Fantasy

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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

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PROLOG:

 

 

 

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Karte von Eropan

[größer]

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Band  3

 Schwarzer Tag

der Lords

 

 

Man schrieb auf Eropan das Jahr der Stürme, das 109.Jahr seit Gründung des Reiches Lippia.

Der 2. Urbanische Krieg war gerade beendet.

Delmoda, die Festung König Urbans, des Tyrannen von Delema, war endlich gefallen und nur schwarzverkohlte Ruinen zeugten noch von ihrer einstigen Macht.

Wie ein buckliges, schwarzes Ungetüm kauerte sie nun vor dem Horizont, ein Ort des Todes, der von den Menschen scheu gemieden wurde. Noch immer umgab die Ruinen ein mächtiger Belagerungswall, doch längst standen darauf keine Bewaffneten und keine Kriegsmaschinen mehr. Die hölzernen Palisaden auf dem Wall waren zum Teil abgerissen, die Belagerungstürme, Katapulte, Ballisten und Kanonen waren fortgeschafft worden.

Die Heere der einstigen Belagerer, lippische Truppen und delemanische Aufständische, die gemeinsam gegen König Urban gekämpft hatten, waren abgezogen, um zum Einbruch des nahen Winters wieder daheim zu sein.

Das nun herrscherlose Reich Delema begann in Stadtstaaten zu zerfallen, die jedoch der Oberherrschaft der lippischen Lords unterstanden und ihnen Tribut zollten. Das war der Preis, den die Aufständischen für die lippische Waffenhilfe hatten zahlen müssen. Doch der Tribut an Lippia war für die Delemaner weitaus leichter zu ertragen als die hohen Steuern, die sie ehemals an König Urban zu entrichten hatten,

Nur die Städte mussten ein Zehntel ihrer halbjährlichen Steuereinnahmen an Lippia zahlen, die Dörfer und Gehöfte waren davon ausgenommen. In jeder delemanischen Stadt gab es von nun an einen lippischen Tributeinnehmer, der darauf zu achten hatte, dass die Abgaben pünktlich und in angemessener Höhe entrichtet wurden.

Zum Schutze des herrscherlosen Delemas war Lord Michaelis mit fünf Tasionen (Tausendschaften der lippischen Infanterie) und zwei Pantasionen (Tausendschaften der gepanzerten Kavallerie) bei der zerstörten Festung Delmoda verblieben, in deren Nähe er ein Winterlager aus festen Blockhütten errichten ließ, zu dem auch ein großes Vorratslager gehörte, damit seine Truppen den Winter über nicht zu hungern brauchten.

Auch Lord Rikard von Schwanenwehr war mit seinen fünf Letasionen (Tausendschaften der leichtgerüsteten Kavallerie), den sogenannten "Wölfen", auf delemanischem Gebiet geblieben und hatte in der kleinen Stadt Rotborn nahe der hambonischen Grenze sein Quartier aufgeschlagen, um von dort aus Patrouillen zur Überwachung der nahen Grenze auszusenden.

Die Lippier argwöhnten nämlich, dass die ihnen feindlich gesonnenen Hambonen über die Grenze dringen mochten, um Teile Delemas für sich zu erobern. Auch befürchtete man, dass es dem nach Hambonia geflüchteten König Urban gelang, die Hambonen als Verbündete zu gewinnen und mit ihrer Hilfe versuchen würde, sein verlorengegangenes Reich zurückzugewinnen.

Mit den Führern der einstigen Aufständischen hatten die lippischen Lords vereinbart, ihre Truppen solange in Delema zu lassen, bis die Delemaner ein neues Bürgerheer aufgestellt hatten, mit dem sie sich selbst schützen konnten.

Als Gegenleistung für den lippischen Schutz sorgten die delemanischen Bauern dafür, dass die lippischen Krieger mit Nahrung versorgt wurden, denn ein Heer konnte sich nur kurze Zeit von den eigenen Vorräten ernähren.

Als das lippische Hauptheer in die Heimat zurückgekehrt war, fiel bei Delmoda bereits der erste Schnee und bedeckte das Feld um die Ruinen, auf dem soviel Schreckliches geschehen war, mit einem kalten weißen Leichentuch.

 

 

Lanzenier Mirkal hatte lange dem davonziehenden Hauptheer nachgesehen und sein Pech verflucht, dass ausgerechnet seine Tasion zu denen gehörte, die das Los der Zurückbleibenden getroffen hatte. Nun saß er hier vor der zerstörten Festung in einem ungemütlichen Winterlager aus primitiven Blockhütten, roh zusammengezimmert aus den Palisaden des alten Belagerungsringes.

    ("Nur gut, dass das Hauptheer die Geschütze und Kriegsmaschinen mitgenommen hat,") dachte Mirkal, ('sonst müssten wir uns später damit herumplagen.") Mirkal war froh, dass es im Winterlager keine Kanonen gab, denn für ihn gab es nichts Schlimmeres als zum Reinigen und Einfetten der Geschütze eingeteilt zu werden, was gerade im Winter öfter als gewöhnlich geschehen musste.

Gelangweilt stapfte Mirkal durch den knöcheltiefen Schnee an den Palisaden entlang, die das gesamte Lager umgaben.

    ("Einen Angreifer würden diese Palisaden sicher nicht aufhalten,")  dachte der Lanzenkrieger mit einem Anflug von Spott, ("da klettert doch jeder im Nu herüber. Aber jetzt im Winter wird wohl kaum jemand auf den Gedanken kommen, einen Kriegszug zu beginnen. Wovor sollen wir uns hier eigentlich in acht nehmen? Eigentlich sind wir hier völlig überflüssig, denn die Hambonen kommen im Winter bestimmt nicht über die Grenze. Die sind doch froh, wenn sie daheim an ihren warmen Öfen sitzen können. Nur wir sind mal wieder die Dummen.")

Nachdenklich blieb er stehen und überlegte, wie er wohl am besten diesen langweiligen Tag herumkriegen mochte.

    ("Ob ich mit den anderen würfele? Nee, lieber nicht, ich hab' gestern schon fast den halben Sold verloren. Ich geh' besser zu den Huren, da hab' ich wenigstens etwas von meinem Geld.")

Der Soldat strebte gemächlichen Schrittes dem Nordteil des Lagers zu, wo die geräumigen Hütten der Marketenderinnen standen, die ebenfalls im Winterlager geblieben waren und hier weitaus mehr als daheim verdienten....

 

 

Lord Rikard, der mit seinen 5 Letasionen Quartier in Rotborn genommen hatte, besprach gerade mit den Tribunen der leichten Kavallerie die Notwendigkeit eines so starken Kontingents lippischer Streitkräfte in Delema.

    "Ich bin zu der Ansicht gekommen," sprach er zu seinen Letasionsführern," dass es unsinnig ist, noch länger alle Reiter hier in Rotborn zu behalten. Wir haben ohnehin nur sehr wenige Quartiere für unsere Leute, und die Stadtältesten haben sich bereits bei mir beklagt ob der bedrückenden Enge, in der die Einwohner Rotborns wegen uns leben müssen. Um diesem unangenehmen Zustand wenigstens zum Teil abzuhelfen, werde ich zwei Letasionen nach Schwanenwehr zurückschicken. Jetzt im Winter brauchen wir sicherlich keine Invasion der Hambonen zu befürchten. Nur die erste bis dritte Letasion wird daher hier mit mir in Rotborn verweilen. Tribun Eilerius und Tribun Hormanas, Ihr werdet mit Euren Reitern nach Schwanenwehr zurückkehren und untersteht dort dem Oberbefehl von Ritter Artos. Dort werdet Ihr die üblichen Streifzüge wieder aufnehmen. Achtet vor allem auf die Grenzgebiete von Kajos und Ramo, denn es heißt, dass die dort lebenden Stämme der Kriegerinnen wieder unruhig geworden sind. Weiter gibt es fürs erste nicht zu bereden."

Damit war die recht einseitige Besprechung bereits wieder beendet. Tags darauf ritten zweitausend Kavalleristen aus den Toren der kleinen Stadt hinaus, um zur Festung Schwanenwehr zurückzukehren. Neidisch schauten ihnen die anderen nach, denn nur zu gern wären auch sie in die gemütlichen Quartiere von Schwanenwehr heimgekehrt.

 

 

Müde hing König Urban im Sattel  seines Pferdes, immer wieder sank ihm das Haupt auf die Brust hinunter, um ruckartig wieder hochgerissen zu werden. Die Augenlider waren ihm schwer wie Blei, und nur mit größter Willenskraft konnte sich der König ohne Land noch aufrecht im Sattel halten.

Links und rechts neben ihm marschierten die Söldner seiner Garde, oder vielmehr das, was davon noch übriggeblieben war. Müdigkeit schien ihnen ein unbekannter Begriff zu sein; ihre Mienen waren ausdruckslos und gleichmütig, und nur wenige Worte wurden unter ihnen gesprochen.

Sie hatten nach ihrer Flucht aus Delmoda in der hambonischen Hafenstadt Kile Zuflucht gefunden und waren dort fast einen vollen Mond lang geblieben. Urbans Garde hatte sich dort nach und nach aufgelöst und war zusammengeschrumpft, als sein aus Delmoda mitgenommenes Gold zur Neige ging und er die Söldner nicht mehr bezahlen konnte. Nur eine kleine Truppe von dreiundzwanzig Mann war ihm verblieben, und auch diese würden nicht mehr lange bei ihm bleiben.

Der Stadtkommandant von Kile, der sie zu Anfang bereitwillig aufgenommen hatte, war besorgt über die Berichte von streifenden Reiterschwadronen der Lippier nahe der Grenze und befürchtete, allein die Anwesenheit des geflohenen Königs in Kile könnte die Lippier zu einem Überfall auf die Hafenstadt verleiten. Zwar war die starke Festung Elomi nahe, aber die größten Teile der hambonischen Kriegsmacht waren weit entfernt in ihren Winterquartieren bei Hannole und Hamborna, so dass sie nicht schnell genug zu Hilfe kommen konnten.

So befahl der Stadtkommandant dem entmachteten König kurzerhand, Kile zu verlassen und schleunigst weiter nach Norden zu reisen.

König Urban hatte natürlich vor Zorn gebebt über diesen kaum verhohlenen Hinauswurf. Doch hier in Hambonia, dem Reich der Hambonen und Cromanons, war er ein Niemand, ein Flüchtling, der auf die Gnade anderer angewiesen war.

So hatten er und der Rest seiner Leute Kile verlassen, drei Tage später die ELEBE überquert und am fünften Tag die respekteinflößenden, mächtigen Steinmauern der Festung Hammaburg zu Gesicht bekommen, welche südlich der hambonischen Hauptstadt stand.

Während des Marsches konnte sich König Urban des Gefühls nicht erwehren, dass die letzten seiner Krieger ihn längst nicht mehr als ihren Befehlshaber, sondern eher wie einen wertvollen Gefangenen behandelten. Längst schon traute er sich nicht mehr, ihnen Befehle zu erteilen, denn er hatte Angst davor, damit vielleicht die Gewissheit zu erlangen, dass er als Gefangener nach Hamborna gebracht wurde. Seine Befürchtungen erwiesen sich jedoch als grundlos, denn als sie die Festung Hammaburg hinter sich gelassen hatten und in der Ferne schon die schlanken Türme Hambornas zu sehen waren, verließen ihn auch die letzten seiner ehemaligen Leibgarde. Auf ihr Verlangen hin gab er ihnen seine letzten Münzen und alle seine kostbaren Gewänder bis auf das, was er am Leibe trug. dann ließen ihn die Söldner allein weiterreiten, einen einsamen, verbitterten Mann in einem fremden, kalten Land.

Am Abend erreichte er das Südtor der großen Stadt und begehrte Einlass. Aber wie in allen Städten auf ganz Eropan ließen die Torwachen nach Einbruch der Dunkelheit keine Fremden mehr durch das Tor und wiesen den König ab.

Als einer der Wächter ihn später sah, wie er wie ein Häuflein Elend frierend neben seinem Pferd an der Stadtmauer hockte, hatte er Mitleid mit dem Fremden.

Er gab Urban ein paar dicke, wärmende Felle und eine volle Amphore mit gebranntem Kornsaft, den man 'Rumos' nannte. Dankbar nahm Urban die milde Gabe an, hüllte sich in die warmen Felle und trank einige tiefe Züge von dem berauschenden Getränk, das sein Inneres angenehm erwärmte und ein wohliges Gefühl der Müdigkeit in ihm entstehen ließ. Schon kurz darauf war er eingeschlummert. Der Torwächter aber kam noch einmal zu ihm hinaus und gab dem Pferd etwas zu fressen.

    "Du hattest Priester oder Mönch werden sollen," meinte ein anderer Soldat, als der Mann auf seinen Posten zurückkehrte, "Für einen Krieger hast du ein zu weiches Herz."

    "Ich habe keine Scheu, einen Mann im Kampf zu töten," erwiderte der erste, "aber ich lasse niemanden in einer solchen Nacht hungern und frieren. Oder wäre es dir lieber, am Morgen einen Toten da draußen vorzufinden? Dann geh' hinaus und nimm' ihm die Decken wieder ab."

Beschämt schwieg der andere, wandte sich ab und schaute stumm in die kalte Nacht hinaus.

 

 

Als der Morgen graute und die düstere Nachtschwärze im Osten dem Tage zu weichen begann, erwachte Urban zitternd vor Kälte. Als Mann des Adels war er es nicht gewohnt, im Freien zu nächtigen. Schnell nahm er einen Schluck Rumos, um sich aufzuwärmen. Dann säuberte er sich Gesicht und Hände mit Schnee und stapfte, das Pferd am Zügel führend, zum Stadttor, Die Wachen öffneten es kurz darauf und ließen ihn endlich passieren. Urban gab einem der Soldaten die Decken und die Rumos-Amphore zurück und fragte, wo er den Hochkönig Crishan finden könne. Er wunderte sich, als ihn die Männer zunächst entgeistert anstarrten und dann in schallendes Gelächter ausbrachen.

