Fantasy

Serie

zurück

 

[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 ___________________________________________________________________________

 

PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Gregor tor Lippia,

Lord Rikard von Schwanenwehr

und Lord Berthon von Burg Makowe .

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern lässt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

___________________________________________________________________________

Karte von Eropan

[größer]
 
___________________________________________________________________________

  

Band 7

 

Das Turnier von Helleb

 

 

Auf jenem Teil der Welt FATOM, den man EROPAN nannte, schrieb man das "Jahr des Schwertes", das 114.Jahr seit Gründung des Reiches LIPPIA.

 

Seit der Befriedung der Amazonenstämme von Kajos und Ramo hatte es an den lippischen Grenzen keine erneuten Unruhen mehr gegeben, wenn man von den Spannungen um das Mont-Gebirge an der Südgrenze absah.

Das Jahr trug seinen Namen eigentlich zu Unrecht, denn war ein sehr friedvolles Jahr, in dem die Krieger keinen Schlachtgesang anstimmten und die Bauern und Handwerker von weit größerem Nutzen waren als die Männer des Schwertes.

 

Im Orden der "Ritter der Magischen Rose" langweilten sich die Recken indes, und obwohl sie wichtige Aufgaben wie die von Festungskommandanten oder Reichsministern innehatten, waren sie doch sehr verdrossen darüber, dass kein Ereignis stattfand, in dem sie ihren Mut und ihre Waffenkunst hätten beweisen können. Einige von den Rittern, die nicht mit irgendwelchen Ämtern betraut waren, hatten sich sogar auf lange und gefahrvolle Reisen in den benachbarten Kontinent Asani begeben, um dort nach der legendären "Magischen Rose" zu suchen, die schon vor undenklich langer Zeit verlorengegangen war.

 

Ganz im Gegensatz zu ihren Rittern waren die lippischen Lords recht zufrieden damit, dass es ein ruhiges Jahr war, in dem die Bauern reiche Ernten einbrachten, die Handwerker gutes Tagwerk verrichteten und die Kaufleute einträgliche Geschäfte machten, was natürlich auch dem Staatssäckel auf dem Wege der Steuern zugute kam.

Auch für die unverhältnismäßig großen Armeen des lippischen Reiches war diese Friedensphase eine Wohltat, wenngleich auch viele Offiziere über die angebliche Verweichlichung ihrer Soldaten klagten. Man hatte jedoch Zeit, die Soldaten mit neuen Waffen auszurüsten, auch die Artilleristen bekamen neue Geschütze, um alte zu ersetzen, deren bronzene Rohre spröde oder geborsten waren. Letztere wurden eingeschmolzen, um daraus wieder neue Kanonen zu fertigen.

Einige Schießmeister erprobten bereits Kugeln aus Gusseisen, die gegenüber den bisher verwendeten Steinkugeln eine weitaus höhere Durchschlagskraft besaßen. Dies war hauptsächlich auf die Initiative Lord Manots zurückzuführen, der sich des öfteren mit der Entwicklung neuen Kriegsgerätes befasste. Denn der Kriegslord des lippischen Reiches traute dem Frieden nicht und war sich sicher, dass es früher oder später zu neuen Schlachten an den Grenzen des Reiches kommen würde.

 

Das 114. Jahr aber sollte nicht ganz so ereignislos werden, wie es zunächst den Anschein hatte, denn in diesem Jahr fand das "Große Sitsch" der Hellebonen statt, ein großes Turnier, zu dem die Fürsten William von Helleb und Erlok von Twerene sämtliche Ritter und Recken der eropanischen Nationen nach Helleb eingeladen hatten.

 

Als die reitenden Boten der Hellebonenfürsten in alle Länder eilten und ihnen die Kunde vom großen Turnier in Helleb brachten, rüsteten sich auch die lippischen Lords und einige ihrer besten Ritter, um an diesem Wettstreit teilzunehmen.

Sogar Lord Gregor, der seit dem "Jahr der Götter" entmachtet und zurückgezogen auf seiner Lippburg lebte, brach nach Helleb auf, denn die Barbarenfürsten hatten ihn, den sie zum "Baron von Helleb" ernannt hatten, als ersten geladen, was die anderen Lords nicht wenig verstimmt hatte.

 

 

Das "Große Sitsch" hatte bereits begonnen, jenes alljährliche Stammestreffen, zu dem alle hellebonischen Stämme ihre besten Krieger entsandten, die zugleich auch ihre eigene Sippe vertraten. Zudem kamen die verschiedenen Stammeshäuptlinge selbst nach Helleb, um sich mit anderen Häuptlingen zu messen oder ihre verschiedenen Fehden im ehrlichen Zweikampf auszutragen, was auf dem Sitsch in Form eines formellen Duells durchaus üblich war.

Von jedem der über zwanzig verschiedenen Stämme mussten mindestens dreißig Krieger auf dem Sitsch erscheinen, die von ihren Häuptlingen eigens dafür ausgesucht wurden. Jeder freie Mann konnte hierzu bestimmt werden, ausgenommen Männer, die ihre Heimstatt allein und ohne Hilfe bestellten. Die Waffen der Sitschteilnehmer mussten in tadellosem Zustand sein, und von jedem Stamm musste der Häuptling den beiden Fürsten bei seiner Ehre schwören, dass alle Waffen seines Stammes in gutem Zustand seien. Hierbei die Unwahrheit zu sagen, konnte einen Häuptling das Leben kosten, denn nach einem Sitsch besuchten die Kuriere der Fürsten jeden der Stämme und begutachteten deren Waffen. Hatte der betreffende Häuptling auf dem Sitsch seine Fürsten belogen, so drohte ihm der Verlust der Häuptlingswürde und sogar der ehrlose Tod durch den Strang, obwohl letztere Strafe seit Generationen nicht mehr angewendet worden war.

 

So kamen sie nach Helleb, bärtige Krieger in langen Fellumhängen, mit Helmen, die geschmückt waren mit mächtigen Hörnern oder prachtwollen Geweihen, bewaffnet mit Speeren, Bögen, Äxten und Schwertern. Die beliebtesten Waffen der Hellebonen waren die mächtige Streitaxt und der Rundschild, nur wenige zogen das Schwert vor, da man die Axt sowohl als Waffe als auch als nützliches Werkzeug gebrauchen konnte.

 

Das diesjährige Sitsch aber war eine Besonderheit, denn zum erstenmal waren auch Ausländer aus den sogenannten "zivilisierten" Ländern geladen worden, und extra für diese Teilnehmer war für ein Sitsch ungewöhnlicher Kampfplatz hergerichtet worden, um dort Wettkämpfe nach Art der anderen Länder zu ermöglichen.

 

Am zweiten Tag des Sitsch trafen schließlich auch die ausländischen Gäste ein, die zum Teil geladen, zum Teil auch aus eigenem Antrieb gekommen waren, da es geheißen hatte, dass jeder willkommen sei.

Die meisten der fremden Gäste trafen fast zur gleichen Zeit in Helleb ein und ritten in langer Reihe in die Zeltstadt des Sitsch hinein, wobei sie von den besten Kriegern der Hellebonen, den "Bärentötern" flankiert wurden, die für sie ein Ehrenspalier bildeten.

 

Die Bärentöter waren die Elite der Hellebonen, es waren ausnahmslos Männer, die ohne fremde Hilfe einen Riesenbären mit Axt, Schwert oder Messer getötet hatten und nur deshalb das Recht in Anspruch nehmen durften, das rotgoldene Fell dieses mächtigen Raubtieres zu tragen. Zu diesen furchtlosen Kriegern zu zählen, war der Traum eines jeden hellebonischen Jungmannes. Aber nicht jedem gelang es, ein Untier wie den Riesenbären im Nahkampf zutöten, und viele ehrgeizige Jünglinge hatten den Versuch mit ihrem Leben bezahlt.

 

Als die ausländischen Recken durch das Spalier der Bärentöter ritten, schlugen diese mit den Schäften ihrer breiten Äxte gegen die Schilde, dass es dröhnend durch die Zeltstadt hallte, ein Ehrengruß der Barbaren an die ausländischen Ritter und Edelleute.

Einer der Krieger war auf einen großen Granitblock gestiegen und verkündete laut die Namen derer, die an ihm vorbeizogen, denn er kannte all ihre Wappen, die auf ihren Schilden prangten.

 

"Hier kommen zum Großen Sitsch, um teilzunehmen am Wettstreit der Tapferen, die Krieger, Ritter und Fürsten aus den Landen jenseits der Grenzen. Höret ihre Namen:

 

        Graf Deichos von Waldau,

        Graf Rakene von Lippisch-Delema,

        Graf Ingor von Berema,

        Lord Rikard von Schwanenwehr,

        Lord Berthon von Burg-Makowe,

        Lord Gregor tor Lippia,

        Hambonen-König Crishan von Hamborna,

        Graf Cranos von Hammaburg,

        Cromanon-König Harnok von Kaltekima,

        Baron Borma von Dunnebor,

        Ritter Gunther von Haman,

        Ritter Manrath - Peer der lippischen Gemarkungen,

        Ritter Bukor von Friedburg,

        Ritter Tangerus von Sosena,

        Ritter Sigbert von Südlippia,

        Ritter Gaiwan von Keleva,

        Ritter Siegmund von Munor,

        Ritter Kletus von Büra,

        Ritter Hereon von Arnbor,

        Ritter Pantaleon von Widon,

        König Urban - Regent von Hambonisch-Delema,

        Großkhan Arrios von Bayan,

        Khan Eburon von Kobali,

        König Zoruth von Sali,

        Khan Sabinus von Idara,

        Graf Omandus von Wenos,

        Graf Orgeto von Imai

        und König Baccanius von Spadalo !"

 

Endlich hatte der Mann alle Namen ausgerufen und damit war die allgmeine Begrüßungszeremonie auch schon beendet, denn die Barbaren legten keinen besonderen Wert auf höfische Gebräuche, wie sie in den 'zivilisierten' Ländern üblich waren.

 

Die Gäste ritten auf einen weiträumigen freien Pkatz in der Mitte der Zeltstadt, wo sie sich in einer langen Reihe nebeneinander aufstellten.

Die Fürsten William von Helleb und Erlok von Twerene, sowie deren Gefolgsleute Herzog Ragnar von Chassalla (auch Kasselon genannt) und Herzog Dusterix von Korba erwarteten sie hier, um ihre Gäste zu begrüßen.

Die Eingetroffenen zogen ihre Schwerter und schlugen sie gegen ihre Schilde, womit sie der Begrüßungssitte der Hellebonen folgten.

Nachdem Fürst William eine kurze Ansprache an seine Gäste gehalten hatte, trafen noch zwei weitere Berittene ein, deren Wappen sie als die Barone Wydholt und Hopelos von Gottin kennzeichneten.

Beim Anblick der beiden Neuankömmlinge schienen sich die Gesichter der Hellebonenfürsten zu versteinern, und sie unterließen es demonstrativ, die gottinischen Barone zu begrüßen.

Zwischen ihnen und der Stadt Gottin herrschte seit einiger Zeit Fehde, denn die Barone Wydholt und Hopelos hatten Gottin zur "freien Stadt" erklärt und verweigerten den hellebonischen Fürsten Gehorsam und Tribut. Zudem stellten sie sich gegen die Stammesregeln der Barbaren, nach denen Geld verboten war, und richteten sich mehr nach den anderen eropanischen Ländern.

In Hellebona gab es nämlich kein richtiges Geld; der gesamte Handel beruhte auf dem Tauschprinzip, da die Barbarenfürsten das Horten von Gold- und Silbermünzen als unnützen und schädlichen Luxus betrachteten. Auf diese Weise wollten Erlok und William verhindern, dass ihre Untertanen unnützes Gut an sich rafften, wodurch Streit, Hader, Neid und Bestechlichkeit auf ein Mindestmaß eingeschränkt werden sollten, so dass die Hellebonenstämme nicht durch die sogenannte "Zivilisation" verdorben wurden.

