Fantasy

Serie

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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Gregor tor Lippia,

Lord Rikard von Schwanenwehr

und Lord Berthon von Burg Makowe .

 

Dies ist ihre phantastische Geschichte, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines mächtigen Fürstenclans, der eine ganze Welt erobern will und sich nicht hindern lässt auf den Wege zur Macht, weder von den Heerscharen anderer mächtiger Reiche, noch durch Götter, Magier oder Dämonen.

Es ist die Geschichte einer Epoche, in der das Wort eines Fürsten Gesetz ist und die Schärfe eines Schwertes das Recht bestimmt. Ganze Kulturen sind dem Untergang geweiht, selbst Götter werden sterblich durch des Menschen Hand. Königreiche, Imperien und ganze Völker gehen unter im Ansturm der Eroberer aus dem lippischen Reich. Die Bastionen der Götter selbst drohen niedergerissen zu werden von lippischer Hand.

Doch sind die Heere der Lords auch noch so stark und unbezwingbar, so ist doch der Untergang ihres Imperiums am Ende unabwendbar. In den Staub getretene Völker werden sich gegen den mächtigen CLAN DER LORDS erheben, und ihre Rache wird das Reich LIPPIA in Blut und Flammen untergehen lassen, wenn die Zeit gekommen ist.......

 

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Karte von Eropan

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Band  6

 

Die

 

Kriegerinnen

 

 

Auf dem Kontinent Eropan schrieb man das "Jahr der Götter", das 113.Jahr seit Gründung des Reiches Lippia.

Seit der Seeschlacht von Donnerberg war bereits mehr als ein volles Jahr vergangen.

Doch Unangenehmes bleibt zumeist nicht lange im Gedächtnis der Menschen haften und so war dieses schreckliche Ereignis schon bald vergessen.

Was jedoch an jene Auseinandersetzung erinnerte, war die immense Vergrößerung der lippischen Heere, welche nunmehr rund 75.000 Soldaten zählten. Das Reich Lippia war seither die größte militärische Macht auf dem eropanischen Kontinent und die anderen Länder des Kontinents äugten mit  immer größerem Misstrauen auf das lippische Reich, denn sie fürchteten, dass die Lords die Absicht hegten, sich ganz Eropan untertan zu machen.

Auch die Gedenksteine an den Ufern des LIPPE-Deltas erinnerten noch an die vielen Toten, die vor der Seefestung Donnerberg ihr nasses Grab gefunden hatten.

Seit jener Schlacht hatte es keine weiteren Auseinandersetzungen mehr zwischen Lippia und Hambonia gegeben. An der Nordgrenze war es so ruhig wie nie zuvor.

Weder die Lords von Lippia noch die Könige von Hambonia wollten jetzt einen neuen Krieg zwischen den beiden größten militärischen Mächten Eropans entfachen, vor allem die Hambonen scheuten davor zurück, denn sie wussten um die zahlenmäßige Überlegenheit des dicht besiedelten Lippia.

 

Doch für das Reich der Lords entstand allmählich eine nicht zu unterschätzende Gefahr an seiner südlichen Grenze.

Außer dem Inselreich Spadalo hatten sich die südlichen Länder unter dem Großkhan Arrios von Bayan zum Bund der "Vereinigten Südreiche" zusammengeschlossen und entwickelten sich nun zu einer Macht, die auch für Lippia gefährlich werden konnte.

Noch war es an der Südgrenze, die auf natürliche Weise durch das gewaltige Mont-Gebirge gebildet wurde, zu keinen ernsthaften Auseinandersetzungen gekommen, doch die Spannungen wuchsen dort von Tag zu Tag, denn der Süden schaute neidvoll auf das reiche Lippia, von dessen Gebiet er sich gern einen Teil vereinnahmt hätte, insbesondere das an Bodenschätzen reiche Mont-Gebirge, das einst zu Kobali gehört hatte, bevor es von den Lippiern erobert worden war. Und so erwarteten die Lords täglich den Beginn eines  Landstreites um das Mont-Gebirge, das die Südländer als ihr geraubtes Eigentum betrachteten.

Aber nicht nur im Süden Eropans war die Lage problematisch, denn im Nordwesten von Lippisch-Delema begannen sich die Stämme der wilden Barbarinnen von den beiden Halbinseln Kajos und Ramo zu rühren. Kajos und Ramo lagen miteinander in blutiger Fehde, und die Kämpfe fanden zumeist auf lippischem Reichsgebiet nahe der Stadt Olda statt, was natürlich zu argen Verwüstungen führte. Dazu kamen die zahlreichen Raubzüge der wilden Frauen, die vor allem den Bauern von Lippisch-Delema schwer zu schaffen machten.

Und noch eine weitere Unannehmlichkeit begann sich für die Lippier abzuzeichnen:

Seitdem Lord Gregor, den die Hellebonenfürsten zum Baron von Helleb ernannt hatten, wegen des Verdachtes auf Verrat an Lippia auf der Festung Mont-Abur eingekerkert worden war, waren die bisher freundschaftlichen Verbindungen zwischen Hellebona und Lippia merklich abgekühlt. Obwohl Hellebonen und Lippier noch immer Bundesgenossen waren, betrachteten sie sich einander mit immer größer werdendem Misstrauen. Zwar war es noch zu keinem offenen Bruch gekommen, aber die Hellebonen begannen sich verständlicherweise angesichts der Aufrüstung lippischer Armeen immer unbehaglicher zu fühlen und maßen der Tatsache, dass die Grenze auf lippischer Seite weitaus strenger als bislang bewacht wurde, nicht geringe Bedeutung zu. Zudem hatten die Lords ihren Grenztruppen Weisung gegeben, keinen hellebonischen Händler oder Reisenden mehr über die Grenze zu lassen, wenn er nicht über einen Passierschein verfügte, der nur von lippischen Tribunen, Rittern oder von den Lords selbst ausgestellt wurde.

Den Hellebonen, wenig an Gesetze der sogenannten Zivilisation gebunden und solche Formalitäten nicht gewohnt, war dies natürlich alles andere als angenehm, und mehrere Male hatte ihre Jagdgruppen sich den Teufel um das lippische Gebot geschert und trotzig die Grenze überschritten. Ihnen war es ohnehin unverständlich, dass man die Welt mit Grenzen aufteilte, denn in ihrer einfachen, gradlinigen Art waren sie der Ansicht, dass der Boden, auf dem ein Mensch stand, niemandem streitig gemacht werden konnte.

Von all diesen Problemen war nun jedoch jenes der Kriegerinnen von Ramo und Kajos am dringlichsten geworden, denn diese richteten in Lippisch-Delema immer größeren Schaden an, was die Lords natürlich nicht so ohne weiteres hinnehmen konnten, ohne an Ansehen zu verlieren, denn als Herrscher eines so großen Reiches hatten sie auch die Pflicht, ihre Untertanen vor solcher Unbill zu bewahren.

 

 

In der Stadt Berema, nur einen halben Tagesritt östlich von Olda gelegen, begann sich Graf Ingor, der Statthalter von Lippisch-Delema, ernsthafte Sorgen zu machen, denn was ihm ein von Olda gesandter Bote berichtete, war alles andere als erfreulich.

Die Stämme der wilden Frauen hatten sich westlich von Olda auf den großen Kornfeldern eine blutige Schlacht geliefert und dabei nahezu die gesamte Ernte vernichtet. Dabei waren einige Gruppen der Barbarinnen sogar bis an die Stadtmauern von Olda vorgedrungen, hatten Brandpfeile hinübergeschossen und so ein ganzes Stadtviertel in Brand gesteckt. Die kleinen Gehöfte und Bauernkaten im Umkreis der Stadt waren ohne Ausnahme den Plünderungen herumstreifender Kriegerinnen zum Opfer gefallen. Die zahlenmäßig nur kleine Stadtwache und die Freiwilligen der Bürgerwehr konnten die Räuberinnen zwar vertreiben, waren aber nicht in der Lage, sie zu verfolgen und zu stellen.

Die Kriegshorden der wilden Frauen hatten sich schließlich wieder in die dunklen Wälder von Ramo und Kajos zurückgezogen, ein Spur der Verwüstung hinter sich zurücklassend.

Graf Ingor war davon überzeugt, dass die Horden der Barbarinnen immer wieder ins Land einfallen würden, wenn man ihnen keinen massiven Widerstand entgegensetzte. Doch dazu waren die freiwilligen Bürgerwehren und die Stadtwachen der delemanischen Städte allein nicht in der Lage.

Also sandte Graf Ingor einen Boten zur Schutenburg, wo Graf Rakene, der Kommandeur des 'Delemakorps' sein Hauptquartier hatte, um diesen zu bitten, ihm Hilfe zu senden.

Der Bote kehrte jedoch nach vier Tagen nach Berema zurück, nur um zu berichten, dass Graf Rakene keine Soldaten entsenden konnte, da er die Grenztruppen nicht schwächen wollte.

Der Kommandeur des Delemakorps empfahl dem Statthalter, sich direkt an die Lords zu wenden und diese um Entsendung von Truppen zu bitten.

Letzteres hörte Ingor nur sehr ungern. Hatte er auch den Lords den Treueid geschworen, so fühlte er sich dennoch als Delemaner und nicht als Lippier, auch wenn seine Heimat inzwischen nicht mehr als eine lippische Provinz war.

Ihm wäre es weit lieber gewesen, wenn es Delemaner gewesen wären, die gegen die Barbarinnen vorgingen, als dass lippische Soldaten diese Arbeit verrichteten. Trotz seiner gründlichen Schulung in den Tempeln von Uman war Graf Ingor ein Delemaner geblieben, und er konnte nicht leugnen, dass er noch immer ein gutes Stück nationalen Stolzes in sich trug, der sich ein freies, unabhängiges Delema herbeisehnte, das weder von Lippiern noch von Hambonen beherrscht wurde.

Aber Delema war kein souveränes Land mehr, es war ein geteiltes Land, das die beiden mächtigsten Reiche Eropans unter sich aufgeteilt hatten.

Und so blieb Ingor nichts anderes übrig, als sich an Lord Rikard von Schwanenwehr zu wenden, dem er als Statthalter von Lippisch-Delema unterstand.

 

 

Unwillig hob Rikard den Kopf, als es an die Tür seines Schlafgemaches klopfte.

"Wer ist dort?'

"Ich bin es, mein Lord, Ritter  Artos."

"Und was wollt Ihr?" rief der Lord, während er sich sanft aber bestimmt aus den Armen  Rikanas befreite.

"Der Statthalter der delemanischen Provinz, Graf Ingor von Berema, wartet im Audienzraum auf Euch", erklärte der Ritter, "Er sagt, dass er ein sehr dringliches und ernstes Anliegen vorzubringen habe."

"Dieser lästige Kerl,"brummte Rikard verstimmt, während er in seine Kleidung schlüpfte,"der sollte sich eine Gefährtin suchen, dann wüsste er, dass es Zeiten gibt, zu denen ein Mann ungestört sein will."

