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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

Auf dem Planeten FATOM,

einer Parallelwelt der Erde in einem anderen Universum,

besteht auf dem Kontinent Eropan das mächtige Reich LIPPIA.

Seine Herrscher, die fünf "Lords von Lippia",

wollen eine ganze Welt unter ihre Herrschaft zwingen.

Im Volksmund nennt man sie und ihre Ritterschaft den

CLAN  DER  LORDS.

Ihre Namen sind:

Lord Manot von Südlippia,

Lord Albertin von Delemund,

Lord Gregor tor Lippia,

Lord Rikard von Schwanenwehr

und Lord Berthon von Burg Makowe .

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Karte von Eropan

[größer]

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Band 5

 

Brennende See

 

um Donnerberg

 

 

Auf Eropan schrieb man das "Jahr der Vögel", das 112. Jahr seit Gründung des Reiches Lippia.

Die "Urbanischen Kriege" waren Vergangenheit und seit dem Konzil von Pador herrschte nun seit über zwei Jahren Frieden an allen Grenzen des Reiches.

Die Provinz Lippisch-Delema hatte sich weitestgehende Eigenständigkeit bewahren können; bis auf die leicht erträglichen Tribute an Lippia machte sich die Zugehörigkeit zum Reich der Lords für die Delemaner kaum bemerkbar. Graf Ingor von Berema, der nun seit zwei Jahren Regent von Lippisch-Delema war, hatte bewiesen, daß er für dieses Amt bestens geeignet war. Ohne seine Loyalität in Frage zu stellen, gelang es ihm, die Tribute durch geschickte Verhandlungen mit den Lords auf ein Mindestmaß zu verringern und den dadurch eingesparten Teil nutzbringend zum Bau von Schulen, Straßen, Schmieden und handwerklichen Stätten zu verwenden, wobei allerdings noch Unterstützung von lippischer Seite gebraucht wurde, die besonders gern von lippischen Händlern und Handwerkern gegeben wurde, machten diese doch dabei am Ende noch ein recht einträgliches Geschäft.

Lippisch-Delema wurde eine Provinz, die an Wohlstand und Kultur dem Reich kaum nachstand. Auch Graf Rakene, der General des "Delemakorps", einer Freiwilligenarmee von sechstausend Delemanern, wurde seinen Aufgaben in allen Dingen gerecht. Er residierte nun auf der Schutenburg, dem einstigen Domizil König Urbans. Seine Soldaten wurden nach lippischem Vorbild ausgebildet und geschult. So befehligte er schließlich zwei volle Tausendschaften gepanzerter Reiter, genannt Pantasionen, und vier Tausendschaften Fußsoldaten, Tasionen genannt, die ebenso gut bewaffnet waren wie lippische Pantasionen und Tasionen. Nur Kanonen besaß das Delemakorps nicht, denn die lippischen Lords wollten ihrer Bundestruppe keine derart schweren Waffen zubilligen, trotz des Drängens von Graf Rakene. So mußte sich das Delemakorps mit veralteten Katapulten und Ballisten zufriedengeben, die längst nicht die Schlagkraft einer Artillerie mit bronzenen Geschützen hatte.

Aber die Lords von Lippia waren der Ansicht, daß diese Bewaffnung für eine Grenzarmee vollauf genügte, zumal es an der WESSE keine Gefechte mehr gab, seit der Friedensvertrag mit den Hambonen auf dem Konzil von Pador unterzeichnet worden war.

Ost-Delema (Hambonisch-Delema) auf der anderen Flußseite wurde ebenfalls von einem delemanischen Regenten regiert, nämlich von König Urban, aber von seinen Landsleuten lebten dort nur noch sehr wenige. Die meisten waren nach Lippisch-Delema übergesiedelt, und die freigewordenen Gebiete wurden von hambonischen Neusiedlern bewirtschaftet, da die Hambonen das östliche Delema als ihr Reichsgebiet betrachteten und die WESSE als neue hambonische Reichsgrenze ansahen, die sie auch von hambonischen Truppen bewachen ließen, über die König Urban nur in sehr eingeschränktem Maße Befehlsgewalt hatte.

 

So sah es also im Norden Eropans aus, wahrend es im Süden dagegen bedrohlich zu gären und zu brodeln begann.

Das Land Romena wehrte sich nur noch schwach gegen eine Eingliederung in das große Südlandreich unter der Führung des Großkhans Arrios von Bayan. Seit zwei Monden war es dort auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen. Es war deutlich, daß Romena diesen Krieg nicht gewinnen konnte, denn im neuen Südlandreich waren bereits alle anderen Länder des südlichen Eropans vereinigt.

 

Aber dieses neue Südlandreich begann jetzt auch gegen die Südgrenzen des lippischen Reiches zu drängen. Es geschah in der letzten Zeit des öfteren, daß lippische Patrouillen im zerklüfteten Mont-Gebirge auf südländische Truppen stießen und sich mit diesen einige Gefechte lieferten. Meist geschah dies in der Mormigan-Schlucht südlich der Tyrsina-Barriere, durch welche die große Handelsstraße führte, also bereits auf dem Hoheitsgebiet des lippischen Reiches.

Die südländischen Eindringlinge verdankten ihr Leben meist nur dem Umstand, daß sie sich beim Anblick der schwerbewaffneten und kampferprobten Lippier schnellstens zurückzogen, denn diese gingen sofort zum Angriff über, sobald sie fremder Krieger auf lippischem Boden ansichtig wurden und töteten jeden Fremden, der nicht offen über die große Handelsstraße kam, welche den einzigen für Wagenzüge gangbaren Weg durch das Mont-Gebirge und über die Hochebene von Abur bildete und die direkt an der mächtigen Festung Mont-Abur vorbeiführte, die als die stärkste Landfestung der Lippier galt.

Einige vorwitzige südlandische Krieger waren den Lippiern bereits in die Hände gefallen, und nun schmückten ihre Schädel die Spitzen der Wegpfähle entlang der Straße, um jedem Nachahmer auf eindeutige Weise zu warnen. Natürlich hatte dieses rigorose Vorgehen der lippischen Soldaten böses Blut geschaffen, aber seitdem waren die Südländer vorsichtiger geworden, denn auf eine offene Auseinandersetzung mit dem mächtigen lippischen Reich waren sie nicht sehr erpicht.

Die Fürsten des Südens wußten nur zu genau, daß Lord Manot, der lippische Kriegslord und Regent der südlichen Gebiete, nur auf einen triftigen Grund lauerte, um mit seinen Truppen über das Mont-Gebirge zu kommen und den Süden völlig zu verwüsten.

 

So sah die politische Lage auf Eropan aus, aber während die Lippier wegen der dortigen Spannungen ihre Aufmerksamkeit immer mehr nach dem Süden richteten, entstand im friedlich scheinenden Norden eine viel ernstzunehmendere Gefahr.

 

 

In Hamborna, der Hauptstadt des hambonischen Reiche, waren die Könige Crishan und Harnok, desweiteren Seegraf Fenrir von Trave, Graf Cranos von Hammaburg, Baron Göros von Flotmor und Baron Borma von Dunnebor zusammenkommen, um eine Unternehmung zur See zu besprechen, die schon in Kürze beginnen sollte.

        "Ist unsere Kriegsflotte vorbereitet und zum Auslaufen bereit?" fragte Crishan den Seegrafen im Anschluß an die formellen Begrüßungen.

Der Befehlshaber der hambonisch-cromanische Kriegsflotte deutete eine kurze Verbeugung an, bevor er antwortete:

        "Gewiß, Euer Excellenz. Alle Schiffe sind beladen und kampfbereit. Zwei Kampfflotten mit jeweils vierzig Schiffen liegen im Hafen von Lübeka, während die anderen Flotten mit insgesamt achtzig Schiffe beim Dorfe Ene in der Mündung der ELEBE vor Anker liegen. Habt Ihr Euch nun doch endlich durchgerungen, Lippia noch in diesem Jahr von der See her anzugreifen?"

        "Ja, das habe ich," nickte Crishan, "Ich glaube, wir haben jetzt lange genug damit gewartet."

        "Aber haben wir nicht einen Vertrag unterzeichnet und damit geschworen, Frieden mit Lippia zu halten?" warf König Harnok ein.

        "Pah!" winkte Crishan verächtlich ab, "Dieser Vertrag ist uns aufgezwungen worden, weil wir uns in Pador in einer mißlichen Lage befanden. Wir hatten damals keine andere Wahl, denn nach der weichlichen Moral der Kamaraan-Abkömmlinge befanden wir uns im Unrecht nach dem Anschlag auf die Lords. Ganz davon abgesehen enthält der Vertrag nur unser Versprechen, daß wir Frieden halten an der Grenze von Hambonisch- und Lippisch-Delema, und damit ist ausschließlich der Fluß WESSE gemeint. Von einem Waffenstillstand zur See steht nichts in diesem Vertrag. Und so werden wir uns diese Unterlassung zunutze machen und den Lippiern von der See her einen empfindlichen Schlag versetzen, der vielleicht den Zusammenhalt und die Stabilität des lippischen Reiches derart erschüttert, daß die Macht der Lords erheblich ins Wanken gerät. Wenn dann der Süden endlich gegen Lippia antritt, wird Lippia unter dem Druck von Norden und Süden zusammenbrechen."

        "Aber welchen Sinn soll dieser Seekrieg haben?" fragte Graf Borma, während er sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken massierte, "Wir können niemals genügend Soldaten auf den Schiffen transportieren, um damit die stehenden Heere der Lords schlagen zu können. Jedes unserer Schiffe hat nur fünfzig Seekrieger an Bord, und damit hat die gesamte Flotte nur eine Kampfbesatzung von 8000 Kriegern, wenn man die Matrosen und Rudersklaven nicht mitzählt. Damit können wir die Lippier zwar zur See, nicht aber zu Lande bekämpfen. Lippias Macht jedoch ist hauptsächlich auf seine Stärke zu Lande zurückzuführen."

        "Die Flotte soll auch nicht zu Lande siegen, sondern auf dem Wasser," entgegnete Crishan, "Und trotzdem soll sie die Lippier auch zu Lande treffen. Sie soll in die Mündung des Flusses LIPPE einfahren und die dort nahe dem Ufer stehenden Stammburgen der Lords zerstören. Damit führen wir einen Dolchstoß mitten ins Herz des lippischen Reiches. Dann sollen die Schiffe weiter den Fluß hinanfahren und die Hauptstadt Stadt-Lippia selbst angreifen. Um das Herz ihres Reiches zu schützen, werden die Lippier alles daran setzen, die Schiffe von der Hauptstadt fernzuhalten. Damit werden die feindlichen Truppen an den Fluß gelockt, wohin sich dann auch das Hauptaugenmerk der Lords richten wird. Auf diese Weise wird der Norden entblößt, und nur das Delemakorps des Grafen Rakene wird uns dann noch an der WESSE gegenüberstehen. Wenn wir dann mit starken Truppen die WESSE überschreiten, hat diese Grenztruppe kaum Hoffnung, uns aufhalten zu können, da sie nicht mehr mit rechtzeitiger Verstärkung rechnen kann, wo doch die Lords durch die Bedrohung ihrer Hauptstadt abgelenkt sein werden. So können wir in kurzer Zeit ganz Lippisch-Delema besetzen, bevor die Lippier sich entschieden haben, gegen welche Bedrohung sie sich zuerst stellen sollen. Wenn ganz Delema aber erst in unserer Hand ist, sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn wir uns dort wieder hinausdrängen lassen."

        "Was ist jedoch, wenn uns das Delemakorps lange genug aufhalten kann, bis lippischer Entsatz aus den Festungen Delemund und Schwanenwehr eintrifft?" warf Borma ein.

Crishan lächelte.

        "Dieses sogenannte Delemakorps besteht nur aus lächerlichen sechstausend Soldaten, die nicht einmal über Kanonen verfügen. Wir werden sie mit unserer Übermacht einfach überrennen."

        "Wie aber erfahren wir hier im Norden, ob die Flotte auf der LIPPE erfolgreich war?" wollte Baron Göros wissen.

        "Durch Botenvögel, die auf den Schiffen mitgeführt werden," erwiderte der Hambonenkönig, "Diese Vögel brauchen nur drei oder vier Tage, um nach Kile zu gelangen und uns Kunde zu bringen, ob die Flotte in die LIPPE einfahren konnte. Erst dann können wir es wagen, Lippisch-Delema zu erobern."

        "Laßt auch mich etwas sagen, wenn ich schon die Flotte gegen Lippias Küste führen soll," meldete sich da Fenrir zu Wort, "Der Plan ist gut durchdacht, doch ihm steht ein gewaltiges Hindernis im Wege, nämlich die starke Seefestung Donnerberg, die auf einer kleinen Insel vor der LIPPE-Mündung steht. Ich weiß nicht, wie ich mit einer Flotte an diesem Bollwerk vorbeikommen soll, das genauso uneinnehmbar ist wie die Pirateninsel Helgona und über Geschütze verfügt, die unseren Schiffskanonen an Reichweite weit überlegen sind. Die Festung wird all unsere Schiffe mit ihren Kanonen in Fetzen schießen, sobald man unser ansichtig wird."

        "Das ist wahr," gab Crishan ihm recht, "Doch Ihr sollt Euch auch erst gar nicht auf einen Kampf mit dieser Festung einlassen. Es muß Euch gelingen, die Flotte unbemerkt in die LIPPE-Mündung zu steuern, ohne daß auch nur ein Wächter davon etwas bemerkt. Es müßte Euch gelingen, dieses im Schutze der Dunkelheit zu bewerkstelligen. Die Wachen der Lippier werden wohl kaum so wachsam sein wie in Kriegszeiten, zumal seit zwei Jahren Frieden herrscht und sie von der See her kaum einen Angriff erwarten. Wie Ihr dieses Gesellenstück vollbringt, überlasse ich Eurem vortrefflichen Geschick, edler Fenrir, und ich vertraue darauf, daß Ihr diese Aufgabe lösen werdet."

 

Fenrir verzog skeptisch das Gesicht, machte jedoch keinen weiteren Einwand, um nicht in den Augen der anderen als Zauderer zu gelten.

 

 

Kräftiger Wind blähte das große Segel der zweimastigen Barke aus Spadalo auf; das Meer war ruhig, das Schiff machte gute Fahrt und das Gesicht des feisten Kapitäns strahlte eitel Wonne und Zufriedenheit aus. Der Gorenstrom, eine stetige Strömung im Großen Meer, war bereits erreicht und trieb sie stetig nach Norden. Pfeifend stand der Steuermann am Ruder, das er lassig mit der Rechten hielt, während er in der Linken ein großes Stück Dörrfleisch hatte, von dem er hin und wieder einen guten Bissen zu sich nahm.

 

Corius lehnte steuerbords an der Reling und schaute gedankenverloren auf das Meer hinaus. Im Osten konnte er die lippische Küste als schmalen Streifen am Horizont erkennen. Er dachte an seine Zeit in Romena zurück, wo er dem Kaiser Govalsis Arm und Schwert als Hauptmann einer Söldnertruppe geliehen hatte. Aber Romena hatte sich nicht länger gegen die Übermacht der vereinigten Südlander unter dem Großkhan Arrios halten können. Kaiser Govalsis hatte sich nach zwei Jahren blutiger Grenzkämpfe dem Großkhan schließlich doch als Vasall unterworfen.

 

Für freie Söldner wie Corius hatte es danach keine Arbeit mehr gegeben. So hatte er sich im Hafen von Kamba eingeschifft, war durch die Meerenge von Luma bis nach Krezor gefahren, der großen Hafenstadt des Inselreiches Spadalo, wo er einen Mond lang als Leibgardist einer hochgestellten Dame gedient hatte. Doch dann hatte das Heimweh ihn gepackt, und er schiffte sich schließlich ein nach Ana, dem Hafen des Fürstentums Sali.