 

Die Barone von Gottin hatten sich diesem Gebot jedoch widersetzt. In ihrer Stadt wurden Münzen geprägt, mit denen innerhalb des Stadtbereiches gehandelt werden konnte. Weiter reichte die Gültigkeit des gottinischen Geldes allerdings nicht, da die Fürsten Hellebonas die Stadt Gottin vom übrigen Land isoliert hatten und auf diese Weise die Verbreitung der dort geprägten Münzen verhinderten. Man munkelte auch schon von beabsichtigten Strafaktionen gegen die Gottiner, von denen bislang jedoch abgesehen worden war.

Unter diesen Umständen war es natürlich nicht weiter verwunderlich, dass die Barone Gottins auf dem Sitsch nicht gern gesehen waren. Da aber in Hellebona niemand vom jährlichen Sitsch ausgeschlossen werden durfte, blieb den Fürsten nichts anderes übrig, als das hinzunehmen.

 

Auch aus Lippia trafen in den Abendstunden noch zwei weitere Turniergäste ein, die wiederum von den lippischen Lords nicht gern gesehen wurden: die Barone Siepran und Mullak aus Kolona. Diese waren Angehörige des alten Adelsstandes, der schon von den Vorgängern der jetzigen Lords entmachtet worden war.

Siepran und Mullak waren bei den Lords ziemlich unbeliebt, da bekannt war, dass sie freundschaftliche Beziehungen zum Hambonenkönig Crishan von Hamborna unterhielten.

Aber auf einem Sitsch der Hellebonen hatten diese politischen Verwicklungen keine Rolle zu spielen und so unterließen es die Lords, gegen die Anwesenheit der beiden zu protestieren.

 

Noch während die Gäste der Fürsten in ihre Quartiere geführt wurden, begannen bereits die ersten kleineren Kampf- und Wettspiele der Hellebonen, an denen sich auch die ausländischen Besucher beteiligen konnten, sofern sie Lust dazu verspürten.

Das eigens für die Ausländer vorbereitete Turnier sollte erst an den letzten beiden Tagen des Sitsch stattfinden, so dass dessen Teilnehmer genug Zeit hatten, den Wettkämpfen der Hellebonen zuzuschauen oder sogar daran teilzunehmen.

 

 

Die beiden Lords Manot und Rikard schlenderten gemächlich durch die ausgedehnten Zeltstraßen des Sitsch, blieben hier und da stehen, um die Stände der zahlreich vertretenen Tauschhändler, Gaukler und Handwerker zu begutachten.

        "Was mich am meisten an diesen Barbarben stört", meinte Rikard, "ist der Umstand, dass hierzulande nicht mit Münzen gehandelt wird, sondern alles wie zu Urzeiten mit Tauschen bezahlt wird."

        "Jedem das seine", grinste Manot, "Mir sind Münzen lieber - sie sind leichter zu transportieren."

        "Nur werden wir hier nicht viel damit anfangen können", meinte Rikard schulterzuckend, "denn die Händler nehmen keine Münzen an. Vielleicht sollten wir mal einen kleinen Abstecher nach Gottin machen - dort ist Geld ja seit ein paar Monden wieder üblich."

        "Damit würden wir aber die Hellebonenfürsten gewaltig verärgern", bemerkte Manot, "Sie sind ohnehin etwas verstimmt über den Umstand, dass wir ihren Busenfreund Gregor entmachtet haben."

        "Ihr habt recht - wir sollten William und Erlok nicht provozieren, sonst verbünden sie sich womöglich noch mit den Hambonen oder den Südländern."

 

Sie wanderten weiter zwischen den Zelten umher, die eine riesige Stadt aus Stoffbahnen und hölzernen Stangen rund um die Wälle der Festung Helleb bildeten. Dann gelangten die beiden Lippier an eine der zahlreichen Wetkampfstätten, auf denen die sogenannten "freien Zweikämpfe" ausgetragen wurden.

Die freien Kämpfe dienten rivalisierenden Stämmen dazu, ihre Fehden auszutragen, wobei sie ihre besten Streiter gegeneinander antreten ließen. Solche Fehde-Kämpfe waren nur auf dem jährlichen Sitsch erlaubt, denn Kriege zwischen den Stämmen ließen die Fürsten nicht zu.

Wenn dennoch ein Stamm gegen dieses Gesetz verstieß, wurde dessen Häuptling und seine Vertauten gefangengenommen und grausam bestraft. Im allgemeinen war es üblich, solchen Friedensstörern den Schwertarm zu verstümmeln, so dass sie nie wieder eine Waffen zu führen vermochten - eine Strafe, die für die Barbaren schlimmer war als der Tod.

Gegen jenes Gesetz aber war schon seit Jahren nicht mehr verstoßen worden. Zuletzt hatte Häuptling Mürath gegen die Friedenspflicht der Stämme verstoßen, der sich der Strafe nur durch die Flucht nach Hambonia hatte entziehen können, wo er sich in den Dienst des Hambonenkönigs gestellt hatte. Derselbe Mürath war es auch gewesen, der im 3. Urbanischen Krieg die hambonische Südflotte in die Nebelsee geführt hatte, die dort für immer verschwunden war (siehe Band 3: "Schwarzer Tag der Lords").

 

Rikard und Manot kannten jenes Gesetz der Hellebonen, wodurch ihr Interesse für die "freien Zweikämpfe" natürlich besonders groß war.

Manot, der mit den Regeln der Barbaren nicht vertraut war, wunderte sich, als er ein weißes Linnen auf dem Boden des Gevierts liegen sah, in dem sich die Kämpfer gegenübertraten.

        "Was bedeutet das weiße Laken auf dem Boden?" fragte er verwundert.

        "Das ist eine Besonderheit dieser Kämpfe", erklärte ihm Rikard, "Sobald einer der Kämpfer verletzt wird und sein Blut auf das weiße Linnen tropft, darf er den Kampf abbrechen, ohne seine Ehre zu verlieren, womit er allerdings seinen Gegner als Sieger anerkennt. Damit soll vermieden werden, dass jemand wegen kleinerer Streitigkeiten sein Leben unnütz verliert."

        "Und wenn sich keiner ergibt?" wollte Manot wissen.

        "Dann obliegt es den Schiedsrichtern, den Kampf abzubrechen, wenn klar zu erkennen ist, wer von den beiden siegen wird. Wenn aber beide Kontrahenten von gleicher Klasse sind und keinen von ihnen den Kampf abbrechen will, dann wird solange gefochten, bis einer von ihnen auf dem Linnen liegen bleibt. Das kommt allerdings nicht sehr oft vor."

 

        "Schaut!" rief Manot, "Da drüben steht Manrath."

Er wies über die Köpfe der Umstehenden hinweg auf den lippischen Peer, der unweit von ihnen das Geschehen auf der Kampfstätte mit großem Interesse verfolgte, wo sich gerade zwei noch sehr junge Krieger mit kurzen Schwertern maßen. Sie trugen einen Streit um die Jagdgebiete ihrer Stämme aus, wie den Zuschauern mitgeteilt worden war.

Der Kampf dauerte allerdings nicht lange, dann wurde einer der beiden am Schwertarm verletzt und ließ die Waffe fallen, womit der Kampf beendet war. Das umstrittene Jagdgebiet fiel damit dem Stamm des Siegers zu, so war es Gesetz und Sitte.

 

Im Geviert wurde ein neues weißes Linnen ausgebreitet, bevor sich die nächsten Kämpfer darauf gegenüber traten.

Verblüfft raunten und tuschelten die Zuschauer untereinandern, als sie sahen, dass das ein noch fast halbwüchsiger Jüngling gegen einen älteren und viel kräftigeren Krieger antreten wollte. Einige der umstehenden Hellebonen bekundeten laut ihren Unwillen, als sie sahen, dass der Junge nicht einmal richtig mit Schwert und Schild umgehen konnte, denn an der Art, wie er seine Waffen hielt, erkannte jeder geschulte Krieger, dass der Jüngling noch niemals eine Waffe im Kampf benutzt hatte.

Dagegen war der Gegner des Knaben ein Bär von einem Mann, der mit Rundschild und schwerer Streitaxt bewaffnet war. Spielerisch wog er die Axt in seiner Rechten, man sah, dass er damit umzugehen verstand. Er wurde Torgad genannt, und diejenigen, die ihn kannten, wussten, dass er ein kampferprobter Krieger war, der sich auch in den Schlachten gegen hambonische Heere bewährt hatte.

        "He', Torgad!" rief ihm ein Mann unter den Zuschauern protestierend zu, "Das ist kein Kampf, der eines Kriegers würdig wäre! Es bringt dir keine Ehre, gegen dieses Kind zu kämpfen!"

Doch Torgad schüttelte unwillig den behelmten Kopf und gab zurück: "Ich habe nicht ihn gefordert, sondern er mich! Er will nicht von einem Mädchen lassen, um das ich freien will. Ich habe versucht, ihm diesen Kampf auszureden, doch trotzig lehnt er sich dagegen auf, dass jene liebreizende Frau mein Haus in ein Heim verwandelt. Fast die Hälfte meines Hofes habe ich ihm geboten, damit er das mit ihm verbundene Mädchen freigibt, aber er schlug meine Hand aus, die ich ihm in Freundschaft reichen wollte. Nun müssen die Waffen entscheiden, auch wenn dieser ungleiche Kampf unehrenhaft für mich ist. Aber für diese junge lippische Frau nehme ich es auch in Kauf, meine Ehre zu beflecken."

 

        "Habt Ihr das gehört?" wandte sich Manrath an die beiden Lords, die inzwischen neben ihm standen, "Sie ist eine Lippierin. Und wie man unschwer erkennen kann, gehört ihr Herz dem Jüngling und nicht jenem liebestollen Bären. Können wir zulassen, dass eine solche Blume in die Hände dieses Riesentölpels gerät?"

        "Vielleicht habt Ihr recht, Manrath", meinte Rikard, "doch hier gelten andere Gesetze und der Junge hat trotz seines großen Mutes keine Chance gegen diesen Torgad. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass das Mädchen in Torgad einen guten Mann findet, denn die rauhesten Haudegen sind oft die besten Ehemänner."

 

In diesem Augenblick stand einer der drei Kampfrichter von seinem erhöhten Sitz auf und sprach laut zu den Umstehenden: "Wohl kann nach unseren Gesetzen niemand diesen Kampf verbieten, doch da der Jüngling weder ein Krieger ist noch im Umgang mit Waffen bewandert, ist es statthaft und rechtens, wenn ein anderer an seine Stelle tritt und gegen Torgad aus Hame streitet. Und darum frage ich: Wer will für den Jungen einstehen und an seiner statt kämpfen?"

Suchend schaute der Schiedsrichter in die Runde, doch keiner der umstehenden Hellebonen traute sich vor, denn Torgad war ein gefürchteter Zweikämpfer, der schon auf vielen Sitsch' gefochten hatte und noch nie besiegt worden war.

Flehentlich schaute sich auch die junge Frau an der Absperrung nach einem Helfer um, wobei ihr Blick auf Ritter Manrath fiel, den sie anhand seines Waffenrockes als Lippier erkannte. Fast im gleichen Moment schaute der Ritter in ihre Augen und dieser Anblick rührte sein Herz.

Lord Manot, der sich sehr wohl vorstellen konnte, was in Manraths Kopf vorging, sprach leise: "Haltet Euch hier besser zurück, Ritter. Dies ist nicht unsere Angelegenheit und wir wollen deshalb keinen Unfrieden stiften."

Aber da wandte sich der lippische Peer bereits an die Kampfrichter und fragte laut: "Ist es auch einem Lippier erlaubt, für einen Hellebonen einzutreten?"

