Fantasy

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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

 

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Karte von Eropan

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Band  4

 

 

Das Konzil von Pador

 

 

Auf jenem Teil der Welt FATOM; der man EROPAN genannt wurde, schrieb man das 110.Jahr seit Gründung des Reiches LIPPIA.

Der dritte Urbanische Krieg war lange vorbei.

Das ehemalige Reich DELEMA hatte endgültig zu existieren aufgehört.

Die Gebiete westlich der WESSE standen nun unter lippischer Herrschaft und wurden fortan "Lippisch-Delema" genannt, während die Gebiete östlich der WESSE unter hambonischer  Herrschaft standen, regiert von König Urban als Statthalter und Vasall des Hambonischen Reiches.

Westlich des Flusses stand ein sechstausendköpfiges Heer aus delemanischen Freiwilligen, das sogenannte "Delema-Korps"; auf der Ostseite standen hambonische Söldnertruppen unter dem Kommando König Urbans.

Oft wurde das Wasser des Flusses vom Blut erbitterter Kämpfe gerötet, denn noch immer herrschte kein Friede im einstigen Delema. Immer wieder kam es zu Übergriffen, Höfe gingen in Flammen auf, Felder wurden zerstampft und die  Menschen, die nahe des Flusses ihre Heimstatt hatten, litten große Not, wenn die Kriegertrupps beider Seiten in den Grenzscharmützeln aufeinander trafen.

Doch endlich gab es auch für diese Bedauernswerten, die immer wieder zwischen die Mühlsteine der Mächtigen gerieten, ein Hoffnungslicht, das Frieden an der WESSE zu verheißen schien.

Drei der edlen Damen des Reiches Lippia standen auf und forderten Frieden von den Männern.

Sie versuchten zum ersten Male in der Geschichte Lippias, die erbitterten Feinde auf einer Friedenskonferenz zusammenzubringen und zu versöhnen, und damit waren sie die Hoffnung des geteilten delemanischen Volkes.

 

 

Auf der ehemaligen Brandburg, die jetzt Burg Makowe hieß, feierten die lippischen Lords und ihre Ritter ein rauschendes Fest, mit dem die Kürung Lord Berthons und seine Aufnahme in den Clan der Lords gewürdigt wurde.

Lord Berthon war an die Stelle von Lord Michaelis getreten, der im Zweikampf mit dem hambonischen Hochkönig Crishan während des Gemetzels von Delmoda den Tod des Kriegers gefunden hatte.

Michaelis' mumifizierter Leichnam lag nun aufgebahrt in den Tempelkatakomben von Uman, wo er seine letzte Ruhestatt gefunden hatte.

In einfacher, schmuckloser Zeremonie war Berthon in den Kreis der lippischen Herrscher aufgenommen worden, so wie es die uralten Traditionen vorschrieben, doch heute wurde dieses Ereignis im nachhinein fröhlich gefeiert, und alle Edlen des Reiches waren geladen worden.

Auch der Barbarenfürst Willam von Helleb war gekommen, um dem neuen Lord Glück zu wünschen und seiner Freundschaft zu versichern. Aber auch die edlen Damen von Lippia, die Ladies Aneta, Marita, Karina und sogar die Lady Helega, welche nur selten zu solchen Anlässen erschien, waren auf diesem Feste zugegen. Von den ersten Damen des Reiches fehlten an diesem Tage allerdings Stephania von Kolona und Rikana von Romena, die freie Gefährtin Lord Rikards. Letztere weilte derzeit im Süden Eropans bei ihrem Oheim Kaiser Govalsis, dem Herrn des einstmals mächtigen Romenas.

Unter den Rittern wurde gemunkelt, daß es wohl bald zwei Vermählungen geben würde, denn es war bekannt, daß Lord Manot der Lady Marita den Hof machte, während Ritter Manrath die Lady Karina umwarb, welche die Schwester Manots war.

Aber dies stand in einem anderen Buch geschrieben und jetzt gab es für die Ritter nichts Wichtigeres als das Festgelage, auf dem es kühlen Wein und schäumendes Met zu trinken und leckeres Wildbret zu speisen gab, ganz abgesehen davon, daß hier zu munteren Weisen getanzt wurde und man den schönen Tänzerinnen zuschauen konnte.

 

Die Lords hatten sich etwas vom Treiben abgesondert und unterhielten sich über die angespannte Lage an der WESSE im Norden.

     "Ich habe eine Armee von sechs Tasionen (Tausendschaften der lippischen Infanterie) aus delemanischen Freiwilligen ausbilden lassen," sprach Albertin, "Wir nennen sie 'Delemakorps', unsere neue Grenztruppe an der WESSE. Dadurch brauchen unsere eigenen Truppen nicht so weit im Norden stehen, was auch die Unterhaltungskosten für die Streitkräfte senken wird."

     "Ewig kann dieser Zustand aber nicht andauern," meinte Rikard von Schwanenwehr, "Die Hambonenfürsten haben König Urban als Statthalter von Ostdelema eingesetzt und ihm Söldnertruppen unterstellt. Dieser Schwachkopf versucht Teile seiner einstigen Gebiete zurückzugewinnen, indem er immer wieder Söldner über den Fluß schickt, um lippisch-delemanische Gebiete zu besetzen, Bislang ist es allerdings immer gelungen, diese Eindringlinge wieder über den Fluß zu treiben, bevor sie sich verschanzen und festsetzen konnten. Mir juckt es gewaltig in den Fingern, einfach mit starken Truppen überzusetzen und diesem Speichellecker der Hambonen ein paar kräftige Hiebe auf's Haupt zu geben, damit er endlich aufgibt, sein verlorenes Königreich zurückzugewinnen."

     "Warum wollt Ihr denn immer wieder Krieg führen?" fragte da  Lady Aneta, die zu den Männern getreten war und Rikards Worte noch vernommen hatte, "Wäre es nicht besser und auch nutzbringender, für den Frieden zu sorgen? Warum schließt Ihr nicht endlich Frieden mit Hambonia? Ich bin überzeugt, daß Ihr Euch mit den Hambonen verständigen könntet, wenn Ihr nur wolltet."

 

Lord Gregor, der aufgrund seiner verschrobenen Ansichten ohnehin etwas dagegen hatte, daß  Frauen mehr waren als Untertanen ihrer Männer, gab einen absonderlichen Grumpflaut von sich, mit dem er seinen Unwillen über die Worte der Lady ausdrückte, worauf jedoch niemand in der Runde achtete. Gregor gab des öfteren solche seltsamen Laute von sich, was ihm auch den Beinamen "Lord von Grumpf" eingebracht hatte.

 

     "Recht habt Ihr,Lady Aneta," ertönte da die Stimme von Lady Marita, "Aber die Männer denken ja niemals daran, daß Frieden besser und nutzbringender sein könnte als immerwährender, blutiger Krieg und Haß, der die besten Söhne eines Volkes wie ein Moloch verschlingt und ihre Herzen vergiftet, daß kaum noch Wärme darin zu finden ist."

     "Oh ja," hörte man nun auch die Lady Karina sprechen, "Männer glauben immer nur auf die Stimme ihres Verstandes zu hören und lauschen niemals der Stimme ihrer Herzen, die meist ohnehin schon zu Steinen geworden sind."

     "Dann verratet uns, wie es Frieden geben kann," meinte Lord Rikard, "wenn die Feinde nicht davon ablassen, die Grenzen zu bedrängen? Auf Eropan kann es erst Frieden geben, wenn Hambonia vernichtet ist."

     "Warum versucht Ihr nicht, mit den Hambonen zu verhandeln, um einen Vertrag zu schließen, der den Frieden sichert?"warf Aneta ein.

     "Mit den Hambonen kann man keinen Frieden schließen," winkte Manot ab, "Sie sind kriegslüstern und eroberungssüchtig. Ich bezweifle, daß  man überhaupt mit ihnen verhandeln kann."

     "Dann müssen wir Frauen Euch beweisen, daß so etwas durchaus möglich ist!" rief Aneta aufgebracht, "Wir verlangen von Euch, daß Ihr uns gestattet, ein Konzil einzuberufen, zu dem sich alle Fürsten Eropans zusammenfinden, um Verträge auszuhandeln, die allen einen dauerhaften Frieden sichern."

     "Nun denn," meinte Lord Manot, "es soll Euch gewährt sein, wenn auch die anderen Eurem Ansinnen zustimmen."

 

Die anderen Lords überlegten eine Weile, dann nickten sie zustimmend, denn auch sie waren insgeheim der Meinung, daß eine solche Versammlung von Nutzen sein könnte, auch wenn sie nicht so recht an einen Erfolg zu glauben vermochten.

 

     "Wo sollte dieses Konzil stattfinden?" wollte Berthon wissen.

     "Ich stelle meine Festung Pador  zur Verfügung," meinte Lord Gregor brummig, weil er sich nicht mit der Tatsache anfreunden konnte, daß Frauen die Geschicke des Reiches in die  Hand  nahmen, "Sie hat die nötigen Räumlichkeiten und liegt zudem ziemlich in der Mitte von ganz Eropan."

    "Das ist gut," sprach Aneta, "Dann werde ich so bald wie möglich Boten entsenden, die an allen Höfen und Fürstenhäusern verkünden sollen, daß die Ladies von Lippia die Mächtigen Eropans zu einer Zusammenkunft nach Pador einladen."

     "Recht so, edle Dame," ließ sich plötzlich Fürst William vernehmen,  der schon eine Weile neben ihnen gestanden hatte und dem Gespräch gefolgt war, "Ich gebe Euch schon jetzt mein Versprechen, daß ich mit den Edlen von Hellebona nach Pador kommen werde. Ich frage mich jedoch, ob die Hambonen Euch trauen werden und Eurem Aufruf folgen."

     "Das laßt unsere Sorge sein," erwiderte Aneta, "Die Hambonen werden sich unserer Bitte sicher nicht verschließen, denn soviel Vernunft wird es auch bei ihnen geben. Voraussetzung ist natürlich, daß Ihr Lords ihnen freies Geleit zusagt, solange sie auf lippischem Boden verweilen."

     "So soll's geschehen," brummte Lord  Berthon, "Aber ich frage mich mittlerweile, ob wir hergekommen sind, um zu feiern oder um uns die Köpfe heißzureden?"

 

Sie lachten und begaben sich wieder an die reich gedeckte Tafel, wo die anderen Gäste bereits dem Weine eifrig zusprachen.

 

Mißmutig brummte Corius vor sich hin und haderte mit seinem Schicksal.

Seit er von der Kavallerie Lord Rikards seinen Abschied genommen und sich als Leibwächter der Lady Aneta verdingt hatte, kam er kaum noch  zur  Ruhe. Und dabei hatte er sich das Leben als Leibgardist einer angesehenen und beliebten Dame gemütlicher und bequemer vorgestellt. Aber zu seinem Leidwesen war die hohe Dame in letzter Zeit recht aktiv geworden und begann sich in die Reichpolitik einzumischen. Und nun schickte sie ihn auch noch mit einer Botschaft zu den Drachenmeistern, den Herrschern von Hambonia.

 

     ("Ausgerechnet zu den Hambonen mußte sie mich schicken",) dachte er, ("Gerade mich, einen ehemaligen Reiter aus Rikards Kavallerie. Wenn man mich in Hambonia erkennt, hat mein letztes Stündlein geschlagen.")

 

Corius sah zwar in der schmucklosen grauen Rüstung eines freien Söldners nicht wie ein Reiter des Lord Rikard aus, aber er trug deren Zeichen, den Wolfskopf, auf dem rechten Unterarm eintätowiert, und das konnte ihn leicht verraten. Seit Corius über die hambonische Grenze geritten war, wagte er es kaum noch, sein Kettenhemd abzulegen, da er fürchtete, daß jemand aus Zufall den Wolfskopf auf seinem Unterarm erkennen konnte.

Eines stand für den Abenteurer jetzt schon fest: sobald er den Auftrag der Lady erfüllt hatte, würde er sich schleunigst nach einem anderen Betätigungsfeld umsehen, denn schließlich war er ein Krieger und kein Botengänger.