In Ana fand er einen Dreimastschoner, der nach Magaro segelte, dem größten lippischen Hafen, wo er endlich wieder heimatlichen Boden unter den Sohlen seiner abgenutzten Stiefel gespürt hatte. In Magaro verbrachte er wieder einige Wochen, in denen er von seiner reichen Söldnerbelohnung wie ein Fürst lebte und sämtliche Schenken, Kaschemmen und Hurenhäuser der Stadt unsicher machte. Auf diese Weise gingen seine Gold- und Silbertaler schnell zur Neige, zumal er einiges beim Würfelspiel verlor, und es wurde für ihn wieder Zeit, sich nach einem neuen Verdienst umzusehen. Da hörte er von einer spadaloischen Barke, deren Kapitän ins Nordmeer fahren wollte, um dort die großen Nordwale zu jagen. Der Kapitän suchte hierzu noch Harpuniere, und Corius hatte ihm daraufhin seinen Dienst angeboten.

Als er dem Kapitän eine Probe seines Könnens gab, er brauchte dafür die Harpune nur wie einen schweren Wurfspieß zu handhaben, ernannte dieser ihn sofort zu seinem ersten Harpunier. Tags darauf war die Barke mit Corius an Bord in See gestochen.....

 

Mit dem Fernrohr konnte der Kapitän die Türme der Hafenstadt Dorta erkennen, dachte jedoch nicht daran, dort einzulaufen; erst in Keleva wollte er vor Anker gehen und seine Vorräte ergänzen. So segelte die zweimastige, bauchig gebaute Barke weiter entlang der lippischen Küste nach Norden.

 

 

Die hambonischen Kriegsflotten trafen sich am Kap von Buron und segelten in nördlicher Richtung weiter aufs Meer hinaus, bis Fenrir sicher sein konnte, daß auch die Piraten von Helgona sie nicht zufällig sichten konnten. Denn nichts und niemand durfte von diesem Unternehmen etwas erfahren, zu groß war sonst die Gefahr, daß die Lippier vorzeitig von der anrückenden Flotte hörten, was praktisch das Scheitern des Unternehmens bedeutet hätte.

Die schlanken hambonischen Langschiffe kreuzten nun nördlich der delemanisch-lippischen Küste auf einer Entfernung von ungefähr zweitausend Schiffslängen, was in etwa einer "Wassermeile" entsprach. Schließlich steuerten sie die Landspitze von Kajos an und mußten die Segel raffen, da ihnen der Wind jetzt entgegenblies.

Die langen Ruder wurden ausgelegt, und die Sklaven legten sich in die Riemen, angetrieben vom dumpfen Klang der Schlagtrommeln und den Peitschen der Aufseher.

 

Seegraf Fenrir von Trave stand hochaufgerichtet auf dem Vorderdeck seines Flaggschiffes und starrte aus zusammengekniffenen Augen auf die See hinaus, deren Wellen sich leicht kräuselten und gegen den hochaufragenden Bug mit dem Drachenkopf schlugen, wo sie in hellschäumender Gischt brachen.

Besorgt spähte Fenrir gen Westen, wo sich eine dichte, dräuende Wolkenwand bildete, die grau und unheilverkündend wie ein schwebendes Gebirge am Himmel stand.

 

        "Diese Nacht wird es Sturm geben, Seegraf", hörte er hinter sich den Kapitän des Flaggschiffs mit Sorge in der Stimme sagen.

Der Seegraf drehte sich gemächlich um.

        "Ihr könntet recht haben, Kapitän," meinte er bedächtig, "Und ich mache mir nicht geringe Sorgen, daß unsere Flotte vom Sturm auseinandergerissen werden könnte. Wir müssen Schutz suchen und vor Anker gehen, denn wenn die Flotte zerstreut wird, kann es Tage dauern, bis wir uns wieder gesammelt haben."

        "Wir könnten in die Bucht von Ramo fahren und dort nahe der Küste ankern," schlug der Kapitän vor, "Dort sind wir vor dem Sturm geschützt."

        "Aber damit verlieren wir mindestens einen vollen Tag."

        "Aber Graf, es würde doch sicher länger dauern, wenn der Sturm die Flotte zerstreut. Gewiß würden wir dabei auch Schiffe verlieren. Was zählt dagegen ein verlorener Tag?"

        "Ganz so leicht sinken unsere nun doch nicht," brummte Fenrir, "Sie sind gebaut für die stürmische See. Dennoch gebe ich Euch recht, Kapitän. Setzt die Signalflaggen und gebt den anderen Kapitänen Bescheid, daß wir in der Bucht von Ramo vor Anker gehen, um dort den Sturm abzuwarten. Ich hoffe nur, daß uns niemand dort an der Küste sichtet."

        "Darum braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen," lachte der vierschrötige Kapitän, "Die Halbinseln Kajos und Ramo sind von dichtem Urwald bewachsen, worin nur halbwilde und kriegerische Barbarenfrauen hausen, die Männer als bösartige Tiere betrachten, obwohl dies wohl eher auf sie selbst zuträfe. Manchmal kommen sie in größeren Gruppen aus ihren Wäldern und unternehmen Raubzüge in Delema. Wenn sie einen Mann lebend in die Hände bekommen, vergewaltigen sie ihn bis zur  Erschöpfung, um ihn dann zu ihrem Sklaven zu machen oder einfach umzubringen. Mit denen möchte kein Mann zusammentreffen. Ich bin sicher, daß diese Barbarinnen die letzten sein werden, die den Lippiern etwas von uns erzählen, sofern sie uns überhaupt zu Gesicht bekommen."

        "Dann soll es mir recht sein," nickte Fenrir, "Also laßt uns in die Bucht hineinsegeln."

 

 

Die spadaloische Barke mit dem klangvollen Namen "Stern von Krezor" segelte majestätisch in den Hafen von Keleva ein und ging dort vor Anker.

Der Kapitän suchte sich ein paar Männer zum Beschaffen von Proviant und Gerät aus, befahl eine Deckwache und gab dem Rest der Mannschaft Landurlaub, was von den Seeleuten freudig begrüßt wurde.

Corius und die vier anderen Harpuniere des Schiffes, zwei Idaraner, ein Spadaloer und ein Salier, wanderten vergnügt und ausgelassen durch die engen Gassen des Hafenviertels und steuerten schließlich eine Spelunke an, deren farbige Außenfassade, zum Anlocken vergnügungssüchtiger Seeleute gedacht, recht vielversprechend aussah. In der Schänke  animierten hübsche und leichtgeschürzte Mädchen die Gäste zum Trinken und benahmen sich auch sonst nicht gerade prüde, was man schon an ihren sehr kurzen, togaähnlichen Seidenkleidchen sehen konnte, die weit mehr von ihren wohlgeformten Körpern zeigten als sie verbargen, was den Seeleuten natürlich keineswegs mißfiel. Einem solchen Ansturm weiblicher Reize war mancher der rauhen Seebären nicht gewachsen und konnte es sich nicht verkneifen, auch mal nach dem zu greifen, was sich da seinen Augen bot. Die Mädchen waren allerdings derlei "Liebkosungen" längst gewohnt und hatten meist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn ihre Verehrer dabei nicht zu grob waren. Schließlich konnten sie auf diese Weise manchen Gast dazu bewegen, einige Goldtalerchen mehr auszugeben als ursprünglich beabsichtigt gewesen war, wovon sie natürlich vom Wirt einen Anteil bekamen.

 

Corius und seine Begleiter setzten sich an einen der klobigen Tische und winkten eines der Schankmädchen herbei, damit es ihnen etwas zu trinken brachte. Erfreut stellte Corius fest, daß sie schnell bedient wurden und der angebotene Wein recht gut und wohlschmeckend war. Der Salier, der bisher nur in den Häfen des Südens gewesen war, wunderte sich über den guten Wein, war er es doch gewohnt, in Hafenschänken meist nur Gepanschtes vorgesetzt zu bekommen.

 

Corius klärte daraufhin seinen Schiffskameraden auf:

        "In Lippia ist es allen Schankwirten streng verboten, selbstgemischte Getränke auszuschenken. Wer gegen dieses Verbot verstößt, verliert für immer sein Schankrecht und sein gesamtes Hab und Gut dazu."

        "Und die lippischen Wirte halten sich wirklich an dieses Verbot?" fragte der Salier ungläubig.

        "Das ist besser für sie," meinte Corius, "denn in jeder Stadt gibt es Schankprüfer, die unerwartete Kontrollen machen, ohne sich dabei zu erkennen zu geben. Sobald sie einen Panscher ertappen, muß dieser seine Schänke sofort schließen und ohne Entschädigung an die Beauftragten des Stadtkommandanten übergeben. Die Schankerlaubnis bekommt dann ein anderer, der die Schänke entweder pachten oder dem Reich abkaufen kann. Da hüten sich die Wirte sehr wohl, denn die Schankprüfer kommen in den verschiedensten Verkleidungen und sind meist zuverlässige Männer, die kaum zu bestechen sind, weil sie regelmäßig zwischen den Städten ausgewechselt werden."

        "Jeder Mann ist bestechlich," widersprach der Salier grinsend.

        "Vielleicht," meinte Corius, "doch wer im Dienst des lippischen Reiches steht, wird ohnehin so gut dafür entlohnt, daß er keine Geldsorgen haben dürfte. Wer sich trotzdem bestechen läßt, büßt dies mit jahrelanger Kerkerhaft."

        "Aufgepasst!" zischte da der Spadaloer, "Rarule, der Kapitän des Seefalken. ist hier. Ich weiß, daß er auch auf Wahlfang gehen will und noch Leute für sein Schiff sucht. Dem ist es egal, ob er sie freiwillig oder gepreßt bekommt. Laßt euch bloß nicht mit dem ein!"

 

Verstohlen deutete er auf einen Mann am Nebentisch, einen Mann mit den Körpermaßen eines Bären, der dort mit mehreren Zechkumpanen saß. Doch irgendwie mußte der massige Kerl gemerkt haben, daß über ihn geredet wurde, denn plötzlich schaute er mit breitem Grinsen herüber.

 

        "He, Seemänner!" grölte er, "Was flüstert ihr da geheimnisvoll herum? Kommt her an unseren Tisch und trinkt mit uns!"

Die Harpuniere der "Stern von Krezor" aber lehnten die Einladung dankend ab.

        "He, ihr da, wollt ihr mich beleidigen?" grollte der Bärenkerl laut, "Kommt gefälligst herüber, wenn ich euch einlade."

 

Corius und seine Kameraden reagierten nicht darauf, denn sie wollten keinen Streit provozieren.

Da erhob sich der Kerl und stampfte auf Corius zu, der gerade seinen Kelch an die Lippen setzte. Rarule schlug ihm den Kelch weg, so daß Corius der Wein auf's Lederwams spritzte.

Aber da war er bei Corius gerade an den Richtigen geraten. Im selben Augenblick sprang der Abenteurer auf, schwang behende seinen Hocker und schmetterte diesen dem aufdringlichen Kapitän ins Gesicht. Der brüllte vor Schmerz und Wut laut auf und stürzte, von der Wucht des Schlages getrieben, polternd zu Boden, wo er verdutzt sitzenblieb und einige ausgeschlagene Zähne auf den Fußboden spuckte. Dann aber begann er wüste Flüche auszustoßen, rappelte sich schwerfällig vom schmutzigen Boden hoch und ging auf Corius los, die machtigen Arme dabei wie Dreschflegel schwingend. Der Lippier wußte, daß er diesen tobenden Koloss nicht mit Faustschlägen allein aufhalten konnte. Also sprang er blitzschnell zur Seite und stellte Rarule gekonnt ein Bein, daß dieser, vom eigenen Schwung getrieben, abermals auf den Boden krachte. Als sich der Hüne wieder aufrichten wollte, tänzelte Corius um ihn herum und versetzte ihm von hinten einen derben Tritt in den Allerwertesten, daß der Mann wieder der Länge nach hinschlug und dabei einen Tisch mit Gepolter und Geklirr umriss.

 

Einige der Gäste, die einen weiten Kreis um die beiden Kampfhähne gebildet hatten, begannen schadenfroh zu johlen. Sie hatten dem großmäuligen Rarule schon lange eine Abreibung gegönnt.

Mit zornrotem Gesicht kam Rarule endlich hoch, packte mit beiden Händen einen Tisch, den er mit seinen Bärenkräften hochriß und auf Corius schmetterte. Dem Abenteurer gelang es gerade noch, dem klobigen Geschoß zu entgehen, aber eine Kante knallte ihm schmerzhaft gegen die linke Schulter, daß es diesmal ihn zu Boden riß. Mit triumphierendem Geheul riß Rarule seinen breiten Krummsäbel aus der Scheide, um seinen Widersacher in Stücke zu hacken. Da packte der Salier einen Kelch und warf ihn dem Kapitän ins Gesicht, was diesen ablenkte und innehalten ließ, so daB Corius Zeit hatte, sich schnell wieder hochzurappeln und seine eigene Klinge blankzuziehen.

 

Wütend starrte Rarule die Männer der Stern von Krezor an, die mittlerweile alle aufgesprungen waren und ihre Waffen blankgezogen hatten.

        "Männer", rief Rarule jetzt seinen eigenen Leuten zu, "Macht diese Hunde fertig!"

 

Rarules Männer, sieben an der Zahl, zogen ihre Waffen und drangen mit wildem Geheul auf Corius' Gefährten ein, während ihr Kapitän auf Corius einschlug, der gekonnt mit dem eigenen Schwert parierte.

Jetzt mischten sich auch die anderen Gäste, fast alles Seefahrer, mit blanken Klingen in den Streit ein. Auch das schrille Kreischen der Mädchen und das jammernde Zetern des Wirtes konnte sie nicht davon abhalten, aufeinander loszugehen, einige auf Rarules, andere auf Corius' Seite.

Aber das Geschrei der Mädchen und der aus der Schänke tönende Lärm alamierte eine Hafenpatrouille, die schnell herbeieilte. Als die Stadtsoldaten in die Schänke stürmten, sahen sie das wilde Getümmel, worauf einer von ihnen sofort davonrannte, um Verstärkung zu holen. Die war auch erstaunlich schnell zur Stelle und schließlich stürmten fünfzig Soldaten in das Getümmel hinein, um die Streithähne dingfest zu machen. Wer sich nicht schnell genug aus dem Staube machen konnte, wurde ergriffen und gefesselt abgeführt.

Auch Corius wurde von den Soldaten ergriffen, allerdings erst, nachdem er Rarule die rechte Hand abgehackt hatte....

 

 

Ritter Gaiwan, der Stadtkommandant von Keleva, war außer sich vor Zorn. Seit Jahren hatte es in Keleva keine derartige Schänkenschlacht mehr gegeben, bei es sogar Tote und Schwerverletzte gegeben hatte.

Über eines freute sich der Ritter jedoch diebisch, denn den romenaischen Kaperkapitan Rarule hatte er schon lange dingfest machen wollen. Doch unter der ehrbaren Maskerade eines Walfängers war Rarule bisher sicher gewesen; niemand konnte ihm bislang seine Kaperfahrten nachweisen, jetzt aber konnte man Rarule wenigstens eine Zeitlang festsetzen. Als der Schänkenwirt verhört worden war, hatte man herausbekommen, daß Rarule der eigentliche Urheber des Kneipengemetzels gewesen war, als er einen lippischen Harpunier angegriffen und sogar zu töten versucht hatte. Das war eindeutig ein Mordversuch gewesen, den man mit Kerkerhaft bestrafen konnte.

Gaiwan war auf den lippischen Harpunier nicht wenig neugierig; vielleicht konnte er diesen für das Heer anwerben. So ließ er Corius zu sich bringen, um den Abenteurer selbst in Augenschein zu nehmen.

 

        "Nun, mein Freund," begann der Ritter, als besagter Corius vor ihm stand, "Wie kommt Ihr denn dazu, Euch in einer Schänke einen Kampf mit blanker Klinge zu liefern? Wißt Ihr nicht, daß Ihr dafür bestraft werden könnt?"