        "Es spricht nichts dagegen", lautete die Antwort, "und so ist es Euch gestattet, Lippier."

        "Dann werde ich an der Stelle des Knabens kämpfen", sprach Manrath, zog sein Schwert und trat in das Geviert, wo er seinen Schild vom Rücken hob und Aufstellung nahm.

Der Jüngling wollte dagegen protestieren, doch einer der Schiedrichter zog ihn von der Kampfstätte weg.

 

Lachend hob der riesige Torgad seine mächtige Streitaxt und rief: "Was wollt Ihr mit diesem lächerlichen Schwertlein, Lippier? Die Klinge ist zu leicht, um meiner Axt zu begegnen. Sie wird zerbrechen und auch der Schild wird meiner Axt nicht standhalten!"

        "Seid Ihr ein Waschweib, dass Ihr soviel reden müsst?" entgegnete Manrath spöttisch, "Oder müsst Ihr Euch selbst Mut zusprechen?"

 

Die Zuschauer lachten beifällig, denn die Worte des Ritters gefielen ihnen. Ärgerlich schaute sich Torgad um; er spürte, dass die Sympathien nicht auf seiner Seite waren. Doch zugleich wurde ihm bewusst, dass der Lippier es darauf anlegte, ihn wütend zu machen, damit er unvorsichtig wurde.

Torgad begann zu grinsen - so leicht ließ er sich nicht hereinlegen.

 

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, griff der Hüne den Ritter an.

Geschickt deckte er sich mit dem Rundschild, wirbelte die Axt um den Kopf und schlug dann kraftvoll und gut gezielt zu. Die mächtige Schneide hackte in den Schild des Lippiers, der jedoch standhielt, da er mit eisernen Beschlägen verstärkt war. Doch Torgad hatte den Ritter ohnehin nicht ernstlich treffen wollen; der Schlag sollte ihm lediglich die Standfestigkeit Manraths offenbaren und die Art, wie dieser seinen Schild zu halten pflegte. Anerkennend brummte der Hüne, als sein Schlag abgefangen wurde und Manrath sogleich mit einem fast spielerisch geführten Schwerthieb antwortete. Nur Torgad selbst spürte die Wucht, mit der dieser scheinbar lässige Schlag gegen seinen Schild krachte und ihm dem Arm leicht prellte.

Er begriff, dass ihm ein ernstzunehmender Gegner gegenüberstand und versuchte nun, seine überlegene Körperkraft ins Spiel zu bringen.

Mit sausenden Kreuzhieben schlug der Hellebone zu, in der Hoffnung, dass dadurch die Abwehr des Ritters bald erlahmen musste.

Aber Manrath dachte nicht daran, die Hiebe von Torgad jedesmal voll zu parieren, was seinen Schildarm wirklich zu schnell ermüdet hätte. Er wich den Schägen gewandt aus, stieß selbst blitzschnell mit der Schwertspitze zu, parierte hier und da, wenn ein Ausweichen nicht möglich war, umtänzelte den Hünen leichtfüßig und blieb andauernd in Bewegung, so dass Torgad keine Gelegenheit bekam, ihn durch einen kräftigen Hieb zu fällen oder ins Wanken zu bringen.

Begeistert brüllten die Zuschauer, wenn die Kämpfer schnelle Ausfälle machten oder solche geschickt abwehrten. Ein Waffengang zweier so geschickter Gegner wurde ihnen nicht alle Tage geboten.

Allmählich aber begannen die Kämpfer zu ermüden; ihre Gesichter glänzten schweißnass, während sie sich lauernd umkreisten, um eine Unachtsamkeit des Kontrahenten sofort zum eigenen Gunsten zu nutzen.

Plötzlich aber blieb Manrath stehen und wich Torgads Attacken nicht länger aus.

Jener glaubte nun, dass seine Chance gekommen sei. Schnell wirbelte er die Axt über dem Kopf, um sie im nächsten Moment wuchtig auf den Helm des Ritters hinabsausen zu lassen. Doch als die Streitaxt pfeifend niedersauste, stand der Lippier wie durch Hexerei unvermittelt neben dem Hellebonen auf dessen ungedeckter rechter Seite, während dieser noch von der Wucht des eigenen Schlages nach vorn gezogen wurde.

Torgad erkannte aus den Augenwinkeln heraus die drohende Gefahr, wollte noch blitzschnell herumwirbeln - und erstarrte mitten in der Bewegung. Die Schwertspitze des Lippiers lag drohend und kalt an seiner Kehle.

Lächelnd nahm Manrath jedoch sein Schwert zurück und senkte es.

        "Versucht es noch einmal, Torgad", forderte er den verdutzten Riesen auf, der sich das natürlich nicht zweimal sagen ließ und wieder angriff.

Diesmal blieb Manrath jedoch nicht in der Defensive, sondern ging nun selbst stürmisch zum Angriff über.

Hatte der Hüne es bislang mit einem Gegner zu tun gehabt, der sich vorwiegend auf die Abwehr konzentrierte, so sah er sich jetzt selbst arg bedrängt und hatte Mühe, der wirbelnden Klinge Manraths zu entgehen. Seine Axt war zu schwer und zu unhandlich, um damit die schnellen Attacken des Ritters zu parieren oder ebenso schnelle Ausfälle machen zu können. Hier zeigte sich, dass ein leichteres Einhandschwert der schweren Streitaxt an Schnelligkeit überlegen war, auch wenn es weniger Schlagkraft besaß. Streitäxte waren ungeeignet gegen schnelle Fechter wie Manrath.

Ein Schrei der Überraschung drang über Torgads Lippen, als der Lippier ihn mit einem blitzschnellen Wirbelschlag gegen den Schaft seiner Axt entwaffnete.

 

        "Ein tadelloser Streich, wirklich", meinte Lord Rikard anerkennend, "Manrath beherrscht diesen Wirbelschlag bald besser als ich, obwohl er das von mir gelernt hat."

 

Wieder trat der Ritter im Geviert zurück und bot Torgad an, seine Axt wieder aufzunehmen und den Kampf fortzusetzen.

Anerkennendes Gemurmel wurde unter den Zuschauern laut, welche diese Art von Ehrenhaftigkeit wohl zu schätzen wussten.

Torgad aber ließ zu aller Verwunderung seinen Schild fallen, zog sein Messer und schnitt sich damit in den linken Unterarm, so dass einige Blutstropfen auf dass weiße Tuch am Boden tropften.

        "Mein Blut ist auf dem Linnen und damit ist der Kampf entschieden!" rief er laut, "Dieser Krieger hat mich im ehrlichen Kampf zweimal besiegt. Es ist für mich keine Schande, ihm zu unterliegen, denn er ist ein Meister des Schwertes und zudem ein Mann von Ehre!"

Der Hüne nickte Manrath zu und bot ihm die Hand zur Versöhnung, in die der Ritter sogleich einschlug. Die Zuschauer klatschten und brüllten begeistert, denn sie hatten einen Zweikampf nach ihrem Geschmack zu sehen bekommen, von dem sie daheim noch lange erzählen konnten.

Manrath trat jetzt zu der jungen Frau, die neben ihrem Gefährten stand. Galant verbeugte er sich vor ihr und sprach: "Es war mir eine hohe Ehre, schöne Maid, Euch mein Schwert und meinen Arm zu leihen. Ich hoffe, dass dieser Fechtgang von Nutzen war und Ihr mit Eurem Geliebten glücklich werdet. Doch sorgt beizeiten dafür, dass Euer Gefährte das Waffenhandwerk erlernt, damit er euer beider Glück selbst zu schützen vermag, sonst könnte es sein, dass es nicht von Dauer ist. Mag Godor, der Gott aller Götter, seinen Arm immer schützend über Euch halten."

Der Ritter verbeugte sich noch einmal, dann wandte er sich um und ging mit den beiden Lords davon.

Die junge Frau schaute dem lippischen Peer noch lange nach, auch als er ihren Blicken längst entschwunden war.....

 

 

Vor einem der Zelte, in denen Würfelspiele gespielt wurden, trennte sich Manrath wieder von den beiden Lords, die kein Interesse am Würfeln hatten, da hier ohnehin nicht um Geld, sondern um Waffen, Kleidung und sonstige Gebrauchsgegenstände gewürfelt wurde. Der lippische Peer hatte sich allerdings auf den Besuch vorbereitet und statt Münzen einen Beutel voller stählerner Pfeilspitzen und ein paar gute Dolche aus Sali mitgebracht, die er nun als Zahlungsmittel gebrauchen konnte.

Manrath verschwand also im Spielzelt, während Rikard und Manot gemächlich weiter schlenderten. Sie kamen schließlich an einen Schießplatz, wo eine Anzahl Bogenschützen ihr Können unter Beweis stellten.

Es war einer der hellebonischen Wettkämpfe, bei dem der Sieger einen meisterhaft gearbeiteten, mit Eisenplatten bestückten Schild aus den berühmten Waffenschmieden Salis gewinnen konnte. Ein solches Stück hatte auch in Lippia einen hohen Wert.

        "Wollen wir es hier versuchen?" fragte Manot und deutete mit dem Daumen auf seinen romenaischen Langbogen, den er auf dem Rücken trug. Sowohl Manot als auch Rikard hatten ihre Langbögen mitgenommen, weil sie von den Schießwettkämpfen auf dem Sitsch gewusst hatten.

Bei den Barbaren von Helleb war es ohnehin üblich, seine Waffen stets bei sich zu tragen und so fiel es nicht weiter auf, dass die beiden Lords in voller Bewaffnung außer ihren Schilden durch die Zeltgassen wandelten. Manot trug außer dem Langbogen auf dem Rücken ein Langschwert an der linken Seite, während rechts eine schwere, kurzstielige Streitaxt und ein großes Jagdmesser im Gurt steckten.

Rikard trug wie Manot ebenfalls einen Langbogen auf dem Rücken, dazu hing an seiner Linken eine Doppelscheide, worin der schwere, leicht gekrümmte Reitersäbel und ein langer, spitzer Degen steckten. Rechts am Gurt steckte ein seltsam anmutendes krummes Messer, dessen Schneide nach innen gekrümmt war. Solche Messer waren bei den Stämmen der Kithai im fernen Osten von Asani gebräuchlich; Rikard hatte die Klinge von einem Spadaloer erworben, der behauptet hatte, selbst schon im Reich der Kithai gewesen zu sein.

So ausgestattet standen sie nun am Schießplatz und auch Rikard war der Meinung, sie sollten beide bei diesem Wettkampf mitmachen, waren sie doch beide leidenschaftliche Bogenschützen, die nicht gerade zu den schlechtesten in Lippia zählten.

        "Einen solchen salischen Schild könnte ich schon gebrauchen", meinte Rikard abschätzend, "Der meinige ist schon arg abgenutzt."

        "Hoho!" lachte Manot, "Glaubt nur nicht, dass ich Euch das gute Stück so einfach überlasse. Auch ich hätte gute Verwendung für einen neuen Schild."

        "Nun denn", sprach Rikard grinsend, "dann lasst es uns versuchen."

 

Sie stellten sich zu den Bogenschützen, nannten Schiedsrichtern ihre Namen und warteten auf den Beginn des Wettschießens, was jedoch nicht lange dauerte, da sie die letzten Bewerber waren. Zusammen mit den anderen Schützen, fünf davon waren Hellebonen, die anderen beiden waren niemand anderes als König Zoruth von Sali und Khan Sabinus von Idara, nahmen sie nebeneinander Aufstellung.

Jeder von ihnen bekam sein Ziel zugewiesen: eine hölzerne Scheibe mit einem aufgemalten Bären. Jeder Schütze hatte sieben Pfeile und geschossen wurde erst auf das Zeichen der Schiedsrichter.