Seit er von Stadt-Lippia aufgebrochen war, waren bereits fünf Tage vergangen. Er hatte in der ersten Nacht in der Festung Pador übernachtet, in der darauffolgenden in der Stadt Herfora, die im hellebonischen Gebiet lag, danach hatte er in der Barbarenfeste Schelo genächtigt, obgleich sie nicht direkt auf seinem Wege lag. In der vierten Nacht schlief er in einem Bauerngehöft zwischen Goban und Cele. Nun aber hatte er das Gehöft schon weit hinter sich gelassen und die Dämmerung brach herein, ohne daß ein ordentliches Nachtlager für ihn in Aussicht war. Er würde diese Nacht wohl im Freien übernachten müssen, was ihm gar nicht behagte, denn er kannte das Land nicht und wußte nicht, ob es hier nicht vielleicht herumstreifende Räuberbanden gab, die einen einsamen Reisenden als willkommene Beute ansehen mochten. Am besten war es wohl für ihn, die Nacht durchzureiten und stattdessen am Tage in irgendeiner Herberge den versäumten Schlaf nachzuholen.

 

     "Hoffentlich fallen mir nicht vorher die Augen zu", brummte Corius im Selbstgespräch, "Ich fühle mich jetzt schon müde wie ein alter Hofhund."

 

Aber da richtete er sich überrascht im Sattel auf.

Holla, da waren ja Lichter vor ihm zu sehen! Sollte er doch noch ein sicheres und vernünftiges Nachtlager bekommen?

Er wollte sein Pferd zu einer schnelleren Gangart antreiben, aber das Roß war schon den ganzen Tag fast ohne Pause gelaufen und war nun durch nichts mehr zu bewegen, sein Tempo zu erhöhen.

Die Lichter vor ihm schienen von einem kleinen Dorf zu stammen, soviel konnte Corius bereits erkennen.

Als es bereits kühler zu werden begann und es schon so dunkel war, daß er sogar den Kopf seines Rappen nur noch als dunklen Schatten sah, erreichte er das Dorf und lenkte sein müdes Roß zwischen die ersten Hütten. Einige Gestalten in ärmlicher Kleidung schlurften an den Hüttenwänden entlang; ein paar warfen ihm scheue Blicke zu.

Corius hatte den Eindruck, daß hier berittene Krieger nicht gern gesehen waren.

Alsbald hielt er einen der Dörfler an und fragte ihn, wo er eine Herberge für die Nacht finden könne und in welchem Dorf er sich befinde.

     "Ihr seid hier in Stote," erwiderte der Mann, "und eine Herberge findet Ihr am Ende der Straße. Doch Ihr solltet Euch vorsehen, denn in der Schenke sind heute einige Söldner eingekehrt, die man aus dem Heer ausgestoßen hat. Sie suchen Streit mit jedem, der sich von ihnen herausfordern läßt. Und scheint mir ein Mann zu sein, der einem Streit nicht aus dem Wege geht."

     "Gibt es denn keine andere Herberge hier in Stote?"

     "Nein, Fremder, hier gibt es nur diese eine Schänke."

Der Mann eilte davon, und Corius ritt mit gemischten Gefühlen auf die Herberge zu, vor deren Eingang eine Öllampe ihr trübes Licht auf die ungepflasterte Straße warf.

Als er seinen Rappen vor dem Eingang zügelte, schlurfte ein steinalter Knecht aus einem niedrigen Stall neben dem Wirtshaus heran.

     "Wollt Ihr hier nächtigen, Krieger?" fragte er mit einer Stimme, die an das Quietschen rostiger Türangeln erinnerte.

     "Das habe ich vor," erwiderte der Lippier,"Wenn Ihr der Stallbursche seid, so stellt bitte mein Pferd unter und versorgt es."

Er warf dem Alten einen Silbertaler in die offengehaltene Hand und stieg steif aus dem Sattel.

Während der Alte das Pferd wegführte, trat Corius in den Schankraum.

Warmer Dunst schlug ihm wie feuchter Atem entgegen, Geruch von Braten und Wein stieg ihm in die Nase. Schnell ließ Corius seinen Blick durch den Raum wandern und nahe jede Einzelheit auf. Als er noch ein kleiner Taschendieb in Kolona gewesen war, hatte ihm einer der älteren Zunftbrüder einen guten Rat gegeben, den er immer befolgt hatte: "Wenn du in einen fremden Raum trittst, so schau' dich immer nach einer Fluchtmöglichkeit um und achte darauf, immer den ganzen Raum im Auge zu haben."

 

Mit dem Befolgen dieses Ratschlages war Corius schon des öfteren gewissen Schwierigkeiten entgangen, besonders, wenn er ein Stelldichein mit einer schönen Dame gehabt hatte, deren Gemahl unerwartet aufgetaucht war. Und zu seiner früheren Karriere als Dieb war es sehr ratsam gewesen, schnell genug verschwinden zu können.

Kaum hatte Corius sich umgesehen, da wußte er bereits, daß es Ärger geben würde.

Im Schankraum saßen drei Soldaten in den Waffenröcken hambonischer Kavalleristen, an denen alle Abzeichen abgetrennt waren. Sie hatten ihre Lanzen und Schilde einfach in eine Ecke geworfen, doch die Schwerter trugen sie an ihren Waffengurten. Sie hatten offensichtlich schon eine ganze Menge getrunken, denn auf und neben dem Tisch, an dem sie saßen, standen oder lagen bereits eine nicht gerade unbeträchtliche Anzahl leerer Amphoren.

Was Corius am meisten beunruhigte, war der Anblick des Wirtes, der regungslos vor seiner Schanktheke am Boden lag. Offenbar war er von den Kerlen niedergeschlagen worden.

Zwei hübsche junge Frauen saßen auf den Knien zweier Söldner, und daß sie dort nicht freiwillig saßen, zeigten ihre zerrissenen Kleider und ihr vergebliches Bemühen, sich aus dem harten Griff der Männer zu befreien.

Corius hatte es noch nie leiden können, wenn Frauen von Männer mißhandelt oder ohne Achtung behandelt wurden, und diese Kerle waren ihm allein schon von Anblick her zuwider.

 

     "Gibt es in Hambonia keine Männer, die sich Frauen gegenüber gebührlich benehmen können?" fragte er mit ätzendem Hohn in der Stimme, "Mir scheint, daß hier nur hechelnde Bastarde zu finden sind."

 

Zuerst starrten sie ihn nur entgeistert an, überrascht darüber, daß es ein einzelner Mann wagte, sie zu beleidigen. Dann aber zog ein breites Grinsen über ihre von Wein und Met geröteten Visagen; langsam standen sie auf und zogen mit betont lässigen Bewegungen ihre Langschwerter aus den Metallscheiden.

     "Willst du dich mit uns anlegen, Bursche?" blaffte einer den Lippier wie ein kläffender Hofköter an.

     "Nun", grinste Corius ihn an, während ein raubtierhaftes Glitzern in seinen Augen aufglimmte, "Ich bewundere euren Mut, mit einer so kleinen Schar von nur drei Männern zwei Frauen zu bezwingen. In Hambonia gibt es wirklich sehr tapfere Krieger, wie es mir euer Beispiel deutlich zeigt."

 

Sein beißender Spott wirkte auf die Söldner wie ein rotes Tuch auf einen gereizten Stier. Wütend knirschten sie mit den Zähnen und starrten ihn mordlüstern an.

     "Schöpfe lieber noch einmal tief Luft, bevor dir meine Klinge die Gedärme zerfetzt", zischte der Wortführer wutbebend.

 

Im nächsten Augenblick griffen sie den Lippier an, der inzwischen ebenfalls das Schwert gezogen hatte. Corius parierte gekonnt ihre ersten Hiebe, dann sprang er hurtig zur Seite, ergriff eine volle Weinamphore und schleuderte sie dem nächststehenden Angreifer mit solcher Wucht an den Schädel, daß dieser besinnungslos zu Boden stürzte. Aber noch immer hatte er zwei Männer gegen sich, die mit ihren Schwertern umzugehen wußten. Allerdings waren sie vom reichlichen Weingenuß schon ziemlich benommen und waren nicht mehr imstande, sich so schnell und sicher zu bewegen wie Corius, der wie ein Derwisch zwischen den Tischen umhersprang, um ihren wilden Hieben auszuweichen. Dann stieß einer der Söldner mit voller Kraft zu, um ihm die Klinge in den Leib zu rammen. Corius konnte sich gerade noch mit einer blitzschnellen Drehung zur Seite retten, die Schwertspitze drang neben ihm fast eine Handbreit tief in die hölzerne Wand ein. Fluchend und schwitzend zerrte der Mann am Griff, um die Waffe wieder freizubekommen - im nächsten Augenblick rollte sein Kopf über die Bodendielen, von der sausenden Klinge des Lippiers vom Rumpfe abgetrennt.

Der andere Söldner, durch einen Tisch von Corius getrennt, wollte um das Möbelstück herum und sich brüllend auf den Lippier stürzen, doch dieser sprang behende ein paar Schritte zurück, faßte seine Schwertklinge in der Mitte und warf die Waffe wie einen Speer. Die stählerne Klinge durchbohrte dem Hambonen die Brust unterhalb des Schlüsselbeins, so daß er haltlos hintüber stürzte und reglos liegenblieb.

Nun jedoch kam der von der Amphore niedergeschlagene Mann wieder zu Besinnung und rappelte sich hoch, das Schwert fest umklammert. Corius, der sein eigenes Schwert nicht mehr rechtzeitig erreichen konnte, warf jetzt sein langes Jagdmesser nach ihm. Der Mann starb auf der Stelle, als ihm der blitzende Stahl ins rechte Auge drang und sein Gehirn durchbohrte.

Schweratmend zerrte Corius seine Waffen aus den Leichen, wischte sie an deren Kleidung ab und steckte sie wieder in ihre Lederscheiden zurück.

     "Ich danke Euch, Fremdling," ertönte die Fistelstimme des Wirtes, der in der Zwischenzeit wieder zu sich gekommen war, "daß Ihr mich von diesen üblen Raufbolden befreit habt. Man hat sie aus dem Heer ausgestoßen, dann haben sie meine Herberge heimgesucht. Sie sind schon seit zwei Tagen hier und drangsalieren das ganze Dorf."

     "Dann gehörten die Kerle also nicht mehr zu den regulären Truppen?" wollte Corius wissen.

     "Nein, es waren nichts weiter als üble Freischärler, die man mit Schimpf und Schande aus der Festung Goban hinausgejagt hat. Nach ihnen wird kein Hahn mehr krähen, wenn ich sie erst einmal hinter dem Hause verscharrt habe."

     "Ich bin sehr erleichtert, daß sie nicht mehr zur regulären Armee gehörten," meinte Corius, "denn sonst wäre ich jetzt ein Geächteter."

     "Darüber macht Euch keine Sorgen," brummte der Wirt, während er einen der Toten packte und zum Hinterausgang schleifte, "Ich bin froh, daß ich diese üblen Halunken los bin. Und es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr mein Gast sein wolltet. Es soll Euch an nichts fehlen, ohne daß es Euch auch nur ein Kupferstück kosten soll."

Das ließ sich Corius natürlich nicht zweimal sagen und langte kräftig zu, als ihm die beiden hübschen Wirtstöchter Speise und Trank auftrugen. Die beiden hatten sich neue Kleider angezogen, doch es war nicht zu übersehen, daß sie auf raffinierte Weise bemüht waren, den Lippier auf ihre körperlichen Vorzüge aufmerksam zu machen. So waren bei der Jüngeren mit dem Namen Merina die Kleidverschnürungen vor den Brüsten recht lose gebunden, während ihre Schwester Rekinea des öfteren ihr Kleid im Sitzen scheinbar unbeabsichtigt hochzog und ihm einen appetitlichen Blick auf ihre wohlgeformten Schenkel gönnte. Die Absichten der beiden waren nicht schwer zu erraten.

Corius war alles andere als ein Kostverächter und den Reizen schöner Frauen hatte er noch nie widerstehen können. So kam es, daß die beiden ihn zu vorgerückter Stunde auf sein Zimmer begleiteten, wo sie bis zum Morgen blieben.....

 

 

Bei Sonnenaufgang saß Corius bereits wieder im Sattel und ritt weiter nach Norden, obwohl er sich aufgrund der recht strapaziösen Nacht noch sehr müde und zerschlagen fühlte. Aber obgleich ihm der versäumte Schlaf ziemlich fehlte, fühlte er darüber nicht das geringste Bedauern.

 

Corius ritt östlich von Elomi zum Dorf Munsar, übernachtete dort und zog tags darauf weiter nach Haborg. Dort überquerte er mit einem Flößer die ELEBE, eilte ohne Aufenthalt an der mächtigen Festung Hammaburg vorbei nach Hamborna, der Hauptstadt des hambonischen Reiches.