"Was soll ich dem Grafen ausrichten?" fragte Artos hinter der Tür, der froh war, dass der Lord sein Grinsen nicht sehen konnte.

"Er soll sich gedulden bis ich komme."

"Ich werd's ihm sagen," antwortete der Ritter und eilte schnellen Schrittes davon.

Währenddessen kleidete sich der Lord vollends an, gürtete seinen Säbel und strich sich flüchtig durch das kurze, dunkelblonde Haar, um es aus der Stirne zu wischen.

"Lass' den Grafen doch warten," gurrte Rikana, während sie sich auf verführerische Weise auf dem mit weichen Fellen ausgelegten Bett räkelte, aber er  zuckte bedauernd die Schultern.

"Tut mir leid, meine Teuerste, aber mich rufen die Pflichten eines Lords. Ich werde jedoch nicht lange fortbleiben - hoffe ich."

Er eilte hinaus zum Audienzzimmer, wo Graf Ingor schon wie auf glühenden Kohlen saß.

"Was führt Euch nach Schwanenwehr, werter Graf?" fragte Rikard den Wartenden.

"Ich wünschte, ich wäre aus angenehmeren Gründen hier, mein Lord", sprach der Graf, "doch leider bin ich gekommen, Euch Schlimmes zu berichten und um Eure Hilfe zu ersuchen."

"Dann muss es wirklich eine ernste Angelegenheit sein," meinte der Lord mit leisem Spott, "Denn was sollte Euch sonst trotz Eures delemanischen Nationalstolzes dazu bringen, einen lippischen Lord um Hilfe zu bitten."

"Würdet Ihr uns Delemanern mehr bewaffnete Streitkräfte zugestehen und uns Kanonen geben, so stände ich nicht hier, um Eure Hilfe zu erbitten", erwiderte der Graf trotzig, "Das Delemakorps unter Graf Rakene ist gerade stark genug, um die Grenze nach Hambonia zu sichern, aber es kann nicht einen Mann entbehren, um auch Gefahren an anderer Stelle zu begegnen."

"Dafür sind auch die lippischen Truppen zuständig und nicht das Delemakorps", winkte der Lord unwirsch ab, "Die Ordnungsmacht des lippischen Reiches sind die Soldaten Lippias, sonst niemand, denn Lippisch-Delema ist eine lippische Provinz, und ihr Delemaner solltet die letzten sein, die Grund hätten, sich darüber zu beklagen."

"Warum sollen wir für alle Zeiten von Lippia abhängig bleiben?" entrüstete sich Graf Ingor, "Was spricht dagegen, dass Delema eines Tages wieder eine souveräne Nation sein wird."

"Das delemanische Land westlich der WESSE ist jetzt lippisches Land und steht unter lippischer Herrschaft!!" fuhr Rikard den Grafen zornig an, "Gebt Euch endlich zufrieden damit, dass Ihr Euer Land selbst verwalten und bewirtschaften könnt, ohne dass ein fremder Statthalter eingesetzt wird. Bisher seid Ihr recht gut damit gefahren, denn die Schulen, Straßen, Armen- und Krankenhäuser wurden zum größten Teil aus Lippias Reichskasse bezahlt. Unter König Urbans Herrschaft ist es Delema weit schlechter ergangen. Also gebt endlich Ruhe und sagt mir, was Euch hergeführt hat."

Rikards schroffe Worte verletzten den Grafen tief in seinem Stolz, doch er wusste, dass er machtlos gegen den Lord war und schluckte eine ihm auf der Zunge liegende scharfe Erwiderung herunter. Ihm war bekannt, wie leicht reizbar Lord Rikard war, seit er den Dämonenkeim in sich trug. Außerdem hatte der Lippier recht, denn die Bürger von Lippisch-Delema hatten keinen Grund, sich über ihre lippischen Herrscher zu beklagen. So verdrängte Graf Ingor seinen Ärger und berichtete, was bei Olda geschehen war.

Als er geendet hatte, wandte sich Lord Rikard an Ritter Artos, der schweigend zugehört hatte und sprach: "Sendet einen Boten nach Berema. Die dort stationierte 14. und 15.Tasion soll sich sofort nach Kajos in Marsch setzen. Einen weiteren Boten schickt nach Gandor. Von dort soll die 16. und 17.Tasion nach Ramo marschieren. Übersendet den befehlenden Tribunen die Weisung, in die Wälder von Kajos und Ramo einzudringen und alle Barbarinnen gefangenzunehmen oder niederzumachen, wenn sie sich nicht ergeben wollen. Sobald dies getan ist, sollen sie mir Nachricht geben, ob die wilden Frauen niedergeworfen sind. Dann werde ich mit einer Letasion leichter Kavallerie nachkommen und die Länder Kajos und Ramo in Besitz nehmen. Notfalls lasse ich die Wälder niederbrennen. Dann dürfte der dauernde Ärger mit den Barbarinnen ein für allemal beendet sein."

 

 

Callion und Borun, zwei junge Männer aus Olda, waren aus der Stadt geritten, nachdem die Horden der Barbarinnen davongezogen waren. Sie wollten nachsehen, wie sehr die Felder um die Stadt herum verwüstet waren, um es ihren Familien zu berichten, denen ein großer Landteil gehörte. Als sie die Felder erreichten, konnten sie das Ausmaß der Verwüstungen erst richtig erkennen.

"Bei allen Schemen des Schattenreiches," stöhnte Borun, "Diese Barbarinnen haben ja gewütet wie Dämonen. Sie haben die ganze Ernte niedergetrampelt."

"Ja," murmelte Callion düster, "Von der Stadt her sah es nicht so schlimm aus. Unsere Familien werden entsetzt sein."

"Wollen wir heimreiten und es ihnen sagen?" fragte Borun, während er zur hinter ihnen liegenden Stadt zeigte.

"Hast du ein so großes Verlangen danach?"

"Eigentlich nicht, denn es ist wahrlich keine freudige Botschaft. Die ganze Arbeit ist nun völlig vergebens gewesen. Zu Hause werden sie uns die Ohren volljammern."

"Hast du die Barbarinnen schon mal aus der Nähe gesehen?" fragte Callion plötzlich unvermittelt.

"Nein, nur aus der Ferne. Warum fragst du?"

"Sie sollen wahre Schönheiten sein, und es heißt, dass sie halbnackt herumlaufen. Ich würde zu gern mal eine aus der Nähe betrachten."

Borun grinste, als er den verklärten Gesichtsausdruck seines Freundes bemerkte.

"Ich weiß schon, woran du denkst," lachte er, "aber mit den Barbarinnen soll nicht zu spaßen sein. Sie sollen Männer zu Sklaven machen und sie schlechter als ihre Haustiere behandeln. Du weißt ja, dass sie schon einige junge Männer in ihre Wälder verschleppt haben. Und von denen ist nie einer zurückgekehrt."

"Ach was," meinte Callion, "Die Leute übertreiben doch immer. Ich möchte trotzdem mal eine aus der Nähe sehen. Wir könnten doch mal bis zur Waldgrenze reiten und uns dort umsehen. Bis zum Abend werden wir sicher wieder zurück sein."

"Und wenn sie uns überfallen?" gab Borun zu bedenken.

"Wir brauchen ja nicht in den Wald hineinzureiten," winkte Callion ab, "Außerdem haben wir schnelle Pferde, mit denen wir ihnen jederzeit davonreiten können. Komm' schon mit oder hast du etwa Angst?"

Das wollte Borun natürlich nicht auf sich sitzen lassen und so gab er schließlich nach. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und ritten im Galopp auf das Waldgebiet der Halbinsel Ramo zu.....

 

Sie bekamen die Kriegerinnen schneller zu Gesicht als ihnen lieb war. Denn kaum hatten sie die Waldgrenze erreicht, da wurden sie bereits von vier Barbarinnen überfallen. Ehe sich's Borun versah, schlang sich eine Wurfschlinge um seinen Leib, schnürte ihm die Arme an den Körper und riss ihn aus dem Sattel.

Callion hatte zunächst mehr Glück. Die ihm zugedachte Wurfschlinge verfehlte ihn, er riss sein Kurzschwert aus der Scheide, um Borun zu Hilfe zu kommen, auf den sich bereits zwei der Kriegerinnen geworfen hatten und ihn mit geschickter Schnelligkeit fesselten. Aber Callion konnte seinem Freund nicht mehr helfen, denn ein Pfeil bohrte sich mit einem dumpfen Schlag in seine Brust - er war tot, noch bevor er auf den Boden schlug.

Die Barbarinnen fingen die beiden Pferde ein und nahmen die Waffen der beiden Jünglinge an sich. Den Leichnam Callions ließen sie achtlos liegen, während sie den gefesselten Borun trotz seiner verzweifelten Gegenwehr quer über den Rücken seines eigenen Pferdes warfen und mit ihm in der Dämmerung ihres Waldreiches verschwanden.....

Im Dorf der Kriegerinnen angekommen, zerrten ihn die Frauen vom Pferd, rissen ihm kurzerhand die Kleidung trotz seines lauten Protestgeschrei's vom Leibe und banden ihn nackt an einen Pfahl in der Mitte des Dorfplatzes, wo sich die Bewohner, ausnahmslos Frauen und Mädchen, versammelten, um den neuen Fang des Jagdtrupps zu begutachten. Die eindeutigen Blicke der Barbarinnen und ihre obzönen Bemerkungen trieben dem jungen Mann die Schamröte ins Gesicht, was die Umstehenden mit lautem Gelächter quittierten.

Schließlich erschien die Dorfherrin, die ihn eingehend wie ein Stück Vieh begutachtete und dabei seine Muskeln wie auch seine Genitalien prüfend befühlte. Als er dagegen zu protestieren begann, schlug sie ihm kurzerhand mit einer kleinen Peitsche auf die Oberschenkel, dass der brennende Schmerz ihn augenblicklich zum Schweigen brachte.

"Ein guter Fang, Iminia," sprach sie zu der Anführerin des Trupps, der ihn gefangen hatte, "Er wird ein guter Lustsklave werden, denn er ist jung und kräftig. Doch ich verlange ihn für die erste Nacht für mich, dann soll er dir gehören."

Was dies zu bedeuten hatte, begriff Borun erst, als man ihn in das Haus der Dorfherrin brachte, dort auf ein mit Fellen ausgelegtes Lager niederzwang, wo er, auf dem Rücken liegend, mit Armen und Beinen an hölzerne Pfosten gebunden wurde, die tief in den Boden eingeschlagen waren. Erst jetzt wurde ihm klar, was sie mit ihm vorhatten, denn ganz offensichtlich wollte die Dorfherrin ihn in der kommenden Nacht für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse gebrauchen. Borun wurde es angst und bange ob dieser Aussichten, denn die Dorfherrin war eine recht schwergewichtige, kräftige Frau, die zwar nicht alt war, deren Schönheit aber eher der eines wilden Bullen glich. Als er verzweifelt zu schreien begann, brachte man ihn mit einem Knebel zum Schweigen......