    "Was willst du abgerissener Kerl denn von einem Reichsherrn?" wurde er gefragt.

Urban machte tatsächlich nicht den Eindruck eines Mannes, den der Hambonenkönig empfangen würde; sein Mantel war verdreckt, die Kleidung an mehreren Stellen zerrissen und die Stiefel zerschrammt und abgerieben. So glich er mehr einem Bettler als einem König.

Doch schließlich erbarmte sich einer der Soldaten und erklärte ihm den Weg zur Zitadelle, wo der Hochkönig Crishan zu residieren pflegte, wenn er gerade in Hamborna weilte. Urban erfuhr, dass in diesen Tagen ein großes Treffen der Druiden, Poeten und Geschichtenschreiber aus allen Teilen des Reiches stattfand, welches von Crishan selbst einberufen worden war, zählte sich dieser doch selbst zu den schreibenden Künstlern.

Urban ließ sein Pferd in einem Stall nahe des Stadttores zurück und eilte zu Fuß zur Zitadelle, die sich in der Mitte der großen Stadt befand.

Der Zufall wollte es, dass ihn der Weg durch das Viertel der ärmeren Bevölkerung Hambornas führte.

Die Morgendämmerung warf ihr trübes Licht über das Gewoge der Menschen, die von den niedrigen Häusern auf die Straße gespien wurden. In den gepflasterten Straßen taumelten betrunkene Krawallmacher zwischen Abfallhaufen und Pfützen. Stahl blitzte im Schatten der Gassen, Frauen lachten schrill oder keiften wütend auf ihre Gatten, die nach durchzechter Nacht heimkamen. Aus zerbrochenen Fenstern und offenen Türen drang der Geruch von Schweiß und Wein.

Urban machte, dass er das Viertel so schnell wie möglich hinter sich ließ; der Anblick von schmutzigen Armenvierteln war ihm zutiefst zuwider. Endlich erreichte er die Zitadelle, die von weiten Grünflächen umgeben war, deren Grün aber jetzt von einer dicken Schneedecke verhüllt wurde.

Die Wachen vor dem Portal hielten ihn mit gekreuzten Lanzen auf und verwehrten ihm den Einlass, denn sie hielten ihn für nichts weiter als einen Bettler. Auf sein beharrliches Drängen hin ließen sie ihn schließlich in die Vorhalle, wo sie ihm zu warten befahlen, während ein Diener fortgeschickt wurde, der dem Hambonenkönig die Ankunft des angeblichen Königs von Delema melden sollte.

Urban musste fast zwei volle Stunden warten, bis endlich eine Sklavin in kunstvoll gewebter Kleidung zu ihm trat.

    "Seid Ihr der Mann, welcher behauptet, König Urban von Delema zu sein?"

Er stand auf und blickte bewundernd auf ihre anmutige Erscheinung, deren Glanz nur durch den hässlichen schwarzen Sklavenring um ihren Hals getrübt wurde.

    "Ich bin wirklich König Urban von Delema. Kann ich jetzt endlich mit Hochkönig Crishan sprechen? Ich bin des Wartens müde."

    "Seine Exzellenz erwartet Euch. Kommt mit mir."

Er folgte ihr durch einen schier endlos scheinenden Korridor, an dessen Wänden die Portraits verstorbener Mächtiger hingen, die einstmals Hambonia regiert hatten, bis sie vor einem goldenen Portal anlangten, vor dem wieder zwei Wachen standen, die goldene Rüstungen trugen, mit denen wohl ihr besonderer Rang unter den Kriegern Hambonias hervorgehoben werden sollte.

    "Tretet ein," sprach einer der Wächter und öffnete einen Flügel des Portals, durch das Urban nun in den dahinterliegenden Thronsaal trat. Endlich stand er dem Hochkönig Crishan gegenüber, einem der beiden Herrscher von Hambonia.

Crishan war mittelgroß und schlank. Seine Haare waren schwarz wie die Nacht, so dass man ihn leicht für einen Südländer halten konnte, und fielen in ungebändigten Wellen über seine Schultern. Das Gesicht war oval und bartlos wie das eines heranwachsenden Jünglings, die Stirne hoch, die Augen braun mit einem seltsamen grünlichen Schimmer, mit der Eigentümlichkeit, dass sie im Zustand der Erregung grün wie die Wellen des sturmgepeitschten Nordmeeres schimmerten. Der Mund war sensibel geformt, beinahe wie der eines Weibes, abgesehen von einigen leichten Kerben an den geschwungenen Winkeln, die Zeugen düsterer Erlebnisse waren.

    "Ich grüße Euch, König Urban," ertönte Crishans Stimme, "und heiße Euch willkommen in Hamborna. Ich ahne schon, warum Ihr hier seid, denn von einem Boten aus Kile erfuhr ich schon im letzten Mond von Eurer Niederlage. Es hieß, dass man Euch in Delmoda erschlagen hätte. Erst vor einigen Tagen erfuhr ich, dass Ihr am Leben seid und auf dem Wege hierher."

    "Auch ich grüße Euch, Exzellenz," erwiderte Urban den Gruß, "Es ist wahr, mein Reich wurde überrannt von den Truppen der Lippier und den Horden schmutziger Rebellen. Meine Festung Delmoda fiel nach langer Belagerung, von ihr werden jetzt wohl nur noch die Ruinen stehen. Aber es gelang mir, mich im letzten Augenblick dem Zugriff der Feinde zu entziehen. Nun bin ich hier, um Euch zu bitten, mit Eurer Macht zu helfen, mein Reich zurückzugewinnen und meinem rechtmäßigen Anspruch auf den Thron von Delema Nachdruck zu verleihen."

    "Ihr wollt also Waffenhilfe von uns", stellte Crishan nüchtern fest, "Aber was wollt Ihr uns als Gegenleistung dafür geben?"

    "Ihr sollt Berge von Gold und Edelsteinen bekommen, wenn Delema erst wieder in meiner Hand ist."

    "Oh nein, König Urban," winkte der Hambonenkönig lächelnd ab, "Davon haben wir selbst genug in unseren Schatzkammern. Außerdem solltet Ihr nichts vergeben, was Ihr nicht mehr habt. Nein, König Urban, ich verlange eine andere Bezahlung für die Hilfe Hambonias. Ich will, dass Ihr mein Lehnsmann werdet und Delema eine Provinz unseres Reiches. Ich werde Euer Herrscher sein, und Ihr werdet mir Gehorsam schulden zeit Eures Lebens."

    "Das könnt Ihr nicht von mir verlangen!" keuchte Urban entgeistert.

    "Dann eben nicht," entgegnete Crishan mit eisiger Stimme, "So lebt denn weiterhin als mittelloser Bettler und Heimatloser. Ich habe Euch für klüger gehalten, aber das Leben eines Bettlers scheint Euch wohl mehr zu behagen als das Leben eines mächtigen Regenten über eine große Provinz."

Urban versuchte noch einzulenken und zu handeln, doch der Hambonenkönig bestand unnachgiebig auf seinen Forderungen. So blieb dem Delemaner nichts anderes übrig, als nachzugeben und schließlich einzuwilligen.

Crishan sprang triumphierend auf, kaltes Feuer loderte in seinen Augen.

    "So kommt mit mir, König Urban. Wir wollen noch heute zur Festung Kaltekima reiten, wo Cromanonkönig Harnok residiert. Dort werden wir einen Plan für unseren Feldzug gegen Delema entwerfen."

An dem neben ihm stehenden Hofmarschall gewandt fuhr er fort: "Lasst die Edlen des Reiches benachrichtigen. Sie sollen allesamt und so schnell wie möglich nach Kaltekima kommen, um dort an einem Kriegsrat teilzunehmen."

 

 

Sie waren alle im Rittersaal der Festung Kaltekima zusammengekommen, die Mächtigen des hambonischen Reiches:

 

Sie waren alle gekommen, die Mächtigen der beiden nordischen Völkerstämme, Hambonen und Cromanons, die sich vor mehr als einem Jahrhundert zusammengeschlossen hatten, um gemeinsam das Reich Hambonia zu errichten. Trotz dieses Zusammenschlusses aber waren Hambonen und Cromanons immer zwei eigene Volksstämme geblieben. Die Cromanonstämme bewohnten das Küstengebiet von Lübeka bis Trave und stellten die Seefahrer Hambonias, während das zahlenmäßig größere Volk der Hambonen das Landesinnere des Reiches bewohnte. Noch immer bildeten die Cromanons deshalb eigene Stämme, die eifersüchtig auf ihre Unabhängigkeit von den Hambonen bedacht waren und nur einem Fürsten gehorchten, der ihrem eigenen Volk entstammte.

 

Crishan entrollte auf dem großen Tisch in der Mitte des Saales eine große Karte, die den gesamten Kontinent Eropan darstellte. Mehrere Stunden lang beratschlagten sie, wie ein Winterfeldzug nach Delema am besten zu bewerkstelligen sei, und es bedurfte einiger hitziger Wortgefechte, bis sie sich endlich einig waren.

Schließlich fasste Crishan den gemeinsamen Plan noch einmal zusammen:

    "Unsere Heere werden also in folgender Weise marschieren: Ich übernehme den Befehl über die Truppen bei Hannole. Dort stehen dreitausend gepanzerte Reiter und siebentausend Infanteristen. Dazu kommen fünfhundert Streitwagen und zweihundert Feldgeschütze mit den dazugehörigen Kanonieren.

König Harnok wird von hier aus mit siebentausend Panzerreitern, neuntausend Infanteristen und zweihundert Kanonen zur Festung Elomi marschieren. Baron Göros wird zehntausend Cromanonkrieger nach Kile führen und sich dort einschiffen. Seegraf Fenrir soll dort alle im Hafen liegenden Schiffe beschlagnahmen, um Schiffsraum für die Soldaten zu beschaffen.

Häuptling Mürath wird mit einer Flotte von vierzig Kriegsgaleeren, sechstausend Infanteristen und zweitausend Seesoldaten von Akano aus zur hellebonischen Ostküste segeln, um dort anzulanden und die Barbaren zu beschäftigen, damit sie den Lippiern nicht noch einmal zu Hilfe eilen, wie es im l.Urbanischen Krieg geschehen ist.

Ich selbst werde ebenfalls mit meinen Truppen gegen Hellebona marschieren. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.

Graf Cranos soll mit den Reitern der "Heidschnucken" zur delemanischen Grenze vorstoßen, als Vorhut der Truppen unter König Harnok.

Die Barone Göros und Borma sollen mit den Schiffen an der delemanischen Küste entlangfahren und in das Delta der WESSE eindringen, damit sie dort landen und die Lippier bei Delmoda von Westen her angreifen können, womit die bestimmt nicht rechnen werden. Wenn Harnoks Heer die Grenze überschreitet, eilt ihm Graf Cranos mit den 'Heidschnucken' voraus, um Lord Rikards Kavallerie von einem Angriff auf die Marschkolonnen abzuhalten, die indessen weiter vorgehen. Das wäre alles, was es zu sagen gibt. Morgen werden wir mit den Vorbereitungen beginnen, und schon in einer Woche soll das Werk seinen Anfang nehmen. Dieser Tag wird in die Geschichte Eropans eingehen, denn diesmal werden wir die verfluchten Lippier überraschen und besiegen. Möge der Kriegsgott AGRAS mit uns sein und die Göttin des Glücks uns ihre Huld erweisen."

Mit diesen Worten begann der 3.Urbanische Krieg ...

 

 

    "Obrist Gansius mit der 5.Schwadron von der l.Letasion meldet sich vom Grenzritt zurück. An der Grenze ist alles ruhig," meldete der gerade zurückgekehrte Patrouillenführer seinem Kommandanten, dem Tribun Hermanius.

    "Könnt Ihr sagen, ob die Hambonen schon wissen, dass Delema von unseren Truppen besetzt ist?" fragte der Tribun.

    "Wir befragten die Männer eines Handels-Trecks aus Braunwai. Ihnen sind nur vage Gerüchte über unseren Feldzug bekannt. In Hambonia scheint man noch nicht viel von unserem Sieg über König Urban zu wissen. Daher auch die Ruhe auf der anderen Seite der Grenze."

    "Gut, Ihr könnt gehen, Obrist. Sagt den Männern Eurer Schwadron, dass sie sich die nächsten Tage auf die faule Haut legen können. Für Eure Schwadron ist der nächste Grenzritt erst wieder in neun Tagen fällig."

Der Obrist salutierte knapp und verließ den kleinen Raum, in dem sich der Tribun häuslich eingerichtet hatte. Doch plötzlich schien Hermanius etwas einzufallen, und er rief laut nach seinem Adjutanten, der sich im Nebenzimmer aufhielt.

    "Holt mir den Obristen der 2.Schwadron!"

Der Adjudant nickte und eilte hinaus, um kurz darauf mit Rigan, dem Obristen der 2.Hundertschaft zurückzukehren.

    "Ich habe einen besonderen Auftrag für Euch, Rigan," begann Hermanius, "Diese unnormale Ruhe an der Grenze macht mich einfach nervös. Ich halte es für recht seltsam, dass die Hambonen nicht auf die lippische Besetzung Delemas reagieren. Außerdem glaube ich nicht, dass ihnen unser Hiersein völlig entgangen ist. Ich will wissen, ob sich auf der anderen Seite der Grenze nicht doch etwas zusammenbraut. Habt Ihr in Eurer Schwadron gute Waldläufer, die sich aufs Kundschaften verstehen?"

    "In meiner Schwadron habe ich mehr als ein Dutzend solcher Männer." antwortete der Obrist.

    "Dann schickt diese Männer ohne ihre Uniformen über die Grenze. Sie sollen bis nach Kile reiten und sich dort etwas umsehen, damit wir sicher sein können, dass die Hambonen wirklich nichts tun, was uns schaden könnte."