Dieser in eine weiße Kutte gekleidete Mann hob nun einen langen Stab mit einer Bärenpranke an der Spitze und stieß mit dem unteren Ende dreimal auf eine Holzplatte zu seinen Füßen. Das war das Signal für die wartenden Schützen.

Sie spannten die Bögen, zielten über die Pfeilspitzen, richteten mit der an der Sehne liegenden Hand die Schussweite - dann schnellten neun Pfeile surrend davon und schlugend klopfend in die Scheiben ein.

Der Schütze, dessen Pfeil dem markierten Herz des aufgemalten Bären am nahesten war, bekam drei Schritte hinter sich einen weißen Stab in den oden gesteckt. Wer am Ende des Schießens die meisten Stäbe hinter sich stecken hatte, war der Sieger.

Dieses Mal aber bekam keiner der Schützen einen Stab, denn alle hatte die Bärenfigur verfehlt, wenngleich sie die Holzscheibe selbst getroffen hatten. Doch noch war das Schießen nicht beendet, schon kam das nächste Zeichen und wieder sausten die Pfeile durch die Luft.

Von den zuschauenden Frauen und Männern kamen laute Beifallsrufe, denn drei Pfeile steckten jetzt in den "Bärenherzen", die nur die Größe einer Hand hatten und auf eine Entfernung von siebzig Schritten gewiss nicht leicht zu treffen waren. Hatte man sich zuerst über die Fehlschüsse der Schützen gewundert, so erkannte man nun, dass sie nur zum Einschießen gedient hatten, denn jetzt hatten alle Pfeile wenigstens die Bärenfigur getroffen.

Somit bekamen gleich drei der Schützen einen Stab: Lord Manot und zwei Hellebonenkrieger von der Ostküste.

Die nächsten Pfeile schnellten von den Sehnen. Wieder traf einer ins "Bärenherz" und Lord Rikard bekam seinen ersten Stab.

Die beiden nächsten Stäbe aber holte sich Khan Sabinus. Beim sechsten und siebten Schuss traf wieder Rikard das Herz und lag mit drei Stäben an der Spitze.

Doch mit dieser Übung war der Wettkampf längst noch nicht entschieden, denn nun wurde auf Scheiben geschossen, die ein Helfer der Schiedsrichter hoch in die Luft warf.

Zu dieser Übung mussten die Schützen einzeln antreten und bekamen jeweils nur fünf Pfeile.

Von den Hellebonen trafen die beiden Krieger von der Ostküste jeweils drei mal, ein weiterer traf zwei der Scheiben, die so groß wie drei Handflächen waren. König Zoruth traf nur einmal, während Khan Sabinus zwei Treffer erzielte. Rikard traf ebenfalls zwei mal, doch Manot traf unter dem Beifall der Zuschauer alle fünf Scheiben und lag damit mit den meisten Stäben an der Spitze.

Jetzt folgte die dritte und letzte Übung: das Zeil war diesmal eine nur handtellergroße Scheibe in dreißig Schritten Entfernung. Diese Scheibe aber war an der Spitze einer Lanze befestigt, die ein Mann hoch über dem Kopf hielt und hin und her schwenkte. Ein zweiter Mann schützte ihn und sich selbst mit einem übergroßen Rundschild vor verirrten Pfeilen.

Die Wettkämpfer bekamen jetzt nur noch jeweils drei Pfeile, doch dafür erhielt man für jeden Treffer drei Stäbe.

Wieder traten die Schützen einzeln an.

Manot traf zwei Scheiben, Rikard nur eine, einer der Küstenmänner ebenfalls eine, König Zoruth wiederum zwei, zwei Hellebonen trafen jeweils eine Scheibe, alle anderen verfehlten das Ziel.

Damit hatte Lord Manot das Wettschießen mit zwölf Stäben gewonnen und die anderen Schützen beglückwünschten ihn mit ehrlichem Respekt.

Unter dem Beifall der Zuschauer nahm Manot den prachtvollen Schild entgegen, den ihm einer der weißgekleideten Schiedsrichter mit feierlicher Gebärde überreichte.

Nachdem sie mit den anderen Schützen noch einen guten Humpen Met geleert hatten, verabschiedeten sich die beiden Lippier und strebten den Mauern der Festung Helleb zu, in deren Innern ihre Quartiere eingerichtet waren.

Lord Rikard zog sich gleich in sein Gemach zurück, während die anderen Gäste zusammen mit den Barbarenfürsten noch bis tief in die Nacht hinein zechten und sangen.....

 

 

Als der nächste Tag noch keine volle Stunde alt war, stieß der Turmwächter kräftig ins Horn, dass es in ganz Helleb widerhallte und verkündete damit den Beginn der Reiterspiele des Sitsch, die bei den Hellebonen besonders beliebt waren.

Auch einige der ausländischen Gäste beteiligten sich an diesen Wettkämpfen, die im Gegensatz zu den Reiterturnieren der "zivilisierten" Länder ausschließlich sportlichen Charakter hatten. Hier mussten die Wettkämpfer ihre Geschicklichkeit zu Pferde unter Beweis stellen, ohne dabei einen Gegner bekämpfen zu müssen.

 

Beim ersten Wettkampf mussten die Reiter von einem galoppierenden Pferd aus im Vorbeireiten eine Streitaxt auf eine Figur werfen, die einen hölzernen Büffel darstellte und etwa sechzig Schritte vom Reiter entfernt aufgestellt war. Außerdem musste mit dem Axtwurf der Schädel des Büffels getroffen werden; jeder andere Wurf war wertlos.

Jeder Wettkämpfer konnte diese Übung dreimal versuchen. Wer dann den Büffelschädel nicht mindestens einmal getroffen hatte, schied für alle folgenden Wettkämpfe aus.

 

Lord Manot, dessen Lieblingswaffe ohnehin die Streitaxt war, traf den Büffelschädel gleich beim ersten Mal. Rikard, der wenig Erfahrung mit der Streitaxt hatte und nur mit leichteren Wurfbeilen vertraut war, schaffte es mit Mühe und Not erst beim dritten Versuch; Lord Albertin gelang es beim zweiten Male.

Schon bei dieser ersten Prüfung schieden achtzehn Wettkämpfer aus, darunter auch Graf Cranos, Graf Ingor, Ritter Hereon und Graf Omandus.

Die anderen traten nach kurzer Pause zum Lanzenreiten an.

Hier galt es, eine leichte Reiterlanze, auch Rennlanze genannt, vom Sattel aus durch einen Ring zu stoßen, dessen innere Weite nur eine Daumenbreite größer als die Dicke des Lanzenschaftes war, wobei die Spitze der Lanze jedoch etwas schmaler als der Schaft gefertigt war. Das Reittier musste dabei im leichten Trab laufen.

Die größte Schwierigkeit an dieser Übung aber war, dass der Ring nur an einem hauchdünnen Faden hing und nicht abgerissen werden durfte. Der Reiter musste also die Lanze durch den Ring stoßen, sie loslassen und blitzschnell wieder hinter dem Ring ergreifen, um sie zur anderen Seite wieder herauszuziehen. Riss dabei der Faden, schied der Reiter aus, wenn er es auch beim zweiten Versuch nicht schaffte.

Hier war das Glück den meisten Recken hold, denn bis auf zwei Hellebonen aus Alfele bekamen sie alle ihre Lanze durch den Ring, wenngleich es die meisten erst beim zweiten Versuch schafften.

 

Nun war das Bogenschießen vom Sattel eines galoppierenden Pferdes an der Reihe.

Einfache Holzscheiben waren die Ziele, doch sie waren vom Rücken eines rennenden Pferdes aus gewiss nicht leicht zu treffen.

Hier konnten sich die Lords Rikard und Manot wieder bewähren, die ihre Bögen in der Art der asanischen Reiter aus dem im fernen Osten liegenden Land Mangolan benutzten und dabei gute Treffer erzielten. Diese fremdartige und seltsam anmutende Art, mit dem Bogen umzugehen, kam fast einem Ritual von genau aufeinander abgestimmten Bewegungen gleich, die bei genügender Übung ein schnelles und sicheres Schießen ermöglichten. Besonders für berittene Bogenschützen war diese Schießweise vorteilhaft, denn sie sparte Kraft und machte langes Zielen fast unnötig, da der Pfeil fast ausschließlich nach Gefühl und Instinkt des Schützen auf die Reise geschickt wurde. In den fast vergessenen Zeiten vor Beginn der lippischen Zeitrechnung hatten einst gewaltige Horden aus Mangolan und Kichani den eropanischen Kontinent fast überrannt und ihre berittenen Bogenschützen waren wegen ihrer Schnelligkeit und Treffsicherheit sehr gefürchtet gewesen.

 

In der letzten Übung der hellebonischen Reiterkämpfe wurde die Geschicklichkeit eines Berittenen mit dem Schwert oder dem Säbel geprüft. Die Wettkämpfer, jetzt nur noch vierzehn an der Zahl, mussten nun ein Rennen reiten, wobei es auf Schnelligkeit, Waffengeschick und Sattelfestigkeit ankam.

Die Rennbahn war mit zahlreichen Hindernissen ausgestattet: Zäune, Wälle und Wassergräben, zwischen denen hölzerne Figuren aufgestellt waren, die feindliche Krieger darstellten. Jede dieser Figuren hatte eine in grellem Gelb markierte Stelle, die man im Vorbeireiten mit dem Schwert treffen musste. Oft standen diese Figuren derart nahe bei den Hindernissen, dass man sie kaum zu erreichen vermochte, ohne dabei einen Sturz zu riskieren.

Wer die meisten Treffer erzielen konnte und zugleich das Ziel innerhalb von dreihundert Herzschlägen erreichte, ging als Sieger aus den Wettkämpfen hervor.

 

Die Reiter boten ein grandioses und erregendes Schauspiel, als sie auf ihren schnellen Pferden über die Bahn preschten, Hindernisse übersprangen und mit wirbelnden Klingen nach den aufgestellten Figuren schlugen. Überall waren Schiedsrichter postiert, welche die Treffer jedes einzelnen Reiters genau vermerkten, da oftmals dieselben Figuren von mehreren Reitern zugleich zum Angriffsziel erkoren  wurden.

 

Lord Manot ereilte das Schicksal gleich beim vierten Hindernis, einem kleinen Erdwall. Dort war eine der Figuren so dicht dahinter aufgestellt, dass er mit dem Schwert zuschlagen musste, noch während sein Pferd im Sprung begriffen war. Dabei aber verlor er den Halt und flog aus dem Sattel, womit er ausgeschieden war.

Lord Rikard, an Reiterkämpfe gewöhnt, kam ohne größere Schwierigkeiten ans Ziel, verfehlte jedoch zwei Figuren und erreichte das Ziel als Dritter.

Als zweiter Reiter kam Fürst Erlok von Twerene ins Ziel, kurz hinter dem Krieger Torgad aus Hame, der alle Figuren getroffen hatte.

Unter dem großen Beifall der Zuschauer wurde Torgad zum Sieger erklärt. Er war wirklich ein großer Krieger, der seinem Ruf gerecht wurde.

 

 

Mit dem Ende der Reiterspiele war das Sitsch eigentlich schon vorbei, doch in diesem Jahr wurde als krönender Abschluss ein großes Turnier nach Art der ausländischen Gäste veranstaltet.

Bevor aber dieses Turnier beginnen sollte, luden die Hellebonenfürsten ihre Gäste zu einem großartigen Gelage ein.

Die Hallen von Helleb wurden erfüllt vom Singen und Lärmen der Feiernden, vom Klang der Musik und vom hellen Lachen der Tänzerinnen. Die Fürsten Hellebonas waren berühmt und berüchtigt für ihre rauschenden Feste und ließen es sich nicht nehmen, ihren Gästen das Beste vom Besten zu bieten.

