, "Verzeiht einem armen und unwürdigen Piratenkapitän, daß er Euren hohen Stand nicht sogleich zu würdigen wußte. Ist es vielleicht Euer gnädigster Wunsch, sogleich in den Hafen von Kile gebracht zu werden? Und könnten wir Euch überdies noch untertänigst damit dienlich sein, uns dort von den Hambonen massakrieren zu lassen?"

        "Etwas anderes verdientet Ihr kaum, Pirat", entgegnete Urban mit zornrotem Gesicht.

        "Genug des Unsinns", unterbrach da Manrath den Kapitän, der gerade zu einer ironischen Antwort ansetzte, "Was wollt Ihr hier auf dem Meer, weitab von jeder Küste, und was ist Euer Ziel, Regent Urban?"

Bewußt sprach der lippische Peer den Delemaner nicht mit seinem Königstitel an.

        "Es steht Euch wohl kaum an, dies zu erfahren", gab Urban überheblich zur Antwort.

Betont gemächlich zog da Corius seinen Säbel aus der Scheide.

        "Gebt lieber schnell Antwort", sprach er gefährlich leise, "oder meine Klinge wird Euch die königlichen Gedärme langsam aus dem Leibe schneiden, bevor ich Euch den Fischen zum Fraß vorwerfe. Was wolltet Ihr auf diesem Kurs?"

Ein Blick ins Antlitz des Piraten belehrte Urban schnell, daß dieser Mann es tödlich ernst meinte.

Nach kurzem Zögern sprach er schließlich widerstrebend: "Ich war unterwegs, um den sagenhaften Kontinent El-Mariga zu suchen."

 

 

Am folgenden Tage erspähten sie sowohl im Norden als auch im Süden die Küstenstreifen zweier großer Inseln.

Manrath glaubte schon, daß es sich um Teile El-Marigas handele, doch Corius winkte gelassen ab.

        "Diese Gestade kenne ich. Dort im Norden seht Ihr Koizar und da im Süden Aziro. Hier waren schon Piratenschiffe aus Helgona, Sali, Spadalo und Lippia. Es gibt auf Aziro mehrere gut befestigte Stützpunkte der Freibeuter, die aber nur ihnen bekannt sind. Außerdem liegt dort ständig eine kampfstarke Flotte vor Anker für den Fall, daß Aziro angegriffen wird. Auf Kroizar dagegen leben nur primitive Höhlenbewohner, die sich kaum von Tieren unterscheiden."

        "Ich wußte gar nicht, daß es diese Inseln gibt", meinte Manrath verwundert, "Woher wißt Ihr soviel darüber, Corius?"

        "In bin selbst ein Freibeuter und gehöre damit ihrer Bruderschaft an", erklärte dieser lächelnd.

        "Und wer regiert auf Aziro?" wollte der lippische Peer wissen.

        "Darüber redet niemand, wenn er am Leben bleiben will", antwortete Corius, "Aber jetzt muß ich meine Signalflaggen setzen, sonst werden wir angegriffen und gnadenlos versenkt. Dort im Südwesten könnt Ihr schon die Segel der Wachschiffe sehen."

 

Am Hauptmast des SEEDRACHEN wurde eine Reihe bunter Flaggen aufgezogen, worauf die fremden Schiffe abdrehten, nachdem sie schon bis auf Sichtweite herangekommen waren.

 

 

Als die Inseln Kroizar und Aziro hinter dem Horizont verschwunden waren, begann sich der Himmel in Blitzesschnelle zu verdüstern und das Wasser färbte sich schmutziggrün.

Kalter, schneidender Wind kam von Westen auf und zwang die Männer, sich in wärmende Mäntel und Wamse zu hüllen. Schon bald türmten sich am westlichen Horizont gewaltige, grauschwarze Wolkenberge wie dunkle Giganten auf. Kurz darauf begann es in Strömen zu regnen.

 

        "Verflucht soll's sein!" rief Neron vom Achterdeck her, "Das wird ein Sturm, der die Hölle im Bauch hat!"

        "Nur gut, daß dieses Schiff keine Galeere ist", brummte der Hambonenkapitän Kaldar, der sich frei an Bord bewegen durfte.

Corius, Kaldar und Neron versammelten sich achtern beim Steuerruder, dessen Rad mittlerweile schon von zwei Männern gehalten werden mußte.

Immer stärker wogten die Wellen und schlugen gischtsprühend gegen den Leib des Schiffes. Der Wind begann kräftiger zu wehen und erreichte bald orkanartige Stärke. Wieder und wieder türmten sich gewaltige Wellenberge auf und warfen sich gegen das Schiff, um dessen Deck mit schäumenden, gurgelnden Wassermassen zu überspülen. Schlingernd und stampfend kämpfte sich der Segler durch die kochende, wütende See; in aller Hast hatte man die Segel gerefft, damit der Sturm sie nicht in Fetzen riß. Das Schiff ächzte und stöhnte unter den Hieben des Sturmes wie ein lebendiges Wesen. Vom Hauptmast riß eine Rah los und krachte in einem Gewirr von Tauwerk und Takelage auf das Deck, wobei es einen unglücklichen Seemann unter sich begrub.

Der hölzerne Leib des Schiffes hob und senkte sich mit den Wellen, stampfte und bebte unter der Gewalt der Wassermassen wie ein verwundeter Stier.

 

        "Kapitän, wir kommen vom Kurs ab!" brüllte Neron, der zusammen mit zwei Männern das Ruderrad festhielt, um das Schiff auf Kurs zu halten.

        "Verdammt!" fluchte Corius, "Wenn wir abtreiben, finden wir nicht mehr zurück!"

        "Es geht nicht anders, Kapitän", brüllte Neron gegen das Tosen des Sturmes an, "Wir müssen nach steuerbord in den Wind drehen, sonst schlagen uns die Brecher breitseits in Stücke!"

        "Zur Hölle damit", gab Corius zurück, "Halt den Kurs, komme was da will!"

 

Inzwischen tauchte Kaldar wieder auf, der mit seinen Hambonen geholfen hatte, das Deck von der abgestürzten Rah zu räumen. Als er bemerkte, daß Corius den Segler nicht in den Wind drehen ließ, spürte er Angst in sich aufsteigen, denn der Sturm war mächtig genug, um das quer zum Wind fahrende Schiff zerschmettern zu können.

        "Wollt Ihr Euer Schiff zugrunde richten?" rief er, "Warum dreht Ihr es nicht in den Wind? Diese Brecher schlagen bald die Planken ein und die Masten halten das auch nicht mehr lange aus!"

        "Das geht Euch nichts an, Kaldar!" gab Corius schroff zurück, "Soll ich mich auf See verirren? Unser Kompaß ist zu ungenau und in dieser Jahreszeit sieht man die Sterne nicht. Solange die Planken halten, bleibt der Kurs so wie er ist!"

        "Ihr Götter!" schrie in diesem Augenblick ein Seemann mit sich überschlagender Stimme, "Seht doch! Eine Sturzsee von backbord!"

Corius' Augen weiteten sich, als sein Blick dem ausgestreckten Arm des Mannes folgte.

Ein gigantischer Wellenberg türmte sich da auf und stürzte mit erschreckender Geschwindigkeit auf den Segler zu, der ihm hilflos aufgeliefert war, solange er ihm die verwundbare Seite darbot.

Wie von einer Schlange gebissen fuhr Corius herum und brüllte: "Hart steuerbord! Reißt das Ruder herum! Schneller - schneller - es geht um's nackte Leben!"

Neron und seine Helfer rissen wie wild am Spreichenrad des Steuerruders, drehten es wie verrückt und der SEEDRACHE begann schwerfällig und behäbig beizudrehen.

        "Verdammt!" fluchte Neron, "Es geht zu langsam."

 

Doch da geschah so etwas wie ein Wunder. Eine kräftige Windböe packte das Schiff von backbord her am Vorderdeck und drückte es herum, so daß es gerade noch rechtzeitig der heranrasenden Sturzsee das Heck zuwandte.

Nur einen Herzschlag später erreichte der gigantische Wasserwall das Schiff. Gewaltige Brecher überschwemmten sein Deck. Aber dann hob sich das Heck hoch in den Himmel und der SEEDRACHE wurde von der mächtigen Sturzsee vor sich her getrieben....

 

 

        "Es ist ein Wunder, daß wir dieses Unwetter überlebt haben", meinte Ritter Manrath, dem die Anstrengungen der letzten Stunden noch gehörig in den Knochen steckten, "So etwas hab' ich mein Lebtag lang noch nicht erlebt."