 

 

Hochkönig Crishan brauchte zu Pferde fünf Tage, um bis nach Hannole zu gelangen und bei den dort in Winterkastellen lagernden Truppen einzutreffen. Gleich nach seiner Ankunft unterrichtete er die Offiziere davon, dass ihnen ein Feldzug bevorstand.

Die Offiziere waren nicht wenig erstaunt darüber, wussten sie doch alle, wie ungünstig ein Feldzug im Winter ausgehen konnte.

Doch Crishan wischte all ihre Bedenken beiseite und befahl ihnen, ihre Krieger vor den Winterquartieren Aufstellung nehmen zu lassen, damit er eine gründliche Inspektion vornehmen konnte, um sich über den Zustand der Armee zu unterrichten.

Nach Ablauf einer guten Stunde nahmen dreitausend gepanzerte Reiter, siebentausend Infanteristen und tausend Kanoniere auf einem hartgefrorenen Acker Aufstellung.

Das hambonische Heer war im allgemeinen untergliedert in Tausendschaften, die wiederum in je zwei Halbtausendschaften und weiter in Hundertschaften zerfiel. Jede Hundertschaft bestand aus fünf Kampfgruppen zu zwanzig Mann. Eine Tausendschaft der hambonischen Infanterie bestand aus fünfhundert Mann mit Schwert und Schild, die zusätzlich mit Handschleudern ausgerüstet waren, vierhundert Mann mit Lanzen und schweren, breiten Schilden, für den Nahkampf mit Kurzschwertern gerüstet, und hundert Mann mit langen Bögen für den Fernkampf, welche man zu den Leichtgerüsteten zählte.

Crishan unterzog die Reihen der Krieger einer eingehenden Musterung.

    "Wo sind die fünfhundert Streitwagen?" fragte er etwas ungehalten, als er diese nicht erblicken konnte.

    "Sie befinden sich innerhalb der Mauern von Hannole," erklärte ein Truchsess eilig, "Wir brauchen sie nur herschaffen zu lassen."

    "Das ist recht," meinte  Crishan besänftigt, "Wir werden noch zwei Tage hier verweilen, um uns mit Vorräten zu versorgen, dann ziehen wir nach Goban, um von dort aus die Hellebonen anzugreifen."

Er ritt langsam an der Phalanx der Tausendschaften entlang.

    "Eine Armee ist wie ein Schwert," meinte er zu dem neben ihm reitenden Offizier, "Ein Schwert, das nicht stumpf werden darf."

    "Auch das beste Schwert wird einmal stumpf und schartig vom vielen Zuschlagen," bemerkte der Offizier.

    "Aber nicht, wenn man es gehörig schleift," meinte Crishan, während der Anflug eines Lächelns um seine Mundwinkel huschte.

 

 

König Harnok hatte sein Heer bis nach Elomi geführt und schlug dort sein Lager auf. Zu gleicher Zeit erreichte Graf Cranos mit den 'Heidschnucken' das Grenzgebiet südlich von Kile und hielt sich dort in den Wäldern verborgen. Er ahnte nicht, dass seine Reiter bereits von lippischen Kundschaftern beobachtet wurden.

In Kile marschierten bereits die Truppen der Barone Göros und Borma ein, wo sie sofort mit dem Einschiffen begannen. Bei Akano stach die Flotte unter Häuptling Mürath bereits in See und fuhr in die Totensee hinein, um die Küste des kleinen Fürstentums Waldau anzulaufen. Doch schon in der Totensee erwartete sie das Grauen.....

 

 

Der berittene Trupp der lippischen Kundschafter überquerte die Grenze südöstlich von Rotborn und eilte auf Kile zu. Ihre schwarzen Waffenröcke hatten sie mit dem weichen Leder der Waldläufer getauscht, um nicht gleich als Kavalleristen von den "Wölfen" erkannt zu werden.

Doch plötzlich riss der Truppführer, ein Junker namens Sonius, hart an den Zügeln, dass sich sein Pferd erschreckt aufbäumte.

    "Seht mal da - im Osten!" rief Sonius den anderen zu, "Was  ist das?"

    "Das ist leichte Kavallerie," meinte einer der Männer, "Mindestens eine Tausendschaft. Und sie kommen direkt auf uns zu."

    "Dann aber nichts wie weg hier," befahl der Junker, "Wir reiten sofort nach Rotborn zurück."

 

In der Nacht kehrten sie wieder in die kleine Stadt zurück und erstatteten Tribun Hermanius Bericht.

    "Was für Berittene waren das?" fragte der Tribun neugierig.

    "Leichtgerüstete Reiterei", antwortete der Junker, "Genaueres konnten wir nicht erkennen, dazu waren wir noch zu weit entfernt."

    "Unfähiger Bauer!" brüllte der Tribun plötzlich los, "Was glaubt Ihr wohl, warum ich Euch über die Grenze geschickt habe, he? Ich will genau wissen, was da vor sich geht. Und darum werdet Ihr Euch sofort ein neues Pferde geben lassen und nochmals über die Grenze reiten. Dort werdet Ihr die fremden Reiter suchen und herausfinden, was für eine Truppe das ist und warum sie in Grenznähe aufgetaucht ist. Und seid gewiss, Junker Sonius, wenn Ihr ohne Ergebnisse zurückkommt, werde ich mir etwas Passendes für Euch einfallen lassen. Und nun fort mit Euch!"

Der Junker machte, dass er schnellstens fortkam, denn mit dem Tribun war heute wirklich nicht gut Kirschen essen.

 

 

Inzwischen sandte Hochkönig Crishan an der hellebonischen Grenze Kundschafter ins Barbarenland, um herauszufinden, ob die Hellebonen schon ihre Stämme zusammengerufen hatten, da sie sicher schon vom Aufmarsch der Hambonen erfahren haben mussten.

Drei Tage lang streiften die Kundschafter im grenznahen Hellebonenland umher, konnten aber nicht einen einzigen Stamm finden, der sich jetzt im Winter auf einen Krieg vorbereitete. Die Hellebonen hatten sich in ihre hölzernen Dörfer und Städte zurückgezogen; nur einige Jagdhorden streiften zu dieser Jahreszeit durch das kalte, schneeverwehte Land, um Wild für ihre Stämme zu erjagen.

Die Hellebonen wussten nur zu genau, dass jede Invasion in ihr Land scheitern musste, da das Land im Winter nichts hergab, was eine einfallende Armee ausreichend hatte ernähren können. Und ihre Höfe und Dörfer waren allesamt gut befestigt, dass sie sich lange halten konnten.

Hochkönig Crishan erkannte, dass er hier mit seiner großen Streitmacht völlig fehl am Platze war. Die Hellebonen würden den lippischen Verbündeten während des Winters wohl kaum zu Hilfe eilen.

So entschied sich Crishan zum Abmarsch und befahl den Aufbruch nach Elomi, wo er Harnoks Truppen noch einzuholen hoffte.

 

 

    "Die Schiffe sind beladen und alle Krieger an Bord," sprach Seegraf Fenrir zu Baron Göros, der zusammen mit Baron Borma in einer Hafenspelunke von Kile beim Würfelspiel saß. Die beiden unterbrachen ihre Kurzweil, sehr zu Bormas Erleichterung, der bereits eine nicht geringe Summe an Goldmünzen an Göros verloren hatte. "Dann können wir also endlich in See stechen?" fragte Göros erfreut.

    "Noch nicht," antwortete Fenrir, "denn wir müssen noch auf den Kurier von König Harnok warten, der uns den Aufbruchsbefehl bringen soll. Kann ich noch mitspielen?"

Die beiden bejahten, und so setzte sich Fenrir zu ihnen, um mit ihnen zu würfeln.

Am nächsten Tag hatte das Warten bereits ein Ende; der erwartete Bote ritt in die Stadt und überbrachte die Nachricht, dass Harnok bei Elomi stand und Graf Cranos mit seinen 'Heidschnucken' direkt an der delemanischen Grenze wartete.

Die Flotte sollte nun so schnell wie möglich auslaufen und zur Mündung der WESSE segeln.

Seegraf  Fenrir und die beiden Barone ließen sich das nicht zweimal sagen, ungeduldig, wie sie waren.

Einige Stunden später verließen die Kriegsschiffe langsam und majestätisch den Hafen von Kile....

 

 

 

Crishans Kuriere erreichten Harnok, bevor er von Elomi aus aufgebrochen war und galoppierten vor das aus Fellen genähte Zelt des Cromanonkönigs.

    "Wir grüßen Euch, Eure Exzellenz!" rief der erste, als Harnok aus seinem Zelt trat, "Seine Exzellenz Hochkönig Crishan schickt uns, Euch seinen Gruß zu entbieten und Euch zu bitten, auf ihn und seine Armee zu warten."

    "Wollte er nicht die hellebonischen Barbaren in Schach halten?" wunderte sich Harnok.

    "Die Barbaren stellen derzeit keine Gefahr dar. Hochkönig Crishan kommt daher nach Elomi, um seine Armee mit der Euren zu vereinen."

    "Ihr hattet Glück, mich noch hier zu finden," meinte Harnok, "denn ich wollte schon heute über die Grenze marschieren. Aber in der letzten Nacht sind einige Offiziere erfroren und ich muss erst neue Männer für ihre Ränge auswählen. Lange kann ich jedoch nicht mehr hier verweilen, sonst sterben meine Krieger in der Kälte. Wir haben nicht genug Winterzelte für alle Soldaten. Wann wird Crishan hier sein?"

    "Er hofft, in zwei Tagen hier einzutreffen."

    "Gut, dann reitet zu ihm und sagt, dass ich noch zwei Tage auf ihn warten werde, aber nicht einen Tag länger. Ich werde Graf Cranos benachrichtigen lassen, dass er die Grenze erst später überschreiten darf."

 

 

Junker Sonius, der von Hermanius als Späher ausgesandt worden war, irrte nun schon einen vollen Tag lang jenseits der hambonisch-delemanischen Grenze umher, ohne jedoch eine  Spur  der hambonischen Reiterei zu entdecken. Doch er traute sich nicht, erfolglos umzukehren, denn er wusste, dass sein Tribun darauf kaum freundlich reagieren würde. Und darauf wollte Sonius verständlicherweise verzichten. So ritt er in weiten Kreisen durch das flache Grenzland, das im Osten von dichten Wäldern abgegrenzt wurde.

Endlich wurde seine Ausdauer belohnt, denn er sah in der Ferne einen Reiter dahin jagen. Sofort heftete er sich auf dessen Spur und verfolgte ihn unbemerkt, bis der Reiter in einem dichten Tannenwald verschwand und nicht wieder hervorkam.

Der Junker ritt vorsichtig bis an den Waldrand heran, band sein Ross dort fest und pirschte sich zu Fuß durch das Gehölz.

Schließlich roch er den Rauch von Feuern und den Duft gebratenen Fleisches. Stimmengewirr drang gedämpft an seine lauschenden Ohren. Er hatte offensichtlich das Lager der hambonischen Reiter entdeckt.

Nun galt es, allergrößte Vorsicht walten zu lassen, denn die Hambonen mussten ganz in der Nahe sein, und er konnte ganz unvermutet auf einen ihrer Wachtposten treffen.

Also schlich er behutsam in Richtung der gedämpften Stimmen, ließ sich auf den Bauch nieder und robbte durch den tiefen Schnee an die Hambonen heran, deren Stimmen er immer deutlicher vernehmen konnte.

Vorsichtig tastete er den Boden vor sich mit den Fingerspitzen ab, denn schon ein einziger Zweig, der unter seinem Gewicht zerbrach, konnte ihn bereits verraten. Handbreit für Handbreit schob er sich heran, versuchte mit offenem Mund so flach wie möglich zu atmen, damit nicht ein zufällig in der Nähe weilender Wächter auf ihn aufmerksam wurde.

Plötzlich erhob sich ein Zelt aus Fellen direkt vor ihm, er kroch seitlich daran vorbei und konnte jetzt das gesamte Lager sehen, das sich gut versteckt zwischen den Tannen befand. Und jetzt konnte er auch die Krieger erkennen.

Dem Junker wurde schlagartig klar, welche Art von Reiterei er da vor sich hatte, denn ihre Uniformen und ihre Bewaffnung ließ nur einen Schluss zu: es waren die Ritter der Pöselburg mit ihren Gefolgsleuten, den 'Heidschnucken', Hambonias bester Kavallerie.

Behutsam kroch der Junker zurück. Als er weit genug entfernt war, stand er auf und hastete zu seinem Pferd. Jetzt konnte er nach Rotborn zurückeilen, um seinem Tribun zu berichten, was er entdeckt hatte.

Gerade hatte er sein Pferd erreicht und wollte es losbinden, da tauchte vor ihm die Gestalt eines Kriegers aus dem Dickicht auf, der über den Lippier nicht minder erschrocken war als dieser über ihn. Dann aber zuckte die Hand des Hambonen zum Krummschwert an seiner Seite. Bevor der Mann jedoch seine Waffe blankziehen konnte, sprang ihn Sonius an und riss ihn zu Boden. Ein Messer blitzte auf, beschrieb einen Bogen und drang dem Hambonen bis zum Heft in die Kehle, bevor dieser auch nur einen Laut ausstoßen konnte.

Keuchend rollte sich der Junker vom Körper des Erstochenen herunter, sprang auf die Beine und blickte gehetzt um sich, jeden Augenblick mit dem Auftauchen weiterer Gegner rechnend. Ihm wurde erst jetzt bewusst, dass ihn nur seine im jahrelangen harten Drill antrainierten Reflexe gerettet hatten. Als er aber niemand sonst entdecken konnte, stieg er hastig in den Sattel und ritt wie von hundert Teufeln gehetzt davon.