Eine Besonderheit dieses Festes aber war eine Art Zweikampf zwischen Lord Berthon und dem Ritter Gunther von Haman, der aber nicht mit blanken Klingen, sondern mit Wein, Met, umos und anderen stark berauschenden Getränken ausgefochten wurde. Denn im Verlauf des Abends rief Berthon dem Ritter in prahlerischer Weise zu, dass er ihn jederzeit unter den Tisch saufen könne. Der Ritter ließ sich natürlich nicht lumpen, antwortete in gleicher Weise und nahm die Herausforderung zu einem Trinkgefecht an, obgleich er schon einige Becher geleert hatte.

Zuerst tranken die beiden Kämpen einen Krug mit Koron leer, einem aus Erdknollen gewonnenen Getränk, das einen hohen Anteil alkoholischer Substanzen besaß und zu den am stärksten berauschenden Getränken gehörte. Als dieser Krug geleert war, eilte Ritter Manrath sogleich hinzu und tischte Trinkhörner voll Met auf, die von den beiden Kämpen innerhalb weniger Augenblicke geleert wurden.

Streng und genau wachte Manrath darüber, dass die Gegner immer gleich gefüllte Pokale vor sich stehen hatte. So ging es einige Stunden, und besonders die Hellebonen interessierten sich sehr für diesen "Zweikamf", waren sie doch selbst recht trinkfreudige Gesellen, bei denen solche "Gefechte" ebenfalls sehr beliebt waren.

Einer der Hellebonen, ein Barde aus der Gegend von Brila, stimmte seine Zither und schlug die Klänge eines bekannten Trinkliedes an. Und sofort sangen die umstehenden Barbaren mit, so dass es schon bald darauf aus rauhen Kehlen durch den Saal hallte:

"In Koblezor zu Idara

da tranken ein Krieger drei Tag',

bis dass er voll von gutem Wein

unter dem Tische lag!"

Während das Lied nach draußen schallte und dort sogleich aufgenommen wurde, so dass es kurz darauf durch ganz Helleb dröhnte, "bekämpften" sich die beiden Trinkrivalen weiter, immer wieder angefeuert von den Umstehenden, die selbst auch schon ziemlich berauscht waren.

Und dann, nach der "Vernichtung" einer weiteren Rumos-Amphore, sackte Berthon haltlos über dem Tisch zusammen und rührte sich nicht mehr. Ritter Manrath und ein hilfsbereiter Hellebonenkrieger schleppten ihn ächzend davon, um ihn in sein Schlafgemach zu bringen.

Allerdings "überlebte" Gunther, der eindeutige Sieger, seinen Gegner nicht allzu lange. Kaum hatte man Berthon hinausgeschleppt, da kippte er ebenfalls nach vorn, knallte mit dem Schädel auf die Tischplatte und war wenige Herzschläge später fest eingeschlafen; nicht einmal die Trompeten lippischer Tasionen hätten ihn jetzt noch wecken können. Auch ihn musste man jetzt in sein Bett tragen, während die Zuschauer lachend und gröhlend Beifall klatschten.

 

Im weiteren Verlauf der Nacht fiel es Rikard auf, dass sich Lord Gregor zu den beiden Hellebonenfürsten gesetzt hatte und mit ihnen etwas offenbar sehr Wichtiges zu besprechen schien. Wegen des Lärmes im Saal konnte Rikard kaum etwas verstehen, doch die wenigen Gesprächsfetzen, die er aufschnappen konnte, bestärkten ihn in seinem Misstrauen, das ohnehin ein wesentlicher Zug seines Charakters war.

Er sah, wie die Fürsten William und Erlok hin und wieder finstere Blicke zu den Lippiern hinüberwarfen, so dass er sich denken konnte, worüber Gregor mit ihnen sprach. Gregor erzählte den beiden Fürsten sicherlich von seiner vorübergehenden Kerkerhaft in Mont-Abur, wobei sein Gesichtsausdruck ahnen ließ, dass er auf Vergeltung sann.

Rikard wusste genau, wie beliebt Gregor bei den Hellebonenfürsten war und dass zwischen ihnen ein festes Band der Freundschaft bestand, um dass er sie fast beneidete.

Hatte Lord Gregor auch in Lippia jetzt keine Macht mehr, so besaß er doch als ein Baron von Helleb bei den Barbaren großes Ansehen und natürlich auch Einfluss. Finster erwog Rikard die Möglichkeit, dass Gregor versuchen könnte, sich mit Hilfe der Hellebonen an den anderen lippischen Lords für die erlittene Schmach zu rächen. Als wichtigste Verbündete des lippischen Reiches waren die Hellebonen durchaus in der Lage, die lippische Politik entscheidend zu beeinflussen. Und damit konnte sich auch Gregor wieder Einfluss in Lippia verschaffen. Rikard erkannte in diesen Augenblicken, dass es nicht mehr genügte, Lord Gregor nur zu entmachten; er durfte auch nicht mehr die Möglichkeit haben, sich der Hilfe der Hellebonenfürsten zu versichern.

Leise gab er den Lords Manot und Albertin Bescheid, dass er sie nach dem Gelage dringend sprechen musste.

 

 

Als sich die meisten der Feiernden schon zu Bette begeben hatten und nur noch einige besonders standfeste Recken weiterzechten, kamen Albertin und Manot in Rikards Gemach.

Jener erzählte ihnen von seinen Beobachtungen und seinen Befürchtungen. Manot und Albertin teilten seine Sorgen und gaben ihm in seinen Überlegungen recht, wenngleich auch mit sehr zögerlicher Haltung.

        "Die Freundschaft Gregors mit den Hellebonenfürsten ist in der Tat eine Gefahr für uns", murmelte Manot nachdenklich, "doch ich frage mich, wie wir diesem heiklen Umstand begegnen sollen."

        "Solange Gregor lebt, wird er in Zukunft eine Gefahr für uns sein", meinte Albertin.

        "Das ist auch meine Meinung", nickte Rikard, "Und darum wäre sein Ableben ein recht günstiger Umstand für uns."

        "Ihr habt schon recht, aber wie sollen wir das bewerkstelligen, ohne dass es zum Bruch mit den Hellebonen kommt?" fragte Manot, dem es sichtlich unangenehm war, hier über Mordpläne zu reden, "Schließlich sind es wichtige Verbündete, die unsere Ostflanke schützen. Sie könnten sich sonst womöglich mit den Hambonen gegen uns verbünden."

        "Wenn es Euch recht ist", sprach Rikard, "werde ich diesen Part übernehmen. Ich könnte ihn hier auf dem Turnier zum Zweikampf fordern und niederstechen. Oder ich lasse das von guten Attentätern erledigen."

        "Nein!" widersprach ihm da Albertin, "Lasst das lieber meine Sorge sein, denn Ihr legt zuviel Arg gegen Gregor, was Euch leicht zu Fehlern hinreißen könnte. Ich werde dafür sorgen, dass Gregor den Tod findet, jedoch nicht durch die Hand eines Lords. Es wird am besten sein, einen Meuchelmörder dingen zu lassen, der aus hambonischem Gebiet stammt, damit wir später den Hambonen die Greueltat anlasten können. Der Mörder darf sein Opfer jedoch nicht überleben, so dass er kein Zeugnis ablegen kann, wer ihn gedungen hat. So wird das Volk und vielleicht auch die Hellebonen glauben, dass es die Hambonen waren, die Gregor meucheln ließen. Damit sind wir über jeden Verdacht erhaben. Außerdem schaden wir so dem Ansehen der Hambonen."

        "Wann soll es geschehen?" fragte Manot missmutig, man sah ihm deutlich an, dass ihm dieser Plan wenig behagte, auch wenn er dagegen keinen Einspruch erhob.

        "Sobald dieses Turnier vorbei ist und wir wieder in Lippia sind", antwortete Albertin.

 

 

Endlich nahm das eigens für die ausländischen Gäste veranstaltete Turnier seinen Anfang.

Man hatte eine große Tribüne errichtet, geschmückt mit Fahnen, Wimpeln und Standarten, auf der die adligen Zuschauer und hellebonische Stammeshäuptlinge Platz nehmen konnten. Das einfache Volk, Krieger, Jäger, Bauern und Handwerker, drängte sich an den hölzernen Sperren, die den weiträumig angelegten Turnierplatz umgaben.

Der Platz selbst war in drei Felder unterteilt, eines für das Bogenschießen und Lanzenwerfen, ein weiteres für die Reiterkämpfe und ein drittes für die Zweikämpfe zu Fuß. Am Nordende des Platzes hatten die Turnierteilnehmer ihre Waffenzelte aufbauen lassen, vor denen ihre Wappenschilde und Banner an hölzernen Masten prangten.

 

Das Turnier begann mit dem Bogenschießen, welches kaum Unterschiede zum gleichartigen Wettkampf der Hellebonen aufwies. Auch hier wurde auf hölzerne Scheiben geschossen, und wer die meisten Treffer erzielte, war der Sieger. Auch hier erzielte Lord Manot die meisten Treffen und wurde damit zum besten Bogenschützen Eropans gekürt.

Kurz darauf begann das Speerwerfen; hier blieb Großkhan Arrios unbestrittender Sieger, wobei der Cromanonkönig Harnok von Kaltekima den zweiten Rang einnahm.

 

Mit dem Bogenschießen und Speerwerfen waren die harmloseren Wettkämpfe des Turniers vorüber. Nun sollten die eigentlichen Kämpfe beginnen, die den Höhepunkt des Turnieres darstellten.

Bevor diese jedoch begannen, machten die Streiter zunächst eine Ruhepause für die Dauer einer Stunde.

Hambonenkönig Crishan von Hamborna trat in den Eingang seines Turnierzeltes und sah, dass die Lippier vor ihren Zelten beisammenstanden und erregt über irgendetwas zu streiten schienen. Neugierig wie war, wollte der Hambonenkönig natürlich wissen, was da vorging, winkte also einen der herumeilenden Diener herbei und schickte ihn zu den Lippiern hinüber, dass er herausfände, worüber sich die Lords und ihre Ritter stritten.

Der Diener tat, wie ihm geheißen und kehrte kurz darauf wieder zu Crishan zurück.

        "Nun?" fragte dieser ungeduldig, "Was habt Ihr herausgefunden?"

        "Es mag Euch vielleicht verwundern", gab der Diener zur Antwort, "aber diese Streiterei ging um Euch, mein Herr. Die Lippier stritten sich recht lebhaft daraum, wer von ihnen gegen Euch antreten darf. Schließlich haben sie mit Spielkarten um Euch gelost. Kurzum - ein Ritter namens Gunther von Haman, der einen schwarzen Hengst im Wappen trägt, zog die höchste Karte und wird im Reiterkampf gegen Euch antreten."

        "Pah!" schnaubte Crishan wütend und beleidigt zugleich, "Dieser Vorwitzige soll sich nur vorsehen. Ich werde ihn in den Staub werfen."

        "Ich rate Euch dennoch zur Vorsicht, König der Hambonen", warnte ihn der Diener, "Wie es heißt, ist dieser Gunther einer der besten Lanzenreiter des lippischen Reiches. Ihn und sein an Stärke schier unübertreffliches Streitross Bultago hat bisher noch niemand im Lanzenritt besiegen können."

Mit diesen Worten verabschiedete sich der Bedienstete und eilte davon, um anderen Verrichtungen nachzugehen.

Crishan trat nachdenklich in sein Zelt; er konnte sich eines unguten Gefühles nicht erwehren, denn von den Fähigkeiten Ritter Gunthers hatte auch er schon gehört. Unwillig verdrängte er diese unangenehmen Gedanken, denn er war entschlossen, diesem eingebildeten Ritter zu zeigen, dass er nicht ungestraft um sich losen ließ.