        "Ich wurde angegriffen, edler Ritter Gaiwan," erwiderte Corius, "Und als ehemaliger Reiter der 'Rikardschen Wölfe' laufe ich vor keinem einzelnen Mann davon, genausowenig wie sich ein Ritter ungestraft schlagen läßt."

        "Wenn Ihr wirklich einer der Reiter von Schwanenwehr gewesen seid," sprach der Ritter, "dann zeigt mir das Zeichen der 'Wölfe', das jeder von ihnen auf dem Arm gebrannt trägt."

 

Gleichmütig zog Corius den Ärmel seines roten Seidenhemdes hoch, so daß der Ritter den eingebrannten Wolfskopf sehen konnte.

        "Fürwahr," nickte Gaiwan, "Ich sehe, daß Ihr die Wahrheit sagt."

        "Und ich habe auch in den Reihen der 'Wö1fe' gefochten", sprach der Abenteurer stolz, "Ich kämpfte mit ihnen vor den Zinnen von Delemund und ritt im ersten urbanischen Krieg gegen die Piken der Delemaner auf dem Felde vor Delmoda. Ich war dabei, als die Festung Delmoda im zweiten Krieg erstürmt wurde, und ich kämpfte auch im dritten Krieg in der legendären Reiterschlacht bei Rotborn gegen die hambonische Kavallerie der 'Heidschnucken'."

        "Haben die 'Wölfe' diese Schlacht nicht verloren?" fragte der Ritter.

        "Gegen die leichte Reiterei der Hambonen allein hätten wir sicher den Sieg davongetragen, doch wir mußten am Ende der Übermacht der feindlichen Hauptarmeen weichen", antwortete Corius, der mit Unbehagen an den für die Lippier unglücklichen Ausgang der damaligen Reiterschlacht dachte.

        "Es ist Vergangenheit," meinte der Ritter, "Denken wir lieber an die Gegenwart. Ihr habt mir einen guten Dienst erwiesen, denn Ihr habt mir diesen Piraten Rarule ans Messer geliefert, und darum seid Ihr und Eure Kameraden frei und könnt gehen, wohin es Euch beliebt."

        "Ich danke Euch, Ritter," sprach Corius, während er sich höflich verneigte, "Wenn Ihr wieder einmal in Stadt-Lippia weilt, so richtet der Lady Aneta einen Gruß von ihrem einstigen Leibwächter aus."

        "Ich will Euch gern den Gefallen tun," meinte der Ritter, während er dem Abenteurer die Hand reichte, "auch wenn die Lady es wohl vorziehen mag, nicht mehr an Vergangenes erinnert zu werden. Denn wisset, sie hat sich von Lord Berthon getrennt und lebt nun mit Ritter Tangerus von Sosena zusammen."

        "Sei's drum. Richtet ihr trotzdem meinen Gruß aus. Und nun lebt wohl, Ritter Gaiwan, ich wünsche Euch ein Leben voller Freude."

 

Corius eilte davon, um seine Gefährten zu holen, mit denen er kurz darauf zur "Stern von Krezor" hastete, wo sich der Kapitän schon Sorgen um seine Harpuniere machte.

 

 

Der gewaltige Orkan hatte volle drei Tage lang mit solcher Kraft gewütet, daß die hambonischen Langschiffe selbst in der Bucht von Ramo mit schwerem Seegang zu kämpfen gehabt hatten.

Wehe dem armseligen Schiff, das dem Sturm auf offener See ausgeliefert war. Bei diesem Orkan wäre die Flotte wahrscheinlich auf der offenen See völlig zerschlagen worden.

Nun aber zog der Sturm nach Norden ab und der wolkenverhangene Himmel begann allmählich aufzuklaren. Hier und da drangen bereits die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken und tauchten das Wasser in einen goldenen Schimmer.

 

Fenrir ließ Flaggensignale zum Zeichen des Aufbruchs setzen.

Die schweren Anker wurden eingeholt; die langen Ruder ausgelegt, und im Klang der Takttrommeln legten sich die Rudersklaven ächzend in die Riemen, angetrieben von den Peitschen der Aufseher.

 

Die große Hambonenflotte steuerte aus der Bucht von Ramo auf das offene Meer hinaus, um dort Segel zu setzen und außer Sichtweite der Küste die Fahrt nach Süden fortzusetzen.

 

 

Die Lords trafen sich auf der Burg Südlippia, dem Stammsitz des Lord Manot. Sie waren zusammengekommen, um Gericht zu halten über einen aus ihrer Mitte, den Lord Gregor tor Lippia, weil dieser verdächtigt wurde, das Reich Lippia verraten zu haben.

Als Rikard, der Lord von Schwanenwehr, diese Anklage aussprach, verlangte Gregor, übrigens der letzte des Clans, der seinen Titel allein durch Erbrecht erlangt hatte, die Anklage zu begründen.

 

Lord Rikard entrollte daraufhin eine Urkunde, die das Siegel der Fürsten von Hellebona trug, und sprach:

        "Dieses Dokument besagt, daß Ihr, Lord Gregor, von den Hellebonen zum Baron von Helleb ernannt worden seid. Dieser Ehrentitel allein wäre beileibe kein Grund, Lord Gregor für einen Verräter zu halten, doch weiter steht in dieser Urkunde geschrieben, daß die Hellebonen Euch die westlichen Gemarkungen Lippias zu treuen Lehen übergeben haben. Diese Anmaßung der Hellebonen können wir nicht dulden, denn sie haben weder das Recht noch die Macht, über lippische Gebiete zu bestimmen und sie als Lehen zu vergeben, es sei denn, sie beabsichtigen, sich lippisches Gebiet anzueignen. Daß sie dieses 'Lehen' ausgerechnet an Gregor vergaben und dieser dieses Ansinnen nicht energisch abgelehnt hat, läßt mich glauben, daß Lord Gregor uns zu hintergehen versucht. Das ist der Verrat, den ich ihm vorwerfe."

        "Das könnte Euch den Kopf kosten, Gregor." knurrte Manot grimmig.

        "Wir überlegen bereits", wandte sich Albertin nachdenklich an Gregor, "ob wir Euch aus unserem Bund ausschließen und Euch den Titel eines Lords aberkennen sollten."

        "Aber diese Beschuldigungen sind grundlos," beteuerte Gregor, "Es stimmt zwar, daß die hellebonischen Fürsten mir ein 'Lehen' übergaben, doch dies war nur ein Scherz. Ihr alle wißt doch, daß die Barbaren sich über solche Förmlichkeiten gerne lustig machen und des öfteren zu solchen Späßen neigen."

        "Ein sehr schlechter Scherz," knurrte Lord Rikard böse, "Ich hege seit einiger Zeit ohnehin großes Mißtrauen gegen die Hellebonen, denn sie scheinen den Königen von Hambonia in letzter Zeit äußerst zugetan zu sein. Diese sogenannte 'Lehensverleihung' ist eine Beleidigung des lippischen Reiches. Vielleicht sollten wir einmal unsere Lanzen gegen Hellebona richten und den Barbaren zeigen, wer auf Eropan zu den Mächtigen zählt."

        "Nicht so hitzig, Rikard", beschwichtigte ihn Manot, "Wir wollen keinen neuen Krieg, vor allem nicht mit den Hellebonen, die noch immer unsere Waffenbrüder sind, auch wenn wir ihnen jetzt nicht mehr uneingeschränkt vertrauen können. Vorerst müssen wir über Lord Gregor eine Entscheidung treffen, denn er hat sich mitschuldig an dieser Beleidigung unseres Bundes und der Mißachtung unserer Hoheitsgebiete gemacht. Wäre er nicht damit einverstanden gewesen, so hätte er dagegen Protest bei den Hellebonen erheben müssen. Daß er es aber nicht tat und zudem den Titel eines Barons von Helleb angenommen hat, ist ein Beweis seiner Mitschuld."

        "Und was soll nun mit ihm geschehen?" fragte Berthon ungeduldig.

Manot meinte geringschätzig: "Eigentlich verdient er es nicht einmal, unserem Bund noch länger anzugehören. Gregor ist noch ein Relikt der alten Zeit, denn er trägt den Titel eines Lords nicht, weil er ihn errungen hat, sondern weil er ihn von seinem Vater erbte. Er ist nur ein Erblord. Es gibt unter unseren Rittern genügend tapfere und kluge Männer, die es mehr als Gregor verdienen, ein Lord von Lippia zu sein."

        "Ich bin und bleibe ein lippischer Lord!" rief da Gregor aufgebracht, "Und Ihr habt nicht das Recht, mir diesen Titel zu nehmen."

        "Oho," erwiderte Rikard, "Seid Euch da nur nicht zu sicher. Bedenkt, daß die alten Adelsstände von unseren Vorgängern auch einfach entmachtet wurden, sosehr sie auch dagegen zeterten. Auch Ihr könntet solches nicht verhindern."

        "Ich schlage vor, Lord Gregor vorübergehend seiner Ämter zu entheben und ihn in Festungshaft zu setzen, bis wir wissen, ob er wirklich Verrat begangen hat," meinte Lord Albertin.

        "Dann sollten wir ihn nach Mont-Abur bringen," schlug Manot vor, "Dort kann er keine Verbindung zu den Hellebonen aufnehmen."

Berthon, Rikard und Albertin waren damit einverstanden.

Da zog Gregor sein Schwert und schrie erregt: "Ich lasse es nicht zu, daß ich, ein Lord von Lippia wie Ihr, von Euch eine solche Demütigung hinnehmen muß. Das nehme ich nicht hin! Zuerst müßtet Ihr mich töten!"

        "Das kann schnell getan werden," höhnte Lord Rikard, der ganz plötzlich ein anderer zu werden schien, denn in seinen sonst gutmütig dreinblickenden Augen begann auf einmal Boshaftigkeit und nackte Mordlust zu schimmern.

Eingeweihte wußten, daß Rikard einen Keim des Dämonen Jarchak in sich trug, der seine Gefühle beeinflußte und ihn immer dann, wenn Zorn oder Wut ihn erfüllten, in die Inkarnation der Bösartigkeit zu verwandeln drohte.

Mit gleitender Bewegung zog Rikard seinen Reitersäbel aus der Lederscheide und schlug im selben Augenblick zwei blitzschnelle Querhiebe, die Gregor ins Straucheln geraten ließen, denn er war im Gegensatz zu den anderen ein miserabler Fechter. Sofort setzte Rikard nach und schlug gleich darauf einen Wirbelhieb, der dem Überraschten die Waffe aus der Hand fegte.

Bleich lehnte Gregor jetzt an der Wand, während ihm Rikard mit dem bösen Lächeln eines Wolfes die Säbelspitze an die Kehle setzte und den Arm spannte, um mit einem Ruck zuzustoßen.

 

        "Haltet ein!" rief Manot, "Wollt Ihr zum Mörder werden? Es ist genug, steckt Eure Klinge fort, sonst müßt Ihr auch gegen mich kämpfen. Gregor hat die Waffe gegen uns erhoben und ist nun ohnehin ein Ausgestoßener. Es ist nicht nötig, ihn zu töten."

 

Das mordlüsterne Glitzern verschwand aus Rikards Augen, als seine menschliche Vernunft wieder die Oberhand gewann. Ernüchtert senkte er seine Waffe und trat von Gregor zurück.

 

        "Laßt ihn abführen!" befahl Manot dem Diener, der stumm und fassungslos an der Tür stand.

Kurz darauf traten mehrere Soldaten herein.

        "Ergreift Lord Gregor und bringt ihn morgen nach Mont-Abur in Festungshaft!" befahl Lord Manot.

Mit eisigen Mienen sahen die vier Lords zu, wie die Soldaten den sich sträubenden Gregor ergriffen und hinauszerrten.

 

 

Die spadaloische Barke kreuzte mit starkem Ostwind vor der Küste von Ramo, die sich als dunkler Strich am Horizont abzeichnete.

Corius, dem es in der Harpunierskajüte zu stickig geworden war, lehnte am Hauptmast und schaute zum Bug, der sich infolge des leichten Wellenganges gemächlich auf und nieder senkte.

Der Kapitän kam im breitbeinigen Gang der Seeleute über das Vorderdeck heran, wobei sein Blick sorgenvoll auf die gewölbten Segel fiel.

        "Der Wind beginnt sich zu drehen", meinte er, "Bald werden wir gegen ihn kreuzen müssen."

        "Warum hat Euer Schiff keine Ruder?" wollte Corius wissen, der vom Schiffsbau nicht viel verstand, "Damit kämen wir auch ohne Segel voran."

        "Dies ist eine Barke," lautete die Antwort, "Und eine Barke ist nun mal ein Segler und kein Ruderer."

        "Eigentlich unpraktisch", bemängelte Corius, "Wenn kein Wind weht, kommt ein Segler nicht mehr voran. Eine Galeere wäre da besser."

        "Aber eine Galeere ist weniger seetüchtig, weil sie nicht breit genug gebaut ist. Würde man ein solches Schiff jedoch verbreitern, wäre es nicht mehr so gut zu rudern. Für Fahrten auf offener See weitab von der Küste sind Barken oder Koggen einfach besser geeignet. Sie sind breiter, liegen tiefer im Wasser und haben auch ein höheres Bord. So können sie nicht so schnell von den Wellen überspült werden, halten einer Sturzsee besser stand und sind auch bei starkem Sturm noch zu steuern."

        "Aber die lippischen Galeeren und die hambonischen Langschiffe sind doch auch hochseetüchtig, oder nicht?"

        "Das schon, aber dafür sind lippische Galeeren im Sturm nur schwer zu steuern und können einem solchen nur wenig Widerstand bieten. Am besten sind da noch die hambonischen Langschiffe. Sie sind Segler und Ruderer zugleich, haben ein höheres Bord und können auch schwere Stürme  überstehen. Doch Langschiffe sind schwer zu bauen und zudem viel zu teuer für ein Handels- oder Walfangschiff."

 

Während ihrer Unterhaltung war Corius' Blick über das Meer nach Nordwesten gewandert. Plötzlich kniff der Lippier die Augen zusammen und starrte angestrengt über das Wasser, wo am Horizont gestreifte Segel aufgetaucht waren.

        "Habt Ihr Euer Fernglas dabei, Kapitän?"

        "Ja, ich hab' es immer bei mir."

Der Kapitän holte das Fernsichtgerät aus seinem Gürtel und hielt es ans Auge.

        "Was sind das für Schiffe?' wollte Corius wissen.

        "Hambonische Kriegsschiffe," brummte der Kapitän, "Eine ganze Flotte, mehr als hundert Langschiffe, mit Kanonen bestückt. Möchte bloß mal wissen,was die hier wollen. Sie scheinen nach Süden zu fahren."

        "Was ??!! Eine Hambonenflotte auf dem Weg nach Süden?" entfuhr es Corius, "Die fahren an die lippische Küste! Wir müssen sofort nach Keleva zurück und die lippische Flotte alarmieren!"

        "Unsinn", winkte der Kapitän ab, "Was geht mich diese Flotte an? Wenn sich Hambonen und Lippier die Köpfe blutig schlagen, so ist das nicht meine Sache. Ich bin Spadaloer und mische mich nicht in die Politik anderer Länder ein."

        "Aber es ist meine Sache", sprach Corius aufgeregt, "denn ich bin ein Lippier und es geht um mein Land. Ich verlange, daß Ihr sofort nach Keleva segelt."

        "Nein," entgegnete der Kapitän unwirsch, "Ich kümmere mich nicht um die Kriege anderer. Wir fahren weiter nach Norden."

Da zog Corius blitzschnell seinen langen Dolch und setzte diesen dem überraschten Spadaloer an die Kehle.

        "Gebt sofort das Kommando zur  Umkehr", zischte er drohend, "sonst lernt Ihr meinen Dolch bis zum Heft kennen."

Schweißtropfen erschienen auf der Stirn des Kapitäns, als er die tödliche Entschlossenheit in den Augen des Lippiers erkannte.