 

 

In Eilmärschen erreichte Crishan die Festung Elomi. Ohne noch länger dort zu verweilen, stießen seine Kriegshaufen zusammen mit Harnoks Truppen nach Westen vor, um am darauffolgenden Morgen die Grenze zu überschreiten.

Auch Graf Cranos brach sein Lager ab und machte sich mit den 'Heidschnucken' auf den Weg, der sie in die Nähe von Rotborn bringen sollte.

So konnten die hambonischen Reiter die Kavallerie der Lippier in Schach halten und daran hindern, das hambonische Hauptheer zu attackieren.

 

 

Die Torwachen von Rotborn sprangen fluchend auseinander, als Junker Sonius wie ein wildgewordener Waldteufel heransprengte und sein Pferd rücksichtslos durch eine Gruppe von Soldaten trieb. Erst vor dem Rathaus hatte sein wilder Ritt ein Ende. Keuchend rannte der Junker in das Haus, stolperte hastig ins Arbeitszimmer Lord Rikards und musste erst ein paarmal nach Luft schnappen, bevor er sprechen konnte.

    "Mein Lord", stieß er schweratmend hervor, "Hambonische Reiterei lagert nur einen halben Tagesmarsch südöstlich von  hier. Es sind die Ritter der  Pöselburg mit ihren berüchtigten 'Heidschnucken'."

    "Die Heidschnucken?"

Fragend schaute ihn der Lord an.

Da mischte sich der Stadtälteste von Rotborn ein, der mit dem Lord am Tische saß und mit  diesem ein Brettspiel gespielt hatte, bis der Junker sie unterbrochen hatte.

    "Ich kenne die 'Heidschnucken'," meinte der Rotborner, "Es ist die beste Reiterei der Hambonen, die Euren 'Wölfen' wohl ebenbürtig ist."

    "Erzählt mir mehr über diese Krieger," verlangte Rikard.

    "Es sind die Ritter der Pöselburg, dreißig an der Zahl, und jeder von ihnen hat vierzig Gefolgsleute, 'Heidschnucken' genannt, Männer von der Ostküste auf kleinen, struppigen Pferden. Ihre Waffen sind die Rennlanze und das leichte Krummschwert, aber am Sattel tragen sie auch den schweren Streithammer, um auch schwer gerüstete Ritter erschlagen zu können. Gerüstet sind sie mit leichten Brustpanzern, doch sie tragen keinen Schild. Ihr linker Arm ist mit Leder und Eisenplatten gepanzert, zudem ist der Arm am Handgelenk mit langen, spitzen Dornen bewehrt. Ihre Reittiere aber sind von besonderer Art. Sie sind Dani, dem Meeresgott geweiht, und auch wenn sie von normalen Stuten, schwerfälligen Halbblütern, getragen und geworfen wurden, heißt es, sie wären gezeugt worden in mondlosen Nächten am Strand, wenn die gischtschimmernd gekrönten Wogen sich in große blauschwarze Brandungshengste verwandeln, Geschöpfe des Meeresgottes, und mit stolzem Wiehern an Land traben. Sie werden mit einem Brei aus Blut, Wasser und Kleie ernährt, denn die Kleie macht sie stark und das Blut wild, so dass sie in der Schlacht mit Zähnen und scharf beschlagenen Hufen zusammen mit ihren Reitern kämpfen. Bei jedem Kriegszug aber nehmen die 'Heidschnucken' auch ihre Frauen mit sich, die wie die Männer im Kampf ausgebildet und erfahren sind. Diese Kriegerinnen tragen den kurzen, krummen Hornbogen und ein gekrümmtes Langmesser für den Nahkampf. Jede von ihnen führt den Männern im Kampf und auf dem Marsch drei Ersatzpferde nach. So können sie große Strecken in kurzer Zeit überwinden."

 

Die Augen Lord Rikards verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sollten die Hambonen doch das Wagnis eines Winterfeldzuges auf sich genommen haben? musste man mit einem Angriff rechnen, so schwer es auch vorstellbar war?

Doch der Lord fasste sich schnell und ließ seine Tribune rufen, um jenen in knappen Sätzen die bekannte Lage zu schildern.

 

    "Gebt Alarm für alle Letasionen. Alle Patrouillen sollen sofort zurückgeholt werden. Morgen in der Frühe brechen wir mit allen Schwadronen auf. Die feindlichen Reiter müssen vernichtet werden, wenn sie die Grenze überschreiten, denn sicher sind sie die Vorhut einer weit größeren Invasionsarmee."

 

 

In Rotborn schrien die Signalhörner ihren gellenden Ruf durch die Straßen. Hell klang ihr Signal, ihr Rufen nach Männern und Waffen, und dumpf gesellte sich das rhythmische Wummern der Kriegstrommeln hinzu.

Reiter in dunklem Leder legten ihre schwarzlackierten Brustpanzer an und warfen ihre nachtschwarzen Umhänge über die Schultern. Die unruhig stampfenden Pferde wurden in aller Eile, jedoch systematisch und mit geübten Handgriffen gesattelt und gezäumt. Mit Pfeilen gefüllte Köcher, kurze Hornbögen, schwere Wurfbeile und leichte Rennlanzen wurden in ledernen Schlaufen hinter den Sätteln an die Packtaschen gebunden. Die langen Reitersäbel, welche große Ähnlichkeit mit Saraszenenschwertern hatten, wurde  flüchtig nachgeschliffen und blankgeputzt. Eiserne Helme mit verschiedenfarbigen  Helmbüschen wurden aufgesetzt, Schwarz für die einfachen Reiter, Gelb für die Junker, Weiß für die Obristen und Rot für die Tribune. Nur der Helmbusch Lord Rikard hatte das helle Blau eines wolkenlosen Himmels, wie man ihn im Hochsommer sah.

Die eisenbeschlagenen Hufe der Pferde hämmerten ein wildes Stakkato aufs Pflaster, als die Kavalkaden zum Tor hinauspreschten, um sich draußen vor der Stadt zu sammeln und sich in den Ordnungen ihrer Schwadrone und Letasionen aufzustellen, wobei gleich die üblichen Marschkolonnen gebildet wurden.

 

Lord Rikard sprengte zur Spitze der Kolonne und rief im Vorbeireiten: "Die Kundschafter der ersten Letasion sollen sofort zu mir kommen!"

Sogleich lösten sich etwa zwei Dutzend Reiter aus der Kolonne und eilten ebenfalls nach vorn.

    "Kundschafter", wies der Lord sie an, "Ihr werdet gen Osten vorauseilen und voneinander jeweils hundert Pferdelängen Abstand halten. Haltet Ausschau nach fremder Reiterei, und sobald einer von Euch sie erspäht hat, soll er flugs umkehren und mir berichten, damit wir wissen, wo wir den Feind treffen können. Zugleich soll jeder von Euch das Gelände genau betrachten, damit er es mir beschreiben kann. Es ist wichtig zu wissen, ob die Feinde auf Hügeln, in der Ebene oder im Walde zu finden sind. Und nun eilt Euch!"

 

Die Kundschafter zogen ihre Rosse herum und galoppierten davon, um später, als sie schon außer Sicht waren, auszuschwärmen.

Sie fielen in gemächlichen Trab, ihre scharfen Augen beobachteten argwöhnisch die Umgebung, spähten hinter Büsche und Bodenerhebungen, merkten sich die Eigenarten des winterlichen Geländes und suchten den Boden nach Spuren ab, während weit hinter ihnen die Letasionen langsam nachrückten.

 

Reiter Corius ritt als äußerster Flügelmann am rechten Ende der Kundschafterkette. Mal ließ er sein Pferd im leichten Trab laufen, mal wieder im Schritt gehen, um besser nach Spuren suchen zu können. Vor ihm erstreckte sich eine Waldzunge von Süden nach Norden und nahm ihm die Sicht auf das dahinterliegende Gelände.

Mit angestrengten Blicken versuchte Corius das Dunkel des Waldes zu durchdringen, während er sein Reittier zwischen die Bäume lenkte. Diese standen gerade so dicht, dass er knapp zwischen ihnen hindurchreiten konnte. Aber auch zwischen den Stämmen der Tannen konnte er keine Spuren sehen, die im lockeren Schnee leicht zu entdecken gewesen wären. Schließlich erreichte er die andere Seite der Waldzunge und trieb sein Ross mit leichtem Schenkeldruck auf die dahinterliegende, schneebedeckte Ebene, die nach Süden hin leicht anstieg. Sein Blick wanderte am Horizont entlang, da stockte er; hart riss er an den Zügeln und brachte das Pferd zum Stehen. Gebannt starrte er auf die brodelnde Masse der fremden Reiter, die sich schnell von Nordosten her näherten.

    "Die Heidschnucken!" durchfuhr es ihn wie ein Blitz.

Schon wollte er den Gaul herumzerren und in den Sichtschutz des Waldes zurückeilen, da fiel sein Blick auf eine zweite dunkle Masse, die sich aus Osten heranwälzte. Das waren nicht nur Kavallerie-Einheiten, das war ein ganzes Heer, vielleicht sogar die gesamten Streitkräfte des hambonischen Reiches!

Wie gehetzt hieb Corius dem Pferd die Sporen in die Weichen und preschte zurück in den Wald. Zweige schlugen ihm schmerzhaft ins Gesicht, einige stärkere Äste drohten ihn fast aus dem Sattel zu heben, doch er trieb sein Pferd erbarmungslos weiter.

Da !

Hinter sich hörte er plötzlich das Brechen von Geäst, Hufschlag und Pferdegeschnaube. Sie hatten ihn also schon gesehen und sich auf seine Fährte geheftet. Corius traute sich nicht, einen Blick nach hinten zu werfen, um zu sehen, wie stark seine Verfolger waren, denn er  befürchtete, dabei von einem der tief hängenden Äste aus dem Sattel gefegt zu werden.

Die Verfolgergeräusche kamen schnell näher. Corius machte sich im Sattel so klein wie möglich und versuchte seinen Rücken mit dem Schild zu decken, denn er rechnete jeden Moment damit, einen Pfeil in den Rücken zu bekommen. Da brach sein Pferd aus dem Dickicht hervor auf eine weite Lichtung, und jetzt konnte der Lippier endlich nach seinen Verfolgern schauen.

Kaum hatte er dies getan, riss er fluchend am Zügel und brachte sein Ross zum Stehen. Er war die ganze Zeit vor einem einzigen Gegner geflohen, vor einer Kriegerin, die wohl ebenso wie er als Kundschafter unterwegs war. Gekleidet war sie in eine warme Felltunika, die ihre wohlgeformten Schenkel nicht bedeckte, während Füße und Waden wiederum in dicken Fellstiefeln steckten. Bewaffnet war sie mit einem kurzen Hornbogen und einem langen, krummen Hiebmesser, das mehr einem Säbel glich. Blondes Haar, schimmernd wie Gold, fiel in Wellen über ihre Schultern, und hellblaue Augen blitzten dem Lippier kampflustig entgegen.

Corius widerstrebte es, gegen eine Frau zu kämpfen, noch dazu gegen eine von solcher Attraktivität, doch diese Entscheidung nahm ihm die Kriegerin ab, als sie ihrem Pferd die Sporen gab und mit erhobenem Hiebmesser auf ihn zu stürmte. Ob Frau oder nicht, jetzt musste sich Corius seiner Haut wehren.

Überrascht durch den ungestümen Angriff der Kriegerin brachte Corius den Säbel nicht mehr schnell genug aus der Scheide. Als die Klinge des Hiebmessers auf seinen Hals zu raste, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich blitzschnell aus dem Sattel fallen zu lassen. Trotzdem traf der wuchtige Hieb noch seine Helmzier, der Kinnriemen zerriss knallend und der Helm flog im hohen Bogen davon. Unsanft prallte Corius auf den hartgefrorenen Boden, verlor dabei den Schild, rollte sich über die Schulter ab und stand gleich darauf wieder auf den Beinen, den Säbel jetzt endlich kampfbereit in der Faust.

Seine Gegnerin ließ ihm nicht viel Zeit zum Atemholen; geschmeidig wie eine Raubkatze glitt sie aus dem Sattel und griff ihn an, so dass Corius sich nur mit Mühe ihrer schnellen Hiebe erwehren konnte. Er merkte sehr schnell, dass er es hier mit einer erfahrenen Kämpferin zu tun hatte, die ebensogut zu fechten verstand wie ein alter Haudegen. Immer hielt sie ihre Klinge vor sich, holte nie zu weit zum Schlag aus und ließ sich nicht von der Wucht ihrer eigenen Schläge aus dem Gleichgewicht bringen, was Corius die Möglichkeit zum tödlichen Stoß gegeben hätte.

Dieser Kampf konnte sich noch lange hinziehen. Doch soviel Zeit hatte Corius nicht, er musste seine Leute warnen. Und so griff er zu einem Trick. Mit dem Fuß schleuderte er einen Haufen Schnee hoch und warf ihr seinen Säbel entgegen, so dass sie ihre Klinge hochreißen musste, um das verfremdete Wurfgeschoss abzuwehren. Im nächsten Augenblick ergriff er blitzschnell das Handgelenk ihres Waffenarms, schlang einen Arm um ihre gertenschlanke Taille, um sie hochzureißen und zu Boden zu werfen. Dann konnte er ihr die Waffe entwinden und fortschleudern. Schnell sprang er hoch, hob seinen Säbel wieder vom Boden auf und richtete dessen Spitze drohend auf sie.

    "Steh' auf," knurrte er rauher als beabsichtigt, "Ich töte keine Wehrlosen. Kehr zu deinen Leuten zurück. Dein Pferd nehme ich mit mir."

Sie antwortete nicht, sondern blickte ihn nur aus hasssprühenden Augen an.

Corius holte sein Pferd und schwang sich in den Sattel.

Während er die Zügel ihres Rosses  ergriff, sah er sie bedauernd an.