 

 

Kaum hatte Fürst William auf der Tribüne das Zeichen zum Beginn des Lanzenreitens gegeben, da sprengten die Lippier auf schnaubenden Rossen vor, ritten geradewegs zu den Zelten der anderen Recken und tippten mit ihren Lanzenspitzen an die Wappenschilde jener Männer, welche sie sich zum Gegner erkoren hatten, um diese so herauszufordern.

Dann ritten die Recken auf den Platz und nahmen gegeneinander Aufstellung, womit die Kampfordnung folgendermaßen aussah:

        Lord Manot gegen Cromanonkönig Harnok,

        Lord Rikard gegen König Urban,

        Lord Albertin gegen Graf Cranos,

        Lord Berthon gegen Baron Borma,

        Lord Gregor gegen Graf Orgeto,

        Ritter Gunther gegen Hambonenkönig Crishan,

        Ritter Manrath gegen König Baccanius,

        Ritter Bukor gegen Großkhan Arrios,

        Ritter Tangerus gegen Khan Eburon,

        Ritter Sigbert gegen König Zoruth,

        Ritter Gaiwan gegen Khan Sabinus,

        Ritter Siegmund gegen Graf Omandus,

        Ritter Kletus gegen Baron Hopelos,

        Ritter Hereon gegen Baron Wydholt,

        Ritter Pantaleon gegen Fürst Erlok, der selbst am Turnier teilnahm.

        Graf Deichos von Waldau gegen Herzog Ragnar von Chassalla,

        Graf Rakene von Aripe gegen Herzog Dusterix von Helleb

        und

        Baron Siepran aus Kolona trat gegen den Baron Müllak an, der ebenfals aus Kolona        stammte.

Graf Ingor von Berema, der Statthalter von Lippisch-Delema, blieb zu seinem Bedauern ohne Gegner und musste sich zu den Zuschauern gesellen.

 

Die schwergepanzerten Reiter stellten sich in zwei Reihen gegeneinander auf, so dass zwischen ihnen ein Abstand von etwa vierzig Pferdelängen blieb.

Sie legten ihre Stoßlanzen ein, welche allerdings aus nicht sehr stabilem Holz gefertigt waren, damit sie beim Aufprall brachen und den getroffenen Reiter nicht durchbohren konnten. Auch die Spitzen der Turnierlanzen bestanden nur aus faustgroßen Holzkugeln, die mit Leder umwickelt waren.

Auf der Tribüne gab Fürst William einem Trompeter das Zeichen zum Beginn, worauf dieser sein Horn an die Lippen setzte, die Backen aufblies und gleich darauf das hellklingende Hornsignal über den Platz schallen ließ.

Unter dem anfeuernden Gebrüll der Zuschauer galoppierten die Recken mit einglegten Lanzen und vorgehaltenen Schilden aufeinander los.

Der Boden zitterte unter donnernden Hufen, Sekunden wandelten sich zu bedeutungslosen Splittern der Ewigkeit, die Zeit wurde unwirklich. Die Reiter waren eingeschlossen in einem Universum aus Stahl, den Blick starr auf die Lanzenreihen vor sich gerichtet, das Gehör von dem Dröhnen der Hufe und dem Brüllen der Menge taub, die einzige Wahrnehmung im Hirn, kopfüber durch den Raum und Zeit zu fallen.

JETZT !!!

Die beiden Reihen prallten mit vernichtender Wucht aufeinander. Unbeschreibliches Getöse schwängerte die Luft: berstendes Brechen von Lanzenschäften, Scheppern von  eisenbewehrten Schilden, schrilles Wiehern der Pferde, dumpfes Aufprallen, wenn die Reiter aus dem Sattel gehoben wurden und in den Staub schlugen.

In diesem ersten Treffen blieben Baron Mülak, Baron Wydholt, Baron Hopelos, Graf Rakene, König Zoruth und Ritter Bukor auf der Strecke und wurden halb besinnungslos vom Platz getragen.

Dann stürmten die Reihen wieder gegeneinander, mit Ausnahme der Reiter, die ihren Gegner bereits geschlagen hatten.

Das zweite Treffen entschied über Sieg oder Niederlage bei den meisten Kampfpaaren.

Lord Manot stieß diesmal den Cromanonkönig Harnok aus dem Sattel und auch Lord Rikard besiegte seinen Gegner König Urban.

Graf Cranos verfehlte Lord Albertin um Haaresbreite und wurde selbst hart getroffen.

Lord Berthon rannte gegen Baron Borma an, wehrte dessen gut gezielten Stoß erfolgreich mit dem Schild ab und traf ihn dagegen an der Schulter. Borma konnte sich zunächst im Sattel halten, dann aber stürzte er doch zu Boden.

Lord Gregor wurde von Graf Orgeto besiegt. Khan Eburon hob den Ritter Tangerus aus dem Sattel. Auch die lippischen Ritter Gaiwan und Siegmund hatten kein Glück und wurden aus dem Sattel gestoßen. Pantaleon besiegte wiederum den Fürsten Erlok mit einem wuchtigen Stoß gegen den oberen Schildrand, dass der Hellebone den Halt verlor und hintüber vom Pferd flog. Auch Ritter Manrath bezwang seinen Gegner Baccanius.

Nach diesem zweiten Treffen blieb nur noch ein Kampfpaar auf dem Platz: Ritter Gunther von Haman und Hambonenkönig Crishan von Hamborna.

Vor allem von den Hambonen und Lippiern wurde der Ausgang dieses Zweikampfes mit großer Spannung erwartet. Im ersten und zweiten Treffen hatten beide den Schild des Gegners getroffen, doch keiner der beiden war von der Aufprallwucht aus dem Sattel geflogen.

Eiligst wurde das Feld geräumt, dann standen sich nur noch die beiden letzten Kontrahenten gegenüber. Nach Augenblicken angespannten Wartens ertönte wieder das Hornsignal und die beiden gaben ihren Rossen die Sporen, um aufeinander loszustürmen.

Krachend prallten sie gegeneinander, die Schilde dröhnten dumpf unter dem Aufprall der stumpfen Lanzen, deren Schäfte knallend auseinanderbrachen. Aber keiner der beiden stürzte, schwankend hielten sie sich im Sattel und preschten aneinander vorbei, beide angeschlagen vom Stoß des Gegners.

Neue Lanzen wurden ihnen gereicht und noch einmal rannten sie gegeneinander an. Wieder trafen sie krachend zusammen und wieder stürzte keine von ihnen in den Sand.

Doch dann geschah es doch. Crishan schwankte haltlos im Sattel hin und her. Offenbar war er noch benommen vom letzten Zusammenprall, bei dem Gunthers Stoß ihm doch arg zugesetzt hatte. Schließlich schaffte er es nicht länger, sich noch im Sattel zu halten. Langsam neigte er sich zur Seite und stürzte in den aufwirbelnden Sand, wo er reglos liegenblieb.

Ritter Gunther, der selbst auch reichlich Mühe gehabt hatte, nach dem letzten Treffen im Sattel zu bleiben, hob seine gebrochene Lanze, um den bezwungenen Gegner zu ehren, den man jetzt auf einer Bahre vom Platz trug. Dann wendete der Ritter sein Pferd und ritt langsam zurück zu seinem Turnierzelt.

 

 

        "Das habt Ihr wahrhaftig vortrefflich gemacht, Gunther", lobte Manot den Ritter von Haman.

        "Der Hambone war kein schlechter Gegner", meinte Gunther mit säuerlichem Lächeln, "und seine Lanzentreffer waren nicht von schlechten Eltern. Beinahe wäre ich schon beim zweiten Treffen aus dem Sattel geflogen. Aber mit meinem letzten Stoß traf ich seinen Schild am oberen Rand, so dass ihm der eigene Schild gegen den Schädel knallte. Vermutlich hat er dabei fast die Besinnung verloren. Den Rest besorgte dann allein das Gewicht seiner Rüstung. Aber mir schmerzt jetzt jeder Knochen im Leibe."

 

Da ertönte draußen vor dem Zelt wieder heller Hörnerklang.

        "Wohlan Freunde!" rief Berthon, "Die nächsten Kämpfe beginnen. Nun müssen wir zeigen, dass wir auch zu Fuß zu fechten verstehen. Sicher werden jetzt die anderen die Herausforderer sein, so dass wir uns unsere Gegner nicht selbst aussuchen können."

 

Als sie vor das Zelt traten, galoppierte ein hellebonischer Reiter auf den Platz und rief:

        "Mögen nun die Zweikämpfe zu ebener Erde beginnen! Jedem Kämpfer ist die Wahl seiner Waffen freigestellt. Da zuvor die lippischen Recken die Herausforderer waren, sollen nun die anderen Streiter dieses Recht in Anspruch nehmen. Lasst es beginnen!"

 

Die Lippier stellten sich daraufhin am Rande des Platzes nebeneinander in voller Bewaffnung auf und warteten auf die Herausforderungen, die auch nicht lange auf sich warten ließen.

Fürst Erlok von Twerene trat in die Mitte des Platzes und rief:

        "Ich fordere Lord Manot von Südlippia zum ehrenvollen Zweikampf heraus! Möge er gegen mich antreten!"

Manot ergriff daraufhin seinen Schild und seine schwere, zweischneidige Streitaxt und trat vor seinen Herausforderer, der mit Rundschild und Langschwert bewaffnet war.

Stumm verneigten sich die beiden Kämpfer voreinander und warteten auf das Zeichen von Fürst William, den Zweikampf zu beginnen.

Kaum war das Zeichen gegeben, da griff Erlok sogleich mit weit ausgeholten Kreuzhieben an, die aber von Manot ohne große Mühe mit dem Schild abgewehrt wurden. Jetzt konterte der Lord mit einem aufwärts geschlagenen Axthieb, der den unteren Rand von Erloks Rundschild traf und den Hellebonen fast seines Schutzes beraubte, als der Schild durch den wuchtigen Schlag nach oben getrieben wurde. Erlok konnte den Schild jedoch halten, wobei ihm aber der obere Rand an die Stirn schlug und ihn benommen zurücktaumeln ließ. Nun wurde der Hellebonenfürst vorsichtiger und versuchte den Lippier mit blitzschnellen Attacken zu verwirren, um ihn so aus der Reserve zu locken. Sein Unglück war es nur, dass er nichts wusste über die Art, in der Manot zu kämpfen pflegte. Während der Lippier sich zunächst nicht mehr als notwendig bewegte und sich ausschließlich darauf beschränkte, die Angriffe seines Gegners abzuwehren, wurde Erlok immer hitziger in seinem Bemühen, Manots Deckung zu durchbrechen. Als der Hellebone schließlich merkte, dass er seine Kräfte an der undurchdringlich scheinenden Abwehr des Lords vergeudete, war es bereits zu spät für ihn. Manot hatte nur darauf gewartet, dass Erlok erste Ermüdungserscheinungen zeigte und seine eigene Deckung zu vernachlässigen begann. Jetzt ging er selbst zum Angriff über, setzte seine nicht gerade gering zu nennende Körperkraft mit brutaler Gewalt ein und hämmerte seine Streitaxt mehrere Male mit derartiger Wucht auf Erloks Schild, dass dieser schließlich unter diesen Hieben zerbrach. Völlig überrascht von diesem plötzlichen, unerwarteten Überfall musste Erlok den geborstenen Schild fallen lassen und versuchte nun, die sausenden Axthiebe mit dem Schwert abzuwehren. Eine Zeitlang gelang ihm das auch aufgrund seines Waffengeschicks, doch dann wurde ihm das Langschwert aus der Hand geprellt.

Damit war der Kampf entschieden und Fürst Erlok gab sich geschlagen.

        "Ihr seid ein würdiger Gegner gewesen", sprach Manot zu ihm, grüßte mit erhobener Axt und schritt zurück zu seinen Gefährten, die ihm laut applaudierten.