Bevor er sich dort jedoch um eine Audienz beim Hochkönig Crishan bemühte, kehrte er zunächst einmal in eine Schenke ein, um sich mit gutem Trunk und schmackhafter Speise zu stärken.

Am Nebentisch saßen ein paar Kaufleute aus dem südlichen Idara, die sich über die politischen Entwicklungen im Süden Eropans unterhielten, was Corius interessiert lauschen ließ.

So vernahm er, daß der Großkhan Arrios von Bayan die Länder Imai und Wenos erobert hatte und jetzt Krieg gegen Romena führte. Imai und Wenos hatten sich allerdings ohne Gegenwehr unterworfen.

Damit war das Land Bayan bereits das größte Reich des Südens und es war nur eine Frage der Zeit, bis Romena unterlag und sich der Großkhan gegen Korlita wandte.

Die Männer aus Idara waren einhellig der Meinung, daß der Großkhan den ehrgeizigen Plan hegte, die gesamten Länder des eropanischen Südens unter seiner Herrschaft zu vereinen.

Corius hörte aus den Worten der Idarier allerdings deutlich heraus, daß sie die Pläne des Großkhans befürworteten und aus ihren Ansichten kein Hehl machten.

Der Lippier fand dies alles höchst interessant, denn nun war es möglich, daß in absehbarer Zeit im Süden eine neue Macht entstand, die direkt an die südlichen Grenzen Lippias stieß. Die Lords würden dies wohl nur sehr ungern sehen.

Aber das war nicht sein Problem.

Also zahlte er seine Zeche mit hambonischen Drachenscheiben und machte sich auf den Weg, um in der Zitadelle von Hamborna um eine Audienz mit Hochkönig Crishan zu bitten.

Er hatte Glück, denn Crishan weilte derzeit in Hamborna und gab, gerade als Corius eintraf, eine Audienz für eine Abordnung der bürgerlichen Stände, die ihm ihre Nöte vortrugen. Corius wurde daher nicht aufgehalten, als er schnurstracks durch das Eingangsportal in den Audienzsaal eilte.

Mit einem Blick überflog er den mit Menschen gefüllten Saal, sah den König auf einem Thron am Ende der Halle sitzen und grübelte, wie er am schnellsten zu ihm vordringen konnte. Die Lösung schien ihm jedoch einfach zu sein.

Er wandte sich an einen Gardesoldaten in goldener Rüstung und erklärte ihm, daß er ein Bote aus dem lippischen Reich sei.

Doch der Goldgerüstete grinste nur spöttisch und erwiderte:

     "Bürger, wenn Er glaubt, Er könne sich mit diesem Schwindel vordrängen, so täuschet Er sich gewaltig. Warte Er gefälligst, bis Er an der Reihe ist."

Da trat Corius näher an den Soldaten heran.

     "Ihr seid also nicht geneigt, mir zu glauben?" flüsterte er, so daß die Umstehenden es nicht hörten, "Dann seht dieses Zeichen."

Mit den letzten Worten zog er den rechten Ärmel seines Kettenhemdes ein wenig hoch, so daß der Wächter das Wolfsmal auf seinem Unterarm sehen konnte.

Wie gebannt starrte der Krieger auf das Zeichen der in ganz Hambonia verhaßten 'Rikardschen Wölfe'; unwillkürlich tastete seine Rechte nach dem Griff seines kurzen Schwertes.

     "Ihr seid tatsächlich aus Lippia," murmelte er, "Wer sollte es auch sonst in Hambonia wagen, dieses verdammte Zeichen zu tragen. Also folgt mir, ich bringe Euch zum Herrscher."

Der Soldat bahnte sich einen Weg durch die Menge, gefolgt von Corius, bis sie beide vor dem Thron des Hambonenkönigs standen. Crishan schaute den Soldaten unwillig ob der Störung an.

     "Was wollt Ihr, Krieger?"

     "Hier ist ein Bote aus Lippia, der Euch angeblich eine wichtige Botschaft überbringen soll. Er trägt das Zeichen von Rikards Wölfen."

Kaum hatte der Krieger den letzten Satz ausgesprochen, da senkten die Wachen neben dem Thron ihre Lanzen und richteten sie drohend gegen Corius.

     "So redet, Mann aus Lippia," forderte Crishan ihn auf, "und sagt mir, was Euch hergeführt hat."

     "Ich bin ein Bote, der in Frieden gekommen ist," antwortete Corius und wies mit verächtlicher Gebärde auf die drohenden Lanzenspitzen vor seiner Brust, "Aber seit wann ist es im Reich der Hambonen und Cromanons Sitte, einen Boten solcherart zu bedrohen?"

     "Tretet zurück!" befahl Crishan den Wachen ärgerlich, die seinen Worten sogleich Folge leisteten.

"Nun sagt, welche Botschaft Ihr mir zu überbringen habt, Lippier!"

Corius griff unter sein Lederwarns und zog eine Pergamentrolle hervor, die er schnell entrollte. Dann las er mit lauter Stirnrne die Botschaft der Hohen Frauen Lippias vor:

 

     "Edle Beherrscher des hambonischen Reiches, Könige über die Völker der Hambonen und Cromanons, vernehmet unsere Botschaft.

Wir, die hohen Damen des Reiches Lippia, laden Euch, die Herrscher von Hambonia, mit all Euren Edlen zu einem Friedenskonzil nach Pador ein. Die Lords von Lippia haben im Namen von Godor, unserer obersten Gottheit, und bei der Ehre unseres heiligsten Symboles, der 'Magischen Rose', geschworen, all denen, die zum Konzil von Pador kommen, freies und sicheres Geleit zu gewähren, solange sie den Frieden nicht brechen.

So bitten wir, die Damen von Lippia, Euch, die Herren von Hambonia, daß auch Ihr nach Pador kommen möget, damit nach so vielen Jahren blutigen Kampfes endlich über einen dauerhaften Frieden zwischen unseren Völkern verhandelt werden kann. Wenn auch Ihr den Frieden wollt, Ihr Herren von Hambonia, so kommt nach Pador und bringt, sofern es Euch beliebt, auch die Edlen Eures Hofes und kundige Berater rnit.

Das Konzil von Pador soll in drei Monden beginnen. Ihr sollt in Frieden empfangen werden und unbeschadet wieder von dannen ziehen können.

Geschrieben zu Stadt-Lippia, zur Zeit des vierten Mondes im Jahr des Meeres.

 

Corius rollte das Pergament wieder zusammen und reichte es dem Hambonenkönig, der es fast geistesabwesend entgegennahm. Sinnend starrte Crishan vor sich hin und dachte über die soeben gehörte Botschaft nach.

     "Wie lautet Eure Antwort, König der Hambonen?" fragte ihn Corius.

     "Ihr müßt Euch schon gedulden, bis Ich Euch eine Antwort geben kann," meinte Crishan, "denn ich muß noch nach Kaltekima schicken, um von König Harnok zu erfahren, was er von diesem Ansinnen hält. Bis dahin bleibt hier in Hamborna und seid mein Gast."

     "Ich bedanke mich für Eure Großzügigkeit," sprach Corius, während er sich verneigte.

Am sechsten Tag seines Aufenthalts überreichte ein Offizier der Goldenen Garde Corius eine versiegelte Pergamentrolle.

     "Hier ist die Antwort unserer Könige an die hohen Damen von Lippia," sprach der Krieger, "Es ist der ausdrückliche Wunsch meiner Herren, daß nur die hohen Damen selbst das Siegel brechen dürfen, um die Antwort zu lesen."

 

Ohne sich noch weiter unnütz in Hamborna aufhalten zu lassen, packte Corius noch in derselben Stunde seine Sachen, sattelte sein Pferd und ritt gegen Mittag zur Stadt  hinaus. Mit fliegenden Hufen trug in sein Pferd nach Süden, heim nach Lippia.

 

Die lippischen Damen hatten sich auf Burg-Akaze versammelt, nachdem Corius die Antwort aus Hambonia überbracht hatte. Von den Lords selbst war derzeit keiner zugegen, denn Manot weilte auf seiner Burg Südlippia, Berthon hielt sich auf Burg-Makowe auf, Albertin war in der Festung Delemund und Lord Rikard war erst am Vortage zu seiner Festung Schwanenwehr im Norden aufgebrochen. So waren die hohen Frauen des Reiches unter sich, als Lady Aneta die Antwort der hambonischen Könige vorlas:

 

     "Edle Damen von Lippia!

Wir, die Könige von  Hambonia, Herrscher über die Völker der Cromanons und Hambonen, entbieten Euch unseren geneigten Gruß und senden Euch unsere Ehrerbietung. Es gereicht Euch zur Ehre, daß Ihr Euch um den Frieden auf Eropan bemüht, was den Lords von Lippia wohl bislang nicht erachtenswert erschienen ist. Auch wir sind an einer friedlichen Lösung unserer Zwistigkeiten interessiert und werden mit unseren Edlen nach Pador kommen, im Vertrauen auf Euer Wort, mit dem uns freies Geleit zugesichert wurde. Aber wir werden auch König Urban, den Statthalter unserer  delemanischen Gebiete, mit nach Pador bringen, denn auch er hat ein Recht darauf, in Pador seine Stimme zu erheben, wo doch die Lords von Lippia ihm den größten Teil seines einstigen Königreiches geraubt haben, so daß er sich unter unseren Schutz stellen mußte. Der von Euch entsandte Bote verriet uns, daß auch die Fürsten von Hellebona in Pador zugegen sein werden, was wir als Zeichen dafür betrachten, daß Lippia kein falsches Spiel zu spielen trachtet, denn die hellebonischen Barbaren sind ehrlich bis in den Tod und würden solches Ungemach gewiß nicht zulassen. Also werden wir zur genannten Zeit in Pador sein, in der Hoffnung, daß wir dort zu einer Einigung kommen werden, die den Völkern Eropans einen dauerhaften Frieden bringen wird.

Geschrieben und gesiegelt zu Hamborna,

 

     "Die Hambonen werden also kommen," stellte Karina fest, "Dann gibt es auch Hoffnung auf einen dauernden Frieden."

     "Ich werde Boten aussenden zu den Fürsten von Hellebona, um ihnen kundzutun, daß die Hambonen kommen werden. Und auch die Lords sollen erfahren, daß ihre vermeintlichen Todfeinde ebenfalls den Frieden wünschen!" rief Aneta hocherfreut, und sich an den wartenden Corius wendend fuhr sie fort: "Und Euch, getreuer Corius, will ich reich belohnen. Von nun an sollt Ihr mein Vertrauter sein, der mir mit seinen Fähigkeiten zur Seite steht."

     "Es stimmt mich zwar froh," sprach Corius verlegen, "solches Lob aus Eurem Munde zu hören, und es betrübt mich zutiefst, daß ich Euer Angebot nicht annehmen kann. Aber ich bin nun einmal zu der Ansicht gelangt, daß ein Krieger und Abenteurer wie ich sich nicht dazu eignet, im Dienste einer vornehmen Dame zu stehen. Ich liebe das Abenteuer, und solcherlei werde ich in Euren Diensten nicht finden können. So bitt' ich um Vergebung, wenn ich mich nun aus Euren Diensten verabschiede und in den Süden nach Romena ziehe, um dort dem alten Kaiser Govalsis Arm und Schwert zu leihen gegen den Großkhan Arrios von Bayan. Laßt mich also ziehen, edle Lady, ohne daß Ihr Groll gegen mich hegt."

     "Ach Corius!" rief Lady Aneta bestürzt, "Ist Euch der Krieg und der Tod lieber als ein Leben in Frieden? Habt Ihr denn in Rikards Diensten nicht genug gekämpft und getötet? Ich werde niemals verstehen, was Männer wie Euch dazu verleitet, immer wieder den Kampf zu suchen, und vielleicht will ich es auch nicht verstehen. Aber ich will Euch nicht festhalten in meinen Diensten, darum werde ich Euch gehen lassen und Euch Euren verdienten Lohn bezahlen. Geht nur nach Romena zur blutigen Walstatt und lebt das Leben eines Krieges, das Tag für Tag vom Tode beschattet wird. Ich bedaure Euren Entschluß, aber dennoch werden meine besten Wünsche Euch begleiten."