    "Schade, dass wir Feinde sind," meinte er, "Ich hoffe, dass wir uns nicht auf dem Schlachtfeld wiedersehen, denn ich würde dich nur ungern töten. Leb' wohl, Kriegerin."

Dann zog er seinen Gaul herum und ritt eilig davon, um seine Kameraden vor den anrückenden Hambonenarmeen zu warnen.

 

 

Kaum hatte Corius dem Lord das Anrücken der Hambonen gemeldet, da kehrten auch die anderen Kundschafter zurück, die den Feind jetzt ebenfalls gesichtet hatten.

Lord Rikard führte seine 'Wölfe' an die nördliche Spitze der Waldzunge, wo sie der 'Heidschnucken' ansichtig wurden, die nur noch etwa tausend Pferdelängen entfernt waren.

    "Letasionen in Schlachtordnung!" befahl der Lord seinen wartenden Tribunen, und diese beeilten sich, dem Befehl Folge zu leisten.

    "Erste Letasion ist bereit!" rief Tribun Hermanius als erster und gleich darauf meldeten auch Maeel und Walterius, dass ihre Tausendschaften kampfbereit waren.

    "Dann mögen uns Godor und Argras zum Siege verhelfen! Vorwärts! Für Lippia!"

Mit diesem Ruf zog der Lord seinen schweren Reitersäbel und stieß ihn in die Luft. Seine Reiter taten es ihm gleich.

Dann begann die Reiterschlacht von Rotborn....

Die drei Tausendschaften der 'Wölfe' galoppierten frontal auf die feindliche Kavallerie zu, ohne Rücksicht darauf, dass sie jetzt auch vom noch weiter entfernten hambonischen Hauptheer gesichtet wurden. Es war keine Zeit mehr zu zögern, denn die 'Heidschnucken' waren ebenfalls zum Angriff übergegangen. Die beiden gefürchtetsten Kavallerien von ganz Eropan trafen wenige Herzschläge darauf aufeinander, die 'Heidschnucken' des Nordens gegen die 'Wölfe' von Lippia. Eines der faszinierendsten Reitergefechte in der Geschichte der eropanischen Nationen entflammte wie ein Gewitter; zum erstenmal seit Jahrhunderten kämpften leichtgerüstete und schnelle Reitereien direkt gegeneinander, atemberaubend schnell wie bei einem dämonischen Tanz von tödlicher Wildheit.

Die Reiter beider Seiten waren schnell und beweglich wie der Wind, nie verweilten sie mehr als wenige Herzschläge lang an der selben Stelle, sondern jagten bald hierhin, bald dorthin, und hinterließen überall ihre blutigen Spuren - in Gestalt erschlagener Gegner.

Mit schrillem Kampfschrei stürmte ein Hambonenreiter auf Lord Rikard zu, in der Rechten die Rennlanze zum Wurf erhoben, in der gepanzerten Linken das scharfe Krummschwert. Kraftvoll schleuderte er den Speer gegen den Lord, um gleich darauf mit blanker Klinge nachzusetzen, nachdem  das  Krummschwert blitzschnell in die Rechte gewechselt war.

Der Lord hielt dem Speer seinen Schild schräg entgegen, so dass die eiserne Spitze an seiner Wehr abglitt und der Speer mit federndem Schaft in den Boden fuhr. Sein Gegner war schnell wie ein Blitz heran, ließ das Schwert über dem Kopf kreisen und führte aus dem Schwung heraus einen sausenden Rundhieb, auf den Hals des Lords gezielt, um diesem das Haupt vom Rumpfe zu trennen. Rikard parierte den wuchtigen Hieb mit einer aufwärts geschlagenen Quartparade, lenkte die feindliche Klinge nach oben ab und stieß mit der Linken seinen Schild mit aller Kraft vor, dessen Eisenrand  dem Gegner so in die Seite rammte, dass man die Rippen brechen hörte.

Bevor der Lord jedoch seine Parade zu einem von oben geschlagenen Hieb weiterführen konnte, womit er zweifelsohne den Gegner in zwei Hälften gespalten hätte, ließ dieser sich zur Seite fallen und hing nun an der abgewandten Seite seines Pferdes, gedeckt durch dessen Leib. So schlug Lord Rikard nach dem Reittier, um es mitsamt seinem Reiter niederzustrecken, doch das Tier machte just in diesem Augenblick einen Satz nach vorn, als hätte es die Absicht des Lords erahnt. Der sausende Hieb zerschnitt nur noch den Schweif des Pferdes. Fast sah es so aus, als würde der Schwung seines eigenen Hiebes den Lord aus dem Sattel tragen, doch er war ein guter Reiter und konnte sich halten. Der Ärger über den misslungenen Hieb trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht, wild blickte er um sich, konnte aber den davongeeilten Gegner nicht mehr entdecken.

Und dann tauchte plötzlich ein anderer Reiter mit weitaufgerissenen Augen und voller Grimm vor ihm auf.

Rikard sah das irre Leuchten in dem schmalen, bärtigen Gesicht, das tierhafte Blitzen der Zähne. Den Hambonen spornte ein unstillbarer Hass auf die Lippier an. Der Lord sah den erhobenen Arm mit dem blutigen Schwert, war von dem unvermittelten Angriff derart überrascht, dass sich sein eigener Arm mit dem Säbel viel zu langsam dem Angreifer entgegenhob. Er sah, dass der Gegner das Krummschwert gegen seinen Hals zuckte und wusste, dass nichts ihn noch retten konnte, da er wertvolle Augenblicke vergeudet hatte.....

Dann saß er benommen in dem Getümmel von Kriegern und Pferden und wunderte sich, dass er noch lebte.

Eben noch hatte der feindliche Krieger mit irrem Lächeln und erhobenem Krummschwert vor ihm gesessen, und im nächsten Augenblick hockte ein kopfloser Reiter auf seinem Pferd, aus dem Halse sprudelten hellrote Blutfontänen; die Hand hielt noch das Schwert umklammert. Und dann lehnte sich der  blutende  Leib langsam und mit unendlicher Würde seitwärts und sank wuchtig zu Boden.

Rikard blickte überrascht nach rechts. Tribun Hermanius war mit blutbespritztem Säbel neben ihm; er lächelte schwach und wischte das Blut von der Flanke seiner grauen Stute.

    "Ihr habt mir das Leben gerettet, Tribun!" rief der Lord.

Der Kommandant der l.Letasion winkte ab.

    "Denkt jetzt nicht daran!" brüllte er durch das Kampfgetöse zurück, "Wir müssen uns zurückziehen und noch einmal von neuem angreifen"

    "Ihr habt recht," stimmte ihm der Lord zu, "Lasst das Signal zum Rückzug geben!"

Der helle Klang der lippischen Hörner tönte gellend über das Schlachtfeld; die 'Wölfe' rissen ihre Pferde herum, lösten sich von ihren Gegnern und strömten wie eine dunkle Woge zurück, um sich in sicherer Entfernung zu sammeln und neu zu formieren.

    "Noch einmal!" brüllte Lord Rikard, "Zum Angriff!"

Sofort stürmten die Reiter auf ihren schnellen Pferden vor, als hatten sie Flügel, drückten ihren Tieren die Sporen ins Fleisch und kreischten wie Adler, die sich auf ihre Jagdbeute stürzen.

Im nächsten Moment hatten sie sich abermals mit der feindlichen Vorhut vermengt. Wie ein Wolkenbruch schwirrten die Pfeile der hambonischen Kriegerinnen durch die Luft, die schon mit dem Schreien von Pferden und Menschen, vom dumpfen Poltern stürzender Reiter, vom Aufeinanderprallen der Schwerter und dem scheppernden Krachen der Klingen auf den Schilden erfüllt war. Überall wurde Schneestaub aufgewirbelt, dass man kaum noch unterscheiden konnte, ob das verzerrte Gesicht, die grimmigen Augen in diesem kaltweißen Gewölk Freund oder Feind gehörten. Die Reiter duckten sich auf die Pferde, stießen mit ihren hurtigen Lanzen zu. Von Seiten der Lippier wurde nicht ein Pfeil angelegt, nicht ein Wurfbeil sauste durch die Luft, der nicht einem bestimmten Ziel galt, und unweigerlich wurde dieses Ziel erreicht, der Feind stürzte fluchend und schreiend von seinem Pferd, wurde niedergetrampelt oder mit aufblitzendem Säbel erschlagen.

Rikard vernahm urplötzlich ein dumpfes Brausen von rechts und nahm instinktiv den Kopf zurück. Nur eine Handbreit vor seinem Gesicht sauste ein schwerer Streithammer vorbei, den ein Hambone in wilder Wut nach ihm geschleudert hatte, und traf einen Lippier, der dicht neben seinem Lord den Säbel schwang. Den Reiter haute es wie einen Sack vom Pferd, als ihn der schwere Streithammer mitten ins Gesicht traf und es zu blutigem Brei zerschmetterte. Zornig wandte sich der Lord gegen den tückischen Angreifer, trieb sein Pferd einfach gegen das Tier seines Gegners, der sich krampfhaft am hölzernen Sattel festhielt. Doch die Wucht des Anpralls war so stark, dass das Tier des Hambonen stürzte; kopfüber flog sein Reiter aus dem Sattel. Wendig wie eine Raubkatze war der Mann wieder auf den Beinen, doch da war der Lord schon neben ihm, der schwere Säbel sauste nieder und spaltete dem Krieger den Schädel mitsamt dem Helm.

Da sah er Tribun Hermanius wieder vor sich auftauchen.

    "Wir dürfen nicht nachlassen, mein Lord!" brüllte dieser, "Sie sind von der Wucht unseres Angriffs durcheinandergeraten und finden keine Ordnung mehr, wenn ihnen jetzt keine Atempause mehr  lassen! Die zweite Letasion ist schon in ihrem Rücken!'

Und so hetzte Lord Rikard seine Krieger weiter in das Zentrum der gegnerischen Reiterei hinein. Schon begannen die 'Heidschnucken' zu weichen, denn die Lippier waren ihnen im Nahkampf mit ihren langen Säbeln an Reichweite überlegen; oft reichten ihre kürzeren Krummschwerter gar nicht bis an die lippischen Reiter heran.

Doch nun tauchte Tribun Maeel neben dem Lord auf.

    "Wir müssen zurück!" schrie er, "Die feindliche Infanterie ist uns zu nahe gekommen und droht uns einzukesseln! Wir müssen hier weg!"

Der Tribun hatte recht, denn das hambonische Hauptheer war schneller als erwartet herangekommen und eilte nun seiner arg bedrängten leichten Reiterei zu Hilfe. Die lippische Kavallerie drohte jetzt eingekreist zu werden.

    "Gebt das Signal zum Rückzug!" befahl Lord Rikard und riss sein Pferd herum. Da spürte er einen harten, wuchtigen Schlag von hinten in seiner Schulter; im nächsten Moment raste glühender Schmerz durch seinen Körper, ihm drohte schwarz vor Augen zu werden. Mühsam hielt er sich schwankend im Sattel und wäre sicher heruntergestürzt, wenn ihn nicht einer seiner Männer von der Seite ergriffen und festgehalten hätte. Schnell griff ein weiterer Soldat von der anderen Seite zu, um den Lord zu stützen, dessen Antlitz sich zu einer qualvollen Grimasse des Schmerzes verzerrt hatte. Ein Speer war ihm von hinten in die linke Schulter gefahren, mit solcher Wucht, dass die Eisenspitze selbst den Harnisch durchdrungen und sein Schulterblatt fast gespalten hatte. Ein dritter Reiter ergriff die Zügel seines Pferdes und zerrte es hinter sich her, um den Lord aus dem Getümmel herauszubringen, während andere ihn mit ihren Schilden deckten.

Rikard hörte noch, wie die Signalhörner zum Rückzug bliesen, dann verlor er das Bewusstsein.

 

Die lippische Kavallerie löste sich vom Feind und preschte davon, um der drohenden Einkreisung zu entgehen. Ihr blieb nur der schnelle Abzug nach Süden, denn die anderen Rückzugsmöglichkeiten waren bereits versperrt.

So kam es, dass die bei Delmoda lagernden Truppen des Lord Michaelis nicht mehr rechtzeitig vor der drohenden Invasion gewarnt werden konnten.

Die Truppen der Hambonen und Cromanons marschierten nun ungehindert von allen Seiten auf die Ruinen von Delmoda zu.....

 

 

    "Sieg! Sieg!"

Graf Cranos sprengte auf schweißbedecktem Pferde heran, das blutige Schwert noch immer in der Rechten. Hart parierte er seinen Schecken vor den beiden Nordkönigen und König Urban, ohne letzteren jedoch zu beachten.

"Eure Exzellenzen," verkündete er, "Die 'Wölfe' des Lord Rikard sind dank Eures schnellen Eingreifens aus dem Felde geschlagen worden. Unsere gepanzerten Reitereien schneiden ihnen jeden Weg nach Westen ab und drängen sie jetzt immer weiter nach Süden. Der Weg nach Delema ist frei. Die dort befindlichen Truppen der Lippier sind völlig unvorbereitet, da Rikard keine Gelegenheit mehr hatte, sie durch einen Kurier zu warnen."

    "Ein ehrenvoller Sieg für uns, Graf Cranos, an dem Ihr einen nicht geringen Anteil habt," antwortete Harnok, "Doch nun lasst meine cromanischen Häuptlinge herbeirufen. Ich habe Dringliches mit ihnen zu bereden."

Der Graf nickte, grüßte mit dem Schwert und trieb sein Pferd zu den Marschgruppen der Cromanonkrieger hinüber.

Nur wenig später ritten deren Häuptlinge heran, zügelten ihre struppigen Reittiere vor Harnok und entboten ihm ihren Gruß, ohne dabei ihr Haupt zu neigen, denn die stolzen Krieger der Nordküste verbeugten sich vor niemandem, nicht einmal vor einem Gott.