 

 

Während Graf Ingor zu seiner Residenz in Berema zurückkehrte, marschierten viertausend Infanteriesoldaten der 14. bis 17.Tasion zu den Grenzen der Halbinseln Kajos und Ramo, wo die wilden Barbarinnen ihr Unwesen trieben. Wie es Lord Rikard befohlen hatte, drangen die Truppen in die dunklen Wälder ein, trafen auf die ersten Gruppen der Kriegerinnen und trieben die überraschten Amazonen zunächst wie gehetztes Wild vor sich her.

Aber kaum hatten sich die lippischen Tausendschaften tiefer in das unübersichtliche Waldgebiet hineingewagt, da wurden sie unaufhörlich von den wilden Frauen in wütenden Überfällen aus dem Hinterhalt bedrängt, so dass sie nicht mehr zur Ruhe kamen.

Jene Truppen, die nach Ramo einmarschiert waren, wurden dort in tückisches Sumpfgebiet gelockt, durch das es nur einen einzigen gangbaren Pfad gab. Kaum hatte sich die 16. und 17.Tasion auf diesen Weg begeben, da versperrten die Kriegerinnen die schmalen und leicht zu verteidigenden Zugänge vor und hinter den Lippiern, so dass diese im Sumpf gefangen waren.

Unter den Soldaten, denen das Sumpfklima nicht bekam, brachen die ersten Krankheiten aus und schwächten sie derart, dass sie die Attacken der Amazonen nur noch mit Mühe abwehren konnten. Mit einem verzweifelten Ausbruchsversuch gelang es den kommandierenden Tribunen schließlich, mit nur knapp elfhundert Soldaten aus dem tückischen Sumpfgebiet zu entkommen. Mehr als vierhundert Männer starben im Sumpf, die übrigen - fast eine halbe Tausendschaft - wurden verwundet und von den Barbarinnen gefangengenommen. Ihnen stand das erniedrigende Los der Sklaverei bevor.

Während das Unternehmen in Ramo mit einem fürchterlichen Debakel für die Lippier endete, blieben die zwei in Kajos eingedrungenen Tasionen glücklicherweise von diesem Schicksal verschont. Aber auch der 14. und 15.Tasion war keinerlei Erfolg beschieden. Die Kajoserinnen hatten listige und kundige Druidinnen, welche große Feuer aus geheimnisvollen Kräutern entfachten, die einen stinkenden, giftigen Qualm erzeugten und es den Lippiern unmöglich machten, weiter in den kajosischen Dschungel einzudringen. Wie sich die Barbarinnen selbst vor dem giftigen Rauch schützten, blieb den Lippiern ein Rätsel. Sie wurden von immer neuen Attacken der Kriegerinnen, die jetzt alle Vorteile auf ihrer Seite hatten, Stück für Stück zurückgetrieben, bis sie wieder lippisch-delemanisches Gebiet erreichten, wo das Waldgebiet der Kriegerinnen endete.

Resignierend sandten die kommandierenden Tribüne Kuriere nach Schwanenwehr, um Lord Rikard über das völlige Misslingen des Feldzuges zu informieren.

 

 

"Das darf doch nicht wahr sein!" brüllte Rikard ohne jede Beherrschung, "Wie können denn viertausend gut bewaffnete und kampferprobte Soldaten von einigen hundert wilden und undisziplinierten Weibern besiegt werden? Mir scheint, dass ich neue Tribune für meine Tasionen brauche, und ich überlege, ob nicht einige Köpfe rollen sollten!"

Ritter Bukor von Friedburg, der zur Zeit auf Schwanenwehr weilte, wartete den Wutausbruch Rikards geduldig ab, bevor er sprach: "Beruhigt Euch, mein Lord, noch sind wir nicht am Ende mit   unseren Möglichkeiten. Ihr wäret kein lippischer Lord, wenn Ihr schon jetzt keinen Rat mehr wüsstet. Oder sollte ich mich in Euch täuschen?"

"Ja, Ihr habt recht, mein Freund", murmelte Rikard ernüchtert, "Verzeiht, dass ich mich gehen ließ, denn das ist eines Lords unwürdig. Aber seitdem ich den Jarchaks Keim in mir trage, befinde ich mich im ständigen Kampfe mit mir selbst. Seht mir also meine Unbeherrschtheit nach, Ritter. Lasst uns die Lage überdenken und beraten, was wir sonst noch gegen diese Amazonen unternehmen können. Ruft meine Offiziere zusammen, denn vielleicht ist einer unter ihnen, der einen guten Vorschlag zu unterbreiten hat."

 

 

"Meine Herren", sprach Rikard am nächsten Morgen zu den Rittern Bukor und Artos und den versammelten Tribunen seiner Kavallerie, "Bislang hat niemand meiner Offiziere einen vernünftigen Vorschlag machen können, wie den wilden Frauen von Ramo und Kajos beizukommen ist. Doch gestern abend sprach ich mit einem unserer Jagdaufseher, und dieser machte mich darauf aufmerksam, dass wir hier in Schwanenwehr eine große Zahl von Wolfshunden in den Zwingern haben, die sich durchaus auch für die Menschenjagd eignen. Und ich denke mir, dass wir diese Wolfshunde auch gegen die Kriegerinnen einsetzen können."

"Was nutzen uns die Hunde in den Wäldern," warf Ritter Bukor ein, "wenn wir ihnen mit unseren Soldaten doch nicht zu folgen vermögen."

"Ich habe nicht vor, diese Amazonen nochmals in ihren schützenden Wäldern anzugreifen," erklärte Rikard, "Nein, die Hunde sollen es ihnen nur unmöglich machen, sich wieder in den Schutz ihrer Wälder zurückzuziehen, wenn es uns gelingt, sie dort herauszulocken."

"Wie sollen wir das zustande bringen?" fragte der Tibun Maeel, während er in nervtötender Manier die Gelenke seiner Finger knacken ließ.

"Ich werde dem Grafen von Berema befehlen," erklärte der Lord, "einen reich beladenen Wagenzug von Wilhema nach Olda ziehen zu lassen, so dass er nahe an der kajosischen Grenze vorbeikommt und den wilden Frauen den Schein willkommener Beute bietet. Sollten sich die Kriegerinnen nicht sofort zu einem Überfall verleiten lassen, so soll wiederum ein neuer Wagenzug von Olda nach Wilhema fahren. Wir werden dieses Spiel solange spielen, bis der Wagenzug endlich von den Frauen überfallen wird. Natürlich wird der Wagenzug so groß sein, dass es schon einer großen Zahl von Kriegerinnen bedarf, ihn zu überfallen. Und damit locken wir vielleicht den gesamten kajosischen Stamm aus den Wäldern heraus. Bei den Wagen werden sich schnelle Reiter befinden, die sich beim ersten Anzeichen eines Überfalls absetzen und uns alarmieren. Wir werden uns mit vier vollen Letasionen (Tausendschaften der leichten Reiterei) in Olda in Bereitschaft halten. Sobald wir alarmiert werden, hetzen wir die Wolfhunde zur Waldgrenze von Kajos und lassen sie die Kriegerinnen jagen, während wir dem Wagenzug zu Hilfe kommen. Sobald wir die Kajoserinnen erledigt haben, werden wir auf ähnliche Weise auch gegen die Ramoerinnen vorgehen. Sollte uns jedoch diese List nicht gelingen, wird uns nichts anderes übrigbleiben als die Wälder von Kajos und Ramo niederzubrennen."

 

 

Kaum hatte der Befehl des Lords den Grafen Ingor von Berema erreicht, reiste dieser unverzüglich nach Wilhema, wobei ihm unterwegs die Reste der 14. bis 17.Tasion entgegenkamen, die geschlagen in ihre Kastelle zurückkehrten.

In Wilhema angelangt, ließ der Graf einen großen Wagenzug zusammenstellen, der mit allerlei Tand beladen wurde, so dass es den Anschein erweckte, die Wagen wurden Fracht von beträchtlichem Wert befördern. Hundert Freiwillige sollten die Wagen als Bedeckung begleiten, die Ingor in den Schänken und Tavernen anwerben ließ, damit sie den Wagenzug gegen gutes Entgelt als Schutzmannschaft begleiteten.

Der Anführer dieses bunt zusammengewürfelten Haufens war ein lippischer Abenteurer namens Corius, der das Brandzeichen der "Schwarzen Wölfe" auf seinem Arm trug.

Graf Ingor bat diesen Mann zu sich, um ihn in das Vorhaben einzuweihen.

"Glaubt Ihr," fragte er den Abenteurer, "dass Eure Schar einen mehrfach überlegenen Feind für die Dauer eines halben Tages oder auch länger standhalten kann?"

"Das will ich wohl meinen," lachte Corius, "denn allein vierzig von ihnen gehörten zur Besatzung eines spadaloischen Kaperschiffes, dessen Kapitän ich war, bis es von hambonischen Kriegsschiffen versenkt wurde. Die Männer meiner Mannschaft verstehen zu kämpfen wie leibhaftige Teufel, und die übrigen scheinen mir auch keine Angsthasen zu sein. Macht Euch keine Sorgen, Graf. Wir werden diese Amazonen schon lange genug beschäftigen, bis die lippischen Reiter eintreffen. Allein die Aussicht auf ein gutes Sümmchen Goldmünzen wird die Männer schon zu guten Kämpfern machen. Ihr könnt Euch auf uns verlassen."

"Das ist gut zu wissen," meinte  Ingor, "Hoffentlich gelingt Rikards Plan, denn es wird allerhöchste Zeit, dass den wilden Frauen endlich das Handwerk gelegt wird."

 

 

Die Laune von Corius und die seiner Männer war bereits auf dem tiefsten Punkt angelangt.

Sie fuhren nun  schon das siebte Mal mit dem Wagenzug zwischen Wilhema und Olda hin und her, und bislang hatte sich nicht eine einzige der Kriegerinnen auch nur von ferne sehen lassen.

Missmutig dachte Corius an die dreißig Goldtaler, die ihm und jedem seiner Männer als zusätzliches Entgelt beim Gelingen ihrer Mission versprochen worden waren. Zur Zeit sah jedoch alles danach aus, als würden sie sich dieses kleine Vermögen niemals verdienen können.

"Auf diese Amazonen ist einfach kein Verlass," schimpfte Corius, während er den Horizont in der Hoffnung absuchte, doch noch einen Spähtrupp der Kriegerinnen zu entdecken.

Sie hatten eine Rast eingelegt und die Wagen zu einem Kreis zusammengefahren.

Corius sah den Fremden auf sich zukommen, der den Wagenzug von Anfang an begleitet hatte. Er wusste, dass dieser Mann der oberste Schreiber Lippias war, der hier wohl Eindrücke für eine historische Niederschrift sammeln wollte. Der Name dieses seltsamen Fremdlings war Klasus und es hieß, dass er aus einer anderen Welt jenseits der Sterne stamme, was Corius aber nicht so recht zu glauben vermochte. Corius hatte eigentlich nichts gegen Klasus, aber allmählich wurde ihm dieser Mann mit seiner Neugier und seiner ewigen Fragerei lästig, so dass er eine Unterhaltung mit dem Schreiber möglichst zu vermeiden suchte. Aber diesmal gab es für Corius keine Möglichkeit, dem Schreiber auszuweichen und so bereitete er sich resignierend darauf vor, gleich mit einer Unzahl von neugierigen Fragen überschüttet zu werden.