 

Schon trat der nächste Herausforderer auf den Platz. Es war Harnok von Kaltekima, der König des im Norden Hambonias lebenden Volkes der Cromanons.

        "Ich fordere Lord Berthon von Makowe zum Zweikampf!" rief er.

Kurz darauf befanden sich Berthon und Harnok schon im hitzigen Gefecht. Berthon war mit Mannschild und Morgenstern angetreten, während Harnok mit Schild und Streitaxt kämpfte. Der Kampf währte indes nicht allzu lange, dann lag der Cromanonkönig besinnungslos am Boden; nur sein Panzerhelm hatte seinen Schädel vor schlimmeren Schäden bewahrt.

 

Der nächste Kämpfer war der hambonische Graf Cranos von Hammaburg, der den Ritter Bukor von Friedburg herausforderte.

Und diese beiden Kämpen lieferten sich einen der besten Zweikämpfe des gesamten Turnieres.

Graf Cranos sah seinen Gegner gemächlich herankommen. Dieser war hochgewachsen un sein Gang wirkte etwas steif und schwerfällig. Das Visier seines Helmes war heruntergelassen; fest hielt ein langes Breitschwert in der Rechten, am linken Arm trug er einen großen Mannschild, auf dem sein Wappen prangte: eine eiserne Faust, die goldene Blitze hielt.

 

Fürst William hob auf der Tribüne ein schneeweißes Tuch und war es auf den Rasen der Kampfstätte, wo es sich sachte auf den Boden niedersenkte.

Das war das Zeichen zum Beginn.

Wie er es gewohnt war, griff Graf Cranos, der in nachtschwarzer Rüstung angetreten war, stürmisch an und sein schwerer Morgenstern donnerte auf den Schild des Ritters. Dieser wankte und wich etwas zurück, während sein Schwertarm ausholte, um dann das Breitschwert auf den Schild des Grafen krachen zu lassen, der nun selbst wieder einen Schritt zurückweichen musste. Doch Cranos blieb seinem Kontrahenten nicht das Geringste schuldig. Im letzten Augenblick konnte Bukor den schweren Morgenstern mit dem obernen Schildrand abfangen. Jetzt krachten die beiden Kämpfer mit den Schilden gegeneinander, beide holten zum Schlag aus, aber diesmal war Cranos schneller. Der Morgenstern schmettertere dröhnend auf die obere Schildhälfte des Lippiers. Durch die Wucht des Hiebes verlor Bukor das Gleichgewicht und stürzte unter dem Aufschrei der Zuschauermenge hintüber.

Schnell zog er die Beine an - im nächsten Augenblick klatschte der Morgenstern dort in den Boden, wo sich eben noch seine Unterschenkel befunden hatten. Nur mühsam konnte der Ritter die kräftigen Hiebe des Grafen mit dem Schild abwehren, denn Cranos ließ ihm keine Zeit, sich wieder vom Boden hochzurappeln. Wahrscheinlich sah der Hambone jetzt die einmalige Gelegenheit, den lippischen Ritter zur Aufgabe zu zwingen.

Aber da! Was tat Bukor jetzt?

Er ließ sein Schwert los, hob den Schild mit beiden Händen und rammte diesen mit dem spitzen Unterteil in den weichen Boden, dass er fast aufrecht darin steckenblieb und ihn so vor den Schlägen des Grafen deckte. Jetzt hatte er Zeit, um die Verwirrung seines Gegners auszunutzen, sich wieder ganz aufzurichten und neu in Position zu gehen.

Mit dem Aufgebot all seiner Kräfte versuchte Cranos abermals den Kampf zu beenden und schlug wuchtig nach den Beinen des Ritters, so dass dieser den Schild senken musste, um seine Beine zu schützen. Nun tat Cranos abermals so, als ziele er nach unten, in der Absicht, den Morgenstern plötzlich nach oben zu reissen, um so die dann ungedeckte Brust des Ritters zu treffen.

        ("Du willst einen alten Hasen hereinlegen?") dachte Bukor im selben Augenblick. Im nächsten Moment zuckte seine Klinge vor und durchbohrte gutgezielt den noch erhobenen Waffenarm seines Gegner. Stöhnend vor Schmerz ließ Cranos den Morgenstern fallen und senkte den Schild zum Zeichen, dass er sich ergab.

 

Den nächsten Zweikampf fochten der Baron Wydholt von Gottin, bewaffnet mit Schild und Einhandschwert, und Lord Rikard von Schwanenwehr, der mit Degen und Reitersäbel bewaffnet war und zum Erstaunen der Zuschauer auf einen Schild verzichtet hatte.

Das Gefecht währte nicht sehr lang, denn Baron Wydholt war ein miserabler Schwertfechter, obwohl er dies nicht wahrhaben wollte und üblicherweise mit seinen angeblichen Fechtkünsten zu prahlen pflegte. Da Rikard ohnehin keinerlei Sympathien für den gottinischen Baron hegte, machte er sich einen geradezu sadistischen Spaß daraus, dem Gottiner derart zuzusetzen, dass Wydholt von ihm wie ein Hase über den Kampfplatz gejagt wurde. Der Baron brachte es zwar mit sehr viel Glück zustande, die Säbelhiebe des Lords zu parieren, doch dessen blitzschnellen Attacken mit dem leichteren Degen hatte er nichts entgegenzusetzen. Dazu kam, dass Wydholt noch nie gegen einen Gegner angetreten war, der mit einem Degen umzugehen verstand, war dies doch eine weithin ungebräuchliche Stichwaffen, deren Umgang man nur an wenigen Orten lernen konnte.

Schließlich wollte Rikard dem grausamen Spiel ein Ende machen und schlug mit dem Säbel einen scheinbar lässig geführten Wirbelhieb, der den Baron seines Schwertes beraubte. Doch obwohl Wydholt jetzt nicht die geringste Chance mehr hatte, den Kampf doch noch zu seinem Gunsten entscheiden zu können, wollte er sich nicht ergeben. Noch hatte er seinen Schild, der ihn aber nur vor Rikards Säbel schützte, denn als Schutz gegen die schnellen Stiche mit dem Degen war der schwere Schild viel zu unhandlich.

Rikard spielte jetzt förmlich mit Wydholt und es war offensichtlich, dass er ihn schon längst mit dem Degen hätte niederstechen könne. Der Lord aber begnügte sich damit, dem Baron mit der Spitze des Degens den Wappenrock Stück für Stück zu zerfetzen. Dann verlor Wydholt auch noch den Schild durch einen schnellen Aufwärtshiebe mit dem Säbel.

Doch noch immer wollte der Gottiner nicht aufgeben und zog jetzt seinen unterarmlangen Dolch hervor.

Im nächsten Augenblick aber ließ er ihn fallen und hielt seine Beinkleidung fest, denn Rikard hatte ihm höchst unritterlich den Hosenbund durchschnitten, was die Zuschauer mit schallendem Gelächter quittierten.

Wydholt stolperte fast blind vor Wut und Scham vom Platze, verfolgt vom brüllenden Gelächter der Menge, das ihn schlimmer peinigte als jede Verwundung es gekonnt hätte.

 

Doch da erhob sich Fürst William und gebot mit erhobener Hand Schweigen. Augenblicklich kehrte Ruhe ein und alles lauschte dem, was der Hellebonenfürst zu sagen hatte.

        "Lord Rikard von Schwanenwehr", sprach William, "Ihr mögt ein hervorragender Kämpfer sein, doch das gibt Euch nicht das Recht, einen bereits besiegten Gegner so schmählich und ehrlos zu demütigen. Das ist eines wahren Kriegers unwürdig. Aus diesem Grunde erkläre ich diesen Kampf für ungültig."

Mit gleichmütigem Gesichtsausdruck vernahm Rikard die Worte des Hellebonenfürsten und wandte sich wortlos ab. Doch innerlich kochte er vor Wurt und schwor sich, dafür eines Tages von William Genugtuung zu fordern.

 

Im nächsten Zweikampf errang Lord Albertin den Sieg über den hambonischen Baron Borma von Dunnebor.

Danach begann der komischeste Kampf des gesamten Turnieres, als Graf Ingor von Berema den Lord Gregor tor Lippia herausforderte.

Gregor trat mit dem Morgenstern, Ingor mit dem Einhandschwert an. Besonders die Lippier konnten ihr Grinsen kaum unterdrücken, als sie Gregor mit dem schweren Morgenstern hantieren sahen. Zunächst machte er auch noch eine ganz gute Figur, mit dem kleinen Fehler, dass seine weit ausgeholten Hiebe nichts anderes als die Luft trafen, obwohl sich Graf Ingor, der nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte, keinen Schritt vom Fleck rührte, darauf wartend, dass Gregor endlich mit seiner "Spielerei" aufhörte und den Kampf begann. Gregor seinerseits war dagegen davon überzeugt, er würde seinen Gegner bereits mit aller Macht attackieren.

Endlich, so glaubte er, konnte er den anderen Lippiern beweisen, dass er tatsächlich mit einem Morgenstern umzugehen verstand und mit dieser Waffe eine Schlagform möglich war, von der ihm jeder erfahrene Kämpfer immer wieder abgeraten hatte.

So wirbelte er den Morgenstern um den Kopf, schwang dann den Griff nach vorn, um diesen gleich darauf ruckartig wieder nach hinten zu reißen. Seiner Meinung nach sollte die Eisenkugel nun wie das Ende einer Peitsche nach vorn schnellen. Das tat sie auch, allerdings etwas anders, als sich Gregor das vorgestellt hatte. Sie traf nämlich mit nicht gelinder Wucht auf seinen behelmten Hinterkopf, was zwar der Helm aushielt, den Lord aber besinnungslos zu Boden stürzen ließ.

Graf Ingor, der noch nicht einen einzigen Hieb gegen Gregor geführt hatte, blickte zunächst völlig verdutzt auf den reglos Daliegenden, dann aber brach er zusammen mit den Zuschauern in schallendes Gelächter aus, während Gregor von grinsenden Helfern vom Platz getragen wurde.

        "Er hätte das doch vorher mal üben sollen", meinte Manot kichernd.

        "Das hat er doch", antwortete ihm Albertin, "Sogar einige Tage lang."

        "Und warum hat es dann nicht geklappt?"

        "Naja", brummte Albertin, "er hat nur mit einem hölzernen Morgenstern geübt, ohne zu bedenken, dass ein Morgenstern aus Eisen weitaus schwerer und nicht so einfach zu handhaben ist, wie er es sich vorstellte. Aber er wollte ja auf niemanden hören."

 

Im nächsten Duell kämpften Ritter Gunther und Herzog Ragnar von Helleb gegeneinander, wobei Ragnar den Sieg davontrug.

König Urban, der Statthalter von Hambonisch-Delema, forderte nun Ritter Manrath zum Zweikampf heraus. Beide fochten mit dem Schwert, doch bald stellte sich Manraths Überlegenheit mit dieser Waffe heraus, galt er doch als einer der besten Schwertfechter Lippias. Urban gab sich zwar alle Mühe, doch im Schwertkampf war er ebenso hilflos wie er es als Herrscher des ehemaligen Delemas gewesen war. Der lippische Peer hatte leichtes Spiel mit ihm und er ärgerte sich darüber, keinem besseren Gegner gegenüberzustehen. Kurze Zeit später lag Urban am Boden und sein Schwert war zerbrochen, womit der Kampf entschieden war.