    "Höret, was ich Euch zu sagen habe," begann Harnok, "Ihr sollt Eure besten Krieger zum Lager der Lippier bei Delmoda schicken, damit sie sich dort als Abtrünnige und Renegaten ausgeben, die sich auf die Seite Lippias schlagen wollen. Sie sollen mit List und Geschick das Vertrauen der Lippier erlangen. Und wenn sich unsere Heere in der Nacht den Lippiern nähern, sollen sie die Wachen töten, damit wir die Feinde im Schlaf überrumpeln können. Sagt Euren Männern, dass wir in der fünften Nacht nach diesem Tage das Lager der Lippier angreifen werden. Bis dahin müssen sie ihre Aufgabe erfüllt haben."

Die ledergesichtigen Häuptlinge nickten nur kurz, um zu zeigen, dass sie ihn verstanden hatten, dann zogen sie ihre Pferde herum und ritten zurück zu ihren Kriegern. Als die Dämmerung hereinbrach, sah man einen Pulk berittener Cromanons eilig nach Westen davongaloppieren.

 

 

Die Eintönigkeit des Lagerlebens wurde durch das Auftauchen des Cromanontrupps jäh unterbrochen.

Die Reiter waren offen ins Lager geritten und hatten erklärt, sie seien Abtrünnige aus dem Volk der nordischen Cromanons. Sie hätten sich von ihrem Königen losgesagt, behaupteten sie in zorniger Verachtung. Deren Angeberei hätte sie angewidert, und Harnok, der König der Cromanons, sei in ihren Augen nicht mehr als ein ergebener Vasall des Hambonenkönigs Crishan. Harnok hätte die Unabhängigkeit der Cromanonstämme verraten und ihren Stolz verletzt. Sie, so behaupteten sie, fänden sich als stolze Krieger nicht länger damit ab, dass ein Hambone über Cromanons zu gebieten gedachte und stellten sich daher lieber unter den Befehl eines lippischen Lords.

Der Kommandeur der 22.Tasion, Tribun Ganjee, aber war sehr misstrauisch gegenüber den Neuankömmlingen und warnte seinen Lord eindringlich vor allzu großer Vertrauensseligkeit.

Der durch die Warnungen des Tribuns leicht argwöhnisch gewordene Lord Michaelis hörte den Abtrünnigen aufmerksam zu. Dann aber war er erfreut und beruhigt. Er kannte den unbeugsamen, flammenden Stolz der Nordmänner und glaubte, dass sie sich gegen die Oberherrschaft eines hambonischen Königs wehrten. Die Küstenstämme der Cromanons waren dafür bekannt, wie eifersüchtig ihre Angehörigen auf ihre Selbständigkeit bedacht waren.

Trotzdem fragte er vorsichtig: "Ist Euch eine Erkrankung des Hambonenkönigs Crishan bekannt? Ich hörte, dass er darniederliegen soll."

Sie schüttelten die Köpfe, und einer von ihnen gab verlegen zu, dass sie Hambonias Norden schon im vorigen Mond verlassen hatten und daher auch nichts von einer kürzlichen Erkrankung Crishans wissen könnten.

Die letzten Spuren von Michaelis' Misstrauen zerstoben. Wären diese Krieger in unlauterer Absicht und auf hambonisches Geheiß hier gewesen, dann hätten sie sicher von der sogenannten Krankheit gewusst und hätten sich lang und breit darüber ausgelassen, um ihre Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Aber gerade ihre Unkenntnis sprach für ihre Glaubwürdigkeit.

Der junge Lord, er zählte nicht einmal 25 Sommer, behandelte die Abtrünnigen, die das ganze Lager durchstreiften und alles genauestens beobachteten, äußerst herzlich.

Vielleicht wäre sein Argwohn neuerlich erwacht, wenn sie die hambonischen Könige weiterhin wortreich und beharrlich beschimpft hätten, aber sie schwiegen. Als sie der Tribun Emor von der 21.Tasion wegen ihres früheren Vertrauens zu den Hambonenkönigen verspottete, riefen drei von ihnen heftig, die Hambonenkönige seien großartige Krieger und Heerführer und sie wurden die neue Verbundenheit mit den Lippiern sicher bereuen, falls man sie weiter verspotten würde.

Damit waren selbst die Befürchtungen der misstrauischen Tribune zerstreut.

In der fünften Nacht nach der Ankunft der Abtrünnigen fand zu ihren Ehren eine Feier statt, und die Cromanons taten, als tränken sie bis zur völligen Besinnungslosigkeit, was bei den nördlichen Stämmen auch durchaus üblich war. Sie mussten in ihre Unterkünfte getragen werden, während in den anderen Hütten das Singen und Tanzen fortgesetzt wurde. Sobald sie überzeugt waren, dass sie nicht länger beobachtet wurden, versammelten sie sich an einem vorher vereinbarten Ort in der Nähe der östlichen Palisadenwand und warteten dort. Der Mann mit den schärfsten Augen schlich wie ein Schatten zur Palisade und spähte nach dem Osten, von wo die hambonisch-cromanischen Truppen kommen mussten.

Die anderen hockten bewaffnet und wachsam in der Dunkelheit und wagten nicht einmal zu flüstern. Unweit von ihnen marschierten langsam und gähnend die Wachtposten und lauschten missgünstig der Musik und dem Gelächter in den Hütten. Durch die lange Eintönigkeit des Lagerlebens waren sie nicht mehr besonders diszipliniert, und die Wachen traten von Zeit zu Zeit zusammen, um sich gelangweilt zu unterhalten.

Das Mondlicht überflutete die Gegend um das Lager mit fahlem, geheimnisvollem Glanz, der vom hellglänzenden Schnee reflektiert wurde. Dann aber verdämmerten die beiden Monde Fatoms. Zu ihrer Genugtuung stellten die Cromanons fest, dass der Himmel sich bewölkte, die Monde hinter diese Wolken rollten und ihr Licht unsicher kam und ging.

Plötzlich kam der Späher bäuchlings von den Palisaden zurückgeschlichen, bis er wieder bei seinen Kameraden angelangt war. Jedem einzelnen legte er die Lippen ans Ohr und flüsterte beinahe lautlos: "Unsere Gebieter sind im Anmarsch. In halber Stundenfrist werden sie hier sein."

Sie warteten mit angehaltenem Atem, und ihre Falkenaugen wichen nicht von den gähnenden lippischen Wachen, die ihren faulen Trott wieder am Rande der Palisaden aufgenommen hatten und sich wie Schatten vor dem helleren Holz der Palisadenwand bewegten. Dann verlief ein kaum wahrnehmbares Signal durch die Reihen der Cromanons. Sie wagten es nicht, noch länger zu warten, denn selbst die schläfrigsten Wachen mussten bald das gespenstische Anrücken des Feindes bemerken.  i

Auf lautlosen Sohlen sprangen sie daher auf; jeder rannte auf einen im voraus ausgespähten Wachtposten zu und warf sich auf ihn. Sie stießen ihre langen Dolche bis ans Heft in jeden arglosen Rücken; mit kaum hörbarem Seufzen sanken die Wachen auf die Knie und dann aufs Gesicht. Es dauerte nur Sekunden, sie ihrer Helme zu berauben, die sich die Cromanons nun selbst aufsetzten. Dann hüllten sie sich in die Mäntel der Wachen, unter denen sie die gezogenen Schwerter bereithielten, schleppten die Leichen in eine dunkle Ecke, um danach die Plätze der Toten einzunehmen und schweigend auf und ab zu patrouillieren.

 

 

Tribun Ganjee, in dem der wachsame Instinkt des Kriegers trotz seiner Kultur ausgezeichnet entwickelt war, wurde plötzlich unruhig, ohne dass er selbst den Grund dafür wusste. Er saß neben Lord Michaelis, trank und sang mit den anderen Soldaten. Dann aber hielt er es nicht länger aus und sprach leise zu dem Lord:

    "Mein Lord, irgend etwas hat meine Seele in Unrast versetzt, ich wittere Gefahr. Gestattet mir, mich für eine Weile zu entfernen, damit ich mit den Wachen spreche."

Lord Michaelis, der gerade in die raffinierten, obzön-aufreizenden Bewegungen einer Tänzerin versunken war, nickte gleichmütig.

Also erhob sich Ganjee und verließ die große Hütte, um zur östlichen Palisadenwand zu gehen, an deren Rand er die Wachtposten sehen konnte. Er sah sie hölzern auf und ab marschieren und aufmerksam über die Palisaden spähen. Sie schienen also recht wachsam zu sein. Und doch gab er sich noch nicht zufrieden. Also näherte er sich einem der Posten, der bis an die Nasenspitze in seinen Mäntel gehüllt war, was bei der herrschenden Kälte aber nicht weiter verwunderte.

    "Alles in Ordnung?" fragte er knapp.

Der Mann nickte. Als die anderen Posten die Stimme des Tribuns vernahmen, erstarrten sie und blickten über die Schulter zurück auf ihn.

Das anrückende hambonisch-cromanische Heer war jetzt deutlich zu erkennen. Gleich körperlosen Geistern näherten sich die Soldaten des Nordreiches dem Lager und waren vom Platz der Posten aus bereits klar sichtbar.

Tribun Ganjee sog durch die Nasenflügel tief die kalte Luft ein. Er blickte um sich und wollte schon zum nächsten Posten gehen. Doch da wanderte sein Blick zufällig nach Osten über die Palisaden hinweg, und er sah den Feind, denn die Monde waren plötzlich hinter einer Wolke hervorgetreten und ihr Licht zeigte das feindliche Heer so klar und scharf wie bei Tageslicht.

Der Tribun zuckte heftig zusammen. Seine vor Schrecken mühsamen Atemzüge waren deutlich in der Stille zu vernehmen. Dann riss er mit flinker Bewegung dem nächststehenden Posten den Mantel fort und sah unvermittelt das Gesicht eines der angeblich abtrünnigen Cromanons. Und dessen Gesicht starrte ihn drohend und feindselig an. Jetzt kamen auch die übrigen "Wachen" eilig mit gesenkten Schwertern auf ihn zugelaufen. Der überrumpelte Tribun sah die angeblichen Posten an und wusste, dass sein Schicksal besiegelt war. Sein letzter Gedanke aber galt seinen Kameraden, die ahnungslos in den Hütten waren. Er öffnete den Mund zu einem gellenden, verzweifelten Schrei. Im selben Augenblick stieß ihm schon der neben ihm stehende Cromanon das Schwert tief in die Gedärme und hielt ihm den Mund zu. Selbst im Todeskampf aber rang der Tribun darum, seinen Leuten eine Warnung zuzurufen. Wie ein Wolf schlug er die Zähne in die Hand, die über seinen Lippen lag, und obwohl er ein Sterbender war, hatte er immer noch die Kraft der Verzweiflung. In Sekunden musste er frei sein. Er konnte die Beine der anderen sehen, die ihn jetzt umringten und nahm erst jetzt wahr, dass er am Boden lag. Dann riss er die fremde Hand von seinem Mund, zog die Beine an und stieß sie in den Leib des Mannes, der sich über ihn neigte. Doch eben, als er schreien wollte, trat ihm ein anderer Cromanon mehrmals mit voller Kraft gegen den Schädel. Der Körper des Sterbenden bäumte sich auf, die Arme tasteten ziellos in der Luft. Ein Stiefel trat ihm energisch ins Gesicht und der Absatz drückte ihm die Augen ein. Endlich lag er still und bewegte sich nicht mehr.

Die Cromanons sahen einander schwer atmend mit grimmigem Lächeln an, während einer von ihnen dem Toten zur Sicherheit die Kehle durchschnitt. Jetzt ließen sie die lippischen Mäntel fallen, ohne Rücksicht darauf, ob sie bemerkt wurden oder nicht, und rannten gemeinsam zum Lagertor, um es gewaltsam zu öffnen, denn die hambonischen Truppen standen beinahe davor.

Der einzelne Posten am Tor döste vor sich hin - er starb schnell und fast ohne Schmerz. Es war der Lanzenier Mirkal.

Die Männer hoben gemeinsam den schweren Querbalken vom Tor und zogen es auf. Und nun gaben sich die Soldaten Hambonias, die bereits vor dem Tor warteten, nicht mehr die Mühe, jedes Geräusch zu vermeiden. Dröhnend wummerten die Kriegstrommeln los, schreiend stürmten sie in das Lager hinein, einige kletterten kurzerhand an anderer Stelle über die Palisaden.

In diesem Augenblick trat Tribun Emor vor seine Hütte und riss erschrocken die Augen auf, als er sah, was da vor sich ging. Wie ein gehetzter Zantirhirsch warf er sich herum und rannte zum nördlichen Lagerteil, wo die Soldaten seiner Tasion untergebracht waren, die nicht an der Feier teilgenommen hatten, da sie am nächsten Tag Proviant herantransportieren sollten. Noch im Laufen brüllte er sich bald die Lunge zum Halse heraus, um das Lager zu alarmieren.

Der leicht eingedöste Lord Michaelis wurde plötzlich von den Schreckensrufen der Männer geweckt. Erschrocken sprang er auf, eilte zur Tür und starrte hinaus. Er blickte über den Lagerhof hinweg und sah entsetzt die feindlichen Krieger und die hambonischen Banner, die sich im Mondlicht blähten.

Mit gellendem Schlachtruf griffen die Soldaten der Hambonenkönige die überrumpelten Lippier an. Sofort bemächtigte sich des Lagers eine heillose Unordnung. Panik griff rasend schnell um sich. Die Krieger rannten wie blind durcheinander und griffen nach den von der Panik angesteckten Pferden, die sich losgerissen hatten und an ihnen vorbeipreschten. Menschen und Tiere rannten durch die Wachfeuer, dass die roten Funken stoben. Offiziere versuchten verzweifelt, die Ordnung wieder herzustellen und ihre Männer zu formieren. Reiterlose Pferde bäumten sich mit schrillem Wiehern hoch empor und galoppierten im Kreise, während ihre Besitzer vergebens nach den Zügeln zu fassen versuchten.