 

So kam es, daß Corius, ehemaliger Kavallerist der "Rikardschen Wölfe" und jetzt freier Söldner, nach Süden zog, um für den Kaiser von Romena gegen den Großkhan von Bayan zu kämpfen, welcher offenbar versuchte, im Süden Eropans ein neues Großreich für sich zu erobern.

 

 

Schweigen herrschte in den gewaltigen unterirdischen Tempelkatakomben von Uman, die geweiht waren den Göttern der oberen Welt, die MAHRHY-THAYR genannt wurde. Hier war das Reich der Weisen von Uman, den Priestern von Godor, dem Gott der Götter, der ihnen Wissen gab und die Macht des magischen Geistes. Hier waren die gigantischen Archive mit endlosen Reihen alter und neuer Schriftsammlungen, die nahezu alles Wissen vergangener und bestehender Zeiten enthielten. Hier fand man uralte Schriften aus dem Reich Kamaraan, das vor über tausend Jahren die halbe Welt beherrscht hatte, als Eropan und Asani noch ein Kontinent waren und das mächtige Atalanenreich sich bereits im Niedergang befand. Hier fand man das Wissen der großen Magier und Könige Kamaraans aus jener Zeit, bevor die Drachen sich erhoben und die Menschen besiegten, als die Insel Luma aus den Fluten des Südmeeres stieg. Die alten Schriften wußten zu erzählen, wie damals die Menschen von den Drachen unterjocht worden waren, bis auf jene, die über das Große Meer geflohen waren und ein neues Reich auf El-Mariga errichtet hatten, jenem sagenhaften Kontinent, von dem man auf Eropan nur aus alten Sagen wußte. Sogar hier in den Katakomben von Uman, tief in der Erde verborgen, fand man nur eine einzige Schrift über El-Mariga, die jedoch niemand mehr zu lesen verstand. Es gab hier zudem unzählige Schriften der Drachen, die Eropan und Asani jahrhundertelang beherrscht hatten, bis Götter und Dämonen sich in einer großen Schlacht bekämpften, in der Eropan und Asani gespalten wurden und fortan zwei Kontinente bildeten. Die Götter siegten über die Dämonen und nahmen deren Vasallen, den Drachen, ihre Fruchtbarkeit, daß sie bald schon bis auf einige wenige ausstarben und sich der Mensch neu erheben konnte, um die Welt zu beherrschen. Dies alles war nun schon fernste und dunkle Vergangenheit und nur die Schriften von Uman zeugten noch von den Geschehnissen der alten Zeit.

Und hier, in den Gewölben der heiligen Stätten, wo die Edlen und Helden Lippias zur letzten Ruhe gebettet wurden, lebte Graf Ingor, der einstige Reichverwalter von Delema, nun schon seit zwei Jahren, seit er auf seinem Bußgang aufgrund des Urteils der Lords nach Uman gekommen war. Hier hatte er vieles von den weisen Philosophen gelernt, er erfuhr vieles über die Geschichte der Welt Fatom, und er lernte, daß jeder Mensch, gleich welchen Ranges er war oder welcher Herkunft, ein Recht auf Anerkennung seiner Würde hatte, und daß es niemandem zustand, andere zu unterdrücken und zu drangsalieren. Kein Volk durfte sich anmaßen, höher zu stehen als ein anderes; der Starke mußte dem Schwachen helfen, der Reiche dem Armen geben, so war es der Wille der Götter, und so lehrten es die Weisen von Uman. Dieses und vieles mehr lernte Ingor in Uman, und er mußte eingestehen, welche Fehler er begangen hatte, als er im Dienst eines Tyrannen gestanden hatte.

Doch nun war seine Läuterungszeit in Uman vorüber und es wurde ihm erlaubt, fortzugehen nach Lippisch-Delema, wo ihn neue Aufgaben erwarteten, in denen er sich bewähren konnte, um die Schuld vergangener Jahre wiedergutzumachen.

 

     "Warum habt Ihr Graf Ingor aus Uman zurückholen lassen, Albertin?" fragte Lord Rikard, der darüber  alles andere als erfreut war.

     "Ich will ihn zum Statthalter von Lippisch-Delema ernennen," lautete Albertins Antwort.

     "Ist das denn nicht schon Graf Rakene?"

     "Nein," meinte Albertin, "Graf Rakene ist der Kommandeur des Delemakorps."

     "Welches Eurem Befehl untersteht," schloß Rikard mit säuerlicher Miene.

     "Ihr selbst habt auf das Oberkommando über die Bundesgenossen verzichtet," lächelte Albertin, "Außerdem wolltet Ihr nur die Verwaltung der delemanischen Gebiete bis einschließlich Wilhema übernehmen. Da ich aber nicht bereit bin, eine so große Provinz allein zu regieren, werde ich diese Aufgabe dem Grafen Ingor übertragen, der selbst ein Delemaner ist und zudem bereits für derlei Dinge aufgrund seines früheren Dienstes unter König Urban recht geeignet erscheint. Ich glaube, durch die Zeit bei den Weisen von Uman ist Graf Ingor ein wenig geläutert worden und wird uns in Zukunft als Verwalter gute Dienste leisten. Graf Rakene behält allerdings weiterhin das Kommando über die sechstausend Mann des Delemakorps und ist nur mir unterstellt. So wird Lippisch-Delema von Delemanern regiert und behält so weitestgehende Eigenständigkeit. Damit ersparen wir uns eine zu große lippische Präsenz in dieser neuen Provinz und beugen damit eventuellen Feindseligkeiten vor. Denn schließlich liebt kein Volk fremde Truppen im eigenen Land."

     "Dann bräuchte ich doch eigentlich nicht die Verwaltung der Gebiete bis Wilhema zu übernehmen," meinte Rikard.

     "Oh nein, mein Freund," lehnte Albertin entschieden ab, "Das ist und bleibt Eure Aufgabe, mit der ich mich nicht zusätzlich belasten will."

     "Teilen wir uns doch die Aufgaben," schlug Rikard vor, "Mir untersteht dann der Statthalter Graf Ingor, und Ihr habt den Oberbefehl über Graf Rakene und das Delemakorps. Ihr kümmert Euch forthin um die Ausbildung und Versorgung der Truppen, und ich übe die Aufsicht über Graf Ingor aus, der dann die Verwaltung von ganz Lippisch-Delema übernehmen kann."

     "Damit wäre ich einverstanden," stimmte Albertin zu.

     "So wären wir uns einig in dieser Sache. Aber ist dieser Graf Ingor auch wirklich zuverlässig genug für eine solche Aufgabe?"

     "Dessen können wir eigentlich sicher sein," meinte Albertin beruhigend, "Ich habe die Weisen von Uman befragt, und diese versicherten mir, daß Ingor vieles in Uman gelernt hat, was auch sein Wesen sehr verändert hat. Nur seinen delemanischen Nationalstolz hat er nicht abgelegt, was aber nur für seine Standhaftigkeit in grundsätzlichen Dingen spricht. So wird er auch dem Volk von Delema nutzen wollen und ihm nicht schaden. Ihr wißt ja, daß die Weisen von Uman einem Menschen tief in die Seele hineinschauen, und sie erkennen immer über kurz oder lang, was sich hinter der äußeren Fassade eines Menschen verbirgt. Auf ihr Wort können wir uns verlassen."

     "Ich weiß," murmelte Rikard nachdenklich, "Mir selbst weissagten die Weisen, daß der Tag kommen wird, an dem ich jeden Edelmut vergesse und grausamer als ein Dämon sein werde. Ich hoffe nur, daß sich die Weisen in dieser Hinsicht geirrt haben, denn allein der Gedanke daran läßt mich schaudern."

     "Werdet Ihr  zur Nacht bleiben?" fragte Albertin.

     "Nein, es wird Zeit, daß ich wieder nach Schwanenwehr zurückreite. In ein paar Tagen reise ich wieder nach Stadt-Lippia, um zu sehen, wie weit die Vorbereitungen für das Konzil von Pador gediehen sind, obgleich ich mir nicht sehr viel davon verspreche."

     "Dann werden wir uns dort treffen," meinte Albertin, "denn ich bleibe nur noch zwei Tage hier in Delemund und reite dann ebenfalls nach Stadt-Lippia. Wir werden sehen, was unsere hohen Frauen inzwischen erreicht haben."

 

 

Helle Fanfarenklänge schmetterten von den wuchtigen Mauern der Festung Pador, die in ihrer Bauweise einzigartig auf Eropan war. Die Eigentümlichkeit Lord Gregors hatte dazu geführt, daß die Festung achteckig gebaut worden war statt viereckig, wie es bei den meisten Festungswerken üblich war. Die einzige Feste, die Pador ähnelte, war die Hammaburg in Hambonia, die man sechseckig erbaut hatte.

Als erste trafen naturgemäß die Lords von Lippia, einige ihrer Ritter und die lippischen Damen in Pador ein, wo man schon alles für die bevorstehende Versammlung der Mächtigen Eropans vorbereitet hatte.

Außer den Lords selbst kamen mit ihnen nach Pador:

die Ritter Gunther von Haman, Bukor von Friedburg, Manrath von Burg Akaze, Togan von Lippburg und Tangerus von Sosena.

Tangerus war erst vor  einem Mond zum Ritter geschlagen worden und an die Stelle des Ritters Scotyr getreten, der auf der Suche nach der Magischen Rose im Höllendschungel von Asani den Tod gefunden hatte.

Mit den Damen, Lords und Rittern kamen noch zwei weitere Männer nach Pador, nämlich der Magier Iljuschy und der Priester Lashine, einer der Weisen von Uman.

Nachdem die Lippier in der Festung eingetroffen waren, dauerte es nicht lange, bis die Turmwachen das Nahen zweier Gruppen meldeten, die eine aus Norden, die andere aus  dem Osten.

 

Die aus dem Norden kommende Gruppe, auf schnittigen Streitwagen fahrend, erreichte das Haupttor als erste. Es waren die Hambonen, von denen die Könige Crishan und Harnok, Graf Cranos von Hammaburg, Baron Göros von Flotmor, Baron Borma von Dunnebor und zuguterletzt auch König Urban, der jetzige Statthalter von Hambonisch-Delema, nach Pador gekommen waren.

Außerdem war ein Fremder bei ihnen, dessen auffallendes silberweißes Haar und die bronzene Hautfarbe verriet, daß er  aus Normia stammte, dem nördlichsten Teil Asanis, den bisher nur wenige Menschen aus den eropanischen Ländern kannten.

Mißtrauisch beäugten die lippischen Gardisten den Normier, der eine beeindruckende Art von Würde und Macht aufstrahlte. Wie ein König schritt er zwischen den Fürsten Hambonias einher, als diese in den Versammlungssaal traten, wo der Zeremonienmeister laut ihre Ankunft verkündete.

Kurz darauf trafen auch die Hellebonen ein. Von ihnen kamen die Fürsten William von Helleb und Erlok von Twerene sowie der Herzog Ragnar von Kasselon, das auch Chassalla genannt wurde.

Schon wollte Lady Aneta die Konferenz feierlich eröffnen, da eilte Ritter Hogni, seines Zeichens Kommandant der Festung Pador, in den Saal und verkündete, daß noch weitere Gäste kämen.

Einer dieser Neuankömmlinge war Graf Rakene, der Feldherr des Delemakorps, doch über das Kommen der anderen wunderte man sich ein wenig, da jene kaum etwas mit dem Konflikt zwischen Hambonia und Lippia zu tun hatten.

Es waren Khan Eburon von Kobali und der Khan Sabinus von Idara, deren Erscheinen solche Verwunderung auslöste.

Aber noch ein weiterer Gast trat in den Saal, welcher niemand anderer war als Häuptling Olsin, Herr der Piraten von der Insel Helgona, die der Bucht von Mesana im Nordmeer vorgelagert war.

 

Als der Piratenfürst in den Saal trat, sprang König Crishan erregt auf und rief erbost: "Wie kann man es dulden, daß dieser ehrlose Seeräuber herkommen darf? Ich verlange, daß man ihn in Ketten legt und hinausschafft. Sein Anblick beleidigt mein Augenlicht''

     "Mäßigt Euch, Hochkönig Crishan," fiel ihm da Lady Aneta energisch ins Wort, "Wir versprachen jedem freies Geleit, der nach Pador gekommen ist. Euretwegen werden wir unser Wort nicht brechen."

 

Der Piratenfürst lachte dem Hambonenkönig verwegen ins Gesicht.