        "Also gut," gab er schließlich nach, "Wir segeln zurück nach Keleva. Aber dort werdet Ihr das Schiff verlassen. Ihr gehört nicht länger zu meiner Mannschaft."

        "Gebt mir Euer Entermesser," verlangte Corius, "und denkt daran, daß ich Euch sofort töte, wenn Ihr mich zu hintergehen versucht."

Der spadaloische Kapitän getraute sich nicht, etwas gegen Corius zu unternehmen. So ließ er die Barke wenden und Kurs auf Keleva nehmen.

Aber schon kurz darauf rief der Mann im Ausguck: "Alarm! Vier Hambonenschiffe haben Kurs auf uns genommen und verfolgen uns!"

        "Verdammt!" fluchte der Kapitän und starrte Corius wütend an, "Da seht Ihr, was Ihr mir eingebrockt habt. Jetzt haben wir keine andere Wahl mehr. Wir müssen Ihnen entkommen, bevor sie uns versenken."

 

 

        "Fremdes Schiff vor uns im Südosten!" tönte die Stimme des Ausgucks auf das Deck des Flaggschiffs hinunter.

        "Welche Flagge führt sie?" wollte Fenrir wissen.

        "Es ist eine spadaloische Barke - vermutlich ein Walfangschiff," lautete die Antwort.

        "Den können wir ungeschoren lassen," meinte der Seegraf, "Die Spadaloer mischen sich nicht in fremde Angelegenheiten ein."

Aber da rief der Mann im Ausguck: "He! Jetzt wendet die Barke! Sie dreht nach Süden ab."

        "Kapitän!" brüllte Fenrir lauthals über's Deck, "Laßt Signal geben! Vier Schiffe aus der zweiten Kampfflotte sollen den Spadaloer verfolgen und versenken! Wir können nicht riskieren, daß er den Lippiern von uns berichtet."

 

Kurz darauf lösten sich vier Schiffe aus dem Flottenverband und nahmen die Verfolgung der Barke auf, deren anfänglicher Vorsprung schnell kleiner wurde.

Es dauerte nicht lange, bis die hambonischen Kriegsschiffe auf Schußweite an den Walfänger herangekommen waren. Schon feuerte der erste Verfolger mit seinen beiden Buggeschützen. Die ersten Schüsse lagen zu kurz und klatschten in die See, dabei Fontänen von sechs Manneslängen hochschleudernd.

Der Walfänger versuchte dem Beschuß durch waghalsige Segelmanöver zu entgehen.

Doch jetzt machte sich der Vorteil von Ruderern deutlich bemerkbar. Zwei der hambonischen Langschiffe überholten die Barke steuerbords und nahmen sie nun mit ihren Breitseiten von jeweils vier Kanonen unter Beschuß. Bereits die zweite Salve fegte der Barke die Masten herunter, die zur Seite hin wegbrachen und ins Wasser schlugen, so daß der Walfänger sofort Schlagseite bekam und festlag. Jetzt kamen alle vier Verfolgerschiffe heran und feuerten ihre Breitseiten auf das wehrlose Schiff ab, das selbst keine Kanonen hatte und sich nicht verteidigen konnte.

Die abgefeuerten Steingeschosse schlugen in das Wrack und verursachten große Lecks, durch die das Wasser gurgelnd und mit großer Schnelligkeit eindrang, so daß das Schiff mit erschreckender Geschwindigkeit zu sinken begann.

Noch einmal feuerten die Hambonen und das schon sinkende Schiff brach unter den Einschlägen in drei Teile auseinander, die gurgelnd und schäumend versanken. Erst jetzt ließen die Jagdschiffe von ihrem Opfer ab und nahmen wieder Kurs auf das Gros der Flotte, die ihre Fahrt nach Süden fortsetzte, ohne sich weiter um die "Stern von Krezor" zu kümmern.

 

 

        "Corius! Corius hilf mir!"

Corius, der sich auf einer breiten Schiffsplanke festklammerte, wandte den Kopf, um zu sehen, wer da um Hilfe schrie.

Dann erblickte er Rikon, den idaranischen Steuermann, der nur eine Armlänge neben seiner Planke schwamm und sich nur noch mit matten Schwimmbewegungen über Wasser hielt, während er wieder abzutreiben drohte. Schnell streckte der Lippier den Arm aus, ergriff Rikon am dichten Haarschopf und zog ihn heran, um ihn auf seine Planke zu hieven.

Keuchend und prustend blieb der Steuermann neben ihm liegen. Als er endlich wieder genug Luft in den Lungen hatte, spähte er um sich und fragte; "Wo sind die anderen? Sie können doch nicht alle so schnell ertrunken sein. Die konnten doch  schwimmen."

 

Wortlos zeigte Corius auf das Wasser, wo in geringer Entfernung die dreieckigen Rückenflossen von Raubfischen zu sehen waren. Rikon fragte nicht weiter.

Hakire waren die gefräßigsten und blutgierigsten Räuber des Meeres und ihre Freßgier konnte nur von den riesigen Seeschlangen und Smohrks übertroffen werden, die manchmal aus den Tiefen des Großen Meeres auftauchten und ganze Schiffe in die Tiefe zerrten.

Rikon hatte unglaubliches Glück gehabt, daß ihn die Raubfische nicht erwischt hatten, bevor Corius ihn auf die Planke ziehen konnte.

Nun umkreisten die Biester das jämmerliche Floß und lauerten darauf, die beiden Männer überraschend von der Planke zu zerren und zu verschlingen.

Zum Glück hatte Corius noch sein Schwert, das er jetzt zur Hand nahm, um die Bestien abwehren zu können, falls sie die Planke anzugreifen versuchten.....

 

 

Limana und Kirena, zwei ramoische Kriegerinnen, waren mit ihrem kleinen Segelboot auf das Meer hinausgefahren, um die raubgierigen Hakire zu jagen. Solch ein Unternehmen war zwar nicht ungefährlich, aber für die wilden Kriegerinnen aus Ramo war das gerade das Richtige.

Außerdem hatten die Hakire recht wohlschmeckendes Fleisch und ihre fingerlangen Zähne waren eine recht begehrte Trophäe.

Je mehr eine Kriegerin davon vorweisen konnte, desto größer war ihr Ansehen unter ihren Stammesgenossinnen. Dies galt natürlich nur, wenn die Zähne von einem selbsterlegten Hakir stammten, doch die wilden Frauen waren so stolz, daß sie erst gar nicht auf den Gedanken gekommen wären, solche Trophäen anders als durch die eigene Jagd zu erwerben.

 

Sie waren schon recht weit hinausgefahren und die Küste war nur noch als schmaler Streifen am Horizont zu sehen.

Da sprang Kirena im Bug auf und rief: "Schau', da vor uns! Ein ganzes Rudel Hakire!"

        "Ja, ich sehe es,"meinte Limana, "Sie scheinen irgendetwas zu umkreisen."

        "Laß' uns näher heranfahren," schlug Kirena vor, "dann sehen wir, was es ist."

Sie steuerten das Boot näher an das Raubfischrudel heran; diese umkreisten noch immer gierig das Ding im Wasser, ohne sich dabei durch die Annäherung des Bootes stören zu lassen.

        "Es sind zwei Männer auf einer Holzplanke!" rief Kirena, "Einer davon bewegt sich noch!"

 

Sie meinte dabei Corius, der das kleine Boot gesehen hatte und schwach winkte, um die Insassen auf sich aufmerksam zu machen. Rikon lag regungslos neben ihm, und der Lippier wußte nicht, ob sein letzter Schiffsgefährte überhaupt noch lebte. Sie trieben jetzt schon seit zwei Tagen umher und auch Corius war längst am Ende seiner Kräfte, nachdem er mehrere Angriffe hungriger Hakire hatte abwehren müssen.

 

        "Männer?" fragte Limana erfreut, "Das ist eine noch bessere Beute als Hakire! Wir werden sie fangen und als Sklaven zu unserem Stamm bringen."

 

Die wilden Frauen von den Halbinseln Ramo und Kajos gehörten zu Volksstämmen, bei denen nur Frauen das Sagen hatten. Männer dienten ihnen nur als Sklaven und Nachwuchserzeuger und fristeten in den Dörfern der Frauen nur ein erbärmliches Dasein. Doch nur jedes siebte oder achte Neugeborene bei ihnen war männlich und so waren gefangene Männer für die wilden Frauen wertvoller als jede andere Beute.

 

Das Boot legte schließlich an der Planke an und die beiden Frauen zerrten die Schiffbrüchigen an Bord. Limana untersuchte Rikon, der sich immer noch nicht regte und nur noch sehr schwach atmete.

        "Dieser hier ist dem Tode weit näher als dem Leben. Er ist wertlos für uns; schenken wir ihn den Hakiren."

Corius, der zu geschwächt war, um irgendetwas dagegen zu tun, mußte entsetzt mitansehen, wie die beiden barbarisch gekleideten Frauen seinen Gefährten kaltblütig wieder über Bord warfen.

Sofort fiel ein halbes Dutzend der Raubfische über den Unglücklichen her und zerriß ihn binnen weniger Augenblicke in Stücke. Das brodelnde Wasser färbte sich blutrot, dann war nichts mehr da, was noch an Rikon erinnerte, den idaranischen Steuermann der untergegangenen "Stern von Krezor".

 

Während Limana sich um Corius kümmerte und ihm Trinkwasser einflößte, steuerte Kirena das Boot zur Küste zurück. Ihren Worten entnahm der mittlerweile gefesselte Corius, daß sie ihn als Sklaven zu ihrem Stamm bringen wollten.

 

 

Wieder einmal trafen sich die Lords auf der Burg-Südlippia, um über die Angelegenheiten des Reiches zu beraten.

        "Im Süden wird die Lage immer bedrohlicher," meinte Lord Manot sorgenvoll, "Die Vereinigten Südreiche sind inzwischen zu einer ernstzunehmenden Gefahr für unsere Grenzgebiete geworden. Unsere Patrouillen haben des öfteren bewaffnete Trupps der Südländer auf unserem Gebiet entdeckt. In der letzten Zeit häufen sich diese Zwischenfälle immer mehr und ich neige zu der Ansicht, daß die Südländer eine Eroberung des Mont-Gebirges planen, um in den Besitz der dortigen Metallminen zu kommen. Noch ist es nicht zu offenen Feindseligkeiten gekommen, aber meine in Mont-Abur befindlichen Truppen stehen schon seit zwei Monden in ständiger Bereitschaft, da wir jederzeit mit einem Überfall der Südlandarmeen rechnen müssen."

        "Im Norden ist es dagegen bislang sehr ruhig geblieben," berichtete Lord Albertin, "Graf Rakene hat jetzt sein Hauptquartier in der Schutenburg eingerichtet und befehligt von dort das 'Delemakorps'. Zudem hat er entlang der WESSE sechs Grenzkastelle errichten lassen, in denen jeweils eine volle Tausendschaft untergebracht ist. So kann er die Grenze leichter unter Kontrolle halten, zumal er daran gegangen ist, am Flußufer eine Palisadenwand zu errichten, die den Hambonen das Übersetzen über den Fluß erschweren soll. Südlich der WESSE-Quellen patrouillieren jetzt lippische Tasionen. Die Hambonen scheinen sich jedoch an den Vertrag von Pador zu halten, denn auf ihrer Seite sind kaum Truppen zu sehen."

        "Dagegen machen uns jetzt unsere Bundesgenossen aus Hellebona Sorgen," bemerkte Lord Berthon, "Wenn sie lippisches Gebiet als Lehen an Gregor geben, so scheint es doch, als würden sie lippisches Gebiet als Eigentum betrachten. Was sollen wir dagegen unternehmen?"

        "Noch ist nicht erwiesen, daß die Hellebonen Verrat planen," beschwichtigte ihn Lord Rikard, "Wir sollten aber zur Vorsicht einige Tasionen an die Ostgrenze senden, die dort die Grenze überwachen und hellebonische Grenzgänger kontrollieren sollen, so daß vor unliebsamen Überraschungen sicher sind."

        "Das wird den Hellebonen sicher nicht gefallen," murmelte Albertin.

        "Wer soll indessen die Regentschaft über Gregors Gebiete führen?" fragte da Lord Manot.

        "Ich schlage vor," meinte Lord Rikard, "wir setzen Ritter Manrath als Statthalter der gregorischen Gebiete ein und ernennen ihn zum Peer von Lippia, daß er unser Stellvertreter und Statthalter mit allen Befugnissen ist."

        "Ist er nicht ein wenig jung für ein so hochgestelltes Amt?" wandte Berthon ein, "Bedenkt, daß er als ein Peer des Reiches einem Lord nahezu gleichgestellt ist."

        "Er ist einer unserer besten Ritter," sprach Manot, "und er scheint mir für dieses Amt der rechte Mann zu sein, liegt ihm doch das Wohl Lippias ebensosehr am Herzen wie uns."

        "Dann soll es so sein," stimmten die anderen einmütig zu.

 

Damit war die Beratung so gut wie beendet; man redete noch eine Weile über Probleme des Handels und des Handwerks, auch über eine zusätzliche Verwendung des Reichsschatzes wurde debattiert, dann trennten sich die Mächtigen Lippias wieder und kehrten auf ihre Burgen zurück.

 

 

Seegraf Fenrir ließ die Flotte auf der Höhe von Keleva nach Westen abdrehen und weiter auf die offene See hinausfahren. Die Gefahr, vorzeitig von einer lippischen Galeere gesichtet zu werden, wurde von Tag zu Tag größer, und Fenrir wollte möglichst viel Abstand zwischen sich und der Küste halten, selbst auf die Gefahr hin, einer der riesigen Seeschlangen oder gar einem Smohrk zu begegnen, dem gefürchtetsten See-Ungeheuer, um die Gefahr einer Entdeckung so gering wie möglich zu halten. Versonnen blickte Fenrir nach Westen.

Was verbarg sich hinter dem fernen Horizont des Großen Meeres? Gab es dort am Ende der Welt wirklich einen riesigen Kontinent, größer als Eropan, der in den Sagen "El-Mariga", das goldene Land, genannt wurde?

 

        ("Eines Tages,") so dachte Fenrir, ("werde ich vielleicht mit einem stolzen und tüchtigen Schiff über das Große Meer fahren und das legendäre El-Mariga suchen.")

 

Er bedauerte es zutiefst, daß er nicht schon jetzt mit dieser Flotte nach Westen fahren konnte, um den sagenhaften Kontinent zu finden und für Hambonia zu erobern, doch zuerst mußte er gegen die Lippier kämpfen und die Seefestung Donnerberg überlisten. Wie er dies bewerkstelligen sollte, wußte er noch immer nicht. Ihm fiel ein, daß es eigentlich höchste Zeit wurde, diesbezüglich seine weiteren Schritte zu planen.

 

        "Die Seebarone sollen zu mir an Bord kommen!" befahl er dem Kapitän, der sofort die Signalflaggen setzen ließ, um die Seebarone zu benachrichtigen, welche die einzelnen Geschwader von jeweils 40 Schiffen befehligten.

 

 

Kapitän Gereos kreuzte mit seinem Schiff, der 'GIRONE' vom ersten Geschwader der lippischen Flotte, in der Bucht zwischen den Küsten von Lippia und der Halbinsel Ramo. Er war mit seiner Galeere aus dem Hafen von Gandor ausgelaufen und wollte nach Norden segeln, um dort die nordische Küste von Lippisch-Delema zu überwachen, wie es ihm Seetribun Brodarius, der Kommandeur seines Geschwaders, geheißen hatte.

Als sie gerade nahe der Küste von Ramo aufs offene Meer hinausfahren wollten, gab der Ausguck oben im Mastnest kund, daß er ein kleines Boot vor ihnen gesichtet habe.

 

        "Sicher nur ein Fischerboot der ramoischen Barbarinnen," meinte Gereos, "Darum brauchen wir uns eigentlich nicht zu kümmern. Aber es liegt ohnehin auf unserem Kurs, also können wir es auch näher in Augenschein nehmen."