Urban war kaum vom Platz getragen, da trat Baron Hopelos von Gottin vor und forderte Ritter Gaiwan heraus. Hopelos, der über keine großen Körperkräfte verfügte, kämpfte mit einem leichten Degen lippischer Fertigung, mit dem er vortrefflich umzugehen verstand und den Ritter mit arglistigen Attacken einige Male recht hart bedrängte. Gaiwan, ein Kämpe der alten Schule, hatte zunächst große Mühe, den schnellen Vorstößen zu begegnen, denn Hopelos kämpfte mit allen Tricks, die aus der Tücke geboren waren. Schließlich aber wurde es dem Ritter zu bunt, er begann jetzt munter dreinzuschlagen und trieb Hopelos vor sich her in eine Ecke der Umzäunung, wo dieser in die Enge getrieben war und ihm keiner seiner listigen Tricks mehr nutzen konnte. Hopelos ließ daraufhin seine Waffe fallen und ergab sich, was den Zuschauern laute Schmährufe entlockte.

 

Und die Zweikämpfe gingen munter weiter.

Großkhan Arrios von Bayan besiegte Ritter Siegmund.

Ritter Kletus wurde von Khan Eburon von Kobali geschlagen.

Khan Sabinus von Idara schlug den Ritter Hereon.

Und Graf Deichos, der Herr des kleinen Fürstentums Waldau, ging im Kampf gegen Ritter Pantaleon ebenfalls als Sieger hervor.

 

Die beiden letzten Kämpfe wiederum waren interessanter.

Erst kämpften Hambonenkönig Crishan und Ritter Tangerus gegeneinander. Beide waren hervorragende Schwertkämpfer und ihr Gefecht konnte selbst das Blut von Göttern in Wallung bringen. Keiner bleib seinem Gegner auch einen Hieb schuldig, und keiner wich auch nur einen Handbreit mehr als nötig vor dem anderen zurück. Der Kampf war fast ein reiner Schlagabtausch, doch jeder geführte Schwerthieb war von solcher Meisterlichkeit, dass es die Herzen der zuschauenden Krieger höher schlagen ließ. Doch bald wurden die Bewegungen der Kämpfer langsamer und schwerfälliger, denn die wuchtigen Hiebe begannen an ihren Kräften zu zehren. Fast eine volle Stunde schlugen sie ohne Unterlass aufeinander ein, finteten, parierten, attackierten, und noch immer war kein Ende abzusehen.

Schließlich ließ Fürst William den Kampf abbrechen und für unentschieden erklären, da er befürchtete, dass der Kampf noch bis in die Nacht andauerte, denn der Tag begann sich schon seinem Ende zuzuneigen.

Tangerus und Crishan ließen keuchend voneinander ab und verbeugten sich voreinander, um sich damit gegenseitig ihre Achtung zu bekunden, so wie es sich unter ehrenhaften Kriegern geziemte.

Schließlich begann der letzte Zweikampf des Turniers, in dem Ritter Sigbert gegen Herzog Dusterix von Helleb antrat. Beide kämpften mit der Streitaxt und auch sie boten dem Publikum ein atemberaubendes Schauspiel. Doch dem Herzog Dusterix war das Glück nicht hold, obwohl er ein ebenso guter Axtkämpfer war wie Sigbert. Nach einem heftigen Schlagabtausch geriet er durch einen wuchtigen Hieb Sigberts gegen seinen Schild ins Straucheln und kam durch das sofortige Nachstoßen des Lippiers zu Fall.

Sigbert aber trat zurück und gab Dusterix die Chance, sich wieder zu erheben und erneut zum Kampf zu stellen. Der hellebonische Herzog, beeindruckt von der Fairness seines Gegners, zögerte einige Herzschläge lang und warf dann die Axt zu Boden, wobei er sprach: "Ihr seid der Sieger und es war mir eine Ehre, gegen Euch gefochten zu haben."

Unter dem Beifall der Zuschauer schritten sie Seite an Seite vom Kampfplatz.

 

Mit diesem letzten Duell war das große Turnier von Helleb beendet und nun zogen die Krieger und Ritter vom Turnierplatz zur Festung hinauf, wo bereits alles für ein gewaltiges Abschlussgelage nach der berühmt-berüchtigten Art der hellebonischen Barbaren vorbereitet war.....

 

 

Das große Turnier von Helleb war vorbei, man nahm Abschied voneinander und die Krieger, Edlen und Ritter kehrten in ihre Heimat zurück.

Als auch die Lords von Lippia mit ihren Gefolgsleuten zu ihren Stammburgen heimgekehrt waren, wurde das Schicksal Lord Gregors tor Lippia besiegelt.

Bereits zwei Tage nach seiner Rückkehr heuerte Lord Albertin einen Mann namens Segar an, der aus Hambonia stammte, und trug diesem den Meuchelmord an Lord Gregor mit der Lockung reichen Lohnes auf.

Der Mordgeselle bekam seines Auftraggebers Gesicht wohlweislich nicht zu sehen, denn Albertin war klug genug, ihm in der Verkleidung eines hambonischen Kaufmannes zu begegnen.

Schließlich kam der Tag, an dem sich das Schicksal Lord Gregors erfüllte.

 

 

Segar wusste, dass Lord Gregor seinen Stammsitz, die Lippburg, täglich verließ und nach Stadt-Lippia kam, um dort in einer großen Schänke einzukehren, die "Azzet" genannt wurde und in der vor allem junge Bürger der Stadt zu verkehren pflegten.

Seitdem Gregor in Lippia keinen politischen Einfluss mehr hatte, verbrachte er seine Zeit meist in diesem Gemeinschaftshaus, sofern er nicht mit seiner Liebhaberei, dem Schreiben abenteuerlicher Märchengeschichten, beschäftigt war.

Segar wusste auch, dass Gregor immer ohne Leibwachen oder sonstige Begleitung in die Stadt zu kommen pflegte. Und diesen Umstand gedachte der gedungene Mörder zu nutzen. So besorgte er sich einen Bogen, den man in zwei Teile zerlegen konnte, steckte diesen mitsamt Pfeilen in einen Leinensack und begab sich damit zur südlichen Stadtmauer. Die Spitzen der Pfeile hatte er zuvor in Gift getaucht.

Direkt an der Stadtmauer entlang verlief die südliche Außenstraße, auf der sich die Schänke namens "Azzet" befand, so dass Gregor durch diese Straße reiten musste.

Segar postierte sich auf dem Wehrgang der Mauer zwischen der Schänke und dem Südtor, wobei ihm zugute kam, dass hier in Friedenszeiten tagsüber keine Soldaten postiert waren. Nur zweimal am Tage machte hier ein Wachtrupp seine Runde, ansonsten hielten sich die Stadtsoldaten am Tage nur in den Wehrtürmen und an den Toren auf. Auch die an der Innenseite der auer angebauten Treppen waren tagsüber unbewacht, so dass Segar ungehindert hinauf auf den Wehrgang gelangen konnte, wo er durch die rückwärtige Brüstung dagegen geschützt war, von der Straße aus gesehen zu werden.

Segar brauchte nicht lange zu warten, bis Lord Gregor durch das Südtor in die Stadt hineinritt. Schnell setzte er seinen Bogen zusammen, spannte ihn und legte einen der vergifteten Pfeile auf die Sehne, um dann seelenruhig zu beobachten, wie der Lord gemächlich herangeritten kam.

Als sich Gregor direkt unter ihm befand, richtete sich der Attentäter geschmeidig auf, zielte kurz und ließ den Pfeil von der Sehne schnellen.

Zischend sauste der gefiederte Todesbote durch die Luft und blieb zitternd zwischen den Schulterblättern des Lords stecken. Gregor zuckte hoch, griff im Reflex nach seinem Schwert, doch dann stürzte er haltlos aus dem Sattel und blieb reglos im Staub der Straße liegen, die Augen blicklos gen Himmel gerichtet.

Entsetzt starrten die Leute auf der Straße auf den Ermordeten, dann brach ein Tumult aus. Man schrie nach den Stadtwachen, nach einem Arzt, fluchte, brüllte und rief die Götter an.

Ein Mann in der Tracht der Heilkundigen stürzte aus einem der umliegenden Häuser, eilte herbei und beugte sich über den Leblosen. Doch hier kam jede Hilfe zu spät, denn das Gift auf der Pfeilspitze hatte sehr schnell gewirkt.....

 

Zufrieden hatte Segar das Geschehen einige Herzschläge lang beobachtet, dann steckte er Bogen und Pfeile zurück in den Leinensack und wollte sich davonmachen.

Doch da ertönte hinter ihm eine scharfe Stimme: "Halt Bursche! Beweg' dich nicht, oder du bist des Todes!"

Ein Trupp von Stadtsoldaten war überraschend auf dem Wehrgang aufgetaucht. Segar saß in der Falle, denn jetzt hatten ihn auch die Leute auf der Straße entdeckt.

        "Ergreift Ihn!" brüllte jemand, "Er hat den Lord ermordet!"

Die Soldaten rannten auf ihn zu, worauf sich Segar herumwarf und davonzurennen versuchte. Doch er kam nur ein paar Schritte weit, dann wurde sein Rücken von zwei Wurfspeeren durchbohrt.....

 

 

Es war tiefe Nacht, als sie sich im Rittersaal von Burg Akaze trafen. Nur wenige Fackeln brannten in ihren Halterungen und ihr flackernder Schein erzeugte eine Atmosphäre der Düsternis und des Unheils

        "Es ist vollbracht", sprach Albertin leise, "Gregor ist in das Reich des Totengottes Hede gegangen. Und auch sein Mörder hat die Tat nicht lange überlebt."

        "Lasst ein Totenfeuer errichten", sprach Rikard, "damit Gregor seines Standes gemäß bestattet wird. Wenn das Feuer seinen Leichnam verzehrt hat, wollen wir wieder zusammenkommen und den Ritter auswählen, der als neuer Lord an Gregors Stelle treten soll. Doch niemand darf jemals erfahren, was hier wirklich geschehen ist. Es muss unser Geheimnis bleiben und auch der neue Lord darf niemals etwas davon erfahren."

 

 

Schon am nächsten Tage wurde der Leichnam Lord Gregors tor Lippia im Totenfeuer auf dem Marktplatz mitten in Stadt-Lippia verbrannt.

Bis tief in die Nacht währten die düsteren Trauerzeremonien, denen die lippischen Lords mit steinernen Mienen beiwohnten.

Doch als das Feuer niedergebrannt war, hatten sie alle vier die selbe Vision:

Aus der Glut schien ihnen das Antlitz Gregors entgegenzustarren. Und unhörbar für alle anderen vernahmen sie seine Stimme:

        "Ich verfluche Euch, ihr Lords von Lippia. Lippia soll in Blut und Flammen vergehen. Dann werde ich aus Hedes Reich zurückkehren, um Eurem Ende zuzuschauen."

Die unheimliche Stimme in ihren Köpfen verklang, als entschwinde sie in unerreichbare Fernen und auch die Vision in der Glut verblasste schließlich.

Bleich und stumm starrten die vier Lords einander an, denn jeder wusste, dass diese Vision mehr als ein Trugbild gewesen war.....

 

 

        "Ritter Gunther von Haman", sprach Manot feierlich, "Wir haben Euch als neuen Lord in unseren Kreis gewählt. Fortan werdet Ihr die Gebiete des dahingegangenen Lord Gregors übernehmen und regieren. Seine Stammburg wird nun die Eurige sein; sie soll fortan "Burg-Scharage" genannt werden. Euer Titel lautet von nun an 'Lord Gunther von Scharage'. Nun lasst uns diesen Bund nach altem Brauch erneuern."

 

Sie fügten sich kleine Wunden an den Unterarmen zu, ließen ihr Blut gemeinsam in einen goldenen Becher tropfen, der danach reihum ging, wobei jeder von ihnen einen Schluck daraus zu sich nahm.

        "Der alte Bund ist vergangen", sprach Lord Manot leise, "Ein neuer Bund ist nun geschlossen und ein neuer Clan geboren. Mögen die Götter von Mahrhy-Thayr uns wohlgesonnen sein."

 

 

ENDE

des siebten Bandes.

 

zurück