     "Ihr platzt wohl bald vor Wut, weil ich Eure Handelsschiffe nicht ohne Zoll aus der Bucht von Mesana herauslasse, nicht wahr? Aber tröstet Euch, Eure Schiffe sind nicht die einzigen, die uns den zehnten Teil ihrer Ladung überlassen müssen, wann sie es nicht vorziehen, von uns gekapert oder versenkt zu werden. Jeder hat an uns seinen Wegezoll zu entrichten. Es wäre doch ungerecht, wenn ich bei hambonischen Schiffen eine Ausnahme machen wurde, nicht wahr?"

 

Grinsend setzte sich der Pirat in einen der Sessel, während ihn die Männer aus Hambonia zornig anstarrten.

Auch die Mienen der lippischen Lords schienen leicht säuerlich, als sie an die vielen Zölle dachten, die ihre Kauffahrer bislang schon an die helgonischen Schmarotzer gezahlt hatten. Aber die Insel Helgona mit ihren steilen Felswänden und vorgelagerten Klippen machte jeden Angriff auf die Piraten nahezu unmöglich. Keine Flotte konnte sie dort angreifen, und mit ihren Kanonen beherrschten die Piraten die Meerengen beiderseits ihrer hoch aus dem Meer ragenden Insel, die alle Schiffe passieren mußten, wollten sie in die Bucht von Mesana hinein oder aus ihr heraus. Die lippischen Lords und auch die hambonischen Könige hätten gern die Hälfte ihres Reichsschatzes für den Besitz dieser Insel hergegeben, denn damit hätten sie die gesamte Nordküste unangefochten beherrscht.

 

     "Warum seid Ihr hergekommen, Häuptling Olsin?" wollte Lord Rikard wissen.

     "Ganz einfach," antwortete jener mit breitem Lächeln, "Ich möchte doch zu gern erfahren, wer an die Stelle der delemanischen Kauffahrer treten wird, damit ich weiß, von welchem Reich ich in Zukunft meinen Tribut fordern werde, ohne eine Seite dabei zu übervorteilen."

 

Lautes Lachen erklang daraufhin von selten der Barbaren aus Hellebona. Dieser Piratenfürst schien ein Mann nach ihrem Geschmack zu sein.

 

     "Und warum seid Ihr nach Pador gekommen?" fragte Lady Marita nun die Herrscher von Kobali und Idara.

     "Wir kommen im Auftrage des Großkhans Arrios von Bayan, dem zukünftigen Herrn der vereinten Südreiche," antwortete Khan Eburon von Kobali.

     "Im Auftrage des Großkhans?" wunderte sich Lord Manot, "Seid Ihr nun zu dessen Lehensleuten geworden?"

     "So ist  es," nickte Sabinus von Idara, "Wir sind Gefolgsleute und Bundesgenossen des Großkhans geworden. Nun  sind wir hier, um zu erfahren, wie die Geschicke von Lippia und Hambonia in Zukunft aussehen werden. Denn wir glauben, das dies auch die Zukunft des Südens beeinflussen wird.'

     "Steht auch Romena schon unter der Herrschaft des Großkhans?" fragte Lord Rikard, der sich Sorgen machte um Rikana, seiner freien Gefährtin, die derzeit bei Kaiser Govalsis weilte, ihrem Oheim.

     "Nein, Lord Rikard," antwortete Eburon, "noch wehrt sich Kaiser Govalsis in seiner Verblendung gegen die Eingliederung seines Landes in ein vereintes Südreich. Er besteht noch immer  auf seinem kaiserlichen Rang, der ihn über den Großkhan stellen soll, obwohl dieser alte Titel eines Kaisers seit Jahrhunderten längst keine Bedeutung mehr hat, seit Kamaraan unterging."

     "Herrscht jetzt also Krieg in Romena?" wollte Rikard wissen.

     "Kein Krieg, wie Ihr ihn kennt," erklarte Eburon, "Der Großkhan entsendet nur Prediger nach Romena, welche von der großen Idee der Vereinigung des Südens künden, um das romenaische Volk für  diese Sache zu gewinnen. Dies versucht Kaiser Govalsis natürlich zu verhindern; er läßt die Prediger ergreifen und aus Romena hinauswerfen. Aber täglich gehen neue Prediger nach Romena, und einmal wird sich der Kaiser ihren Rufen nicht mehr verschließen können. Dann muß er auf seinen Titel verzichten und sein Land in die vereinten Südreiche eingliedern."

     "Dieser Großkhan von Bayan scheint ein kluger Kopf zu sein," meinte Lord Manot, "Und er scheint auch befähigt, ein großes südliches Reich unter seiner Führung zu vereinen. Aber wo hat Arrios seine Grenzen gesteckt? Denkt er vielleicht daran, irgendwann auch lippische Gebiete zu beanspruchen? Äugen die Südländer nicht schon seit Jahrzehnten nach dem Mont-Gebirge, welches voller wertvoller Bodenschätze ist? Sollte der Großkhan eines Tages ein Auge darauf haben, so mag er sich hüten, denn wir sind es gewohnt, unsere Gebiete wirksam zu schützen. Und wenn Eure Prediger nach Lippia gehen, werden sie als Aufrührer hingerichtet, auch wenn sie ohne Waffen kommen. Richtet dies dem Großkhan aus, damit er weiß, wo seine Grenzen sind bei seinen Plänen für die Zukunft."

     "Ich werde es dem Großkhan ausrichten," erwiderte Khan Sabinus mit unergründlichem Lächeln, "Und Ihr werdet seine Antwort zu gegebener Zeit erfahren."

 

     "Ich glaube," fiel da Lady Aneta in das Gespräch ein, das bereits zu offenen Feindseligkeiten zu führen drohte, "wir sollten uns besser darauf besinnen, daß wir nicht gekommen sind, um über die Geschehnisse im Süden zu reden. Darum bitt' ich Euch, edle Herren, endlich auf den Konflikt zu sprechen zu kommen, der Lippia und Hambonia zu erbitterten Feinden macht und unsere beiden Länder soviel Blut kostet. Wer in diesem Kreise möchte als erstes seine Stimme erheben?"

 

Sofort erhob sich Crishan und verlangte, als erstes sprechen zu dürfen.

     "Das kann lange dauern," sprach Rikard leise zu Gregor, da ihm bekannt war, daß Crishan seine Reden üblicherweise ins Unendliche auszudehnen pflegte.

 

 

Iljuschy, der asanische Magier und Lashime, der Philosoph aus Uman, hatten den Saal verlassen, in dem Crishan noch immer ohne Unterlaß seine endlos scheinende Rede hielt, ohne dabei auf das eigentliche Thema zu kommen. Iljuschy und Lashime waren des Zuhörens überdrüssig geworden und wandelten nun bedächtig den langen Säulengang entlang, der den Versammlungssaal mit dem Ausgang in den inneren Festungshof verband.

     "Dieser Fremde aus Normia gefällt mir nicht," meinte Iljuschy, "Ich bin in den asanischen Steppen geboren und war auch schon in Normia. Dort tragen nur die Zauberer ihr Haar in solcher Tracht und Farbe wie dieser Kothare."

     "Auch ich hege Mißtrauen gegen diesen Mann," stimmte ihm Lashime zu, "Ich glaube sogar, daß er eine geradezu boshafte Ausstrahlung besitzt."

     "Gutes führen die Hambonen sicher nicht im Schilde," meinte Iljuschy, "wenn sie einen Zauberer aus dem düsteren Normia mit nach Pador bringen."

     "Es liegt an uns beiden, die Augen offenzuhalten," sprach der Priester, "denn nur wir haben die Macht, dem Zauberer die Stirn zu bieten."

Gemächlich begaben sie sich wieder in den Saal zurück, wo Crishan endlich auf den Kern seiner Rede zu sprechen kam.

 

     "....Lippische Heere überfielen Delema, wiegelten das Volk gegen den rechtmaßigen König auf und überzogen das Land mit Krieg, Feuer und Tod. Dann legten sie die Festung Delmoda in Trümmer. Nur unter größten Mühen und mit Hilfe getreuer hambonischer Gefolgsleute konnte König Urban ihrer Mordlust entkommen, um nach Hambonia zu fliehen, wo ihm Schutz und Hilfe gewährt wurde. Hier bat er uns um Waffenhilfe gegen die blutrünstigen Eroberer, die wir ihm nicht versagen konnten. Wir haben also dem rechtmäßigen König von Delema geholfen, als wir die lippischen Heere aus dem Östlichen Delema vertrieben und hinter die WESSE verbannten. Aber noch immer ist das Unrecht nicht getilgt, denn noch immer wird Urban das Recht verweigert, über ganz Delema zu gebieten, was ihm nach dem königlichen Erbrecht zusteht."

 

Crishan endete und setzte sich, die Arme vor der Brust verschränkt, dabei den Ausdruck grenzenloser Empörung zu Schau stellend.

 

     "König Crishan hat hier eine schone Mär zum Besten gegeben," begann nun Lord Rikard zu sprechen, "Besser hätte es ein Märchenerzähler nicht bewerkstelligen können. Aber der Hambonenkönig vergaß hierbei zu erwähnen, daß der erste Urbanische Krieg ausgelöst wurde, weil König Urban die lippische Festung Delemund ohne Grund angreifen ließ. Wir schlugen ihn und seine hambonischen Verbündeten gemeinsam mit unseren hellebonischen Waffenbrüdern in die Flucht und besetzten delemanische Gebiete, wie es das Recht des Siegers uns zugestand. Doch noch immer gab König Urban keine Ruhe. Mit allen Mitteln versuchte er ein Heer aufzustellen, das imstande sein sollte, die lippischen Grenztruppen zu besiegen. So forderte er für die Bezahlung solcher Truppen viel zu hohe Abgaben von den delemanischen Bürgern, brachte Fron und Knechtschaft über sie, um sein Säckel zu füllen und seine Armee zu vergrößern. Schließlich erhoben sich die nördlichen delemanischen Städte gegen den König und baten uns um Hilfe gegen den Tyrannen und seine Helfershelfer. Wir besiegten den despotischen König und vernichteten seine Festung. Das Volk von Delema stellte sich fortan unter unseren Schutz. Dann begann der dritte Urbanische Krieg. In heimtückischer Weise wurden wir von den Hambonen und Cromanons überfallen, ohne jegliche Fehdeerklärung. Sie griffen unsere Soldaten mit weit überlegenen Heeren an und vernichteten eine Armee von siebentausend Männern vor den Ruinen von Delmoda. Auch Lord Michaelis hauchte dort sein Leben aus. Auf diese Weise wurde die WESSE zur neuen Grenze zwischen Lippisch- und Hambonisch-Delema. Aber noch immer läßt König Urban  nicht locker, immer wieder läßt er durch seine Söldner die Grenze verunsichern und bekämpft Menschen seines eigenen Volkes im Auftrag der Hambonen. Fragt die Bürger von Delema, ob meine Worte wahr sind oder nicht. Und jeder, der mich einen Lügner zu nennen wagt, soll hier und jetzt seine Klinge mit mir kreuzen. Wir verlangen nichts weiter, als daß König Urban und Hambonia endlich Ruhe geben und die WESSE als neue Grenze anerkennen. König Urban hat kein Recht mehr auf seinen Thron, denn ihn hat sein eigenes Volk verjagt. Jetzt ist ist nurmehr ein hambonischer Vasall. Wir wollen Frieden mit Hambonia schließen, wenn Hambonia bereit ist, die jetzigen Grenzen zu respektieren."

 

Nach einer kurzen Verbeugung vor den lippischen Damen setzte sich der Lord von Schwanenwehr, gespannt auf eine Erwiderung der Hambonen wartend.

Doch stattdessen erhob Fürst William von Helleb seine Stimme:

     "Was Lord Rikard über den ersten Krieg mit Delema gesagt hat, kann ich bezeugen, denn wir Hellebonen kämpften damals an der Seite der Lippier. Es war König Urban, der den Krieg vom Zaune brach. Aber fragen wir doch Graf Rakene, wie es zum zweiten Krieg kam. Er ist selbst ein Edelmann aus Delema und wird uns sagen können, was zu dieser Zeit geschehen ist."

 

     "So erhebt Euch, Graf Rakene, und berichtet!" forderte Lady Aneta den Genannten auf.