"Ich grüße Euch, Freisöldner," sprach Klasus ihn an, "und wünsche Euch ein langes Leben und eine schnelle Klinge."

"Seid auch Ihr gegrüßt, Klasus, und auch Euch sei die schnelle Klinge gewünscht, obgleich mir die Eurige mehr einem Bratspieß als einem Schwert zu gleichen scheint."

Corius machte sich wieder einmal über den leichten Degen des Schreibers lustig, der im allgemeinen als Waffe von Frauen oder auch Höflingen galt und deshalb von Kriegern nicht oder nur als Zweitwaffe getragen wurde. Klasus aber scherte sich nur wenig darum; er hatte sich mittlerweile einige recht ansehnliche Fähigkeiten in der Kunst des Degenfechtens angeeignet, so dass ihm die Spöttelei nur wenig ausmachte. Denn auch die schmale Klinge eines Degens war so tödlich wie die eines Breitschwertes, wenn man damit umzugehen wusste.

"Was führt Euch zu mir, werter Klasus?" fragte Corius.

"Eigentlich kein besonderer Grund. Ich wollte mich nur ein wenig mit Euch unterhalten, um die Zeit etwas schneller vergehen zu lassen."

("Das kenne ich,") dachte Corius im Stillen und wappnete sich bereits auf die zu erwartende Fragerei des Schreibers.

"Wisst Ihr eigentlich," begann Klasus, "dass ich auf dieser Welt immer wieder auf Dinge stoße, die rätselhafte Ähnlichkeiten mit denen meiner Heimatwelt auf weisen?"

"Woher sollte ich das wissen?" brummte Corius, "Ich weiß ja nicht einmal, woher Ihr gekommen seid. dass Ihr auf einer anderen Welt geboren wurdet, kann ich Euch einfach nicht glauben."

"Ich weiß," lächelte Klasus, "Es ist ja auch sehr schwer zu glauben, und machmal meine ich selbst nur zu träumen. Aber was mich immer wieder verwundert, ist der Umstand, dass Eure Welt den Eindruck erweckt, als wäre sie eine jüngere Schwester der meinigen. Die Städte hier tragen Namen, die den Städtenamen auf meiner Welt sehr ähnlich klingen, sogar die Bezeichnungen der Flüsse gleichen denen auf meiner Welt. Nur die Namen der Länder und Völker sind völlig unterschiedlich, wogegen die Kontinente wiederum ähnliche Bezeichnungen haben wie die auf meiner Welt. Und darum glaube ich, dass es zwischen der Erde und Fatom irgendeine Verbindung geben muss. Ich würde zu gerne herausfinden, welcherart diese ist."

"Ich wünsche Euch dabei viel Erfolg," brummte Corius gleichmütig, der eigentlich kaum etwas von dem verstanden hatte, was Klasus gesagt hatte.

" Alarm !"

Ihre Unterhaltung wurde jäh vom gellenden Schrei der Wachen unterbrochen.

"Die Kriegerinnen kommen!"

Im Nu rannten die Männer zu den Wagen, dabei ihre Waffen an sich reißend, um den Angriff abzuwehren.

"Die Kuriere sollen sofort losreiten!" brüllte Corius, worauf zwei Männer behende auf ihre Pferde sprangen, um Augenblicke später nach Süden davonzupreschen, zu den wartenden Letasionen in Olda.

Sie kamen gerade noch weg, bevor die Horden der kriegerischen Frauen den Wagenzug erreichten und einkreisten.

 

 

"Es geht los! Letasionen aufgesessen! In Fünferreihen vorwärts!"

Donnernd galoppierten die Tausendschaften der leichten Kavallerie aus den Toren von Olda hinaus. Und neben den Pferden der ersten Hundertschaft hetzten die großen Wolfhunde dahin.

Der angegriffene Wagenzug befand sich nur eine knappe Reitstunde von Olda entfernt; die Kriegerinnen durften es nicht mehr schaffen, sich rechtzeitig in ihre Wälder zurückzuziehen, bevor die lippische Reiterei zu sehen bekamen.

Während die erste und zweite Letasion direkt auf den umkämpften Wagenzug zuhielten, schwenkten die anderen Kavallerie-Tausendschaften mit den Hunden nach Nordwesten ab, um den Kriegerinnen den Rückweg in ihre Wälder abzuschneiden.

Die Reiter holten aus ihren Pferden das Letzte heraus, dabei Ersatzpferde mit sich führend, die sie für den Kampf gegen die Kriegerinnen brauchen würden.

 

Corius und seine Männer fochten wie leibhaftige Teufel gegen die Kriegerinnen, die mit schrillen Kampfschreien gegen die Wagenburg anrannten, und trieben die Amazonen wieder und wieder mit dichten Pfeilsalven zurück. Offenbar standen die wilden Frauen unter dem Einfluss einer die Angriffslust steigernden Droge, so dass sie immer wieder neu gegen die Wagenburg anstürmten und deren Verteidiger ihrerseits mit einem Regen aus Pfeilen und Speeren überschütteten. Schon bald gab es auch unter Corius' Mannen arge Verluste und es sah ganz danach aus, als würden sie sich nicht allzu lange gegen die wilden Frauen behaupten können.

"Bei den Dämonen von Luma," fluchte Corius, "Diese Weiber verstehen zu kämpfen wie schlachterprobte Haudegen. Wenn Rikards Reiterei nicht bald hier eintrifft, werden sie uns allesamt in Stücke hacken."

"He, Corius!" rief da einer der Männer, die auf den Wagen standen, um von dort aus ihre Pfeile auf die Angreiferinnen abzuschießen, "Schaut mal nach Süden. Die Weiber bekommen Verstärkung!"

"Oh, verdammt!" entfuhr es dem Abenteurer, "Das sieht nicht gut für uns aus. Jetzt werden sie uns überrennen."

"Nein, seht doch!" rief da Klasus voller Verblüffung, "Die zweite Horde greift die anderen an! Jetzt verstehe ich gar nichts mehr."

"Aber ich," rief Corius voller Erleichterung, "Das sind Kriegerinnen aus Ramo, wogegen die erste Horde aus Kajos stammt. Ihre Stämme sind miteinander verfeindet, und jetzt streiten sie sich um die Beute. Damit gewinnen wir Zeit."

"Auf meiner Welt gibt es ein Sprichwort," meinte Klasus grinsend, "Und es lautet: Verkaufe  das  Fell des Bären nicht, bevor du ihn erlegt hast."

"Recht habt Ihr, Meister der Feder," lachte Corius, wobei er Klasus kräftig auf die Schulter schlug, dass dieser fast zu Boden ging, "Und wir werden auch dafür sorgen, dass sie unser Fell nicht so leicht bekommen."

 

 

Gorliane, die Königin von Kajos, welche den Überfall auf den Wagenzug höchstpersönlich anführte, tobte voller Zorn, als sie der verhassten Rivalinnen aus Ramo ansichtig wurde.

"Macht diese ramoischen Hündinnen nieder!" befahl sie ihren Kriegerinnen, "Um die Manntiere bei den Wagen kümmern wir uns später. Sie können uns ohnehin nicht entkommen."

Und so wandten sich die Kajoserinnen von der belagerten Wagenburg ab und machten Front gegen die anrückenden Ramoerinnen.

Kurz darauf begann eine Schlacht zwischen den Amazonen, deren Anblick den Männern des Wagenzuges kalte Schauer über den Rücken trieb. Erst jetzt konnten sie sehen, welches Waffengeschick die Frauen im Nahkampf besaßen, denn die Amazonen handhabten ihre Schwerter und Dolche mit einer solchen Schnelligkeit und Präzision, dass sie es leicht mit den besten Fechtern ganz Eropans hätten aufnehmen können.

"Bei den Göttern!" entfuhr es Corius, "Wir können froh sein, dass wir mit denen noch nicht in den Nahkampf geraten sind. Was ihnen an Körperkraft fehlt, machen sie allemal durch Schnelligkeit und Gewandtheit wett. Wenn es ihnen gelungen wäre, in die Wagenburg einzudringen, würde keiner von uns noch leben."

"Holla!" brüllte da einer der Männer auf der anderen Seite der Wagenburg, "Da kommt Lord Rikard mit seinen Reitern! Wir haben's überstanden!"

 

 

"Die Barbarinnen bekämpfen sich untereinander!" meldeten die Kundschafter dem Lord von Schwanenwehr, "Es handelt sich um zwei verschiedene Stämme, die sich jetzt um den Wagenzug streiten."

"Das kommt uns gerade recht," lachte Rikard, "Ist den Amazonen der Rückzug versperrt?"

"Die beiden anderen Letasionen befinden sich bereits westlich des Wagenzuges und nähern sich jetzt den Kriegerinnen. Und die Rudelführer sind mit den Wolfshunden auf dem Weg zur ramoischen Grenze, um den Frauen jegliche Möglichkeit zu nehmen, in ihre Wälder zu entfliehen. Sie sitzen in der Falle."

"Gut," brummte der Lord, "Das lasst uns diesen Amazonen die Suppe gehörig versalzen. Blast zum Angriff!"

Hornsignale ertönten hell, dann schwärmten die Reiter aus und näherten sich dem Kampfplatz. Kurz darauf waren die Kriegerinnen aus Ramo und Kajos eingeschlossen von lippischer Kavallerie, deren Herannahen sie in der Hitze des Gefechtes viel zu spät bemerkt hatten.

Im Nu herrschte Verwirrung unter den Kriegerinnen, als sie von den Reitern angegriffen wurden, die mit Rennlanzen, Säbeln und Wurfbeilen auf sie losgingen. Aber die wilden Frauen waren gute Kämpferinnen und so erholten sie sich recht schnell von dem ersten Schrecken und machten gemeinsam Front gegen die neue Bedrohung.

Es gelang ihnen, die erste Attacke der Reiter zurückzuschlagen, die sich daraufhin zurückzogen und sich in einem weiten Kreis um die beiden Horden der Frauen neu formierten.

 

 

"Königin, wir sind von Feinden umgeben! Die Reiter haben uns eingekreist. Wir können uns nicht mehr in die Wälder zurückziehen. Jetzt sitzen wir zusammen mit den ramoischen Hündinnen in der Falle!"

"Die Manntiere sind schlimmere Feinde als die Ramoerinnen," knirschte Gorliane zornbebend, "Wir müssen uns mit ihnen zusammenschließen, um den Tiermenschen zu zeigen, wie Kriegerinnen zu kämpfen verstehen. Sagt den Ramoerinnen, dass wir unsere Fehde mit ihnen beilegen wollen, solange wir gegen die Tiere kämpfen müssen."

"Schaut, Königin!" rief eine andere Kriegerin, "Dort kommt ein einzelner Reiter!"