        "Da seid Ihr beileibe nicht der einzige", bemerkte der neben ihm stehende Klasus, welcher mit gerunzelter Stirn das Achterdeck betrachtete, auf dem es chaotisch aussah.

        "Das Schlimmste ist", brummte Corius mißmutig, "daß wir völlig vom Kurs abgekommen sind. Es ist schon schwierig genug, überhaupt festzustellen, wo wir uns jetzt befinden. Zudem müssen wir die Schäden beheben, die uns der Sturm zugefügt hat. Unser SEEDRACHE gleicht jetzt mehr einem zerfledderten Vogel als einem tüchtigen Segler."

        "Glaubt Ihr denn, daß wir den richtigen Kurs wiederfinden können?" fragte Klasus.

        "Wenn ich ehrlich sein soll", murmelte Corius halblaut, "muß ich gestehen, daß ich da arge Bedenken habe. Ich weiß ja nicht einmal, in welche Richtung wir jetzt gerade fahren. Unser Kompaß wurde zerstört. Neron und Kaldar versuchen gerade, ihn wieder heil zu bekommen, aber das Magnet-Erz ist von der Nadel gebrochen und wir haben dafür keinen Ersatz. Und solange der Himmel so mit Wolken verhangen ist, können wir uns auch nicht nach den Sternen orientieren. Ohne Kompaß sieht es schlecht für uns aus."

        "Braucht Ihr nur einen neuen Magneten?" fragte Klasus interessiert.

        "Sicher, aber woher sollen wir einen nehmen?"

        "Wenn Ihr's erlaubt", meinte Klasus, "so will ich versuchen, den Kompaß wieder herzurichten. Auf der Welt, von der ich stamme, habe ich gelernt, wie man Eisen magnetisch machen kann. Es ist recht einfach, doch nur von kurzer Dauer, da die Wirkung schnell wieder nachläßt. Aber zur Not müßte es gehen."

        "Blitz, Blut und Donnerschlag!" entfuhr es dem Kapitän, "Das müßt Ihr mir unbedingt zeigen. Wohlan, mein Freund, zeigt uns, was Ihr könnt."

        "Dann gebt mir die Kompaßnadel, eine Zange, einen Hammer und den kleinen Amboß vom Schiffszimmermann", verlangte Klasus.

Sofort schickte Corius zwei Matrosen los, die das Gewünschte kurz darauf herbeischafften.

 

Die halbe Mannschaft schaute gespannt zu, wie Klasus die Kompaßnadel mit der Zange faßte und auf den kleinen Amboß legte. Dann nahm er den Hammer und schlug damit mehrmals kräftig auf die fingerlange Nadel, daß die Funken sprühten. Nachdem er dies getan hatte, nahm er die Nadel und setzte sie vorsichtig wieder in das Kompaßgehäuse ein.

Als er die Zange löste, begann die Nadel sich zitternd zu bewegen, drehte sich um die Hälfte des Kreises und blieb dann mit leichtem Zittern stehen.

        "Es geht tatsächlich", staunte Corius, während in ihm Respekt vor den Fähigkeiten des Schreibers erwachte, "Jetzt brauchen wir kein Magnet-Erz mehr für den Kompaß."

        "Ich will zwar Eure Hoffnung nicht trüben," dämpfte Klasus jedoch seine Freude, "doch die Wirkung hält höchstens zwei Tage lang an. Außerdem zeigt die Nadel die Nordrichtung nur sehr ungenau an. Es ist nicht mehr als ein kurzzeitiger Notbehelf."

        "Trotzdem seid Ihr ein kluger Kopf, Klasus," lachte Corius und schlug dem Schreiber so derbe auf die Schulter, daß dieser fast auf die Planken niedersackte, "Jetzt können wir weiterfahren. Und wenn die Magnetwirkung nachläßt, können wir Euren Trick ja einfach wiederholen. Wir nehmen wieder Kurs nach Westen; dort müßten wir in jedem Fall auf El-Mariga stoßen, auch wenn wir nach Norden abgetrieben wurden. Schließlich heißt es, daß dieses Märchenland sich von Norden bis tief in den Süden erstrecken soll."

 

 

        "Land in Sicht! Land in Sicht! Bei den Göttern, da ist tatsächlich Land!"

Der Mann im nestartigen Ausguck oben am Hauptmast gebärdete sich wie ein Verrückter und deutete immer wieder nach Nordwesten, wo sich am Horizont der Streifen einer fremden Küste zeigt.

        "Das muß es sein", flüsterte Manrath ehrfürchtig, "El-Mariga, der vergessene Kontinent, das Land der Legenden. Wir haben es wahrhaftig gefunden."

 

Mit windgefüllten Segeln, die sich blähten wie die Bäuche wohlgenährter Kaufleute, steuerte der Dreimaster auf die fremde Küste zu.

Langsam wurden deren Umrisse deutlich, die zuvor noch recht verschwommen gewesen waren.

        "Das ist kein Festland!" rief da der Ausguck, "Das ist nur eine Insel."

        "Es könnte sich um eine vorgelagerte Halbinsel von El-Mariga handeln", meinte Ritter Manrath, "und wir können das eigentliche Festland nur noch nicht sehen. Laßt uns zunächst an dieser Küste entlangfahren, dann werden wir sehen, ob es nur eine Insel oder der vorgelagerte Teil eines Festlandes ist."

        "Gut", nickte Corius zustimmend, und dann fragte er plötzlich: "Wo ist eigentlich dieser Urban? Eigentlich müßte er in einem solchen Moment doch an Deck sein?"

        "Der liegt in seiner Koje und weiß nicht, ob er leben oder sterben soll", spöttelte Manrath, "Seit dem Sturm ist so jämmerlich seekrank, daß er wie ein Häuflein Elend darnieder liegt."

        "Dann laßt ihn auch dort liegen", meinte Corius, "Wir werden indessen dieses fremde Gestade näher in Augenschein nehmen."

 

 

Der Mann im Ausguck sollte leider recht behalten, das Land war tatsächlich nur ein Insel. Da diese aber völlig unbekannt war, beschloß Corius, dieses Eiland genauer in Augenschein zu nehmen.

So wurden zwei Boote zu Wasser gelassen, in denen Corius zusammen mit Manrath, Klasus und zehn ausgesuchten Seeleuten an den Strand ruderten. Auf sein Drängen hin nahmen sie auch Urban mit, obgleich Corius über dessen Begleitung nicht sehr erbaut war. Im zweiten Boot folgten Manraths lippische Soldaten als zusätzliche Verstärkung.

Als die Kiele der Boote über den Ufersand knirschten und die Männer heraussprangen, um die Boote weiter auf's Land zu ziehen, waren sie zunächst viel zu beschäftigt, um die Eigentümlichkeit der Insel sofort zu bemerken. Erst nachdem sie die Boote weit genug aus dem Wasser gezerrt hatten, daß die Flut sie nicht abtreiben konnte, wandten sie sich dem Innern der Insel zu.

        "Seltsam", murmelte Manrath, "Es ist so still hier. Ich höre nicht einmal Vogelgezwitscher."

        "Wo sollten denn hier auch Vögel leben", sprach Corius, "Hier gibt es doch nur kahle Felsen - kein Baum und kein Strauch weit und breit."

        "Vögel können auch in den Felsen nisten", meinte Klasus nachdenklich, "Zumindest müßte es hier Seevögel geben, da solche sich bekannterweise von Fischen ernähren. Ich habe noch nie eine Küste gesehen, an der es so still ist wie hier."

        "Sollten wir nicht weiter in Landesinnere vordringen?" machte sich Urban bemerkbar.

Dem Exkönig von Delema ging es sichtlich besser, seit er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

"Hoho", lachte Corius, "der König ohne Land scheint wieder Mut zu bekommen. Was meint Ihr wohl, warum wir hier sind."

Er teilte vier Matrosen zur Bewachung der Boote ein, dann marschierten sie los.

Die Bootswachen spähten ihnen neugierig nach, bis sie zwischen den Felsen verschwunden waren.....

 

 

        "Fremde sind in der verbotenen Zone", ertönte die Stimme Ontarons, des Ersten Wächters.

        "Ich bereite ihre Vernichtung vor", sprach daraufhin Kalorias, der Zweite Wächter.

        "Zuvor", erklang da die Stimme von Teronias, dem Dritten Wächter, "muß festgestellt werden, wer sie sind und aus welchem Lande sie stammen."

        "So soll es geschehen", stimmte ihm Ontaron zu, "Ich werde die AUGEN aussenden."

        "Die AUGEN sehen, aber sie hören nichts", wandte Kalorias ein, "Sende lieber einen HORCHER zu ihnen, damit er ihre Gedanken liest."