 

Dieser stand auf und begann zu erzählen:

     "Vor Beginn des zweiten Krieges war ich Stadtkommandant von Aripa in des Königs Diensten. Ich habe selbst gesehen, wie die Söldner des Königs das Volk drangsalierten durch Plünderungen und zahllose Mißhandlungen. Darum kündigte ich dem König meinen Dienst auf und stellts mich auf die Seite der  Rebellen. Ja, ich schämte mich zu dieser Zeit sogar dafür, ein Adliger zu sein, denn der größte Teil des delemanischen Adels schaute dem schlimmen Treiben der Königlichen gleichgültig zu. Bei den Rebellen wurde ich Zeuge, daß diese eine Gesandtschaft nach Lippia entsandten, um die Lords um Hilfe zu bitten. Ich weiß, daß die Lippier nicht als Eroberer, sondern als Helfer kamen, und gemeinsam mit dem delemanischen Volk trieben sie den tyrannischen König aus dem Land. Urban hat kein Recht mehr auf den Thron von Delema, und sollte er dennoch wieder die Herrschaft erringen, wird sich das Volk erneut erheben, um ihn abermals zu vertreiben."

 

     "Ihr seht," meinte Lord Albertin zu den anderen, "das delemanische Volk will diesen König nicht mehr. Wie kann er da so unvernünftige Forderungen stellen?"

 

Ein hitziges Streitgespräch entstand, das selbst dann nicht enden wollte, als der Mundschenk die Diener heranwinkte und die Speisen auftragen ließ. Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerten die Streitereien um Urbans Recht auf den Thron von Delema, und manches Mal waren die Männer nahe daran, ihre Waffen blankzuziehen und ihrer Meinung mit der blanken Klinge Geltung zu verschaffen. Zum Glück aber konnten die lippischen Damen dies mit Diplomatie und guten Worten verhindern.

Als es bereits tiefe Nacht war, wurden die Mächtigen Eropans endlich des Streitens müde und begaben sich zu Bett.

 

 

Zur Mitte der Nacht trafen sich die Mannar aus Hambonia im Gemach von Kothare, dem Zauberer aus dem fernen Normia.

     "Habt Ihr alles vorbereitet?" fragte Crishan flüsternd.

Würdevoll drehte sich Kothare zu ihm um, eine große Gestalt, die Macht und Unnahbarkeit ausstrahlte, vor der selbst Crishan erschauerte.

Auf des Magiers Weisung bracht Baron Borma einen bronzenen Dreifuß  und Holzkohle aus der nebenan gelegenen Kammer, wo der Zauberer sein Gepäck abgelegt hatte. Kothare schlug den Teppich zurück und enthüllte so den nackten Steinfußboden. Dann zog der Normier eine große Tasche mit vielen Unterteilungen unter seinem fahlgelben Umhang hervor. Er nahe ein Stück leuchtender grüner Kreide heraus, welche es nur in Normia zu finden gab, und malte damit einen Kreis auf den Boden, der einem schlangenartigen Drachen glich, der sich selbst in den Schwanz biß.

Inzwischen hatten Göros und Borma auf dem Dreifuß ein kleines Feuer in Gang gebracht. Borma blies hinein und wedelte mit einem Fächer, so daß die Holzkohle bald hellrot glühte. Auf die Holzkohle goß der Zauberer eine duftende grünlichgelbe Flüssigkeit aus einem handtellergroßen Kristallfläschchen,worauf scharfer aromatischer Duft den Raum zischend erfüllte.

Blaßgrüne Rauchspiralen stiegen empor und wogten in der Luft, in der sich jetzt zuckende Flämmchen aus dem Nichts bildeten.

 

     "Soll ich mich vor die Türe begeben und darauf achten, daß niemand uns überrascht?" fragte Graf Cranos leise.

     "Bleibt hier," hielt ihn Harnok zurück, "In  diesem Gebäudeteil patrouillieren keine lippischen  Wachen, nur draußen an den Eingangen stehen Posten."

Er kicherte leise. "Sie sollen uns als Gäste der Lords beschützen."

 

Der Zauberer setzte sich jetzt mit gekreuzten Beinen in den geheimnisvoll leuchtenden grünen Drachenkreis. Die Leuchter wurden auf seinen Wink gelöscht, und der Raum sank in ein düsteres Dämmerlicht. Vier Lichtquellen blieben: das rote Glühen der Kohlen im Metallbecken, der grüne Drachenkreis, die zuckenden  Flämmchen über dem kleinen Feuer und die gelben Augen des Zauberers, die wie die Lichter eines wilden, blutgierigen Raubtieres funkelten.

 

Der Normier begann jetzt zu  singen und seine  Stimme wurde allmählich lauter:

     "Shete Ilao! Jarchak, Jarchak! Axabrath muraikim terazim, shete Ilao, Jarchak!"

     "Beim goldenen Drachen!" keuchte Harnok, als er die unheimlichen Worte in der alten Drachensprache vernahm, aber der eisenharte Griff Crishans auf seinem Arm brachte ihn augenblicklich zum Verstummen.

     "Jarchak, Jarchak! Shete Ilao! Axabrath kurieaik zimraeth!" sang der Zauberer.

 

Die Rauchringe wogten auf und ab und verdichteten sich zu einer leuchtenden jadegrünen Wolke, in der ein Gesicht schattenhafte Formen anzunehmen begann. Das Gesicht wurde immer deutlicher, der Körper darunter nahm zusehends Formen an, die selbst dem abgebrühten Crishan kalten Schweiß auf die Stirn jagten.

Das Gesicht hatte teuflische Züge, schräg stehende Augen, scharf gezackte Ohren, wölfisch dünne Lippen, zwischen denen spitze Reißzähne schimmerten. Weitere Einzelheiten wurden sichtbar - ein schlanker Rumpf, größer als zwei Männer, bedeckt mit Schuppen wie ein Schlangenleib, aber doch von menschenähnlicher Form, mit tentakelartigen Armen versehen; die Beine waren wie dicke Säulen und endeten in krallenbewehrten Echsenfüßen. Durch schimmernden Nebel erkannten die Männer das unnatürliche Feuer, das die unheimliche Gestalt mit rötlichem Glanz umflutete. Eine schaurig hohle Stimme erfüllte den Raum:

     "Wer wagt es, Jarchak von ROOHY-KYARA zu rufen, den Leibdiener des Goldenen Drachen, welcher zu den Göttern der dunklen Welten zahlt? Wer wagt es, mich in diese Dimension zu holen?"

     "Ich rufe dich, Jarchak," antwortete der Normier, "Ich, Kothare aus Normia, ein Hohepriester des Drachengottes, den die Menschen in Normia und Hambonia anbeten."

     "Was willst du, Hohepriester meines Gebieters?"

     "Ich brauche deine Hilfe, mächtiger Dämon. Hilfe für die Nachkommen der Drachenbrüder, die hier vor dir stehen."

Der Zauberer zeigte auf die Hambonen und Cromanons, die wie erstarrt dastanden und ihre Blicke nicht von der mächtigen Gestallt des Dämons abwenden konnten.

     "Den Ahnen des Drachenvolkes ist meine Hilfe gewiß," sprach der Unheimliche, "Also sagt, welche Dienste ihr von mir verlangt."

 

Crishan trat einen Schritt vor und spie förmlich vier Worte aus:  "Vernichte die lippischen Lords!"

 

 

Am folgenden Tage wurde die Konferenz weitergeführt, und die Hambonen ließen mit keiner Regung erkennen, was in der Nacht geschehen war. Wieder war es Crishan, der zuerst das Wort ergriff:

     "Wir, die Völker von Hambonia, Hambonen und Cromanons, haben als einzige das Recht, die Geschicke dieses Kontinents zu lenken und zu bestimmen. Denn wir sind die direkten Nachkommen des alten Drachenvolkes, welches einst ganz Eropan und Asani beherrschte. Das alte Reich Kamaraan ist vor mehr als tausend Jahren zerfallen, als Asani und Eropan noch ein Weltteil waren und die Drachen die Herrschaft antraten. Als nach der großen Schlacht der Götter das Drachenvolk auszusterben begann, paarten sich die  Drachenmenschen mit Menschenfrauen und schufen so eine neue Rasse. Die so gezeugten Nachkommen taten ein gleiches, bis eine neue Menschenart entstanden war, die wahren  Nachkommen und Erben der Drachen, geschaffen, um das Erbe des Drachenvolkes zu erhalten und ihr altes, mächtiges Reich neu zu errichten. Nur wir sind die wahrem Söhne der Drachen, wir, die Hambonen, Cromanons und die Normier, die Priester des Goldenen Drachen, die hoch im Norden von Asani den heiligen Kult bewahren. Nur wir sind geschaffen worden, über die Menschen zu herrschen und ihre Geschicke zu lenken. Nicht ihr, die ihr nur Emporkömmlinge einer niederen Menschenart seid. Nur wir haben das Erbrecht, zu bestimmen, was gut ist für die Menschen und was nicht. Und wir sind willens, jeden Widersacher auszumerzen, der uns dieses Erbe streitig machen will."

     "Nur weil ihr von den verfluchten Drachen abstammt, jener teuflischen Rasse, welche die Menschen versklavte, glaubt Ihr, solche Forderungen stellen zu können?" fragte Lord Rikard mit zornbebender Stimme, "Was maßt Ihr Euch an? Was glaubt Ihr, wer Ihr seid? Wollt Ihr etwa das Drachenreich neu errichten und die Greueltaten jener schrecklichen Zeit erneut begehen?"

     "Unsere Vorfahren begingen keine Greueltaten," entgegnete Crishan, "Sie haben das getan, was getan werden mußte, um die Menschenrassen reinzuhalten von niederem Geblüt. Wir werden das Reich der Drachen neu aufbauen und verlangen nach altangestammtem Recht, daß Ihr unsere Forderungen anerkennt."

     "Den Forderungen eines Drachenbastards werden wir uns niemals beugen!!!" brüllte da Lord Manot, der, von rasender  Wut erfüllt, aufgesprungen war und seine mächtige Streitaxt aus dem Gurt zog.

Nur mit Mühe gelang es Lady Marita, ihn wieder zu beruhigen.

 

Da bat Khan Eburon um das Wort und begann mit ruhiger Stimme zu sprechen:

     "Seit mehr als hundert Jahren fahren unsere Wagenzüge durch Lippia und Hellebona bis hoch an die Nordküste Hambonias. Wenn sich nun aber Lippier und Hambonen im Krieg befinden, können unsere Wagenzüge nicht mehr unbeschadet in den Norden fahren, und so müßtet Ihr auf unsere Waren, vor allem aber auf unsere Erze und Waffen verzichten. Dies wäre jedoch unser aller Schaden. Warum, so frage ich, schließen Lippia und Hambonia nicht einen Waffenstillstand an ihren gemeinsamen Grenzen und nehmen im geteilten Delema die WESSE als neue Grenze an, wie es doch schon jetzt der Fall ist? Ich vermag nicht zu erkennen, daß König Urban noch irgendwelche Rechte auf den delemanischen Thron hat, und so sollte er lieber darauf verzichten."

     "Wenn Hambonia bereit ist, einem Waffenstillstand an der WESSE zuzustimmen," sprach Lord Albertin, "so sind auch wir Lippier dazu bereit und werden die WESSE fortan als neue hambonische Grenze anerkennen und achten."

     "Aber was geschieht dann mit mir?" meldete sich da König Urban kleinlaut zu Wort, "Soll ich denn ganz auf meinen Thron verzichten, der mir heimtückisch von Aufrührern und Lippiern entrissen wurde?"

     "Wie könnt Ihr auf etwas verzichten, was Euch nicht mehr gehört?" lachte da Olsin, "Ein König, den das Volk vertrieben hat, ist kein König mehr. So einfach ist das."

Beleidigt schwieg Urban, denn er wußte nicht, wie darauf antworten sollte, denn es wollten ihm die treffenden Worte nicht einfallen.

So vergaßen die Versammelten seinen Einwand alsbald und stritten sich weiter um die Ansprüche von Hambonia und Lippia.

     "Wir machen Euch, den Völkern von Hambonia, ein gutes Angebot," ergriff jetzt Fürst William von Helleb das Wort, "Wenn Ihr gelobet, forthin die neuen Grenzen zu achten, werden wir auf die Gebiete um Lepa und Minda zu Eurem Gunsten verzichten, die uns im ersten Urbanischen Krieg zugefallen sind. Wenn hier niemand bereit ist, für den Erhalt des Friedens einen Preis zu zahlen, so wollen wir, die wir Barbaren genannt werden, dieses Versäumnis jetzt nachholen."