"Vielleicht will er uns zur Übergabe bewegen, weil die Tiere zu feige sind, offen gegen uns anzutreten. Doch ich will mir anhören, was dieser Halbmensch mir zu sagen hat."

Mit stolz erhobenem Haupt schritt die Königin von Kajos dem Reiter entgegen, der kein anderer als Lord Rikard selbst war.

Der Lord sprang vom Pferd, als sich die Frau bis auf fünf Schritte genähert hatte und dort abwartend stehenblieb. Dann standen sie sich gegenüber und starrten einander feindselig an.

"Was willst du von mir, Manntier?" fragte sie herausfordernd.

Rikard antwortete nicht sogleich; sein Blick wanderte über ihre erstaunlich feingewebte Kleidung, die jedoch nur den Unterleib verhüllte und ihre wohlgeformten Brüste unbedeckt ließ, die seinen Blick förmlich anzogen.

("Zum Teufel",) dachte er im stillen, ("Sie ist eine verdammt schöne Frau. Schade, dass sie mein Feind ist.")

So zwang er sich, nicht zu offensichtlich auf ihre körperlichen Reize zu starren und sprach: "Ihr befindet Euch auf lippischem Herrschaftsgebiet und habt gegen unsere Gesetze verstoßen. Ihr seid in räuberischer Absicht hergekommen, obgleich unsere Völker keinen Hader miteinander hatten. Und darum seid Ihr und Eure Gefährtinnen nicht mehr als gemeine Wegelagerer, die meiner Gerichtsbarkeit unterstehen. Ich fordere von Euch, dass Ihr Eure Waffen niederlegt und Euch meinem Urteil unterwerft."

"Das könnte dir so passen!" rief Gorliane erbost, "Nur eine Frau hat das Recht, von Frauen Rechenschaft zu fordern. Manntiere sind nur Sklaven, die einer Frau zu dienen haben. Ich lasse mir von einem Tier keine Befehle geben."

"Auch Tiere können mächtig sein", grinste Rikard und wies mit der Rechten auf die wartenden Kavalleristen, "Auch wenn Ihr noch so erhaben über uns Männer zu sein glaubt, so wird Euch diese Ansicht nicht davor bewahren, von uns getötet zu werden. Ergebt Euch und unterwerft Euch der Herrschaft des lippischen Reiches. Dann werden wir Euch mit gebührender Achtung behandeln. Andernfalls jedoch werden viele Eurer Kriegerinnen den morgigen Tag nicht mehr erleben."

"Dreckiges Tier!" fauchte sie ihn hasserfüllt an, "Eher will ich sterben, als da ich mich einem Mann unterwerfe."

"Ihr wollt Euch also nicht ergeben?" fragte er kalt, "Dann bereitet Euch auf den Tod vor, Kriegerin."

Gemächlich drehte er sich um und schritt gemessenen Schrittes zu seinem Reittier.

 

 

In Wellen zu jeweils zwei Hundertschaften griffen die lippischen Reiter den dichtgedrängten Pulk der Kriegerinnen an, die ihnen mit gesenkten Lanzen und Pfeilschüssen entgegentraten.

Die ersten Angriffswellen warfen Bolas in die dichten Rotten der Frauen, deren lange Riemen viele von ihnen zu Fall brachten.

Bolas waren etwa zehn Schritt lange Riemen aus Ochsensehne, an deren Enden jeweils drei Eisenkugeln hingen. Schleuderte man die Riemen gegen einen Gegner, so wickelten sie sich, getrieben vom Schwung der Eisenkugeln, um dessen Leib und brachten ihn zu Fall, wobei sie ihm zumeist auch Arme und Beine einschnürten. Geübte Werfer konnten ihre Gegner mit der Bola so gut treffen, dass diese sich nicht mehr zu rühren vermochten und geraume Zeit brauchten, um sich von den nahezu unzerreißbaren Riemen zu befreien, die zudem noch recht schmerzhaft in ungeschütztes Fleisch schnitten.

Bei den Barbarinnen, die zumeist halbnackt waren, hatten die Bolas eine verheerende Wirkung. Sie wickelten sich blitzschnell um ihre Körper und schnitten ihnen tief in die Haut, umschlangen dabei Arme und Beine wie lebende Schlangen und machten sie nahezu wehrlos gegen die angreifenden Reiter.

Als dann die nächste Welle der Lippier mit einem Pfeilhagel angriff, lag die Hälfte der Frauen bereits am Boden und mühte sich verzweifelt, sich von den Bola-Riemen zu befreien. Einige der noch kampffähigen Frauen fielen den Pfeilen zum Opfer, noch bevor eine weitere Welle der Reiter aus Schwanenwehr mit Wurfbeilen angriff. Die Kriegerinnen, die sich den Angreifern noch entgegenstellen konnten, wurden von den Wurfbeilen förmlich hinweggefegt. Unter dem wuchtigen Aufprall der Äxte zerbrachen die leichten Schilde der Frauen wie morsches Holz. Die wenigen, die diesem tückischen Angriff dennoch standhielten, wurden von Reitern mit eingelegten Rennlanzen regelrecht überrannt. Jetzt sprangen die Kavalleristen aus den Sätteln und kämpften mit den Säbeln die  Frauen nieder, denen es gelungen war, sich von den Bolas zu befreien. Die noch immer von den Bolas behinderten Kriegerinnen waren den Lippiern wehrlos ausgeliefert, blitzschnell wurden sie entwaffnet und gefangengenommen. Doch die noch kampffähigen Barbarinnen wehrten sich bis zuletzt und weigerten sich beharrlich, sich zu ergeben. Dutzende lippischer Soldaten fielen noch ihren schnellen Klingen zum Opfer, bis auch die letzte von ihnen ihr Leben aushauchte.

 

Die gefangenen Amazonen, unter ihnen auch die kajosische Königin Gorliane, wurden mit langen Seilen an die Sättel der Reiter gebunden, so dass sie hinter den Pferden herlaufen mussten.

"Die Arbeit ist getan," sprach der Lord mit zynischem Lächeln zu seinen Tribunen, "Lasst uns nach Schwanenwehr zurückkehren. Die Leute vom Wagenzug sollen unsere Verwundeten mitnehmen und die Toten begraben. Die Gefangenen mögen laufen, bis ihnen die Füße bluten. Erst in Schwanenwehr sollen sie zu essen und zu trinken bekommen."

 

In langer Reihe trabten die Reiter von Schwanenwehr nach Süden davon, die Gefangenen hinter sich her zerrend, welche mehr als zweihundert Kriegerinnen zählten.

 

 

In der Festung angekommen, ließ Rikard die Frauen in die Festungskerker sperren, wo sie Wasser und Nahrung erhielten. Die Königin Gorliane aber ließ er an einen Pfahl in der Mitte des inneren Festungshofes binden, wo sie gedemütigt und entwürdigt die Nacht verbringen musste.

Manche Soldaten verspürten Mitleid mit der Frau, und ein barmherziger Stallbursche versuchte ihr in der Nacht etwas Wein und Brot zu geben, wobei er aber von der Wache gefasst wurde.

Am Tage darauf wurde er an einen zweiten Pfahl gebunden und vor ihren Augen ausgepeitscht, während der Lord dem Geschehen mit unbeweglicher Miene zusah. Er wollte den Willen der Herrin von Kajos brechen, die sich noch immer beharrlich weigerte, sich lippischer Herrschaft zu unterwerfen.

 

Ritter Bukor, der Freund des Lords, hatte ihn um Gnade für die kajosische Königin gebeten, doch Rikard hatte das Gnadengesuch des Ritters schroff abgewiesen und diesem die Weisung erteilt, zusammen mit seiner freien Gefährtin Rikana nach Friedburg heimzukehren.

Als sich Bukor verabschiedete, sprach er leise zu seinem Lord: "Euer Tun ist eines Lord und Ehrenmannes unwürdig, Rikard. Ihr scheint hart und unverletzlich zu sein, doch Euer Handeln zeigt mir, wie schwach Ihr in Eurem Inneren seid. Der Dämonenkeim in Eurem Geist beginnt wieder stark zu werden. Habt Ihr denn wirklich nicht mehr die innere Stärke, diesem bösen Einfluss zu widerstehen und ihn in seine Grenzen zu weisen? Ist Euer Wille dem Keim des Dämonen so weit unterlegen, dass Ihr Euch ihm unterwerfen wollt? Ich bete zu den Göttern, dass Euer Wille am Ende stärker ist als der Einfluss des Dämonenkeims. Lebt wohl, mein Lord."

Bukor wandte sich ab und stieg in den Sattel, um kurz darauf zusammen mit Rikana aus der Festung hinauszureiten.

Der Lord schaute ihnen betroffen nach, denn die Worte seiner Freundes hatten ihn zutiefst getroffen.

 

 

Inzwischen auf Burg Akaze:

"Was soll denn nun mit Lord Gregor geschehen?" stellte Albertin die heikle Frage, als er mit den Lords Berthon und Manot beim Weine zusammensaß, "Er ist nun schon seit mehr als einem Jahr in Festungshaft auf Mont-Abur. Ich meine, wir sollten damit ein Ende machen."

"Sollen wir ihn etwa hinrichten?" brummte Manot mürrisch, "Wer von uns soll ihn denn töten? Ihr wisst doch, dass die Hinrichtung eines Lords nur ungestraft durch die Hand eines Lords vollzogen werden darf."

"Wir konnten ihn auch freilassen", schlug Berthon vor, "und ihn nach Hellebona verbannen. Sein Verrat ist ja schließlich nicht zweifelsfrei bewiesen und ein Todesurteil wäre da doch etwas zu voreilig, nicht wahr?"

"Ich für meinen Teil bin der Ansicht," sprach Manot, "wir sollten Gregor aus der Festungshaft entlassen und auf seinen  Stammsitz, die Lippburg, zurückkehren lassen. Er soll zwar weiter seinen Titel behalten, doch seine Macht wird nicht weiter reichen als die Mauern seiner Burg. Seine ihm bisher anvertrauten Gebiete wird forthin der Ritter Manrath als lippischer Peer verwalten. Lord Gregor selbst aber soll keine Machtbefugnisse mehr besitzen. Auf diese Weise wird er außerhalb der Mauern seiner Burg keine Befehlsgewalt und keinen Einfluss mehr haben. Dann ist er keine Gefahr mehr für Lippia. Wie gefällt Euch diese Lösung?"

"Sie gefällt mir außerordentlich gut," nickte Albertin zustimmend, "So ersparen wir uns einen peinlichen Prozess und halten Gregor dennoch davon ab, noch einmal in die Geschicke des Reiche einzugreifen. Ich stimme diesem Vorschlag zu."

"Ich habe dem nichts beizufügen," meinte Berthon, "Auch ich befürworte diesen Vorschlag. Ich glaube nicht, dass Rikard etwas dagegen einzuwenden hat."

"Wir sollten ihn dennoch dazu befragen," sprach Albertin, "damit er sich nicht von uns in dieser Sache übergangen fühlt. Aber jetzt lasst uns den Wein genießen. Ich habe ihn erst gestern aus Kobali bekommen."