        "Du hast recht und ich folge deinem Rat. Doch nun stört mich nicht."

 

Der Erste Wächter begann sich zu konzentrieren und versank augenblicklich in tiefe Trance. Allein durch die Kraft seines Willens erschuf er ein körperloses Pseudowesen, das von seinem Geist gelenkt wurde und sich anschickte, in die Gehirne der fremden Ankömmlinge einzudringen und ihre Gedanken zu ergründen.

Innerhalb weniger Augenblicke durcheilte das Pseudowesen die Gehirnwindungen der Seefahrer, die davon nicht mehr als eine kurze Benommenheit verspürten, der sie nicht die geringste Bedeutung beimaßen. Doch in dieser winzigen Zeitspanne nahm das Wesen die Gedanken der Männer auf, erfuhr ihre Herkunft, ihre Wünsche, ihre Ziele und auch ihre unterschwelligen Begierden. Dann kehrte es zu Ontaron zurück, leitete das soeben Erfahrene in dessen Geist und löste sich daraufhin wieder in Nichts auf.

        "Berichte, Ontaron!" verlangten die beiden anderen, "Was hast du erfahren?"

        "Es sind Bewohner des Kontinents im Osten, den sie Eropan nennen. Sie kamen mit einem ihrer primitiven Holzschiffe her. Aber sie waren nicht auf der Suche nach Olyman, sondern sie haben versucht, den Kontinent im Westen zu erreichen. Der Sturm hat sie hierher verschlagen."

        "Ist der Gerufene bei ihnen?" wollte Teronias wissen.

        "Er ist dabei und die anderen sind seine Gefährten."

        "Dann sollen sie am Leben bleiben", erklärte Kalorias.

        "So soll es sein", meinte Ontaron, "Der Gerufene ist gekommen und es ist Zeit, ihn zu empfangen."

 

 

        "Haltet ein Euren Schritt!"

Urplötzlich waren drei düster wirkende Gestalten in aschgrauen Mönchskutten vor den Männern aufgetaucht, die erschrocken stehenblieben. Auf eine solche Begegnung waren sie auf diesem öden Eiland nicht gefasst gewesen. Dann aber kam Bewegung in sie und reflexartig griffen sie zu den Waffen.

Drohend richtete Ritter Manrath sein Schwert gegen die drei Gestalten und rief: "Nennt Euer Begehr, bevor Ihr Bekanntschaft mit unseren Klingen macht!"

        "Mäßigt Euch, Ritter Manrath, der Ihr der Peer von Lippia seid, denn Euch steht es nicht zu, auf dem heiligen Boden von Olyman das Schwert gegen uns zu richten", erwiderte einer der Kuttenträger, "Aber sorgt Euch nicht, denn wir hegen keine bösen Absichten gegen Euch. Wir sind Ontaron, Kalorias und Teronias, die Wächter dieses Ortes, der von den Göttern erschaffen wurde. Wisset, daß wir Euch erwartet haben, denn einer ist unter Euch, der hierher gerufen wurde. Jener Sturm, der Euch an diese Gestade getrieben hat, war der Wille der Götter, damit Ihr hierher gelangtet."

        "Woher wißt Ihr meinen Namen?" fragte Manrath erstaunt.

        "Wir kennen jeden von Euch", lautete die Antwort, "auch wenn nicht alle unter Euch zu den Erwählten zählen, für die das Wissen um das Geheimnis der Schattenwelten bestimmt ist. Darum sind wir verwundert, daß auch Urban, der einstige König Delemas, hier zugegen ist. Ich muß ihm daher sagen, daß es für ihn gefährlich und verderbenbringend sein kann, das "Tor der Welten" zu durchschreiten. Nur drei von Euch sind dazu berufen, nämlich Klasus, Corius und Manrath. Es soll Urban ebenfalls gestattet sein, doch ich weise ihn darauf hin, daß dies sein Ende bedeuten könnte. Alle anderen muß ich auffordern, auf das Schiff zurückzukehren und dort auf Euch zu warten. Die drei Erwählten und auch Urban mögen uns nun folgen."

        "Und woher weiß ich, daß Ihr nichts Übles vorhabt?" fragte Corius mißtrauisch.

        "Es bleibt Euch überlassen, uns zu trauen oder es bleiben zu lassen. Vorerst muß Euch unser Wort genügen", antwortete Ontaron.

 

Nach einigem Zögern erklärten sich Manrath, Corius und Klasus einverstanden und schickten ihre Männer zu den Booten zurück, obgleich diese dagegen protestierten, da sie um die Sicherheit ihrer Anführer fürchteten.

Schließlich aber machten sich die Männer der Begleittruppe auf den Rückweg, während Manrath, Corius, Klasus und Urban den "Wächtern" folgten.

 

Der steinige, schlangengleich gewundene Pfad führte durch die schroffen Felsen schließlich in ein kleines Tal, welches von solcher Lieblichkeit und Schönheit war, wie man es auf dieser unwirtlichen Felseninsel niemals erwartet hätte.

Während die "Wächter" gleichmütig und stetig voranschritten, konnten sich Manrath und seine Begleiter kaum sattsehen an der übernatürlich anmutenden Schönheit dieses Tales.

Fremdartige, wunderschöne Blumen wuchsen hier, deren Blüten wie reine Diamanten schimmerten, in denen sich das Licht der Sonne in abertausend Farben widerspiegelte. Der Boden war mit einem dichten Grasteppich bedeckt, dessen sattes, leuchtendes Grün weit kräftiger als anderswo zu sein schien. Seltsame Bäume standen wie unnachahmlich gearbeitete Skulpturen göttlich begnadeter Künstler in der Talsohle und nicht einer glich dem anderen, denn jeder trug andere Früchte und ein anderes Blattwerk von unterschiedlicher Farbe und Beschaffenheit. Aus der Ferne erschienen sie den Betrachtern wie hochgewachsene, schlanke Gestalten in königlich-prunkvollen Gewändern, deren Farben wie von innen heraus zu leuchten schienen. Da und dort sahen die Männer auch Tiere inmitten der Pflanzenpracht umherhuschen, doch keiner konnte sich erinnern, jemals solche Tiere gesehen oder von ihnen gehört zu haben, die sich graziös bewegten und von solch unwirklicher Unberührtheit schienen, daß die Männern fast das Gefühl hatten, als würden allein ihre Blicke genügen, diese wundersamen Geschöpfe irgendwie zu beschmutzen. Irgendwie spürten sie, daß sie nicht hierher gehörten und schon allein ihre Anwesenheit die Schönheit dieses Ort trübte.

 

Plötzlich blieben die drei "Wächter" stehen, was so abrupt geschah, daß die ihnen Folgenden fast gegen ihre Rücken geprallt wären. Erst dann erkannten sie den Grund des plötzlichen Haltes.

Rein reflexartig griffen sie zu ihren Waffen, als sie sahen, daß mehr als ein Dutzend riesiger Wölfe vor ihnen aufgetaucht war, deren Fell so weiß war wie frisch gefallener Schnee. Die unheimlich und bedrohlich wirkenden Tiere waren von so riesenhaftem Wuchs, daß ihre Schnauzen sich fast in Augenhöhe der Männer befanden. Manrath, Corius und Klasus wollten ihre Klingen blank ziehen, aber Ontaron sprach beruhigend: "Laßt Eure Waffen dort, wo sie sind, Sterbliche, denn diese Wölfe sind unsere getreuen Freunde und Helfer. Auch Ihr steht als Gäste dieses Ortes unter ihrem Schutz."

        "Solche Tiere habe ich noch niemals gesehen", murmelte Corius fast ehrfürchtig.

        "Glaubt nicht, daß es nur Tiere sind", sprach Ontaron, "denn sie haben einen wachen Geist, der vielleicht sogar intelligenter ist als der Eurige. Auf der Welt, von der sie stammen, sind sie die Herren der Schöpfung, während die dort lebenden Menschen nicht viel mehr als primitive Höhlenbewohner sind."

 

Die Riesenwölfe wichen zur Seite, als die Männer weitergingen und ließen sie passieren.

Bald darauf kamen sie in einen Hohlweg, der zu einem mächtigen Höhleneingang führte, dessen Breite fast zehn Pferdelängen maß, mit einer Höhe von etwa fünf vollen Manneslängen .

        "Ist dies das Tor zu den Welten?" wollte Corius wissen.

        "Nein", gab ihm Kalorias Auskunft, "Geduldet Euch noch ein wenig. Ihr werdet es früh genug zu Gesicht bekommen."