        "Könnte interessant werden," grinste der Steuermann, "Diese Halbwilden sollen verteufelt schöne Weibsbilder sein."

        "Ihr könnt ja ruhig versuchen, eine von diesen männermordenden Weibern zu Eurer Gefährtin zu machen," lachte einer der Matrosen, "Ich schätze nur, daß Ihr zuerst einen Dolch im Leibe haben werdet."

        "He!" rief  da der Mann im Ausguck, "Sie haben uns gesehen und wollen sich davonmachen!"

        "Wieviele sind im Boot?" wollte Gereos wissen.

        "Ich kann zwei Barbarinnen sehen," kam die Antwort, "Aber es liegt noch ein gefesselter Mann im Boot."

        "Die haben sich wohl wieder einen Sklaven gefangen," brummte Gereos, "Aber ich frage mich, wo sie den hier auf dem Wasser geschnappt haben. Es kann sich nur um einen Schiffbrüchigen handeln. Und wenn hier irgendwo ein Schiff gesunken ist, dann ist das etwas, was mich interessiert. Schauen wir uns diese Nußschale mal etwas genauer an."

 

Die Kriegsgaleere änderte ihren Kurs geringfügig und steuerte das Boot an, welches nun einige Schleifen zog, um dem lippischen Schiff zu entkommen. Aber mit ihren fünfzig Rudern, an denen insgesamt zweihundert Ruderer im stündlichen Wechsel zogen, holte die Galeere das Boot rasch ein, daß es bald neben ihr schwamm und nicht mehr entkommen konnte.

 

Gereos trat an die Steuerbordreeling und rief zu den beiden Frauen hinunter: "Wen habt ihr da als Gefangenen und woher stammt er?"

Eine der beiden, es war Limana, antwortete: "Wir fischten ihn draußen aus dem Meer und retteten ihn vor den Hakiren. Er schuldet uns sein Leben, wodurch er jetzt unser Sklave ist."

        "Aus welchem Land kommt er und zu welchem untergegangenen Schiff gehörte er?" fragte Gereos weiter, "Laßt den Mann selbst antworten!"

Bevor die Kriegerinnen ihn daran hindern konnten, rief da Corius: "Ich bin Lippier und habe eine wichtige Nachricht für Euch! Die Hambonen sind mit einer großen Flotte nach...."

Weiter kam er nicht, denn Kirena schlug ihm kurzerhand ein Ruder über den Schädel, so daß er bewußtlos zusammensackte.

Doch Kapitän Gereos hatte die Worte verstanden und wußte nun, daß der Gefangene ein lippischer Bürger war, dem er zu helfen verpflichtet war. Besonders die letzten Worte des Mannes hatten ihn stutzig gemacht. Was war mit einer Hambonenflotte...?

        "Laßt den Mann sofort frei!" forderte der Kapitän, "Er ist ein Bürger des lippischen Reiches und steht unter unserem Schutz. Gebt ihn heraus oder ihr seid des Todes!"

Um seine Worte zu unterstreichen, nahm ein Dutzend Seesoldaten die Bögen hoch und zielte mit den Pfeilspitzen auf die beiden Frauen in dem Boot.

 

Kirena und Limana wußten, daß ihnen angesichts der Übermacht nichts anderes übrigblieb und lösten die Fesseln ihres Gefangenen. Der wieder zu sich gekommene Corius rieb sich die Gelenke und sprang ins Wasser, um zur Galeere hinüberzuschwimmen, von deren Deck ihm eine Strickleiter herabgelassen wurde, über die er an Bord kletterte.

Die beiden Ramoerinnen steuerten indessen ihr Boot eilig vom Schiff weg und ruderten hastig in Richtung Küste davon.

 

Kaum war Corius an Deck, da sprudelte es schon aus ihm in hastigen Erklärungen heraus, daß sein Schiff von hambonischen Schiffen versenkt worden war, von denen eine große Flotte auf dem Weg nach Süden war.

Gereos wurde bleich, als er das hörte. Sofort befahl er die Rückkehr nach Gandor, denn diese Nachricht mußte sofort den Lords überbracht werden.

 

 

Seegraf Fenrir und die Seebarone der vier Kampfflotten saßen in der Kajüte des Flottenbefehlshabers und berieten, wie sie an der Seefestung Donnerberg vorbeikommen konnten.

 

        "Eines ist völlig klar," meinte Seebaron Jakir von der 1.Flotte, "Wir können uns auf gar keinen Fall mit der Festung auf einen Kampf einlassen. Donnerberg steht auf einer hohen Felseninsel mit Steilküsten und hat weitaus stärkere Geschütze als wir. Unsere Schiffskanonen könnten nicht einmal zu ihren Mauern hinauf schießen, weil wir sie nicht so hoch richten können."

        "Wieviele Geschütze hat die Festung?" wollte Seebaron Rokus wissen.

        "Soviel ich weiß," antwortete Norin, "hat Donnerberg insgesamt dreihundertundvier Kanonen. Dabei handelt es sich um zweihundertfünfzig leichtere Geschütze, sogenannte 'Donnerkeulen', vergleichbar mit unseren Schiffskanonen. Dazu kommen fünfzig schwere Festungsgeschütze, welche die Lippier 'Feuerschlangen' nennen, sowie vier sogenannte 'Scharfmetze', die größten Kanonen, die man herstellen kann. Mit solchen riesigen Geschützen haben die Lippier im 2.Urbanischen Krieg die Festung Delmoda zerstört. Außer den Kanonen hat die Seefestung zudem noch eine große Zahl von Katapulten und Ballisten, mit denen brennendes Öl auf das Wasser geschleudert werden kann, um so ein Flammeninferno zu erzeugen, das kein Schiff überstehen kann."

        "Donnerberg ist uns also weit überlegen," stellte Fenrir fest, "Wir haben allein den Vorteil der Überraschung auf unserer Seite, denn die Lippier wissen noch nichts von unserem Kommen. Wenn wir in der Nacht leise und heimlich an der Festung vorbeirudern, bemerken sie uns vielleicht nicht, und wir kommen unbehelligt in die Flußmündung der LIPPE hinein."

        "Aber wie kommen wir dort wieder heraus?" fragte Jakir.

        "Das weiß niemand," murmelte Fenrir, "Wir sind vielleicht Todgeweihte, wenn wir erst auf der LIPPE sind und uns die Truppen Crishans nicht von Norden her heraushauen. Unser Ziel ist es allein, Stadt-Lippia zu zerstören und die Heere der Lords zur LIPPE zu locken, damit Crishan im Norden freie Hand hat. Ist erst die Hauptstadt des lippischen Reiches zerstört, wird das den Feind entmutigen und zu leichten Gegnern für unsere Landstreitkräfte machen. Vielleicht gelingt es uns zudem, auch noch die Stammburgen der Lords zu zerstören. Das würde die Lippier völlig demoralisieren, und der Sieg wird auf der Seite unserer Krieger sein, die dann zur LIPPE vorstoßen können, um uns herauszuschlagen, sofern wir uns dort lange genug halten können. Aber erst müssen wir die Seefestung überlisten. Wenn die morgige Nacht einbricht, fahren wir nach Donnerberg."

 

 

In Gandor herrschte helle Aufregung, denn Corius' Nachricht war dort wie ein Blitz eingeschlagen. Schon waren Boten zu den Stammburgen der Lords, zu den Hafenstädten und zur Hauptstadt unterwegs, um vor der drohenden Gefahr durch die hambonische Flotte zu warnen. Auch Botenvögel, irdischen Brieftauben ähnlich, waren ausgesandt worden, denn sie waren geschwinder als der schnellste Reiter und konnten vor allem die Hafenstädte mit den darin ankernden Geschwadern der lippischen Kriegsflotte alarmieren.

 

Seeritter Barranos, der Befehlshaber aller lippischen Kriegsschiffe, der in Gandor seine Residenz hatte, ließ das dort ankernde erste Geschwader von 25 Galeeren auslaufen, um die feindliche Flotte aufzuspüren und zu beobachten, welchen Kurs sie verfolgte. Auch in Keleva, wo das zweite Geschwader vor Anker lag, liefen einen halben Tag später die Kriegsgaleeren aus. Auch der Hafen von Gelseni wurde durch Signalfeuer aufgeschreckt, und auch dort verließ das dritte Geschwader den Hafen, um der feindlichen Flotte die Stirn zu bieten.

 

Als die fünfundsiebzig Galeeren der drei lippischen Geschwader auf der See in Höhe von Gelseni zusammentrafen, brach bereits die Nacht herein. Es war dieselbe Nacht, in der die hambonische Flotte Kurs auf Donnerberg nahm.

 

 

Lord Albertin erhielt die Hiobsbotschaft durch die Botenvögel zuerst. Als er sie las, wurde er weiß wie der Kalkstein aus den Steinbrüchen von Arnbor.

 

        "Wehe dem Reich," murmelte er bedrückt, "Im Osten werden die hellebonischen Barbaren untreu, im Süden bedrängen uns die Südländer, und nun rühren sich die Hambonen wieder und bedrohen uns von der See her. Lippia ist von Feinden umgeben."

 

Schnell ließ er einen Boten zu den Burgen den anderen Lords reiten, von denen er wußte, daß sie sich noch auf ihren Stammburgen aufhielten, um sie zur Burg-Akaze zu rufen, damit der Clan gemeinsam beschließen konnte, was zu tun sei.

 

Zur Stunde des Brotes trafen die anderen drei Lords ein, doch Albertin ließ sie erst gar nicht von ihren Rossen absitzen, sondern ritt mit ihnen zum Ufer der LIPPE, wo sie ein kleines Segelboot bestiegen, das sie schnell zur Seefestung Donnerberg brachte.

 

Ritter Leondos, der Kommandant von Donnerberg, war nicht wenig erstaunt, daß der gesamte Clan der Lords außer dem verstoßenen Gregor auf der Seefestung auftauchte, doch es genügten wenige Worte, ihm zu erklären, welche Gefahr auf sie zukam.

 

        "Warum seid Ihr Euch so sicher, daß die Hambonen hier angreifen werden?" fragte er.

        "Hier in der Mündung der LIPPE," erklärte Lord Albertin, der Oberherr von Donnerberg, "ist die verwundbarste Stelle des Reiches an der Seeseite. Aus diesem Grunde wurde schließlich Donnerberg hier auf dieser Felseninsel erbaut. Wenn es den Hambonen gelingt, hier vorbeizukommen und in die LIPPE einzufahren, so ist Stadt-Lippia, die Hauptstadt und das Herz des Reiches, in allergrößter Gefahr."

        "Wie sollten die hambonischen Schiffe an dieser Festung vorbeikommen?" widersprach Ritter Leondos, "Mit unseren Kanonen können wir die gesamte feindliche Flotte restlos vernichten, selbst wenn sie tausend Schiffe zählen würde."

        "Und wenn sie es in der Nacht versuchen, wo wir sie in der Dunkelheit nicht sehen können?" bemerkte Lord Rikard spöttisch.

Erschrocken blickte der Ritter ihn an.

        "Meiner Treu!" entfuhr es ihm, "Dann können wir unsere Kanonen nicht auf sie richten. Unsere Schüsse würden ihnen dann kaum schaden. Was sollen wir also tun?"

        "Es sind doch kleinere Boote und Barkassen in den Felsenhöhlen unter der Festung vertäut," meinte Albertin, "Sie sollen beiderseits der Festung die Einfahrten versperren, verbunden durch ein dickes Seil und eisernen Ketten, die sehr stabil sein müssen. Dann kann die Hambonenflotte nicht hindurchfahren, ohne erst die Sperren mühsam entfernen zu müssen."

        "Aber dann können wir sie immer noch nicht sehen", wandte Manot ein.

        "Laßt doch auf jedes Boot ein oder zwei Fässer voller Öl bringen," schlug Berthon vor, "Wenn die Sperre errichtet ist, soll auf jedem Boot ein Mann mit glühender Lunte bleiben. Sobald dann die Hambonen an die Sperre stoßen, sollen die Männer eine kurze Weile warten, dann das Öl mit den Lunten entzünden und dann schnell an Land schwimmen. Die so in Brand geratenen Boote werden die Einfahrten hell erleuchten und wir können unsere Kanonen auf die feindlichen Schiffe richten."

        "Das ist ein vortrefflicher Plan!" rief Leondos, "Ich werde sofort diese Sperre errichten lassen."

Schon eilte er schnellen Schrittes davon, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

        "Dann werde ich jetzt die Kanonen der Süd- und Nordbastion so einrichten lassen", meinte Albertin, "daß sie sofort und alle zugleich auf jene Stellen feuern können, an der sich die feindlichen Schiffe befinden müssen, wenn sie auf die Sperre stoßen. So können wir sie gleich mit dem ersten Schlag vernichtend treffen."

        "Geht Ihr zur Nordbastion," erbot sich Lord Manot, "Ich werde mich um die Kanonen der Südbastion kümmern. Ihr, Berthon, könntet derzeitig die vier Scharfmetze auf den Türmen und die Kanonen der Westbastion richten lassen. Auch die Ballisten und Katapulte müssen bereitgemacht werden."

        "Dann wird meine Anwesenheit hier auf Donnerberg wohl nicht vonnöten sein," meinte Rikard von Schwanenwehr, "Ich werde mich daher an Land begeben und Truppen an die Küste führen, damit die Hambonen dort nicht anlanden können."

 

 

        "Laßt die Segel reffen und die Ruder auslegen!" befahl Seegraf Fenrir, "Und sagt den Rudersklaven, daß sie auf der Stelle enthauptet werden, wenn sie zuviel Lärm machen. Die Seekrieger sollen die Kanonen bereitmachen und ihre Waffen anlegen. Auch Pfeile und Speere sollen bereitgehalten werden. Es ist dunkel genug geworden; wir fahren nach Donnerberg. Kein Licht darf brennen, keine Fackel darf angezündet sein, kein Wort darf laut gesprochen werden. In dieser Nacht fällt die Entscheidung, ob Hambonia abermals über Lippia triumphieren kann wie damals bei Delmoda. Diese Nacht, ihr Krieger des Nordens, ist unsere Nacht und wir wollen sie nutzen."

 

Hundertsechzig Schiffe ruderten leise wie Schatten langsam auf Donnerberg zu, dessen Wachfeuer auf den Türmen bereits zu sehen waren. Wie ein titanenhaftes Ungeheuer aus grauer Vorzeit erhoben sich die düsteren und drohenden Umrisse der Feste vor ihnen aus dem Wasser, das in der Düsternis wie zähflüssiges Öl zu schimmern schien.

Wie abgesprochen teilte sich die Flotte nun und fuhr langsam zu beiden Seiten der Seefestung in das LIPPE-Delta hinein.

 

Fast geräuschlos tauchten die langen Ruder ins Wasser und schoben die Langschiffe immer weiter in die Flußmündung. Trotz der nächtlichen Kühle drang den Männern jetzt der Schweiß aus allen Poren. Die Seekrieger starrten gebannt auf die Lichter von Donnerberg, die Hände um die Waffen gekrallt, daß die Knöchel weiß hervortraten. Fenrir lief der salzige Schweiß in die vor Erregung tränenden Augen, die zusammengekniffen zur Festung hinaufstarrten. Nervös fuhr er sich mit der behandschuhten Rechten durchs Gesicht, um das salzige Naß fortzuwischen.

 

Auf den Zinnen der mächtigen Feste oben auf den steilen Felsen brannten flackernde Wachfeuer und erhellten einen Teil der Türme und Zinnen, doch ihr Licht reichte nicht bis zum Wasser hinunter.