 

 

Zwei Tage lang hatte sie in der prallen Sonne stehen müssen; durstgepeinigt hatte sie nur salziges Wasser zu trinken bekommen, dass ihr die Schmerzen fast den Magen zerrissen, aber noch immer war ihr Wille ungebrochen.

"Soll sie noch länger diese Qual erdulden?" fragte Ritter Artos den Lord, der Gorliane inzwischen mit widerwilliger Bewunderung betrachtete, "Selbst in dieser aussichtslosen Lage zeigt sie große Tapferkeit und es widerstrebt mir, sie so zu demütigen."

"Sie zeigt wahrhaftig mehr Stärke als mancher Mann", murmelte Rikard, "Und mit Folter werden wir nur ihren Leib, nicht aber ihren Willen zerbrechen. Ich muss zugeben, dass ich sie bewundere und ich glaube, dass ich einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, indem ich sie so behandeln ließ. Bindet sie los und lasst ihre Wunden behandeln. Sagt den Mägden, sie sollen die Frau baden und ihr zu essen geben. Dann soll man ihr ein Gemach zur Verfügung stellen."

Erleichtert befahl Artos den Knechten, die kajosische Königin loszubinden und in die Frauengemächer zu tragen, wo sie der Obhut einer Wundheilerin und einiger Mägde übergeben wurde. Dann eilte der Ritter dem Lord nach, der grübelnd am Eingang des Hauptgebäudes stehengeblieben war.

"Sagt mir, was ich mit dieser Frau tun soll," sprach Rikard nachdenklich zu ihm, "Ich glaube, es wäre besser, wenn sie eine Verbündete des Reiches würde als sie hinzurichten oder hinter Kerkermauern verschwinden zu lassen."

"Vielleicht wäre Gorliane zu einem Bündnis bereit," meinte Artos, "Ihr müsstet ihr ein entsprechendes Angebot machen."

"Dazu ist es jetzt wohl zu spät," brummte Rikard missmutig, "Nun wird sie so voller Hass sein, dass eine friedliche Einigung schier unmöglich ist."

"Vielleicht solltet Ihr sie um Verzeihung bitten."

"Es ist zu spät und außerdem bittet ein Lord nicht die Feinde des Reiches um Verzeihung."

"Dann gestattet mir, mit ihr zu sprechen," bat der Ritter.

Der Lord sah ihn erstaunt an.

"Warum bemüht Ihr Euch so, Ritter?  Was liegt Euch an dieser Frau?"

"Verzeiht, mein Lord," murmelte der Ritter verlegen, "doch als ich die Frau sah, spürte ich nur allzu deutlich, dass ich nicht aus Stein bin. Es mag Euch belustigen, aber ich glaube, dass ich mein Herz an die Königin von Kajos verloren habe."

Über Rikards Züge huschte der Anflug eines Lächelns.

"Wer diese Frau gesehen hat, kann Euch das kaum verdenken," meinte er, "Aber ich glaube kaum, dass sie Eure Zuneigung erwidern wird, denn Ihr seid für sie ebenso ein Feind wie ich. Doch wenn Ihr wollt, dann geht zu ihr und macht ihr den Hof. Vielleicht wird sie dadurch uns gegenüber versöhnlicher gestimmt."

 

"Wachen, aufgepasst!" rief da einer der Posten auf dem nordwestlichen Außenturm, "Reitersmänner aus den Norden!"

 

Kurz darauf hielten die Berittenen vor dem Haupttor und begehrten Einlass. Es war niemand anderes als der Abenteurer Corius und einige seiner Gefährten, die eine gefesselte Barbarin mit sich führten.

"Ich bitte um eine Audienz mit Lord Rikard," sprach Corius zum Junker der Torwache, während er steif aus dem Sattel stieg, "Richtet ihm aus, dass ich einen wahrlich prächtigen Fang gemacht habe. Meine Gefangene dort ist Attumina, die Herrscherin von Ramo."

 

 

Grenzenloses Erstaunen malte sich in die Züge des Lords, als er die erstaunliche Nachricht vernahm, die Corius ihm überbrachte.

"Die Fürstin von Ramo ist gefangen von Eurer Hand?" fragte er, als könne er es kaum glauben, "Wie habt Ihr dieses Kunststück vollbracht, wo es zwei ganze Tasionen nicht schafften."

"Ich hatte sehr viel Glück, mein Lord," antwortete Corius lächelnd, "und ich verdanke es nur der unberechenbaren Göttin des Zufalls, und ihrem unergründbarem Spiel, dass ich die Fürstin fangen konnte. Doch ist es grad der Zufall, der das Leben eines Abenteurers wie mich in Bahnen lenkt, die mich manchmal selbst erstaunen."

"Erzählt, Corius," verlangte Rikard, während er sich in einem der gepolsterten Sitze niederließ, "Ich brenne vor Neugier, wie Euch das gelungen ist. Vielleicht kann ich von Euch noch lernen. Setzt Euch und erzählt von Eurem Gesellenstück."

Corius begann zu erzählen, während ein Diener ihm teuren und edlen Wein aus dem Rebenland Kobali einschenkte....

....Sie waren zu neunt aus Olda fortgeritten, nachdem sie ihre Belohnung für die Verteidigung des Wagenzuges abgeholt und bereits einen  Teil davon verzecht hatten. Sie hatten nebenbei erfahren, dass Graf Ingor auf die Ergreifung jeder noch freien Kriegerin ein Kopfgeld von jeweils zehn Silbertalern ausgesetzt hatte. Zehn Silbertaler waren für einen Mann schon ein hübscher Batzen - Abenteurer wie Corius und seine Kumpane waren die letzten, die sich ein solches Sümmchen entgehen ließen.

Da sie der ramoischen Grenze ohnehin recht nahe waren, ritten sie zur dortigen Waldgrenze, an der sie entlangstreiften, ohne sich jedoch in das Dickicht des ramoischen Waldgebietes zu begeben.

Dort, wo die Grenze Ramos' an das Meer stieß oder vielmehr an die Küste der Bucht von Ramo, richteten sie an günstiger Stelle ein kleines Lager her und ließen sich vorerst dort nieder.

Corius aber ritt allein einige hundert Pferdelängen auf ihrer eigenen Spur zurück, um den Waldrand noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen und vorsichtshalber ihre Spuren zu verwischen. Er vermutete, dass Späher der wilden Frauen den Reitertrupp längst gesehen hatten und vielleicht schon auf ihrer Fährte waren. So hielt sich Corius mit seinem Rappen auch möglichst im Schatten der Bäume und versuchte mit seinen Blicken das grüne Dickicht zu durchdringen.

In seiner Kleidung aus dunklem Leder war er im Schatten der turmhohen Baumriesen kaum auszumachen; ein scharfäugiger Beobachter hätte ihn allenfalls als dunklen Schemen sehen können.

Einige Male band er seinen Rappen an und drang zu Fuß ein Stück in das Dickicht ein, wobei seine Sinne aufs Äußerste gespannt waren, wusste er doch, dass die Barbarinnen äußerst geschickte Waldläuferinnen waren und sich tadellos im Gestrüpp zu verbergen und zu bewegen wussten. Aber bis zum Einbruch der Dämmerung konnte Corius nicht den Zipfel einer ramoischen Jagdgruppe entdecken, obwohl damit zu rechnen war, dass die Kriegerinnen jetzt besonders wachsam in der Nähe der Waldgrenze lauerten, da sie mit einem erneuten Einmarsch lippischer Truppen rechnen mussten.

Als Corius wieder im Sattel saß und langsam zum Lager zurückritt, glaubte er plötzlich zu spüren, von scharfen Augen beobachtet zu werden. Seine ausgeprägten Instinkte hatten ihn noch nie betrogen, was ihm schon manches Mal das Leben gerettet hatte. Also tat er so, als hätte er nichts bemerkt, doch aus den Augenwinkeln spähte er um so aufmerksamer in den Wald hinein.

DA ! Eine schlanke Gestalt huschte wie ein Phantom an einer Lücke im Unterholz vorbei und war innerhalb der Spanne eines Herzschlages wieder verschwunden. Damit hatte sich Corius' Vermutung bestätigt. Er wurde von Kriegerinnen beobachtet.

"Nun müsste ich nur noch wissen, wieviele es sind," murmelte er, gab seinem Ross die Sporen und galoppierte in Windeseile davon, zurück zum Lager seiner Gefährten, die er aufscheuchte und anwies, ihre Decken im Schein des Feuers so herzurichten, dass es aussah, als schliefen die Männer noch darin. Eine weitere Decke wurde um einen dicken Pfahl gehängt, der mit einem Helm gekrönt wurde, so dass es schien, als hocke dort ein vor sich hin dösender Wächter. Sodann verbargen sich fünf der Männer im Gebüsch rings um das Lager, den Feuerplatz scharf im Auge behaltend, wobei sie ihre Pfeile und Bögen bereithielten. Corius warf noch ein paar Scheite ins Feuer, damit es nicht zu schnell niederbrannte, und schlich dann mit den anderen dreien am Waldrand entlang nach Süden, von wo er die ihn verfolgenden Kriegerinnen erwartete. Etwa fünfzig Schritt vom Lager entfernt legten sich die vier auf die Lauer....

 

 

Auf Burg Akaze:

"Lord Gregor tor Lippia", sprach Lord Manot mit ernster Miene, "Wir haben Euch die Freiheit zurückgegeben, weil Ihr einer der Unsrigen seid und viel für das lippische Reich getan habt. Dies soll nicht vergessen werden Doch Ihr habt mit den Barbaren von Helleb einen Pakt geschlossen, der sich in unseren Augen gegen Lippia richtet. Dies ließ den Verdacht entstehen, dass Ihr Verrat plantet, wozu Ihr Euch der Hilfe der Hellebonen versichern wolltet. Nur Eure hohe Herkunft und Eure Stellung hat uns davon abgehalten, Euren Hals die Klinge des Henkers kosten zu lassen, obwohl wir dies durchaus in nahe Erwägung gezogen haben. Während Eurer Festungshaft haben wir lange über Euch und Euer künftiges Schicksal beraten und sind nun zu einem Entschluss gekommen. Von heute an seid Ihr all Eurer Ämter, all Eurer Macht und all Eurer Befugnisse enthoben. Ihr könnt forthin frei und ohne Zwang auf Eurem Stammsitz Lippburg leben und gehen wohin es Euch beliebt. Doch zu Kastellen und Festungen wird Euch forthin der Zugang verwehrt bleiben. Auch dürft Ihr den Titel "Lord tor Lippia" weiter als den Euren tragen Aber von nun an werdet Ihr keinerlei Macht, Gewalt noch Befugnis über Bürger des Reiches haben und dürft nur auf Eurer eigenen Burg Weisungen an die Euch verbleibende Dienerschaft erteilen. Weiter sind Euch Eure Regentschaftsgebiete genommen. Ritter Manrath, der Peer von Lippia, wird sie als Statthalter verwalten, bis Euch der Tod ereilt und ein neuer Lord in unseren Kreis aufgenommen werden kann, wie es uns das traditionelle Recht auferlegt. Geht hin, Lord Gregor, und lebt in Frieden. Die Geschicke Lippias werden in Zukunft ohne Euch gelenkt. So ist es geschrieben und verkündet, und so soll es geschehen."