 

Sie wurden durch eine hohe Grotte geführt, in der große Stalaktiten wie die Statuen vergangener Könige standen. Dann schritten sie durch einen niedrigeren Gang, wo sie geduckt gehen mußten, um nicht mit den Köpfen anzustoßen. Schließlich aber mündete dieser Gang in einen gewaltigen Höhlendom, in dessen Mitte ein großer, prunkvoll verzierter Torbogen aus silbrig schimmerndem Metall stand.

Doch wenn ein Betrachter glaubte, er könne zwischen den Torsäulen hindurchschauen, so sah er sich getäuscht. Denn zwischen diesen Säulen war nichts als wabernde Finsternis zu sehen, in der wesenlose Schatten und winzige Irrlichter in einem wahnwitzigen Reigen umherwirbelten.

        "Hier seht Ihr das Tor zu den Welten im Anderswo", sprach Ontaron mit feierlichem Ernst und seine Stimme hallte von den Felswänden des unterirdischen Domes wider, daß es schien, als sprächen Unsichtbare die Worte des "Wächters" nach.

        "Das Tor ist jetzt für Euch geöffnet", erklärte Kalorias, "Wenn Ihr genügend Mut Euer eigen nennen könnt, so tretet hindurch. Dann werdet Ihr von den Mächten erfahren, die um die Herrschaft über die Welten streiten und die das Geschick dieser Welt wie auch das Eurige im Geheimen lenken, ohne daß Ihr es bemerktet, wenn Ihr nicht das Wissen um diese Dinge habt. Tretet hindurch, damit Euch dieses Wissen zuteil werden kann."

        "Höret, Ihr seltsamen Gesellen", meinte Corius knurrig, "Wenn das eine Falle ist, dann seid gewiß, daß meine Männer vom SEEDRACHEN das gesamte Tal und auch diese Höhle in eine Schutthalde verwandeln werden."

        "Euer Mißtrauen ist unbegründet", antwortete Ontaron mit leisem Ärger, "Ihr solltet uns vertrauen."

        "Ich traue nicht einmal mir selbst", brummte Corius, "Aber ich will meine Gefährten auch nicht allein in dieses Loch gehen lassen."

Der Abenteurer wandte sich um und ging mit energischen Schritten auf den silbernen Torbogen zu, gefolgt von Manrath, Klasus und Urban.

Als sie hindurchtraten, wurden sie von der Dunkelheit zwischen den Torsäulen verschlungen......

 

 

Zuerst vermeinten sie in einen entsetzlich tiefen Schlund zu fallen, dann glaubten sie wiederum im Nichts zu schweben, aber schließlich bemerkten sie, daß sie wieder wie auf festem Boden standen, obgleich rings um sie her, selbst unter ihren Füßen, eine endlose, schwarze Leere gähnte, in der tausende und abertausende von Lichtern glänzten und gleißten.

        "Das sind die Sterne!" entfuhr es Klasus, "Wir sind mitten im Weltraum und leben noch!"

        "Aber wieso stehen wir hier wie auf festem Boden?" murmelte Corius verblüfft, "Ich sehe unter uns nichts, was uns trägt."

        "Vielleicht werden wir von magischen Kräften getragen", meinte Manrath achselzuckend, während Urban wie versteinert neben ihnen stand; ihm hatte es schier die Sprache verschlagen.

        "Wohin wenden wir uns nun?"

Corius schaute sich suchend um.

        "Ich sehe nirgends einen Weg."

Als ob jemand diese Worte vernommen hätte, erschien zu ihren Füßen in diesem Moment eine golden schimmernde Linie, die schnurgerade durch die Unendlichkeit führte.

        "Da ist unser Wegweiser", grinste Manrath, "Unsere geheimnisvollen Gönner scheinen uns genau zu beobachten. Folgen wir der Linie, denn wir wollen sie doch nicht enttäuschen, oder?"

 

Sie marschierten eine endlos erscheinende Weile entlang der goldenen Linie durch die Unendlichkeit zwischen Raum und Zeit, jenseits der Grenzen des Seins, wobei sie entdeckten, daß sie durch einen unsichtbaren Tunnel schritten, als Urban einmal strauchelte und an eine nicht sichtbare Seitenwand stieß. Daraufhin griff Corius über seinen Kopf und spürte auch dort einen festen Widerstand.

        "Nur gut, daß keiner von uns an Höhenangst leidet", meinte Klasus, "Er wäre hier rettungslos dem Wahnsinn ausgeliefert."

        "Holla!" rief da Corius aufgeregt, "Da vorn endet der Weg und dort sehe ich auch ein Silbertor. Dort ist unser Ziel."

 

Sie begannen zu laufen und erreichten kurz darauf jenes Tor, das wie verloren inmitten der Unendlichkeit schwebte, als hätten seine Erbauer es dort vergessen. Wieder traten sie durch die Toröffnung und meinten wiederum in unendliche Tiefen zu stürzen. Dann standen sie urplötzlich auf einer endlosen Ebene, die nur aus blutigrotem Sand und Staub bestand, über der sich ein Himmel von schmutziggelber Färbung wölbte. Nachtschwarze Wolken jagten wie bedrohliche Schatten vorüber, als würden sie von einem Orkan getrieben, obwohl nicht das geringste Lüftchen wehte. Am Horizont loderten gigantische Flammensäulen in den Himmel und ringsum strichen gelblich-grüne Nebelschwaden wie Geistergestalten über das rote Land hinweg. Schwefelgeruch lag in der Luft und machte den Männern das Atmen schwer.

        "Bei den Dämonen von Luma und bei Agessef, dem Gott des Haders!" rief Corius, "In welchen Irrwitz sind wir hier geraten?"

        "Es ist nicht sehr ratsam, hier die Namen von Göttern zu nennen", erklang da hinter ihnen eine Stimme, "denn sie könnten sich schnell gerufen fühlen. Vor allem, wenn es sich um Fürsten des Chaos handelt."

Ihre Klingen blitzten drohend, als sie hurtig aus den Scheiden glitten und sich gegen den sonderbaren Fremdling richteten, der da so plötzlich hinter ihnen aufgetaucht war, obgleich sie zuvor weit und breit niemanden gesehen hatten.

        "Aber meine Herren!" meinte der Fremde lächelnd, "Ihr wollt mich doch nicht niederstechen, ohne mir die Gunst zu erweisen, Euch mein Hiersein zu erklären?"

        "Dann redet", drohte Manrath, "Aber säumet damit nicht, sonst wird meine Klinge ungeduldig."

        "Ereifert Euch nicht, Ritter Manrath", gab der Fremde zurück, "Schließlich bin ich hier, um Euch zu Diensten zu sein, wenn's beliebt. Euer Kommen war mir bekannt und darum bin ich hier."

        "Ihr kennt meinen Namen?" wunderte sich der Ritter.

        "Ich kenne jeden Namen, den ich zu kennen wünsche", antwortete der Fremde.

        "Seid Ihr der Wächter dieses Ortes?" wollte Klasus wissen.

        "Dieser Ort braucht keinen Wächter mehr", meinte der Fremde, während er sich die geckenhaft wirkenden Rüschen seines weißen Seidenhemdes zurechtzupfte.

Er machte ohnehin einen recht stutzerhaften Eindruck und seine Kleidung kam den Gefährten ziemlich sonderbar vor.

Klasus fand, daß die Kleidung des Fremden fast wie die Uniform eines französischen Musketiers des irdischen 17.Jahrhunderts aussah, so wie er sie aus den Verfilmungen der Romane des berühmten Alexandre' Dumas kannte.

Der Fremde trug hohe Stulpenstiefel, eine enge Hose, darüber ein ledernes Wams über einem weißen Rüschenhemd, um die Schultern einen dunkelblauen Umhang mit silbernen Zierstickereien und auf dem Kopf einen schwarzen, breitkrempigen Hut, der mit einer langen Feder geschmückt war.

An seiner Seite hing ein langer Degen mit vergoldetem Korbgriff.

Er war von schlanker, mittelgroßer Gestalt. Sein Gesicht war schmal, umrahmt von einem dunklen Bart, mit einer etwas groß wirkenden Nase. Seine Augen blickten traurig und um seine Lippen war ein bitterer Zug, als habe er das Universum geschmeckt und diesen Geschmack als abstoßend empfunden.

        "Sagt uns, wer Ihr seid", verlangte Manrath, "damit wir wissen, wie wir Euch nennen sollen."