     "Hat Fürst William den Verstand verloren?" flüsterte Berthon dem Lord Gregor zu, "Dann geht die Grenze zwischen uns und den Hambonen ja von Minda bis Onan. Und bei Minda ist die WESSE nicht mehr zwischen uns, so daß wir dort immer mit Übergriffen rechnen müssen."

     "Wir werden uns dieses Angebot reiflich überlegen," meinte König Crishan nachdenklich, "Doch dazu brauchen wir etwas Zeit. Deshalb bitten wir darum, die Versammlung bis zum morgigen Tage aufzuschieben."

     "Dieser Wunsch sei Euch gewährt," sprach Lady Aneta, "Also werden wir uns denn an diesem Tage der Ruhe hingeben und morgen die Beratungen fortsetzen."

     "Dann laßt uns den Tag auch mit Speise und Trank verschönern!" rief Häuptling Olsin, "Gibt es denn hier keine Tänzerinnen, die das Auge eines alten Piraten erfreuen können?"

     "Dieser Mangel kann leicht behoben werden," lächelte Lord Gregor und gab dem wartenden Zeremonienmeister einen kurzen Wink.

Gleich darauf eilten Musikanten und schöne Tänzerinnen herein, gefolgt von Dienern, die Speisen und Getränke auftrugen.

 

Der Priester Lashime und der Magier Iljuschy saßen nachdenklich in des letzteren Gemach, um die Lage in Ruhe zu überdenken.

     "In der letzten Nacht war ein Dämon hier in Pador," murmelte Iljuschy düster, "Ich konnte seine Ausstrahlung wahrnehmen. An ihrer Stärke konnte ich erkennen, daß es ein sehr mächtiger Dämon sein muß."

     "Dann kann nur dieser Zauberer Kothare ihn gerufen haben," meinte Lashime, "Was könnte dieser Finsterling vorhaben? Will er den Dämonen auf uns hetzen oder wollte er ihn nur um Rat fragen?"

     "Er wird versuchen, uns großen Schaden zuzufügen, bevor sich die Versammlung zum Nachteil der Hambonen entwickelt. Ich glaube auch kaum, daß die Hambonen mit lauteren Absichten hergekommen sind, sonst hätten sie diesen Zauberer nicht mitgebracht. Sie werden versuchen, die Lords mit Hilfe des Dämons umzubringen. Dann wäre das Reich führerlos, und die hambonischen Truppen werden unsere Grenzarmeen in der ersten Verwirrung überrennen."

     "Was können wir also gegen diesen Magier tun?" fragte Lashime nervös.

     "Wir müssen warten, bis wir wissen, auf welche Weise der Dämon zuschlagen wird."

     "Und dann?"

     "Dann müssen wir mit der Götter Hilfe mit unserer eigenen Magie gegen den Dämon kämpfen."

 

 

Wieder war es zur Mitte der Nacht, als die Stunde Jarchaks begann. Wieder erschien der Dämon wie aus dem Nichts, unheimlich, drohend, furchteinflößend, doch diesmal kam er nicht allein. Fünf weitere Gestalten erschienen mit ihm zusammen im Gemach des Zauberers Kothare.

Sie hatten menschenähnliche Formen, doch alles an ihnen wirkte grau und unfertig wie bei Statuen, die ein Bildhauer erst grob zurechtgehauen hatte. Die Köpfe waren haarlos und völlig ohne Antlitz. Die Gliedmaßen erinnerten an knorrige Äste, und die Rümpfe wirkten wie grobe Steinklötze.

     "Sieh, was ich dir gebracht habe, Zauberer," wandte sich der Unheimliche an Kothare, "Es sind Wesen aus dämonischem Leben, die noch geformt werden können, bevor sie sich in ihrer Form gefestigt haben. Und nun stelle eine mentale Verbindung zwischen den Lords und diesen Kreaturen her, damit sie zu Ebenbildern der Lords werden können. Zeichne den Kreis des Drachen um diese Geschöpfe, danach berühre zuerst mich und dann sie."

 

Kothare tat, was ihm der Teuflische geheißen hatte und malte den Drachenkreis erneut auf den nackten Steinboden um die Kreaturen herum, so daß diese genau in der Mitte des Kreises standen. Dann streckte er den Arm aus und drang mit der Hand in die schimmernde Aura ein, die den Dämonen wie ein Mantel umgab. Wie ein unsichtbarer feuriger Strom drang die Kraft des Dämonen in seinen Körper ein, daß Kothare in einem Anflug von Panik glaubte, es würde ihn in Stucke reißen.

     "Nun berühre diese Geschöpfe!" drang die Stimme des Dämons wie durch Watte an seine Ohren. Kothare gehorchte, ächzend unter dem starken Druck der dämonischen Kraft, die jetzt durch seinen Leib pulsierte. Als er die unförmigen Kreaturen berührte, schwand der furchtbare Druck und Kothare konnte erleichtert aufatmen. Jener Teil der Kraft, die Jarchak auf ihn übertragen hatte, war in die Leiber der formlosen Kreaturen eingedrungen, die nun von grünlichem Leuchten umgeben waren.

     "Jetzt stell' eine Verbindung zu den lippischen Lords her!"

 

Kothare holte aus seiner Tasche einen faustgroßen, blutroten Kristall, den er mit beiden Händen in die Höhe hielt. Geisterhaft hohes Singen erfüllte den Raum, die Flamme des Leuchters begann zu flackern und erlosch; der Kristall erstrahlte gleißend im roten Licht, daß Kothare die Augen schließen mußte, um nicht zu erblinden.

     "Wirf den Kristall in den Kreis!" befahl der Dämon.

Sofort bog er die erhobenen Arme zurück und warf den Kristall in den Kreis hinein, wo die unfertigen Geschöpfe reglos verharrten. Doch statt auf den Boden zu schlagen und in tausend Stücke zu zerspringen, blieb der Kristall in der Luft über den Geschöpfen schweben und tauchte die Gruppe in sein blutrotes Licht.

Unbewegt schaute Kothare dem Geschehen zu.

Aus dem Kristall drangen fünf rotglühende Lichtfinger hervor, wurden zu langen Tentakeln, die in rasender Schnelligkeit durch den Raum fingerten und lautlos in die Wände eindrangen, als wären diese aus Luft. Die Lichttentakel durcheilten Räume und Wände innerhalb von wenigen Augenblicken, drangen in die Gemächer der arglos schlafenden Lords ein und berührten die Körper der Schlafenden.

Die Mächtigen von Lippia merkten nicht, wie etwas unvorstellbar Fremdes in ihren Geist eindrang und alles darin zu findende Böse zu kopieren begann, um es gleich darauf in die Geschöpfe des Dämonen zu übertragen. Nur drei Atemzuge lang berührten die "Finger" des Blutkristalls die Körper der Schlafenden, dann lösten sie sich lautlos in Nichts auf.

In Kothares Kammer aber geschah Unheimliches, gelenkt von den teuflischen Gedankens des Dämons.

Die formlosen Gestalten in der Mitte des Drachenkreises begannen sich zu verändern: die Köpfe bildeten Gesichter, Haare sprossen aus den kahlen Schädeln, die knorrigen Arme und Beine formten Sehnen, Knochen und Fleisch, die Rümpfe bildeten die Körper von Männern. Dann umhüllten feurige Schleier die Geschöpfe, legten sich um sie und verwandelten sich in Kleidung, welche die Körper bedeckte und den Gewändern der lippischen Lords aufs Haar glichen. Sogar die Waffen der Lords formten sich nun aus den Lichtschleiern. Schließlich verschwanden die Lichtschleier, und die neue Form der Geschöpfe wurde für Kothare sichtbar.

Vor ihm standen die Ebenbilder der Lords von Lippia, die Antilords.

 

Das Glühen des Kristalls wurde schwächer, langsam sank er nieder in die ausgestreckten Hände des Zauberers, der ihn wieder  in seiner Tasche verschwinden ließ. Die Ebenbilder der Lords verharrten noch immer im Drachenkreis; alles an ihnen war nun identisch mit den echten Lords. Doch aus ihren Gesichtern sprachen Bösartigkeit und Grausamkeit, die noch verstärkt wurde durch den Einfluß des Dämons.

     "Damit ist meine Hilfeleistung beendet," sprach Jarchak, "Ich gab dir eine gute Waffe in die Hand. Nutze sie!"

Mit diesen Worten löste sich die Gestalt aus den dunklen Welten in eine hellgrün schimmernde Wolke auf, die sich alsbald verflüchtigte.

 

Kothare wandte sich nun an die falschen Lords, in denen sich menschliche und dämonische Bösartigkeit gepaart hatten. Es waren die perfekten Gegenstücke der lippischen Herrscher, denen Kothare nun befahl:

     "Begebt euch in die Gemächer der Lords und tötet eure Ebenbilder. Dann nehmt ihren Platz ein, um mir an ihrer Stelle zu dienen."

 

Iljuschy saß meditierend in einem tranceartigen Zustand in seinem Gemach, neben ihm Lashime, der ebenfalls in Meditation versunken war.

Jetzt regte sich Iljuschy, öffnete die Augen und stieß Lashime an, um ihn aus der Trance zu wecken. Lashime schlug die Augen auf, blickte zunächst verwirrt und benommen um sich und fragte schließlich:

     "Ist es gelungen?"

     "Nein," antwortete der Magier, "ich konnte den Bannkreis Kothares nicht durchdringen, denn er verfügt über ebenso große Kräfte wie ich. Auch mit Eurer Unterstützung konnte ich seine Abwehr nicht überwinden, denn der Dämon verstärkte durch seine Aura den Bannkreis. So weiß ich noch immer nicht, was der Zauberer vorhat, aber ich weiß, daß etwas Besonderes geschehen ist, sonst wäre der Dämon nicht dort gewesen."

     "Wir müssen die Lords warnen!" rief Lashime aufgeregt.

     "Ich weiß etwas besseres," meinte Iljuschy nachdenklich, "Kothare wird sicherlich versuchen, die Lords zu töten oder irgendwie in seinen Bann zu schlagen. Aber das kann er nicht, wenn sie schon tot sind."

     "Was redet Ihr da? Wollt Ihr die Lords umbringen, um sie vor Kothare zu schützen?"

     "Nicht so, wie Ihr denken magt. Sie werden in einen tiefen Schlaf versinken, der dem Tod so sehr gleicht, daß niemand den Unterschied feststellen kann. Helft mir, Lashime, wir müssen unsere Geisteskräfte noch einmal vereinen, um die Lords in den Todesschlaf sinken zu lassen."

 

 

Als die Avatare der Lords in die Gemächer ihrer Ebenbilder eindrangen, fanden sie diese als kalte, leblose Körper vor. Wie Iljuschy es vorausgesehen hatte, hielten sie ihre Originale für tot und glaubten, sie wären einem Giftanschlag eines anderen Versammlungsteilnehmers zum Opfer gefallen. So trugen sie die "Leichen" in ein kleines Nebengemach, welches sie sorgfältig verschlossen, um dann auf den Morgen zu warten, damit sie an die Stelle der lippischen Herrscher treten konnten.

Doch nun wußte Iljuschy, der noch immer wachte, was da vor sich ging, denn die Antilords befanden sich nicht mehr in Kothares Bannkreis, und so erfuhr der asanische Magier, wo die echten Lords versteckt worden waren.

Aber noch griff der Magier nicht aktiv in das Geschehen ein, denn noch waren seine lippischen Freunde gefährdet. Und so wartete er wie seine Widersacher auf den Beginn des Morgens.

 

 

Am folgenden Tage waren die lippischen Lords kaum wiederzuerkennen.

Sie erklärten sich zum Erstaunen aller bereit, ganz Delema an die Hambonen abzutreten und wiesen alle Einsprüche Graf Rakenes eisig ab, worauf dieser, der Verzweiflung nahe, die Lords als Verräter an seinem Volk beschimpfte.

Ungläubiges Entsetzen zeigte sich daraufhin auf den Mienen der Versammelten, als Lord Manot den Grafen von den Wachen abführen ließ und ihnen den Befehl gab, den delemanischen Grafen kurzerhand zu enthaupten.