 

In seiner Angespanntheit glaubte Fenrir huschende Gestalten auf den Wehrgängen zu erkennen; im nächsten Augenblick wieder schalt er sich einen ängstlichen Narren, der schon auf Trugbilder hereinfiel. Doch mit einem Male beschlich ihn ein unbestimmbares Gefühl drohender Gefahr, das immer stärker wurde, je weiter sie in die Mündungseinfahrten beiderseits der Festung vorstießen. Fenrir konnte dieses unheimliche Gefühl nicht verdrängen, er spürte es fast wie eine körperliche Last. Und plötzlich glaubte er zu wissen, daß sie wie blind in eine furchtbare Falle eilten und die scheinbare Ruhe der Festung nur Trug und Täuschung waren. Der Seegraf vermochte nicht zu sagen, weshalb er davon überzeugt war, aber ein übermächtiges Gefühl von Angst breitete sich in seinem Innern aus. Er spürte, wie sein Herz wie rasend schlug und das Blut in seinem Halse pulsierte. Schweiß brach ihm aus und rann ihm in Bächen über die Haut.

 

Das war nicht mehr jenes Gefühl der Angst, wie sie einen jeden Krieger befällt, wenn er in die Schlacht geht, es waren sein Instinkte, die ihn warnen wollten und ihm zuriefen: "Kehr um!"

 

Schon öffnete er den Mund, um den Befehl zum Rückzug in die bleierne Dunkelheit hinauszubrüllen, da begann das Inferno.

Vor den ersten Schiffen entstand eine hellflammende Wand aus brennenden Booten, welche die Einfahrten versperrten. Die ganze Flotte wurde zu beiden Seiten der Festung vom blutigen Schein der brennenden Boote hell beleuchtet. Und dann schienen feurige Kometen von den Zinnen Donnerbergs aufzusteigen, um dann auf's Wasser niederzustürzen: brennende Ölschläuche, von Ballisten geschleudert, die beim Aufprall auf das Wasser platzten und den brennenden Sud über das Wasser ergossen, das nun selbst in Flammen zu stehen schien.

Jetzt erfüllten grollende Donnerschläge die Luft wie ein mächtiger Trommelwirbel. Die Kanonen von Donnerberg stimmten ihr tödliches Lied an und sandten den Hambonenschiffen einen höllischen Gruß, eine dröhnende Sinfonie von Tod und Verderben.

 

Kopf- und kürbisgroße Steinkugeln krachten auf die Schiffe der Hambonen nieder, zerschmetterten die Takelage und die Decksaufbauten. Manche durchschlugen sogar Deck und Boden der Schiffe, die sofort zu sinken begannen. Masten brachen mit berstendem Krachen und schlugen schwer auf die Decks. Feuer schlug von den Brandbooten und dem brennenden Öl auf die Schiffe über, brennende Segel fielen wie feurige Wolken hinab. Und immer wieder krachten die Geschosse der Festung in die Schiffe hinein, zerschmetterten Decksplanken und Bordwände. Gurgelnd schoß schwarzes, schäumendes Meerwasser in die Lecks, und Schiffe begannen brennend zu versinken.

 

Matrosen und Seesoldaten sprangen über Bord, um jämmerlich in dem ölgetränkten Wasser zu verbrennen. In panischer Angst schrien die angeketteten Rudersklaven und zerrten verzweifelt an ihren stählernen Fesseln, die sie an die Ruderbänke banden. Sie waren rettungslos verloren, wenn die Schiffe zu sinken begannen, denn niemand kümmerte sich um die Unglücklichen, die elendig ertrinken mußten.

Die vorderen Schiffe, etwa sechzig an der Zahl, waren bereits allesamt in Brand geraten oder versanken gurgelnd im brennenden Wasser.

 

        "ZURÜCK! ZURÜCK!" schrie Fenrir inmitten des heillosen Durcheinanders auf seinem Flaggschiff, welches durch herabgestürzte Takelage entstanden war. Doch der erfahrene Steuermann hatte das Steuerruder bereits herumgeworfen und die Rudersklaven legten sich, von Todesangst getrieben, wie irr in die Riemen, daß das Flaggschiff der Hambonenflotte sich jetzt schnell von der Flammenhölle um Donnerberg entfernte.

 

Das Beispiel des Flaggschiffs machte Schule; alle noch manövrierfähigen Schiffe wendeten jetzt voller Hast und strebten der offenen See zu. Unbarmherzig feuerten die Lippier mit den 'Feuerschlangen' hinter den fliehenden Schiffen her, und die übergroßen 'Scharfmetze' fielen dröhnend in diese Sinfonie der Zerstörung ein. Manches Schiff, dessen Besatzung sich bereits sicher vor den lippischen Kanonen wähnte, wurde noch auf der Flucht schwer getroffen und begann schnell wie ein Stein zu sinken.

 

Nur ganze zweiundsechzig Kriegsschiffe der Hambonen entkamen dem Inferno, und nur wenige davon waren unbeschädigt davongekommen. Vor allem Segelwerk und Takelage hatten die meisten Schäden davongetragen, ganz zu schweigen von den Rudern.

 

Fenrir schimpfte sich einen blutigen Narren, weil er nicht befohlen hatte, die Masten umzulegen und die Segel unter Deck zu bringen, wie es hambonische wie auch lippische Kriegsschiffe vor einer Seeschlacht zu tun pflegten. Doch obwohl sich die hambonischen Langschiffe mittlerweile weit aus der Reichweite der Festungskanonen zurückgezogen hatten, waren sie noch lange nicht in Sicherheit.

 

Es wurde schon wieder Morgen, als die hambonischen Seebarone und Kapitäne mit Schrecken sahen. wie die Kampfgaleeren der lippischen Kriegsflotte herannahten....

 

 

Der Wind war während der Nacht umgesprungen und blies nun aus Osten recht kräftig seewärts, so daß die lippischen Galeeren gegen den Wind rudern mußten. Gischtschimmernd gekrönte Wellen klatschten gegen die eisengepanzerten Rammbüge der Schiffe, um dort schäumend auseinanderzuspritzen. Kaskaden sprühenden Salzwassers spritzten auf die Decks und näßten die Kleider der Matrosen und Seesoldaten, die kampfbereit auf das Zusammentreffen mit den Hambonen lauerten.

 

        "Ruderschlag erhöhen!" tönte das Kommando, als die lippischen Kapitäne sahen, daß die Hambonen jetzt ihre Ruder auslegten und den Kurs zu wechseln versuchten.

        "Sie entkommen uns, wenn wir nicht schneller herankommen!" rief einer der Seetribune dem Seeritter Barranos zu, der die lippische Flotte selbst in den Kampf führte.

Die beiden Männer standen auf dem schwankenden Vorderdeck der CORINNA, dem Flaggschiff der lippischen Flotte.

        "Die wollen gar nicht entkommen," antwortete der Seeritter, "Sie formieren sich nur so, daß wir voll in ihre Breitseiten hineinlaufen."

        "Dann müssen wir ihnen zuvorkommen. Können wir das Tempo nicht mehr erhöhen?"

        "Die Ruderer geben bereits ihr Bestes. Schneller geht es nicht, sonst sind die Männer zu erschöpft, wenn der eigentliche Kampf beginnt. Außerdem stehen auch schon die Reserve-Ruderer an den Riemen."

        "Dann müssen wir die hambonischen Breitseiten in Kauf nehmen und bis zu ihnen durchbrechen, um zu entern," meinte der Seetribun.

        "Ein Entermanover bringt uns zu große Verluste ein," widersprach Barranos, "Nein, wir  müssen versuchen, sie wieder in das LIPPE-Delta zurückzudrangen, damit sie wieder in den Feuerbereich der Festungskanonen kommen."

        "Das wird nicht leicht sein," brummte der Offizier, "Die Hambonen sind nicht von der Art, sich so ohne weiteres in eine Todesfalle treiben zu lassen, der sie gerade erst entkommen sind."

 

Die Männer auf den lippischen Schiffen machten sich zum Kampf bereit. In großen Bündeln wurden Speere, Wurfspieße und Pfeile an Deck gebracht, die bronzenen Rohre der Schiffsgeschütze wurden geladen sowie Steinkugeln und Pulverfässer bereitgestellt.

Die langen Reihen der Ruder hoben und senkten sich gleichmäßig und immer schneller schoben sich die Galeeren wie hungrige Raubfische den Hambonenschiffen entgegen. Ächzend legten sich die Ruderer in die Riemen, während ihnen der Schweiß in breiten Bächen über die nackten Rücken lief.

 

        "Pullt! Pullt!" feuerten sie sich gegenseitig an. Wieder machte sich der nicht zu unterschätzende Vorteil bemerkbar, daß die Ruderer auf lippischen Galeeren nicht aus Sklaven bestanden, sondern freie Männer waren, die sogar besser als die Seesoldaten verpflegt wurden und stündlich, soweit es möglich war, an den Rudern abgelöst wurden. Auch hatten sie im Falle eines Sieges Anspruch auf die gleiche Belohnung wie die Matrosen und Seesoldaten, denn nur durch die Kraft ihrer Arme bekamen die Schiffe ihre Schnelligkeit und Wendigkeit, was bei einem Seegefecht immer von immenser Bedeutung war. So war es nicht weiter verwunderlich, daß die lippischen Ruderer alles in ihrer Macht stehende taten, um ihren Kameraden an Deck den Sieg zu ermöglichen. Ein Sieg der Seekrieger war immer auch ein Sieg der Ruderer und Matrosen und dieses Bewußtsein trieb sie zu Leistungen an, welche für die unfreien Rudersklaven anderer Schiffe undenkbar waren.

 

Lauernd standen Männer an den Kanonen, andere hielten Speere und Bögen bereit. Die Schiffe selbst schienen an diesem Gefühl der Spannung teilzuhaben; wie hungrige Raubfische glitten sie auf die angeschlagenen Langschiffe ihrer Gegner zu, als fieberten sie dem Treffen entgegen, und endlich erscholl ein langgezogener Trompetenton vom lippischen Flaggschiff her. Die Seeschlacht von Donnerberg begann.

 

 

Juron, ein Ruderer auf dem lippischen Schiff TACSARA, konnte hören, wie sich über ihm die Kanonen krachend entluden, er vernahm das hastige Rennen der Bedienungsmannschaften, das hektische Trampeln ihrer Stiefel, die scharfen Befehle der Offiziere. Plötzlich drang von vorn Geschrei und tumultartiger Lärm an seine Ohren. Und dann gab es einen wuchtigen Schlag, der das ganze Schiff erschütterte; die Ruderer schwankten auf ihren Bänken, einige fielen zu Boden. Juron spürte Wasser an seinen Füßen, das jedoch nicht weiter stieg.

Die Galeere hatte einen Treffer erhalten, doch dieser lag zu hoch und so drang nur wenig Wasser ein. Jetzt ertönte ein Krachen wie das Bersten eines Schiffskieles - und vom Deck her erscholl lautes Triumphgeschrei. Die Lippier hatten ein feindliches Schiff gerammt und mit dem eisernen Bug in den Grund gebohrt.

Kein Aufenthalt! Keine Pause! Nachdem sie sich von dem sinkenden Hambonenschiff gelöst hatte, drang die TACSARA weiter vor. Soldaten eilten zu den bereitstehenden Ölbehältern, tauchten Brandpfeile hinein und entzündeten  sie. Zu den bisherigen Schrecken des Kampfes gesellte sich nun die Wut des Feuers.

Da senkte sich die TACSARA nach vorn, daß die Ruderer nur mit Mühe ihre Plätze behaupten konnten. Und wieder erscholl Triumphgeschrei der Lippier und die Verzweiflungsrufe der Besiegten; ein hambonisches Langschiff war von einer Welle auf den Rammbug der Galeere getragen worden, der sich durch das Gewicht kurzzeitig senkte. Dann aber zersplitterten die Planken des Langschiffes, die lippische Galeere setzte zurück und rammte es ein zweites Mal, daß es wie ein Stein versank.

Juron hörte das schaurige Gurgeln, mit dem das hambonische Schiff in den Fluten versank. Das Kampfgeschrei und der Lärm nahmen jetzt zu - rechts, links, oben, vorne und hinten vermehrte sich das Getöse. Dann und wann ertönte dröhnendes Krachen, wenn ein Geschütz abgefeuert wurde, dessen Bedienung sich noch nicht am Kampf Mann gegen Mann beteiligte. Schreckensrufe erklangen als Zeichen dafür, daß wieder ein Schiff versank, dessen Mannschaft jetzt mit den Wellen rang.

Noch schien der Erfolg der Schlacht nicht ganz auf der Seite  der Lippier zu sein, dann und wann wurde ein Soldat blutend unter Deck getragen und sterbend zu Boden gelegt. Auch drangen Rauchwolken, vermengt mit Pulverdampf und dem Geruch brennenden Fleisches ins Ruderdeck. Nach Atem ringend, sagte sich Juron bei solchen Gelegenheiten, daß sie an einem brennenden Hambonenschiff vorbeikamen, dessen angekettete Rudersklaven hilflose Opfer der Flammen wurden.

Indessen war die TACSARA in steter Bewegung, bis sie mit einem Male in einem gewaltigen Ruck innehielt.

Die Ruder entfielen den Händen der Männer, diese selbst stürzten von den Bänken. Auf dem Deck hörte man ein wütendes Gepolter und dann den Anprall zweier Schiffe. Inmitten dieses Aufruhrs fiel durch eine der Decksluken die Leiche eines blondhaarigen Nordmannes und landete direkt zu Jurons Füßen.

Woher war er gekommen? War er mit eiserner Faust von einem feindlichen Schiff gerissen worden?

Nein! Die TACSARA war in Feindeshand! Die Lippier kämpften auf dem eigenen Schiff gegen den enternden Feind!

Der wüste Tumult nahm jetzt zu; warmes Blut tropfte durch die Decksplanken in das Ruderdeck hinunter. Plötzlich zerbarst auf der Juron gegenüberliegenden Seite die Bordwand, hölzerne Splitter klatschten durch den Raum. Wie ein riesiger Spieß drang der Rammdorn eines Hambonenschiffes in das Ruderdeck hinein, vier Männer wurden von ihm am Boden zerquetscht. Ein Schwall salzigen Wassers ergoß sich zwischen die Ruderbänke, schreiend sprangen die Männer auf und versuchten, sich dabei gegenseitig behindernd, an Deck zu gelangen, um nicht hier unten jämmerlich zu ersaufen.

Juron hatte das Glück, einem der Aufgänge am nächsten zu sein und so gelangte er mit den ersten nach oben. Er sah um sich herum den feuergeröteten Himmel, die brennenden Schiffe und umherschwimmende Trümmer, den Kampf an Bord, die vielen Angreifer und die nur noch wenigen Verteidiger - da verlor er mit einemmal den Halt und stürzte hintüber. Der Boden wich unter ihm, die TACSARA war einfach auseinandergeborsten, und das zischende Meer ergoß sich über die sinkenden Wrackteile, als habe es nur auf diesen Augenblick gewartet.

Um Juron herum war alles nur noch Nässe und Finsternis, schäumendes Wasser umgab ihn, als er vom Wrack weggespült wurde. Etwas Hartes stieß schmerzhaft in seine Rippen; instinktiv griff er zu und hielt sich an der Planke, denn um eine solche handelte es sich, mit aller Kraft fest, daß er an der Oberfläche blieb und nach Luft schnappen konnte. Da ertönte wieder lauter Krach und das Dröhnen von Schiffsgeschützen. Juron blickte in die Richtung des Lärms und konnte ein Gefühl der Befriedigung nicht unterdrücken - die TACSARA war gerächt.

Der Kampf wütete unvermindert weiter, während Juron immer weiter fortgetrieben wurde, ohne feststellen zu können, wohin es ihn trieb. Doch das Glück war ihm hold, denn der Zufall wollte es, daß es ihn in der Nacht mit der Flut an die Küste trieb, wo er in Sicherheit war, als Soldaten ihn fanden und forttrugen.

 

 

Fassungslos starrte Fenrir auf das ringsherum tobende Inferno.