Wortlos und zutiefst verbittert verließ Lord Gregor den Rittersaal, in dem das Urteil des Clans über ihn gesprochen worden war.

 

 

Corius sollte recht behalten mit seiner Annahme, dass die Barbarinnen ihm gefolgt waren.

Schattenhaft tauchten fünf dunkle Gestalten auf, die fast geräuschlos am Waldrand entlangschlichen, genau auf seiner Spur. Diese kriegerischen Frauen mussten Augen wie Katzen haben.

Corius und die drei mit ihm im Buschwerk verborgenen Männer hielten den Atem an und trauten sich nicht zu rühren, um die Kriegerinnen nicht vorzeitig zu warnen, denn jene waren gut bewaffnet und sahen auch beileibe nicht so aus, als würden sie nicht wissen, wie sie mit ihren Waffen umzugehen hatten. Die geschmeidigen, gleitenden Bewegungen der Frauen hatten etwas Animalisches an sich, das sie wie aufrecht gehende Raubkatzen erscheinen ließ; ihre Waffen verstärkten diesen Eindruck noch.

Einer der Männer keuchte unterdrückt, als er die heller schimmernden Brüste der Frauen sah, die drei von ihnen unbedeckt trugen. Aber ein heftiger Rippenstoß von Corius gemahnte ihn, dass auch das leiseste Geräusch sie verraten konnte.

Als die Frauen an ihnen vorbei waren, kamen die Jäger aus ihrem Versteck hervor und folgten ihnen behutsam.

Die Barbarinnen, an den Stammeszeichen in den Haaren und auf der Haut als Ramoerinnen erkennbar, duckten sich, als sie des Lagers ansichtig wurden, ließen sich geschmeidig zu Boden sinken und wanden sich wie Schlangen auf das Lager zu. Ihre Blicke waren auf die Decken gerichtet, unter denen sie die Lagernden friedlich schlafend vermuteten.

Die fünf Männer, die das Lager belauerten, erkannten die herangleitenden Kriegerinnen erst, als diese bereits in den Schein des Feuers gerieten. Auch Corius war mit den anderen jetzt im Rücken der Frauen; sie nahmen ihre Bögen zur Hand und legten Pfeile auf die Sehnen.

Plötzlich schnellten die Frauen vom Boden hoch, sprangen auf die vermeintlichen Schläfer zu und rissen die Decken weg, Äxte und Kurzschwerter schlagbereit erhoben, um im selben Augenblick zu erstarren, als sie die Täuschung erkannten. Schrille Wutschreie von sich gebend wirbelten sie herum, blitzartig erkennend, dass sie in eine Falle gelaufen waren.

Aber schon schnellten die Pfeile der Jäger von den Sehnen und bohrten sich in die ungeschützten Oberschenkel der Kriegerinnen. Wenige Herzschläge später sanken die Frauen bewusstlos zu Boden, denn die Pfeilspitzen waren mit dem lähmenden Gift der Samjuk-PfIanzen bestrichen worden.

Triumphierend sprang einer der Männer auf die niedergesunkene Anführerin des Trupps zu, die einen mit Edelsteinen geschmückten Stirnreif aus Silber trug. Aber die Frau war noch nicht ganz bewusstlos, denn als er seine Hand gierig nach der Kostbarkeit ausstreckte, traf ihn das kurze Schwert der Frau in den Leib und zerriss ihm die Gedärme. Gurgelnd schrie der Jäger auf, krümmte sich in unsagbarem Schmerz zusammen und stürzte neben der Frau dumpf zu Boden, wo er regungslos in verkrümmter Haltung liegenblieb. Die Anführerin des Trupps aber kam schwankend wieder auf die Beine, offenbar wirkte das Lähmgift bei ihr langsamer. Schon holte sie zum nächsten Hieb gegen den nächsten Jäger aus, da sprang Corius von hinten hinzu und ergriff ihren Schwertarm, um ihr die Waffe zu entwinden und sie mit einem Faustschag niederzustrecken.

Sie begruben die Leiche ihres Kameraden und banden die immer noch besinnungslosen Gefangenen auf die Packpferde, um sie so nach Olda zu bringen, wo sie das Kopfgeld zu kassieren gedachten.

Erst in Olda kam heraus, dass die Anführerin des gefangenen Trupps keine andere war als Attumina, die Fürstin der Stämme von Ramo.

Corius und seine Gefährten beschlossen daraufhin, sie nach Schwanenwehr zu bringen, wofür ihnen Lord Rikard sicher eine reiche Belohnung zuteil kommen lassen wurde.......

 

.......Corius endete mit seinem Bericht und schaute den Lord erwartungsvoll an, um zu hören, welche Belohnung dieser ihm und seinen Gefährten zu geben beabsichtigte.

"Recht habt Ihr getan, Freund Corius," rief der Lord heiter, "Ihr und jeder Eurer Gefährten sollt dreißig Goldtaler bekommen. Das ist mir diese Gefangene wert."

Der Abenteurer vernahm diese Worte höchst erfreut, denn dreißig Goldtaler waren für einen Mann ein hübscher Batzen Geld, von dem man eine gute Weile wie ein Fürst leben konnte.

 

 

Man hatte Attumina und Gorliane die Fesseln abgenommen und ins Gastgemach gebracht, wo Rikard mit ihnen verhandeln wollte.

Nun saßen sie sich gegenüber; auf der einen Seite die beiden Kriegerinnen, auf der anderen Lord Rikard und Ritter Artos.

Letzterer hatte Gorliane in den Tagen zuvor schon des öfteren in ihrem Gemach aufgesucht und auf Schwanenwehr ging das Gerücht um, dass diese Aufwartungen mehr als nur reine Höflichkeitsbesuche gewesen waren. Rikard, der genau wusste, dass dieses Gerücht durchaus der Wahrheit entsprach, hatte mit Erstaunen festgestellt, dass die zuvor so feindselig gesinnte Frau dem Ritter offensichtlich nicht geringe Zuneigung entgegenbrachte. War es möglich, dass diese stolze Amazone dem Werben eines Mannes erlegen war?

 

"Ich habe Euch hergebeten", begann der Lord nach der üblichen Begrüßung zu sprechen, "um mit Euch über eine friedliche Regelung zwischen Euren Ländern und dem Reich Lippia zu beraten. Ihr seid besiegt und in Gefangenschaft, und es liegt an Euch allein, ob Ihr diese Festung frei und ohne Fesseln wieder verlassen werdet. Lippia hat kein Interesse daran, Eure Volksstämme zu unterjochen, aber wir können es keinesfalls dulden, dass die unter unserem Schutz stehenden Gebiete Delemas durch die Raubzüge Eurer Kriegerinnen heimgesucht werden. Aus diesem Grunde biete ich Euch ein Abkommen an, das den Frieden zwischen Lippia und den Stämmen von Kajos und Ramo sichern soll."

"Wie lauten Eure Bedingungen?" fragte Attumina mit unverhohlenem Misstrauen.

"Zunächst einmal fordere ich, dass Eure Kriegerinnen keine Raubzüge mehr auf delemanischem oder lippischem Gebiet unternehmen. Und weiter fordere ich, dass die Stämme von Kajos und Ramo ihre Fehden nicht außerhalb der Grenzen Eurer Gebiete austragen, damit weder Delemaner noch Lippier in Eure Zwistigkeiten hineingezogen werden."

"Wir sollen Frieden halten mit den Hündinnen von Kajos?" rief Gorliane aufbrausend, "Das könnt Ihr nicht von uns verlangen!"

"Hah!" zischte da Attumina wütend, "Wir fürchten dich und deine feigen Schlangen nicht, Gorliane!"

"Haltet Frieden!" fuhr der Lord wütend dazwischen, "Ich frage mich, warum sich Eure Stämme in so erbitterter Feindschaft gegenüberstehen. Könntet Ihr mir vielleicht die Grunde dafür verraten?"

Es kam schließlich nach einigem Hin und Her heraus, dass die Kajoserinnen den Ramoerinnen vor geraumer Zeit eine große Anzahl männlicher Sklaven geraubt hatten, so dass der Fortbestand der ramoischen Stämme gefährdet gewesen war. Dies hatte zu unversöhnlicher Feindschaft zwischen den Stämmen der beiden Amazonenvölker geführt, die sich seither bekämpften, wo immer sich ihnen eine Gelegenheit dazu bot.

Richard musste lauthals lachen, als er dies vernahm. Auf die erboste Frage Attuminas, warum er darüber lache, antwortete er: "Wie unsinnig ist es doch, deshalb Krieg zu führen. Wenn Ihr den Fortbestand Eurer Stämme sichern wollt, so ladet doch freie Männer zu Euch als Eure Gäste ein. Es wird sicher genügend wackere Burschen geben, die Euch einen solchen Dienst gern erweisen, sofern sie nicht damit rechnen müssen, von Euch versklavt zu werden."

"Was?" fuhr Gorliane auf, "Wir sollen freie Manntiere in unsere Dörfer kommen lassen? Es würde nicht lange dauern, bis sie bewaffnet und in Scharen einfielen, um uns zu unterjochen."

"Ihr seid doch bislang sehr gut in der Lage gewesen, so etwas zu verhindern", meinte Ritter Artos, "Euer Kampfgeschick hat sogar unsere Truppen zurückgeschlagen. Da dürfte es Euch doch leichtfallen, unliebsame Besucher auch in Zukunft aus Euren Wäldern fernzuhalten. Und wen Ihr als Gäste empfangen wollt, könnt Ihr immer noch selbst entscheiden."

"Im übrigen könntet Ihr Euch zusätzlich auf lippische Schutzgarantien stützen", meinte der Lord, "denn wenn Ihr Euch mit unseren Bedingungen einverstanden erklärt, werde ich dafür sorgen, dass niemand es wagt, die Grenzen Eurer Länder ohne Euer Einverständnis zu überschreiten."

"In der Tat," murmelte Attumina nachdenklich, "Das ist ein Vorschlag, der zu überlegen wäre. Aber sind das alle Eure Bedingungen oder stellt Ihr noch weitere Forderungen?"

"Ihr vermutet richtig," antwortete der Lord, "denn ich verlange zudem, dass Ihr die gefangenen Soldaten unserer Truppen freilasst, denen Ihr so erfolgreich Widerstand geleistet habt."

"Und was ist mit den anderen Sklaven, die sich in unserer Hand befinden?" wollte Gorliane wissen.

"Eigentlich verbieten unsere Gesetze die Sklaverei," sprach Rikard, "aber da unsere Gesetze in Euren Gebieten nicht gelten, könnt Ihr alle Sklaven behalten, sofern sie nicht aus Lippia stammen. Aber ihr dürft forthin keine weiteren Männer mehr fangen und zu Sklaven machen."