     

     "Das kann doch wohl nicht Euer Ernst sein?" wollte Fürst William protestieren, doch der Doppelgänger Manots schleuderte ihm drohend entgegen: "Hütet Eure Zunge, Barbar aus Hellebona, sonst könnte es sein, daß unsere Heere Euer Land in Blut versinken lassen."

 

Bis auf Kothare und seine hambonischen Vertrauten waren die Versammelten völlig sprachlos, selbst die anwesenden lippischen Ritter starrten ihre vermeintlichen Herrscher entgeistert an, als diese erklärten, daß sie die Versammlung für beendet betrachteten und alle Fremden aufforderten, das lippische Reichsgebiet so schnell wie möglich zu verlassen.

Als Lady Marita, die wie die anderen völlig schockiert war, dagegen Einspruch erheben wollte, schnitt ihr Albertin das Wort ab und befahl ihr zu schweigen, sollte sie es nicht vorziehen, ausgepeitscht zu werden.

Empört und fassungslos erhoben sich die Versammelten, um diesen Ort der Heimtücke und des Verrates schnellstens zu verlassen.

 

Aber in diesem Augenblick öffnete sich das große Eingangsportal, und mit ungläubigen Augen sah man die Lords von Lippia hereinkommen.....

Einigen der Versammelten dämmerte es, daß sie von Doppelgängern getäuscht worden waren, was das seltsame Gebahren der lippischen Herrscher an diesem Tage erklärte.

Hinter den echten Lords traten jetzt Soldaten mit gezogenen Schwerten in den Saal.

 

     "Tötet diese falschen Lords!" rief Lord Manot und wies auf die Doppelgänger, die jetzt wie erstarrt auf ihren Plätzen saßen, "Es sind Kreaturen aus der Dämonenwelt!"

 

Im nächsten Augenblick aber sprangen die Antilords geschmeidig auf und drangen mit gezückten Waffen gegen die echten Lords vor, die nun ihrerseits ihre Waffen blankzogen, um sich ihren Doppelgängern zum Kampf zu stellen.

Ein wildes Gefecht entbrannte, in dem jeder der Lords gegen sein Ebenbild kämpfte.

Die anderen wagten nicht einzugreifen, denn schon nach wenigen Herzschlägen vermochte niemand mehr zu sagen, wer von den Kämpfenden ein echter Lord oder ein Doppelgänger war.

So versperrten die lippischen Soldaten und Ritter die Ausgänge und ließen niemanden mehr aus dem Saal heraus. Die Hambonen, welche sich in der allgemeinen Verwirrung dem Geschehen unauffällig entziehen wollten, wurden mit gezückten Klingen zurückgewiesen.

Schon bald merkten die fünf Lords, daß ihre Doppelgänger nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihr Waffengeschick besaßen. Es war, als föchten sie gegen sich selbst. Auch Rikard von Schwanenwehr, der zu den ersten Fechtern des Reiches zählte, sah sich einem Gegner gegenüber, der Tricks und Finten kannte wie er selbst und sie auch geschickt anzuwenden verstand.

Es dauerte nicht lange, bis die Kämpfenden aus vielen kleinen Wunden zu bluten begannen, aber nicht einer von ihnen dachte daran, vor seinem Gegner zurückzuweichen; verbissen hieben sie aufeinander ein, parierten, stießen zu und führten wuchtige Hiebe gegeneinander. Da erspähte Ritter Gunther den Zauberer Kothare, der sich verstohlen durch ein Seitenfenster davonmachen wollte, zog sein langes Breitschwert und sprang auf den Zauberer zu. Bevor der Normier darauf reagieren konnte, fuhr ihm die Klinge des Ritters tief in die Gedärme.

Aber der Zauberer gab nur ein höhnisches Gelächter von sich und griff in die Taschen seines Gewandes, um nach einer magischen Waffe zu greifen. Siedendheiß durchfuhr den Ritter der Gedanke, daß die meisten Zauberer nur mit blutgetränktem Stahl zu töten waren, und so riß er sein Schwert zurück, um ein zweites Mal zuzustoßen. Diesmal war die Klinge mit dem Blut des Zauberer besudelt, und diesmal war sie auch für den Magier tödlich wie für jeden anderen Sterblichen, Gurgelnd sank der Zauberer zu Boden, während sich seine Lippen haßerfüllt öffneten, um einen furchtbaren Fluch auf den Ritter zu schleudern. Doch mit einem sausenden Hieb schlug der Ritter dem Normier das Haupt von den Schultern, so daß der Schädel wie ein Ball über den marmornen Boden des Saales rollte.

 

Im selben Augenblick, in dem Kothare sein Leben aushauchte, erlosch auch sein lenkender Einfluß auf die falschen Lords. Für einen kurzen Moment erstarrten die Doppelgänger und wußten nicht, was sie zu tun hatten. Und diese kurze Zeitspanne genügte ihren Gegnern, ihnen die Köpfe abzuschlagen. Wie gefällte Bäume stürzten die falschen Lords zu Boden und blieben leblos liegen.

 

Aber da erscholl ein gräßlicher Laut, und alles fuhr herum, um auf Kothares abgeschlagenen Kopf zu starren, dessen Lippen sich immer noch bewegten, um Worte auszuspeien, die niemand verstehen konnte.

Allein die Töne, die dem geifernden Munde entsprangen, flößten selbst dem Berherzesten unerklärliches Grauen ein, denn man spürte förmlich das Furchtbare, das mit diesen Worten herbeigerufen wurde.

Ritter Gunther stieß einen gellenden Wutschrei aus, holte abermals mit dem Schwert aus und hackte den geifernden Schädel des Zauberers in blutige Stücke, bis er endlich still war.

 

Doch es war schon zu spät, um das Verhängnis abzuwenden, denn die magischen Worte des sterbenden Zauberers waren schon in jene fremde Existenzebene gedrungen, die man ROOHY-KYARA nannte.

Dann erschien der Dämon Jarchak, herbeigelockt von den Rufen seines sterbenden Sklaven.

Schlagartig tauchte er mitten im Saal wie aus dem Nichts auf, eine Fleischwerdung von Grauen, Bosheit, Macht und tödlicher Drohung zugleich.

     "Ich habt meinen treuen Diener getötet!" hämmerte seine donnergleiche Stimme in die Ohren der vor Schreck erstarrten Menschen, daß ihnen fast die Trommelfelle platzten, "Und es wird der Tag kommen, an dem ich dafür Rache nehmen werde. Ich will, daß ihr mit Bangen auf diesen Tag warten müßt, und mit jedem Tag ungewissen Wartens wird eure Angst vor meiner Rache wachsen, bis sie euch innerlich zerfressen hat. Aber einen Teil meiner Vergeltung sollt ihr schon jetzt zu spüren bekommen. HIJKAM SZOLHE TZARKH!"

 

Kaum hatte der dunkle Gott die letzten Worte in der Sprache der niederen Welten von sich gegeben, da begannen die Leichen der falschen Lords zu krampfen und zu zucken, um sich unbeholfen aufzurichten, wobei sie immer verschwommener und durchsichtiger wurden, bis sie wie körperlose Schemen aus rötlichem Nebel waren, die sich zu einer einzigen pulsierenden Wolke vereinigten. Einige Herzschläge lang schwebte die rötliche Nebelwolke bewegungslos in der Luft, dann raste sie auf die fünf Lords zu.

Aber da zuckte ein blaustrahlender Blitz mit der gleißenden Helligkeit einer Sonne aus den Augen des Magiers Iljuschy, schlug knallend durch den Saal und bohrte sich mit eine häßlichen Zischen in den Leib des Dämons; dessen schmerzerfüllter Schrei  durch den Saal dröhnte wie das urige Brüllen eines Urzeitmonsters.

Reflexartig warf die mächtige Gestalt des dunklen Gottes die Arme hoch und war von einem Augenblick zum anderen spurlos verschwunden.

Jarchak hatte sich blitzschnell in eine andere Existenzebene geflüchtet, und mit seinem Verschwinden löste sich auch die rote Nebelgestalt in Nichts auf.

Aber Iljuschy, der seine ganze Kraft aufgeboten hatte und nun erschöpft zu Boden sank, hatte um den zehnten Teil eines Herzschlages zu spät eingegriffen.

Ein Teil der rotglühenden Wolke berührte den wie gelähmt dastehenden Lord Rikard --- und drang in ihn ein.

Schreiend  krümmte sich der Lord von Schwanenwehr zusammen, stürzte schwer zu Boden und blieb dort regungslos liegen.

Zuerst glaubten die anderen, er wäre von der Wolke getötet worden, doch dann begann er wieder keuchend zu atmen und dicke Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Es schien, als kämpfte sein Körper gegen den Ausbruch einer schrecklichen Krankheit.

 

DA  !!!

Plötzlich ertönte wieder die Stimme Jarchaks, die aus dem Nichts zu kommen schien:

     "Von nun an ist in der Seele Lord Rikards ein Teil meiner eigenen Substanz enthalten. Sein Geist ist stark und noch ist er stärker als der dämonische Keim in seiner Seele. Aber dieser Keim wird wachsen und sein Wesen verändern. Am Ende wird er der Raserei verfallen und sich selbst zerfleischen. Rikard wird diesen Tag noch oft verfluchen, dessen bin ich sicher. "

 

Ein diabolisches Gelächter dröhnte durch den Saal und ließ sogar die dicken Mauern erzittern.

Dann hatte sich der Dämon endgültig in seine eigene Existenzsphäre zurückgezogen.

 

Voller Zorn wandte sich Lord Manot an die Hambonen und Cromanons, die mit erbleichenden Mienen das Fehlschlagen ihres teuflischen Planes miterlebt hatten.

     "Ihr schmutzigen Mordgesellen!" brüllte Manot außer sich, "So haltet Ihr also den Frieden auf diesem Konzil? Ich rate Euch, Lippia auf schnellstem Wege zu verlassen, wenn Ihr Eure Köpfe auf den Schultern behalten wollt, denn vielleicht könnte ich vergessen, daß Euch freies Geleit zugesagt worden ist!"

     "Wartet einen Augenblick, Manot," sprach da Lord Albertin und fuhr an die Hambonen gewandt fort: "Ihr habt den Frieden dieser Versammlung in schändlicher Weise gebrochen, so daß wir durchaus das Recht haben, Vergeltung zu üben. Doch wir kamen hierher, um Frieden zu schließen, nicht um neuen Krieg zu entfachen. Darum frage ich Euch, Ihr Herren von Hambonia, die Ihr Euch Söhne der Drachen nennt, ob Ihr bereit seid, das gestrige Angebot der Hellebonen anzunehmen und fortan Frieden an den neuen Grenzen zu halten. Wenn Ihr dies zu schwören bereit seid, werden wir Euch frei und ungehindert nach Hambonia zurückkehren lassen. Lehnt Ihr jedoch ab, so werdet Ihr diese Festung nicht mehr lebend verlassen. Sagt uns also, wie Ihr Euch zu entscheiden gedenkt."

 

Zustimmendes Gemurmel kam von anderen Versammelten, denn sie waren nicht minder erzürnt über das falsche Spiel der hambonischen Fürsten.

Den Hambonen und Cromanons blieb in dieser für sie so ungünstigen Lage nichts anderes übrig, als nachzugeben. Nach einer kurzen Bedenkzeit akzeptierten sie Albertins Vorschlag, und so unterzeichneten sie mit den Hellebonen und Lippiern einen Vertrag, in dem der Fluß WESSE als neue Grenze zwischen Lippisch-Delema und Hambonisch-Delema anerkannt wurde. Weiter wurde in dem Vertrag niedergelegt, daß die Gebiete von Lepa und Minda von nun an ebenfalls zum Gebiet von Hambonisch-Delema zählte, das unter der Regentschaft König Urbans stehen sollte.

 

Nachdem die Verträge unterzeichnet und von den anderen Versammelten bestätigt worden waren, hatten die Hambonen, Cromanons und auch König Urban nichts eiligeres zu tun, als ihre Sachen zu packen und abzureisen, um so schnell wie möglich nach Hambonia zurückzukehren.

 

Damit war das Konzil von Pador beendet, und auch die anderen Geladenen brachen am nächsten Tage auf, um in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Es gab nun endlich einen Friedensvertrag zwischen Hambonia und Lippia, wenngleich dieser auf eigentümliche Weise zustande gekommen war.

Ob dieser Vertrag tatsächlich den Frieden für längere Zeit sichern konnte, würde die Zukunft zeigen.

 

ENDE

des vierten Bandes.

 

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