Ein großer Teil seiner Schiffe war mehr oder minder in Brand geraten und machte die Nacht zum Tage, denn in der Zwischenzeit war die Dunkelheit wieder hereingebrochen. Doch noch immer war  kein Ende der Seeschlacht abzusehen.

 

        "Welch' ein Debakel", flüsterte er, "Was für eine Katastrophe. Es scheint, als würde die See brennen als unser Totenfeuer. Wir werden hier jämmerlich untergehen; niemand von uns wird jemals die grünen Küsten Hambonias wiedersehen. Und daheim wird man nicht einmal wissen, wie schnell wir gescheitert sind. Alle Botenvögel sind tot, und ich kann keine Nachricht mehr nach Hambonia senden. Diese Schlacht ist verloren - der Feldherr verläßt die Walstatt."

 

Mit diesen Worten zog er sein Schwert und machte Anstalten, es sich selbst in den Leib zu rammen. Er wollte lieber den Freitod wählen als den Lippiern lebend in die Hände zu fallen. Schon wollte er sich in seine Klinge stürzen, als ihn eine heiser flüsternde Stimme in seinem Rücken innehalten ließ.

        "Fenrir von Trave, was sehe ich? Ihr, ein Sohn des großen Drachenvolkes, wollt so schnell schon aufgeben? Ich bin enttäuscht von Euch, Fenrir."

Der Seegraf fuhr herum und sah einen Fremden in blutroter Kutte vor sich stehen, der seine Kapuze über den Kopf geworfen hatte. Doch als Fenrir in das Antlitz des Fremden schauen wollte, packte ihn eisiges Entsetzen. In der Kapuze war -- NICHTS !

Nicht, daß sie leer gewesen wäre --- nein, dort, wo das Auge den Stoff der Kapuze hätte sehen müssen, waberte absolute, konturlose Schwärze von solcher Finsternis, daß sie den Schein der ringsum lodernden Flammen geradezu zu verschlingen schien. Es war, als schaue man durch ein endloses Loch in eine andere Welt aus unirdischer Dunkelheit.

Fenrir fror es trotz der Hitze, die von den Flammen der brennenden Schiffe ausging und Eiseskälte griff nach seinem Herzen.

        "Wer - wer seid Ihr?" stammelte er starr vor Furcht.

        "Ich bin der Bote der dunklen Götter, welche ich die Herren des Chaos nenne. Auf vielen Schlachtfeldern bin ich schon erschienen, dort wo Blut und Feuer sich zu einer höllischen Sinfonie vereinen. Ich bin der Bote der Finsternis, den die Menschen NIRBAG nennen."

        ("NIRBAG !") durchfuhr es Fenrir glühendheiß, ("In vielen Schlachten ist er schon so manchem Krieger erschienen, als würden Blut und Tod dieses gespenstische Wesen mit unwiderstehlicher Macht anlocken. Doch immer ist er nur den Kriegern erschienen, die dem Untergang geweiht waren, auch wenn das Kriegsglück noch auf ihrer Seite war. Er ist ein böses Omen, und oft genug hat sein Erscheinen dazu beigetragen, daß tapfere Männer bei seinem Anblick jeden Mut verloren.")

        "So seid Ihr also erschienen, um mir meinen Untergang anzukündigen", murmelte der Seegraf in dumpfer Verzweiflung, "Diese Mühe hättet Ihr Euch sparen können, denn ich war mir dessen auch ohne Euer Erscheinen bewußt."

        "Nein, Fenrir von Trave!" rief NIRBAG, "Heute erscheine ich Euch nicht als Bote des Verderbens, sondern als Bote der Rettung. Die dunklen Götter wollen nicht tatenlos zusehen, wie die Söhne der Drachen sterben. Also sandten sie mich, Euch Hilfe zu bringen. Höret also, Fenrir, noch ehe die nächste Stunde schlägt, werden Eure Feinde mit einer furchtbaren Gefahr zu ringen haben. Dann laßt alle Ruder besetzen und eilet davon, so schnell Ihr nur könnt, sonst wird das Grauen auch Euch vernichten. Eilt fort und kehrt mit den Euch verbliebenen Schiffen heim, während das Unheil über Eure Feinde kommt. Niemand wird Euch dann noch verfolgen können, dafür werde ich sorgen. Nun muß ich gehen, vielleicht werdet Ihr mich einst wieder erblicken, doch bis dahin lebet wohl."

 

Die rotgewandete Gestalt begann vor den Augen des Seegrafen zu verschwimmen und löste sich in einer Wolke fahlen Rauches auf, die schnell auseinanderstrebte und sich in der Luft verlor.

Noch immer stand Fenrir wie zur Salzsäule erstarrt auf dem schwankenden Deck, auf dem herabgestürzte Takelage und die Leichen der Erschlagenen ein Bild des Chaos vermittelten.

 

Augenblicklich wurde das hambonische Flaggschiff nicht angegriffen, es dümpelte in einem relativ ruhigen Abschnitt der Schlacht, deren Intensität mit Beginn der Dunkelheit erheblich abgenommen hatte, da Freunde und Feinde gleichermaßen mit dem Löschen der Brände auf ihren Schiffen beschäftigt waren. Die meisten lippischen Kriegsgaleeren hatten sich an den Rand des Kampfgebietes zurückgezogen.

 

        "Kapitän!" brüllte Fenrir über das Deck, "Kapitän, kommt zu mir!"

Eine blutbespritzte Gestalt in zerrissener Kleidung, schartigem Harnisch und zerbeultem Helm taumelte von achtern heran; es war der Steuermann, der die Löschgruppe befehligte, die den Brand auf dem Achterdeck bekämpfte.

        "Wo ist der Kapitän?" fragte Fenrir, als der Mann schweratmend vor ihm stand.

        "Der Kapitän ist tot," antwortete dieser, "Ich sah, wie ihm eine lippische Kanonenkugel den Kopf abriß. Deshalb hab' ich seinen Posten eingenommen."

        "Dann seid Ihr jetzt der Kapitän," entschied Fenrir, "Jetzt laßt Signal geben, daß sich alle noch manövrierfähigen Schiffe hier sammeln sollen. Sobald alle zusammen sind, versuchen wir die lippische Umklammerung zu durchbrechen und segeln so schnell es geht nach Norden."

        "Von unseren Schiffen gibt es nur noch etwa dreißig," sprach der neue Kapitän, "Und es ist keines dabei, das unbeschädigt geblieben ist. Die Lippier aber haben erst vor kurzem Verstärkung  erhalten. Jetzt haben sie dreimal so viele Schiffe wie wir, obwohl auch bei ihnen mehr als die Hälfte Schäden davongetragen hat."

        "Wißt Ihr auch, wieviele Schiffe die  Lippier verloren haben?"

        "Ich weiß nichts genaues, aber als Seebaron Ernistan von der 3.Flotte mit seinem Schiff vorbeifuhr, rief er herüber, daß mehr als dreißig lippische Schiffe gesunken seien."

        "So haben wir wenigstens bewiesen, daß wir noch zu kämpfen verstehen, auch wenn wir in der Falle sitzen und fast am Ende sind. Aber dieser Zustand wird nicht mehr lange dauern. In Kürze werden die Lippier mit einer größeren Gefahr zu ringen haben. Dann können wir ihnen entkommen."

        "Aber welche Gefahr sollte den Lippiern drohen?" fragte der neue Kapitän verständnislos.

        "Ich weiß nicht, welcher Art diese Gefahr sein wird, aber mir ist ein Bote der dunklen Gotter erschienen: NIRBAG. Und ich weiß, daß er keine leeren Worte von sich gab."

Entsetzt starrte ihn sein Gegenüber an und wich ein paar Schritte zurück.

        "Euch ist NIRBAG erschienen, Herr? Wißt Ihr nicht, daß jeder, der ihn zu Gesicht bekommt, dem Tode auf gräßliche Weise geweiht ist?"

        "Es mag so sein," murmelte Fenrir unwirsch, "Doch jetzt zählt nur, daß wir der lippischen Kriegsflotte entkommen. Also laßt Signal geben!"

 

 

        "Gordolo! Gordolo! Wach' auf, Gordolo!"

Träge reagierte es auf die Signale in seinem halbintelligenten Hirn.

        "Wer ruft?" fragte das Wesen mit seinen primitiven Gedanken.

        "Ich, Nirbag, der Bote der Finsternis, rufe dich. Komm', du Bestie der nassen Tiefe! Komm' und hol dir reiche Beute, zu der ich dir den Weg weisen will."

 

Gordolo bewegte sich langsam und begann mit trägen Bewegungen seiner gigantischen Tentakel aus der Unterwasserhöhle zu schwimmen, die er seit mehr als einem Jahrhundert als seine Wohnstatt benutzte.

Gordolo war ein Smohrk, ein Exemplar jener Rasse riesiger Meereswesen, die mit primitiver Halbintelligenz ausgestattet waren und zu den gefährlichsten Bestien der Meere  zählten. Diese Art von Wesen war entstanden, als die großen Kriege der ALTEN vorbei waren und ein entsetzliches Erbe zurückgelassen hatten.

Das Äußere eines Smohrks konnte man mit dem eines irdischen Riesenkraken vergleichen, obwohl ein solcher recht harmlos im Vergleich zu einem Smohrk war. Der kugelförmige Rumpf durchmaß fast drei Dutzend Pferdelängen, aus diesem ragten mehrere Dutzend gigantische Tentakel dick wie starke Bäume heraus, die sich zum Ende hin verjüngten. Wie ein häßliches Geschwür saß der ovale Schädel der Bestie am Rumpf, einen mächtigen Rachen mit unterarmlangen Reißzähnen auf weisend. Was einmal zwischen diese furchterregenden Zähne geraten mochte, wurde schlimmer zerfetzt als von zehn scharfen Schwertern. Und dieses monströse Wesen folgte nun dem Ruf des Nirbag, jenem mysteriösen Boten der dunklen Götter, der die Macht hatte, dieser Bestie seinen Willen aufzuzwingen. Getrieben von Beutegier und Mordlust raste der Smohrk jetzt durch die dunklen Tiefen - dorthin, wo sich die Schiffe der Lippier und Hambonen bekämpften.

 

 

Das Wasser schien einen mächtigen Berg auszuspeien, ein schriller ohrenbetäubender Schrei ließ die Luft über dem Meer erzittern. Gigantische Tentakel ragten drohend gen Himmel, um gleich darauf auf eine lippische Galeere niederzusausen, die augenblicklich in Stücke zerbrach.

 

Ruderer, Matrosen und Seesoldaten rangen mit den Wellen, laut gellten ihre Verzweiflungsschreie durch die Nacht, wenn die riesigen Tentakel sie zu Dutzenden ergriffen und in den grauenhaften Rachen der Bestie hineinschoben, dessen mächtige Kiefer rhythmisch schnappten und mahlten. Binnen weniger Augenblicke hatte das Ungeheuer eine ganze Galeerenbesatzung verschlungen.

 

        "Rette sich wer kann! Ein Smohrk! Fort, rettet Euch! Ihr Götter helft, er verschlingt uns alle!"

 

Die lippische Flotte befand sich binnen weniger Augenblicke in völliger Auflösung. Mit vor Todesangst übermenschlicher Anstrengung legten sich die Ruderer in die Riemen, um ihre Schiffe von der gräßlichen Bestie fortzubringen, doch schon umschlangen die Tentakel eine weitere Galeere und zerdrückten sie wie ein rohes Ei.

Wieder wurde eine ganze Besatzung in das bluttriefende Maul des Ungeheuers gestopft und zu blutigem Brei zermahlen, um die unersättliche Gier des Monstrums zu befriedigen.

 

Zwei lippische Kriegsschiffe feuerten mit ihren Kanonen auf die Bestie, doch in der panikerfüllten Hast traf nur eine der steinernen Kugeln. Das Wesen brüllte zwar unter dem Treffer auf, trug jedoch nicht die geringste Verletzung davon. Dafür hieb es jetzt mit noch größerer Wut auf die nächsten Schiffe ein, die nicht schnell genug davonkommen konnten.

Die See um Donnerberg verwandelte sich in ein unbeschreibliches Chaos, in dem das nackte Grauen herrschte.

 

 

        "Bei Godor und seinen Legionen!" entfuhr es Seeritter Barranos, als er mitansehen mußte, wie das Seeungeheuer über seine Flotte herfiel.

 

Ringsumher herrschte heilloses Durcheinander; die meisten Galeeren ruderten in wilder Flucht davon, nur um aus der Reichweite der entsetzlichen Tentakel zu kommen, von denen schon ein einziger genügte, um ein Schiff wie eine Eierschale zu zerquetschen.

 

Barranos sah, daß die bisher hoffnungslos eingeschlossenen Hambonenschiffe nun ungehindert nach Norden davonfuhren, denn niemand stellte sich ihnen jetzt noch entgegen. Die Panik vor dem riesigen Monster ließ die Lippier nur noch an hastige, wilde Flucht denken.

 

Seetribun Tirkinius stolperte fluchend heran.

        "Wir müssen weg von hier!" brüllte er heiser, "sonst zermalmt das Untier auch uns!"

        "Die anderen fliehen nach Südwesten," meinte der Seeritter, "Also folgen wir ihnen. Wenn wir aus dem Gefahrenbereich heraus sind, können wir uns sammeln und erholen. Treibt die Ruderer an. Jeder Mann, der an Deck entbehrlich ist, soll ihnen beim Rudern helfen, damit wir so schnell wie möglich hier verschwinden."

 

 

An den Ufern beiderseits des LIPPE-Deltas standen die von Lord Rikard herangeführten Truppen mit einer Stärke von drei Tausendschaften und bargen die Überlebenden der Seeschlacht, die sich schwimmend zum Ufer retten konnten. Die überlebenden Hambonen wurden sogleich gefangengenommen und gefesselt.

 

Lord Rikard überlegte bereits, ob er sie als "Unfreie" auf den Äckern arbeiten lassen sollte, doch gleich darauf verwarf er diesen Gedanken wieder; er hätte damit nur die lippischen Hofknechte um ihren Broterwerb gebracht. Während er noch grübelte, was mit den Gefangenen geschehen sollte, wurden er und seine Soldaten Zeugen des schrecklichen und zugleich faszinierenden Augenblicks, in dem das gewaltige Ungeheuer wie ein Berg aus dem Wasser emporstieg und sich auf die lippischen Schiffe stürzte.

 

Rikard schien es so, als hätten die Schiffe der Hambonen nur darauf gewartet, denn kurz nach dem Auftauchen des Seeungeheuers ruderten sie wohlgeordnet und zielstrebig nach Norden davon.

 

Inzwischen hatte sich die lippische Flotte nach Südwesten zurückgezogen, während die riesige Bestie immer noch zwischen den Wrackteilen zerstörter Schiffe umhertobte und immer wieder verzweifelt um sich schlagende Männer aus dem Wasser fischte, die das rettende Ufer nicht mehr erreichen konnten.

 

Ohnmächtig mußte Rikard dies mitansehen und in seinem Innern begann sich eine entsetzliche Wut auszubreiten.

 

 

Die Lords Albertin, Manot und Berthon beobachteten auf den Zinnen der Seefestung ebenfalls das grausige Geschehen auf dem Wasser. In ohnmächtiger Wut mußten sie zusehen, wie das Ungeheuer Schiff um Schiff zermalmte und in unersättlicher Gier die im Wasser schwimmenden Schiffbrüchigen einfing und verschlang.

 

        "Ein verdammter Smohrk," knirschte Manot, "Ich dachte, diese Bestien seien längst ausgestorben. So nahe an einer Küste ist noch niemals einer gesehen worden."