Hochkönig Crishan drang an der Spitze seiner Krieger in das Lager ein, und neben seinem Pferd hetzte sein abgerichteter Panther Magra, ein grausam-schöner Anblick.

Plötzlich gellte vor ihm ein Schrei voller Wut und Hass durch das Chaos: "Steh', Crishan von Hamborna, steh' und kämpfe! Hier steht Lord Michaelis, bereit, Euch zu töten!"

Crishan sprang behende vom Pferd, um sich dem Lord zum Zweikampf zu stellen, doch bevor er gegen diesen vorgehen konnte, hetzte Magra, der schwarze Panther, an ihm vorbei auf den Lord zu, um ihn zu zerfleischen - ein schwarzes, mordlüsternes Etwas aus tierisch-grausamer Wildheit und furchtbarer Kraft. Wie ein dämonischer Schatten flog die Raubkatze in einem gewaltigen Sprung auf den Lord zu, grässlich leuchtete das weiße, mächtige Gebiss im weit aufgerissenen Rachen der Bestie, blutunterlaufen leuchteten die Augen in wilder, ungebändigter Mordlust.

Doch da zuckte die Schwertspitze des Lords wie ein metallener Blitz vor, der Panther sprang mitten in den tödlichen Stahl hinein. Die Klinge drang ihm in den aufgerissenen Rachen, durchdrang den Hals und stieß aus dem Nacken des Untiers wieder heraus. Doch der Schwung des Tieres riss den Lord hintüber, klatschend stürzte er in den zertrampelten, matschigen Schnee, dabei das Schwert krampfhaft festhaltend.

Entsetzt sah Crishan sein geliebtes Haustier sterben, im nächsten Moment war er unfähig zu handeln, so dass der Lord Zeit gewann, sein Schwert aus dem Rachen der Bestie herauszuzerren, die noch im Todeskampf mit ihren fürchterlichen Krallen nach ihm schlug.

Das Antlitz Crishans verzerrte sich in tierischem Hass, ein Schrei drang aus seiner Kehle, ein Schrei, der kaum noch menschliches an sich hatte.

    "Stirb', du Bastard einer Schlammratte!" schrie er kreischend und warf sich mit blankem Schwert gegen den Lippier.

Ihre Schilde prallten krachend gegeneinander.

Ein wilder Zweikampf entbrannte; Funken schlugen aus dem Metall, als sich ihre Schwerter kreuzten und wie stählerne Blitze klirrend zusammenschlugen. Mit weit ausgeholten Rundhieben rückte Michaelis dem Hambonen zu Leibe, doch geschickt wehrte dieser die wuchtigen Schläge mal mit dem Schwert, mal mit dem Schild ab und ließ die eigene Klinge immer wieder vorzucken, dass Michaelis Mühe hatte, dem tödlichen Stahl zu entgehen. Immer wieder prasselten die Schläge auf die Schilde, die unter den Hieben dröhnten wie die Glocken einer Kathedrale. Kraftvoll ließ Michaelis das Schwert auf Crishan niedersausen, um ihm den Schädel zu spalten, aber geistesgegenwärtig nahm dieser den Schild hoch und fing den furchtbaren Hieb ab. Unter der niedersausenden Klinge aber zerbrach der Schild, und Crishan geriet unter der Wucht des Schlages ins Straucheln, zumal die Klinge des Lords bis zum Knochen in seinen Schildarm gedrungen war und ihm fast den Arm abgetrennt hätte.

Schon setzte Michaelis nach, hob sein Schwert hoch über den Kopf, um den seines Schildes beraubten und verwundeten Feind in Stücke zu hacken. Da aber zuckte die Schwertspitze Crishans wie ein giftiger Stachel hervor und drang mit hellem Singen dem Lord durch das Kettenhemd hindurch tief in die Brust, als dieser sich in einem winzigen Augenblick der Unachtsamkeit nicht ausreichend mit dem Schild deckte.

Brennender Schmerz tobte durch den Leib des jungen Lords, glühendes Eisen schien anstelle von Blut durch seine Adern zu strömen; das Schwert entfiel seiner plötzlich kraftlos gewordenen Hand und der Schild schien auf einmal um ein Zehnfaches schwerer geworden zu sein. In qualvoller Langsamkeit zog es ihn unwiderstehlich zu Boden, als ihm die Beine den Dienst zu versagen begannen.

 

    "Weh' mir, ich bin hin," stöhnte Michaelis und presste seine Fäuste auf die tiefe Wunde. Mit schmerzerfülltem Röcheln rollte er die Augen und fiel hintüber, dann hauchte Lord Michaelis von der Brandburg mit einem letzten Seufzer sein Leben aus. Seine letzte Reise hatte begonnen, die Reise in das Totenreich des Gottes HEDE, der ihn zur Götterwelt MAHRHY-THAYR geleiten würde, zu den göttlichen Legionen, in deren Reihen der tote Lord seinen Platz finden würde.

 

Schweratmend starrte Crishan auf den Toten nieder, dann drehte er sich abrupt um und wankte erschöpft zu seinem Reittier, zog sich unter grausamen Schmerzen in den Sattel und trabte aus dem Lager, in dem das Chaos des Gemetzels ohne Unterlass weitertobte.

 

Von überallher brandeten die Hambonen wie eine unbezwingbare Flut zu Pferde und zu Fuß in das Lager hinein, hieben mit ihren Schwertern ohne Unterschied nach rechts und links und hasteten wie blutdurstige Schemen zwischen den Hütten umher. Ihr Weg war von Toten gesäumt. Die völlig überrumpelten Lippier versuchten vergeblich, die feindliche Flut aufzuhalten, so tapfer sie sich auch gegen die erdrückende Übermacht wehrten.

Einige der Verwundeten versuchten sich zwischen den Hütten zu verbergen, um sich so dem Gemetzel zu entziehen, aber jeder einzelne von ihnen wurde verfolgt, unbarmherzig niedergehauen und umgebracht.

In unwahrscheinlich kurzer Zeit waren die meisten lippischen Soldaten völlig demoralisiert. Trotzdem ging das Gemetzel weiter, bis es im Lager keine überlebenden Lippier mehr gab.

Nur etwa tausend Krieger konnten aus dem Lager flüchten und boten nun den Hambonen auf den alten Belagerungsanlagen vor der zerstörten Festung Delmoda heldenhaften Widerstand, verloren aber auch dort mehr und mehr an Boden.

Als der Morgen graute, lebten von ihnen nur noch wenig mehr als dreihundert Männer, die sich kämpfend zu den alten Festungsruinen zurückzogen. Als nun auch noch die Barone Göros und Borma von Westen her mit ihren Truppen anrückten, war es um den Widerstand der noch lebenden Lippier geschehen. Sie rannten in wilder Flucht in die Ruinen, um sich darin zu verschanzen. Die nachrückenden Verfolger konnten noch einmal zurückgeschlagen werden, aber dann griffen die Barone Göros und Borma mit frischen Streitkräften an, um die kläglichen Reste der Lippier endgültig niederzumachen.

 

 

Tribun Emor wälzte sich stöhnend in seinem Blut zwischen den Leichen seiner Gefährten. Sein Brustpanzer war in Stücke gehauen worden und ein Speer hatte seinen Leib durchgebohrt. Unaufhörlich strömte roter Lebenssaft aus der Wunde und färbte den schmutzigen Schnee hellrot.

Emor hörte das Siegesgeschrei der Hambonen und Cromanons, die letzten noch lebenden Lippier niedermetzelten. Irrsinniger Hass peitschte durch sein Hirn, alles in ihm schrie nach Rache. Als herumstreifende Hambonen ihn entdeckten und mit gezückten Schwertern auf ihn zukamen, stieß der Sterbende einen grausigen Fluch aus, und die Männer, die es hörten, erbleichten vor Grauen, denn die Verwünschungen eines Sterbenden waren zumeist von großer Wirksamkeit.

    "Höret, ihr dunklen Dämonen der niederen Welt RHOOHY-KYARA !" rief er laut, "Ihr sollt meine Seele bekommen, wenn Ihr mit Eurer dunklen Macht blutige Rache an den Hambonen nehmt. Bringt Tod und Schrecken über diese heimtückischen Mordgesellen, dann dürft ihr meine Seele in das Reich des Schreckens entführen!"

 

Im nächsten Augenblick hatte er sein Leben ausgehaucht. Kaum aber war der Fluch ausgesprochen, da nahte das Entsetzliche vom Himmel. Langsam sanken seltsame Geschöpfe auf die Hambonen nieder. Es waren schwarze, schattenhafte Ungeheuer mit großen weitgewölbten Schwingen. Die Hambonen waren sich des Unheils, das sich über ihren Köpfen zusammenbraute, nicht bewusst. Nur ein am Boden liegender verletzter Lanzenkrieger sah, wie die Schattenwesen vom Himmel herabsanken. Sie waren fast durchsichtig, wie Gestalten aus schwarzem Rauch oder wie die Schatten mächtiger Vampire. Rote Augen leuchteten aus den schattenhaften Antlitzen, so grell, als würde in diesen Wesen ein höllisches Feuer brennen.

Starr vor Entsetzen sah der Lanzenier, wie die unheimlichen Wesen sich auf das Schlachtfeld hinabstürzten und zuschlugen. Schreie des Schmerzes und des Entsetzens stiegen aus den Reihen der Hambonen und Cromanons. Wo immer eine der dunklen Teufelsgestalten niederstieß, blieben tote Krieger zurück. Zu Hunderten fielen die Unheimlichen über die Kämpfer her, bis ihre Reihen ins Wanken gerieten. Die Soldaten in der Nähe der Ruinen warfen entsetzt ihre Waffen fort und wandten sich schreiend zur Flucht.

Doch so plötzlich, wie sie erschienen waren, verschwanden die Dämonen wieder auf unerklärliche Weise und nahmen die Leiche Emors mit sich.

Die verstreuten Hambonen und Cromanons aber erholten sich schließlich wieder von ihrem Schrecken und sammelten sich. Die Ungeheuer hatten mehr als viertausend Männer zerrissen, ein furchtbarer Verlust für die Truppen der hambonischen Könige, womit der leichte Sieg über die Lippier dennoch einen hohen Preis gefordert hatte. Aber Crishans Ehrgeiz ließ es nicht zu, den Feldzug abzubrechen, und so marschierten die Soldaten des Nordreiches weiter nach Südwesten, um den Fluss WESSE zu überqueren.

Aber zu ihrer Überraschung standen am jenseitigen Ufer neue lippische Truppen unter dem Befehl von Kriegslord Manot, die mit einer großen Anzahl von Kanonen das Feuer auf die anrückenden Hambonen eröffneten, so dass diese erst gar nicht an das Ufer der WESSE herankamen.

Während bei Delmoda gekämpft wurde, hatten Rikards Boten den Kriegslord Manot erreicht, und dieser hatte sogleich Truppen aus Gandor, Ossabrun, Delemund und Delenborn zusammengezogen und zur WESSE geführt, wo Lord Rikards Kavallerie zu ihnen stieß.

Die Könige Crishan und Harnok waren klug genug zu wissen, dass jeder Versuch, über die WESSE zu kommen, mit einem Blutbad für ihre Streitmacht enden musste. So gaben sie den Gedanken an eine Eroberung ganz Delemas auf und begnügten sich damit, die Gebiete östlich der WESSE in ihrer Gewalt zu haben. Die hambonische Invasion war aufgehalten.

 

So endete der dritte "Urbanische Krieg", der letzte Krieg, in dem König Urban noch eine Rolle spielte, denn fortan war er nichts weiter als ein Vasall der Hambonen, der als Regent der eroberten delemanischen Gebiete in ihren Diensten stand.

Der Fluss WESSE wurde zur neuen Grenze zwischen den nun getrennten Teilen Delemas, die man schon kurz darauf "Lippisch-Delema" und "Hambonisch-Delema" nennen sollte.

 

 

Lange Zeit vermochte niemand zu sagen, was aus der Flotte unter Häuptling Mürath geworden war. Nur Gerüchte geisterten durchs Land, und es hieß, die Flotte wäre durch die Meerenge von Saran in die Nebelsee hineingefahren, die ihren Namen dem ewigen, das Wasser verhüllenden Nebel verdankte, und die von den grausigen Ungeheuern der Insel Bukhoton unsicher gemacht wurde, welche man Sumpfmänner nannte. Niemand wusste zu berichten, wie diese Wesen aussahen, denn es gab keine Überlebenden, die sie jemals zu Gesicht bekommen hatten. Hellebonische Küstenstamme wussten zu berichten, sie hätten aus dem Nebel das Getöse einer Schlacht vernommen, doch niemand vermochte zu sagen, ob dies der Wahrheit entsprach.

Hatten die geheimnisvollen Sumpfmänner von Bukhoton, die im ewigen Nebel lebten und das Sonnenlicht scheuten, die Flotte der Hambonen in die unergründlichen Tiefen der Nebelsee gesandt?

Müraths Flotte blieb verschollen, und vier Monde lang gab es kein Lebenszeichen von ihr.

Dann sahen die Turmwachen der hambonischen Festung Akano eines Morgens ein Segel am Horizont auftauchen. Als es nähergekommen war, erkannten sie, dass es sich um eine Kriegsgaleere der verschollenen Flotte handelte.

Doch wie sah das ehemals so stolze und schöne Schiff nun aus?

Die Ruder zerbrochen, die Segel zerfetzt, die Reling zerschlagen, das Deck ein einziges Trümmerfeld.

Keines der wenigen noch heil gebliebenen Ruder bewegte sich, kein Mensch war an Deck zu sehen, selbst der Ausguck oben am Mast war leer. Trieb dort ein Geisterschiff das Engmeer hinab nach Norden?