        "Um Vergebung, Ihr Herren", lächelte der Mann und vollführte eine höfische Verbeugung, wobei er den Hut abnahm und in weitem Bogen schwenkte, "doch glaube ich, daß Euch meine vielen Namen kaum etwas bedeuten werden. Aber Ihr könnt mich Shalid nennen, den Weltenwanderer, denn das ist meine Bestimmung. Und im Augenblick erweise ich den Herrschern von MAHRHY-THAYR, den Herren der Ordnung, einen kleinen Gefallen."

        "MAHRHY-THAYR?" entfuhr es Manrath, "Seid Ihr ein Diener der Götter des Lichts?"

        "Nicht ihr Diener, sondern nur ein zeitweiliger Verbündeter", berichtigte ihn Shalid, "Für Euch sind es die Götter des Lichts. Ich nenne sie die Herren der Ordnung. Und die Herrscher von ROOHY-KYARA, die Ihr als Götter der Finsternis kennt, sind für mich die Herren des Chaos und zugleich die Feinde der Ordnung. Und manchmal, wenn es sich als notwendig erweist, bin ich auch den Chaos-Herrschern zu Diensten, denn ich diene den Mächten des Gleichgewichts."

        "Aber was für eine Welt ist dies hier ?" wollte Klasus wissen.

        "Eine tote Welt ohne jegliches Leben. Hier herrschte allein das Chaos und brachte in seiner wilden, ungezügelten Kreativität schließlich Unbeständigkeit und Verderben, als es sich am Ende in seinem Einfallsreichtum verausgabt und erschöpft hatte. Hier auf dieser Ebene stellten sich vor unendlich langer Zeit abertausende von Kriegern aus allen Teilen dieser Welt den Kräften des Chaos zur letzten Schlacht, doch sie konnten das Schicksal nicht mehr wenden. Der furchtbare Kampf tobte viele Jahre lang, dann hatte das Chaos schlußendlich gesiegt. Dieser rote Staub, in dem wir hier stehen, ist nichts anderes als das getrocknete Blut der Frauen und Männer, die hier kämpfend untergingen. Nur den perversen Launen der Chaos-Fürsten ist es zu verdanken, daß ihre Leiber zwar verwesten, ihr Blut jedoch als roter Staub zurückblieb und nun das ganze Land bedeckt."

Betroffen starrten die Gefährten auf den roten Boden und versuchten sich das furchtbare Gemetzel vorzustellen, daß hier einst stattgefunden hatte.

        "Nach dieser großen Schlacht herrschten die Chaos-Mächte jahrtausendelang über diese Welt", fuhr der Weltenwanderer fort, "Und mit der Kreativität des Wahnsinns schufen sie Tag für Tag immer neue Formen des Seins, um diese Welt immer neuen Veränderungen zu unterwerfen, ohne jede Spur von Beständigkeit. Land wurde zu Wasser, Berge zu Schluchten, Wasser zu Säure - alles befand sich in ständiger Verwandlung. Und auch das, was lebte, wurde davon nicht verschont. Kreaturen des Wahnsinns entstanden und vergingen, gefolgt von immer neuen Geschöpfen, die ihre Vorgänger an Unmöglichkeit noch übertrafen. Nichts war von Dauer, nichts blieb wie es war, alles war ständiger Umwandlung unterworfen - Jahrtausende lang. Diese Welt war Knetmasse in den Händen des Chaos. Es baute auf, formte und zerstörte immer wieder aufs neue, bis sich selbst sein Erfindungsreichtum erschöpft hatte und nur noch eine tote Welt zurückblieb. Und das, was dieser Welt widerfuhr, droht allen Welten, auf der die Chaos-Fürsten ihre Macht errichten können."

        "So sehen also die Werke der dunklen Götter aus", murmelte Manrath betroffen, "Ist dies das Wissen, das uns zuteil werden sollte?"

        "Es ist nur ein Teil davon. Ihr solltet sehen und begreifen, was einer Welt droht, die dem Chaos ohne die zügelnden Kräfte der Ordnung in die Hände fällt. Denn auch auf Eurer Welt FATOM hat das Chaos bereits Einzug gehalten. Es hat eine Bastion errichtet auf Luma, der Insel der Dämonen. Denn die Dämonen waren seit jeher die Schergen der Chaos-Fürsten und ihre Horden sind die Armeen der Finsternis zusammen mit jenen Menschen, die ihnen blindlings und ahnungslos folgen. Aber Ihr sollt noch mehr zu sehen bekommen. Also folgt mir!"

Er drehte sich um und schritt vor ihnen durch das Weltentor und sie beeilten sich, ihm zu folgen.

 

Diesmal fanden sie sich nicht in der schwarzen Unendlichkeit wieder, sondern am Rande einer Schlacht, die vor ihren Augen hin und her tobte. Sie sahen, wie Frauen und Männer in verzweifelter Wut gegen Horden von grauenhaften Albtraumkreaturen kämpften.

 

        "Folgt mir!" rief Shalid wieder.

Und wieder  befanden sie sich völlig übergangslos auf einer neuen Welt und wieder wurden sie Zeugen einer Schlacht, die jedoch anders war als alle Schlachten, die sie jemals erlebt hatten.

Große Fahrzeuge aus Stahl, die aus langen Rohren Feuer und Tod spuckten, rollten über schlammiges, aufgewühltes Erdreich, das bedeckt war von unzähligen Leichen. Männer in blaugrüner und erdfarbener Kleidung, mit eisernen Rundhelmen auf den Köpfen, rannten umher, um krachende, flammenspuckende Waffen aufeinander zu richten, mit denen sie den Tod um sich sähten. Explosionen krachten ringsumher, als würden Tausende von Pulverfässern detonieren. Riesige Vögel aus Eisen flogen hoch über ihnen durch die Luft und ließen Feuer vom Himmel regnen, das alles vernichtete, was es traf.

Während seine Begleiter fassungslos auf das Geschehen starrten, erkannte Klasus, was hier vorging. Sie waren Zeugen eines Krieges, der mit Waffen geführt wurde, wie es sie auf der Erde des 20.Jahrhunderts gab. Panzer, Kanonen, Bomben, Flugzeuge, all das kannte Klasus aus seiner Heimatwelt, auch wenn er dort nie einen Krieg hatte erleben müssen.

        "Sind wir hier auf der Erde?" fragte er den Weltenwanderer.

        "Nein", antwortete dieser, "aber diese Welt Eurer Heimatwelt sehr ähnlich. Es ist nicht die Erde, auf der Ihr geboren wurdet. Aber hier kämpfen die Menschen längst nicht mehr gegen die Mächte des Chaos, denn hier sind sie selbst zu Chaos-Kreaturen geworden. Am Ende wird es auf dieser Welt kein Leben mehr geben, denn sie werden nicht eher aufhören, bis sie in ihrer wahnsinnigen Raserei alles vernichtet haben. Ihr habt nun genug gesehen, um zu begreifen, was Chaos anrichtet, wenn es zu mächtig wird und sich ungezügelt austoben kann. Kommt!"

Und wieder befanden sich auf der Ebene, die mit Blutstaub bedeckt war.

 

        "Nun könnt Ihr Eure Fragen stellen", sprach der Weltenwanderer, "Und ich will sie gern beantworten, sofern es mir möglich ist."

        "Wenn Ihr ein Wanderer zwischen den Welten seid", begann Klasus daraufhin, "dann müßtet Ihr doch auch meine Heimatwelt kennen. Wißt Ihr, wie ich dorthin zurückkehren kann?"

        "Ich kenne Eure Welt, denn ich habe dort schon oft in vielerlei Gestalt verweilt. Aber es gibt dort kein Weltentor mehr, mit dessen Hilfe Ihr dorthin gelangen könntet. Manchmal gibt es Überschneidungen zwischen verschiedenen Existenzebenen, aber diese sind nur selten vorauszusehen, da sie sehr spontan auftreten und nur von kurzer Dauer sind. Auch auf Eurer Welt hat das Chaos bereits die Macht ergriffen, wenngleich es sich dort in anderer Gestalt zeigt als auf Welten, denen technische Entwicklungen noch fremd sind. Fatom war einst ein Spiegelbild Eurer Erde, doch vor weit mehr als hunderttausend Jahren kam es zu einem nuklearen Krieg, der jegliche Zivilisation vernichtete. Es dauerte sehr lange, bis hier neues Leben und neue Kulturen entstanden. Dieses Schicksal, die wir die  tragischen Jahrtausende nennen, steht Eurer Heimatwelt noch bevor."

        "Aber wie kann es Welten wie die Erde gleich mehrfach geben?" fragte Klasus verwirrt.