"Auch keine Hambonen oder Männer aus dem Süden?" wollte Attumina wissen.

Grinsend antwortete der Lord: "Was Ihr mit hambonischen Gefangenen zu tun gedenkt, bleibt allein Eure Angelegenheit. Da Lippia und Hambonia verfeindete Nationen sind, werden wir uns sicher nicht darüber grämen, wenn es Euch gelingt, hambonische Schiffe zu kapern und ihre Besatzungen gefangenzunehmen, denn damit würdet Ihr uns sogar einen großen Gefallen erweisen. In diesem Zusammenhang hätte ich übrigens noch einen weiteren Vorschlag zu machen, der Euch sicher nicht ungelegen sein wird."

"Wie lautet dieser Vorschlag," verlangte Gorliane zu wissen.

"Nun", begann Rikard, "Ihr seid Kriegerinnen und beherrscht das Waffenhandwerk ebenso gut wie die besten unserer Soldaten. Und darum wäret Ihr sehr wertvolle Bundesgenossen des lippischen Reiches, das Eure Waffendienste in Zukunft sicher gut gebrauchen kann. Ich denke, dieser Vorschlag müsste nach Eurem Geschmack sein, denn damit hätten Eure Kriegerinnen reichlich Gelegenheit, ihr Waffengeschick unter Beweis zu stellen, wofür sie zudem gut belohnt würden."

"Das hört sich gut an," meinte Gorliane nachdenklich, "Aber werden wir damit nicht zu lippischen Vasallen herabgestuft?"

"Ihr wäret nicht Vasallen, sondern gleichgestellte Verbündete. Als solche könntet Ihr frei und ungehindert durch alle lippischen Gebiete reisen und Handel mit unseren Kaufleuten treiben, was Euren Wohlstand sicher vermehren dürfte."

"Ich habe Eure Vorschläge gehört", meinte Gorliane nach einer kurzen Pause, " doch ich verlange Bedenkzeit, damit ich das Für und Wider eines solchen Abkommens überdenken kann. Dazu muss ich mich jedoch mit den weisen Frauen meines Stammes beraten, von deren Zustimmung oder Ablehnung meine Entscheidung abhängt."

"Auch ich muss dies zuerst mit unseren Ältesten beraten," sprach Attumina", Doch ich kann Euch jetzt schon sagen, dass auch ich Bedingungen zu stellen gedenke, wenn die Druidinnen meines Volkes Eurem Vorschlag zustimmen."

"Gut," nickte Rikard zustimmend, "Ich werde Euch heimkehren lassen und auf Eure Entscheidung warten. Als Beweis dafür, dass Ihr dem lippischen Reich vertrauen könnt, werde ich auch Eure Kriegerinnen freilassen, damit sie mit Euch zu Euren Stämmen zurückkehren können. Allerdings werden Eure Waffen in unserem Gewahrsam verbleiben und meine Reiter werden Euch begleiten, bis Ihr die Grenzen Eurer Länder erreicht habt. So ist sichergestellt, dass Ihr auf dem Heimweg nicht wieder gegeneinander kämpfen könnt. Außerdem sorgen meine Reiter dafür, dass niemand Euch angreifen wird."

 

 

Die Herrscherinnen von Kajos und Ramo brauchten nicht länger als vier Tage, um ihre Entscheidung zu treffen. Als sie sich in der Stadt Olda zu einer weiteren Unterredung mit dem Lord von Schwanenwehr trafen, meldete sich zunächst Gorliane von Ramo zu Wort:

"Ich habe mir Euer Angebot reiflich überlegt und habe auch das Einverständnis unserer Ältesten. Daher bin zu dem Entschluss gelangt, es unter bestimmten Bedingungen anzunehmen."

"Wie lauten diese Bedingungen?" wollte Rikard wissen.

"Zunächst verlange ich, verlange ich, dass Lippia uns als künftige Verbündete mit tadellosen Waffen ausrüstet, damit wir ebenso gut gerüstet sind wie Eure Soldaten."

"Das ist nicht zuviel verlangt," meinte Rikard, "Wir werden Euch und Eure Stämme mit allen gewünschten Waffen ausstatten, nur Kanonen werden wir Euch nicht geben."

Gorliane lachte.

"Ich glaube kaum, dass meine Kriegerinnen viel mit diesen feuerspuckenden Metallrohren auf Rädern anzufangen wüssten. Aber ich habe noch eine weitere Forderung."

"Und welche ist das?"

"Ich begehre den Ritter Artos," sprach sie, "Darum verlange ich, dass er mich nach Ramo begleitet und dort in meinen Diensten verbleibt."

Rikard war für einen Moment etwas verblüfft über diese Forderung, doch dann lehnte er entschieden ab.

"Nein," winkte er ab, "diesen  Wunsch kann ich Euch nicht erfüllen, denn Artos ist ein Ritter der Magischen Rose und auf Lebenszeit dem lippischen Reich verpflichtet. Von diesem Treueid kann ihn nur der Tod oder die Verbannung befreien, es sei denn, er wäre selbst ein Lord des Reiches. Es gibt keine andere Möglichkeit, ihn von seinem ritterlichen Gelübde zu befreien. Hier endet meine Macht, denn auch ich bin an die Gesetze des Reiches gebunden."

"Das ist sehr enttäuschend," meinte sie, "Ich weiß nicht, ob unser Bündnis mit Lippia ohne Erfüllung dieser Bedingung geschlossen werden kann, denn nun fehlt der Beweis, dass ich Euch vertrauen kann."

"Ihr könntet Euch mit Ritter Artos in einer freien Gefährtenschaft verbinden", schlug der Lord vor, "Und wenn seine Pflichten dadurch nicht vernachlässigt werden, steht es ihm jederzeit frei, Euch in Ramo aufzusuchen. Genauso könntet Ihr jederzeit nach Schwanenwehr kommen, um Artos mit Eurer Anwesenheit zu erfreuen. Voraussetzung ist natürlich das Einverständnis von Ritter Artos. Wäre eine solche Lösung für Euch annehmbar?"

Gorliane dachte eine kurze Weile über diesen Vorschlag nach, dann gab sie ihre Zustimmung kund.

"Dann wären wir uns also einig?" fragte der Lord.

Gorliane nickte bejahend, worauf sich Rikard nun der Fürstin Attumina von Kajos zuwandte. "Und wie habt Ihr Euch entschieden?"

"Auch ich stimme einem Bündnis mit Lippia zu," antwortete diese, "Und auch wir Kajoserinnen wollen mit lippischen Waffen ausgerüstet werden. Doch zudem habe ich eine ähnliche Forderung wie die Herrscherin von Ramo."

"Oh nein," stöhnte der Lord, "Nicht noch so etwas!"

"Ein kleiner Unterschied besteht indes," fuhr Attumina fort, "denn die Erfüllung meiner Forderung hängt allein von Euch ab."

"Dann sagt mir, was Ihr wollt, Fürstin."

"Ich will eine sichere Garantie für unser Bündnis, Lord von Schwanenwehr," sprach sie, "Und es gibt keine engere Bindung als ein Kind vom eigenen Blute."

"Was!!?" Ungläubig starrte er sie an, "Ihr wollt ein Kind von mir? Ist das wahrlich Euer Ernst?"

"Es ist mein voller Ernst," erwiderte sie, "Ich will ein Kind, in dessen Adern das Blut eines lippischen Lords fließt und dem das Recht zugestanden wird, in die lippische Ritterschaft aufgenommen zu werden, solbald es erwachsen ist, sei es männlichen oder weiblichen Geschlechts. Eine Gefährtenschaft mit Euch liegt dabei allerdings nicht in meinem Interesse."

"Wie galant von Euch," murmelte der Lord mit leichter Ironie.

"Ohne Erfüllung dieser Forderung wird es kein Bündnis zwischen Kajos und Lippa geben," sprach Attumina entschlossen, "Es liegt also an Euch, dieses Bündnis zu ermöglichen."

Und lächelnd fuhr sie fort: "Außerdem bin ich sicher, dass Ihr es nicht bereuen werdet, wenn Ihr mit mir das Lager teilt."

 

Es dauerte eine Weile, bis Rikard seine Sprache wiedergefunden hatte. Doch angesichts des Umstandes, dass Attumina eine höchst attraktive Frau war, brauchte er nicht allzu lange, um sich zu entscheiden.....

 

 

Einige Wochen später auf Burg Akaze:

"Potzblitz!" rief Lord Albertin voller Ungläubigkeit, "Was erzählt Ihr uns da? Ritter Artos hat sich mit Gorliane von Ramo vermählt, und Attumina von Kajos will von Euch ein Kind als Bündnispfand? Das sollen wir Euch glauben?"

"Ihr mögt es glauben oder nicht," entgegnete Rikard, "doch es ist, wie ich es sage. Und außerdem sind die Frauen von Kajos und Ramo ganz erpicht darauf, Euch alle als Gäste zu empfangen."

"Hohoho!" lachte Manot lauthals, "Eine solche Fabelgeschichte hab' ich mein Lebtag lang noch nicht gehört. dass Kajos und Ramo nun Verbündete des Reiches sind, wollen wir Euch ja gern glauben, doch dass Ihr dafür mit der Herrscherin von Kajos das Lager teilen musstet, ist nicht gerade sehr glaubwürdig."

"Aber es ist die Wahrheit," beteuerte Rikard verärgert, "Geht doch selbst nach Kajos und überzeugt Euch von der Wahrheit meiner Worte."

"Flunkert nicht zuviel, Rikard," meinte Berthon augenzwinkernd, "sonst reiten wir wirklich dorthin und entlarven Euch als Schwindler."

"Kommt mit mir nach Kajos, dann werdet Ihr den Beweis für die Wahrheit meiner Worte erhalten," knurrte Rikard, der allmählich wütend über den Spott der anderen wurde.

Aber Manot, Berthon und Albertin brachen nur in schallendes Gelächter aus.

"Ich will verdammt sein, wenn ich nicht wahr spreche!" rief Rikard wütend, "Reitet nach Kajos, und Ihr findet den Beweis!"

"Ist das wahrhaftig Euer Ernst?" fragte Albertin kichernd.

"Ich wette mit Euch um mein gesamtes Vermögen, dass es die Wahrheit ist," gab Rikard zur Antwort, "Wollt Ihr diese Wette annehmen?"

Das gab den drei Lords nun doch zu denken, und so kam es, dass die lippischen Lord ein paar Tage später eine Reise in den Norden machten, um das Land der kajosischen und ramoischen Kriegerinnen zu besuchen.

Doch von den "Abenteuern", die sie dort erlebten, erfuhren nur wenige Eingeweihte etwas, und diese wussten darüber zu schweigen.

 

Neun Monde später jedoch gebar die Herrscherin von Kajos ein Mädchen. Und bald darauf wusste ganz Lippia, dass Lord Rikard eine kajosische Tochter hatte, die den Namen Carlysha trug....

 

ENDE

des sechsten Bandes.

 

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