Was war diesem Schiff widerfahren? Wo war seine Besatzung?

Der Kommandant von Akano ließ eine Schaluppe zu Wasser bringen, die das Geisterschiff an Land schleppen sollte. So brachten die Männer auf der Schaluppe am Bug der Galeere ein dickes Tau an, mit dessen Hilfe sie das Kriegsschiff zum flachen, sandigen Ufer zogen. Am Strand rannten weitere Männer herbei, ergriffen das Tau und zogen mit Hilfe von Pferdegespannen das Schiff halb aus dem Wasser heraus, damit es von der Dünung nicht wieder losgeschwemmt wurde.

Schließlich ging ein Enterkommando zögernd und ängstlich an Bord des Geisterschiffes.

Kein Mensch war zu sehen, nicht einmal Tote waren zu finden. Doch überall sahen sie große Lachen getrockneten Blutes und zerbrochene Waffen. Was war hier nur geschehen?

Da !!!

Leise klang unter Deck eine schwache Stimme zu ihnen herauf:

    "Helft mir! Wenn dort Menschen sind, so helft mir !"

 

Die Männer des Enterkommandos polterten die Stiegen hinunter, doch zunächst konnten sie den Rufer nirgendwo entdecken.

Abermals ertönten schwache Hilferufe aus dem heckwärts gelegenen Laderaum. Sie eilten hinein und fanden einen ausgemergelten, halbtoten Mann, der immer noch um Hilfe flehte, während sie ihn nach oben trugen.

Sie brachten ihn in die Festung und behandelten seine eiternden Wunden, die er nur notdürftig mit schmutzigen Lappen verbunden hatte. Entsetzen packte sie, als sie die Wunden sahen, die so aussahen, als hätten grässliche Klauen und Gebisse sie gerissen, und sie drängten den Unglücklichen, ihnen zu sagen, was ihm und der ganzen Flotte widerfahren war.

Doch der Gerettete fiel in einen tiefen Schlaf der Erschöpfung, und sie mussten sich gedulden, bis er sich soweit erholt hatte, dass er zusammenhängend sprechen konnte.

Zwei Tage lang schlief der Geborgene, erst dann konnte er von den grausigen Geschehnissen erzählen, denen die Flotte unter Häuptling Mürath zum Opfer gefallen war.

 

Und dies wusste er zu berichten:

    ".....Frohgemut und mit der Gewissheit des Sieges im Herzen segelten wir quer durch die Totensee auf die Küste des Fürstentums Waldau zu. Doch in den Nächten vernahmen wir schauerliches Geheul und Geschrei, gespenstische Schatten tanzten um unsere Schiffe, so dass einem angst und bange wurde. Man munkelte, es seien die Seelen der Toten, die der Todesgott Hede aus seinem Reich verbannt hatte. Doch die Gespenster fügten uns kein Leid zu, und schon in der nächsten Nacht hatten wir uns an ihr Erscheinen gewöhnt und verspürten keinen Schrecken mehr, wenn sie aus dem Dunkel der Nacht über dem Wasser schwebend neben unseren Schiffen erschienen. Wir hatten guten und stetigen Wind, der unsere Segel aufblähte wie die Bäuche reicher Handelsleute, so dass wir die Ruder nicht brauchten. Als die Sonne aufging und strahlend den vierten Tag unserer Reise ankündigte, tauchte die Küste von Waldau vor uns auf, wo wir an Land gehen wollten. Die Ostküste von Waldau und Hellebona jedoch ist eine felsige Steilküste, die sich von Waldau bis Saran erstreckt. Nur bei Waldau gibt es eine Stelle, wo eine Landung möglich ist. Dort nämlich teilen sich die Felsen und geben ein Stück flachen Strandes frei, von dem aus ein Zugang ins Landesinnere führt. Doch zu unserem Schrecken mussten wir feststellen, dass uns dieser Weg durch einen gewaltigen Felsrutsch versperrt worden war.

Häuptling Mürath entschied sich gegen den Rat der Kapitäne, weiter nach Süden zu fahren, um an die hellebonische Südküste zu gelangen, von der er wusste, dass sie flach wie eine Schiffsplanke ist. Heimlich segelten wir in der Nacht an der Babarenfeste Kimon vorbei, ohne von dort aus entdeckt zu werden. Schließlich erreichten wir die Meerenge von Saran, wo wir vor Anker gingen, um auf den Tag zu warten, denn in der Nacht getrauten wir uns nicht, den engen Sund zu durchfahren. Dort lauern gefährliche Riffe, die ein Schiff leicht in die Tiefe schicken können. Aber in jener Nacht bekamen wir einen Vorgeschmack dessen, was uns noch erwartete. Plötzlich ertönten gellende Schreie von einem der anderen Schiffe herüber. Bevor wir wussten, was dort geschah, stießen auch bei uns dunkle Gestalten mit mächtigen Fledermausflügeln aufs Deck nieder. Blutige Lefzen schnappten nach unseren Kehlen, scharfe Klauen hackten nach unseren Leibern. Wir wurden von riesigen Vampiren angegriffen! Ich sah, wie mehrere Männer zappelnd in die Luft emporgerissen wurden. Sie wurden ausgesaugt, bis kein Tropfen Blut mehr in ihren Adern floss und dann von den Bestien fortgeworfen wie leere Weinschläuche. Die ganze Nacht kämpften wir gegen diese grässlichen Wesen. Erst als der Morgen graute, ergriffen sie die Flucht; offenbar ängstigten sie sich vor dem Licht der Sonne.

Bedrückt und voller dunkler Ahnungen ruderten wir zwischen den Riffen hindurch, wobei eine Galeere auflief und schnell wie ein Stein versank, wobei die ganze Besatzung umkam.

Endlich hatten wir die Riffe überwunden und segelten in den ewigen, undurchdringlichen Nebel der Nebelsee hinein. Unsere Fackeln warfen nur noch trübes Licht, man konnte an Deck kaum zwei Schritte weit sehen. Mit Rufen und Hornsignalen versuchten wir uns von Schiff zu Schiff zu verständigen, damit wir in dem Nebel nicht zusammenstießen.

Dann aber geschah das Entsetzliche. Vor uns ertönte plötzlich ein schreckliches Splittern und Bersten, schrille Schreie des Entsetzens gellten durch den Dunst. Zuerst dachten wir, dass vor uns zwei von unseren Schiffen zusammengestoßen seien, aber dann tauchte etwas Mächtiges aus dem Nebel vor uns auf, so groß wie ein Berg.

Es war ein riesiges, klobiges Floß, nur aus rohen Baumstämmen gewaltigen Umfanges gezimmert. Und dann erschien noch eines und noch ein weiteres dieser Gigantenflöße, immer mehr, eine ganze Flotte.

Einer dieser Giganten kam längsseits, unsere Ruder zersplitterten wie dünne Hölzer an seiner mächtigen Seite, die höher als unser Schiff war. Und dann sprangen grässliche Monster auf unser Deck hinab. Sie hatten die Körper riesiger Affen, doppelt so groß wie ein ausgewachsener Mann, aber mit Köpfen und der Haut von Schlangen. Ihre grausamen Augen glühten rot, als brenne darin eine unlöschbare Glut. Und ihre Hände waren mächtige Pranken mit langen, dolchgleichen Krallen, die unsere Männer zerfleischten.

Wir waren in das Reich dieser Monstren eingedrungen und mussten dafür mit dem Leben vieler Männer bezahlen. Sie konnten in dem dichten Nebel so gut sehen, wie wir am hellen Tage, und so hatten wir gegen sie nicht die geringste Chance.

Irgend jemand schrie, dass es die Sumpfmänner von Bukhoton seien.

Als ich erkannte, dass auf unserem Schiff alle meine Kameraden tot waren, floh ich unter Deck und verbarg mich dort. Der Wahnsinn drohte mich zu übermannen, als ich hörte, wie die Ungeheuer nun über die angeketteten Rudersklaven herfielen. Nie werde ich ihre verzweifelten Schreie vergessen und das ekelhafte Schmatzen der fressenden Bestien, die die Leichen meiner Kameraden verzehrten. Schließlich fiel ich in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

Als ich wieder erwachte, war alles totenstill. Ich schleppte mich an Deck und suchte nach anderen Überlebenden. Doch so sehr ich auch suchte, ich konnte niemanden mehr finden, nicht einmal eine Leiche. Außer den Ratten war ich das einzige lebende Wesen an Bord. Von den anderen Schiffen war nichts mehr zu entdecken. Das lange Umherirren auf dem Schiff aber hatte mich derart geschwächt, dass ich abermals besinnungslos wurde.

Während ich wie tot auf dem Deck lag, trieb eine unbekannte Strömung das Schiff aus dem schrecklichen Nebel hinaus. Wieder erwacht, gelang es mir, das Steuer zu ergreifen, denn ich befand mich schon in der Meerenge von Saran und trieb auf die tödlichen Klippen zu. Wie durch ein Wunder gelang es mir, das Schiff heil durch den engen Sund zu steuern, getrieben von der Meeresströmung, bevor mich meine Kräfte wiederum verließen. Ich schleppte mich unter Deck, verband meine Wunden notdürftig und legte mich völlig entkräftet nieder. Inzwischen hatte ich schon soviel Blut verloren, dass ich keine Kraft mehr hatte, mich noch einmal hinauf an Deck zu schleppen. Wochenlang ernährte ich mich von den Vorräten, die für mich erreichbar waren, doch meine Hoffnung auf Rettung und meine Lebenskräfte schwanden von Tag zu Tag. Doch dann hörte ich, wie Menschen auf das Schiff kamen und rief um Hilfe. Nun bin ich hier und danke den Göttern, dass ich all diesen Schrecknissen entronnen bin. Und ich schwöre, dass ich Zeit meines Lebens nie wieder ein Schiff oder ein Boot betreten werde."

 

Nun gab es keinen Zweifel mehr, dass Müraths stolze Flotte in der Nebelsee vernichtet worden war.

Seitdem getraute sich nie wieder ein hambonisches Schiff, in den undurchdringlichen Dunst der Nebelsee einzudringen.

 

Die Lords von Lippia waren auf Burg Akaze zusammengekommen, um des toten Lord Michaelis von der Brandburg zu gedenken und um einen neuen Lord zu küren, der an die Stelle des Gefallenen treten sollte.

Hambonische Soldaten hatten die Leiche Michaelis' zur WESSE gebracht, wo sie den Leichnam den Lippiern übergeben hatten, die ihn nach Uman brachten, wo er in den unterirdischen Katakomben der verborgenen Stätten von Uman beigesetzt wurde.

Schweigend gedachten die Mächtigen von Lippia ihres toten Gefährten und baten in Gedanken die Götter, Lord Michaelis gnädig in ihr Reich, die "obere" Welt MAHRHY-THAYR aufzunehmen, dass er in die Reihen der göttlichen Legionen eintreten konnte, wie es einem tapferen Krieger zustand, der auf dem Schlachtfeld sein Leben gelassen hatte.

 

Schließlich wandten sie sich wieder den weltlicheren Dingen zu.

 

    "Der Bund der Fünf wurde durch Michaelis' Tod zerbrochen", sprach Kriegslord Manot von Südlippia, "Nun sind wir hier, um einen Nachfolger für ihn zu bestimmen und den heiligen Bund zu erneuern. Wir haben von den Rittern der Magischen Rose deren zwei ausgewählt für dieses hohe Amt. Ihre Namen sind Berthon von Mont-Abur und Gunther von Haman.

Jeder von uns nehme nun ein Pergament und schreibe den Namen dessen darauf nieder, welcher als neuer Lord in unserem Kreis treten soll."

Sie taten, was er gebot und wie es ihnen Tradition und Gesetz vorschrieben. Dann legten sie ihre Pergamente auf die Mitte der runden Tafel, die sie umstanden. Auf allen war derselbe Name zu lesen:

Ritter Berthon von Mont-Abur.

 

    "So ist es also beschlossen," sprach Manot, "Ritter Berthon soll der neue Lord in unserem Bunde sein. Lasst ihn hereinholen, damit er seinen neuen Rang in Empfang nehme."

Wenig später stand der Gefolgsmann vor den Lords und entbot ihnen seinen Gruß.

Ohne Pathos sprach Manot zu ihm:

    "Ritter Berthon, wir haben Euch auserwählt, der künftige Nachfolger des Lord Michaelis zu sein. So ernennen wir Euch jetzt und hier zu einem Lord von Lippia. Euer Stammsitz wird die Brandburg sein, die von nun an den Namen 'Burg Makowe' tragen soll. Ihr werdet die Gebiete des toten Lords Michaelis übernehmen, die Ihr nun nach Eurem Gutdünken verwalten mögt. Von heute an seid Ihr nicht länger Ritter Berthon von Mont-Abur, denn fortan sollt Ihr den Titel Lord Berthon von Burg-Makowe tragen. Ferner seid Ihr nun Herr der Festung Sosena und bleibt auch weiterhin ein Ritter der Magischen Rose, was Euch auch künftig an Eure ritterlichen Gelübde binden wird. Und nun lasset uns gemeinsam den heiligen Ritus vollziehen, um unseren Bund zu erneuern."

Sie zogen ihre scharfen Dolche und schnitten sich Wunden in den Unterarm. Dann legten sie die Arme sternförmig übereinander, dass sich ihr Blut zu einem Rinnsal vereinigte, welches ein Priester, der dem Ritual beiwohnte, in einem geweihten Goldpokal auffing. Der mit dem Blut gefüllte Pokal ging schließlich reihum, und jeder der fünf Lords trank einen Schluck daraus, so wie es die alten Gesetze des untergegangenen Reiches Kamaraan verlangten, dessen Nachfolge das Reich Lippia angetreten hatte.

Ein neuer Lord war in den Kreis der Fünf getreten, und so war der Bund der Lords von Lippia aufs neue geschlossen.

 

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