        "Ich will versuchen, es Euch zu erklären, auch wenn es für Euch schwer verständlich sein wird", sprach Shalid, "Und Ihr sollt auch wissen, was es mit den Mächten von Ordnung und Chaos auf sich hat. Hört mir also genau zu:

Eure Erde, auf der Ihr, Klasus, geboren seid, und auch Fatom sind nichts anderes als Schatten oder Zerrbilder der wahren Welt MAHRHY-THAYR, die sich in verschiedenen Universen oder Existenzebenen manifestiert haben. Es gibt abertausende solcher Schattenwelten in ebensovielen verschiedenen Universen, die auf sehr komplizierte Weise alle miteinander verbunden sind wie in einem unendlichen Gewebe. Viele sind voneinander völlig verschieden, andere wiederum sind einander sehr ähnlich. Und sie sind voneinander getrennt durch Verschiebungen in den Dimensionen, die manchmal nur winzig sind. Aber solche Schattenwelten entspringen nicht nur aus MAHRHY-THAYR, der Welt der Ordnung, denn auch diese Urwelt hat ein Gegenstück: ROOHY-KYARA, die Welt des Chaos. Diese beiden Urwelten werfen in allen Existenzebenen des Multiversum ihre Schatten, die sich zu eigenen Welten manifestiert haben.

Ihr müßt Euch diese beiden Urwelten, die sich übrigens in einem jeweil eigenen Ur-Universum befinden, wie zwei gegenüberstehende Türme vorstellen, die von allen Seiten von vielen Lichtern beleuchtet werden. Sie werfen um sich herum abertausende von Schatten und ihre Schatten vermischen sich zwischen ihnen. Nun stellt Euch diese Schatten wiederum als eigene Welten vor, die zunächst den Urwelten gleichen und dann ein Eigenleben entwickeln, das in völlig unterschiedlichen oder auch in sehr ähnlichen Bahnen verläuft.

Die Herrscher von MAHRHY-THAYR und ROOHY-KYARA sind uralt, vielleicht so alt wie das Multiversum selbst, und ihre Macht ist nahezu unbegrenzt, auch wenn sie sich den Regeln und Gesetzen einer noch über ihnen stehenden höheren Macht beugen müssen, die das gesamte Multiversum geschaffen hat. Ich diene dieser höheren Macht, welche die Kräfte des Gleichgewichts verkörpert.

Während man auf MAHRHY-THAYR die Ordnung aller Dinge, die Beständigkeit, die Berechenbarkeit und die Kontinuität als höchste Ideale anstrebt, wenden sich die Mächtigen von ROOHY-KYARA in die entgegengesetzte Richtung und erstreben einen Zustand ewiger Veränderung und Unbeständigkeit an, eben das Chaos, welches Schöpfung und Zerstörung gleichermaßen in sich trägt.

Seit Äonen streiten Ordnung und Chaos um die Vorherrschaft über die Schattenwelten, ohne daß es jemals eine endgültige Entscheidung gegeben hat.

Wünschenswert wäre ein Zustand, in dem Chaos und Ordnung gleichermaßen Einfluß auf die Welten haben, so daß die Beständigkeit nicht zu Stagnation wird und die Schöpfung nicht zur sinnlosen Zerstörung des schon Existierenden führt.

Während die Herren der Ordnung dies billigen, widersetzen sich die Fürsten des Chaos diesem Kompromiß und versuchen seit jeher, die Waagschale zu ihrem Gunsten zu neigen. Derzeit befinden wir uns in einer Epoche, in der das Chaos überall im Multiversum auf dem Vormarsch ist und allen Welten ein Zyklus von Zerstörung und neuer Schöpfung bevorsteht.

Auch auf Fatom haben die Herrscher von ROOHY-KYARA starke Verbündete: die Drachenpriester von Normia und die Drachensöhne Hambonias, die selbst Nachfahren von Chaosgeschöpfen sind. Vielleicht könnte auch Lippia der Macht der Finsternis unterliegen, den im Wesen des lippischen Reiches sind Chaos und Ordnung gleichermaßen vertreten, vor allem in Gestalt des Lords Rikard von Schwanenwehr, der den Keim eines Dämonen in sich trägt. Lippia wird den Krieg in alle erreichbaren Länder tragen und damit zunächst dem Chaos dienen. Doch wenn es den Lords von Lippia oder ihren Nachfolgern gelingt, die Völker in einem neuen Reich wie einst Kamaraan zu vereinen, so dient dies wieder den Mächten der Ordnung. Darum hat man Euch nach Olyman gerufen, um Euch über die Gefährlichkeit des Chaos aufzuklären und den lippischen Lords eine Waffe in die Hände zu spielen, mit der sie selbst den Göttern trotzen können."

        "Eine Waffe gegen die Götter?" fragte Manrath, "Welche Waffe könnte etwas gegen die Götter ausrichten?"

        "Es sind die Dornen der Magischen Rose, deren Abbild das lippische Reich in seinem Banner trägt," antwortete der Weltenwanderer.

        "Die Magische Rose?" entfuhr es Manrath ungläubig, "Sie ist seit mehr als einem Jahrhundert verschwunden und seither haben viele tapfere Ritter dieses Heiligtum zu finden versucht. Doch keinem ist das je gelungen und viele kehrten niemals von ihrer Suche zurück."

        "Ich werde Euch sagen, wo sie zu finden ist", erklärte der Weltenwanderer, "Doch zuvor will ich Euch erklären, welche Rolle die Magische Rose im Kampf zwischen Ordnung und Chaos spielt. Denn wie ich schon sagte, haben sich auch diese beiden Mächte einer noch größeren zu beugen, jener Urmacht, die erst das Multiversum geschaffen hat. Diese übergeordnete Macht schuf auch Waffen, die Chaos und Ordnung gleichermaßen zu fürchten haben. Es gibt auf allen Schattenwelten des Multiversums eine solche Waffe, die immer in einer anderen Form existiert. Auf Klasus' Heimatwelt, der Erde, gab es sie einst ebenfalls. Dort nannte man sie 'Excalibur', das Schwert des Königs Arthur Pendragon von Britannien. Aber weder den Herren des Chaos noch denen der Ordnung ist es möglich, solche Waffen zu benutzen - es würde ihr Ende bedeuten. Sie haben nur die Möglichkeit, diese Waffen denen in die Hände zu geben, die in ihrem Sinne streiten."

        "Aber wo können wir die Magische Rose finden?" rief Corius ungeduldig.

        "Sie ist in der Hand der Chaos-Schergen, den Dämonen von Luma, die sie auf ihrem schwarzen Schloß Yuthator verborgen halten", gab ihm Shalid Auskunft.

        "Aber dann ist sie für uns verloren", warf Klasus ein, "denn die Dämonen werden sie sicher schon von Fatom fortgeschafft haben."

        "Das können sie nicht", erklärte Shalid, "denn sie kann weder zerstört noch von ihrer Welt fortgebracht werden. Ihr könntet sie auf Luma zurückerobern, wenn es Euch gelingt, die Dämonen zu überwinden. Danach werdet Ihr die Macht der Magischen Rose erkennen. Nun wißt Ihr, was Ihr wissen müßt und für mich ist es an der Zeit, Euch wieder zu verlassen."

        "Wartet noch!" rief Klasus, "Erlaubt mir noch eine Frage: Wie wurdet Ihr genannt, als Ihr auf der Erde weiltet?"

        "Ich war schon viele Male dort und immer trug ich einen anderen Namen. Mit den meisten dieser Namen blieb ich unbekannt und unbedeutend, unter einigen Namen allerdings erlangte ich eine gewisse Bekanntheit."

        "Nennt mir nur einen der bekannten Namen", bat Klasus neugierig.

        "Nun", meinte Shalid lächelnd, "es gab eine Zeit, da wurde ich Nostradamus genannt und für einen Hellseher gehalten, weil die Menschen meine Warnungen fälschlicherweise für Weissagungen hielten. Aber das ist schon sehr lange her."

 

 

Als der Weltenwander sich vor ihren Augen einfach in Nichts auflöste, erschien wieder das Weltentor, mit dessen Hilfe sie wieder in ihre eigene Welt zurückkehrten.

So gelangten sie wieder in den Höhlendom auf Olyman, wo die drei Wächter auf sie warteten.

        "Nun, ihr Herren, ist auch Euch das Geheimnis vom ewigen Kampf zwischen Ordnung und Chaos bekannt", sprach Ontaron, "Und jetzt wißt auch Ihr von den Schattenwelten des Multiversums. Nun könnt Ihr heimkehren nach Lippia, um den Lords zu berichten, was Ihr hier erfahren habt."

        "Was!!!" empörte sich Manrath, "Das soll alles gewesen sein? Warum konntet Ihr uns dieses Wissen nicht auf andere Weise vermitteln. So hätten wir uns diese lange Reise sparen können."