        "Vielleicht können wir die Bestie mit unseren Geschützen töten," meinte Albertin, um gleich darauf davonzurennen, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Es dauerte auch nicht lange, dann erzitterten die Mauern unter dem mächtigen Stakkato dröhnender Abschüsse. Sogar die überschweren 'Scharfmetze' feuerten auf das Seeungeheuer. Aber keines der steinernen Geschosse traf sein Ziel. Das halbintelligente Meereswesen hatte die Gefahr sofort erkannt, als die ersten Geschosse neben ihm ins Wasser schlugen. Von da an schwamm es mit atemberaubender Geschwindigkeit hin und her, daß keines der Geschütze es noch zu treffen vermochte, denn mit solcher Schnelligkeit vermochte keine Geschützbesatzung die Kanonen nachzurichten. Einige Male, wenn sich ein paar Kanonen wider Erwarten doch recht nah eingeschossen hatten, tauchte die Bestie einfach unter, so daß ihm die abgefeuerten Geschosse nichts mehr anhaben konnten.

 

Resignierend ließ Albertin die sinnlose Kanonade einstellen. Ratlos sahen sie auf das Wasser hinunter, in dem das Ungeheuer lauerte und nun damit begann, die Felseninsel mit der darauf befindlichen Festung zu umkreisen. Die Menschen auf Donnerberg waren damit vom Festland abgeschnitten, denn kein Boot oder Schiff konnte es jetzt wagen, den Sund zwischen der Insel und dem Festland zu durchqueren.

 

Von der Kriegsflotte war auch keine Hilfe mehr zu erwarten, denn Seeritter Barranos wußte genau, daß er mit seinen Schiffen nichts gegen diesen Giganten des Meeres ausrichten konnte. So hatte sich die lippische Flotte nach Süden in den Hafen von Dorta zurückgezogen. Währenddessen versuchte man auf Donnerberg, das Ungeheuer mit brennendem Pech und Öl zu verbrennen, das von Ballisten auf das Wasser hinabgeschleudert wurde. Aber all diese Versuche blieben ohne sichtbaren Erfolg.

 

 

Lord Rikard, der das Geschehen vom Ufer her beobachtete, erkannte, daß Donnerberg abgeschnitten war und überlegte, was er dagegen tun konnte.

Mit Kanonen war der Bestie nicht beizukommen, und Speere und Pfeile vermochten ihre dicke Schuppenhaut nicht einmal anzuritzen. Auch brennendes Öl auf das Wasser zu gießen, war nutzlos, weil die Bestie dann einfach unter Wasser blieb, bis das Öl verbrannt war.

 

        "Dieses Wesen ist so gut wie unbesiegbar," sprach Rikard zu den Tribunen der drei Tasionen (Tausendschaften), die noch immer an den Ufern warteten.

        "Der Unbesiegbare stirbt nur im Bett oder durch den Giftbecher," zitierte da einer der Offiziere die Worte eines alten Gelehrten.

 

Der Lord horchte ob dieser Worte auf.

        "Gift, sagt Ihr? Das ist die Lösung! Nur mit Gift können wir das Ungeheuer vernichten."

        "Aber wie bringen wir das Biest dazu, das Gift auch zu fressen?" fragte ihn der Tribun.

 

Nachdenklich massierte der Lord mit den Fingern seinen Nasenrücken, und dann gab er jenen furchtbaren Befehl, der ihm den Beinamen 'Schwarzer Lord' einbringen sollte. Denn jener dämonische Keim, den Jarchak ihm auf dem Konzil von Pador in seinen Geist gepflanzt hatte (siehe Band 4), begann sich wieder in ihm zu regen und verwandelte ihn in ein Ungeheuer in Menschengestalt.

 

Mit faunischem Lächeln befahl der Lord von Schwanenwehr:

        "Ergreift die gefangenen Hambonen und nehmt ihnen die Kleidung ab. Dann fesselt sie und bestreicht ihre Körper mit dem tödlichen Gift der Maranblumen. Sobald dies geschehen ist, schlachtet ein paar Ochsen und bespritzt die Gefangenen mit deren Blut. Danach werft die Ochsenkadaver ins Wasser und treibt die Gefangenen hinterher, auch wenn sie noch so sehr um Gnade winseln. Wer sich von ihnen zur Wehr setzen sollte, den laßt einfach niederstechen und seinen Leichnam ins Meer werfen. Wenn die Hambonen erst einmal im Wasser sind, wird das Ungeheuer, angelockt vom Blut der geschlachteten Ochsen, herbeieilen, um die Schwimmenden zu fressen und damit auch das Gift der Maranblumen. Wir haben fast tausend Hambonen gefangen. Wenn der Smohrk alle mitsamt dem Gift hinunterschlingt, wird die Menge wohl ausreichen, um ihm zehnmal den Garaus zu machen."

 

Entsetzt hörten die Tribune die Worte des Lords. Einer versuchte etwas dagegen einzuwenden, doch ein drohend kalter Blick des Lords ließ ihn sofort verstummen. Wortlos salutierten die Tribune und gingen zu ihren Soldaten, um den grausamen Befehl des Lords von Schwanenwehr in die Tat umzusetzen.

 

 

Angestrengt spähten die Lords Albertin, Manot und Berthon zum nördlichen Ufer des LIPPE-Deltas hinüber, wo die dort befindlichen Truppen Flaggensignale setzten, die den Leuten auf Donnerberg zeigten, daß ihnen bald geholfen sei.

 

        "Was mag Rikard vorhaben?" fragte Albertin, doch die anderen zuckten nur mit den Schultern, denn auch sie konnten sich nicht vorstellen, was der Lord von Schwanenwehr gegen die Meeresbestie zu unternehmen gedachte.

 

Dann jedoch konnten sie sehen, wie die Soldaten am Ufer Hunderte von nackten Männer in das Wasser hineintrieben.

        "Schnell, gebt mir ein Fernrohr!" befahl Berthon, worauf ihm Ritter Leondos das seinige gab.

Berthon setzte das Fernsichtgerät ans Auge und spähte damit zum Ufer hinüber.

        "Ihr Götter!" entfuhr es ihm, fassungslos keuchend setzte er das Fernrohr ab und starrte die anderen entsetzt an.

        "Er opfert die gefangenen Hambonen dem Smohrk," kam es fast tonlos über seine Lippen, "Ich weiß nicht, was er vorhat, aber ich kann sehen, daß die Hambonen mit einer Flüssigkeit übergossen wurden - vermutlich irgendein tödliches Gift. Er will den Smohrk umbringen, indem er ihm die Gefangenen zum Fraß vorwirft. Das ist unmenschlich und geradezu bestialisch!"

        "Aber vielleicht ist es wirksam," entgegnete Albertin kaltschnäuzig, "So schlägt Rikard zwei Mücken mit einem Schlag. Es erspart uns die Versorgung der Gefangenen und schafft uns den Smohrk vom Halse. Aber ich muß zugeben, daß mir eine solche Idee erst gar nicht gekommen wäre. Der Dämonenkeim hat Rikard wahrhaftig sehr verändert."

        "Es ist nicht ehrenhaft," flüsterte Manot, "Wie grausam muß ein Mensch sein, der so etwas tun kann."

        "Vergeßt nicht, daß Rikard seit dem Konzil von Pador einen Dämonenkeim in sich trägt," murmelte Berthon, "Dadurch ist er fähig zu solcher Grausamkeit. Vielleicht ist Rikard längst schon ein halber Dämon."

 

Gebannt starrten sie wieder zum Ufer hinüber; sie konnten den Blick nicht abwenden von dem entsetzlichen Geschehen, das sich dort abzuspielen begann.

 

 

 

Die Geschehnisse am Ufer waren kaum mit Worten zu beschreiben.

Erst als die Hambonen nackt und an den Armen gefesselt zum Ufer getrieben wurden, begriffen sie, welches Los ihnen der Lord von Schwanenwehr zugedacht hatte. Sie waren tapfere Männer, doch als sie erkannten, daß sie dem Smohrk geopfert werden sollten, wurden sie von namenloser Angst gepackt. Nackt und waffenlos wie sie waren stürmten sie in wilder Panik und Verzweiflung gegen die lippischen Krieger an, die sie auf das Ufer zudrängten, doch eine undurchdringbare Wand aus Lanzenspitzen senkte sich ihnen entgegen und trieb sie immer weiter zurück.

Viele der Verzweifelten stürzten sich in die stählernen Spitzen; sie wollten lieber durch die Lanzen der Lippier sterben als durch die schrecklichen Zähne des Smohrks. Doch erbarmungslos stampften die lippischen Soldaten über die Toten hinweg und drängten die anderen auf das Ufer zu, welches an dieser Stelle sehr steil abfiel. Schon stürzten die ersten der Unglücklichen das Steilufer hinunter, klatschten ins Wasser und versuchten mit hastigen Schwimmbewegungen wieder auf das rettende Land zu gelangen.

Reihenweise stürzten die Todgeweihten schließlich ins Wasser und begannen in grausiger Angst zu schreien, als das Wassermonstrum schnell näherkam, angelockt durch das Blut der geschlachteten Ochsen. Jetzt wurden auch die letzten Hambonen über den Hang gedrängt; ihnen folgten die Leichen der Niedergestochenen, deren Blut den gräßlichen Smohrk schier zur Raserei trieb.

 

Mit faunisch-grausamen Lächeln ritt Lord Rikard an den Rand des Steilufers und blickte ohne ein Zeichen von Mitleid auf das Gewimmel der schreienden und flehenden Hambonen im Wasser hinunter. Selbst den lippischen Soldaten schauderte es bei diesem Anblick, doch das Herz des Lords hatte sich in Eis verwandelt und das Flehen der Todgeweihten rührte ihn nicht.

 

Das Seeungeheuer fiel über die Schwimmenden her und das Wasser begann sich rot zu färben.

Kaum einer der Todgeweihten überlebte diese Freßorgie, in die das Monstrum aus der nassen Tiefe nun verfiel. Das Gift wirkte erstaunlich schnell; schon kurze Zeit später begann sich das riesige Untier in Krämpfen zu winden. Rasend vor Schmerz peitschten seine gigantischen Tentakel das Wasser und wühlten es auf, dann wurden seine Bewegungen schwächer und hörten schließlich ganz auf. Nach einigen letzten Zuckungen verendete die Bestie, ihr unförmiger Leib trieb noch eine Weile reglos auf dem Wasser und sank dann endlich mit schauerlichem Gurgeln in die nasse Tiefe hinab....

 

 

Ein paar der Hambonen hatten das Massaker überlebt, doch sie konnten sich nicht lange darüber freuen, denn Lord Rikard ließ ihnen bis auf einen kurzerhand die Köpfe abschlagen.

 

Dem letzten noch lebenden Hambonen aber sagte er:

        "Kehrt heim nach Hambonia und berichtet Euren Herren, was hier geschehen ist. Und sagt ihnen, daß fortan kein Hambone mehr mit Gnade rechnen darf, der uns in die Hände fällt. Jeder Hambone oder Cromanon, den wir zu fassen bekommen, wird zu Tode gefoltert, ob er nun Krieger, Handelsmann oder Bauer sei. Sagt dies Euren Herren, damit sie wissen, was es heißt, unseren Zorn auf sich zu ziehen. Ihr habt den Frieden von Pador auf heimtückische Weise gebrochen, und dafür werden alle Hambonen und Cromanons fortan zu zahlen haben, die sich in unsere Reichweite begeben. Und richtet Euren Herrschern zudem aus, daß sie von heute an auf den Tag warten können, an dem ganz Hambonia brennen wird. Nun seht, daß Ihr mir aus den Augen kommt, hambonischer Dreck!"

 

Der Hambone stolperte rückwärts, warf sich herum und rannte wie der Blitz davon, um so schnell wie nur irgend möglich aus der Nähe dieses teuflischen Mannes zu kommen, dessen Wesen an diesem Tag eine erschreckende Wandlung erfahren hatte.

 

 

Auf Burg Südlippia:

        "Glaubt Ihr, daß diese Grausamkeit nötig war?" fragte Berthon, der die unmenschliche Vorgehensweise Rikards offen mißbilligte.

        "Gegen die Cromanons und Hambonen hilft nur noch gnadenlose Härte," erwiderte Rikard kalt, "Erst wenn sie uns fürchten, werden sie endlich Frieden halten. Und das können wir nur noch mit gnadenloser Härte gegenüber all unseren Feinden erreichen. Ich habe in meiner Eigenschaft als Oberherr der lippischen Kriegsflotte befohlen, daß von heute an jedes Schiff aufzubringen und zu durchsuchen ist, wenn es lippisches Seegebiet durchquert. Sobald sich nur ein einziger Hambone oder Cromanon an Bord befindet, soll es sofort versenkt werden. Zudem werden meine Reiter in Zukunft jeden Wagenzug aufhalten und durchsuchen. Wenn sie einen Hambonen oder Cromanon finden, werden die Wagen verbrannt. Auf diese Weise werden wir dafür sorgen, daß es bald kein Schiff und kein Wagenzug mehr wagen wird, lippisches Gebiet zu durchqueren und dabei Reisende aus Hambonia bei sich zu haben. Die Handelsherren der anderen Länder werden solche Reisende deshalb bald wie Aussätzige auf ihren Fahrten meiden, denn allein ihre Anwesenheit wird jedes Schiff und jeden Wagen auf lippischem Gebiet in Gefahr bringen."

        "Vielleicht mag es richtig sein, solche Härte zu zeigen," meinte Berthon, "und doch kann ich nicht umhin, Euch einen Mörder zu nennen, Lord Rikard. Ihr habt gegen die Regeln und Gesetze der Ritterschaft und gegen die Ehre von Kriegern verstoßen. Kein Mann von Ehre würde es wagen, seine Gefangenen auf solche Weise umzubringen. Ihr seid es nicht würdig, ein Ritter der Magischen Rose zu sein!"

        "Nun denn," entgegnete Rikard ungerührt, "Wenn Ihr glaubt, daß ich nicht würdig bin, der Ritterschaft der Magischen Rose anzugehören, dann werde ich von nun an kein Ritter dieses Ordens mehr sein. Doch Lord von Lippia bleibe ich nach wie vor. Als Lord aber bin ich ein Herrscher, und Herrscher haben die Macht, grausam zu sein. Kaiser, Könige, Khane und Fürsten können grausam sein, warum sollte ich es nicht ebenso halten? Ich glaube, daß ich auf diese Weise dem Reich Lippia am besten diene. Entscheidet Euch also, ob Ihr mich weiter als Lord in Eurem Kreise dulden wollt."

        "Recht habt Ihr gesprochen," stellte sich da Albertin auf Rikards Seite, "Die Hambonen werden erst dann Frieden halten, wenn Lippia ein Schreckgespenst für sie geworden ist. Darum bin ich dafür, Rikard freie Hand zu lassen und zudem unsere Streitkräfte zu verstärken, daß wir mächtig genug sind, es mit allen Völkern Eropans aufnehmen zu können."

        "Ihr mögt mir verzeihen," brummte Berthon, "aber dennoch kann ich Rikards Tun nicht billigen. Ich fürchte, daß wir bei den Völkern Eropans am Ende nur grenzenlosen Hass erzeugen und am Ende keine Freunde mehr haben werden. Wie ich jedoch sehe, stehe ich mit dieser Meinung allein. So mag geschehen, was geschehen soll."

 

  

Schon wenige Monde später spürten die eropanischen Nationen die erschreckende Wandlung der lippischen Außenpolitik.

Dutzende von friedlichen Handelsschiffen wurden von lippischen Kriegsgaleeren versenkt, nur weil sich ein Bürger Hambonias an Bord befunden hatte.

Es kam so, wie es Rikard vorausgesagt hatte: Kein Schiff und kein Wagenzug wagte es noch, hambonische Reisende mitzunehmen, wenn sie durch lippisches Gebiet mußten.

 

Das Reich Lippia wurde schon bald zu einem militärischen Schreckgespenst für die anderen Völker, denen nicht entging, daß die Lords ihre Armeen um ein Beträchtliches vergrößerten.

Die Nachbarn Lippias begannen allmählich zu fürchten, daß die Lords mit dem Gedanken spielten, ganz Eropan zu unterwerfen, und ganz so abwegig waren diese Befürchtungen nicht mehr.

 

ENDE

des fünften Bandes.

 

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