        "Hättet Ihr es denn geglaubt, wenn einer von uns nach Lippia gekommen wäre, um Euch vom Multiversum und den Schattenwelten zu erzählen?" hielt Ontaron dagegen.

Darauf wußte Manrath keine Antwort und zog es vor, zu schweigen.

        "Außerdem", fuhr Ontaron fort, "gibt es gewisse Regeln, die den Dienern der Ordnung verbieten, direkt in die Geschehnisse einzugreifen. Und so ist es uns auch verboten, Euch bei der Rückeroberung der Magischen Rose zu helfen. Das wird Eure Aufgabe sein, denn Ihr wißt jetzt, wo sie zu finden ist."

        "Es ist nicht sehr zufriedenstellend", murmelte Corius, "mit leeren Händen zurückzukehren. Wir haben noch nicht einmal El-Mariga gefunden und wissen immer noch nicht, ob es diesen Kontinent überhaupt gibt."

        "Natürlich gibt es ihn", sprach Ontaron lächelnd, "wenn der Sturm Euch nicht hierher verschlagen hätte, wäret Ihr direkt auf ihn gestoßen. Ich bin sicher, daß Ihr die Erkundung El-Marigas schon in den nächsten Jahren nachholen werdet."

        "Wir könnten schon jetzt einen Abstecher dorthin machen", überlegte Corius laut.

        "Dazu habt Ihr keine Zeit mehr", sprach Ontaron ernst, "Ihr müßt jetzt so schnell wie möglich nach Lippia zurückkehren, denn die Schergen der Chaosfürsten wissen inzwischen, daß Euch das Versteck der Magischen Rose bekannt ist. Und sie werden Euch zu vernichten suchen, um zu verhinden, daß dieses Wissen nach Lippia gelangt."

        "Und was ist mit mir?" fragte Urban, "Ich habe nichts mit Lippia zu schaffen, denn ich stehe in hambonischen Diensten. Ich habe kein Interesse daran, daß die lippischen Lords die Magische Rose zurückbekommen und so noch mehr Macht erhalten, die sich am Ende auch gegen mich richten wird."

        "Ihr könnt nicht mehr zu den Hambonen zurückkehren", erklärte Ontaron, "denn wir wollen nicht, daß auch den Herren Hambonias das hier erhaltene Wissen zuteil wird. Solltet Ihr dennoch versuchen, wieder in den hambonischen Machtbereich zurükzukehren, dann werden die Mächte der Ordnung dies zu verhindern wissen. Daher tätet Ihr gut daran, Euch einen Ort zu suchen, an dem Ihr in Ruhe und Zufriedenheit Euer Leben verbringet könnt, ohne Euch jemals wieder in die eropanische Politik einzumischen."

        "Aber wohin soll ich denn gehen?" klagte Urban, "In Lippia bin ich verhasst und auch in Hellebona wird man mich nicht freundlich empfangen."

        "Wir werden schon einen Platz für Euch finden", beruhigte ihn Corius, "Auf Aziro wird man sicher ein kleines Anwesen für Euch haben, wo Ihr den Rest Eures Leben in Ruhe und Zufriedenheit verbringen könnt. Im Landesinneren gibt es ein paar kleine Gemeinden, wo man Euch sicher aufnehmen wird."

        "Darüber solltet Ihr Euch später Gedanken machen", unterbrach Ontaron das Gespräch, "Jetzt ist es Zeit für Euch zu gehen."

 

 

Seit zwei Tagen waren sie wieder auf See und der SEEDRACHE pflügte mit vollen Segeln durch die blaßgrünen Wellen. Sie folgten dem Kurs, den ihnen Ontaron auf einer Seekarte eingezeichnet hatte. Die Karte war ein wertvolles Geschenk der Wächter und um vielfaches besser als alle Karten , die es sonst gab. Klasus hatte sich in seiner Kajüte sofort daran gemacht, davon Kopien zu zeichnen.

 

Corius hatte dem Steuermann Weisung gegeben, Kurs Nord-Nordost zu segeln, wodurch sie direkt auf die Inseln Kroizar und Aziro zu hielten.

Corius hatte ich die Warnung vor den Chaos-Schergen zu Herzen genommen und da er damit rechnete, daß diese ihnen auf dem kürzesten Seeweg auflauerte, zog er es vor, einen Umweg über Kroizar und Aziro zu segeln, wo er eventuell mit der Hilfe der Freibeuter rechnen konnte, falls sein Schiff tatsächlich angegriffen wurde.

Am dritten Tag ihrer Rückreise sichteten sie schließlich die Küstenlinien der beiden Inseln.

 

        "Warum seid Ihr nicht die kürzere Route gesegelt?" fragte Manrath, "Je länger wir auf See sind, desto größer ist die Gefahr, von den Dämonen gefunden und angegriffen zu werden."

        "Die haben mit Sicherheit auf der kürzesten Route auf uns gewartet. Nun müssen sie uns erst einmal finden", erklärte Corius.

Aber wie um seiner Worte zu spotten, gab der Ausguck oben im Mast in diesem Augenblick Alarm.

        "Schaut nach achtern, Kameraden! Wir werden von fliegenden Kreaturen verfolgt!"

 

Jetzt sahen alle an Bord, daß sie von mehreren riesenhaften fliegenden Drachen verfolgt wurden, die mit erschreckender Geschwindigkeit näher kamen. Dicht dahinter folgten ganze Schwärme kleinerer Flugwesen, die menschenähnliche Körper hatten, welche jedoch mit großen Fledermausflügeln mit einer Spannweite von gut zwölf Schritten versehen waren. Corius konnte mit seinem Fernsichtrohr erkennen, daß sie anstelle von Händen und Füßen über gefährliche Raubvogelkrallen verfügten. Mehr als hundert solcher Kreaturen flogen da heran und näherten sich schnell.

 

        "Steuermann! Halt direkten Kurs auf Aziro!" rief Corius aufgeregt, "Alle Mann an Deck! Bringt Bögen, Pfeile und Speere her! Vor allem Feuer und Brandpfeile! Beeilt Euch!"

Hastig bewaffneten sich die Männer und stürzten an Deck. Fast zur gleichen Zeit erreichten die Monstren das Schiff und griffen es an.

Zuerst stießen die großen Flugdrachen, drei an der Zahl, auf den Segler hinab, wo sie mit einem Hagel aus Pfeilen und Speeren empfangen wurden. Einer der Drachen wurde gleich von mehreren Dutzend Pfeilen im ungepanzerten Unterbauch getroffen und stürzten wild flatternd hinter dem Schiff ins Meer, wo er wie ein Stein versank.

        "Schießt mit Brandpfeilen!" schrie Corius, "Dämonen fürchten das Feuer!"

Noch behielten die meisten Männer die Nerven. Der schnelle Tod des ersten Ungeheuers hatte ihnen Mut gemacht und so befolgten sie die Befehle ihres Kapitäns.

Brennende Pfeile bohrten sich in die Unterleiber der anderen beiden Drachen. Wie Corius gesagt hatte, vertrugen die Chaos-Kreaturen kein natürliches Feuer. Sofort gingen die beiden riesigen Ungeheuer in Flammen auf und flatterten wie brennende Motten davon, um kurz darauf ins Meer zu stürzen, begleitet vom Triumphgeschrei der Seeleute.

        "Das ging ja recht einfach", freute sich Manrath, "Ich hätte den großen Biestern mehr zugetraut."

        "Freut Euch nicht zu früh, Ritter", dämpfte Corius seine Freude, "Ich glaube eher, daß die großen Bestien uns nur in Panik versetzen sollten, was ihnen zum Glück mißlungen ist. Ich halte die kleineren Flugmonstren für viel gefährlicher. Es sind viele und sie sind schnell und wendig. Mögen uns die Götter und das Glück beistehen."

 

Als wollten sie Corius' Worte verhöhnen, begann die Geflügelten plötzlich schrille Schreie von sich zu geben, dann stürzten sie sich in wilder Wut auf die Männer an Deck, die sie mit Pfeilen und blanken Klingen empfingen.

Im Nu herrschte überall an Deck ein wüstes Getümmel. In einer Mischung aus Wut und Verzweiflung hieben die Männer des SEEDRACHEN nach den Bestien und versuchten sich gleichzeitig mit ihren Schilden vor den fürchterlichen Krallen zu schützen. Doch ein fliegender Angreifer ist einem Kämpfer am Boden überlegen, dazu kam die Übermacht der Monstren. Schon nach wenigen Augenblicken wurden die ersten Seeleute von den teuflischen Krallen der Geflügelten regelrecht in Stücke gerissen.

        "Dicht zusammenbleiben!" versuchte Corius den unbeschreiblichen Lärm zu übertönen, "Wer allein steht, ist verloren. Ihr müßt Euch gegenseitig schützen!"

Dann aber mußte er sich um sich selbst kümmern, denn zwei der Monstren stießen kreischend auf Neron, Manrath und ihn hinab. Ihr Angriff schien jedoch nur Neron allein zu gelten; Corius und Manrath schienen die Bestien gar nicht wahrzunehmen, obwohl die beiden wild auf sie einschlugen und sie schließlich in Stücke hackten. Auch Klasus, der sich jetzt zu ihnen durchschlug und mit seinem Degen einen Angreifer nach dem anderen aufspießte, wurde von den Bestien nicht wahrgenommen, als sei er für sie unsichtbar.

        "Sie können uns drei nicht sehen!" rief Manrath, "Das ist der Schutz, den uns Ontaron versprochen hat! Aber die anderen haben diesen Schutz nicht!"

 

Während Klasus bei Neron blieb, um den Steuermann zu schützen, der verbissen das Schiff auf Kurs zu halten suchte, stürmten Corius und Manrath wie Berserker über das Deck und töteten eine Bestie nach der anderen. Doch auch sie konnten nicht verhindern, daß immer mehr von den Männern des SEEDRACHEN getötet wurden.

        "Schließt Euch zusammen, verdammt!" brüllte Corius immer wieder, doch in dem chaotischen Gemetzel hörte niemand auf ihn. Jeder kämpfte für sich ums nackte Überleben.

Einzig Manraths Seesoldaten blieben rein gewohnheitsmäßig immer dicht beieinander und deckten sich gegenseitig mit den Schilden vor den Attacken der Dämonen. Von ihnen war noch kein einziger den tödlichen Klauen zum Opfer gefallen. So bildete diese Gruppe um den Hauptmast herum eine geschlossene Einheit, die jeden Angriff erfolgreich abwehren konnte.

Allmählich stießen immer mehr Männer zu dieser Gruppe und reihten sich in deren Formation ein, so daß es den Geflügelten nicht mehr so leicht fiel, einzelne Männer zu packen und zu zerreißen.

Manrath eilte wieder Klasus zu Hilfe, der mit dem Mut der Verzweiflung den Steuermann gegen die Angriffe verteidigte, was jedoch immer schwerer wurde. Die Geflügelten hatten inzwischen bemerkt, daß dort ein unsichtbarer Feind gegen sie kämpfte und hackten darum blindlings mit ihren Klauen um sich, um so den für sie unsichtbaren Mann zu verletzen. Corius raste indessen wie ein Wahnsinniger an Deck hin und her  und schlug in blinder Wut auf alle Monstren ein, die in seine Nähe gerieten.

Einige der Bogenschützen hatten sich in den Luken der Niedergänge verschanzt und jagten Pfeil auf Pfeil in die Haufen der Geflügelten, die wie ein Mottenschwarm um die Masten herumflatterten, um immer wieder auf die Männer unter ihnen hinabzustoßen.

Doch so tapfer die Männer auch kämpften, irgendwann mußten sie unterliegen, denn sie wurden immer erschöpfter, während die Geflügelten nicht im geringsten zu ermüden schienen.

Im Eifer des Gefechtes bemerkten die meisten gar nicht, daß sie der Insel Aziro immer näher gekommen waren. Neron war es gelungen, das Schiff auf Kurs zu halten.

Und jetzt waren vor Aziro Dutzende von Seglern zu sehen, die sich dem SEEDRACHEN schnell näherten.

Offenbar hatten die Piraten von Aziro das einsame Schiff gesichtet und es wohl zunächst als leichte Beute betrachtet. Doch als die Freibeuter näher herangekommen waren, konnten sie sehen, was auf dem SEEDRACHEN vorging. Als sie dann Corius' Flagge am Mast wehen sahen, wußten sie, daß dort einer von ihnen Hilfe brauchte. Jetzt hatte man auch auf dem SEEDRACHEN die anderen Schiffe gesehen und begann neuen Mut zu schöpfen.

 

Plötzlich sah Corius, wie Kaldar und Urban durch einen der Niedergänge herauf an Deck kamen.

        "Bleibt unten, ihr Narren!" brüllte er und rannte los, um ihnen beizustehen. Aber er kam nur wenige Schritte weit, dann rutschte er in einer Blutlache aus und stürzte auf die besudelten Decksplanken.

Als er sich wieder hochrappelte, sah er, wie Kaldar eines der Flügelmonstren mit dem Schwert aufspießte. Doch bevor der Hambone seine Klinge wieder frei bekam, krallte sich eine zweite Bestie auf seinem Rücken fest und bohrte ihm seine Klauen in die Kehle. Ohne einen Laut von sich zu geben sackte Kaldar in sich zusammen. Urban war vor Schreck wie gelähmt und starrte voll namenlosem Entsetzen auf das, was mit Kaldar geschah.

        "Lauft weg!" schrie Corius, doch als Urban endlich reagierte und zum Niedergang zurückwich, war es bereits zu spät.

Urban spürte, wie sich nadelspitze Krallen in seine Schultern bohrten, die ihn vom rettenden Niedergang weg zerrten. Vielleicht hätte der einstige König von Delema noch eine Chance gehabt, wenn er sein Schwert benutzt hätte. Doch er geriet in blinde Panik, ließ seine Waffe fallen und begann in Todeangst zu schreien, während er sinnlos mit den Armen um sich schlug. Bevor Corius in erreichen und helfen konnte, flatterte ein weiterer Geflügelter herab, packte Urban an einem Arm und zog in die Luft empor. Eine dritte Kreatur flatterte hinzu und begann mit seinen Klauen blutige Fleischfetzen aus Urbans Körper herauszureißen, der mit schrillen Schreien seine entsetzliche Pein hinausbrüllte.

Ohnmächtig mußte Corius dem grauenvollen Geschehen zusehen. Niemand konnte Urban jetzt noch helfen. Der einstige König von Delema starb ein entsetzlichen Tod.

Als die Bestien endlich von ihm abließen und das, was von ihm übrig war, auf das Deck fallen ließen, mußte sich selbst der hartgesottene Corius würgend übergeben.

 

In diesem Augenblick legte das erste Freibeuterschiff an der Backbordseite des SEEDRACHEN an. Enterbrücken fielen herüber und ausgeruhte, entschlossene Kämpfer rückten den Geflügelten zu Leibe. Ein weiteres Schiff ging auf der anderen Seite längsseits, von dessen Deck aus Pfeilsalven auf die fliegenden Bestien abgeschossen wurden.

Erst jetzt gaben die übriggebliebenen Dämonen ihre Attacken auf und ergriffen mit wütendem Kreischen die Flucht.

 

 

Jubelnd begrüßten die Männer des SEEDRACHEN die Kämpfer von den anderen Schiffen, denen sie ihr Leben zu verdanken hatten. Einige sanken auf die Knie und dankten den Göttern des Lichts für ihre Rettung.

Als die fremden Kapitäne an Bord kamen, sah Manrath verwundert, daß sie ihre Schwerter vor Corius zum Ehrengruß erhoben. Neugierig geworden trat er näher heran und konnte deutlich hören, wie die Piratenkapitäne Corius als "Fürst" anredeten. Und jetzt wurde ihm einiges klar.

Corius der Söldner, Abenteurer und Freibeuter, war kein anderer als der Piratenfürst von Aziro, der König der Freibeuter, die in den südwestlichen Gewässern gefürchtet waren.

Aber Corius war ein Freund Lippias und so beschloß Manrath, dieses Geheimnis für sich zu behalten und dafür Sorge zu tragen, daß auch seine Begleiter darüber Verschwiegenheit bewahrten.

 

Nachdem die dezimierte Mannschaft des SEEDRACHEN von Seeleuten der anderen Schiffe verstärkt worden war, kehrte die Freibeuterflottille in Verstecke auf Aziro zurück und nahmen die Toten mit, um sie auf der Insel zu bestatten.

Auch König Urban sollte auf Aziro seine letzte Ruhestätte erhalten.

 

Der SEEDRACHE aber setzte die Fahrt nach Lippia fort und erreichte neun Tage später ohne weitere Zwischenfälle den Hafen von Dorta.

Nachdem sie sich von Corius verabschiedet hatten, eilten Manrath und Klasus nach Stadt-Lippia, um den Lords von dem zu berichten, was sie auf Olyman erlebt und erfahren hatten.

 

ENDE

des achten Bandes.

 

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